Inhaltsverzeichnis
Der Buddha hatte Zeit
Immer noch dieselben Probleme
Man hetzt durchs Leben, eilt von Termin zu Termin. An allen Ecken und Enden fehlt einem die nötige Zeit. Trotzdem bleibt immer irgendetwas ungetan liegen. Wäre es da nicht wunderbar, endlich einmal genügend Zeit zu haben für alles, was man gerne tun möchte?
Aber wie könnte dieser Wunsch bloß Wirklichkeit werden? Selbst im Urlaub leidet man oft unter Stress und Zeitnot. Es gibt einfach so viel zu sehen und zu erleben. Schließlich möchte man nichts versäumen.
Sollte man es einmal mit Zeitmanagement versuchen? To-do-Listen aufstellen, Prioritäten setzen und einen Zeitplaner kaufen? Leider führen viele bereits Listen (für das Jahr, den Monat, die Woche, den Tag und noch ein paar mehr). Sie haben auch Prioritäten – eine ganze Menge sogar – und einen oder zwei Terminkalender, dazu zahllose Uhren und Wecker. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist Zeit.
Wie wäre es, stattdessen die Zeitprobleme an der Wurzel zu packen? Ist der Buddha womöglich das geeignete Rollenmodell? War er nicht ein Mensch, der alle Zeit der Welt hatte und behauptete, einen Weg zu kennen, mit dem die Menschen alle ihre Leiden überwinden könnten? Wenn dies zutrifft, müsste es doch auch möglich sein, alltägliche Probleme wie Stress und Zeitmangel zu lösen. Aber was hat der Buddha eigentlich gelehrt? Und wie kann man es in diesem Fall anwenden?
Die Antworten auf diese Fragen finden Sie in diesem Buch. Sie lernen,
• wie Sie Ihr Ziel, ohne Hektik und Zeitnot zu leben, für sich persönlich definieren,
• wie Sie sich motivieren, dieses Ziel auch wirklich in die Tat umzusetzen, und vor allem,
• mit welchen Strategien Sie es schaffen, sich von Ihren Zeitproblemen für immer zu befreien.
Der Weg, die ständige Zeitnot zu überwinden, ist im Grunde genommen einfach. Wenn Sie ihn gehen, erreichen Sie mehr, als »nur« Zeit zu gewinnen. »Der Buddha hatte Zeit« ist zugleich eine Anleitung für ein erfülltes, glückliches Leben; denn was hätte man von viel freier Zeit, wenn einem dann »die Decke auf den Kopf fallen« würde?
Die Strategien, die Sie in den folgenden Kapiteln finden, beruhen auf den Grundlehren des Buddha und der immer mehr an Einfluss gewinnenden Kognitiven Verhaltenstherapie.
Die Lehre des Buddha hat Generationen von Menschen seit über 2500 Jahren in allen Lebenslagen geholfen. Aber auch die Kognitive Verhaltenstherapie – wenn auch erst vor 50 Jahren entwickelt – hat bereits Tausenden von Menschen ermöglicht, ein stressfreieres Leben zu führen. Dieses moderne therapeutische Verfahren hat ebenfalls sehr alte Wurzeln. Es basiert auf den Erkenntnissen der Stoiker, die heute das Sinnbild für unerschütterbare, gelassene Menschen geworden sind. Mithilfe dieser beiden Methoden wird es Ihnen gelingen, sich von Zeitnot und Hektik zu befreien.
Ist es nicht erstaunlich, dass Menschen immer noch dieselben Probleme haben wie vor Tausenden von Jahren? Zwar hat sich das Erscheinungsbild der Nöte verändert, aber die Grundtatsachen der menschlichen Existenz sind dieselben geblieben. Jeder Mensch muss sich immer aufs Neue mit ihnen auseinandersetzen. Auch im 21. Jahrhundert ist das Leben nicht perfekt.
So haben sich z. B. die Namen der Krankheiten, vor denen wir uns fürchten, geändert. Sie heißen nicht mehr Pest oder Cholera, sondern AIDS und Alzheimer. Aber die Tatsache, dass es Krankheiten gibt, besteht nach wie vor.
Auch an der Tatsache, dass Menschen sich große Sorgen machen, sich oft ärgern und Enttäuschungen erleben, mit anderen streiten oder sogar Krieg führen – wenn auch mit anderen Waffen als vor zweitausend Jahren -, immer wieder die gesetzlichen, moralischen und religiösen Regeln übertreten: An all diesen Dingen hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert.
Trifft dies auch auf Zeitnot zu? Haben Menschen auch zu Zeiten des Buddha schon unter Hektik und Stress gelitten? Sind dies nicht völlig neue Plagen? Wir neigen dazu, zu glauben, dass Menschen in fernen Zeiten und Ländern im Paradies lebten bzw. noch leben. Je weniger wir über sie wissen, desto wunderbarer stellen wir uns ihre Lebensumstände vor. Wir vermuten voreilig, dass das Leben früher ländlich-idyllisch war: morgens ging die Sonne auf, und die Vögel zwitscherten munter. Die Menschen sammelten ein paar Früchte, aßen sie in Ruhe und Frieden und legten sich dann auf die faule Haut, bis die untergehende Sonne die Welt in ein mildes, goldenes Licht tauchte. Man hatte nichts zu tun, außer dem Wechsel der Jahreszeiten zuzuschauen und sich an der Natur zu erfreuen.
Natürlich gab es solche Momente, aber wir vergessen darüber die raue Wirklichkeit. Die Natur war und ist nicht nur Leben spendend, sondern auch zerstörerisch. Sie schreibt den Menschen weitgehend vor, wie sie zu leben haben, obwohl wir heute meinen, es sei umgekehrt. So konnten z. B. die Bauern in Japan bereits vor Jahrhunderten mehrere Reisernten im Jahr einbringen, aber nur unter der Bedingung, dass sie ihre Felder auf den Tag genau bewirtschafteten. Taten sie es nicht, waren die Folgen für sie existenzieller als für uns heute. Daran kann man sehen, dass auch damals schon »Fristen« eingehalten werden mussten.
Auch vor Jahrhunderten galt es, eilige Botschaften zu übermitteln. Zwar gab es weder Telefon noch Internet, aber so etwas wie reitende Boten oder Rauchzeichen. Die Dringlichkeit der Nachrichten bestand unabhängig von den Mitteln ihrer Übertragung.
Damals wie heute mussten Kinder versorgt und Arbeiten erledigt werden. Die Menschen verfügten nicht über so viele Zeit sparende Maschinen, Transportmittel und Techniken wie wir heute. Sie arbeiteten länger und härter. Ihr Leben war schwer, und so haben sie es auch empfunden, wie wir aus vielen historischen Quellen wissen.
Selbst privilegierte Menschen, die von der Arbeit und vielen anderen Pflichten befreit waren, empfanden ihr Leben nicht immer als angenehm. So wurde der Buddha zwar als Prinzensohn geboren, aber er war bis zu seiner Erleuchtung sehr unglücklich. Ihn betrübte die Vergänglichkeit des Lebens und die Unbeständigkeit des Glücks. Er beobachtete, dass Menschen erkrankten, alterten und starben, und begriff, dass auch er dem nicht entgehen würde. Wo er hinschaute, sah er die Leiden der Menschheit. Er sah mit Sorge, dass seine Lebenszeit Stunde um Stunde ablief. Er konnte sich zwar ablenken, aber die Zerstreuungen, die sich ihm als Privilegierten darboten, stellten ihn in keiner Weise zufrieden. Deshalb suchte er einen Ausweg aus dem allgegenwärtigen Leiden.
Vier Edle Wahrheiten
Vier Grundsätze fassen den Ausweg zusammen, den der Buddha aus dem menschlichen Leiden gefunden hat. Sie werden von BuddhistInnen voller Verehrung die vier Edlen Wahrheiten genannt.
Die erste, die Wahrheit des Leidens, weist darauf hin, dass alles im Leben unbeständig und unbefriedigend ist. Bereits die Geburt ist mit Schmerzen verbunden. Ohne Ausnahme macht jeder Mensch die Erfahrung des Leidens. Sie durchzieht alle Bereiche seines Lebens. Das Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern ist nicht immer ungetrübt. Wer kennt keinen Liebeskummer? Das Berufsleben bringt ebenfalls zahlreiche Enttäuschungen, Probleme und Nervereien mit sich. Die Einschränkungen durch das Altern oder durch Krankheiten stören das Wohlbefinden.
Und so könnte man noch vieles aufzählen. Immer wenn Wünsche sich nicht erfüllen, Erwartungen enttäuscht werden oder plötzlich Unangenehmes passiert, empfinden alle Menschen Stress.
Die zweite Wahrheit bezieht sich auf die Entstehung des Leidens. Der Buddha war sich bewusst, dass es viele Ursachen für das Leiden gibt. Als Hauptursache hat er jedoch die menschliche Gier hervorgehoben. Damit ist das unbedingte Habenwollen oder Nichthabenwollen gemeint. Trotz aller Unvollkommenheiten auf dieser Erde würden wir relativ unbekümmert durchs Leben gehen, wenn wir nicht ständig darauf bestehen würden, dass die Dinge so sein müssen, wie wir sie uns denken. Der Umstand, dass wir leiden, ist weniger durch die reinen Tatsachen bedingt. Vielmehr messen wir die Dinge an unseren Idealvorstellungen und klagen dann darüber, dass die Realität immer wieder hoffnungslos hinter unseren Erwartungen zurückbleibt. Wir weigern uns, die Tatsachen einfach so zu akzeptieren, wie sie sind, und meinen, der Welt andauernd unseren Willen aufzwingen zu müssen. Unaufhörlich denken wir uns Wünsche aus. Aber damit nicht genug: Sobald wir einen Wunsch haben, bilden wir uns ein, ohne die Erfüllung dieses Wunsches nie wieder glücklich sein zu können. Wir verhalten uns oft wie kleine Kinder, die in untröstliches Geschrei ausbrechen, wenn etwas ihren Vorstellungen zuwiderläuft. Aus harmlosen Wünschen machen wir heftiges Verlangen und unstillbare Gier.
Die Gier richtet sich auf alles Angenehme, was Augen, Ohren, Zunge, Nase, Körper und Geist reizt. Sobald wir etwas für schön halten, müssen wir es haben und für immer festhalten. Was wir nicht mitnehmen können, fotografieren wir, und wir zeichnen Musik und Stimmen auf, um sie jederzeit hören zu können.
Aus Gier begehen Menschen sogar Verbrechen. Aus Gier fangen sie Kriege an. Die Gierigsten unter uns setzen sich über alle moralischen, religiösen und gesetzlichen Gebote und Verbote hinweg, um Öl, Gold und Kunstschätze zu rauben. Sie wollen Länder, Märkte und Menschen erobern. In ihrer Ahnungslosigkeit glauben sie, auf diese Weise beständiges Glück zu erlangen. In Wahrheit bringen sie nur unendliches Leid über sich und andere.
Ohne die dritte Wahrheit – sie beinhaltet die Überwindung des Leidens – wären die ersten beiden Wahrheiten unerträglich. Aber glücklicherweise entsteht Leiden nicht nur, sondern es vergeht auch wieder. Die Frage ist nur, wie. Da der Buddha Gier als die Hauptursache des Leidens erkannt hatte, lag die Antwort nahe: Das Leiden vergeht durch die Überwindung der Gier.
Indem man darauf verzichtet, alles Angenehme immer und sofort haben zu müssen, befreit man sich von der Gier. Wenn man darüber hinaus akzeptiert, dass auch unangenehme Erfahrungen ein Teil des Lebens sind, und nicht darauf besteht, dass man niemals Unangenehmes erleben darf, dann befreit man sich auch vom Leid bringenden Hass. Hass ist im Grunde genommen dasselbe wie Gier, mit dem einzigen Unterschied, dass Gier eine extreme Form von Zuneigung darstellt, während Hass eine extreme Form der Abneigung ist. Beide gründen sich auf ein unbedingtes Müssen: Ich muss das haben (Gier), und: Ich will das nie, nie, nie haben (Hass).
Das Aufgeben der Gier führt zu Toleranz und Gelassenheit – und Zeit. Man selbst, die anderen und die Welt dürfen endlich so sein, wie sie sind. Es ist nicht nötig, unaufhörlich nach dem Angenehmen zu greifen und das Unangenehme abzuwehren. Die extreme Ichbezogenheit kommt zur Ruhe. Man muss die Welt nicht pausenlos nach dem eigenen Geschmack gestalten.
Die vierte Wahrheit handelt vom Weg, der zur Überwindung des Leidens führt. Der Buddha war sich bewusst, dass die einmalige Erkenntnis der Leidensursache nicht ausreichen würde, sich für immer vom Leiden zu befreien. Vielmehr hielt er es für erforderlich, durch tägliche Übung positive Denk- und Verhaltensweisen zu entwickeln. An erster Stelle steht dabei wache Aufmerksamkeit, damit man schnell entdeckt, dass und worunter man leidet und wie man sich davon wieder befreien kann. In der Regel stellt man dabei fest, dass Gier, Hass und Unwissenheit die Auslöser des Stresses sind und weniger die Situationen selbst. Je besser man lernt, Ereignisse nicht zu beklagen, sondern geschickt mit ihnen umzugehen, desto leichter wird das Leben.
Die Erkenntnis, dass man sich den größten Teil des Leidens durch Gier, Hass und Unwissenheit selbst zufügt, ist äußerst befreiend; denn sie bedeutet auch, dass man den Schlüssel zum Glück selbst in der Hand hält und lernen kann, ihn zu gebrauchen.
Der lächelnde Buddha – Jeder kann Zeit haben
Mithilfe der oben geschilderten vier Wahrheiten ist es möglich, jeglichen Stress zu mildern oder sogar zu beseitigen. Wir werden in den kommenden Kapiteln sehen, wie sich diese Grundsätze auf Zeitnot und Hektik anwenden lassen. Der lächelnde Buddha, der zugleich Ruhe und Mitgefühl ausstrahlt, kann dabei als Vorbild und Symbol dienen. Es war und ist möglich, Zeit zu haben. Man muss zu diesem Zweck nicht einmal Mönch oder Nonne werden. Der Buddha hat immer wieder betont, dass sein Weg auch im normalen Leben verwirklicht werden kann.
Der Buddha lebte so, wie es ihm gefiel. Er wollte – anders als die anderen, die er beobachtete – ein Leben ohne Gier, Hass und Unwissenheit, und damit auch ohne viele Sorgen, Ärger und Enttäuschungen führen. Dasselbe empfahl er jedem anderen auch. Die Frage, ob jemand als Mönch bzw. Nonne lebte, war demgegenüber zweitrangig.
Sie haben leicht reden!
Vielleicht stimmen Sie mit mir überein, dass man nicht als Mönch/Nonne leben muss, um frei von Zeitnot und Hektik zu sein. Aber möglicherweise haben Sie gewisse Zweifel, ob man nicht – so wie ich – Schriftsteller oder etwas Ähnliches sein müsste, um viel Zeit zu haben und das Leben zu genießen.
Aber wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass Schriftsteller alle Zeit der Welt haben und ein sorgloses Leben führen? Kennen Sie nicht die zahllosen Biografien über AutorInnen, die sich mit dem Schreiben ihrer Bücher endlos gequält haben? Abgabetermine für ihre Manuskripte, Lesereisen durch die Provinz, finanzielle Sorgen, Neid auf und von KollegInnen: Klingt das wie ein Leben ohne Leid und Zeitnot?
Trotzdem gebe ich zu: Ich habe Zeit. Nur liegt das nicht an meinem Beruf, sondern daran, dass ich das anwende, was ich schreibe. Bereits vor meinem Beruf als Schriftsteller hatte ich Zeit. Es war im vierten Semester meines Jurastudiums, als ich begriffen habe, was man tun muss, um einerseits erfolgreich zu sein und andererseits Zeit zu haben. Bis dahin hatte ich mich ziemlich gequält: langweilige Vorlesungen gehört, stets Seminare besucht, deren Leiter als besonders anspruchsvoll und streng verschrien waren, und sehr viel Zeit in der Bibliothek verbracht. Aber die Ergebnisse waren mager. Meine Noten bewegten sich am unteren Rand, und das Studium machte mir keinen Spaß.
Es war höchste Zeit, etwas anderes zu probieren. Ich belegte von nun an nur noch diejenigen Seminare, die unbedingt erforderlich waren, um die Prüfungsvoraussetzungen zu erfüllen, ging nur noch zu freundlichen Professoren und war überhaupt viel seltener an der Uni. Aber – was für eine Überraschung! – meine Noten wurden viel besser. Das Studium begann, mir Spaß zu machen. Und als zusätzliche Belohnung: Ich hatte viel freie Zeit!
Allerdings lag das Examen noch vor mir. Das juristische Staatsexamen gilt zu Recht als sehr schwierig. Die Zahl derjenigen, die das Studium vorher abbrechen oder durch die Prüfung fallen, ist im Vergleich zu anderen Fächern enorm. Der Prüfungsablauf selbst wird immer mal wieder verändert. Heute schreibt man Klausuren und muss eine mündliche Prüfung bestehen. Zu meiner Zeit musste man auch noch eine vierwöchige Hausarbeit schreiben.
Diese vier Wochen galten als eine einzige Strapaze. Man arbeitete bis zum Rande der Erschöpfung. StudienkollegInnen versorgten einen mit Essen und Trinken und halfen bei der Arbeit mit, obwohl es eigentlich verboten war. Am letzten Tag, in letzter Minute, kurz vor Mitternacht warf man die Examenshausarbeit in den Briefkasten des Prüfungsamts.
So wollte ich es auf keinen Fall machen! Mir war aufgefallen, dass auch schon bei den Übungsarbeiten ähnlich strapaziös und zeitraubend gearbeitet wurde. Viele schrieben an einer Hausarbeit, die während der vorlesungsfreien Zeit ausgegeben wurde, die gesamten drei Sommermonate, obwohl im Hinblick auf die Examensarbeit empfohlen wurde, nach vier Wochen abzugeben.
Ich beschloss, das Gegenteil von dem zu tun, was üblich war. Ich gab mir nicht drei Monate, sondern drei Wochen Zeit, um eine Woche als Reserve zu haben, falls ein unerwartetes Problem auftreten sollte. Bei diesen Übungen stellte ich fest, dass die Zeit unter ganz bestimmten Voraussetzungen ausreichte. Man musste sich auf die wesentlichen Probleme des Falles konzentrieren, der zu lösen war. Es war nicht möglich und auch nicht nötig, jede Frage in allen Einzelheiten zu diskutieren. Jede Prüfungsaufgabe hatte einen oder zwei Schwerpunkte. Diese galt es herauszufinden. Und dann musste man noch den Lösungsweg durch Zitate aus der juristischen Fachliteratur absichern.
Außerdem schrieb ich meine Arbeiten von Anfang an allein, weil ich keine Lust hatte, auch noch darüber zu diskutieren, wie schwer die Aufgabe, das Studium, das Examen und überhaupt das ganze Leben war. Es war so schon schwer genug. Wenn mehrere bei so einer Sache zusammenarbeiten, tauchen Probleme auf, die man ohne die »Mithilfe« der anderen nicht hätte. Jeder will das Problem anders lösen, und dann muss man auch noch darüber reden und verliert dadurch noch mehr Zeit. Also verzichtete ich darauf. Ich hatte mich gut vorbereitet, kannte den Prüfungsstoff in den Grundzügen, und das musste genügen.
Tatsächlich war ich mit meiner Examenshausarbeit nach drei Wochen und vier Tagen fertig, und das ohne Nachtarbeit. Ich hatte nicht 100 Seiten geschrieben, was von einigen als Minimum angesehen wurde, sondern 40. Aber das reichte meiner Meinung nach aus.
Das Ergebnis? Ich bekam ein »Sehr gut« und wurde für meinen Mut gelobt, dass ich mich auf die Schwerpunkte der Aufgabe konzentriert hatte. (Ich hatte mir schon gedacht, dass die Prüfer keine Lust haben würden, 100 Seiten zu lesen!)
Als ich dann als Jurist arbeitete, hätte ich permanent unter Zeitdruck stehen können. Aber ich tat es nicht. Auch als Autor könnte ich häufig Hektik und Zeitnot verspüren, wenn ich wollte. Aber ich will nicht. Seit meinem Schlüsselerlebnis im Studium weiß ich, dass Arbeit, Leistung, freie Zeit und Gelassenheit miteinander vereinbar sind. Es ist nur eine Frage, wie man das schafft, und darum geht es in diesem Buch.
Ach, wenn mein Tag doch 25 Stunden hätte!
… oder besser gleich 48? Dies wäre bestimmt keine Lösung. Nach kurzer Zeit wären die 25 oder 48 Stunden genauso vollgestopft wie vorher die 24, die jedem von uns zur Verfügung stehen.
Es wäre wie beim Dispo-Kredit. Erst kommt man mit dem vorhandenen Geld nicht aus und braucht einen Kredit. Dann ist auch der Dispo-Kreditrahmen bald ausgeschöpft. Es hat sich eigentlich nichts geändert. Im Gegenteil: Die Situation ist schlimmer geworden, weil man nun auch noch Zinsen zahlen muss.