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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Kosmologie für Fußgänger ist als Begleitbuch zur TV-Sendereihe alpha-Centauri konzipiert, in der Professor Harald Lesch von der Universitätssternwarte München die elementaren Vorgänge und Erscheinungen im Universum auf das Wesentliche reduziert erklärt und so dem interessierten Laien auch komplexe astrophysikalische Zusammenhänge anschaulich werden lässt.
Die hier ausgewählten Themen behandeln Fragen und Probleme aus dem gesamten Spektrum der Astronomie. In allgemein verständlicher, unterhaltsamer Form präsentiert sich dem Leser das Wissenswerte an Fakten und Zusammenhängen über unsere Erde, den Mond, die Sonne, unser Sonnensystem und die Sterne. Was es mit den mysteriösen Schwarzen Löchern auf sich hat, wird ausführlich dargestellt. Zwei Kapitel zur Kosmologie sowie über Verfahren zur astronomischen Entfernungsbestimmung runden schließlich den Themenkreis ab.

Autoren
Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München, Fachgutachter für Astrophysik bei der DFG und Mitglied der Astronomischen Gesellschaft. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er durch die im Bayerischen Fernsehen laufende Sendereihe alpha-Centauri bekannt.
Jörn Müller ist Physiker und hat am DESY auf dem Gebiet Festkörperphysik promoviert. Er arbeitete in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen im Bereich Optik und Elektrofotografie und an der Entwicklung von Hochenergielasern. Nach einem zusätzlichen Studium der Astronomie ist er freiberuflich am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München tätig.

Vorwort
Wer über die letzten Jahre hinweg einigermaßen regelmäßig eine Zeitung zur Hand genommen hat, dem ist nicht verborgen geblieben, dass das öffentliche Interesse an der Astronomie, jener Wissenschaft, welche die Objekte und Geschehnisse im Universum zu beschreiben versucht, stetig wächst. Woher kommt das? Ein Grund dafür könnte in den beeindruckenden Naturereignissen zu suchen sein, die wir in letzter Zeit miterleben durften: 1999 die Sonnenfinsternis, 2001 die Mondfinsternis und in den Jahren 1994, 1996 und 1997 die Kometen Shoemaker-Levy, Hyakutake und Hale-Bopp. Sicherlich war für die meisten die Sonnenfinsternis das gravierendste Erlebnis und für manche auch ein Anlass, sich fortan vermehrt über Astronomie zu informieren.
Ein anderer Grund könnte aber auch sein, dass die Vertreter der Astronomie, die Wissenschaftler, allmählich mehr und mehr die Tore ihres Elfenbeinturms öffnen und die Allgemeinheit an ihrer Forschung und den gewonnenen faszinierenden Erkenntnissen teilhaben lassen. Diese Entwicklung ist nicht verwunderlich, stoßen doch die Astronomen mit ihren Theorien und Weltmodellen immer häufiger auf ein zunehmend auch naturwissenschaftlich gebildetes Publikum, dem mittlerweile bewusst ist, dass der Mensch im Universum nicht isoliert dasteht, sondern ein, wenn auch winziger, Teil des Ganzen ist. Und zugegeben – wer wäre nicht stolz darauf, über sein erfolgreiches Wirken berichten zu können.
Nicht zuletzt hat diese vermehrte »Öffentlichkeitsarbeit« noch eine sehr profane Triebfeder. Bei dem gegenwärtig drastischen Studentenschwund muss die Werbetrommel schon mal kräftig gerührt werden. Und schließlich verschlingen die Forschungsprojekte immer mehr Geld, das ein informierter Steuerzahler eher bereit ist zu geben als einer, der Astronomie mit Astrologie verwechselt.
Mittlerweile haben sich daher viele Vertreter der astronomischen Zunft mit öffentlichen Vorträgen, allgemein verständlichen Artikeln in den Printmedien und offenen Institutstüren kräftig ins Zeug gelegt. Dieser neuen »astronomischen Aufklärung« hat sich auch das Medium Fernsehen bereitwillig, um nicht zu sagen gierig, angeschlossen. Erinnern wir uns an die Sendereihen, die aus Wissenschaft und Forschung berichten, oder an die ausführlichen Artikel zur Sonnenfinsternis. Nicht selten wird dabei der Zuschauer mit einer Überfülle an Daten konfrontiert, unterlegt mit knalligen Bildern und reißerischen Animationseffekten aus Astronomie und auch Raumfahrt. Dass dabei fast stets die Quote erfüllt, gelegentlich aber die Absicht, Information zu vermitteln verfehlt wird, darf nicht verwundern.
Geht es auch anders? Wer schon mal eine Folge der Sendereihe »alpha-Centauri« gesehen hat, die im Bildungsprogramm des Bayerischen Fernsehens beziehungsweise bei dessen Bildungskanal Alpha ausgestrahlt wird, der weiß, dass es nicht immer eines großen Spektakels bedarf, um sachlich zu informieren. Ganz allein vor einer grünen Tafel, in einem Klassenzimmer, wie es nur noch unsere Großeltern kennen, steht hier ein leibhaftiger Professor vom Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München, bewaffnet mit nichts anderem als nur einem Stückchen Kreide. Zur Einleitung seines Vortrags schreibt er höchstens fünf Wörter an die Tafel, den Rest bestreitet er mit ausladenden Gesten und einem um keinen Kalauer verlegenen Mundwerk. In jeweils einer Viertelstunde wird immer nur ein spezielles Thema aus dem Bereich der Astronomie behandelt, wobei auch komplexe astrophysikalische Zusammenhänge, auf das Wesentliche reduziert, ohne Fachchinesisch klar herausgestellt und jedem Laien verständlich erläutert werden. Dass dieses Konzept ankommt und dass auf diese Weise auch eine Menge astronomisches Wissen vermittelt werden kann, beweisen viele begeisterte Briefe einer stetig wachsenden »alpha-Centauri«-Fangemeinde.
Natürlich kann in einer Viertelstunde nicht immer allen Verästelungen des jeweiligen Themas nachgegangen werden. Oft schließt sich der Vorhang – und noch sind viele Fragen offen. Über einiges möchte mancher vielleicht noch ein bisschen mehr wissen, anderes würde man gerne nochmals erklärt bekommen, da es schon wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, haben wir uns entschlossen, parallel zur Sendung »alpha-Centauri« ein Buch zu veröffentlichen, das einige Themen dieser Sendereihe aufgreift und in etwas vertiefter und ausführlicherer Form nochmals behandelt. Der gewählte Titel Kosmologie für Fußgänger sagt auch schon, worauf unsere Texte abzielen. Weder wollen wir versuchen, den Kosmos in seiner ganzen Tiefe abzuhandeln, noch in der Sprache der Astronomen Hochschulweisheiten verbreiten. Es liegt uns vielmehr daran, dem an Astronomie interessierten Laien das Universum und einige seiner Objekte etwas näher zu bringen und eventuell nebulöse Vorstellungen über die Vorgänge im All zu konkretisieren. Dabei haben wir uns bemüht, auf Fachausdrücke und Formeln zu verzichten, und dort, wo sie dennoch unvermeidlich auftauchen, sogleich eine Erklärung mitzuliefern.
Da es der Umfang unseres Buchs nicht erlaubt, auf alle Disziplinen der Astronomie einzugehen, haben wir aus den in der Sendereihe behandelten Themen einige ausgewählt, die, wie wir meinen, für die meisten Leserinnen und Leser von Interesse sind. Insbesondere glauben wir, dass das unsere Erde sein könnte, unser nächster Nachbar, der Mond, natürlich ebenso unsere Sonne und das Sonnensystem, dem alle diese Objekte angehören. Aber auch die Sterne und so exotische Bereiche wie Schwarze Löcher, Big Bang und die nach wie vor ungeklärte räumliche Struktur des Universums kommen nicht zu kurz. Schließlich versuchen wir in einem eigenen Kapitel aufzuzeigen, wie Schritt für Schritt das Wissen in der Astronomie über die für unsere Vorstellung nahezu unendliche Ausdehnung des Universums gewachsen ist.
Ähnlich wie in der Sendereihe »alpha-Centauri« haben wir versucht, jedes Thema in einem geschlossenen Aufsatz abzuhandeln, sodass unsere Leserinnen und Leser frei sind in der Reihenfolge der Texte und je nach Interesse auch Kapitel überspringen können. Dies macht das Buch geeignet als Einstiegslektüre für an Astronomie interessierte Laien, als Kurzinformation zu bestimmten astronomischen Fragen und nicht zuletzt als »Gutenachtlektüre« für die letzte Viertelstunde des Tages.
Sollte sich zeigen, dass diese Art von Begleitbuch zur Sendung bei unseren Leserinnen und Lesern Anklang findet, so würden wir gerne in einem Folgewerk die Kosmologie für Fußgänger mit weiteren Themen aus der Astronomie und Astrophysik fortsetzen. Anregungen hierzu aus dem Kreis der Leserschaft sind immer willkommen. Zunächst jedoch möchten wir uns für das entgegengebrachte Interesse bedanken und wünschen viel Spaß beim Studium der Texte.
Hinweis: Hervorragendes astronomisches Bildmaterial ist unter zu finden.
 
Harald Lesch und Jörn Müller

Die Erde
Gaia! Dich Allmutter werd ich besingen,
dich alte festgegründete Nährerin
aller irdischen Wesen.
 
Was die göttliche Erde begeht und was in den Meeren,
was in den Lüften sich regt,
genießen deine Fülle und Gnade.
 
Du hast Gewalt, den sterblichen Menschen zu geben und
zu nehmen.
 
Homer
 
In der Geschichte unseres Planeten ist es weniger als ein Lidschlag her, dass der griechische Dichter Homer vor 2500 Jahren der Erde als Göttin huldigte. Gaia – die Erde, das war die allmächtige Mutter, die beschützt und ernährt. Aber Menschen erlebten und erleben noch heute die Erde auch als gewalttätig und erbarmungslos, wenn Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Fluten und Stürme über sie hereinbrachen und hereinbrechen. Trotz jeglichen technischen Fortschritts – wenn der Urgrund aller Dinge sich auftut, der Boden unter unseren Füßen sich schüttelt oder der Himmel über uns seine Schleusen aufreißt, sind auch wir moderne Menschen den Naturgewalten hilflos ausgesetzt. Kaum eine Kultur hat deshalb die Erde nicht verehrt, gefürchtet und bewundert. Aber auch zu Dank sind wir ihr verpflichtet, noch heute feiern wir einmal im Jahr das Erntedankfest. In den Erdwissenschaften klingt der Name Gaia noch nach – in der Geologie, der Geografie und der Geophysik.
Wir verdanken diesem Materieklumpen, der mit über 100 000 Kilometern pro Stunde um die Sonne rast, alles. Wir sind die Erde. Unsere Knochen sind gebildet aus den Mineralien ihrer Gesteine, wir atmen ihre Luft, und wir bestehen zu großen Teilen aus ihrem Wasser. Was für ein Planet, der eine solche Vielfalt an lebendigen Wesen hervorgebracht hat! Für uns Erdlinge ist diese Lebensvielfalt der Normalfall. Hin und wieder begeben sich einige von uns in eher lebensfeindliche Nischen unseres Planeten: auf Berge, die mehr als 8000 Meter hoch sind, in Wüsten mit Spitzentemperaturen von über 70 Grad Celsius oder in die Polarregionen, die Gebiete des ewigen Eises mit 50 Grad unter dem Gefrierpunkt. Selbst dort hat sich Lebendiges angesiedelt. Auf die Spitze aber treiben es die Organismen tief im Meer, in der unmittelbaren Nachbarschaft von Vulkanschloten, den so genannten »Black Smokers«, aus denen etliche hundert Grad heißes Material und Gas austreten. Die Einzeller dort leben ohne Licht und Sauerstoff. Das Leben ist überall auf unserer Erdkugel. Möglicherweise verdampft sie sogar Bakterien, die aus den höchsten Schichten der Atmosphäre in den Weltraum verschwinden – wer weiß?
Was wissen wir denn vom Boden, auf dem wir stehen, vom Wasser, das wir trinken, von der Luft, die wir atmen? Woher kommen die Bestandteile des Planeten? Wie begann er denn, unser Planet? War er denn schon immer so? Nein, er war nicht immer so! Er war vielmehr – also, eigentlich war er … Ach was, bevor wir uns hier zu kurz fassen, erzählen wir lieber die ganze Geschichte.

Die Geburt der Erde

Wie ist die Erde entstanden? Sie entstand zusammen mit dem Sonnensystem. Was können wir darüber »erzählen«?
Nach dem derzeitigen Stand der Forschung begann die Geschichte der Erde mit einer gewaltigen Explosion eines massereichen Sterns, einer Supernova. Woher man das weiß? Vom Studium der Meteoriten, die als Überreste bei der Entstehung des Sonnensystems übrig blieben. Eine große Bedeutung erhält hierbei die Untersuchung von Isotopen. Von was? Von Isotopen. Also gut, ab in die Kernphysik. Will man nämlich verstehen, was sich aus Steinen ablesen lässt, muss man wissen, wie Atomkerne aufgebaut sind und wie sie zerfallen.
Jedes Atom besteht aus einem Atomkern mit positiver elektrischer Ladung und negativ geladenen Elektronen, die den Kern umkreisen. Jedes chemische Element – zum Beispiel Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Eisen usw. – verfügt über eine bestimmte Anzahl von Elektronen. Da Atome elektrisch neutral sind, hat der Atomkern selbst eine positive Ladung, die der Summe der negativen Ladungen aller Elektronen im Atom entspricht. Der winzige Atomkern seinerseits besteht aus positiv geladenen Protonen und Neutronen ohne elektrische Ladung. Wäre das Münchener Olympiastadion das Atom, in dem die Elektronen herumsausen, dann wäre der Atomkern ein Reiskorn am Anstoßpunkt im Mittelkreis – so ein Atom ist also ziemlich leer.
Zurück zu den Elementen: Jedes Element besitzt eine genau festgelegte Zahl an Elektronen und Protonen. So hat Sauerstoff acht Elektronen in Umlaufbahnen und acht Protonen im Kern. Normalerweise sind auch acht Neutronen im Kern, die dem Atom zwar ein höheres Gewicht geben, aber an der elektrischen Ladung des Kerns nichts ändern. Ab und zu aber gibt es auch Sauerstoffkerne mit neun oder zehn Neutronen. Diese Abarten von chemisch völlig normal reagierendem Sauerstoff nennt man Isotope. Die Isotope von Elementen unterscheiden sich nur durch das Gesamtgewicht, nicht durch ihre chemischen Eigenschaften. Normaler Sauerstoff wird mit dem Symbol 16O gekennzeichnet, die schwereren Isotope sind 17O und 18O.
Im Allgemeinen würde man auf 2600 16O-Atome je ein Atom 17O und fünf Atome 18O finden. Bei der Untersuchung von Meteoriten dagegen, bei denen man davon ausgeht, dass sie sich seit der Entstehung des Sonnensystems im Weltraum befunden haben, stellte sich heraus, dass kleine Metalleinschlüsse im Meteorit reines 16O enthielten, also kleine seltenen Isotope. Für dieses Ergebnis gibt es keine chemische Erklärung, weil, wie gesagt, alle Isotope das gleiche chemische Verhalten aufweisen. Erklären lässt sich das nur durch die Vorstellung, dass das 16O seit der Entstehung des Sonnensystems in dem Meteoriten enthalten war. Nur in einer Supernova-Explosion bildet sich reines 16O ohne die seltenen Isotope.
Da in unserer Milchstraße etwa alle 30 Jahre eine Supernova explodiert, ist das zunächst keine Überraschung; irgendein großer Stern, der irgendwann explodierte, war die Heimat des Meteoritenmaterials. Wir kennen zwar nicht den Stern, der für den Meteoritenstoff verantwortlich war, denn der Stern hinterlässt, wenn überhaupt, nur einen sehr kleinen, ungefähr zehn Kilometer großen Überrest, der nur für einige Millionen Jahre noch beobachtbar ist: einen so genannten Neutronenstern. Davon an anderer Stelle mehr. Aber wir wissen, wie lange vor der Entstehung des Sonnensystems dieser Stern explodiert sein muss: nur einige hunderttausend Jahre!
Woher wir das wissen? Ebenfalls von Isotopen, dem Verhältnis von Magnesium zu Aluminium. Magnesium hat normalerweise 12 Protonen und 12 Neutronen. Viel seltener ist das Isotop 26Mg mit 14 Neutronen. In etlichen Meteoriten fand man mehr 26Mg als erwartet. Das könnte vom radioaktiven Zerfall des Aluminiumisotops 26Al herrühren. Die Zerfallszeit beträgt rund 750 000 Jahre, und da das 26Mg sich in Mineralien in den Meteoriten befand, in denen man normalerweise mit dem Vorkommen von Aluminiumatomen rechnet, ergibt sich als theoretisches Modell folgendes Bild: Weniger als eine Million Jahre vor der Entstehung des Sonnensystems fand in der Nähe eine Supernova statt, bei der Staubteilchen, die 26Al enthielten, in die Gaswolke hineingeschleudert wurden, die später das Sonnensystem hervorbrachte. Das Aluminium wurde eingeschlossen in die Minerale, die sich zu einem kleinen Asteroiden vereinigten. Während der langsame Prozess der Planetenbildung ablief, zerfiel das Aluminium in Magnesium. Irgendwann prallte dieser Asteroid mit einem zweiten zusammen und stürzte auf die Erde. 1969 fiel eines dieser Bruchstücke auf die Erde und damit den Wissenschaftlern in die Hände, die dieses Geheimnis aus dem außerirdischen Stein entschlüsseln konnten.
Tja, so ist das mit der Astrophysik – winzige Atomkerne können eine wirklich kosmische Geschichte erzählen, weil die Naturgesetze im Universum überall dieselben sind. Für einen Sauerstoff- oder Aluminiumkern gelten die Gesetze der Kernphysik überall in der gleichen Weise, und dabei ist es völlig egal, ob diese Elemente auf der Erde oder irgendwo im Universum vorkommen.
Zurück zu unserer Gaswolke, aus der einmal die Sonne mit ihren Begleitern, den Planeten, werden soll. Wir wissen also jetzt, dass die Druckwelle, die die Explosion ausschickte, an anderer Stelle nach weniger als einer Million Jahren eine riesige Gas- und Staubwolke zusammenballte. Die bis dahin weit verteilten Wasserstoff- und Heliumatome dieser Wolke durchmischten sich mit all den schwereren Elementen wie zum Beispiel den lebenswichtigen Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Eisen, die in der Supernova erbrütet und bei deren Explosion in den Weltraum hinausgeschleudert wurden. Gleichzeitig wurden alle Atome langsam zum Zentrum der Wolke getrieben. Dabei nahm die gegenseitige Anziehungskraft zu, sodass sich die Wolke langsam zusammenzog. Verwirbelungen innerhalb der Wolken sorgten für kleinere, rotierende Fragmente, die bald ganz losgelöst von der Umgebung anfingen, weiter zu kollabieren und dabei immer schnell zu rotieren begannen; wie ein Eiskunstläufer, der bei der Drehung um die eigene Achse seine Arme anzieht und sich dabei immer schneller dreht. Ein solches Fragment drehte sich schließlich nach etlichen Millionen Jahren mit einem solchen Tempo, dass es sich allmählich zu einer dünnen, rund 80 Milliarden Kilometer großen Scheibe verformte. Dies war der solare Urnebel, aus dem Sonne und Sonnensystem entstehen sollten.
Es vergingen wieder zehntausende von Jahren, in denen die schweren Elemente wie Eisen und Nickel zum Zentrum des solaren Urnebels sanken. Dieses Zentrum wurde beim Kollaps immer heißer, während der Rand der Scheibe sich zunehmend abkühlte. Dort stießen kleine Staubpartikel zusammen, wuchsen zu größeren Körnern und schließlich zu Gesteinsbrocken und so genannten Planetesimalen von einigen Kilometern Durchmesser. Um die sich im Zentrum bildende Ursonne prallten unzählige Planetesimale aufeinander und verschmolzen zu Protoplaneten. Diese ganz schweren Brocken von etlichen hundert bis tausend Kilometern Durchmesser zogen nun noch mehr Material aus der Umgebung an. Im Zentrum des Nebels hatte sich die Ursonne nun schon so weit verdichtet, dass sie fast die gesamte Masse des einstigen Fragments in sich vereinigte – sie fing an, im Innern zu brennen. Ihr thermonuklearer Reaktor sprang an, Wasserstoff wurde zu Helium verschmolzen, Energie wurde freigesetzt, und schließlich fing die Sonne an zu strahlen. Die Planeten waren aber noch nicht fertig. Auch die Erde hatte ihre endgültige Form noch nicht gefunden, und sie sollte noch einiges erleben, bis sie sich zum »Garten Eden« des Sonnensystems entwickelt hatte.
Zunächst sah sich unsere Urerde einem immer noch gewaltigen Bombardement durch Gesteinsbrocken ausgesetzt. Das junge Sonnensystem war durchsetzt von zahllosen Asteroiden, die auf chaotischen Bahnen die nahezu kreisförmigen Planetenbahnen durchkreuzten und oft genug einschlugen. Jeder Einschlag brachte Energie und neue kosmische Materie auf die Erde. Die Urerde war ziemlich heiß, ihre Oberfläche flüssig. Ihre Atmosphäre bestand zunächst fast nur aus Wasserstoff. Als die Sonne aber richtig zündete, entfachte sie auch einen Wind, den so genannten Sonnenwind, der mit bis zu 2000 Kilometern pro Sekunde seine geladenen Teilchen über die Planeten fegte. Die Erde war zu leicht, um ihre Atmosphäre vor diesem Sonnensturm zu schützen. Der Sonnenwind trieb das Gas aus dem Innern der Scheibe weit nach draußen. Dort entstanden die großen, gasförmigen Planeten.
Über viele Millionen Jahre gab es keinerlei wesentliche Entwicklung auf der Erde. Als ziemlich toter Gesteinsbrocken umrundete sie die Sonne. Ihre heiße und flüssige Oberfläche kühlte sich ab, verfestigte sich, platzte wieder auf und schrumpfte zusammen. Die Schrumpfung heizte das Erdinnere immer weiter auf, bis selbst Metalle anfingen zu schmelzen. Die Erde begann zu »leben« – zumindest geophysikalisch betrachtet.
Die äußerlich ruhige Erde verbarg allerdings unter einer sehr dünnen Kruste ein sehr aktives Innenleben, das immer mal wieder durch die abgekühlte Oberfläche brach. Eingeschlossen im zusammengewürfelten Material befanden sich auch sehr schwere chemische Elemente, die in weniger als ein, zwei Minuten während der Explosion der Supernova in den mit einigen zehntausend Kilometern pro Sekunde herausrasenden, mehrere Milliarden Grad heißen Sternhüllen erbrütet wurden: Thorium und Uran. Diese sehr großen Atomkerne mit mehr als 230 Kernbausteinen sind instabil, sie zerfallen radioaktiv. Dabei werden hochenergetische Teilchen und Gammastrahlung frei, die das Material um den zerfallenden Kern aufheizen. Die freigesetzte Energie war dermaßen hoch, dass das Erdinnere nicht nur durch den Druck von oben, sondern auch durch die verschiedenen radioaktiven Zerfallsprozesse so stark erhitzt wurde, dass es schmolz. Von außen prallten noch immer Meteoriten der unterschiedlichsten Größe mit einer Geschwindigkeit von bis zu elf Kilometer pro Sekunde auf die Kruste, durchschlugen sie und gaben ihre gewaltige Bewegungsenergie in Form von Wärme an das Erdinnere ab. Damit trugen auch die Meteoriten zum Aufheizen und Aufschmelzen des Erdmaterials bei. Diese Aufschmelzung führte zu einer Trennung der leichten und schweren Elemente. Die Schwerkraft der Erde zog das schwere Eisen und Nickel hin zum Zentrum. Diese beiden Elemente bildeten einen ersten einfachen Erdkern. Die immer noch sehr heiße, weiß glühende Schlacke aus dem weniger dichten, leichteren Material, das hauptsächlich aus Silikaten (das sind Siliziumverbindungen wie Quarz) bestand, strömte in Richtung Erdkruste und bildete eine Kugelschale aus flüssigem Gestein, den Erdmantel. Dieses Aufströmen transportierte auch radioaktive Elemente mit nach oben, die dort aufgrund ihres radioaktiven Zerfalls die Umgebung so sehr aufheizten, dass das Erdinnere selbst heute noch sehr heiß und flüssig ist.
Die zum Erdkern absinkenden schweren Elemente setzten Gravitationsenergie frei. Zusammen mit den radioaktiv zerfallenden schweren Atomkernen Uran und Thorium wurde damit genügend Wärme erzeugt, um auch das zum Zentrum hinsinkende Eisen aufzuschmelzen. Auf diese Weise entstand ein noch heute anhaltender Wärmeüberschuss im Erdinnern, der zu so genannten Konvektionsströmungen im geschmolzenen Gestein des Erdmantels führte. Wie ein Topf mit Tomatensauce auf einer heißen Herdplatte immer wieder aufkocht, so brach geschmolzenes Gestein unter dem Druck der inneren Strömungen an den dünnsten Stellen der Erdkruste durch die Oberfläche. Es entstanden gewaltige Vulkankegel und Seen aus geschmolzenem Gestein, die die ursprüngliche Kruste zuschütteten und einebneten.
Konvektionsströme aus flüssiger Materie kühlten die Erde langsam ab. Es bildete sich eine neue Erdkruste über dem Erdmantel. Tief im Erdinnern aber wurden die Bestandteile des Erdkerns weiter getrennt. Der zunehmende Druck ließ den zentralen Bereich wieder erstarren, dabei blieb das Eisen des äußeren Erdkerns flüssig. Die auf- und abfließenden Strömungen des flüssigen Eisens setzten einen gigantischen elektrischen Prozess in Gang. Es entstand ein »Dynamo«, eine Maschine, die, verursacht durch die Metallflüsse, gewaltige elektrische Ströme erzeugte, die ihrerseits ein Magnetfeld hervorriefen, das den ganzen Erdkörper durchdringt und sogar bis in den Weltraum hinaus reicht. Das Erdmagnetfeld hat die gleiche Form wie die eines Stabmagneten, dessen Feld sich ja auch weit über ihn hinaus erstreckt. Bei der Erde wirkt das Magnetfeld wie ein Schutzschild. Es schirmt die Erdoberfläche ab vor den energiereichen Teilchen, die die Sonne mit hoher Geschwindigkeit produziert.
Aber auch an der Erdoberfläche zeichneten sich Veränderungen ab. Aus der Oberfläche der heißen Lava wurden große Mengen an Gasen förmlich herausgekocht. Diese Gase, Wasserdampf, Kohlendioxid, Methan und Ammoniak, die aus dem heißen Erdinnern nach außen in die eiskalte Umgebung drangen, bildeten im Laufe der Zeit eine erste Atmosphäre um den jungen Planeten.
Wir haben soeben ein gängiges Wort so einfach hingeschrieben: Wasserdampf. Das Wasser nämlich, das im Gestein des Erdmantels eingeschlossen war, drang als Dampf aus den glühenden Vulkanschloten empor. Aber wie kam das Wasser auf die Erde? War es schon da, als sich die Erde bildete? Entstand es durch chemische Reaktionen auf der Planetenoberfläche, oder haben Meteoriten die ungeheure Menge an Wasser auf die Erde getragen?
Wasser ist die häufigste chemische Verbindung auf der Erdoberfläche. Heute bedeckt es ungefähr 71 Prozent der Oberfläche unseres Planeten. Insgesamt wird der Wasserbestand auf 1,3 Milliarden Kubikkilometer Salzwasser und nur 4,2 Millionen Kubikkilometer Süßwasser geschätzt. Wo hatte es seinen Ursprung?
Wenn wir einmal davon ausgehen, dass Wasserstoff und Sauerstoff als Elemente existiert haben, dann ist es kein Problem, daraus Wasser zu machen. Ein Blitz, ein erster Funke würde eine solche Atmosphäre in Form einer Knallgasreaktion in Wasser umwandeln. Bei den in der Erdfrühzeit herrschenden hohen Temperaturen entstand Wasser aber auch aus chemischen Reaktionen zwischen Kohlenwasserstoffverbindungen und dem Sauerstoff, der in den Silikatgesteinen und Eisenoxiden eingeschlossen war. Der Wasserdampf kondensierte zu Wasser. Die Erde hielt den kondensierenden Wasserdampf durch ihre Schwerkraft fest, und es begann zu regnen. So weit, so gut – aber war es wirklich so?
Neueste Tiefbohrungen lassen eine ganz andere Möglichkeit, eine sehr interessante, als die viel wahrscheinlichere erscheinen: Die Erde hat ihr Wasser durch den Aufprall von kosmischen Eistrümmern erhalten! Die Tiefbohrungen brachten nämlich ein Fluid zu Tage, das aus mehreren tausend Metern emporgepumpt wurde. Dieses sehr zähe Gemisch aus Wasser, Salzen und Gasen enthielt ein Element, das niemals irdischen Ursprungs sein kann: Helium-3, ein Isotop von Helium. Es kann nur aus dem Kosmos auf die Erde gelangt sein. In der Regel geschieht das durch Einschluss in Meteoriten. Möglicherweise hat das Fluid Helium-3 als einen Überrest von den Gesteinsbrocken aus der Frühzeit des Sonnensystems bewahrt, die das Wasser zur Erde gebracht haben könnten. Aus dem Ozean ist dieses Element längst wieder verschwunden. Aber wenige Kilometer unter unseren Füßen gibt es diesen kosmischen Stoff noch in großer Menge. Also spricht alles dafür, dass das Wasser auf der Erde zum größten Teil aus dem Weltall kommt und nicht hier auf der Erde entstanden ist.
Zurück zu unserer Urerde: Es regnete und regnete und regnete. Es goss in Strömen, Tag und Nacht. Das Wasser sammelte sich in Vertiefungen und ebnete die Kraterränder ein, die vom anfänglichen Bombardement der Meteoriten übrig geblieben waren. Das Wasser begann die Erdoberfläche zu formen; es glich Höhenunterschiede aus, löste Salze aus den Gesteinen heraus, und die salzigen Ozeane entstanden.
Noch während der Regen das Gesicht der Erde veränderte und formte, tauchte, wie oben erwähnt, ein weiteres Produkt der Kohlenwasserstoffreaktionen auf: Kohlendioxid. Da Kohlendioxid für das ankommende Sonnenlicht durchlässig ist, die längerwellige Wärmestrahlung des Planeten dagegen zurückhält, nahm dieses Gas innerhalb der Erdatmosphäre und der Erdkruste einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Planeten.
Ein dritter wesentlicher Bestandteil der Erdatmosphäre ist der Stickstoff, dessen Anwesenheit höchstwahrscheinlich aus einer kosmischen Verwechslung resultiert. Während der Entstehung der Erde wurden Ammoniakmoleküle, die aus Stickstoffund Wasserstoffatomen bestehen, gelegentlich an Stelle der ähnlich großen Kaliumatome in die Struktur der die Erdkruste aufbauenden Silikatgesteine eingebaut. Bei der Entstehung der Planeten wurde dann nahezu der gesamte Stickstoff wieder freigesetzt und zum Hauptbestandteil der Erdatmosphäre.
Unter den regenschweren Wolken wuchsen also einzelne Gewässer zu einem globalen Ozean zusammen. Nach zwei Milliarden Jahren hatte sich im Sonnensystem ein einzigartiger Wasserplanet gebildet. Umgeben war diese Wasserwelt von einer dünnen Atmosphäre, die im Wesentlichen aus Kohlendioxid bestand. Der Regen allerdings wusch viel vom Kohlendioxid aus, es wurde zunehmend von den oberen Schichten des Meeres absorbiert und mittels geologischer Prozesse von kalziumund magnesiumhaltigen Karbonatgesteinen chemisch gebunden und damit der Atmosphäre entzogen.
Die feste Erdkruste veränderte sich ebenfalls. Sie kühlte aus, wurde dicker und brach schließlich in ein riesiges Mosaik unterschiedlicher Platten auf. Und nun begann der für unsere Augen scheinbar unendlich langsame Tanz der verschiedenen Platten. Innere, heiße Strömungen, vom heißen Erdkern angetrieben, in dem Energie durch radioaktiven Zerfall freigesetzt wird, durchkneten den Erdkörper und bringen Bewegung in die Platten. Die Platten schwimmen wie Schiffe auf dem Ozean der heißen, flüssigen Erdmaterie. An manchen Stellen prallen sie aufeinander, anderswo öffnen sich Spalten, durch die frisches Magma aus den Tiefen aufsteigt und zu einer neuen Kruste erstarrt.
Während sich die Kontinente bildeten, wurde offenbar der Ozean zum Ursprung des Lebens. Irgendwie entwickelten bestimmte kohlenstoffhaltige Moleküle immer differenziertere Formen und Strukturen, die sich irgendwann selbst reproduzieren konnten. Es wurde eine Grenze überschritten, der Planet vollzog einen Phasensprung, als zum ersten Mal Lebewesen in seinen Meeren auftauchten.
Wir wollen nun aber wieder ins Erdinnere abtauchen und dem langen Tanz der Erdmaterie nachgehen: dem Kreislauf der Gesteine, der sich seit Jahrmilliarden vollzieht, der die Oberfläche des Planeten ständig verändert und letztlich für den Charakter unseres Heimatplaneten verantwortlich ist.

Der lebendige Felsen oder: Der Tanz der Platten

Was wir hier eben so nebenbei in wenigen Sätzen als Kreislauf der Erdmaterie beschrieben haben, die Bewegungen von Platten, angetrieben von Konvektionsströmungen im Erdinnern, ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die sich über mehrere Jahrhunderte hinzog und deren – man kann sagen, geniale – Auflösung, die Plattentektonik, erst seit wenigen Jahrzehnten allgemein anerkannt wird.
Angefangen hat der Streit um das Innere der Erde bereits vor mehr als 200 Jahren. Der Schotte James Hutton brachte 1795 das Buch Theory of Earth heraus. Durch den beginnenden Bergbau war einiges über das unmittelbar unter der Oberfläche liegende Erdreich bekannt geworden. Es wird heißer, je tiefer man kommt. Gesteinschichtungen wurden entdeckt, mit unterschiedlichen Zusammensetzungen, deren Erze und Mineralien sich direkt kommerziell nutzen ließen: Man denke nur an die verschiedenen Kohle- und Edelmetallbergwerke. Hutton hatte als Erster versucht, ein systematisches Bild der Erdgeschichte zu zeichnen. Er beschrieb die Erdoberfläche als das Resultat unendlich langsamer Vorgänge. Er vermutete eine Art Fließgleichgewicht, bestehend aus langsamer Erosion von Stein und Erde durch Wind und Wasser, allmähliche Klimaveränderungen und das gelegentliche Entstehen und Verschwinden von Bergen. Er erkannte mit großer Weitsicht in gewöhnlichen Steinen die Spuren von Äonen: »Die Ruinen einer älteren Welt sind in der jetzigen Struktur der Welt sichtbar«, schrieb er. Es gibt eine berühmte Schnittzeichnung von Hutton, auf der über der Erde eine liebliche englische Landschaft zu sehen ist, eine geschlossene, von zwei Pferden gezogene Kutsche steht an einem Zaun im Wald, während sich darunter ein Fries von unterschiedlichen Gesteinsschichten erstreckt und wiederum darunter durchgeschmolzenes, das heißt metamorphes Gestein, durcheinander und verdreht – ein Stillleben einer sich langsam, aber stetig verändernden Welt.
Hutton hatte die englische Landschaft vor Augen, als er die Geschichte der Erde beschrieb – eine Szenerie aus sanften Hügeln und Flussauen ohne Anzeichen von Brüchen, Erdbeben oder Vulkanen. Deshalb gab es in Huttons Erdgeschichte keine Katastrophen, keine schnellen Veränderungen, sondern lediglich gemächliche, fast harmonisch anmutende Vorgänge, die sozusagen Stein auf Stein legten, die Schluchten und Gebirge langsam, fast gemütlich formten. Hutton schuf mit diesem Szenario, das auch als Uniformitarianismus bezeichnet wurde, ein Problem. Wenn er nämlich Recht hatte, dann konnten die von ihm beschriebenen langsamen Vorgänge nur dann die heutigen Gebirge und Kontinentformen erzeugt haben, wenn die Erde sehr, sehr alt war. »Wir finden«, schrieb er, »keine Anzeichen eines Beginns – keine Aussicht auf ein Ende.« Das mochte vielleicht mutig gewesen sein, aber auch rücksichtslos; eine unendliche Vergangenheit ist viel problematischer als eine sehr lange. Die Unendlichkeit ist eine starke und gefährliche Medizin und nicht nur eine große Zahl.
Fast 150 Jahre lang blieb Huttons Theorie das Standardmodell der Geologie. Es änderte sich erst, als man begann, die Ursachen von Erdbeben zu erforschen, als man mehr wissen wollte über das Innere der Erde, mehr als das, was sich über die wenigen hundert Meter Erdkruste sagen ließ, durch die man in den Bergwerken in die Tiefe vordringen konnte.
Infolge genauer Beobachtungen von Erdbebenwellen entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Wissenschaft, die Seismologie. An vielen Stellen in der Welt wurden Geräte, die Seismografen, aufgebaut, um Erdbebenwellen zu messen. Je mehr Aufzeichnungen sie zu sammeln vermochten, desto klarer wurde den Seismologen, dass die Wellen, die nach Erdbeben durch den ganzen Erdkörper liefen, mehr als nur ferne Echos weit entfernter Erschütterungen unseres Planeten waren. Sie gaben Auskunft über das Innere der Erde und ließen Einzelheiten einer Welt erkennen, die sich der direkten Beobachtung entzog. Die Aufzeichnungen eines Erdbebens beginnen mit der Wellenlinie der Primärwelle (P-Welle), einer Welle, die entlang ihres Weges Materie verdichtet und wieder auseinander zieht, ähnlich wie eine Schallwelle in der Luft. Kurze Zeit später treffen dann die Sekundärwellen (S-Wellen) beim Seismografen ein, sie verscheren das Gestein senkrecht zu ihrer Ausbreitungsrichtung. Da sie viel heftiger in ihrer Wirkung sind und viel intensiver am Gestein arbeiten, ist ihre Ausbreitungsgeschwindigkeit kleiner als die der P-Wellen. Aus der Verzögerung zwischen P- und S-Wellen lässt sich der genaue Ort des Erdbebens, das so genannte Epizentrum, markieren.
Offenbar wurden die Erdbebenwellen auf ihrem Weg durch das Erdinnere von verschiedenen Gesteinen beeinflusst. 1902 wurde zum ersten Mal die Existenz eines Erdkerns postuliert: eines Kerns im Zentrum der Erde, der eine Art Schatten auf die dem Bebenherd gegenüberliegende Seite der Erdoberfläche wirft. Die seismischen Wellen werden ähnlich wie Lichtwellen beim Übergang von Luft in Wasser abgelenkt. Sie durchdringen den Kern nicht geradlinig, sondern werden so abgelenkt, dass sich auf der anderen Seite des Planeten ein wellenfreier Bereich bildet.
Einige Jahre später hatten die Seismologen herausgefunden, dass sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit von P- und S-Wellen mit zunehmender Dichte des Materials erhöhte. Plötzliche Sprünge in der Ankunftszeit verschiedener Wellen bedeuteten demnach, dass die Gesteinsdichte ziemlich abrupt anstieg. Ein Teil der Wellen breitete sich innerhalb der Kruste mit normaler Geschwindigkeit aus, während der andere Teil abgelenkt wurde und sich im oberen Bereich des dichteren Gesteins mit größerer Geschwindigkeit fortpflanzte. Obwohl diese Wellen also tiefer ins Erdinnere eindrangen und bis zu einem Seismografen eine weitere Strecke zurückzulegen hatten, überholten sie die Wellen in der Kruste und erreichten die Messstation eher.
Unzählige Erdbeben lieferten im Laufe der Jahre so viele Daten, dass sich bald ein völlig neues Modell für das Erdinnere ergab, das sich deutlich von der einförmigen Vorstellung Huttons unterschied. Unser Planet bestand demnach aus einer Reihe konzentrischer Schalen. An die dünne, feste Kruste schloss sich die weichere, plastischere Astenosphäre als Teil des ansonsten festen Erdmantels an. An diesen grenzte der große, äußere Kern aus geschmolzenem Eisen und anderen Metallen, während im tiefsten Innern der Kern aufgrund des hohen Drucks wieder verfestigt war.
Dieses Modell veranschaulichte nicht nur die Ausbreitung der seismischen Wellen, sondern bot auch eine mögliche Erklärung für die Entstehung des irdischen Magnetfeldes. Die Rotation der Erde und die auf- und absteigenden Bewegungen des heißen, flüssigen Eisens könnten den flüssigen Erdkern in eine Art elektrischen Generator verwandeln, in einen Dynamo, der das Magnetfeld der Erde erzeugt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm man noch an, dass die Erdkruste etwa vergleichbar sei mit der Schale eines austrocknenden Apfels. Nach diesem Bild sähen die großen Formationen auf der Erde, das heißt die Kontinente und Ozeane, heute immer noch so aus wie zur Zeit ihrer Entstehung. Alle Berge, Täler und Schluchten wären dann einfach nur Ergebnisse des gewaltigen Schrumpfungsprozesses der Erde, die sich langsam abkühlte. Infolge der auftretenden horizontalen Spannungen wäre die Oberfläche der Erde in große Schollen zerbrochen. Wie in einem Schraubstock wären dabei Gesteinskomplexe verbogen, gestaucht, gefaltet und übereinander geschoben worden. Aufgrund der durch Abkühlung bewirkten Schrumpfung wäre es im Wesentlichen zu vertikalen Bewegungen der Kruste gekommen, Faltungen und Übereinanderschiebungen wären dagegen nur Begleiterscheinungen.
Doch dann führten Untersuchungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zu Beobachtungen und auffallenden Übereinstimmungen, die sich mit dieser fixistischen Schrumpfapfelvorstellung nicht erklären ließen. Warum traten Gebirgszüge immer als schmale Streifen auf, statt sich mehr oder weniger gleichmäßig über den gesamten Globus zu verteilen? Wie waren die übereinstimmenden Konturen der afrikanischen Westküste und der Ostküste Südamerikas zu erklären? Woher kamen die bemerkenswerten Ähnlichkeiten in der geologischen Vergangenheit dieser beiden Küstenbereiche?

Die Plattentektonik

1915 schlug der deutsche Meteorologe Alfred Wegener in seiner Schrift Der Ursprung der Kontinente und Ozeane eine radikale Antwort vor – die Kontinentalverschiebung. Er nahm an, dass die heutigen Kontinente ineinander passende Bruchstücke eines Urkontinents, Pangäa, sind, die vor etwa 250 Millionen Jahren allmählich auseinander zu driften begannen. Er entdeckte, dass einige geologische Formationen, die an der Küste Südamerikas abrupt zu enden scheinen, in Afrika kontinuierlich weiterlaufen, wenn er die Kontinente wie Teile eines Puzzles zusammensetzte. Wegener ließ jedoch trotz der umfangreichen Menge geologischer Daten, die er zusammengetragen hatte, viele wichtige Details beiseite. Mit anderen Worten: Er stützte sich nur auf jene Fakten, welche seine Theorie untermauerten. Alles, was er nicht unmittelbar in sein Modell einbauen und damit erklären konnte, ließ er weg. Deshalb wurde seine Hypothese lange Zeit nicht sehr ernst genommen. Insbesondere die Eigenschaften der Oberflächen- und Krustengesteine ließen seine These von den verschiebbaren Kontinenten als sehr unwahrscheinlich erscheinen. Die Erdkruste ist eigentlich viel zu starr, als dass Kontinente wie Schiffe auf dem Meer umhertreiben könnten. Vor allem erhob sich die Frage, welche Kräfte eigentlich hinter der Kontinentalverschiebung stehen sollten. Wegener dachte an Zentrifugalkräfte, die aber viel zu schwach sind. Ohne eine treibende Kraft kann keine Kontinentalverschiebung stattfinden. Wegeners Idee verschwand in den Bibliotheken der geologischen Institute als eine interessanter, aber offensichtlich falscher Ansatz.
Entscheidend für die Wiedergeburt und den Durchbruch der Theorie der Plattenverschiebung waren die weltweiten Untersuchungen der mittelozeanischen Rücken, Ergebnisse der Geschichte des Erdmagnetismus und die Aufdeckung des globalen Musters der Erdbebenherde.

Das Museum Meeresgrund

Die Wiederentdeckung der Ideen Wegeners verdanken wir der amerikanischen Marine. Sie wollte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren so viel wie möglich über den Meeresboden in Erfahrung bringen. »Wir wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über den Meeresgrund«, war lange Zeit ein von Geowissenschaftlern vertretener Standpunkt. Die von der amerikanischen Marine finanzierte Meeresforschung brachte ungeheure Nachrichten aus den Tiefen der Ozeane hervor.
Der Grund der Meere war überhaupt nicht langweilig und eintönig, so wie es vielleicht naiven Erwartungen entsprach. Man hatte sich eine Oberfläche vorgestellt, die durch Treibsand und Sedimente schichtweise angehäuft worden war. Eigentlich hätte dieses Bild schon stutzig machen müssen, denn die Dicke der übereinander gelagerten Sedimente wäre angesichts des Erdalters gigantisch gewesen. Aber dies war eben die vorherrschende Meinung, bis die ersten Echolote den Boden der Ozeane mit Schallwellen beschickten und auf die Antwort warteten. Dann offenbarte sich ein völlig anderes Bild: tiefe Gräben, große Vulkane, lange Steilhänge – und kaum flache, langweilige Sedimentbecken.
Der Mittelatlantische Rücken zum Beispiel trennt den Ozean ziemlich genau in der Mitte. Er liegt etwa zwei bis vier Kilometer über den tieferen Teilen des Erdbodens, an seiner Nordspitze erhebt sich die Insel Island aus dem Nordmeer. Woher kommen die mehr oder weniger durchgehenden Gebirge, die sich wie ein großer Reißverschluss durch die Meeresbecken um den ganzen Globus ziehen? Nun sind Gebirge ja ziemlich ruhige Gebilde, die kaum Bewegungsmuster erkennen lassen. Deshalb war eine ganz andere Entdeckung nötig, um dem Ursprung dieser Auffaltungen und damit sogar der Quelle der Dynamik des ganzen Planeten auf die Spur zu kommen. Es handelte sich um die magnetischen Eigenschaften des Meeresbodens.