Inhaltsverzeichnis
DIE AUTORIN
Irma Krauß, 1949 geb., war Lehrerin, bevor sie das Schreiben zu ihrem Beruf machte. Mit ihren psychologisch fein ausgearbeiteten Romanen zählt sie zu den bedeutendsten deutschen Jugendbuchautorinnen der Gegenwart und wurde unter anderem mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet.
Von Irma Krauß ist bei cbj erschienen:
Das Wolkenzimmer (13271)
Bei cbt sind erschienen:
Meerhexe (30376)
Kick ins Leben (30299)
Herzhämmern (30366)
cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch
Der Taschenbuchverlag für Jugendliche
in der Verlagsgruppe Random House
Von mir und der Musik und einer Künstlerin im Haus
Mit vierzehn weiß man schon lange, dass man kein Kind mehr ist. Unter anderem merkt man es daran, dass man anfängt, sich eine Chance auszurechnen, wenn man in jemand viel Älteren verknallt ist. Mir ist es nämlich mit Ulrich Falkenhauser so ergangen, unserem Musikreferendar. Der Altersunterschied muss doch nicht unbedingt ein Hindernis sein, dachte ich, und was nicht ist, kann ja noch werden. Wir machen zusammen Musik, ich singe, er spielt Klavier …
Natürlich habe ich solche Wünsche und Ansichten schön für mich behalten. Außerdem war Ulrich Falkenhauser leider bereits verlobt. Und jetzt ist er sowieso an einer anderen Schule.
Die Wahrscheinlichkeit, dass einer, der mir gefällt, etwas mit Musik zu tun hat, ist übrigens sehr groß. Die Musikrichtung ist vielleicht egal, aber gut sollte er schon sein. Wobei mir sofort Kai Schilling einfällt, der Sänger, der donnerstags immer nach mir Gesangsstunde hat. Der Nachfolger von Ulrich Falkenhauser dagegen ist eine Katastrophe. Es lohnt nicht, sich seinen Namen zu merken, und ich gebe mir Mühe, diesen Menschen sofort wieder zu vergessen, wenn wir bei ihm Musik hatten, wie jetzt eben in der sechsten Stunde.
Bei mir zu Hause schließe ich die Eingangstür auf.
»Habe ich schon erwähnt, dass der neue Musikreferendar stinklangweilig ist?«, rufe ich beim Jackeausziehen.
Keine Antwort. Ich höre auch kein Klavierspiel, also stecke ich den Kopf in die Küche, wo es um diese Zeit brutzeln sollte, jedenfalls ist das in den meisten Familien der Fall.
Niemand da. Es riecht nichtssagend nach dem, was mich erwartet: Salat mit Käsebrot.
Ich finde meine Mutter im Musikzimmer, das bei anderen Leuten Wohnzimmer heißt. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch. Weil sie nicht aufsieht, wiederhole ich meine Frage.
»Wie? O ja, Madeleine, ungefähr fünfmal täglich in den letzten drei Wochen.«
»Echt? Wenn’s aber doch wahr ist!«
Wäre meine Oma nicht Klavierlehrerin an der Musikschule und mein Vater nicht Klavierlehrer am Konservatorium und meine Mutter nicht Konzertpianistin, dann würde ich mich beim neuen Referendar vielleicht auch von seinem hübschen Gesicht und dem aufregenden Pulli blenden lassen, wie Britta und die anderen in der Klasse.
Meine Mutter schiebt irgendwelche Unterlagen in ihren Schreibtisch. Mir fällt ihr abwesender Ausdruck auf. Er beunruhigt mich ein wenig, denn er erinnert mich an letzten Sommer, als sie verliebt war, aber leider nicht in meinen Vater, sondern in den Sänger Kenneth Smith. Zum Glück haben wir nichts mehr von Kenneth gehört, meine Mutter hat mit ihm Schluss gemacht. Schon den ganzen letzten Herbst hat sie sich völlig auf ihre Arbeit konzentriert und an ihren Beethovensonaten gefeilt. Im Dezember hat sie dann Konzerte in verschiedenen Städten gegeben. Mein Vater ist fast immer dabei gewesen. Nur weil er in Hamburg nicht an ihrer Seite war, habe sie dort diesen unerklärlichen Aussetzer gehabt, behauptet er. Eine Konzentrationsschwäche. Es soll ewig gedauert haben, bis ihr der Anfang vom zweiten Satz einfiel.
Wer einmal versucht hat, die Noten einer Beethovensonate zu zählen, kann sich ungefähr vorstellen, welches Gedächtnis man braucht, um mehrere Sonaten auswendig zu spielen. Meine Mutter ist doch kein Übermensch. Ich finde, sie darf sich auch mal eine kleine Schwäche erlauben. Was sind schon zwanzig Sekunden!
Sie hat aber unter der Sache sehr gelitten und die Veranstalter brüskiert, indem sie sich nach dem Konzert sofort in ihr Hotel zurückzog. Noch nach Weihnachten wurde sie blass, wenn sie auf der Wetterkarte Hamburg sah.
Doch jetzt ist sie von einer neuen Aufgabe erfüllt: Sie wird die Klavierstücke eines lebenden Komponisten auf CD einspielen. Sehr schwierige Sachen. Matteo Sciancalepore, Schankaléporé gesprochen, hörte meine Mutter eine moderne Zugabe spielen und wollte sie daraufhin gleich als seine Interpretin haben. Auf dem Cover wird neben seinem auch ihr Name stehen, Alicia Rada. Die Produktionsfirma ist gefunden, das Aufnahmestudio auch. Seitdem wechselt meine Mutter zwischen Übungsstunden am Flügel und klärenden Gesprächen mit dem Komponisten hin und her. Die klärenden Gespräche finden meistens am Telefon statt und kosten Auslandstarif. Sie werden von Sciancalepore bezahlt.
»Wie war’s heute?«, frage ich meine Mutter. Vielleicht lässt sich ihr abwesender Ausdruck damit erklären, dass sie keinen guten Vormittag am Flügel oder eine quälende Besprechung mit dem Komponisten hatte.
Meine Mutter wendet sich vom Schreibtisch ab und steht auf. Sie runzelt die Stirn. »Was meinst du?«
»Na, deine modernen Stücke.«
»Ach so.« Sie dreht sich um zur Küche. »Ich habe heute gar nicht geübt. Ich musste zum Arzt.«
»Wieso? Bist du krank?«, frage ich alarmiert und laufe hinter ihr her.
»Nein, nein, Madeleine. Nur eine Routineuntersuchung. In meinem Alter fängt man an, einmal im Jahr zur Vorsorge zu gehen.«
Seit meine Mutter mit Ken Schluss gemacht hat, der zehn Jahre jünger war als sie, redet sie manchmal so daher. Dabei sieht sie mit ihren sechsunddreißig Jahren aus der Ferne noch immer wie ein Mädchen aus. Wenn sie auch keines mehr ist, klar. Von mir zum Beispiel ist sie zweiundzwanzig Jahre entfernt.
»Warum übst du nicht mal am Abend?«, schlage ich vor. Sie ärgert sich über den Zeitverlust, ich kenne das. Der Abend wäre sowieso ihre kreativste Arbeitszeit. Künstler haben einen anderen Rhythmus als normale Leute. Musiker müssen abends, wenn andere freihaben, ihre Höchstleistung erbringen, dafür schlafen sie gern bis zum Mittag; meine Mutter dagegen passt sich dem Rhythmus der Familie an, sie steht morgens mit mir und meinem Vater auf und zwingt sich zu arbeiten, solange wir weg sind, damit sie bei unserer Rückkehr Zeit für uns hat. Alles Gewohnheitssache, sagt sie, wenn die Rede darauf kommt. Aber manchmal merkt man ihr an, dass es ihr anders lieber wäre.
»Ja, vielleicht übe ich heute Abend.«
Wir setzen uns in der Küche an unser karges Mittagessen. Richtig gekocht wird erst, wenn mein Vater heimkommt. Kochen ist sein Hobby, Essen auch. Wenn meine Mutter ihn nicht bremsen würde, hätte er in Kürze die paar Kilo, die er sich letzten Sommer während ihrer Affäre weggehungert hat, wieder auf den Rippen.
Jetzt essen wir ihr Lieblingsmenü: Salat, Trauben, Käse, Joghurt und Brot. Dabei hat meine Mutter schon die Traumfigur, an der ich wahrscheinlich die nächsten tausend Jahre basteln darf!
Heute sieht sie noch dünner aus als sonst schon.
»Und wenn du dir vielleicht auch mal Butter aufs Brot streichst, Mama?«, schlage ich vor und versuche meinen Heißhunger zu bremsen.
»Ach nein«, antwortet sie. »Mir reicht das schwere Essen am Abend.« Sie stochert genügsam in ihrem Salat und nagt ein wenig am Brot.
Themenwechsel. Und langsam kauen, das soll besser satt machen. »Mama? Erinnerst du dich an die kleine Seejungfrau in unserem Schulmusical? Weißt du noch, wer die Titelrolle gesungen hat?«
Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Nein, Madeleine. Ich erinnere mich nur an eine sehr schöne Stimme.«
»Regina war das, sie geht in die Neunte«, kläre ich sie auf. »Sie hat irgendwie erfahren, dass ich Gesangsstunden nehme. Und jetzt will sie auch welche. Sie war ziemlich schockiert, als sie hörte, was Privatstunden kosten. Aber nach der zehnten Klasse kann sie ja die Aufnahmeprüfung am Konservatorium machen und kriegt ihre Stunden umsonst. Ich frage Frau Dorian, ob ich Regina mal mit in meinen Unterricht bringen darf. Zum Zuhören, vielleicht auch zum Vorsingen …«
Meine Mutter sollte sich darüber freuen. Denn mit meinen Freundschaften ist es nicht weit her. Sogar Britta aus meiner Klasse, die bisher meine beste Freundin war, ist neuerdings lieber mit Franziska und Denise zusammen. Ich glaube, ich vergraule sie allmählich mit meiner Vorliebe für klassischen Gesang. Wenn ich eine andere hätte, mit der ich über mein Hobby reden könnte, würde ich Britta garantiert damit verschonen.
Meine Mutter nickt. »Eine exquisite Stimme«, sagt sie. »So wie du die perfekte Besetzung der Meerhexe gewesen bist, war Regina die ideale Seejungfrau.«
»Und, Mama, weißt du was? Regina hat dieselbe Meinung über den Neuen wie ich!«
Meine Mutter spießt eine Olive auf die Gabel. Ihr Appetit hat sich nicht gesteigert.
»Über welchen Neuen? Ach so, du meinst den Referendar.«
Ich würde gerne noch über Regina reden, aber meine Mutter ist mir zu unkonzentriert; im Augenblick interessiert sie sich nicht wirklich dafür, dass ich eine Gleichgesinnte gefunden habe. Sie wirkt ziemlich frustriert. Aus Erfahrung werde ich das Einzige machen, was ihr hilft: sie in Ruhe lassen. Sobald sie am Flügel sitzt, geht es ihr besser, bestimmt.
Ich trage den Bioabfall hinaus und schmuse eine Weile am Zaun mit Hektor, unserem Nachbarhund. Dann ertönt der Flügel. Na, wer sagt’s denn. Ein grelles, aggressives Stück, ein richtiger Ohrenputzer. Und dabei hat der Komponist selbst so einen wohlklingenden Namen! Wenn wir eine Wohnung in einem Mietshaus hätten wie Britta, würden uns die anderen Bewohner sicher eines Tages lynchen.
Aber kaum habe ich mir in meinem Zimmer den Kopfhörer übergestülpt, da lüfte ich ihn auch schon wieder: Meine Mutter fängt etwas anderes an, etwas ganz anderes! Etwas Schönes! Eine Musik, bei der ich sofort alles stehen und liegen lasse, um nur noch zuzuhören. Beethoven?, frage ich mich und horche.
Nein, nicht Beethoven, jedenfalls keine mir bekannte Sonate. Aber genauso schön, wenn nicht noch schöner. Ich lege mich aufs Bett und träume, bis das wunderbare Stück verklungen ist und meine Mutter zu Sciancalepore zurückkehrt und mir das Ohrenschmalz lockert. Dagegen hilft wirklich nur der Kopfhörer.
Bei Gelegenheit muss ich sie mal fragen, was sie da gerade gespielt hat; sie sollte dieses Stück über ihren schrillen Tönen auf keinen Fall verlernen. Wie schnell man etwas verlernt, weiß ich nämlich. Ich habe ja auch mal Klavier gespielt. Und jetzt kann ich nichts mehr von dem, was mich einmal viel Schweiß gekostet hat. Heutzutage verwende ich den Flügel nur, um meine Stimmübungen zu intonieren oder mir eine Melodie zusammenzusuchen.
In ganz seltenen Momenten – wie jetzt – wünsche ich mir aber, Klavier spielen zu können. Und wenn’s nur dieses eine Stück wäre.
Von Brittas Sprachhemmung, Reginas erster Gesangsstunde und meinem Herzweh
Britta langweilt sich bei klassischer Musik zu Tode und versucht gleichzeitig, Geige zu mögen, ein Spagat, für den ich sie bewundere. Aber natürlich wäre es mir lieber, sie würde meine Begeisterung für Gesang teilen. Nur an einem einzigen Donnerstag hat sie mich zu meiner Stunde begleitet und seitdem nie wieder. Ich soll es ihr nicht übel nehmen, aber klassischer Gesang sei einfach das Letzte!
Ausgerechnet bei dieser Gelegenheit ist es ihr passiert, dass sie sich in Marcel aus der Neunten verguckt hat, der mit seinem Geigenkasten aus dem Konservatorium kam und ein paar Worte mit mir wechselte. Die Begegnung war reiner Zufall, Marcels Geigenstunde ist sonst immer am Freitag. Das hätte ich aber besser für mich behalten, denn nun muss ich jeden Freitag mit Britta zum Konservatorium gehen – allein traut sie sich nicht – und dort rumhängen, bis uns Marcel über den Weg läuft und sie ihn anhimmeln kann, während er mit mir redet.
Britta könnte ihn täglich in der Schule sehen, aber dort ist er von Leuten aus seiner Klasse umgeben, und sie weiß nicht, wie sie an ihn rankommen soll – abgesehen davon, dass es ihr bei seinem Anblick sowieso die Sprache verschlägt. Anstatt also in der Aula oder auf der Treppe mit ihm zu reden, zieht das hübscheste Mädchen unserer Schule es vor, an einen Ort zu gehen, den sie nicht mag, und stumm daneben zu stehen, wenn Marcel und ich fachsimpeln. Er gefällt mir übrigens auch, und ich finde mich ziemlich edel, weil ich mir jeden Gedanken an ihn verkneife. Wobei ich allerdings weiß, dass ich neben Britta ohnehin keine Chance hätte.
Man kann mit Marcel wunderbar locker reden, wenn man nicht in ihn verknallt ist. Wir unterhalten uns über Musik und unseren Unterricht und über die traurigen Erfahrungen, die man macht, wenn man vor der Stunde kein freies Zimmer zum Einspielen oder Einsingen findet. Britta hört uns aufmerksam zu und wartet ständig darauf, dass Marcel sie endlich mal fragt, was sie eigentlich im Konservatorium macht. Als Antwort will sie sagen, sie liebt klassische Musik und ganz besonders Geigenmusik, aber sie darf ja leider nicht Geige spielen. Und sie wäre schon glücklich, wenn sie beim Üben zuhören dürfte …
Marcel hat sie bis jetzt nicht gefragt. Es wäre immerhin möglich, dass Britta bei ihm eine ähnliche Sprachhemmung auslöst wie er bei ihr. In diesem Fall wird natürlich nie was aus den beiden!
Heute will Regina mit in meine Gesangsstunde kommen. Ich habe sie bei Frau Dorian angemeldet und mich mit ihr am Denkmal vor dem Konservatorium verabredet. Das Denkmal ist ein Stück moderner Kunst: ein Sägeblatt in Form einer Kinderrutsche. Ein Täfelchen warnt, man solle das Ding bloß nicht als Spielgerät missverstehen.
Ich bin zu früh eingetroffen. Da man aber laut Frau Dorian seine Atemübungen überall machen kann, halte ich mich an einer ungefährlichen Kante der modernen Kunst fest und kichere in mich hinein, bis mein Zwerchfell hüpft.
Von schräg hinten kommt ein Pärchen über die Straße. Das Mädchen sagt: »Muss furchtbar witzig sein, dieses Gerät!«
Die Stimme kenne ich, ich fahre herum.
Regina und – Marcel.
»Oh …! Was machst du denn hier?«, frage ich Marcel.
Er hat einen Frosch im Hals und Regina antwortet munter für ihn: »Seine Stunde wurde getauscht!«
»Hrm«, hustet Marcel und bringt zum Beweis mit einem Armschwung den Geigenkasten in Augenhöhe.
Seltsam. Irgendwas ist merkwürdig. Die beiden sind in derselben Klasse, okay. Aber mich hat doch auch noch nie ein Klassenkamerad zum Konservatorium begleitet! In tausend Jahren würde das keinem einfallen. Und falls doch, wäre ein Wunder passiert. Wenn Marcel also mit Regina hier ankommt und dazu sogar seine Geigenstunde um einen Tag vorverlegt hat, damit es nicht auffällt, gibt mir das zu denken. Die Stunde tauscht man nur dann, wenn es sehr, sehr wichtig ist. Und was ist das plötzlich für ein rosiger Hauch auf Marcels Wangen?
Sollten er und Regina … Es geht mich ja nichts an, ich denke nur an Britta, die sich schließlich Hoffnungen auf Marcel macht!
»Worüber hast du dich gerade eben schiefgelacht?«, will Regina wissen.
»Ich? Mich schiefgelacht?«, frage ich verdutzt.
»Das K-k-k…«, sagt Marcel, der stotternd seine Sprache wiederfindet. »Das Kirchenkichern!«
»Richtig getippt!« Ich tausche einen Blick mit ihm, der Regina für einen Moment ausschließt. Unser Fachjargon ist für andere eine Geheimsprache und ich teile gern Geheimnisse mit Marcel. Zum Beispiel weiß fast niemand, wie Vibrato geht, aber ich weiß es. Marcel hat für mich jeden der vier infrage kommenden Finger mit unendlicher Ausdauer in den Geigenhals gebohrt, bis ich fast damit rechnete, sie kämen auf der Rückseite wieder heraus. Der Trick ist, er denkt dabei an Lehm. Da hab ich auch in die Trickkiste gegriffen und ihm mein Kirchenkichern vorgeführt.
»Was soll das denn sein?«, fragt Regina.
Marcel stellt seinen Geigenkasten ab. »Ganz einfach! Du tust, als wärst du in der Kirche. Alle sind sehr feierlich. Nur du musst furchtbar lachen, darfst aber nicht. Verkneifst es dir. So …«
Er kichert mit geschlossenen Lippen, bis Regina endlich davon angesteckt wird. »Jetzt leg deine Hand aufs Zwerchfell!« Er führt ihre Hand. »Hier. Hier ist es!«
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn seinerzeit berührt hätte, wie er Regina berührt. Ich meine, ich habe nicht an Marcels Zwerchfell herumgefingert, als ich ihm das Kirchenkichern beibrachte. Wahrscheinlich werde ich gleich auch noch erleben, wie sie miteinander Händchen halten.
»Wozu soll das gut sein?«, kichert Regina.
»Das ist eine Übung. Du musst dein Zwerchfell lockern, wenn du richtig atmen und singen willst«, sage ich ein bisschen barsch, weil ich an Britta denke. »Es wird langsam Zeit, reinzugehen.«
Ich passe auf, ob Regina auf dem Weg nach Marcels Hand greift. Aber Fehlanzeige – sie erinnert ihn nur daran, dass er versprochen hat, hinterher auf sie zu warten. Das erhärtet nun wieder meinen Verdacht. Denn solche Forderungen, denke ich mir, stellt man nur, wenn man sowieso schon Händchen hält. Sobald ich mir sicher bin, sollte ich Britta vielleicht schonend aufklären.
Im Konservatorium trennen wir uns von Marcel. »Jetzt hast du dich nicht eingesungen«, fällt ihm in letzter Sekunde ein, und er schickt mir noch einen mitfühlenden Blick nach, den ich mit einem Achselzucken quittiere. Wer weiß, ob ich heute überhaupt singe, vielleicht komme ich ja gar nicht dazu, weil Regina dabei ist.
Marcel ist wirklich sehr nett, und ich frage mich, warum ich mich mit seiner Freundschaft begnüge, wo er doch außerdem noch toll Geige spielt. Warum verknalle ich mich eigentlich nicht in ihn? Ich meine, in Wirklichkeit kann man sich das Verlieben doch nicht absichtlich verbieten.
Frau Dorian begrüßt Regina und mich in bester Laune. Sie geht aber nicht weiter auf Regina ein, sondern fängt gleich mit mir zu arbeiten an. Regina soll sich einfach setzen. Wohin sie möchte, ganz egal.
Regina lässt Stuhl und Sofa links liegen und hockt sich vor dem Schrank auf den Boden. Ich packe meine Noten und mein Notizbuch aus.
Frau Dorian winkt mich zum Standspiegel. Wir üben den Rosenatem: Ich muss einatmen und mich dabei öffnen, als würde ich hingebungsvoll an einer duftenden Rose riechen.
Kurz bevor ich ohnmächtig werde, lobt mich Frau Dorian, dass es von den Wänden widerhallt. Sie setzt sich an den Flügel.
Ich bleibe am Spiegel stehen und stütze die Hände in die Seiten, um zu fühlen, wie mein Körper sich zum Singen auftut.
Dieser Spiegel mitten im Raum war der Schreck meiner ersten Gesangsstunde. Weil Frau Dorian ihn am Anfang ignoriert hat, konnte ich mich wieder beruhigen. Er stand dann mehrere Wochen lang drohend bereit und ich sagte mir natürlich ständig: Der blüht dir noch!
Jetzt schaue ich mich herausfordernd an, wie Frau Dorian es haben will. Wer einmal gesehen hat, wie sie selbst vor dem Ding steht, weiß, dass man sich auch dann mögen kann, wenn man ein paar Pfunde zu viel hat. Man strahlt sich an, als gucke einem aus dem Spiegel ein Model entgegen.
Seit dem ersten Spiegelschreck arbeite ich an meiner Idealfigur, um dieser Vorstellung näherzukommen. Mit herausforderndem Blick sage ich zu mir: Ab morgen, du fette Kuh, wird weniger gegessen, ist das klar? Und dann halte ich mich immer zwei Tage daran, bevor mein Hunger wieder siegt.
Wenn ich mich jetzt aber genau betrachte, frage ich mich, ob unsere Badezimmerwaage nicht spinnt: Ich bin doch keine zehn Kilo zu schwer, oder?
Frau Dorian singt mir eine Übung vor, die so kompliziert ist, dass ich gerne dazu die Noten sehen würde. Aber es gibt keine. »Nein, Madeleine. Noch einmal! Und bitte so selbstbewusst, wie du dich eben angeschaut hast. Du musst in letzter Zeit gewachsen sein, wenn mich nicht alles täuscht?«
Das könnte es natürlich auch sein. Meine Eltern sollten vielleicht eine Waage mit Messlatte anschaffen. Und wenn die Hose hier nicht im Trockner geschrumpft ist, bin ich sogar ganz ordentlich gewachsen. Beim BH brauche ich neuerdings auch C-Körbchen, und die Verkäuferin sagte, das wäre doch super.
Frau Dorian mäkelt indessen an meiner Klangvorstellung herum. Sie behauptet, ich dächte mir den Ton mit den Lippen, anstatt ihn mir hinten zwischen den Zähnen vorzustellen.
Ich reiße mich zusammen und versuche es noch einmal.
»Besser. Wir steigern jetzt die Höhe. Und wo formst du schon wieder deinen Ton?«
»Hinten. Ganz hinten zwischen den Zähnen.«
»Braves Mädchen.«
Die Stimmübungen nehmen heute kein Ende. Als ich die Hoffnung auf ein Lied schon fast aufgegeben habe, fragt Frau Dorian: »Was haben uns die Vögel voraus?«
»Sie müssen nicht üben«, antworte ich säuerlich. »Wenn ich ein Vöglein wär …«, trällert sie mit Kinderstimme und amüsiert sich über mein Gesicht. Dann schaltet sie plötzlich um. »Und was hast du diese Woche hauptsächlich an deiner Aria geübt?«
»Den Atemfluss nicht abreißen zu lassen.«
»Dann mal los.« Sie schlägt einen Akkord an, während ich mich vor dem Spiegel in Positur stelle.
Ich öffne kaum den Mund, da winkt sie schon ab. »Nein.«
»Was hab ich gemacht?«, frage ich verdutzt. »Was wohl?«
»Oh – hab ich mit den Lippen vorbereitet?«
»Ganz genau. Und jetzt noch einmal.«
Ich versuche, die Lippen mit dem Ton zusammen zu öffnen und nicht schon vorher.
»Jawohl! Und wo formst du deinen Ton?«
»Öm – ganz hinten. Zwischen den Zähnen«, sage ich kleinlaut.
So einen fiesen Unterricht hatte ich noch nie. Wir zerlegen die Aria in Atome und ich darf keine vier Silben am Stück singen. Am Ende bin ich nass geschwitzt und habe Reginas Anwesenheit vollständig vergessen. Sie wird mir erst wieder bewusst, als Frau Dorian ihren Blick unvermittelt auf den Fußboden am Notenschrank richtet.
»Regina? War das deine erste … hm, Gesangsstunde?«
Regina kommt erschrocken hoch. »Ja, schon …«
»Und? Willst du immer noch singen?«, fragt Frau Dorian. Sie ordnet Notenblätter, die auf dem Flügel herumliegen.
»Bestimmt«, sagt Regina und steht ein wenig hilflos da.
»Was hast du in dieser Stunde gelernt?« Nur wer Frau Dorian kennt, weiß, dass es sich um eine wichtige Frage handelt; ihrem beiläufigen Ton würde man nichts anmerken.
Ich versuche, Regina Zeichen zu geben. Aber sie sieht mich nicht.
»Dass man sich beim Einatmen öffnen muss, als würde man an einer duftenden Rose riechen.«
Frau Dorian nickt und ich mache mir keine Sorgen mehr um Reginas Antworten.
»Und dass man sich den Ton nicht vorn, sondern hinten im Mund vorstellen muss.«
»Noch etwas?«, fragt Frau Dorian lächelnd.
»Ja. Man soll das erste Wort vom Lied nicht mit den Lippen vorbereiten. Und der Atemfluss darf nicht abreißen.«
Ich bin hin und weg – keiner kann behaupten, Regina hätte während meiner Stunde von Marcel geträumt!
Aber anstatt sie zu loben, sagt Frau Dorian: »Hast du nicht etwas vergessen?«
Regina wechselt das Standbein und grübelt.
»Madeleine«, sagt Frau Dorian, »die Aria, bitte.«
Ich trete an den Spiegel, stütze die Hände in die Seiten und warte auf den Anfangsakkord.
Aber es kommt keiner.
»Siehst du?«, sagt Frau Dorian zu Regina.
Regina stutzt. Sie guckt mich an und belastet plötzlich beide Beine.
»Gut!« Frau Dorian strahlt. »Du begreifst schnell. Wenn du es auch umsetzen kannst …« Dann bittet sie Regina zum Flügel und lässt sie Tonfolgen nachsingen.
Währenddessen kommt Kai Schilling herein und beschleunigt wie üblich meinen Puls. Kai singt Bariton und kriegt bereits kleine Rollen am Theater, was man aber nie vermuten würde, wenn man sieht, wie jung er ist, und wenn man hört, wie Frau Dorian ihn zusammenstaucht, wenn er eine Übung einmal nicht gemacht hat. Sein Unterricht ist immer nach meiner Stunde. Ein Glücksfall! Wenn Regina nicht wäre, würde ich jetzt noch endlos herumtrödeln, um ihm zuhören zu können. Davon kriege ich nämlich … na ja, so was wie Herzweh. Sicher ist es irre, sich Herzweh zu wünschen. Aber ich habe mir schon eine ganze Oper angeschaut, in der Kai Schilling eine Zeile solo sang.
In Kais Augen glitzert es. Er lächelt mir komplizenhaft zu und zeigt heimlich auf Regina. »Erster Versuch?«, flüstert er.
Ich nicke und lächle hingerissen zurück.
Dabei kommt mir ein Gedanke und der Schreck fährt mir in die Glieder: Wenn Kai sich über mich auch amüsiert? Er erscheint oft zu früh zum Unterricht und hat mich schon mehr als einmal singen hören!
Ich spüre, wie ich erröte. Wenn er vielleicht gemerkt hat, wie sehr ich mich in seiner Gegenwart immer anstrenge, lupenrein zu intonieren, und wie peinlich es nur ist, wenn es mir nicht gelingt …
Aber wenigstens weiß er nicht, dass ich mir seinetwegen eine tödlich anstrengende moderne Oper angeschaut habe, von der einem das Singen vergehen könnte.
Frau Dorian redet mit Regina, und ich versuche, ihr trotz Kai Schillings verwirrender Anwesenheit zuzuhören. Nach einem abrupten Händedruck stehen Regina und ich dann sehr plötzlich draußen, während Frau Dorian hinter der schallgedämpften Spezialtür mit Kai laut über irgendetwas lacht.
Ich starre die Tür an. Was ist es bloß, das mich an ihm so fasziniert? Und warum fällt mir nicht ein, in ein Konzert zu gehen, in dem Marcel mit seiner Geige eine Zeile solo spielt?
Regina strahlt. »Ich darf nächste Woche wieder mitkommen!«, jubelt sie leise. »Wenn es dir recht ist, Madeleine...«
»Klar! Und Frau Dorian nimmt dich, sobald du die Aufnahmeprüfung gemacht hast!«
Ich freue mich für Regina. Aber da wir so plötzlich rausgeflogen sind, fehlt mir heute etwas. Mein Herzweh! Wenn ich vielleicht noch ein wenig das Ohr an die Tür lege?
»Hast du was vergessen?«, fragt Regina.
»Hm?«
»Ob du was vergessen hast.«
»Öh … nein.« Ich reiße mich mit einem heimlichen Seufzer los. Irgendwo im Haus hört man einen anderen Sänger. Mich fliegt kein Fünkchen Lust an, seine Tür aufzumachen, das passiert mir nur bei Kai. Es muss an der Art liegen, wie er den Kopf hält, wie er sich bewegt, wie er schaut und wie er lächelt. Und vor allem ist es seine Stimme. Ob er spricht oder singt. Davon kriege ich einen ziehenden Schmerz in der Brust, genau dort, wo das Herz sitzt.
Nicht dass ich mit irgendjemandem darüber reden würde.
»Alles klar!«, lache ich.
Und dann fange ich endlich an, mich über einen Satz zu freuen, den Frau Dorian zu Regina gesagt hat, als sie dachte, ich höre nicht zu: Madeleine ist eine Naturgewalt, sie muss man nur ein wenig steuern. Von ihr kann man viel lernen!
Zu Hause schreibe ich den Satz in mein Notizbuch, damit mir keine Silbe verloren geht. Es ist auf jeden Fall das Schönste, was ich bisher über mich zu hören gekriegt habe.
Von einem Familienessen und von zwei verrückten Jungverliebten
An meinen Eltern kann man erleben, dass Musik machen und Musik unterrichten zwei grundverschiedene Berufe sind. Wenn man Musik macht wie meine Mutter, bekommt man den Flügel nie satt. Wenn man Musik unterrichtet wie mein Vater, hat man am Abend so genug, dass man keine Taste mehr anrühren will. Es sei eine himmlische Erholung, in der Küche etwas Leckeres zu brutzeln, während nebenan jemand überirdisch spielt, der einen keine Sekunde lang an Schüler erinnert, sagt mein Vater.
Den heutigen Abend benützt er dazu, Oma und Onkel Bangemann zu bewirten, wovon meine Mutter und ich auch profitieren. Die Gäste sind schon da, der Braten ist bald fertig, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, sooft ich in die Küche komme. Aus dem geöffneten Backrohr dampfen wundervolle Schwaden, und auf dem Esstisch, den mein Vater festlich gedeckt hat, schwimmen Kerzen in Gläsern. Die Brutzelfreude meines Vaters erreicht immer ihren Höhepunkt, wenn die Gäste sich bereits gemütlich am Tisch niedergelassen haben und ihm beim Hantieren zusehen.
Im Augenblick sitzt allerdings nur Omas Freund, Onkel Bangemann, dort und schaut dem Begießen des Bratens zu.
Oma lässt sich nebenan von meiner Mutter ein paar schrille Stücke von Sciancalepore vorspielen.
Ich betrachte erstaunt meinen Vater, der eine Krawatte trägt. Noch nie zuvor hat er sich für Oma und Onkel Bangemann in Schale geworfen. »Habe ich was verpasst? Was feiern wir heute?«
»Später, Madeleine.« Er schiebt den Braten ins Rohr zurück. »Ein Viertelstündchen, der Saft muss noch einziehen …«
Ich seufze und gehe wieder in mein Zimmer, aber ohne die Tür zu schließen, damit mich wenigstens der Duft erreicht. Im Fernsehen läuft ein Bericht über ein Schwulentreffen. Ich will gerade weiterschalten, als die Kamera auf zwei Typen schwenkt, die an einem Tischchen sitzen und Memory spielen. Wie nett. Die zwei müssen sich in der Veranstaltung geirrt haben. Ich schaue mir die Kärtchen an, die sie umdrehen und dann paarweise einstreichen. Und da haut es mich fast vom Hocker: Auf jedem Kärtchen ist ein Penis in Großaufnahme. Die Kamera geht noch näher heran, und ich bin fasziniert, wie man von ein und demselben Gegenstand zwanzig unterschiedliche Kartenpaare bilden kann.
»Lenchen!«, haucht eine Stimme hinter mir. »Was schaust du dir denn da an!«
Ich drehe mich um. Oma steht da und hat die Hand vor dem Mund. Meine Mutter neben ihr zieht amüsiert die Brauen hoch. Hinter ihnen taucht mein Vater auf.
»Na, was ist? Kommt ihr zum Ess…« Ihm bleibt das Wort im Halse stecken. »Herrje, Madeleine, was ist denn das?«
Geniale Frage. Jetzt fehlt nur noch, dass Onkel Bangemann erscheint und genauso dämlich fragt.
»Keine Ahnung, irgend so’ne Sendung …« Mein Gesicht ist heiß und bestimmt knallrot. Ich hasse das und sehe mit Erleichterung, dass das blöde Memory-Spiel von einem Interview abgelöst wird. Und die Powertaste finde ich endlich auch auf meiner Fernbedienung.
Weil Onkel Bangemann nichts mitgekriegt hat und sich über Omas entrüstetes Gesicht wundert, wird das Thema zum Tischgespräch erhoben: Schweinereien zur Hauptsendezeit.
»Das war ein ganz harmloser Bericht«, wage ich einzuwenden.
»Waaas?«, sagt Oma.
»Ihr seid nur im dümmsten Moment dazugekommen.«
»Robert!«, wendet sich Oma an meinen Vater. »Wenn schon die Fernsehanstalten so verantwortungslos sind und keine Rücksicht auf Kinder nehmen …«
»Ich bin kein Kind!«, rege ich mich auf.
»Madeleine ist kein Kind«, bestätigt Onkel Bangemann und sieht mich heiter an.
Oma schaltet einen Gang zurück. »Natürlich bist du kein Kind mehr, Lenchen. Das wissen wir doch. Trotzdem …«
Da bekomme ich unerwartete Hilfe.
»Aber Mutter, Madeleine ist doch selbst so vernünftig, dass sie sich nicht jeden Dreck anschaut. Mach dir mal keine Sorgen deswegen.« Meine Mutter schickt mir ein Lächeln und ich erwidere es dankbar.
»Aber nun Themenwechsel«, sagt mein Vater plötzlich. Er holt Luft, wie um etwas Gewichtiges zu sagen, überlegt es sich dann aber anders und schweigt nachdenklich.
Wir schauen ihn alle überrascht an.
»Ich glaube, wir sollten …« Er bricht schon wieder ab. Dann gibt er sich einen Ruck und lächelt ganz merkwürdig. »Ich denke, heute wäre die passende Gelegenheit für eine schöne Neuigkeit.« Er wendet sich an meine Mutter und hebt sein Glas. »Alicia, darf ich?«
Aber meine Mutter presst ihre Serviette gegen den Mund und macht Augen, als hätte sie sich sehr erschrocken. Sie schüttelt vehement den Kopf.
»Wirklich nicht?«, sagt mein Vater.
»Nein!«
Was immer es ist, es muss auch mit mir zusammenhängen, dem Blick nach, den meine Eltern austauschen. Wie genau ich das kenne! Sie schauen mich an, sie schauen sich an, sie zögern … Aber sie entschließen sich, diesmal nicht zu reden. Meine Mutter breitet ihre Serviette aus und isst weiter, mein Vater überspielt seine Enttäuschung mit einer lustig gemeinten Grimasse.
Onkel Bangemann räuspert sich und lobt den zarten Braten. »Robert«, sagt er, »du könntest deine Brötchen auch als Chefkoch verdienen.«
Mein Vater bedankt sich für das Kompliment. Dann zählt er ein paar Restaurants auf, in denen er nicht ungern arbeiten würde. Womit ein neues Thema gefunden wäre. Zum Glück eines, das nichts mit mir zu tun hat.
Sobald es die Höflichkeit erlaubt, setze ich mich in mein Zimmer ab. Wenn es eine gute Nachricht ist, von der noch keiner weiß, kann es sich nur um eine Tournee meiner Mutter handeln. Und mein Vater will garantiert mit, deshalb die ratlosen Blicke in meine Richtung. Also, falls sie mit der neuen CD nach Japan fliegen oder sonst wohin – meine Mutter kriegt die verrücktesten Angebote – und mich so lange in ein bescheuertes Internat stecken wollen, werde ich mich wehren! Wie meine Mutter selbst gesagt hat, kann ich gut allein auf mich aufpassen. Zu Oma gehe ich auch nicht. Oder höchstens zum Essen. Ich muss mich für den Moment, in dem sie es mir sagen wollen, unbedingt mit treffenden Argumenten wappnen.
Während ich mit meinen gesammelten Punkten darauf warte, dass sie mir schonend eröffnen, wohin sie mich abschieben wollen, denken meine Eltern überhaupt nicht daran, mir irgendwas zu eröffnen. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Alle Zeichen sprechen dafür, dass in unserem Haus neuerdings zwei verrückte Jungverliebte wohnen. Ich habe ja schon so manches bei meinem Vater und meiner Mutter erlebt. Dramatische Momente! Den Augenblick im letzten Sommer, als mein Vater schlagartig begriff, dass meine Mutter Ken liebte, mit dem sie auf Tournee gewesen war. Das plötzliche Verschwinden meines Vaters und die furchtbare Not meiner Mutter. Und als alles wieder gut wurde: ein Kuss, bei dem jeder Zuschauer rot geworden wäre – nur ich nicht, denn ich hatte ja so sehr darauf gewartet.
Und jetzt hüpft mein Vater ständig und geradezu kindisch um meine Mutter herum. Nicht einmal an ihrem heiligen Flügel lässt er sie in Ruhe. Dauernd nimmt er sie in die Arme. Keine Rede davon, dass sie auseinanderfahren würden, wenn ich hereinkomme. Ein verlegenes Grinsen ist alles, wozu sie sich bequemen. Meine Mutter streicht sich dann die Haare aus dem Gesicht und murmelt: »Jetzt sollte ich aber wieder, Robert …« Und Robert tänzelt in die Küche hinüber und singt: »Insalata, Pizza Mare, O sole mio...«
Wenn die beiden fünfzehn wären, würde ich es mir ja eingehen lassen. Aber mit sechsunddreißig und fast vierzig? Da stellt sich eher die Frage, ob sie nicht vielleicht schon vergreisen.
Meine Eltern schlafen in getrennten Zimmern. Zumindest lässt das die Hauseinteilung vermuten. Weil aber in beiden Zimmern ein Doppelbett steht, weiß man morgens nie, wo sie herauskommen und ob allein oder zu zweit. Heute inszenieren sie eine neue Variante: Mein Vater verlässt das Zimmer meiner Mutter und sie taumelt schlaftrunken aus seiner Tür heraus.
»Höh!« Ich reibe mir die Augen. Mein Wortschatz ist nach dem Aufstehen noch nicht so gewaltig.
Zu dritt stehen wir in der Diele und wollen ins Bad. Ich schaue von einem zum anderen und frage: »Habt ihr Zimmer getauscht?«
Meine Mutter gähnt. »Robert hat sich so breit gemacht. Da bin ich ausgezogen.«
»Du streckst morgens die Hand aus und wer ist nicht mehr da? Alicia!«, klagt mein Vater. Er greift nach ihr.