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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Was verliert man für gewöhnlich am Ende der Adoleszenz? Seine Zeit, seine Illusionen, seine Jungfräulichkeit, seine Freunde, seine Großmutter, seine Brille und seinen Geldbeutel, und, wenn es blöd läuft, manchmal auch alles zusammen. Aber die Haare …
 
Im zarten Alter von 20 Jahren klopfte das Schicksal an seine Tür: Die Haare auf seinem Kopf begannen sich zunehmend zu lichten. Vergeblich versuchte Philippe Eliakim das Unvermeidliche zu ignorieren. Doch mit den Haaren sah er auch sein Selbstwertgefühl und, schlimmer noch, seine Anziehungskraft auf Frauen schwinden. Ihn überfiel tiefe Verzweiflung. Schließlich beschloss er, den Tatsachen mit dem Mut eines Löwen ins Auge zu sehen. Wie besessen las er Bücher über Haarausfall, hielt sich über medizinische Fortschritte auf dem Laufenden und lief von einem Spezialisten zum anderen. Haarwuchsmittel? Perücke? Alle Mittel und Methoden waren ihm recht, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Selbstironisch, humorvoll und mit entwaffnender Offenheit erzählt Philippe Eliakim die Geschichte seines unaufhaltsamen Haarschwunds und wie es ihm gelang, mit seiner »unsichtbaren Frisur« Frieden zu schließen.

Autor
Philippe Eliakim ist Journalist und schrieb zunächst für »Libération« und »L’Evènement du jeudi«. Heute ist er Redakteur der Zeitschrift »Capital«.

- Für Étienne,
ohne den es diese Seiten nicht gäbe -

»Gott hat die Glatze erfunden, um die Männer demütiger zu machen.«
-Bruce Willis
 
 
 
 
 
»Das einzig Intelligente ist, sich seinem Alter entsprechend zu verhalten. Wer noch keine sechzehn ist, sollte nicht versuchen, sich eine Glatze zuzulegen.«
- Woody Allen
1
Er hieß Piper-Minus, und sein Schädel war so behaart wie ein Hühnerei. An der trostlosen Art, wie er uns die unregelmäßigen Verben wiederholen ließ, merkten wir, dass er eine doppelte Bürde trug: einen Namen zum Einschlafen und eine »Haartracht« zum Davonlaufen, sofern nicht das Umgekehrte zutraf. Aber das Leben ist schließlich nicht zum Lachen da. Nicht zuletzt litt er, weil er uns ertragen musste, eine ganze Klasse unbekümmerter Abiturienten, denen er drei Mal pro Woche ein Minimum an Bildung beizubringen hatte – ganz abgesehen von den endlosen Lehrerkonferenzen und den Klausuren, die es Sonntagabend zu korrigieren galt. An Tagen vollkommenen Überdrusses zog der Unglückliche ein kariertes Taschentuch von der Größe einer Picknickdecke hervor und wischte sich damit den Schweiß von seiner nicht enden wollenden Stirn. Dann würdigte er uns eines feierlichen »Use your brain, if any!«, eine seiner kryptischen Formeln, die – wie wir schließlich herausfanden – bedeutete: »Benutzt euer Gehirn, sofern vorhanden«. Dahinter schien ein stilles »Woran ich sehr zweifle« zu folgen, das Piper-Minus mit müdem Lächeln anfügte.
Auch er musste einst nach Glück gestrebt haben. Auch er hatte sich an die Unebenheit der Existenz geklammert, um aus seinem toten Winkel herauszukommen. Wir stellten uns vor, wie vierzig Jahre des Scheiterns, ohne Frau, ohne Freunde und Kinder ihn dünnhäutig gemacht hatten. Sicherlich käute er nun seine Einsamkeit in einer Zweizimmerwohnung in Fontenay-aux-Roses wieder, zwischen einem leeren Kühlschrank und seiner Beckett-Gesamtausgabe. Was uns nicht daran hinderte, ihm auf die Nerven zu gehen. Die Lateiner unter uns hatten ihn Piper-Jactus getauft, die andere Hälfte der Klasse, die mehr vom savoyardischen Dialekt beeinflusst war, nannte ihn »Boulaz«, was so viel bedeutete wie »Boule à Zero«, »Vollglatze«. Da Latein mich noch nie interessiert hat, schlug ich mich auf die Seite der Boulaz-Gruppe und schleuderte ihm bei jeder Gelegenheit diese Kampflosung entgegen: »Nicht so schnell, Boulaz!« Oder: »Da kapiert man ja gar nichts, Boulaz.« Immer so, dass er es hören konnte. Doch der Gag brachte uns leider nicht das ein, worauf wir gehofft hatten. Piper-Minus, der den boshaften Spitznamen mit Sicherheit kannte, nahm ihn mit dem stoischen Gleichmut eines britischen Armeeoffiziers hin und drehte sich ohne ein Wort einfach zur Tafel um. Er besaß Würde. Außerdem ging er auf unseren Spott nicht ein, weil seine Kahlheit eine unbestreitbare Tatsache war.
Genau zu dieser Zeit ging es mit meinem Haarausfall los. Bis zu diesem Zeitpunkt besaß ich ungelogen eine Haartracht, die weit attraktiver war als die des Durchschnittsschülers. Weiches, feines, verführerisches, anmutiges, seidiges Haar, das sich ganz leicht wellte, sodass darin goldene Reflexe aufschienen. Ich pflegte es, indem ich es einmal pro Woche heimlich mit Kamillenshampoo wusch. Mädchen lieben Goldreflexe, die einmal pro Woche heimlich mit Kamillenshampoo verstärkt werden. Und ich hatte noch einen anderen Vorzug, um den mich meine Kameraden ganz offen beneideten: Aus ich weiß nicht welchen anatomischen Gründen ringelten sich zwei wunderschöne Korkenzieherlocken beidseitig von den Schläfen zu den Schultern hinab, ohne dass ich irgendetwas dazu konnte. Diese haarige Besonderheit war außerdem recht widerstandsfähig. Die beiden Haarwirbel behielten ihre Lockenwicklerform sogar nach einem Platzregen bei. Wenn man vom Käppchen einmal absieht, sah ich aus wie einer jener frommen, chassidischen Juden, die sich jeden Morgen die Schläfenlocken aufdrehen, Gott zu Gefallen. Diese Tatsache trug mir gelegentlich den missbilligenden Blick einer verdutzten, alten Dame ein, vor allem, wenn ich am Sabbat rauchte oder Spiegelei mit Schinken verspeiste. Doch meine Schmachtlocken trugen mir auch so manchen Blick aus schönen Augen ein und brachten mir ganz allgemein Glück. Summa summarum: Sie taten ihren Dienst, und ich dankte dem Herrn jeden Abend dafür.
Natürlich verliert auch ein am Sabbat rauchender Jude seine Haarpracht nicht an einem Tag. Die Natur braucht Jahre, um das zu zerstören, was sie selbst gesät hat, und es kaltlächelnd in den Mülleimer zu befördern. Doch ich weiß noch genau, wann mir zum ersten Mal klar wurde, dass mein Schädel sich unweigerlich in eine kahle Wüste verwandeln würde. Es geschah an einem Winterabend. Auf die Rue Marx-Dormoy ging ein eisiger Regen nieder. Ich aber saß in meiner heimeligen Zweizimmerwohnung und löffelte einen Erdbeerjoghurt, während ich zum fünften Mal die Ursachen der Glorious Revolution des Jahres 1688 in England wiederkäute. In gewisser Weise kompensierte die cremige Milchspeise die Härte Oliver Cromwells, sodass mein seelisches Gleichgewicht nahezu vollkommen war, was keineswegs jeden Tag der Fall war. Normalerweise hatte ich eher das Gefühl, schwankenden Fußes über die Trittsteine der Existenz zu balancieren. Als ich mir einen der letzten Löffel zu Gemüte führte, spürte ich sofort einen länglichen, fadenförmigen Fremdkörper an meinem Gaumen. Bääh! Ein Haar! Ein Haar im Joghurt! Also waren die Vermeer‘schen Milchmägde doch nicht alle durch Automaten aus rostfreiem Stahl ersetzt worden? Ich ließ eine Flut wüster Verwünschungen gegen die Firma Nestlé los, denn ein Nahrungsmittelkonzern, der zulässt, dass seine Mitarbeiter die Produkte mit Proben des eigenen Haarschopfs würzen, hat unser Vertrauen nun einmal nicht verdient. Da wird mir wohl kaum jemand widersprechen. Angeekelt steckte ich zwei Finger in den Schlund und zwang meine Zunge zu langsamen Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen nach Art eines mexikanischen Leguans. Auf diese Weise erwischte ich den fremden Follikel gerade noch rechtzeitig, bevor ich ihn verschluckt hätte. Prrrppchtssss … Mit einer wütenden Bewegung schleuderte ich das Haar zu Boden, besann mich dann aber anders. Ich musste das Ding haben. Nicht um mich zu rächen – wahrscheinlich war es ja ohnehin schon halb hinüber, wenn nicht ganz-, sondern als konkretes Beweismittel. War es braun oder rot? Lang oder kurz? Gelockt oder gewellt? Fett oder trocken? Glatt oder gesplisst? Wenn ich das Gesicht der verantwortlichen Milchmagd vor Augen haben wollte, um meine Nägel in ihr Fleisch zu graben, musste ich das Haar genau unter die Lupe nehmen. Ich bückte mich also und kratzte es mit akribischem Eifer vom Teppichboden, als wäre ich ein Mitarbeiter der Spurensicherung.
Ich weiß nicht, ob sie schon einmal das Haar einer Fabrikarbeiterin auf einem granatroten Teppichboden gesucht haben. Für mich war es das erste Mal, doch es erforderte weniger Zeit als gedacht. Innerhalb weniger Sekunden hatte ich nicht nur das Corpus Delicti in der Hand, das noch von meinem Speichel glänzte, sondern fand darüber hinaus noch drei weitere Exemplare im Umkreis von nur wenigen Zentimetern. Wie waren diese wohl dorthin gekommen? Welcher Kopf hatte ihnen wohl einst als Heimat gedient? Leicht beunruhigt musterte ich die Kollektion im Schein der Wohnzimmerlampe. Hart prallte ich mit dem Kopf gegen die Mauer der Erkenntnis: Die Haare waren weder rötlich noch braun, weder gewellt noch gelockt, weder fett noch lang, weder gegelt noch parfümiert. Sie waren vielmehr blond und hatten zarte, kamillengepflegte Reflexe.
So also klopfte das Schicksal an meine Tür.
Sie glauben mir vielleicht nicht, doch genau so hat sich das alles zugetragen. Vielleicht war der Regen etwas zu stark für die Jahreszeit. Doch kein Donnerschlag zerriss die Nacht. Kein Hund von Baskerville durchbrach die Stille mit seinem schaurigen Geheul. Nicht einmal die Vorhänge blähten sich im Zimmer, aus dem einen einfachen Grund: Es zog nicht. Nach zwei Jahrzehnten loyaler Dienste ging mein Leben holterdipolter den Bach hinunter, und die Elemente nahmen nicht einmal Notiz davon. Sogar die Concierge, die an solchen trüben Nachmittagen gewöhnlich unablässig geiferte, schien sich einen Spaß daraus zu machen, diese entscheidenden Minuten meines Lebens mit Schweigen zu begleiten, was nur eines bedeuten konnte: Sie beobachtete mich. Wie angewurzelt stand ich mit meinen vier Haaren unter dem Lampenschirm und musste mich alleine dieser zweifachen Erkenntnis stellen, die mich für den Rest meines Lebens prägen sollte: Erstens, dass ich ein Schweinehund war, weil ich einen ehrbaren multinationalen Konzern beschimpft hatte. Was wiederum bedeutete, dass ich niemals würde Wirtschaftsjournalist werden können (höchstens vielleicht im Fernsehen). Und zweitens, dass mir die Haare in rauen Mengen ausfielen.
Was verliert man gewöhnlich am Ende der Pubertät? Seine Zeit, seine Illusionen, seine Jungfräulichkeit, seine Freunde, seine Großmutter, seine große Liebe, seine Brille, seinen Geldbeutel, manchmal alles auf einmal, wenn es blöd läuft. Aber seine Haare! Und nun sage mir niemand, dass dies das beste Alter ist, um seine Haare an einem nasskalten Winterabend auf einem granatroten Teppichboden in der Rue Marx-Dormoy versammelt zu finden. Von meiner Entdeckung tief erschüttert krabbelte ich auf allen vieren durchs Zimmer und betete darum, dass ich mich getäuscht haben möge, doch ich sammelte innerhalb weniger Minuten eine ganze Handvoll meiner Haare ein, die sich in kleinen Büscheln sogar unter den dunkelsten Ecken des Waschbeckens verbargen. Mein Kopfkissen war mit Haaren übersät, meine Jacke damit gesprenkelt. Sie hatten ihren Weg sogar in den Abwasch gefunden, wo sich in einer schmutzigen Kasserolle Spaghetti mit verdächtigen fadenförmigen Elementen zu balgen schienen. Lieber Himmel! Das musste schon seit Wochen so gehen. Eine winzige Guillotine säbelte mir heimlich das Haarkleid ab. Winzige Stücke von mir verabschiedeten sich, um fröhlich und frei im Morgenlicht durch die Welt zu schweben, ohne dass sich auch nur eines die Mühe gemacht hätte, mir Bescheid zu geben. Gut, es war nicht der Wundbrand, man sollte ja nicht übertreiben: Es war viel schlimmer, eine systematische Zerstörung meiner Verführerattribute, eine allmähliche Kastration von oben, durchgeführt mit der Präzision eines chinesischen Folterknechts, die Sense auf dem Kopf und den Tod im Herzen. Was sollte denn ohne meine falschen Rabbinerlocken aus mir werden? Ich stürzte zum Spiegel, um meinen Kopf auf erste sichtbare Schäden der organisierten »Entlaubung« zu überprüfen: nichts. Noch nichts. Doch schon bald würde mir die Abwesenheit meiner Haare zweifellos grausam ins Auge stechen. Ich würde mir mitten in der Synagoge einen ganzen Schinken hinter die Kiemen stopfen können, ohne dass jemand sich darüber aufregte. Und um das Interesse der Mädchen zu wecken, würde ich vermutlich den Hundertmeterlauf auf dem Bauch gewinnen müssen. Das Nichts begann mich zu verschlingen. Ich war dem Untergang geweiht.
Wenn einem der Himmel auf den Kopf fällt, gibt es zwei Möglichkeiten zu reagieren. Die erste besteht darin, so zu tun, als wäre nichts, und »An der schönen, blauen Donau« pfeifend so weiterzumachen wie bisher, um die Leute hinters Licht zu führen. Die meisten halten dies zwar für feige, womit sie womöglich sogar Recht haben, doch wenn man durchhält, ist diese Methode höchst effektiv. Sehen Sie, Probleme sind wie Menschen: Wenn man sich nicht um sie kümmert, werden sie sauer und ziehen kleinlaut ab. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die Seiltänzer, die im rosa Tutu über den Wolkenkratzern von Manhattan Menuett tanzen, es anstellen, dass sie nicht abstürzen? Wie die Alpinkletterer, die sich mit bloßen Händen in einer Steilwand festkrallen, schließlich doch heil und ganz auf dem Gipfel landen? Diese Fragen können Ihnen nur Menschen beantworten, die nie nach unten geblickt haben … Ich möchte noch hinzufügen, dass die Strategie der geschlossenen Augen genauso wie Sekundenkleber universell anwendbar ist und allen Echsenarten bis hin zu den Sauriern gute Dienste geleistet hat. So hat eine meiner besten Freundinnen zum Beispiel durch gerade einmal dreißig Jahre hochmütiger Nichtbeachtung eine riesige Warze beseitigt, die mitten auf ihrer Nase thronte. Ungelogen.
Die zweite Methode für den Umgang mit Sorgen beruht auf einer weit männlicheren Strategie: Sie besteht darin, sich vor dem Gegner aufzubauen, ihn mit vorgerecktem Kinn herauszufordern und ihn schließlich in die Seile zu drängen. Diese Taktik à la Rudyard Kipling, die von Formel-1-Fahrern und Werbefachleuten von Nike auf die Spitze getrieben wurde, eignet sich für Ritter und sonstige kühne Recken gleichermaßen. Sie führt unweigerlich zur Katastrophe, denn die Widrigkeiten des Lebens sind immer stärker als wir, vor allem wenn sie die oberen Regionen unserer Persönlichkeit mit Enthaarungsmittel attackieren. Ich aber war kein Feigling. In meinem Herzen schlummerte der Mut eines Löwen. Und so wählte ich ohne zu zögern den direkten Weg, um mit meiner Kahlheit fertig zu werden.
Seit diesem Tag wurde mein ganzes Leben paradoxerweise zu einer haarigen Angelegenheit. Ich las Bücher über den Haarausfall, nahm Theorien auseinander, hielt mich über medizinische Fortschritte auf dem Laufenden und lief von einem Spezialisten zum nächsten. Ich wollte meinen neuen Feind genau kennenlernen, seine Geheimwaffen einschätzen können, seine Verteidigungslinien durchbrechen, seine Fallgruben ebenso offenlegen wie seine Achillesfersen. Ich habe gelernt, dass der Haarfollikel aus bizarr ineinander verschlungenen Strängen verschiedener Aminosäuren besteht, dass er sich von einem rundlichen Organ namens Talgdrüse ernähren lässt und dass er nur teilweise lebendig ist, dieser Heuchler. Während es in seinem unterirdischen Teil von einer Vielzahl arbeitsamer Zellen und Blutgefäße wimmelt, besteht der in die Luft ragende Teil schlicht und einfach aus Horn. Ich fand heraus, dass der normale Mensch zwischen einhundert- und einhundertfünfzigtausend Haare besitzt, was an sich schon einen hübschen Schopf gibt, dass aber aus noch unbekannten genetischen Gründen der durchschnittliche Afghane etwa zwanzig Prozent mehr Haare unter seinem Turban hat als der gewöhnliche Weltenbürger. Nachts träumte ich davon, über die Steppen Afghanistans zu galoppieren, während meine wilde Mähne im Wind flatterte.
Tagsüber zeigte meine Besessenheit weniger stürmische Züge. Wie ein Vermessungsingenieur zählte ich alle Kahlköpfigen, die mir begegneten, und trug das Ergebnis meiner verrückten Volkszählung Abend für Abend mit kleinen, krakeligen Buchstaben in ein Heftchen ein, das ich im Schuhschrank versteckte. Ich wollte mich schließlich von meinen Freunden nicht erwischen lassen. Um meinem etwas abartigen Bestreben wenigstens den Anschein der Wissenschaftlichkeit zu verleihen (ich hatte meine Würde noch nicht ganz verloren), teilte ich die Entblößten nach dem Ausmaß ihrer Unbehaartheit sozusagen in zoologische Kategorien ein. Und so fanden sich in meinem geheimen Notizbuch drei Spalten: die Heuchler, die noch kaum betroffen waren, aber, wie man an ihren angstvollen Augen ablesen konnte, vom Verlust bereits innerlich zerstört und unweigerlich einer völlig kahlen Zukunft geweiht waren; die Halbkahlen, die schon eine ordentliche Landebahn für Insekten kleinerer Spannweite boten, beispielsweise für Mücken, Moskitos, vielleicht sogar Marienkäfer; und dann die großen Kahlen, deren glänzendes, von jeder Art von Dickicht befreites Hinterhaupt auch des Nachts risikolos ganzen Scharen von silberflügeligen Nachtfaltern oder gut entwickelten Maikäfern Platz bot.
Nur Letztere (die großen Kahlen) interessierten mich wirklich. Sie waren in gewisser Weise der Schlussstrich unter den Haarausfall, der absolute Nullpunkt der männlichen Haarpracht und gleichzeitig ein Objekt philosophischer Spekulation. Wie schafften es menschliche Wesen, unter der Bürde einer derartigen Abwesenheit den aufrechten Gang zu bewahren? Es war kaum zu glauben. Obwohl ich an manchen Vormittagen gut dreißig dieser Exemplare begegnete, die alle sehr viel älter waren als ich und ausgesprochen hässlich noch dazu, sah ich keinen, der nicht aufrecht ging, der nicht trotz allem dem Leben ein Lächeln zuwarf. Ein Phänomen, dem ich vollkommen verständnislos gegenüberstand. An solchen Tagen, an denen mir viele vollkommen Kahle begegneten, war ich trotz alledem ein bisschen weniger verzweifelt als gewöhnlich. Meine Hölle sah von weitem betrachtet zwar schrecklich aus, doch wenigstens würde ich nicht alleine auf dem Rost braten.
Gelegentlich geschah es auch, dass ich von meiner Manie abließ, um mich anderen Dingen zu widmen. Ja, ja, die flatterhafte Jugend … Ich spielte den Hofnarr bei irgendwelchen bürgerlichen Festen mit bezaubernden Dämchen auf sehr hohen Absätzen. Ich marterte meinen Bizeps bei Tennispartien mit wesentlich stärkeren Partnern. Ich machte endlose Spaziergänge an den Stränden der Ile de Ré, den Kopf in den Wolken, die Mähne im Wind. Mit dem, was ich auf dem Kopf trug, konnte man immerhin noch etwas anfangen, das musste man ausnützen. Außerdem musste ich fürs Examen büffeln, das war der unabdingbare Grundstein für meine künftige Karriere als Fernsehjournalist, die das bevorstehende Unglück ohnehin bereits zunichte zu machen drohte. Doch diese nicht-haarigen Ausflüge ins Leben dauerten selten lange an. Wie einen Ball an einem unsichtbaren Gummifaden holten bestimmte Dinge mich immer wieder auf den Boden der fallenden Tatsachen zurück: ein Blick in den Toilettenspiegel; ein alter Kamm, den jemand im Zug vergessen hatte; meine Philosophie-Aufzeichnungen, auf denen sich vier bis fünf Mal pro Stunde mit der Grazie eines fallenden Herbstblattes eines meiner blonden Anhängsel niederließ, um einem der tintenblau betauten Buchstaben noch ein Häkchen hinzuzufügen.
Doch von all diesen Ordnungsrufen des Schicksals waren die Nachmittage in Boulaz‘Englischunterricht das Schlimmste. Boulaz … einst trennten uns Welten. Er stand auf der Verliererseite des Lebens, während ich mich anschickte, auf der Sonnenseite Karriere zu machen. Das war ungerecht, aber nicht zu ändern. Es war unendlich gemein, aber nicht zu ändern. Ein gewaltiges Unrecht der Natur. Boulaz – das Glück wird nun einmal ebenso zufällig verteilt wie die Karten im Spiel und lässt die Menschen auf dem schwankenden Teppich des Lebens durcheinanderrollen wie Postpakete. Was konnte ich dafür, dass der Große Weltenlenker auf deinem Haupt Unkrautvernichtungsmittel ausgebracht und meines verschont hat? Pech gehabt! Nun aber stand zwischen Boulaz und mir nur noch die Zeit. Er war mir ein wenig voraus, was deutlich sichtbar war, aber auch ich hatte den Weg bereits beschritten. Ich ging hinter ihm her, sein entblättertes Hinterhaupt immer im Visier. Schwitzend, schwer atmend, aufstoßend, ächzend lief ich hinter ihm her. Hörst du mich in deinem Rücken hecheln, Boulaz? Fühlst du, wie ich atme, so wie einst du geatmet hast? Wie ich stöhne, so wie einst du gestöhnt hast? Ich bin dein Bruder, Boulaz, dein anderes Ich, deine Abwesenheit, deine Wunde, dein dünnes Tintenblut.

»Was machen Sie, um Haarausfall aus dem Weg zu gehen?« »Ich mache einen Schritt zur Seite.«
- Groucho Marx
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Ich höre, dass man sich hinter meinem Rücken über mich lustig macht. Drei Haarsträhnen weniger auf dem Vorderkopf, er wird doch deshalb keinen Aufstand machen, der Blödmann! Wäre er dazu noch missgebildet und kleinwüchsig wie Toulouse-Lautrec, hätte er eine rüsselartige Nase wie Hatschi oder Brummbär, oder hätte er einfach bei den Präsidentschaftswahlen verloren wie einst Valéry Giscard d’Estaing, dann könnte man allenfalls noch mit seinem Gejammer Mitleid haben. Aber einfach nur glatzköpfig! Und das noch nicht einmal richtig, soweit wir wissen, erst auf dem Weg dorthin, und schon so ein Jammerlappen, was findet der Westen nicht alles zum Heulen, das fragt man sich schon. Soweit man weiß, ertragen Millionen andere seit Jahrhunderten diesen Nadelstich der Natur mit Würde, hocherhobenen Hauptes und mit grimmigem Blick, und sie spielen sich nicht als großer Zampano auf, um sich von ihrer Leere zu befreien …