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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
für Gabriele,
meine wahre Liebe

 
 
 
 
 
»Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns genau kennen und trotzdem zu uns halten.«
 
MARIE VON EBNER-ESCHENBACH

Vorwort – Die neue Freundschaft
Freundschaften sind heute so wichtig wie nie zuvor. Nicht wie manche meinen, weil wir gute Kontakte brauchen, um noch effizienter zu sein.Wir entdecken Freundschaft neu, weil die Bindungen zu unseren Lebenspartnern und Familien immer öfter zerbrechen. Der Bruch ist zur Normalität geworden. Aber er hat eine große Lücke hinterlassen – und eine neue Sehnsucht geweckt. Nach dem Ende der alten Beziehungen wollen wir eine neue Verbindlichkeit schaffen. Nichts eignet sich dafür besser als Freundschaft – aber nur, wenn wir sie neu bestimmen.
In diesem Buch geht es um eine neue Freundschaft. Freundschaft im 21. Jahrhundert – das ist Freundschaft unter Menschen einer neuen Generation. Ich bin einer davon: eigenwillig und anspruchsvoll, empfindsam und kritisch, Typen, denen man es eigentlich nie recht machen kann, vor allem wenn es um die Beziehungen zu ihren Nächsten geht. Aber wir fordern nicht nur, wir sind auch bereit, in unsere Freundschaften zu investieren, heute viel mehr noch als früher einmal.
Was andere unbescheiden oder charakterlich bedenklich nennen, rechne ich uns nur allzuhoch an: Denn dieses Buch ist von der Überzeugung getragen, daß wir nicht dazu geboren sind, uns im Leben mit Kompromissen abspeisen zu lassen – nicht wenn es um Beziehungen zu Menschen geht, denen wir uns verbunden fühlen. Mag sein, daß der heilige Kompromiß in anderen Lebensbereichen manchmal tatsächlich der goldene Mittelweg ist. In den Beziehungen zu unseren Lebenspartnern und Freunden ist er durchweg nur faul und billig. »Man muß sich eben mit der Welt und ihren Menschen arrangieren.« Ein grauenvoller Satz, meist nur aus den Mündern von Frustrierten – oder den Behäbigen und Bequemen. Arrangieren tut man sich nur mit Zellengenossen und allerlei Mißständen, die man für sich irgendwann als unabänderlich akzeptiert hat, am Ende mit der eigenen Resignation. Sich mit dem Leben nur zu arrangieren – dazu sollten wir uns zu schade sein. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Kompromissen abzugeben.Wir wollen wahre Freunde!
Auf diesen Seiten geht es darum, wie wir es schaffen, unsere Freunde durch das Auf und Ab einer Freundschaft zu bewahren und die Beziehungen zu ihnen verbindlicher zu gestalten, indem wir unsere Wünsche und Erwartungen aussprechen und verwirklichen, aber genauso die Schwachpunkte ausloten und die Gefährdungen umschiffen, von denen auf Dauer keine Freundschaft verschont bleibt. Mir geht es nicht um die Beschreibung eines unerreichbaren Ideals, sondern darum, wie es gelingt, die bestehenden Beziehungen zu unseren Freunden auf eine neue bewußtere, befriedigendere Ebene zu stellen.
Aber sind wir hybriden Individualisten überhaupt zur Freundschaft fähig? Braucht es dazu nicht viel pflegeleichtere Typen? Wenn diese neue Freundschaft eine so anspruchsvolle Angelegenheit ist, muß man dann nicht befürchten, daß wir zum Scheitern verurteilt sind? Sollte man sie nicht gleich als Schwärmerei, Hirngespinst, als eine überdrehte Utopie abtun? Ist es mit der Freundschaft nicht weit profaner, weil wir Menschen keine Engel sind – und bleibt am Ende nur, wer auf so hohe Ideale setzt, ein einsamer Mensch? Ein Freund hat mit gesagt: »Mit deiner Haltung stellst du dich selbst ins soziale Abseits, eine solche 5-Sterne-Freundschaft gibt es doch gar nicht.«
Ich bin anderer Meinung: Das Ideal paßt zum Menschentyp dieser Zeit. Ein anspruchsvolles Ideal zu verfolgen heißt auch nicht automatisch, einsam zurückzubleiben. Ganz im Gegenteil. Einsam sind wir doch längst. Erst wenn wir es schaffen, eine neue Form von Freundschaft zu realisieren, in der wir auch in unserer ganzen Persönlichkeit anerkannt und geschätzt werden, werden wir die Verbundenheit schaffen, die uns aus der Isolation herausführt. Denn von unseren Freundschaften wollen wir nicht länger nur ein wenig Zerstreuung und Kurzweil, sondern viel mehr, was man eine tiefgehende Beziehung nennt.
Freunde der schweigenden Zunft oder diejenigen, die Gefühlsdinge für prinzipiell nicht mitteilbar halten, werden mit diesen Zeilen nichts anfangen können. Auch jene nicht, die sich vor Konflikten lieber wegducken und denen der Weg des geringsten Widerstands der angenehmste ist. Das Buch ist vielmehr für alle geschrieben, die willens sind, sich und ihre Freundschaftsbeziehungen zu reflektieren und in Frage zu stellen. Es richtet sich an jene, denen es nicht genug ist, Freundschaft unter Schenkel- und Sprücheklopfern zu suchen oder unter denen, die den Leiterwagen mit zwei Kästen Bier beim Vatertagsausflug hinter sich her ziehen und sich allein schon deshalb unter besten Freunden wähnen. Es richtet sich an die, die Lust auf wirklich erfüllende Beziehungen haben – aber ganz gewiß nicht an die, die die eigene Bindungsunfähigkeit hinter einem ewig verklemmten Bildungsdünkel verbergen, Ehrentölpel und Tugendgänse, die mit erhobenem Zeigefinger von der »hehren Freundschaft« à la Goethe psalmodieren, jedoch in ihrer eigenen Lebenspraxis keine einzige verbindliche Sozialbeziehung zustande bekommen.
 
Es kommt im Leben nicht alles auf die Freundschaft an. Trotzdem, sie ist nicht wenig. Wer wahre Freunde hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie machen das Leben schöner und reicher. Viel schöner und reicher als jeder Erfolg in Beruf und Karriere. Warum machen wir dann nicht ernst damit? Warum findet sie so oft nur am Rande statt – und so selten zur prime time unserer Lebenszeit? Warum fassen wir unser ganzes Leben nicht mehr als eine Art Spiel auf, das wir alle zusammen absolvieren müssen, jeder auf seine Art, jeder mit seinem Glück unterwegs und seinem Päckchen beladen, warum sehen wir nicht in den Freunden Menschen an unserer Seite, die den gleichen eng gesteckten Parcours des Lebens durchlaufen müssen, ganz so wie wir selbst, und warum teilen wir nicht mehr unserer Empfindungen und Erlebnisse – und werden reich daran?
Es braucht dazu nicht nur den einen Freund, auf den wir ein Leben lang warten und ihn womöglich verpassen. Es braucht zuerst einmal den Willen und den Mut, Freundschaften zu schließen und dazu die richtige Steuerkunst, um das Schiff der Freundschaft sicher durch die unruhigen Wasser eines ganzen Lebens zu lenken. Es braucht dazu, mehr denn je, eine Kunst der Freundschaft. Wer sie beherrscht, dem winkt ein schöner Preis. Wer wahre Freunde hat, hat mehr vom Leben.
Martin Hecht

Einleitung – Netzwerk statt Fachwerk
Der Beziehungsbruch ist die soziale Grunderfahrung unserer Zeit. Zuerst zerbrach, was man die traditionellen Sozialbeziehungen nennt: Familie und Ehe, Großfamilie und Gemeinde. Doch längst geht der Riß tiefer und hat auch die freien Wahlbeziehungen zu unseren Liebes- und Lebenspartnern erfaßt.Wir haben uns daran gewöhnt, ein unvorhersehbares Leben zu führen und immer wieder neu anzufangen.
Das ist kein Zeichen einer neuen Übermütigkeit. Nicht aus Jux und Tollerei sind wir alle plötzlich Beziehungshasardeure und Bruchpiloten geworden, verantwortungslose Egoisten und beziehungsunfähige Lüstlinge im Trümmerfeld der Erlebnisgesellschaft. Wenn heute mehr und mehr Beziehungen brüchig werden oder bereits zerbrochen sind, dann nicht, weil wir nicht mehr den nötigen Ernst mobilisieren könnten, den sie erfordern. Vielmehr hat der Bruch den Schrecken verloren, der ihn einst umgab – und wir selbst sind mutiger geworden.
Die meisten Ursachen dafür liegen außerhalb unserer Zuständigkeit: Der äußere, soziale Druck, der die Menschen in alter Zeit noch in die alten Beziehungen hineinpreßte und verhinderte, daß einer ausscherte, hat deutlich nachgelassen. Gleichzeitig haben aber der Wille und das Selbstbewußtsein erheblich zugenommen, Beziehungen auch aufzugeben, wenn sie die eigene Lebensqualität so sehr beeinträchtigen, daß alles nach einer Alternative schreit. Beides sind Wirkungen weltgestaltender Entwicklungen: des Erlahmens der Tradition und ihrer disziplinierenden Kraft auf die Menschen und der Individualisierung der einzelnen, die bald allein der eigenen Person die Gestaltung der Sozialbeziehungen überträgt. Wo zuvor noch Traditionen, Konventionen, Gepflogenheiten fast alles festlegten, ist es jetzt der befreite Mensch selbst, der seine Beziehungen autonom gestaltet.
Es ist der Individualismus als große Kraft unserer Epoche, der uns dazu führt, Beziehungen, die wir früher nur äußerst selten in Frage gestellt hätten, auf ihre wahren Vorzüge zu prüfen – und gegebenenfalls auch einen Schlußstrich zu ziehen. Die Zeit unverbrüchlicher Gemeinschaftsformen, deren umfangreichste man einmal die »Heimat« nannte, ist zu Ende. In ihr gab es noch einen äußerst haltbaren Kitt, der die Menschen zuverlässig in ihren Sozialbindungen hielt: die Tradition und, ihr zugrunde liegend, die Religion. So unabänderlich sie waren, so unkündbar war die Zugehörigkeit zu den alten Beziehungsformen wie Gemeinde, Stand, Sippe, Großfamilie, Familie, Ehe. Weil sie für das ganze Leben geschaffen waren, waren sie gleichsam Institutionen – mit ewiger, von Gott gegebener Gültigkeit. Jahrtausendelang waren diese starren Institutionen stärker als der eigene Wille. Doch wir haben uns aus den alten Zwängen befreit und folgen nun dem eigenen Willen. Großtante Agathe und Großonkel Wilhelm konnten noch nicht anders, wir dagegen schon.
Was man Individualisierung nennt, ist selbst schon in die Jahre gekommen. Die Gesellschaft in ihrer Breite von Grund auf verändert hat sie aber erst seit ungefähr dreißig, vierzig Jahren. Erst in den letzten Jahrzehnten sind tatsächlich die letzten übriggebliebenen Institutionen zerbrochen. Wir alle sind Zeugen ihres Verschwindens und haben meist nur noch schwache Erinnerungen an die letzten Regungen dieser Zeit. Bei manchen dürfte es in der Kindheit und Jugend noch Reste dieser Lebensform gegeben haben, ein geregeltes Familienleben, festgefügte Institutionen von Heimat. Zum Beispiel Mütter, die sich noch klaglos in ihr Rollenlos fügten, die Küchenschürze anlegten, Hausfrau waren und für zwei, meist aber drei oder vier Kinder die Mahlzeiten bereiteten. Dazu Väter, die vom Büro und vom Büroärger zum Mittagessen nach Hause kamen und stets am oberen Tischende Platz nahmen. Auch wenn vielen Kindern nicht verborgen blieb, daß in manchen dieser Elternbeziehungen nicht gerade die wahre Liebe das tragende Element des partnerschaftlichen Zusammenschlusses war – die Institutionen waren noch mächtiger als der freie individuelle Wille und schafften eine gewisse Heimatlichkeit. Dazu gehörten Kirchgänge, Reste eines kirchlich strukturierten Jahreslaufs mit seinen Festen, Verwandtschaftsbesuche, Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag, vielleicht noch der Ernteeinsatz bei Opa auf dem Bauernhof oder Äpfelauflesen im Garten der Großeltern.
 
Vielleicht sind wir Menschen des 21. Jahrhunderts die ersten, für deren Lebensführung Institutionen keinen nennenswerten Einfluß mehr ausüben. Wir sind so frei, ungebunden, autonom, wie es keine Generation vor uns je gewesen ist. Aber doch will sich das Glück nicht recht einstellen. Wir sind in eine befreite Autonomie entlassen, machen aber die leidvolle Erfahrung, daß deswegen noch lange nicht das Paradies auf Erden winkt.
Eine neue Verunsicherung hat sich unter vielen breitgemacht, die im offenen Meer der Freiheit treiben, von der Aufgabe überfordert, Bündnisse des Zwangs durch Bündnisse des freien Willens zu ersetzen. Dazu kommt ein Einsamkeitsgefühl, das ganz anders ist als die Art der Verlassenheit, die manchmal den Mensch der alten Zeit befiel. Diese neue Einsamkeit ist grundsätzlicher: eine Art existenzieller Heimatlosigkeit und gemütsbezogener Isolation. Je mehr unsere Persönlichkeit zum Durchbruch drängt und ihr Recht einfordert, um so mehr, so scheint es, verlernen wir, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wie weit die Vereinzelung fortgeschritten ist, sieht man am besten daran, wie selten es uns nur noch gelingt, uns mit einem Gemeinschaftstyp, einer Gemeinde, einem Verein oder einer Partei zu identifizieren und Zugehörigkeitsgefühle zu mobilisieren. Obwohl es eine neue Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Verwurzelung gibt, tun wir uns schwer, neue Bande zu knüpfen. Nicht weil wir nicht wollen, sondern weil es uns immer ausgeschlossener erscheint, Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft miteinander zu vereinbaren.
Das Sicherheitsnetz der alten Heimat gibt es nicht mehr. Wer nach dem Bruch keine neue Beziehungen zustande bringt, ist heute tatsächlich von Gott und der Welt verlassen.Wenn alle Stricke reißen, landen wir direkt auf dem harten Hosenboden unserer einsamen Existenz. Doch die Einsamkeitserfahrung ist heute nicht nur radikaler, sondern auch ganz anderer Art. Zogen früher einmal Einsamkeitsgefühle auf, wenn man alleine war – jenseits der Heimatgrenzen -, so sucht uns die neue Einsamkeit ausgerechnet inmitten der dichtgedrängten Masse heim, wenn wir von all denen, die uns nahe sind, nicht erkannt, nicht wahrgenommen, nicht berührt zu werden. »Sie haben keine neuen Nachrichten!« ist heute der Satz, vor dem uns vielleicht am meisten graut, vor allem wenn ihn jene künstliche Frauenstimme im Mobiltelefon ohne jeden Trost herunterbetet.
 
Die alte Welt der Heimat war eine Art emotionaler Behälter, der geliebt oder gehaßt wurde, jedoch eine Zugehörigkeitsgarantie in bestimmten Beziehungsformen mitlieferte. Der Heimat konnte man sich sicher sein, in ihr lag eine unaufkündbare Verbindlichkeit. Sie war immer beides: einmal wohlige Sicherheit und Aufgehobenheit, aber dann auch verhaßtes Gefangensein, zwanghafte Enge und miefige Nähe. Genauso dialektisch ist die Lebensform, die die alte Heimat abgelöst hat. Bestand die Gefahr der alten heimatlichen Lebensweise in der Einengung, im Eingesperrtsein und Unterdrücken des eigenen Willens, so die der neuen darin, im Meer der Möglichkeiten verlorenzugehen, einsam zu bleiben.
Obwohl beide Formen sowohl Vor- als auch Nachteile haben, scheint es doch, als schneide die neue heimatlose Autonomie besser ab als die traditionelle Lebensweise. Der Welt der alten Institutionen wohnt selbst im Idealtyp immer ein gewisses Maß an Zwanghaftigkeit und Unfreiheit inne, die beide der Preis des Schutzes sind, den sie spendet. In Gemeinschaften des freien Willens scheint dagegen beides machbar, ein Maximum an individueller Freiheit und zugleich eine Geborgenheit, wie sie die alte Heimat kannte. Was konservative Kulturkritiker bis heute nicht wahrhaben wollen: Uns modernen Existentialisten winkt nach dem Verschwinden der alten Gemeinschaftsformen tatsächlich die einzigartige Möglichkeit, der neuen Einsamkeit zu entgehen, indem wir neue Bündnisse schließen. Die Haltlosigkeit ist nicht unabwendbar. Es besteht die Chance, anstelle der alten Institutionen neue Netzwerke, neue Wahlverwandtschaften zu gründen. Das Konzept lautet mit einem Wort: Freundschaft. Freundschaft ist die Möglichkeit einer Vertrautheit, ja Geborgenheit ohne jede Zwanghaftigkeit in heimatlosen Zeiten. Sie tritt an mit dem Glücksversprechen,Verbundenheit in die moderne Welt zurückzubringen und dabei alle Zwanghaftigkeit draußen zu lassen. In ihr gelingt die Bewahrung freiheitlicher Autonomie und gleichzeitig ein Leben mit anderen, die uns schützen und verbindlich sind.
Oder trügt die Vision? Könnte es nicht auch so sein, daß am Ende die Freundschaft genauso untergeht wie die traditionellen Beziehungen, weil sie unter dem Druck der Individualisierung selbst über kurz oder lang dem Untergang geweiht ist? Vorab scheint für die Freundschaft zu sprechen: Der Drang nach Autonomie entfesselt in ihr nicht wie in den traditionellen Bindungen über kurz oder lang beziehungssprengende Kräfte. Er ist vielmehr die Voraussetzung ihres Zustandekommens. Das Wesen aller Freundschaft liegt ja in einem Sich-Gegenüber-Treten auf vollkommen gleicher Augenhöhe. Hierin unterscheidet sie sich zu traditionellen Beziehungen, in denen der Zwang oft jede Gleichheit verhinderte. Selbst im Vergleich zur erotischen Liebe wird deutlich: ein Freund oder eine Freundin kann uns Wahrheiten viel rücksichtsloser ins Gesicht sagen, die wir vielleicht unserem Lebenspartner nicht so ohne weiteres verzeihen würden. »Mein Gott, bist Du dick geworden!« oder »Deine Designerbrille sieht vielleicht Scheiße aus!« Gerade in der romantischen Liebe wollen wir nicht verletzen und verkneifen uns die letzte Ehrlichkeit. In der Freundschaft wird sie zur Tugend im Sinne einer konstruktiven Ich-Spiegelung durch den anderen.
Zu dieser schonungslosen Gleichheit kommt aber noch ein weiterer Bonus: Freundschaft ist von höchster Freiwilligkeit, noch viel freiwilliger als etwa eine Liebesbeziehung, denn die Art ihrer Loyalität kennt keine unbedingten Pflichten. Viele Bündnisse der erotischen Liebe pflegen noch immer irgendwann auch zu Gesetzes- oder zumindest Pflichtbeziehungen zu werden, wie Montaigne von den Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau meint. Nur deren Beginn sei wahrhaft frei, schreibt er in seinen Essais, während die Fortführung und Dauer oft von ganz anderem abhängig ist als von unserem Wollen. Nichts hingegen sei »so voll und ganz das Werk unseres freien Willens wie Zuneigung und Freundschaft«. In ihr gelingt die Befreiung von den alten Zwängen und Pflichten, denn nicht mehr mit wem wir zufällig geboren und aufwachsen müssen wir auf Gedeih und Verderb ein Leben lang auskommen, sondern verbunden fühlen wir uns nun den Menschen, die wir uns zur Freundschaft erwählen.
 
Leider ist es nicht so einfach. Was sich in der Theorie schlüssig anhört, stellt sich in der Praxis nicht ohne weiteres ein. Die gleiche Freiwilligkeit ist nicht nur der Segen aller Freundschaft, sondern ihre höchste Gefahr. Zwar kann man sich als Grundlage einer erfüllenden Beziehung kaum etwas so Ideales vorstellen als höchste Freiwilligkeit, aber genau darin steckt auch erhebliche Brisanz.
Gute Freunde kann man nicht trennen, sagt ein Sprichwort. Das stimmt. »Man« kann sie nicht trennen, sie sich selber aber sehr wohl. Denn in der Freundschaft gibt es kein Treueversprechen mehr, ja nicht einmal irgendeine der Treue vergleichbare Gewähr der Beständigkeit. Freundschaft bezieht ihre ganze Energie einzig aus dem Gefühl und Willen derer, die sich in ihr zugetan sind. Dieser Wille kann aber jederzeit wieder entzogen werden, keine Regel, kein Gesetz oder Vertrag zwingt ihn, länger beim anderen zu verweilen, als er Lust und Laune hätte. Freundschaft ist zwar die freieste aller möglichen Beziehungsformen, zugleich aber auch die riskanteste. Kein Wunder, wenn die Erfahrung lehrt, daß es nur wenige dauerhafte glückliche Freundschaftsbeziehungen gibt.
Sie zu pflegen ist zudem eine schwierige Aufgabe in einer Welt geworden, in der äußere Gefährdungen wie Flexibilität und Mobilität des Lebens genauso zugenommen haben wie jenes innere Effizienzdenken, für das stellvertretend der Name McKinsey steht und das längst auch unsere private Lebensführung erreicht hat – und unsere Freundesbeziehungen bedroht. Dazu kommen die gestiegenen Empfindlichkeiten unserer modernen Charaktere. Wo die Empfindlichkeit hoch ist, sind es bald auch die Erwartungen. Freundschaft erweist sich plötzlich als höchst anspruchsvolles Ideal, das viel mehr aushalten muß als früher einmal. Oft ist es zuviel, und die Erfahrung, die nur wenigen erspart bleibt, ist die Enttäuschung, daß auch Freundschaften begrenzt sind – oder sich solche Beziehungen, die man sich wünscht, nicht realisieren lassen: »Ich finde nie jemanden, der zu mir paßt.«
 
Die Aufgabe ist schwierig genug. Dennoch, das Projekt der neuen Freundschaft hat beste Voraussetzungen, ein taugliches Konzept der Lebenskunst in unserer Zeit zu werden. Denn die Hindernisse sind nicht in dem Umfang gewachsen wie die Chancen. Individualisierung bedeutet eben auch etwas anderes: einen erheblichen Zugewinn an einer individuellen Qualifikation, die der Sache der Freundschaft zugute kommt. Gemeint ist die Fähigkeit, nicht länger nur den eigenen Projektionen auf den Leim zu gehen – einer Idee des Freundes, die wir uns im Kopf zusammensetzen und die nicht unbedingt identisch ist mit der Wirklichkeit -, sondern dem anderen wahrhaft gerecht zu werden.
Dies gelingt, weil wir heute viel besser uns selbst, den anderen und schließlich alle möglichen Stimmungen und Schwingungen des Gemüts erkennen können, die es zwischen Freunden geben kann. Die Ausgangsqualifikation hat sich deutlich verbessert. Wir stehen Entwicklungen in unseren Freundschaften nicht mehr sprachlos gegenüber. Wir beklagen nicht einmal das unverhoffte Ende der einen und bejubeln das andere Mal plötzlich und unerwartet aufziehende Sternstunden der anderen, ohne daß wir wüßten, wie uns geschieht, sondern wir haben mittlerweile Zugang zu den Geheimnissen des Gelingens.Wir sind dabei zu lernen, unsere Freundschaften zu gestalten und zu lenken.
Unter diesen Voraussetzungen verspricht der Weg in die neue Freundschaft aussichtsreich zu werden. So verliert auch die bindungs- und haltlose Freiheit, in die wir entlassen sind, ihren Schrecken. Plötzlich erkennen wir, daß die neue Freiheit auch eine Freiheit zur Freundschaft ist. Wir erkennen, daß es nicht nur bedauernswert, sondern auch notwendig ist, aus den alten Zwängen herauszufallen, Schutz und Enge hinter uns zu lassen, um für das Eingehen von Freundschaften frei zu werden.
Die traditionelle Lebensweise hatte wenig Raum für wahre Freundschaft. Zuviel Verpflichtung und Zwang war in ihr. Die neue Ungebundenheit hingegen macht es möglich, jenseits aller Schuldigkeit eine ganze Freundschaft zu errichten. Erst jetzt, da Sozialbeziehungen von anderen Aufgaben entrümpelt sind, kann aus dem horror vacui, aus der Angst vor der Leere, plötzlich ein amor vacui werden, denn erst der leergefegte Freiraum der nachtraditionellen Epoche hält das Geschenk bereit, unsere Beziehungen selbst und erfüllend gestalten zu können. Freundschaft im 21. Jahrhundert bedeutet die Möglichkeit, ein altes Ideal zu verwirklichen, etwas, worüber Schöngeister jahrhundertelang nur theoretisiert haben, endlich wahr werden zu lassen. Die Hürde ist hoch, aber sie ist zu meistern. Wir haben das Zeug dazu.

Freund oder Freundchen?
»Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst ein solcher zu sein.«
 
RALPH W. EMERSON
 
 
 
 
 
 
Freundschaft ist ein großes Gefühl, das Menschen miteinander verbindet. Freundschaft bezeichnet die Welt einer Liebe. Eine Welt, nicht ganz so groß wie die Welt der romantischen Liebe, aber eine Welt mit eigener Schönheit. Bestehen die höchsten Freuden der romantischen Liebe im heißen Prickeln erotischer Gefühle, so plätschern diejenigen der Freundschaft in etwas ruhigerem Fahrwasser und reduzierterer Betriebstemperatur. Die romantische Liebe ist blind, lodernd und verzehrend, Freundschaft harmonisch, warm und kräftig. Freundschaftliche Gefühle fließen in den moderaten, aber dennoch höchst beglückenden Freuden des Hin und Her zwischen jenen, die zwischen sich die Entdeckung der Freundschaft gemacht haben. Eine gute Freundschaft ist wie ein von Könnerschaft geprägtes Ballspiel zweier talentierter Spieler, bei dem es um die Freude am Spiel, nicht um Spiel, Satz und Sieg geht: Das Glücksgefühl setzt ein, wenn der Ball wie von selbst über das Netz geht und die Ballwechsel lang, abwechslungsreich und von eleganter Hand geführt sind.

WAS IST WAHRE FREUNDSCHAFT?

Eine Freundschaft, wenn sie eine Freundschaft ist, ist immer eine echte, gute, wahre Freundschaft. Nicht alles mögliche, was landläufig darunter verstanden wird. Von der oberflächlichen Alltagsbekanntschaft zweier Kegelbrüder bis hin zur »Blutsbrüderschaft« oder immerhin der hohen, edlen Ehrenfreundschaft, wie sie die Philosophen beschrieben haben, hat man wohl noch jeder Beziehungsform das Etikett »Freundschaft« verpaßt. Tatsächlich gibt es viel mehr freundschaftsähnliche Beziehungsgebilde als »wahre« Freundschaften und viel mehr Beziehungen, die wir für Freundschaften halten, es im Grunde genommen aber nicht sind.
So wie es in Liebesbeziehungen eine Unzahl von unechten Formen gibt, so wie zwei von sich glauben, ihr Bratkartoffelverhältnis sei tatsächlich eine wahre Liebe, so unter solchen, die sich als wahre Freunde wähnen. Es gibt vielerlei Konstruktionsfehler, die eine echte Freundschaftsbeziehung unmöglich machen. Oft bleiben sie lange Zeit von den Beteiligten völlig unbemerkt und halten sie nicht davon ab, sich gegenseitig als Freunde zu bezeichnen. Tatsächlich ist es heute ein verbreiteter Jammer, wenn man Zeitgenossen von ihrer »Freundschaft« sprechen hört, die gerade einmal die schlichte Parallelität ihrer Bedürfnislosigkeit bei nicht mehr als rudimentärer gegenseitiger Grundsympathie zusammengeführt hat.
Es scheint, als gäbe es keine noch so dünnfasrige oder löchrige Verbindung zweier Menschen, keinen noch so oberflächlichen zwischenmenschlichen Kontakt, für den die Beteiligten wie selbstverständlich den Begriff der »Freundschaft« reservierten, nicht nur in Unkenntnis der wahren Verhältnisse, sondern oft auch noch in der vollen Überzeugung, daß jene Veranstaltung, die sie da unterhalten, in Wirklichkeit auch eine solche sei.Wir täuschen uns selbst nur allzu oft und wollen bisweilen auch getäuscht sein, denn wir neigen gerade in Freundschaftsdingen dazu, widersprüchliche Signale und kognitive Dissonanzen auszublenden. So gibt es hinsichtlich der Frage, wer mein Freund ist und wer nicht, tausend Mißverständnisse. Darunter wohl das erste und verbreitetste jenes, wonach ein Freund ist, wer mir nur irgendwie nahesteht oder vertraut ist.

FREUNDSCHAFT EINST UND HEUTE

Was heute als großes Mißverständnis gelten muß, will man an einem brauchbaren Freundschaftsbegriff festhalten, war es nicht immer. Tatsächlich bezeichnet der Begriff »Freund« in seinen historischen Anfängen nicht wie heute Menschen unserer Wahl, sondern zuerst ganz pauschal all diejenigen, die einander aufgrund ihrer Lebensumstände einfach nur nahestehen und sich wohlbekannt sind. Mit »Freund« kennzeichnete man in alter Zeit zuallererst die Verwandten, die Sippe, die Angehörigen des eigenen Clans, ferner die, die mit einem jene überschaubare Welt der Heimat teilten. Aber gerade nicht jene, die man außerhalb der Heimatgrenzen auf den verzweigten Lebenswegen hinzugewonnen hatte und erst von Fremden zu Vertrauten machte. Am Anfang ist ein Freund nicht mehr als ein Nichtfremder. Somit erklärt sich auch, daß der »Freund« seinem ursprünglichen Verständnis nach gar nicht so sehr das Gegenteil vom »Feind« ist, wie seit Carl Schmitts populärer These vom angeblichen Wesen des Politischen allgemein nachgeplappert wird, sondern der Freund ist zunächst nur der Gegenspieler des Fremden. Freund ist alles, was nicht fremd ist. Alle und jeder, die um uns in der vertrauten Welt der eigenen Heimat sind, sind uns in diesem Verständnis Freunde.
Das aber ist gerade das Gegenteil des heutigen Verständnisses, nach dem man den Freund ausschließlich als Kandidaten der freien Willensentscheidung empfindet und nicht als Zugeteilten durch die Zwänge von Geburt oder Tradition. Die Erfindung des Freundes als eines liebgewonnenen Fremden wird in dem historischen Moment gemacht, in dem zur Sippe als alleinigem Ort gemeinschaftlicher Glückseligkeit eine Alternative entsteht, die offenbar die herkömmliche familiäre an Attraktivität deutlich übertrifft. In der Freundschaft, die Bande außerhalb der Familie knüpft, wird ein Beziehungsmodell entdeckt, das aufgrund der Freiheit seiner Wahl eine tiefere und umfassendere innere Verbindung verspricht, als es noch die alten Formen taten.
Der Freund der Gegenwart hat sich aus dem alten Verständnis so weit emanzipiert, daß das heutige Ideal der wahren Freundschaft das krasse Gegenteil traditioneller Zwangsbekanntschaften ist. Freundschaft ist heute etwas so Edles und Schönes, weil sie von jedem Zweck und jedem Zwang befreit ist. Ein Freund ist nicht mehr einer, der zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort ist wie wir und mit dem wir irgendwie auskommen müssen. Ein Freund ist jemand, den wir zur Freundschaft erwählen. Ob er sich dann auch als ein solcher erweist und nicht nur als Kumpel, Kumpan, Kompagnon, als Kamerad, Gefährte, Genosse,Vertrauter, Begleiter,Verbündeter, Spezl, Getreuer, Intimus oder doch nur als ein guter Bekannter, hängt von vielem ab, zuallererst aber von seinen Gefühlen und seinem Willen.

EINE SACHE DES GEMÜTS

In ihrem innersten Kern ist Freundschaft eine Form der Liebe, die zwei Menschen verbindet. Sie ist eine innerliche Verbindung und hat daher ihren Ursprung im Herzen, nicht im Hirn. Sicher bezeichnet sie auch Menschen, die sich gefunden haben, weil sie empfinden, daß sich ihr Verstand in ähnliche Richtungen regt. Doch zuallererst bezeichnet sie Menschen, die sich gegenseitig angezogen fühlen, weil sie eine ihrem Gemüt entspringende Zuneigung füreinander empfinden, die ein Freundschaftsgefühl auslöst.
Ein brillanter Kopf allein sagt über Freundschaftsfähigkeit nichts aus. Wer blitzgescheit ist, aber emotional noch in der frühkindlichen Trotzphase steckt: mit einem solchen Kandidaten wird, wer eine Freundschaft schließen will, nicht viel Freude haben. In der Freundschaft ist der Verstand allenfalls ein Diener des Herzens. Seine Intelligenz ist unentbehrlich, um den Gleichklang zweier Gemütsmenschen herzustellen und zu bewahren. Gebildet braucht einer nicht unbedingt zu sein, wenn er ein guter Freund sein will, aber ohne eine gewisse Intelligenz des Herzens, eine Sensibilität in Gefühlsdingen, wird er es nicht sein können.
Wie sehr das Gefühl regiert, zeigt sich schon in der frühen Phase, in der wir entscheiden, ob einer als Freund in Frage kommt oder nicht. So wie die Antipathie einem Menschen gegenüber auch noch dann, wenn er sich uns gegenüber allerbestens aufführt, fast unabänderlich bleibt, weil wir ihn irgendwie nicht riechen können, und sich ein solches grundsätzlich ablehnendes Gefühl, wenn überhaupt, dann nur langsam verändern läßt, so ist auch die Ursympathie zu einem Menschen – oder das, was man die gleiche Wellenlänge unter Freunden nennt – ein Gefühl, das wir nicht in einen x-beliebigen Menschen hineinlegen können. Es ist einfach da, instinktiv. Und tatsächlich kann einer, dem wir wohlgesonnen sind, sich wirklich lange und ausgiebig danebenbenehmen, ja sich vollends blamieren – bis wir ihm dies tatsächlich übelnehmen würden.
Es hängt zumindest in ihren Anfängen nicht vom Beherrschen der hohen Kunst der Freundschaft ab, ob eine Freundschaft zustande kommt oder nicht. Allenfalls eine gewisse innere Bereitschaft ist nötig. Fast ausschließlich kommt es aber darauf an, das nötige Quentchen Glück zu haben, auf den Richtigen oder die Richtige zu stoßen. Der US-amerikanische Psycho-Guru Dale Carnegie hat in den fünfziger Jahren einen Bestseller geschrieben: Wie man Freunde gewinnt, eine Art Anleitung zur Freundesbeschaffung. Das war, mit Verlaub, grober Unfug. Das Glück, überhaupt einen wahren Freund zu finden, ist in hohem Grad selbst reine Glücksache.
Zu einem Freund kann sicher nur werden, wer in uns schon auf den ersten Blick ein verbindendes Gefühl auslöst. Die Chemie muß stimmen. Außerdem sollte der Freund oder die Freundin ein bißchen so wie wir sein, denn ohne Ähnlichkeit keine Sympathie – Ähnlichkeit durchaus nicht nur in den positiven Eigenschaften. Er oder sie soll aber auch ein bißchen anders sein, denn bekanntlich sind es ja die Gegensätze, die sich anziehen und ergänzen. So wie es Liebe auf den ersten Blick gibt, gibt es eine Art »Freundschaft auf den ersten Blick« – keine Verliebtheit, aber eine Art platonischer Hingezogenheit zum anderen in allen Anfängen echter Freundschaft. Das heißt aber nicht, daß alle Freundschaften so beginnen müssen. Es gibt Freundschaften, die sogar aus Rivalitäten entstehen und bei denen man sich erst lange nach dem ersten Kontakt gut zu verstehen beginnt. Aber auch dann wird die erste Phase des guten Verstehens wie auf einer Anfangswoge warmer Sympathie erlebt – und dann wohnt auch in solch einem Anfang ein gewisser Zauber.

TEILNEHMEN AM SCHICKSAL DES ANDEREN

Nach Montaigne ist eine gute Freundschaft »eine auf wechselseitigem Verständnis beruhende innige Beziehung«. Ihr wichtigstes Merkmal, so ist hinzuzufügen, ist das gegenseitiger Teilnahme. Das klingt banal und ist doch eine erste Hürde, an der viele Beziehungen scheitern, die eine Freundschaft sein wollen. Gegenseitig bedeutet ausgewogen im Hin und Her des beiderseitigen Sich-Bemühens um den anderen.Wer immer nur hofhält, den Weg zum anderen aber nie findet, ist kein guter Freund. Umgekehrt, bei guten Freunden ist die Ausgeglichenheit des Empfangens und Besuchens selbstverständlich, so sehr wie das gleichmäßige Wechselspiel von Erzählen und Zuhören, so sehr auch, wie es beim Ballspiel erst richtig Spaß macht, wenn der Ball immer wieder hin- und herfliegt. Auch über längere Zeitabstände hinweg ist es in der Freundschaft wie im Sport: Auf Heimspiel folgt Auswärtsspiel. Nicht in jedem Fall und nicht peinlich überwacht, aber insgesamt sollten sich Heimspiele und Gastspiele die Waage halten, sonst stimmt etwas nicht. Das zeigt allein schon, daß das Spiel vor heimischer Kulisse immer viel bequemer ist als der Auftritt im Gelände des auswärtigen Sportsfreundes.
Teilnahme bedeutet mehr, als nur jemanden »irgendwie sympathisch zu finden«, mehr auch als jenes »wohlwollende Desinteresse«, mit dem wir gelegentlich uns zugeneigten Mitmenschen begegnen. Teilnahme ist das Gegenteil von Unverbindlichkeit, frei nach dem Motto: »Es ist schön, dich zu treffen, macht aber auch nichts, wenn nicht.« Auch wer Teilnahme nur als lästige Angelegenheit empfindet, wer die Frage »Wie geht es dir?« nur anstandshalber oder aus Pflichtempfinden heraus stellt, scheidet von vornherein von jeder Freundschaft aus. Ein Freund ist wahrhaft interessiert am Wohlergehen des anderen, sein Teilnehmen entspringt seiner Sorge oder auch Freude, sie ist ihm niemals nur Pflicht oder lediglich Ergebnis seiner Wohlerzogenheit.
Teilnehmen bedeutet, sich nicht nur an den praktischen Problemen des anderen zu beteiligen, sondern vor allem am Gemütsleben, am Schicksal seiner Person, an seinem Leben teilzuhaben. Das ist es erst, was den Unterschied zwischen Kameradschaft und Freundschaft macht. Mit wem wir einen Abend lang Schlupflöcher bei der Einkommenssteuererklärung oder knöllchensichere Parkmöglichkeiten im Innenstadtbereich austauschen, das mag ein freundlicher Zeitgenosse sein, ein Freund ist dies nicht unbedingt.
 
Erst ganz am Ende bedeutet Teilnahme, mit hohem Interesse den Geistesblitzen eines geschätzten Menschen zu folgen, sozusagen »geistig« auf gleicher Ballhöhe zu sein. In der Freundschaft kommt es vielmehr darauf an, dem Geistreichen auch das Persönliche beizumischen. Ja mehr noch, Persönliches auszutauschen rangiert in der Bedeutung weit vor all den anderen Zutaten einer gelungenen Freundschaft. Denn genau das gegenseitige Interesse an der Persönlichkeit des anderen macht den Unterschied einer Freundschaft zum small talk unter guten Bekannten aus, zur Geschäftsbeziehung oder etwa zum akademischen Kolloquium, wo ja gerade eine Atmosphäre der Unpersönlichkeit garantiert, daß am Ende etwas Wertvolles herauskommt.