Inhaltsverzeichnis
Überlasse alles dem wahren Selbst und schau!
Das ist wahre Meditation.
Vorwort
Ich kam zum ersten Mal nach Südkorea im November 1973. Damals war ich gerade als stellvertretender Generaldirektor zur Internationalen Atombehörde der Vereinten Nationen nach Wien berufen und wurde gleich beauftragt, nach Südkorea zu reisen, da man dort mit dem Aufbau der ersten Kernreaktoren begann. Als sich mein Flugzeug Seoul näherte, wurde mir klar, dass ich über das Land, das ich jetzt besuchte, kaum mehr wusste, als dass es geteilt war (wie damals auch Deutschland) und dass es einen schweren Krieg hatte erdulden müssen.
Zu jener Zeit kannte ich einen einzigen Koreaner, der drei Jahre in meinem Universitätsinstitut in Hannover gearbeitet hatte und dann dort seinen Doktorgrad erhielt. Jetzt empfing er mich am Flughafen, und in den nächsten Tagen lernte ich dank der typischen Gastfreundschaft der Koreaner noch ein paar Dutzend Menschen kennen. Wie mein früherer Doktorand waren sie fast alle Buddhisten. Einige von ihnen waren Physikprofessoren wie ich. Wir diskutierten die Frage, wie weit die Wissenschaft in der Lage wäre, auch das Wesen des Menschen mit ihren Mitteln zu erklären. Einer von ihnen meinte, dass man dazu wohl etwas anderes brauche als Physik, Chemie und Biologie. Er kenne eine berühmte buddhistische Lehrerin, die zehn Jahre lang völlig einsam in der Wildnis gelebt hätte und jetzt mehr über den Kern des Menschen, über das »Ich« wisse als irgendein Wissenschaftler. Sie lebe mit einer großen Zahl von Schülern in einem Tempel in Anyang, nicht weit von Seoul entfernt.
Dann hatte ich das große Glück, dass die Tochter eines meiner neuen Freunde als Sekretärin bei der US-Army arbeitete. Sie würde mir vielleicht als Dolmetscherin helfen können, wenn ich den Tempel in Anyang einmal besuchen wollte. Die Gelegenheit dazu ergab sich bei einer weiteren Dienstreise nach Korea im Frühjahr 1974.
Als ich bei diesem Besuch die erwähnte Dolmetscherin – sie war eine regelmäßige Besucherin des Hanmaum-Zen-Zentrums in Anyang – kennenlernte, war ich überrascht von der Ruhe und Ausgeglichenheit dieser jungen Frau. Sie meldete mich bei der Leiterin des Zentrums, der berühmten Lehrerin Daehaeng Kunsunim, an, und so stand ich an einem Vormittag ein wenig aufgeregt vor der Tür des Raumes, in dem Daehaeng Kunsunim gerade einigen Nonnen Unterweisungen gab.
Das Gefühl, das ich dann hatte, als ich ihr gegenüberstand, lässt sich schwer beschreiben. Hatten schon vorher die Dolmetscherin und die anderen Mönche und Nonnen diese eigentümliche Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt, so war mir jetzt sofort bewusst, dass ich mich nun an der Quelle von alledem befand. Kein äußerer Schmuck und Prunk, der sich in diesem Raum befunden hätte, trug zu der unbeschreiblichen Güte und Würde bei, die man an dieser Frau spürte. Ihre Haltung im Lotussitz war gänzlich entspannt und natürlich, ebenso ihr Sprechen, von dem ich zunächst leider nur den Klang der Stimme vernahm, das mir dann aber übersetzt wurde.
Sie begrüßte mich ganz ungezwungen und freundlich und fragte mich nach meiner Tätigkeit in Korea und auch nach meinem Zuhause in Deutschland. Bei den meisten Menschen dauert es einige Zeit, bis man sich gegenseitig ein wenig kennengelernt hat. Daehaeng Kunsunim aber scheint vom ersten Augenblick an genau zu wissen, wen sie vor sich hat, und so fühlte ich mich verstanden und innerlich irgendwie erwärmt.
Ich musste an meine Begegnungen mit sogenannten Gurus denken, die ich gelegentlich in Indien gehabt hatte. Welch ein himmelweiter Unterschied zwischen der Gespreiztheit und angemaßten Würde einiger dieser Leute und der Schlichtheit und Natürlichkeit dieser Frau. Sie ließ durch eine Nonne Obst und koreanisches Gebäck hereinbringen und für mich einen gemütlichen Sitz herrichten. Ich glaube, ich habe fast eine Stunde bei diesem ersten Besuch bei ihr zugebracht, und verließ sie in einer glücklichen, gelösten Stimmung.
In den folgenden Jahren bin ich noch mehr als dreißigmal nach Korea gereist und habe Daehaeng Kunsunim, wenn sie nicht gerade außerhalb Anyangs weilte, jedes Mal besucht. Für mich ist diese einzigartige Frau der Inbegriff des koreanischen Buddhismus geworden.
Prof. Dr. Hellmut Glubrecht
Gründungsdirektor des Instituts
für Solarenergieforschung Hameln-
Emmerthal ISFH
1.
Der Gelehrte und der Regent
Ein kleiner Gelehrter vom Lande kam zum Palast von Dae-Uon Gun, dem mächtigsten Herrscher jener Zeit. Der Gelehrte, der über eine Seitenlinie mit dem Herrscher entfernt verwandt war, hegte schon lange den Wunsch, seinen berühmten Verwandten einmal direkt zu begrüßen. Einige Jahre waren ins Land gezogen, bis er die notwendigen Mittel zusammengespart hatte, aber schließlich war es so weit, und er machte sich auf in die Hauptstadt. Nach tagelangem Marsch endlich beim Palast angekommen, wurde er jedoch aufgrund seines ärmlichen Aussehens nicht zu Dae-Uon Gun vorgelassen. Stattdessen führte man ihn zum Quartier für das niedrige Gesinde und hieß ihn dort warten, bis er gerufen würde. Mehrere Tage vergingen, ohne dass etwas geschah. Trotz solcher Missachtung harrte der kleine Gelehrte geduldig aus. Unbedingt wollte er seinen großen Wunsch erfüllen und den Regenten begrüßen.
Endlich kam das Zeichen der Palastwache. Rasch ordnete der Gelehrte seine Kleider. Dann begab er sich festen Schrittes zu Dae-Uon Gun und warf sich, wie es der Sitte entsprach, dem Regenten zu Füßen. Obwohl er sich mit aller Hingabe niederwarf, schenkte ihm der Regent jedoch keinerlei Beachtung. Vielmehr unterhielt er sich mit einem Diener an seiner Seite über Palastangelegenheiten, ohne seinen von weither gekommenen Untertan auch nur einmal anzusehen. Daher warf sich der Gelehrte abermals nieder. Im gleichen Moment schrie Dae-Uon Gun ihn an: »Seht diesen Kerl hier! Er wirft sich zweimal vor mir nieder, als ob er einen Toten begrüßen würde!« Der Regent brüllte, dass die Wände erzitterten. Augenblicklich wurde es so still im Saal, dass man ein Reiskorn hätte fallen hören. Jeder der Anwesenden wusste, dass man sich nur einmal niederwarf, um einem lebenden Menschen Ehre zu erweisen, der Buddha hingegen mit drei Niederwerfungen geehrt wurde. Zwei Niederwerfungen aber galten einzig und allein dem Zweck, die Toten zu ehren.
Nun befand sich der Gelehrte in einer äußerst heiklen Situation. Die Ordnung am Hof zu stören, galt als schweres Vergehen, und mancher Unglückliche hatte ein Fehlverhalten schon mit seinem Leben bezahlt. Doch ohne in Bedrängnis zu kommen, versuchte der Gelehrte freimütig lächelnd dem Regenten sein Verhalten zu erklären: »Erlauchter Herr! Ihr schient so beschäftigt, nur deshalb habe ich mich zweimal niedergeworfen. Mit der ersten Niederwerfung wollte ich Euch begrüßen. Mit der zweiten wollte ich mich von Euch verabschieden. Warum seid Ihr so wütend auf mich?« So sprach der unscheinbare Gelehrte vom Land. »Darf ich mich nun entfernen? Mögt Ihr in Frieden leben!« Damit ging er.
Wie vor den Kopf geschlagen blieb der Regent zurück. Nach kurzem Nachdenken gab er den Befehl, den Mann zurückzuholen. Bald darauf stand der Gelehrte wieder vor dem Thron und verbeugte sich erneut. Mit blitzenden Augen musterte ihn der Regent von oben bis unten, dann fuhr er ihn lachend an: »Ho, ho, ho, du Schurke! Glaubst du wirklich, ich hätte nicht bemerkt, dass du dich zweimal verbeugt hast? Und dann besitzt du sogar die Frechheit, mich anzuschwindeln, um das Blatt für dich zu wenden …« Prüfend schaute er dem Gelehrten in die Augen. »Wenn ich aber sehe, wie kühn und ruhig du geblieben bist, so scheinst du mir ein rechter Mann zu sein. Ein Mann, der auch etwas Großes und Aufrechtes zustande bringen könnte. Ich berufe dich zum Ausbilder meines Heeres in deiner Heimatprovinz. Bitte sei meinen Soldaten ein guter und weiser Anführer!«

Ist dieser Gelehrte nicht mutig, ist er nicht weise? Genau wie bei dem Gelehrten kann auch unsere Einsicht plötzlich hervorbrechen, und auch wir können Weisheit erlangen. Um das zu erreichen, müssen wir an unseren Ursprung glauben. Äußerlich betrachtet gibt es Mann und Frau und spielen wir unterschiedliche Rollen. In unserem Ursprung aber gibt es nicht Mann und Frau. Selbst wenn der Buddha direkt vor mir erschiene, muss ich wissen, dass im Ursprung der Buddha und ich nicht zwei sind. Dann können wir jeder Situation gelassen, kühn und ruhig entgegentreten. Wenn der Glaube an den eigenen Ursprung unerschütterlich ist, kann man alles loslassen. Wenn man alles loslässt, wird alles eins, geschieht unser Tun in Gelassenheit und fließt alles in Harmonie.
Entschlossenheit, die vor nichts zurückweicht,
führt dich zur Weisheit.
2.
Die ehrenhafte Schwiegertochter
Ein Junge lebte allein mit seiner alten Mutter zusammen. Die hatte schon früh ihren Mann verloren und viele Jahre ihre ganze Kraft und Liebe der Erziehung ihres Sohnes gewidmet. Der Junge liebte und ehrte seine Mutter sehr.
Als die Zeit gekommen war, wurde von seinen Verwandten eine Frau für ihn gesucht, und er heiratete. Bald nach der Hochzeit aber stellte sich heraus, was für ein enges Herz seine Frau hatte. Sie dachte nur an ihren eigenen Vorteil und behandelte seine Mutter sehr schlecht. Wenn er draußen auf dem Feld war, ließ sie die Schwiegermutter ihre ganze Verachtung spüren und gab ihr kaum etwas zu essen. So kam es, dass die alte Frau abmagerte und unter ihrer Schwiegertochter sehr zu leiden hatte.
Dem Sohn tat es im Herzen weh, seine Mutter so leiden zu sehen. Wieder und wieder betrachtete er die Situation in seinem Inneren und suchte nach einer Lösung. Als er eines Tages aus der Stadt zurückkam, wo er seine Ernte verkauft hatte, sagte er zu seiner Frau: »Liebling, heute auf dem Markt habe ich gesehen, wie Leute ihre Mütter verkauften. Für eine wohlgenährte und gesunde Mutter wurden mehr als eintausend Nyang bezahlt. Eintausend Nyang! Das ist wirklich viel Geld. Wie wäre es, wenn wir meine Mutter die nächsten drei Jahre mästen, um sie dann gut genährt und kräftig für gutes Geld zu verkaufen?«
Die gierige und selbstsüchtige Frau war mit dem Vorschlag sofort einverstanden. Um einen möglichst guten Preis zu erzielen, kochte sie fortan die leckersten Speisen und tat alles, was der Gesundheit der alten Frau zuträglich war. Mit ganzem Einsatz bemühte sie sich um das Wohlergehen ihrer Schwiegermutter.
Bei dieser hingebungsvollen Pflege kam die Schwiegermutter bald wieder zu Kräften. Schon nach wenigen Monaten war ihre Gesundheit wieder hergestellt. Häufig sah man sie nun mit ihrem Enkelkind auf dem Rücken spazieren gehen, und jedem, der es hören wollte, erzählte sie gerne und ausführlich, wie liebevoll sich ihre Schwiegertochter um sie kümmerte. So kamen mehr und mehr Geschichten über die Schwiegertochter in Umlauf, und im Laufe der drei Jahre verbreitete sich ihr Ruhm zunächst in der Nachbarschaft, dann über die Grenzen des Dorfs hinaus, um schließlich sogar dem Bezirksvorsteher zu Ohren zu kommen. Der war von dem, was er hörte, so beeindruckt, dass er eine Pagode errichten ließ, in deren Inschrift das Verhalten der Schwiegertochter als ein Vorbild der Selbstlosigkeit und Tugend vor allen gelobt und geehrt wurde.
Nun hatte die Schwiegertochter ihre Schwiegermutter anfangs nur aus Geldgier so hingebungsvoll gepflegt. Durch das tägliche Sorgen für einen anderen Menschen und die von Herzen kommende Dankbarkeit der Schwiegermutter waren aber in den drei Jahren ihre Gier und Selbstsucht langsam gewichen. Der Anblick der Pagode ließ die zu eng gewordene Schale ihres Herzens endgültig aufbrechen. Tränen der Reue stürzten aus ihren Augen, und sie fasste in sich den großen Entschluss, wahrhaftig zu jenem Menschen zu werden, von dem die Pagode kündete.

Alle Wesen kommen aus dem Ursprung. Im Ursprung sind wir mit allem verbunden und leben in Einheit. Um diesen unermesslich kostbaren Schatz in uns zu entdecken, bedarf es unserer ganzen Bemühung. Wie der Ehemann in der Geschichte müssen wir weise sein, wie seine Frau müssen wir uns mit Blut, Schweiß und Tränen bemühen. Wenn wir uns auf diese Weise einem hohen Ziel widmen, werden wir schließlich unser wahres Selbst erkennen und die grenzenlose Energie erfahren, die uns mit allem verbindet.
Glück wird von uns selbst geschaffen; es wird nicht von außen gegeben.
3.
Die Prüfung
Es war in der Zeit der Choson-Dynastie, Koreas letztem Königreich. In der Provinz nahm ein Gelehrter Abschied von seiner Familie und machte sich auf den Weg in die Hauptstadt Hanyang, um dort an der königlichen Beamtenprüfung teilzunehmen. Nachdem er den ganzen Tag in brütender Sommerhitze marschiert war, kam er, hungrig und erhitzt, an einem Gasthaus vorbei. Da er dringend eine Rast benötigte, ging er hinein, setzte sich auf eine Bank und holte seinen Geldbeutel aus der Brusttasche, um etwas zu bestellen. In diesem Moment fiel ihm plötzlich seine Frau ein.
In den vielen Jahren, in denen er von der Prüfungsvorbereitung völlig in Anspruch genommen war, hatte sie nicht nur die Familie versorgt, sondern trotz ihrer adligen Abstammung auch in anderen Haushalten geputzt, gekocht und genäht. Ihr geringer Lohn unterhielt sowohl ihre kleinen Kinder als auch die alten Schwiegereltern.
Obwohl der Mann immer noch nicht begreifen konnte, wie das möglich gewesen war, hatte sie es sogar geschafft, nach und nach das Reisegeld für ihn zusammenzusparen. Sie hatte unendliche Mühsal auf sich genommen, damit er an der Beamtenprüfung teilnehmen konnte, und dem Gelehrten war das wohl bewusst.
Ein Gefühl großer Dankbarkeit überkam ihn. Zugleich aber spürte er mit einem schmerzlichen Stich im Herzen das innige Bedürfnis, seine Frau um Verzeihung zu bitten. Trotz seiner größten Bemühung war er nämlich schon mehrmals bei der berüchtigten Prüfung durchgefallen, und der Gedanke, was er ihr alles aufbürdete, ließ seinen Kopf schwer nach unten sinken. »Ich mache dieses Examen doch nicht aus Selbstsucht, warum ist mein Herz nur so schwer?«, unwillkürlich wanderten seine Gedanken zu dem Punkt zurück, an dem er den Entschluss gefasst hatte, Beamter zu werden.
Zu jener Zeit war das Leben des Volkes unsagbar mühselig und leidvoll. Mehrere Jahre nacheinander war das Land von Dürren und Überschwemmungen heimgesucht worden, sodass die Menschen Hunger litten. Zudem plünderten korrupte Beamte die ihnen unterstellten Menschen, wo sie nur konnten, obwohl jene ohnehin schon um das Überleben kämpften. Im ganzen Land gab es keinen Ort, der nicht von Kummer und Wehklagen erfüllt gewesen wäre.
Das Leiden des Volkes zerriss dem Gelehrten beinahe das Herz. In seiner damaligen Position aber sah er keinerlei Möglichkeit, wie er helfen konnte. Diese Ohnmacht hatte einen festen Vorsatz in ihm reifen lassen: »Ich will Beamter werden, um dem Volk zu helfen. Als Beamter kann ich endlich etwas gegen Armut und Unrecht unternehmen. Ich muss unbedingt das Examen bestehen!«
Mit den Gedanken an seine Frau und das Leiden der Menschen gewann der Gelehrte seine Entschlossenheit zurück. Er straffte seinen Körper und richtete sich wieder auf. »Ich bin bereit, für diese Prüfung mein Leben zu geben«, dachte er, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. In diesem Moment betrat ein ärmlich gekleideter alter Mann das Gasthaus. »Ach, meine Beine! Warum ist es heute nur so heiß?« Ächzend machte der Alte Anstalten, sich neben dem Gelehrten auf die Bank zu setzen. Der wischte rasch seine Tränen ab und machte ihm Platz. »Wohin bist du unterwegs?«, fragte ihn der Alte, und als der Gelehrte antwortete, er sei auf dem Weg zur Hauptstadt, um dort das königliche Examen abzulegen, sprach der Alte weiter: »Wenn das so ist, dann solltest du hier hineinschauen.« Mit diesen Worten gab er ihm ein altes, abgegriffenes Buch.
Als der Gelehrte aber das Buch aufschlug, sah er nur unbeschriebenes, weißes Papier. Höchst erstaunt blickte er zu dem alten Mann auf, aber der war spurlos verschwunden. Hellwach geworden wandte er sich nun erneut dem Buch zu. Obwohl kein einziges Schriftzeichen darin zu sehen war, betrachtete er in höchster Konzentration die weißen Blätter, gerade als ob er die schwierigsten Sutras studieren würde. Lange saß er regungslos so da, dann schlug er sich plötzlich auf die Schenkel: »Ach, das ist es! Es gibt nicht einmal Eines! Deshalb kann sowohl Rundes als auch Gerades geschaffen werden, und deshalb kann auch das Ganze gefüllt werden. Wenn ich dort die Mitte aufrichte, dann kann ich das Ganze bewegen!«
Sorgfältig verwahrte er das Buch und machte sich mit leichtem Herzen wieder auf den Weg. Endlich in Hanyang angekommen, begab er sich direkt an den Hof, wo die Prüfung abgenommen wurde, und setzte sich. Das Examen bestand darin, ausgehend von einem einzigen Schriftzeichen ein Gedicht zu verfassen. Für diesen Tag war das Schriftzeichen »Weiß« vorgegeben. Der Gelehrte dichtete über das, was er erkannt hatte, als er in dem Wirtshaus das Buch anschaute: das Gesetz, nach dem die Welt sich dreht. Er bestand das Examen als Bester und wurde später geheimer Gesandter des Königs.

Unreife Bohnen kann man kaum aufbrechen, aber reife Bohnen kommen schon bei einer leichten Berührung wie von selbst heraus. Weil sein Studium wie eine reife Bohne war, genügte ein leeres Blatt, um die Augen des Gelehrten zu öffnen. Wir alle sollten uns auf diese Weise üben und den geistigen Weg gehen.
Es gibt in der Welt zahlreiche Bücher und Worte von erleuchteten Meistern, aber wer auf seinem eigenen Weg noch nicht so weit gekommen ist, für den bleiben diese nichts als Bücher und Worte. Ein solcher Mensch kann nicht einmal das Geschriebene richtig lesen, vom Ungeschriebenen ganz zu schweigen. Wenn man die Schrift nicht richtig lesen kann, wie könnte man dann die Prüfung bestehen? Wer sich aber schon in sich selbst vertieft hat, der vermag ohne Worte den Sinn zu hören und ohne Schrift ihn zu lesen.
4.
Der Fuchs in der Grube
Der Fuchs wurde von einem Tiger verfolgt. Auf seiner Flucht fiel er in eine tiefe Grube. Mit seiner ganzen Kraft und Geschicklichkeit bemühte er sich, hinauszuklettern, doch alle Anstrengung war vergebens. Er war gefangen.
Unterdessen stand der Tiger am Rand der Grube und blickte auf den Fuchs. Er überlegte: »Es wäre ein Leichtes, hinabzuspringen und den Fuchs zu fressen. Aber würde ich aus der Grube auch wieder herauskommen?« Nach einer Weile ging er einfach davon und ließ den Fuchs allein zurück.
Ohne Nahrung oder Hoffnung auf Befreiung verbrachte der Fuchs mehrere Tage in der Grube. In der aussichtslosen Lage begann er, tief in sich zu blicken. Er verfiel in einen Zustand gesammelter Meditation, und plötzlich erkannte er sich selbst.