Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Der Bürgermeister der Body Farm
Bei nationalen oder internationalen Tagungen über forensische Wissenschaft und Gerichtsmedizin verwenden die Teilnehmer auf die Klärung der Frage, in welchem Saal welcher Vortrag stattfindet, häufig mehr Zeit als auf die Vorträge selbst. Da mir der Orientierungssinn selbst innerhalb von Hotels völlig fehlt, habe ich schon häufig 15-Minuten-Diavorträge und Vorlesungen verpasst, und ich kam sogar zu spät, um noch ein Exemplar der schriftlichen Zusammenfassung zu ergattern.
Ein Arbeitsfrühstück zu verpassen ist schwieriger. Es findet in dem Speisesaal statt, wo man dreimal täglich seine Mahlzeiten einnimmt, und dauert mindestens eine Stunde. Meist beginnt es um halb acht, wenn alle noch müde sind und vielleicht sogar einen Kater haben, aber alle sind dennoch begeistert über die Dias von Menschen, die von Haien, Bären oder Alligatoren zu Tode gebissen wurden, bei Abstürzen von Linienmaschinen ums Leben kamen oder vielleicht aus ungewöhnlichen Gründen auf ungewöhnliche Weise zerlegt wurden; der eine oder andere hat vielleicht auch auf ungewöhnlich kreative Weise Selbstmord begangen, beispielsweise mit einem Presslufthammer oder einer Armbrust. (In einem traurigen Fall wirkte der Pfeil nicht tödlich; der arme Mann zog ihn sich aus der eigenen Brust und versuchte es ein zweites Mal.)
Die Erfahrenen und Tapferen verzehren bei solchen Veranstaltungen Eier mit Speck, ohne sich durch den Anblick und die Schilderung blutiger Schrecklichkeiten beeindrucken zu lassen. Unter ihnen war häufig auch ich: Ich machte mir Notizen, gab mich professionell und unerschrocken. Dann aber, an einem entsetzlich frühen Morgen, kam der legendäre Dr. Bill Bass hereingeschlurft, die Kästen mit seinen Dias schräg unter dem einen Arm, flatternde Notizblätter unter dem anderen. Das Thema seines Frühstücksvortrages war die »Body Farm« – der Name bezeichnet die weltweit einzige Einrichtung für die Erforschung der Leichenverwesung und wurde allen gegenteiligen Gerüchten zum Trotz nicht von mir geprägt. Als ich den zurückhaltenden, witzigen und hochintelligenten Dr. Bass zum ersten Mal sah, hatte ich noch nie von der Body Farm gehört. Innerhalb einer Stunde verdarb er mir ohne jeden Vorsatz für alle Zeiten den Geschmack an halb garen Rühreiern, fettigem Schinken und klebrigem Haferbrei.
»Du liebe Güte«, sagte ich angewidert ziemlich zu Beginn des ersten Diavortrages, den ich von ihm sah (ich glaube, es war in Baltimore). »Unglaublich, dass er so etwas beim Essen zeigt!«
Dr. Marcella Fierro, die leitende medizinische Sachverständige des Bundesstaates Virginia, überhörte meine Bemerkung und strich sich ein Brötchen mit Butter, während Dr. Bass langsam ein Dia nach dem anderen durch den Apparat laufen ließ und uns vorführte, wie schnell ein Leichnam bei sehr heißem, feuchtem Wetter – beispielsweise im Sommer in den Südstaaten – zum Skelett werden kann. Ich sah mich in dem überfüllten Raum unter den Gerichtsmedizinern und forensischen Pathologen um: Alle strichen Butter auf ihre Brötchen, rührten in ihrem Kaffee, machten sich Notizen.
»Mein Gott.« Als Dr. Bass näher auf die Maden einging, schob ich meinen Teller weg. »So etwas kann man doch nicht bei einem Arbeitsfrühstück zeigen!«<
»Pssst!« Dr. Fierro stieß mich mit dem Ellenbogen in die Seite.
Danach machte ich um solche Frühstücksveranstaltungen und die Body Farm jahrelang einen großen Bogen. Oft wurde ich von Wissenschaftlern gedrängt, ich sollte doch die Forschungseinrichtung von Dr. Bass in Knoxville in Tennessee besichtigen.
Ich lehnte jedes Mal ab.
»Das sollten Sie wirklich machen. Es geht nicht nur um verwesende Leichen und Maden und so etwas. Es geht auch um die Frage, wie man den Todeszeitpunkt feststellt, ob eine Leiche nach dem Tod bewegt wurde, wie sie vielleicht ausgesehen hat, bevor sie bewegt wurde, wer der Tote war und wie er gestorben ist«, und so weiter, und so weiter.
Dr. Bass wird scherzhaft auch als Bürgermeister der Body Farm bezeichnet. Als ich ihn schließlich doch aufsuchte, befand sich in der ersten Zeit unmittelbar hinter dem stacheldrahtgekrönten Holzzaun ein Briefkasten, in dem die Anthropologen sich gegenseitig Notizen und Mitteilungen hinterließen. Es erschien mir äußerst seltsam, als ich zum ersten Mal dem unverkennbaren Geruch von verwesendem menschlichem Fleisch folgte, den halben Hektar der Toten betrat und dann von einem Briefkasten begrüßt wurde, der mit einem roten Fähnchen auf sich aufmerksam machte.
»Der Briefkasten ist eigentlich nicht für unsere Bewohner gedacht«, sagte Dr. Bass recht einfältig zu mir, als könnte ich auf die Idee kommen, dass die hier herumliegenden Toten nach Hause schrieben, um auf dem Laufenden zu bleiben. »Es ist nur so, dass wir hier draußen kein Telefon haben.«
Sie haben bis heute noch keines. Die Wissenschaftler tragen wahrscheinlich wie ich ein Handy bei sich, aber meist holen sie es nicht aus der Tasche, wenn sie schmierige Gummihandschuhe und dazu vielleicht noch Gummistiefel und die Chirurgenmasken tragen. Wenn man in der Body Farm viel zu tun hat, kommt es einem kaum in den Sinn, jemanden anzurufen.
Während meiner gesamten Laufbahn habe ich behauptet, dass Gerichtsmediziner wie meine Gestalt Dr. Kay Scarpetta die Toten sprechen hören. Die Toten haben uns viel zu sagen, aber nur Menschen mit besonderer Ausbildung und besonderen Begabungen haben die Geduld, ihnen trotz der Beleidigung unserer Sinnesorgane zuzuhören. Nur ganz besondere Menschen können eine Sprache deuten, um die nur die wenigsten Lebenden sich überhaupt kümmern, von Verstehen ganz zu schweigen.
Willkommen also auf der Body Farm von Dr. Bill Bass, jener Einrichtung, die genau in diesem Augenblick auf einem bewaldeten, vom Tod durchtränkten Landstück hinter einem Krankenhaus in den Hügeln von Tennessee tatsächlich existiert.Viele ihrer schweigenden Gäste kommen aus eigenem, selbstlosem Entschluss (wobei sie die Reservierung häufig Monate oder sogar Jahre im die Voraus tätigen, indem sie ihre Leichen für Dr. Bass’ bemerkenswerte, immer noch laufende Untersuchung zur Verfügung stellen). Jeden Tag werden verwundete und verbrauchte Körper in die Erde gebettet und von Vögeln, Insekten oder anderen Raubtieren weggetragen, die einfach nur ein Teil der Nahrungskette sind und dem Tod keineswegs besonders nahe stehen.
Die Veränderungen dessen, was einst das Fleisch eines Menschen war, können so geringfügig sein wie ein Wechsel der Schatten, aber auch so dramatisch wie ein Brand in einem der alten, verrosteten Autos, die in der Umgebung der Body Farm herumliegen. Die Jahre kommen und gehen genau wie die Toten, die sich in Asche und Knochen verwandelt haben, und Dr. Bass’ geduldige Übersetzung leistet ihren Beitrag zur fließenden Beherrschung einer geheimen Sprache, die uns dabei hilft, Verbrecher dingfest zu machen und jene, die kein Unrecht getan haben, zu entlasten.
Patricia Cornwell
1
Die Knochen des kleinen Adlers
Ein Dutzend winzige Knochen, zusammengewürfelt in meiner hohlen Hand: Mehr war eigentlich nicht geblieben, außer vergilbten Zeitungsausschnitten, zerkratzten Wochenschaufilmen und schmerzlichen Erinnerungen. Aber damals war vom »Jahrhundertprozess« die Rede.
Mit dem Etikett wird wohl ein wenig großzügig umgegangen, aber in diesem Fall stimmte es vielleicht. Sieben Jahre nach dem »Affenprozess« gegen Scopes und ein halbes Jahrhundert vor der O.-J.-Simpson-Katastrophe verfolgte ganz Amerika gebannt einen Kriminalfall und einen Mordprozess, die auf der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgten. Und ich sollte nun entscheiden, ob man damals Recht gesprochen oder einen Unschuldigen zu Unrecht hingerichtet hatte.
Es ging um die Entführung und den Tod eines Kleinkindes namens Charles Lindbergh, Jr. – bekannt wurde es allgemein als das »Lindbergh-Baby«.
Im Jahr 1927 überquerte Charles Lindbergh, früherer Pilot bei »Barnstorming Tours« und beim Luftpostdienst, mit seiner kleinen einmotorigen Spirit of St. Louis den Atlantik. Er flog ganz allein, ohne Funk, Fallschirm oder Sextanten; 33 Stunden blieb er wach und hielt den Kurs. Als er die französische Küste erreichte, hatte sich die Nachricht über seinen Flug bereits bis nach Paris herumgesprochen, und die Bewohner der Hauptstadt strömten zu Tausenden auf den Flugplatz, um ihn zu begrüßen. Als er aufsetzte, hatte er seit seinem Abflug in New York mehr als 5800 Kilometer zurückgelegt und die Welt verändert. Aber nun veränderte sich auch Charles Lindberghs Leben. Seine großartige Leistung brachte ihm Ruhm, Geld und eine ganze Reihe von Spitznamen ein: »Lucky Lindy« – was ihm nicht gefiel – und »the Lone Eagle« (»Der einsame Adler«) in Anspielung auf seinen Alleinflug und sein einzelgängerisches Wesen.
Fünf Jahre nachdem er durch den Flug ins Rampenlicht getreten war, lebten Lindbergh und seine Frau Anne zurückgezogen in einem Haus in New Jersey. Sie hatten einen Sohn von 21 Monaten; seine Eltern hatten ihn auf den Namen Charles Jr. getauft, aber die Journalisten sprachen nur vom »kleinen Adler«. Es war die Blütezeit des Sensationsjournalismus: Gerissene Reporter und Verleger wussten ganz genau, dass eine Lindbergh-Geschichte – und zwar fast jede Lindbergh-Geschichte – eine todsichere Methode war, um Zeitungen zu verkaufen. Als nun der Erbe und Stammhalter von Charles Lindbergh entführt wurde, brach einen Medienhysterie los: Der Fall lockte mehr Journalisten an als der Erste Weltkrieg. Die Erpresserbriefe, in denen zunächst ein Lösegeld von 50 000, später von 70 000 Dollar verlangt wurde, machten Schlagzeilen und beherrschten die Wochenschauen; die gleiche Wirkung hatten Behauptungen aus verschiedenen Orten in den gesamten Vereinigten Staaten, man habe das Lindbergh-Baby gesund und wohlbehalten aufgefunden. Aber alle derartigen Meldungen und die damit verbundenen Hoffnungen zerschlugen sich zwei Monate nach der Entführung, als man in einem Wald, nur wenige Kilometer vom Anwesen der Lindberghs entfernt, eine Kinderleiche fand. Der Körper war bereits stark verwest; das linke Bein fehlte vom Knie an abwärts, ebenso beide Arme – sie waren offensichtlich von Tieren abgebissen worden.
Anhand der Größe der Leiche, ihrer Bekleidung und einer charakteristischen Fehlbildung am verbliebenen Fuß – drei übereinander stehende Zehen – wurden die Überreste schnell als Lindbergh-Baby identifiziert. Am nächsten Tag wurden sie eingeäschert, und Charles Lindbergh flog mit gebrochenem Herzen wieder einmal allein über den Atlantik, um dort die Asche seines Sohnes zu verstreuen. Jetzt nannte ihn niemand mehr »Lucky Lindy«.
Die Polizei nahm schließlich einen deutschen Einwanderer namens Bruno Hauptmann fest. Er war Zimmermann, und Dachsparren aus seiner Werkstatt hatten offenbar zum Bau einer behelfsmäßigen Leiter gedient, mit der jemand in das Kinderzimmer im zweiten Stock des Lindbergh-Hauses eingedrungen war. Nachdem die Polizei einen großen Teil des Lösegeldes zu ihm zurückverfolgt hatte, wurde Hauptmann verhaftet. Man klagte ihn wegen Kindesentführung und Mordes an: Der Schädel des Kindes war gebrochen – diese Verletzung hätte aber auch von einem Sturz stammen können, denn die Leiter ging während der Entführung zu Bruch. Obwohl es auch Hinweise darauf gab, dass manche Indizien gegen ihn fragwürdig oder gefälscht seien, wurde Hauptmann verurteilt. Er starb im April 1936 auf dem elektrischen Stuhl.
50 Jahre nach dem Verbrechen, im Juni 1982, nahm ein Anwalt mit mir Kontakt auf. Er vertrat Anna, die Witwe von Bruno Hauptmann. In all den Jahren seit der Hinrichtung hatte Mrs. Hauptmann sich bemüht, den Namen ihres Mannes reinzuwaschen. Ihre einzige Chance lag in einem Dutzend winziger Knochen. Sie waren nach der Einäscherung der Leiche am Tatort geborgen worden, und seitdem hatte die Polizei des Bundesstaates New Jersey sie sorgfältig aufbewahrt. Auf die Bitte von Mrs. Hauptmanns Anwalt hin fuhr ich nach Trenton; ich wollte feststellen, ob es bei dieser Hand voll zerschmetterter Knochen irgendwelche Anhaltspunkte dafür gab, dass man die Leiche falsch identifiziert hatte – dass der Wunsch, schnell zu einem Urteil zu gelangen, einen schrecklichen Justizirrtum verursacht hatte. Lass es die Knochen eines kleineren oder älteren Jungen sein, oder die von einem Mädchen, muss Mrs. Hauptmann gebetet haben. Alles andere, nur nicht die Knochen von Charles Lindbergh, Jr.
Ich war ihre letzte Hoffnung – ein Kleinstadtwissenschaftler, der an einer Mautstelle den Verkehr aufhielt, weil er sich nach dem Weg zur Zentrale der New Jersey State Police erkundigte.
Ein langer, faszinierender Weg hatte mich nach Trenton geführt, und damit meine ich nicht den New Jersey Turnpike. Hinter mir lag eine Laufbahn, die einst in die Richtung eines ereignislosen Lebens als Anwalt gewiesen hatte, dann aber einen anderen Weg eingeschlagen hatte – hin zu Leichen, Verbrechensschauplätzen und Gerichtssälen.
Der Ausgangspunkt für meine Karriere als Gerichtsmediziner war ein frühmorgendlicher Unfall nicht weit von Frankfort (Kentucky) im Winter 1954. An jenem feuchten, nebligen Morgen stießen auf einer zweispurigen Landstraße zwei Lastwagen frontal zusammen und gingen in Flammen auf. Als das Feuer gelöscht war, fand man in den Fahrzeugen drei bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen. Die Identität der beiden Fahrer ließ sich schnell feststellen, aber die dritte Person war ein wenig rätselhaft.
Es war ein zufälliges, aber schicksalsträchtiges Zusammentreffen, dass einige Monate später in der Saturday Evening Post ein Bericht über Dr. Wilton M. Krogman erschien, den berühmtesten »Knochendetektiv« der vierziger und fünfziger Jahre. Krogman war physischer Anthropologe und hatte die Wissenschaft der forensischen Anthropologie zusammen mit zwei Kollegen von der Smithsonian Institution mehr oder weniger begründet. Während des Zweiten Weltkrieges galt er in der Gerichtsmedizin als so große Kapazität, dass die US-Regierung ihn in Bereitschaft hielt, damit er die sterblichen Überreste von Adolf Hitler identifizieren konnte. Aber die Russen kamen den Amerikanern in dem ausgebrannten Bunker mit Hitlers Knochen zuvor, und deshalb konnte Krogman nie einen Blick auf den »Führer« werfen. Doch die Polizei und das FBI beschäftigten ihn mit einer Fülle anderer gerichtsmedizinischer Fälle.
In dem Artikel der Post erwähnte Krogman mehrere Wissenschaftlerkollegen, die sich ebenfalls auf die Identifizierung menschlicher Skelettreste spezialisiert hatten. Einer davon war Dr. Charles E. Snow, Professor für Anthropologie an der University of Kentucky, wo ich mich damals gerade auf mein Examen als Anwalt vorbereitete. Die Hochschule, Dr. Snow und ich waren in Lexington ansässig, nur 50 Kilometer vom Schauplatz des erwähnten Lkw-Zusammenstoßes entfernt. Ich wusste es damals noch nicht, aber an diesem Tag sollte ich geradewegs mit meiner Zukunft zusammenstoßen.
Ein Anwalt aus Lexington hatte den Artikel gelesen und war auf die Idee gekommen, Dr. Snow könne vielleicht den dritten Menschen identifizieren, der bei dem Unfall Opfer der Flammen geworden war. Ich hatte damals nur zum Spaß bei Snow eine Anthropologievorlesung belegt. Als der Rechtsanwalt ihn angerufen hatte, fragte er mich, ob ich Lust hätte, ihn zu einem Identifizierungsfall zu begleiten. Es war die Gelegenheit, wissenschaftliche Methoden, von denen ich bisher nur gelesen hatte, auf einen Fall aus dem richtigen Leben anzuwenden. Warum lud er von allen Studenten gerade mich ein, mitzukommen? Vielleicht hatten ihn meine aufkeimenden Fähigkeiten als Wissenschaftler überzeugt; vielleicht auch nur die Tatsache, dass ich ein Auto besaß, mit dem wir hinfahren konnten. Wie dem auch sei: Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopfe.
Man hatte die Leiche schon vor einigen Monaten bestattet; der Anwalt erledigte also zunächst einmal den erforderlichen Papierkrieg für die Exhumierung. An einem warmen Frühlingstag im April 1955 fuhr ich mit Dr. Snow zu einem kleinen Friedhof im Osten des mittleren Kentucky. Als wir ankamen, hatte man das Grab bereits geöffnet und den Sarg freigelegt. Der Frühjahrsregen hatte den Grundwasserspiegel fast bis auf Bodenhöhe ansteigen lassen, sodass der Sarg im Wasser stand. Als ein Schlepper des Friedhofs ihn aus dem Grab hob, floss Wasser aus allen Ritzen.
Die Leiche war verbrannt, verwest und voll gesogen – ein herber Kontrast zu den makellos sauberen Knochenstücken, die ich sonst im Labor untersuchte. Herkömmliche anthropologische Fundstücke sind immer rein und trocken; forensisches Material dagegen ist meist feucht und stinkt. Aber intellektuell ist es auch unwiderstehlich: Es birgt wissenschaftliche Rätsel, die danach schreien, gelöst zu werden, Geheimnisse um Leben und Tod, die nur darauf warten, dass man sie ans Licht holt.
An der geringen Größe des Schädels, der Größe des Beckenkanals und dem glatten Augenbrauenwulst konnte ich sogar mit meinem ungeübten Blick erkennen, dass es sich um die Knochen einer Frau handeln musste. Schwieriger war die Frage nach dem Alter: Ihre Weisheitszähne waren vollständig ausgebildet – sie war also erwachsen, aber wie alt? Die zickzackförmigen Schädelnähte waren größtenteils verwachsen, aber noch deutlich sichtbar; das ließ darauf schließen, dass sie zwischen 30 und 50 Jahre alt war.
Wie sich herausstellte, hatte die Polizei bereits eine begründete Vermutung, um wen es sich handeln könnte. Dr. Snows Aufgabe bestand nur darin, die vorläufige Identifizierung zu bestätigen oder auszuschließen. Eine Frau aus dem Osten von Kentucky wurde seit der Zeit des Unfalls vermisst, und das war noch nicht alles: Am Abend vor der Kollision hatten Nachbarn zufällig mitbekommen, dass sie mit einem der Lastwagenfahrer, mit dem sie eine langjährige Beziehung hatte, nach Louisville fahren wollte.
Der Anwalt, der Dr. Snows Hilfe in Anspruch nehmen wollte, hatte sich bereits die Arztberichte über die Frau und Röntgenaufnahmen ihres Gebisses besorgt. Mit diesen Informationen ausgestattet, konnte Dr. Snow sehr schnell die Zähne und Zahnfüllungen mit denen auf den Röntgenbildern zur Deckung bringen. Indem er so ihre Identität bestätigte, schuf er für den Anwalt eine hieb- und stichfeste juristische Grundlage für Schadenersatzforderungen zu Gunsten der Angehörigen des Opfers. Anscheinend waren sie und ihr Freund ums Leben gekommen, weil der andere Lastwagen über die Mittellinie der Landstraße geschleudert war und sie frontal getroffen hatte. Der Wagen, der den Unfall verursacht hatte, gehörte der landesweit tätigen Supermarktkette Great Atlantic & Pacific Tea Company oder kurz A & P; vor Gericht konnte man hier also dicke Geldbörsen anzapfen.
Dr. Snow berechnete für den Fall ein Beraterhonorar von 25 Dollar; fünf Dollar davon gab er mir, weil ich ihn mit meinem Auto zu dem Friedhof gebracht hatte. Nach meiner Vermutung strich der Anwalt aus der Kasse von A & P einen beträchtlich größeren Betrag ein.
Ich wurde an jenem Tag nicht reich, aber ich hatte Blut geleckt. Zu sehen, wie man anhand verbrannter, zerbrochener Knochen ein Opfer identifizieren konnte, wie man ein altes Rätsel löst und einen Fall zum Abschluss bringt, faszinierte mich ungeheuer. Seit jenem Augenblick stand mein Entschluss fest: Ich wollte mich auf Gerichtsmedizin konzentrieren. Ich kehrte dem Jurastudium den Rücken, schrieb mich in Anthropologie ein und ging daran, die verlorene Zeit aufzuholen.
Ein Jahr später, 1956, wollte mich die Harvard University in ihr anthropologisches Doktorandenprogramm aufnehmen. Das anthropologische Institut dieser Hochschule galt als das beste im ganzen Land, und ich empfand das Angebot als große Ehre. Dennoch lehnte ich ab. Was mich interessierte, konnte ich nur an einem einzigen Ort lernen: in Philadelphia, bei dem berühmten Knochendetektiv Wilton Krogman.
Im September zog ich dorthin und begann an der University of Pennsylvania mit meinem Promotionsstudium. Ich kam gerade von einem Ferienjob an der Smithsonian Institution, wo ich Hunderte von Skeletten amerikanischer Ureinwohner untersucht und vermessen hatte. Ich war mittlerweile 27 – während des Koreakrieges hatte ich drei Jahre bei der Armee verbracht – und seit kurzem Familienvater: Mit Ann, meiner klugen jungen Frau, die später in Ernährungswissenschaft promovierte, hatte ich einen sechs Monate alten Sohn namens Charlie. Um Geld zu sparen, hatten wir mehrere Kilometer westlich des Zentrums von Philadelphia eine kleine Wohnung gemietet.
Kurz nach Semesterbeginn stürzte Dr. Krogman in seinem Haus auf der Treppe und brach sich das linke Bein. Normalerweise fuhr er immer mit dem städtischen Bus zur Universität, aber nachdem ihm nun der Gipsverband fast bis zur Hüfte reichte, war es so gut wie unmöglich, zur Haltestelle zu gehen und den Bus zu besteigen. Da auch Krogman im Westen der Stadt wohnte, bot ich ihm an, ihn zur Arbeit und zurück mitzunehmen, bis er wieder genesen war. Ich stellte mir vor, dass wir ein paar Monate lang eine Fahrgemeinschaft bilden würden. So kam es, dass wir zweieinhalb Jahre lang zusammen fuhren. Die Heilung seines Beins dauerte nicht annähernd so lange, aber bis der Gips abgenommen wurde, hatte ich einen neuen Mentor gefunden, und er hatte einen neuen Jünger.
Erstaunlicherweise belegte ich bei Krogman an der Pennsylvania State University nur eine einzige Vorlesung, aber die gemeinsamen Stunden im Auto wurden für mich zum Privatunterricht bei dem besten Knochendetektiv der Welt. Es war so, als hätte man die sokratischen Dialoge ins Automobilzeitalter verlegt, aber im Gegensatz zu Platon hatte ich den großen Lehrer ganz für mich allein.
Krogman gab mir vieles zu lesen, und während wir dann hin und her fuhren, unterhielten wir uns darüber. Er hatte ein unglaubliches Gedächtnis für Autoren, Daten und Titel von Veröffentlichungen, kannte aber auch alle Einzelheiten aus den Artikeln selbst. Seine Fähigkeit, Kenntnisse aus verschiedenen Quellen miteinander in Verbindung zu setzen und auf forensische Fragestellungen anzuwenden, war phänomenal.
Krogmans Unterricht beschränkte sich auch nicht nur auf das Auto. Jedes Mal, wenn er einen neuen Identifizierungsfall bearbeitete – eine Sammlung von Knochen, die ihm ein verblüffter Landarzt oder FBI-Agent brachte -, ließ er mich in sein Labor kommen. Zunächst untersuchte er die Knochen und formulierte seinen Befund, sagte aber kein Wort. Dann forderte er mich auf, mir die Knochen anzusehen und meine eigenen Schlüsse zu ziehen. Wenn wir dann unsere Erkenntnisse verglichen, sollte ich meine Behauptungen begründen und belegen, indem ich neuere wissenschaftliche Arbeiten über das Thema zitierte. Krogman war jedes Mal überrascht, wenn ich etwas fand, was er übersehen hatte. Das kam nicht oft vor, aber wenn es geschah, strahlte ich vor Stolz.
Krogmans Unterrichtsmethode war bemerkenswert effektiv. Sie half mir nicht nur, den Stoff zu behalten, sondern sie bereitete mich auch auf Gerichtsverfahren und die Verhöre feindseliger Anwälte vor – eine Prozedur, die ich in späteren Jahren häufig über mich ergehen lassen musste, auch wenn ich das damals noch nicht ahnen konnte. Zu jener Zeit wusste ich nur, dass Krogman mich Fall für Fall und Knochen für Knochen auf einem großartigen Weg voranbrachte.
Nur allzu schnell trennten sich unsere Wege. Im Januar 1960 verließ ich Pennsylvania und übernahm einen neunmonatigen Lehrauftrag an der University of Nebraska, dann folgten elf Jahre an der University of Kansas in Lawrence. Aber meine Verbindung zu Krogman riss nicht ab. Wir blieben privat und beruflich stets in enger Verbindung. Und als ich im Juni 1982 die Stufen des roten Backstein-Hauptquartiers der New Jersey State Police hinaufstieg, musste ich feststellen, dass ich wieder einmal auf Krogmans Spuren wandelte.
Fünf Jahre zuvor, 1977, hatte Krogman vom Generalstaatsanwalt des Staates New Jersey den Auftrag erhalten, die Knochen zu untersuchen. Da im Zusammenhang mit dem Fall Lindbergh immer noch offene Fragen im Raum standen, erwog man, die Sache neu aufzurollen. Auf Grund von Krogmans Befunden hatten sich die Behörden entschlossen, es nicht zu tun. Und jetzt beschäftigte ich mich im Auftrag der Witwe des verurteilten Mörders mit der gleichen Frage.
Mittlerweile hatte ich mir beruflich auch selbst eine gesicherte Stellung erworben: Ich leitete an der University of Tennessee ein sehr aktives anthropologisches Institut und hatte eine Einrichtung gegründet, die unter dem Namen »Body Farm« bekannt wurde: die weltweit einzige gerichtsmedizinische Forschungsinstitution, die sich mit der Verwesung von Leichen beschäftigte. Man hatte mich in die American Academy of Forensic Sciences berufen, und bei dieser Fachgesellschaft war ich Präsident der Sektion für physische Anthropologie. Ich hatte Tausende von Skeletten untersucht und an mehreren hundert gerichtsmedizinischen Fällen mitgewirkt. Trotz alledem fühlte ich mich jetzt klein und nervös: wie ein Zwerg, der in die Fußstapfen eines Riesen tritt. Ich war erst der zweite Anthropologe, der überhaupt die Erlaubnis erhielt, die berühmten Lindbergh-Knochen zu untersuchen.
Im Gebäude der State Police führte man mich in einen Kellerraum. Ein paar Minuten später brachte ein Beamter mir eine Asservatenschachtel. Darin befanden sich fünf Glasgefäße. Eines davon war gebrochen und wurde von durchsichtigem Klebeband zusammengehalten. Ursprünglich hatten diese Röhrchen teure Zigarren davor bewahrt, ihren Geschmack zu verlieren. Jetzt waren sie mit Korkstopfen verschlossen und schützten ein Dutzend winzige Knochen vor Verlust oder Beschädigung – Knochen, die sowohl den frühzeitigen Tod eines Unschuldigen als auch die letzte Hoffnung einer alternden Witwe verkörperten.
Zwei Knochen waren ganz offensichtlich tierischen Ursprungs: ein fünf Zentimeter langes Rippenstück von einem Vogel mittlerer Größe – vielleicht von einem Raufußhuhn oder einer Wachtel -, und das Hirnschädelgewölbe eines kleinen Wirbeltiers, vermutlich von demselben Vogel. Beide trugen Bissspuren – möglicherweise von demselben Hund oder den Hunden, die im Wald auch die Hand des toten Kindes abgerissen hatten.
Der größte der zehn Menschenknochen – das Fersenbein des linken Fußes – hatte einen Durchmesser von etwa drei Zentimetern; für den ungeübten Blick hätte es als kleiner Kiesel durchgehen können. Insgesamt stammten vier Knochen vom linken Fuß, zwei von der linken und vier von der rechten Hand. Obwohl ein halbes Jahrhundert vergangen war, hingen an einigen davon noch verwestes Gewebe, Schmutz und sogar ein paar Haare.
Die Knochen waren unversehrt; sie trugen kein Zeichen von Gewaltanwendung, keinen Anhaltspunkt für die Todesursache. Das Einzige, was am Skelett darauf hingewiesen hatte – der zertrümmerte kleine Schädel -, war eingeäschert worden, wenige Stunden nachdem Charles Lindbergh seinen Sohn identifiziert hatte. Was ich hier in der Hand hielt – diese zehn kleinen Bruchstücke von Hand und Fuß -, hatte man aus zehn Körben voller Zweige und Blätter herausgesiebt, die man in den Tagen nach der Entdeckung der Leiche vom Waldboden zusammengeharkt hatte. Die Polizei hatte sich davon neue Indizien versprochen – eine Mordwaffe, Fingerabdrücke, irgendetwas, das auf den Entführer und den Ablauf des Verbrechens hinwies -, aber diese Hand voll kleiner Knochen lieferte so gut wie keine neuen Aufschlüsse.
50 Jahre später waren sie noch weniger aufschlussreich. Kinderskelette sind geschlechtslos: Ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, lässt sich anhand der Knochen nicht feststellen; man kann nur die fraglichen Knochen vermessen und mit der Größe und dem Entwicklungsstadium anderer, bekannter Exemplare vergleichen. Zu diesem Zweck hatte ich die beiden maßgeblichen einschlägigen Nachschlagewerke mitgebracht: den Radiographic Atlas of Skeletal Development of the Foot and Ankle und den Begleitband Radiographic Atlas of Skeletal Development of the Hand and Wrist. In beiden sind die Ergebnisse eingehender Röntgenuntersuchungen an vielen hundert Kinderhänden und -füßen wiedergegeben. Glaubte man den Messergebnissen aus diesen Untersuchungen, waren die Hand- und Fußknochen in den Glasgefäßen geringfügig größer als die eines 18 Monate alten Jungen und geringfügig kleiner als die eines Jungen von zwei Jahren. In noch nicht einmal einer Stunde gelangte ich zu derselben Schlussfolgerung, die mein Lehrer Dr. Krogman schon fünf Jahre zuvor gezogen hatte: An den Knochen selbst sprach nichts gegen die Vorstellung, dass es sich um die letzten Überreste eines weißen, männlichen Kindes im Alter von 20 Monaten handelte. Eines 20 Monate alten weißen Jungen namens Charles Lindbergh, Jr.: der kleine Adler.
Als ich die Knochen wieder in ihre Glasbehälter gleiten ließ und die Korken festdrückte, fiel mir auf, wie wenig von diesem Kind übrig geblieben war – wie wenig noch an die glänzenden Aussichten erinnerte, an die großartige Zukunft, die vor Charles Lindbergh, Jr., gelegen hätte; an die Beziehung, die er vielleicht zu seinem berühmten Vater entwickelt hätte; an den Stolz, den der Senior empfunden hätte, wenn sein Sohn herangewachsen wäre und vielleicht auch selbst die Flügel ausgebreitet hätte, als Pilot von Flugzeugen oder sogar von Raumschiffen.
Ich selbst hatte 1982 drei gesunde Söhne von 26, 20 und 18 Jahren. Was es für Charles Lindberghs Seele bedeutet haben muss, seinen kleinen Sohn durch einen gewaltsamen Tod zu verlieren, konnte ich mir kaum ausmalen. Aber ich wusste, was es bedeutet, einen anderen geliebten Menschen durch einen gewalttätigen, vorzeitigen, sinnlosen Tod zu verlieren, und ich wusste auch, wie schnell so etwas gehen kann: Eine provisorisch gezimmerte Leiter in New Jersey bricht, und plötzlich wird aus einer Kindesentführung ein Mord. Oder der Zeigefinger eines intelligenten jungen Anwalts krümmt sich um den Abzug einer Waffe, und eine Kugel hinterlässt eine Blutspur im Leben ganz anderer Menschen. In meinem Leben.
Es geschah im März 1932 – durch einen schieren, aber seltsamen Zufall in dem gleichen Monat, als auch Bruno Hauptmann eine einfache Leiter mit einer tödlichen Schwachstelle zimmerte. Damals war ich dreieinhalb, doppelt so alt wie das Lindbergh-Baby. Marvin, mein Vater, arbeitete als aufstrebender junger Anwalt in der Kleinstadt Staunton in Virginia. Er war klug und sah gut aus; er hatte seine Jugendliebe Jennie geheiratet (die beiden waren 20 Jahre zuvor Maikönig und Maikönigin geworden), und vor ihm lag eine viel versprechende Zukunft in der Politik. Immerhin hatte er schon einmal für das Amt des Generalstaatsanwalts kandidiert; damals hatte er die Wahl zwar nicht gewonnen, aber er war auch erst 30 und würde noch genügend Gelegenheiten haben – das dachten jedenfalls alle.
Wir wohnten in einem zweistöckigen weißen Haus an der Lee Street, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Nebenan war eine Apfelplantage. Ich habe an jene Zeit nur wenige, unscharfe Erinnerungen, aber ein Bild von meinem Vater – oder eigentlich von meinem Vater und mir – steht mir kristallklar vor Augen: Wir fuhren an einem Sonntagmorgen mit unserem großen schwarzen Dodge in die Stadt, um eine Zeitung zu kaufen. (Mein Vater war in der Blütezeit des Ford-Modells T aufgewachsen, aber er hatte auch unzählige Male von seinem Vater gehört, Ford-Autos seien nur Blechkisten, »und zwar aus verdammt dünnem Blech«.)
Wir hielten an einer Straßenecke, wo ein Mann neben einem Stapel mit Zeitungen stand. Papa streckte den Arm an mir vorbei, kurbelte das Fenster herunter, drückte mir ein Zehn-Cent-Stück in die Hand und fragte mich, ob ich den Mann bezahlen wolle. Aus irgendeinem Grund – Angst? Schüchternheit? – schüttelte ich den Kopf und drückte mich gegen meinen Vater. Er lächelte gutmütig, nahm die Münze zurück und gab sie dem Zeitungsverkäufer.
Ich besitze Fotos von diesem gut aussehenden jungen Anwalt, dessen Namen ich trage. Auf manchen davon sitze ich auf seinem Schoß. Auf anderen steht er neben meiner Mutter. Auf den meisten Bildern lächelte er. Soweit ich mich überhaupt erinnern kann, waren wir damals glücklich – war er glücklich.
Aber meine Erinnerung ist bei weitem nicht gut genug, denn sie erklärt nicht einmal ansatzweise, was dann geschah. An einem Mittwochnachmittag, nicht lange nach unserem sonntäglichen Ausflug zum Zeitungholen, schloss mein Vater die Türe seiner Anwaltskanzlei und erschoss sich. Es war Vorfrühling; wahrscheinlich blühten die Apfelbäume in der Plantage; die Preise für landwirtschaftliche Produkte stiegen endlich wieder an; und mein Vater schoss sich eine Kugel in den Kopf.
Erst Jahrzehnte später führte ich mit meiner Mutter ein einziges kurzes Gespräch über den Selbstmord meines Vaters; darin deutete sie an, er sei gebeten worden, Geld für einen seiner Mandanten zu investieren, und habe es verloren, als die Börse zusammenbrach. Vielleicht konnte er den Menschen, deren Geld er verloren hatte, nicht mehr in die Augen sehen, vielleicht konnte er aber auch sich selbst nicht mehr in die Augen sehen; wer kann das sagen? Heute, wo ich selbst 40 Jahre älter bin als er zur Zeit seines Todes, kann ich mich im Rückblick eines Gedankens nicht erwehren: Du wärest darüber hinweggekommen. Hättest du nur ein wenig länger durchgehalten, wäre am Ende alles gut geworden. Aber was der Grund auch sein mochte, er sah oder empfand keine Möglichkeit mehr, durchzuhalten. Also machte er Schluss.
In dem Augenblick, als mein Vater abdrückte, entglitt er meinem Begriffsvermögen – entglitt er uns allen -, und so unfassbar ist er bis heute geblieben. Ich vermisse ihn immer noch. Oft stelle ich mir vor, was wir alles hätten gemeinsam tun können, als ich älter wurde. Ich sehne mich nach väterlichem und anwaltlichem Rat, wenn mir ein Mordprozess bevorsteht und ich im Zeugenstand eine feindselige Befragung über mich ergehen lassen muss. Obwohl ich über 70 bin, weine ich noch heute wie ein Kind, wenn ich mich daran erinnere, wie ich damals vor der Bezahlung dieses Zeitungsverkäufers zurückschreckte. Hätte ich dem Mann doch nur das Geld gegeben! Vielleicht hätte es meinem Vater gefallen; vielleicht hätte er über diesen tapferen kleinen Mann gelächelt, hätte im Herzen eine gewisse Erleichterung gespürt, hätte gespürt, wie ein kleines, entscheidendes Stück Zuversicht in ihm aufkeimte.
Ist es nicht eine Ironie des Schicksals? Nachdem ich in so zartem Alter den Hauch des Todes gespürt hatte, könnte man eigentlich glauben, ich hätte schon frühzeitig genug davon gehabt, sodass ich ihm im späteren Leben geflissentlich aus dem Wege gegangen wäre. In Wirklichkeit aber habe ich jeden Tag mit dem Tod zu tun. Jahrzehntelang habe ich ihn aktiv gesucht; ich vertiefte mich in ihn.
Vielleicht will ich ihm noch heute, über die Kluft der Jahre und der Sterblichkeit hinweg, die zwischen uns liegt, meine Tapferkeit beweisen. Wenn ich nach den Knochen der Toten greife, versuche ich vielleicht irgendwie, nach ihm zu greifen, dem einzigen Toten, den ich nie zu fassen bekommen habe.
Als ich an jenem Tag im Jahr 1982 im Keller des Hauptquartiers der New Jersey State Police saß, konnte ich an diesen fünf Zigarrenröhrchen, an diesen zehn kleinen Knochen nichts, aber auch gar nichts ablesen, was ich nicht bereits wusste. Nichts sprach gegen die Indizien, die man in dem Mordprozess gegen Bruno Hauptmann vorgelegt hatte. Nichts bestärkte die Hoffnungen, die diese Witwe seit einem halben Jahrhundert im Herzen trug.
Anna Hauptmann hatte einen geliebten Menschen verloren – genau wie die Lindberghs und genau wie ich. Als geliebter Ehemann und überführter Mörder musste er ihr mehr und mehr entgleiten, bis sie sich selbst von den Menschen in ihrer Umgebung löste. Erst dann konnte sie den Mann wiederfinden, mit dem sie gelebt und den sie geliebt hatte.
Vielleicht bekam sie ihn an diesem Tag endlich zu fassen.Vielleicht entgleite auch ich eines Tages denen, die mit mir leben, die mich lieben und mich kennen sollten; in diesem Augenblick werde ich meinen so lange verlorenen Vater finden.
Bis es so weit ist, suche ich unter den Toten nach anderen Menschen. Sie bekomme ich zu fassen, von vorzeitlichen Indianern bis zu heutigen Mordopfern. Tausende und Abertausende von anderen.
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Indianerleichen und Staudammbauer
Der Himmel über den Ebenen von South Dakota war tiefblau und verdunkelte sich ganz oben fast ins Violette. Im Westen fielen unregelmäßige graue Regenvorhänge aus hoch aufgetürmten Kumuluswolken, aber sie verdunsteten, lange bevor sie den Erdboden erreichten. Aus fast 5000 Metern Höhe konnte ich durch das Flugzeugfenster ein weites Stück der hügeligen Prärie überblicken. Gras und Gebüsch waren fast völlig braun; noch brauner war der Missouri, der sich schlammig von Nordwesten durch die Landschaft schlängelte und noch schlammiger nach Südosten wieder aus dem Blickfeld verschwand. Man hatte mir gesagt, es gebe hier nur wenige grüne Flecken: kleine Kreise mit üppigem Gras, die sich irgendwo nördlich von uns über die Hügel am Flussufer verteilten und die Lage eines alten Dorfes der Arikara markierten. Wir schrieben den Sommer 1957, vor mir lag ein gewaltiger neuer Horizont, und meine Spannung wuchs.
Als die Motoren gedrosselt wurden und die DC-3 der Frontier Airlines durch die Turbulenzen langsam tiefer ging, stieg ein neues Gefühl in mir auf: Reisekrankheit, meine lebenslange Achillesferse. Glücklicherweise war das Flugzeug unten, bevor mir das Frühstück hochkam.
Am späten Vormittag landeten wir in Pierre. Die wenigen Passagiere traten mit eingezogenen Köpfen durch die ovale Öffnung im Flugzeugrumpf, kletterten die Treppe hinunter und gingen in die weiß getünchte einzige Halle des Flughafens. Ich sah mich nach Bob Stephenson um, dem Archäologen der Smithsonian Institution. Er hatte versprochen, mich abzuholen, aber jetzt konnte ich ihn nirgendwo entdecken. Wenig später waren die anderen Passagiere verschwunden, und ich stand allein in der leeren Wartehalle, weit weg von zu Hause.
Der Kontrollturm des Flughafens sah aus wie ein Baumhaus auf Stelzen. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kletterte ich hinauf und fragte den Fluglotsen, ob er die Archäologen kenne, die in der Nähe der Stadt tätig waren. Ich erklärte, Dr. Stephenson habe zugesagt, mich abzuholen und zu ihrer Arbeitsstelle zu bringen. »Na, der ist vermutlich irgendwo im Schlamm stecken geblieben«, sagte der Fluglotse. »Letzte Nacht hatten wir eine Menge Regen, und wenn es hier feucht ist, wird alles ganz schön glitschig.« Am Spätnachmittag tauchte Bob schließlich auf. Er war von oben bis unten voller Schlamm und entschuldigte sich vielmals. Drei Stunden hatte er festgesessen. Damals wusste ich noch wenig, aber auch ich sollte – aus freiem Willen – ebenfalls hier hängen bleiben, und zwar während der nächsten 14 Sommer.
Dass ich nach South Dakota gekommen war, war dem gemeinsamen Einfluss des U.S. Army Corps of Engineers, der Smithsonian Institution und der letzten Eiszeit zu verdanken (die, das sollte ich hinzufügen, schon ein wenig vor meiner Zeit zu Ende war). Vor 20 000 Jahren drang eine dicke Kappe aus Gletschereis erbarmungslos über die großen nordamerikanischen Ebenen nach Süden vor. Sie schob Berge von Erde und Gestein vor sich her, zerrieb Felsen zu feinkörnigem Schwemmlandboden und gab Millionen Quadratkilometern der Erdoberfläche ein ganz neues Gesicht.
Jetzt war eine ebenso erbarmungslose Armee aus Ingenieuren, Archäologen und Anthropologen in der Prärie eingefallen, und auch sie hatten eine Reihe von Änderungen vorgenommen. Die Ingenieure hatten das Gelände unter Wasser gesetzt; wir anderen waren hektisch mit Ausgrabungen beschäftigt, durchstöberten und durchsiebten den Boden nach vergrabenen Schätzen – archäologischen Kostbarkeiten. Es war ein verzweifelter Wettlauf gegen die steigenden Fluten des neu aufgestauten Flusses Missouri.
Der Missouri ist vielleicht der am meisten unterschätzte Fluss der Welt. Bei uns in den Vereinigten Staaten steht er im Schatten des Mississippi, und das ist nach meiner Überzeugung höchst ungerecht. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Der Mississippi ist ein gewaltiger Fluss. Mit seinen 3779 Kilometern vom Lake Ithasca in Minnesota bis zu seinem Delta in Louisiana ist er eine riesige Wasserstraße, die sich mitten durch das Herz der Vereinigten Staaten zieht.
Ungerecht aber ist die Rangordnung, die man zwischen den beiden Flüssen hergestellt hat. Verfolgen wir einmal einen Regentropfen, der am Lake Ithasca in den Oberlauf des Mississippi fällt. Dieser Tropfen wandert 3779 Kilometer und gelangt dann in die salzigen Untiefen des Golfes von Mexiko. Fällt jedoch ein Regentropfen in Montana in eine Quelle am östlichen Abhang der Rocky Mountains, treibt er zunächst mehr als 3700 Kilometer im Missouri, bis er am Zusammenfluss mit dem Mississippi angelangt ist; von dort sind es dann noch einmal 2270 Kilometer bis zum Golf – eine Gesamtstrecke von fast 6000 Kilometern. Länger sind nur der Nil und der Amazonas. Legt man also die Länge zugrunde, sollte man eigentlich den Missouri als Hauptfluss und den Mississippi als Nebenfluss bezeichnen.
Der Missouri ist auch in anderer Hinsicht ein erstaunlicher Fluss. Soweit ich weiß, hat er es sich als Einziger in kontinentalen Ausmaßen anders überlegt und seinen Zielpunkt gewechselt. Vor der letzten Eiszeit floss der Missouri nach Nordosten ins heutige Kanada, wo er in das eisige Wasser der Hudson Bay mündete. Als die Gletscher dann wie riesige Bulldozer das ganze Land neu formten, nutzte der Missouri eine Lücke und wandte sich nach Süden in Richtung der warmen Gewässer vor Mexiko, wo er nun über 3000 Kilometer von seiner ursprünglichen Mündung entfernt endete.
Während dieser ganzen Zeit wurde der Missouri auch Zeuge dramatischer Veränderungen bei den Lebewesen, die in seinem riesigen Einzugsgebiet zu Hause waren. Vor rund 100 Millionen Jahren gehörten Montana sowie North und South Dakota zum Verbreitungsgebiet der Dinosaurier. Später folgte eine Fülle warmblütiger Tiere von Geparden über Kamele und Wollhaar-Mammuts bis zu riesigen Säbelzahnkatzen. Wir selbst erschienen erst recht spät auf der Bildfläche: Die ersten menschlichen Bewohner wanderten vermutlich vor etwa 12 000 Jahren über eine Landbrücke aus Asien ein.
Jahrtausendelang führten diese amerikanischen Ureinwohner ein Nomadenleben. Vor etwa 2000 Jahren fingen sie dann in ihrer Mehrzahl an, Nutzpflanzen anzubauen und sesshaft zu werden. Sie bauten Dörfer aus Erdhütten, runden Bauwerken, für die ein Loch gegraben und mit einem kuppelförmigen Holzgerüst abgedeckt wurde; dieses wurde dann zum Schutz gegen den sengenden Sommer und die eisigen Winter mit Erde und Gras bedeckt. Heute würde man von »Höhlenbehausungen« sprechen. Die Indianer der großen Ebenen nannten sie einfach »Zuhause«.
Aber die Höhlenbehausungen waren nichts Nachhaltiges. In den Prärien gab es nur wenige Bäume, und die wuchsen vorwiegend in der »untersten Etage« der Flussniederungen. Nach ungefähr einer Generation war das Flussufer viele Kilometer stromaufwärts und stromabwärts von einem Dorf abgeholzt. Die Frauen – ihre Aufgabe war es, Brennstoff und Baumaterial zu sammeln – mussten immer größere Entfernungen zu Fuß zurücklegen, um noch Holz zu finden. Schließlich ließen sie die müden Füße ruhen, und der Stamm zog am Fluss ein paar Dutzend Kilometer aufwärts oder abwärts, um sich in einem unberührten Waldstück niederzulassen. 100 Jahre später, wenn der Wald in der Flussniederung nachgewachsen war, kehrten sie dann unter Umständen zu der Stelle zurück, an der ihre Vorfahren das Dorf verlassen hatten.
Im 18. Jahrhundert waren in den großen Ebenen des amerikanischen Mittelwestens zahlreiche Indianerstämme ansässig. Im Norden lebten und kämpften vier große Stämme: die Furcht erregenden Sioux, die Nomaden geblieben waren, sowie die sesshaften Mandan, Hidatsa und Arikara. Im heutigen mittleren South Dakota bauten die Arikara riesige Dörfer aus Erdhütten, die neben den Häusern mehrerer hundert Familien auch große Gebäude für Zeremonien umfassten.
Dann brach mit der Ankunft der weißen Entdecker und Pelzhändler eine neue Zeitrechnung an. Unter ihnen waren Lewis und Clark, aber sie waren keineswegs die Ersten. Als das Corps of Discovery 1804 in ein Dorf der Mandan kam, traf es dort auf blonde, blauäugige Indianer, die Nachkommen einheimischer Frauen und französischer Entdecker oder Trapper.
Auf ihrem Weg stromaufwärts in das neu erworbene Territorium von Louisiana unternahmen Lewis und Clark den Versuch, die Arikara und die Mandan in einem Dreierbündnis mit der US-Regierung gegen die Sioux zu vereinigen, aber die Arikara widersetzten sich der Koalition und lieferten sich mit der Expedition, die weiter stromaufwärts unterwegs war, sogar ein kurzes Scharmützel. Mehr Glück hatten die Entdecker mit den Mandan. Bei ihnen überwinterte das Corps of Discovery in jenem Jahr; die Entdecker trieben Handel und jagten mit den Männern der Mandan, genossen aber auch die sexuelle Gunst ihrer Frauen. Häufig geschah dies mit ausdrücklicher Unterstützung der Ehemänner, denn die glaubten, ihre Frauen würden den »Zauber« der Weißen empfangen und weitergeben. Leider wurde dabei in der Regel ausschließlich die Syphilis übertragen.
Als die Lewis-Clark-Expedition 1806 den Rückweg stromabwärts antrat, hatte sie erneut einen Zusammenstoß mit den Arikara. Meriwether Lewis schickte 1809 – während seiner Amtszeit als Gouverneur des Territoriums von Louisiana, die in ausgesprochen schlechter Erinnerung blieb – eine Armee aus 500 Weißen und Indianern am Missouri stromaufwärts; sie hatte den Befehl, die Arikara auszulöschen, falls sie sich noch einmal auf einen Kampf einließen.
Aber bei aller Tapferkeit standen die Arikara damals im Begriff, auszusterben. 50 Jahre nach der Expedition von Lewis und Clark war der Stamm so gut wie verschwunden, ausgerottet durch die Sioux, die weißen Siedler und die Pocken. Die Arikara ließen auf der zweiten und dritten Etage der Flussniederungen am Missouri Hunderte von Erdhütten und Tausende von Gräbern zurück.
Im Jahr 1957, als die letzten Spuren der Arikara-Kultur im großen Strom des Fortschritts zu ertrinken drohten, erteilte mir die Smithsonian Institution den Auftrag, in der kurzen noch verbleibenden Zeit bei der Ausgrabung von möglichst vielen Überresten mitzuwirken.
Zu den großen Museen der Smithsonian Institution an der Mall in Washington, D. C., gehört das National Museum of Natural History. In seinem Erdgeschoss, unter der gewaltigen Kuppel, wacht ein riesiger afrikanischer Elefant. Mehrere Etagen darüber, auf den Galerien, die das vierte, fünfte und sechste Stockwerk der Rotunde säumen, befinden sich Schränke, Schubladen und Regale voller Skelette von amerikanischen Ureinwohnern. So war es jedenfalls früher.
Heute haben sich unsere Ansichten über die Ausgrabung von Gräbern und das Sammeln von Knochen grundlegend verändert. Im Jahr 1990 verabschiedete der US-Kongress nach hartnäckiger Lobbyarbeit der Ureinwohnerstämme ein Gesetz, das die Bergung von Skelettresten amerikanischer Ureinwohner verbietet. Darüber hinaus schreibt das Gesetz vor, dass Museen und andere Institutionen solche Skelettteile zurückgeben müssen, wenn der betreffende Stamm heute noch existiert. Dahinter steht ein ganz einfacher Gedanke: Sterbliche Überreste von Toten sind keine Sammler- oder Ausstellungsstücke, sondern heilige Reliquien, die man ihrem Heimatland zurückgeben und mit der gebotenen Ehrfurcht bestatten soll. Aus spiritueller Sicht leuchtet das völlig ein.
Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten jedoch haben Ausgrabungen und Sammlungen wie die der Smithsonian Institution entscheidend dazu beigetragen, die Geschichte, Kultur und Evolution der Menschen im Allgemeinen und der amerikanischen Ureinwohner im Besonderen aufzuklären. Durch Vergleich der Knochen von vielen tausend Menschen konnten die Wissenschaftler ein detailliertes Bild von den ursprünglichen Bewohnern Nordamerikas zeichnen: Heute kennen wir ihre Größe, ihre Körperkraft, ihre Ernährung, ihre durchschnittliche Lebensdauer, die Kindersterblichkeit und vieles andere. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts gingen solche Knochen in derart großer Zahl bei der Smithsonian Institution ein, dass die Wissenschaftler des Museums sie nicht alle sofort auswerten konnten.
Das war mein Glück.
Die Anthropologie hatte ich für mich während der letzten beiden Jahre meines Grundstudiums an der University of Virginia entdeckt. Für mein Hauptfach, die Psychologie, hatte ich damals die meisten Lehrveranstaltungen abgeschlossen, sodass ich am Ende ein wenig Zeit für Wahlfächer frei hatte. Als ich die Seminarangebote durchlas, blieb mein Blick als erstes bei »Anthropologie« hängen. (Was nicht verwunderlich ist, denn es war eine alphabetische Liste. Hätte ich nicht am Anfang, sondern am Ende zu lesen begonnen, wäre ich vielleicht Zoologe geworden!)
An der University of Virginia gab es eigentlich nicht einmal ein anthropologisches Institut, sondern nur Clifford Evans, einen einsamen Professor, den man in das Institut für Soziologie gesteckt hatte. Aber Evans war ein abenteuerlustiger Freilandforscher und anregender Lehrer. Er war kurz zuvor von Ausgrabungsarbeiten an einem prähistorischen Dorf in Brasilien zurückgekommen, und er machte die vorzeitlichen Bewohner in seinen Vorlesungen mit Dias und Erzählungen lebendig. Ich versäumte keine einzige Stunde bei ihm.