Inhaltsverzeichnis
»Erzengel Gabriel, der Bote Gottes«
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Fallen Angels and the Origins of Evil«
im Verlag Summit University Press, Gardiner, Montana.
Den Kindern des Henoch gewidmet
Und nun, meine Kinder, öffnet eure Herzen und hört die Worte eures Vaters, die aus dem Munde des Herrn stammen.
Nehmt diese Bücher, von eurem Vater geschrieben, und lest sie.
Denn der Bücher sind viele, und aus ihnen sollt ihr von den Werken des Herrn erfahren, von dem, was seit Anbeginn der Schöpfung geschah, und von dem, was bis ans Ende der Zeit sein wird …
… Gebt diese Bücher euren Kindern, all den nachfolgenden Generationen. Gebt sie den Nationen, die klug genug sind, Gott zu fürchten. Sie sollen sie empfangen und mögen sie sie mehr lieben als jegliche Nahrung oder irdischen Luxus. Lest sie und lebt nach ihnen.
Und jene, die den Herrn nicht kennen, die Gott nicht fürchten, die diese Bücher nicht annehmen, sondern sie zurückweisen, erwartet ein furchtbares Gericht.
Henoch an seine Kinder
(aus dem Buch der Geheimnisse des Henoch)
DIE VERBOTENEN MYSTERIEN DES HENOCH
Die geheime Geschichte von Engeln und Menschen
Die gefallenen Engel auf der Flucht
DIE VERBOTENEN MYSTERIEN DES HENOCH
Die geheime Geschichte von Engeln und Menschen
In der unglaublichen Hektik des modernen Lebens nehmen sich nur wenige Menschen die Zeit, über Engel nachzudenken. Aber das war nicht immer so. Im vierten Jahrhundert beispielsweise, als die Westgoten das Römische Reich überrannten, als das soziale Chaos und die Korruption Rekordniveaus erreicht hatten und eine streng regulierte Wirtschaft zu zweistelligen Inflationsraten geführt hatte, da dachten die Menschen über Engel nach.
Und es ging dabei nicht nur um weltfremde Überlegungen wie die Frage, wie viele Engel wohl auf einer Nadelspitze tanzen könnten. Nein, die Menschen stellten Fragen, die ernsthafte und weitreichende Konsequenzen hatten.
Die am heftigsten geführte Debatte drehte sich um ein alles entscheidendes Thema: Waren wirklich Engel in Wesen aus Fleisch und Blut verwandelt worden, um auf der Erde zu wirken? Obwohl der Großteil der Debatte in unseren Geschichtsbüchern nicht zu finden ist, können – und sollten – wir aus Gründen, die schon bald klar sein werden, diese Frage aufarbeiten.
Wenn Engel jemals zu fleischlichen Wesen wurden, die gewöhnlichen Menschen ähnelten, wie würden sie wohl sein? Wie würden Sie einen erkennen, wenn er sich in Ihrer Nachbarschaft niedergelassen hätte? Wäre er besonders gut und tugendhaft, ein richtiges Engelchen mit Pausbacken und allem Drum und Dran? Oder wäre er besonders böse, einer der grässlichen gefallenen Engel?
Wenn das Letztere der Fall wäre, dann würde das, was einst als gedankliche Spielerei der frühen Kirche begonnen hatte, zu einer wahren Detektivgeschichte werden, zu einer Aufarbeitung der frühen kosmischen Geschichte anhand nur fragmentarisch erhaltener Dokumente über den Ursprung und das Wesen des Bösen, die weit über eine bloße theologische Diskussion hinausgehen würde.
Ich bin überzeugt, dass meine Nachforschungen, auch wenn sie bei Weitem noch nicht vollständig abgeschlossen sind, im Buch Henoch, in den Schriften des Origenes und anderer apokrypher Autoren, in mythologischen Texten und frühen archäologischen Funden den Schlüssel zu gewissen historischen Fakten bezüglich der Evolution von Engeln und Menschen auf der Erde und in anderen Weltensystemen offenbaren werden. Ich bin überzeugt, dass diese Tatsachen den Kindern des Lichts seit Jahrtausenden absichtlich vorenthalten wurden. Einmal ans Licht gebracht und von beherzten Menschen umgesetzt werden sie sich als die entscheidenden Mittel erweisen, um ein neues Zeitalter des Friedens und der Erleuchtung einzuläuten.
Obwohl es der Umfang dieses Werkes nicht gestattet, alle vorhandenen Tatsachen zu präsentieren, gibt mir dieses Buch doch die Möglichkeit, die unterdrückten Geheimnisse des Henoch in Bezug auf die wahre Natur der gefallenen Engel, die als »die Wächter« bekannt sind, zu offenbaren. Henoch gab diese Geheimnisse an seine Söhne und deren Familien weiter, um sie auf diese Weise den nachfolgenden Generationen zu bewahren.
Basierend auf schlüssigen Beweisen aus verschiedenen Quellen bestätigen meine Nachforschungen die im Buch Henoch gemachten Aussagen, dass es tatsächlich gefallene Engel gibt, dass sie sich auf Erden verkörpert und die Seelen der Menschen vergiftet haben und dass sie sich am Tage des Gerichts vor dem Auserwählten verantworten müssen. Daraus folgt logischerweise auch, dass sich die Gefallenen gemeinsam mit den Nachkommen der Nephilim, die von Erzengel Michael aus dem Himmel verbannt wurden, ununterbrochen seit mindestens einer halben Million Jahre auf der Erde verkörpert haben müssen.
Ich werde beweisen, dass sie auch heute noch unter uns leben, dass sie hohe Machtpositionen in Kirche und Staat innehaben und die Hauptverantwortlichen für Kriege und Finanzkrisen sind, dass sie die Banken und Parlamente beherrschen und das Schicksal der Menschheit durch Geburtenkontrolle und Genmanipulation, durch die Beherrschung der Energie- und sonstigen Rohstoffreserven, der Massenmedien und der Bildungssysteme bestimmen und dabei ideologische und psychopolitische Strategien einsetzen, um zu teilen und zu herrschen.
Die hier erzählte Geschichte von Engeln und Menschen stößt die Tür zur endgültigen Enthüllung der Manipulatoren und der Manipulierten, der Unterdrücker und Unterdrückten einen Spalt weit auf. Wenn ich das letzte Wort des letzten Bandes meiner Nachforschungen niedergeschrieben habe, wird es durch die Gnade Gottes und des Heiligen Geistes, meinem Tröster und Lehrer, klar sein, dass die inkarnierten gefallenen Engel, die das Hauptthema von Henochs Prophezeiung sind, von Anfang an den Traum Gottes und der Menschen korrumpiert haben.
Überall verwandeln sie die Anstrengungen der edelsten Herzen dieser Welt in eine Verhöhnung des fleischgewordenen Wortes und sorgen dafür, dass sich die Spirale der fortwährenden Degeneration sowohl der westlichen als auch der östlichen Zivilisation immer schneller dreht. Aber alle ihre gottlosen Taten können und werden durch das Urteil des wahren und gerechten Gottessohnes und dem Licht, das in ihm scheint, rückgängig gemacht werden.
Um dabei zu helfen und um jene zu unterstützen, die sich Gott als Werkzeug Seines Willens zur Verfügung stellen, veröffentliche ich meine Nachforschungen über die Geschichte der gefallenen Engel hier als Einführung zum Buch Henoch und zum Buch der Geheimnisse des Henoch.
Ich bin überzeugt, dass die Berichte über Henochs Erlebnisse mit unserem geliebten Vater entscheidend zum Verständnis der uralten Verschwörung beitragen werden, die noch heute das Leben der Menschheit bestimmt und die fortdauern wird, bis den Kindern des Lichts das wahre Wissen über die Saat des Widersachers und die Saat des Sohn Gottes offenbart werden wird.
In diesem und anderen Werken habe ich versucht, denen die Ohren haben zu hören, klarzumachen, wie die Gefallenen operieren und was der Weg der Gesalbten des Herrn ist. An ihren Früchten sollt ihr jene erkennen, die von »oben« stammen, und jene, die von »unten« stammen. Und aufgrund ihres freien Willens sollen die Menschen entscheiden, wem sie dienen wollen: dem Licht oder der Finsternis. Und so werden sie aufgrund ihrer Taten beurteilt werden.
Die Frage, die sich während meiner Nachforschungen immer mehr herausgeschält hat, lautet: Wenn die bösen Engel auf Erden lebten und wenn sie, wie die Schrift anzudeuten scheint, wie gewöhnliche Menschen aussahen, warum sollten sie dann heute nicht mehr unter uns sein? Angesichts der Zustände auf dem Planeten Erde, wo würden wir sie heute finden? Manipulieren sie unsere Regierungen? Treiben sie unsere Volkswirtschaften in den Ruin?
Wer sind sie überhaupt?
Die Menschen des vierten Jahrhunderts kannten einige der Antworten, die in wenig bekannten, schwer zu beschaffenden Büchern aufbewahrt wurden, von denen viele niemalsins Deutsche übersetzt wurden. Wenn man aber etwas in den Archiven der christlichen Kirchenväter gräbt, stößt man auf die erstaunliche Tatsache, dass sie tatsächlich etwas über die Inkarnation von Engeln wussten, dass dieses Wissen aber als so gefährlich angesehen wurde, dass man es als Häresie brandmarkte.
In den ersten Jahrhunderten nach Christus ergingen sich die Kirchenväter in philosophischen Diskussionen über den Ursprung des Bösen in Gottes Universum – besonders auf Erden. Man stimmte darin überein, dass das Böse mit den Engeln begann, die aus dem Himmel verbannt wurden. Dies war die bekannte biblische Darstellung der Rebellion eines Erzengels gegen den Allmächtigen und dessen anschließenden Verbannung.1
Es war üblich, diese Engel als immaterielle, geflügelte Geschöpfe darzustellen, als dunkle, schattenhafte Dämonen, die die Menschen vom rechten Weg abzubringen suchten und ihnen unheilvolle Worte ins Ohr flüsterten. Aber gewisse Stellen in der Heiligen Schrift deuten an, dass die gefallenen Engel mehr Substanz besaßen – und dies im wahrsten Sinne des Wortes.
Dass Engel durchaus physische Wesen sind, scheint eine uralte Überzeugung gewesen zu sein. Da gibt es zum Beispiel den Engel, mit dem Jakob ringt, der immerhin von einer solchen Körperlichkeit ist, dass er Jakob vorübergehend, wenn nicht gar lebenslang zum Krüppel machen konnte. Dieser Engel war so greifbar, dass der Verfasser des Buches Genesis ihn einen Mann nannte, obwohl an anderer Stelle enthüllt wurde, dass es sich um einen Engel gehandelt hatte.2 Der Engel sagte zu Jakob: »Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen.« Wie hätte Jakob den Engel halten können, wenn der keinen Körper gehabt hätte?
Die Engel, die Sodom besuchten, mussten in Lots Haus versteckt werden, um sie vor den Übergriffen der örtlichen Bevölkerung zu schützen, vor den Sodomiten, die mit ihnen verkehren wollten.3 Und Manoach bot an, seinem Gast das Essen zuzubereiten, weil er annahm, dass es sich bei diesem um einen gewöhnlichen Menschen handelte, bis dieser in dem Feuer, das Manoach entzündet hatte, gen Himmel fuhr. Erst da begriff Manoach, dass er einen Engel des Herrn gesehen hatte.4
Die bösen gefallenen Engel waren gewissen religiösen Schriften zufolge kaum weniger körperlich.
Zarathustra, der große persische Prophet, zerschmetterte die Körper der Engel, weil sie sie benutzt hatten, um Böses zu wirken. Der Geschichte zufolge hatten die Engel sexuellen Verkehr mit irdischen Frauen, was ohne Körper wohl schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre – besonders, da sie dabei Nachkommen zeugten.5
Die Geschichte verkörperter Engel, wirft trotz aller Fragen Licht auf bestimmte Stellen in der Heiligen Schrift und in den Legenden.
Die Geschichte der Wächter: der große Verlust und der große Fund
Und dann war da noch das Buch Henoch. Einst von Juden und Christen gleichermaßen hochgeschätzt fiel es später wegen seiner umstrittenen Behauptungen über Wesen und Taten der gefallenen Engel bei mächtigen Theologen in Ungnade.
Das Thema erregte die damaligen Kirchenväter derma ßen, dass einer von ihnen namens Filastrius von Brescia es als Häresie verdammte.6 Aber auch die Rabbiner beschlossen, den Lehren des Buches in Bezug auf die Engel nicht mehr zu folgen. Rabbi Schimon ben Jochai belegte im zweiten Jahrhundert all jene, die daran glaubten, mit einem Fluch.7
Also wurde das Buch verleumdet, verbannt, verflucht, sicherlich auch verbrannt und in Stücke gerissen, und es galt über tausend Jahre lang als verschollen (und wurde daher bequemerweise vergessen). Aber auf geheimnisvolle Weise fand das Buch Henoch dennoch vor etwa zweihundert Jahren seinen Weg zurück in die Öffentlichkeit.
I773 veranlassten Gerüchte über eine erhalten gebliebene Kopie des Buches den schottischen Forscher James Bruce, eine Reise nach Äthiopien zu unternehmen. Die Gerüchte besagten, dass das Buch Henoch von der äthiopischen Kirche bewahrt worden sei, die es gleichberechtigt mit den anderen Büchern der Bibel verehrte.
Bruce fand nicht eine, sondern gleich drei äthiopische Kopien des wertvollen Buches und brachte sie zurück nach England. Als I82I Richard Laurence, ein Professor für Hebräisch an der Universität Oxford, die erste englische Übersetzung des Werkes veröffentlichte, konnte die moderne Welt einen ersten Blick auf die bisher unterdrückten Geheimnisse des Henoch werfen.8
Das Buch Henoch handelt von jener geheimnisvollen Zeit, als sich Geschichte und Mythologie überschnitten. Eingeweiht in die tiefgründigen Geheimnisse der alten Texte präsentiert der Verfasser dem Leser eine überquellende Schatztruhe geheimen Wissens. Im Buch Henoch entfaltet sich das uralte Drama zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkelheit. Im Buch werden Henochs Schritte zurück in eine Zeit vor der Zeit beschrieben – zurück bis zu dem Augenblick, in dem der erste Funke der Verderbtheit auf einer unberührten Welt – der Erde – auftauchte.
Dem Buch Henoch zufolge begann das Problem damit, dass die himmlischen Engel und ihr Anführer namens Samjaza unstillbaren Hunger auf die Töchter der Menschen bekamen und eine große Lust verspürten, mit diesen Frauen Kinder zu zeugen. Samjaza hatte Angst, allein zu den Menschentöchtern hinabzufahren, daher verführte er 200 der Wächter genannten Engel, mit ihm diese Lustreise zu unternehmen.
Die Engel legten einen Schwur ab und verpflichteten sich durch gegenseitige Verfluchungen, dieses Unterfangen durchzuführen. War der Pakt einmal besiegelt, so würde jeder Verrat daran auf schrecklichste Weise bestraft werden.
Sich gegenseitig Mut machend fuhren die Engel auf die Erde hinab und nahmen sich Menschentöchter zu Frauen. Sie lehrten die Frauen Hexerei, Beschwörung und Weissagung – alles nur verzerrte Versionen der himmlischen Geheimnisse.
Die Geschichte nimmt wie ein Science-Fiction-Thriller noch an Spannung zu und wird daher von vielen eher als Fantasie denn als Tatsachenbericht abgetan. Die Frauen gebären die Kinder der Engel: böse Riesen. Die Riesen fressen die gesamten Nahrungsvorräte der Menschen auf. Nichts kann ihren Hunger stillen. Sie töten und fressen Vögel, Säugetiere, Reptilien und Fische. Ihr unermesslicher Appetit macht vor nichts Halt. Schon bald werden die Menschen selbst zur Nahrung. (HENOCH 7,I-I5)
Einer der boshaftesten Engel mit Namen Azazel lehrt die Frauen, sich mit Wimperntusche und allerlei Ketten zu schmücken, um ihren Sexappeal zu steigern. Den Männern bringt Azazel jedes nur mögliche Laster bei, so zeigt er ihnen zum Beispiel wie man Schwerter, Messer, Schilde und Brustpanzer fertigt, also alles, was man für einen Krieg braucht. (8,I-9)
Im Buch Henoch erklärt also jemand schon vor Jahrtausenden, dass der Krieg weder von den Menschen erfunden noch von Gott als Strafe gesandt wurde, sondern die Erfindung eines rachsüchtigen Engels war, weil er aus dem Reich Gottes verbannt worden war. Das bedeutet, dass die Menschen aufgrund einer Manipulation auf die Kriegsspiele der gefallenen Engel hereingefallen waren und sich zum willigen Werkzeug des Völkermordes im Dienste ihrer Erzrivalen machen ließen.
Aber es gibt noch mehr in Henochs Bericht über die Wächter. Als die Erde angesichts der auf ihr begangenen Gräueltaten aufschrie, erhörte sie der Himmel. Die mächtigen Erzengel Michael, Gabriel, Raphael, Sariel und Uriel kamen als Bittsteller für die Menschen zum Thron des Höchsten der Hohen, des Königs der Könige. (9,I-I4)
Der Herr befiehlt Raphael, Azazel an Händen und Füßen zu binden. Gabriel wird ausgesandt, um die »Kinder der Unzucht«, die Nachkommen der Wächter, zu zerstören. Er erreicht dies, indem er sie dazu bringt, sich gegenseitig abzuschlachten. Michael wird ermächtigt, Samjaza und seine böse Brut für 70 Generationen bis zum Tag des Gerichts unter die Erde zu verbannen.9 Gott selbst schickt die Sintflut, um die bösen Riesen, die Kinder der Wächter, zu ertränken. (I0,I2)
Aber in den nachfolgenden Generationen (nach dem Untergang von Atlantis) kehrten die Riesen zurück, um die Menschheit zu quälen. Zudem scheint es so, als ob die Wächter auf nicht näher definierte Weise zunehmend Macht über die Menschen gewonnen haben, die so lange andauern wird, bis die Engel gerichtet werden – was dem Verfasser zufolge längst überfällig ist.
Gegen Ende des Buches gibt es einen bedeutsamen Abschnitt, der von den letzten Tage der Erde handelt:
»In jenen Tagen werden die Engel zurückkehren und sich gen Osten wenden, … um die Könige aufzuwiegeln und sie zum Aufruhr zu bewegen … Und sie werden aufmarschieren und das Land Seines auserwählten Volkes niedertrampeln … Sie werden sich gegenseitig bekämpfen …, bis die Zahl der in ihren Kämpfen getöteten Leichen unermessliche Ausmaße angenommen hat. Ihre Strafe wird keine geringe sein.«10
Dies hört sich wie eine beklemmende Vorhersage unserer Zeit an, mit all den Kriegen im Nahen Osten und den ungezählten Leichen im Heiligen Land. Die Prophezeiung gibt kein Datum an, aber nimmt man nur ein paar Änderungen an den richtigen Stellen vor, so erhält man die Schlagzeilen von heute.
Das Hauptthema des Buches Henoch ist das Gericht über die gefallenen Engel, die Wächter, und über ihre Nachkommen, die bösen Geister. (I5,8) Aber mehrere andere Themen sind ebenfalls sehr beachtenswert.
So spricht der Herr in Kapitel I2 zu Henoch, dem Bewahrer der Rechtschaffenheit:
»Gehe hin und sprich mit den Wächtern des Himmels, die den hohen Himmel und ihre heilige ewige Stellung verlassen und sich mit den Frauen verunreinigt haben.11 Wie die Söhne der Menschen haben sie getan, indem sie sich Frauen genommen und sich in großes Verderben auf der Erde gestürzt haben. Sie werden auf Erden keinen Frieden und keine Vergebung ihrer Sünden finden. Sie sollen sich ihrer Nachkommenschaft nicht erfreuen, sie sollen die Tötung ihrer geliebten Söhne sehen und über die Vernichtung ihrer Söhne klagen. Sie sollen ewiglich bitten, aber weder Barmherzigkeit noch Frieden erlangen.« (I2,5-7)
In Kapitel I3 erklärt Henoch Azazel das Urteil des Herrn:
»Henoch ging hin und sagte zu Azazel: Du wirst keinen Frieden finden. Ein großes Urteil ist über dich ergangen, das dich binden wird. Du wirst keine Nachsicht, noch Gnade oder Fürbitte erlangen wegen der Gewalttaten, die du gelehrt hast, und wegen jeglicher Blasphemie, Tyrannei und Sünde, die du den Menschenkindern offenbart hast.« (I3,I-3)
In Kapitel I3 wird auch beschrieben, wie die Wächter Angst bekamen und erzitterten, wie sie Henoch baten, eine Bittschrift für sie zu verfassen, damit diese zu Gott aufsteigen möge, da sie selbst angesichts ihrer Gräueltaten und ihrer unermesslichen Sünden es nicht wagten, Ihn anzusprechen.
Henoch berichtet den Wächtern:
»Ich habe eure Bittschrift geschrieben, und in meiner Vision wurde mir gezeigt, dass das, worum ihr fleht, nicht erfüllt werden wird, solange die Welt besteht. Über euch ist ein Urteil gesprochen worden, eure Bitte wird euch nicht gewährt werden. Fortan werdet ihr niemals wieder in den Himmel aufsteigen. Er hat befohlen, euch an die Erde zu binden, solange die Welt besteht. Zuvor aber sollt ihr die Vernichtung eurer geliebten Söhne mit ansehen. Es wird keiner von ihnen übrig bleiben, sie werden vor euch durch das Schwert gefällt werden. Weder für sie soll euer Flehen erhört werden noch für euch selbst. Trotz Weinen und Bitten sollt ihr nicht die Erfüllung eines Wortes aus der Schrift erlangen, die ich verfasst habe.« (I4,2-7)
In Kapitel I5 spricht Gott, der Herr, der glorreich Strahlende, wiederum zu Henoch, dem Rechtschaffenen:
»Gehe hin und sprich zu den Wächtern des Himmels, die dich gesandt haben, um für sie zu bitten: Ihr solltet für die Menschen bitten, und nicht die Menschen für euch. Ihr, die ihr heilige Geister wart und das ewige Leben besessen habt, habt euch durch die Frauen befleckt, Kinder in fleischlicher Lust gezeugt, nach dem Blute der Menschen begehrt und all das getan, was jene tun, die aus Fleisch und Blut sind. Jene aber sterben und vergehen. Deshalb habe ich ihnen Frauen gegeben, damit sie mit ihnen verkehren, und sie ihnen Söhne gebären, auf dass ihnen nichts auf Erden fehle. Ihr aber wurdet von Anfang an als Geister geschaffen und habt das ewige Leben besessen und wart dem Tod nicht unterworfen. Darum habe ich für euch keine Frauen geschaffen, denn da ihr geistige Wesen seid, ist eure Wohnung im Himmel.12 (I5,I; 3-7)
Der Herr erklärt Henoch dann das Wesen der Nachkommen der Wächter und das Böse, das sie über die Erde gebracht haben:
»Aber die Riesen, die aus Geist und Fleisch geboren worden sind, wird man auf Erden böse Geister nennen, und auf der Erde sollen sie ihre Wohnung haben. Böse Geister werden aus ihren Leibern hervorgehen, weil sie von oben geschaffen wurden, von den heiligen Wächtern, die ihr Ursprung und ihre Grundlage sind. Böse Geister werden sie auf Erden sein und sie sollen Geister der Bösen genannt werden. Die Geister des Himmels haben im Himmel ihre Wohnung, aber die Geister der Erde, die auf der Erde geboren wurden, haben auf der Erde ihre Wohnung.13
Die Geister der Riesen sollen wie Wolken sein14, die Unterdrückung bringen, Verderben stiften, Unheil anrichten und auf Erden allerlei Kummer bereiten. Ihretwegen wird es viele Klagen geben. Sie sollen keine Nahrung essen und sie werden durstig sein. Verborgen sollen sie sein und sie sollen sich nicht gegen die Söhne der Menschen und gegen die Frauen erheben, denn sie werden in den Tagen der Schlachten und der Zerstörung hervortreten.
Und wenn die Riesen sterben und ihre Geister aus den Körpern treten, so soll über den Leib, der vergänglich ist, nicht gerichtet werden. So sollen sie untergehen bis zum Tage des großen Weltuntergangs. Die Wächter und die Gottlosen sollen dann vernichtet werden.« (I5,8-I0; I6,I)
Weil sie so große Sünden begangen haben, spricht der Herr zu den Wächtern: »Niemals wieder sollt ihr Frieden finden.« Nach dem Buch Henoch gilt das Urteil des Herrn gegen die Wächter damals wie heute.
Der Verfasser des Buches beschreibt in bewegenden Worten und majestätischen Bildern auch die Visionen, die ihm im Himmel gewährt wurden. Er berichtet über die Anweisungen, die er von den Erzengeln bezüglich des überwältigenden Urteils gegen die gefallenen Engel erhalten hat. Er verfasst drei Parabeln oder Gleichnisse, in denen die Glorie des Himmels, der unaussprechliche Hochbetagte und der Menschensohn beschrieben werden, die – wie es heißt – das letzte Gericht über die Bösen bringen werden. Es gibt zudem einen längeren Abschnitt über astronomische Themen sowie eine umfangreiche Prophezeiung in Bezug auf die Zukunft der Auserwählten.
So sieht also das Buch Henoch in der Form aus, die wir heute besitzen. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass der hier übersetzte Text stellenweise irgendwie zusammenhanglos erscheint und daher wohl vor langer Zeit lose aus verschiedenen Fragmenten zusammengestellt worden sein muss. Möglicherweise handelt es sich sogar um die grob bearbeitete Version eines größeren Werkes, das heute nicht mehr existiert.
Christus erkennt das Buch Henoch an
Viele Gelehrte gehen davon aus, dass diese Version des Buches Henoch im zweiten Jahrhundert vor Christus verfasst wurde und dass sie 500 Jahre lang ziemlich verbreitet war. Der früheste äthiopische Text war wohl die Übersetzung einer griechischen Abschrift, die wiederum eine Kopie eines noch älteren Textes war. Das Original wurde wohl in einer semitischen Sprache verfasst. Heute nimmt man an, dass es sich dabei um Aramäisch gehandelt haben muss.
Obwohl man einmal geglaubt hat, dass es sich um einen christlichen Text handelt, da es verblüffende Übereinstimmungen mit der christlichen Terminologie und Lehre gibt, beweisen die Funde der Qumran-Schriftrollen vom Toten Meer, dass der Text bereits vor der Geburt von Christus existierte. Jedoch ist das Ursprungsjahr des Originaltextes, von dem im zweiten Jahrhundert vor Christus in Qumran Kopien angefertigt wurden, ungewiss. Auf jeden Fall ist der Text sehr alt.
Es ist die übereinstimmende Meinung der Historiker, dass das Buch nicht wirklich vom biblischen Patriarch Henoch stammen kann, da dieser dem Buch Genesis zufolge mehrere tausend Jahre früher gelebt haben muss.
Aber natürlich ist der gegenwärtige Wissensstand der Historiker in Bezug auf die jüdische Bibel keinesfalls vollständig. Im Lauf der Jahre werden möglicherweise neue Entdeckungen neues Licht auf die rabbinische Tradition des Sohar werfen, derzufolge die Schriften des Henoch von Generation zu Generation unverfälscht weitergegeben wurden.15
Trotz seines ungewissen Ursprungs erkannten die frühen Christen das Buch Henoch als authentisch an, besonders den Teil über die gefallenen Engel und das gegen sie ergangene Urteil. Tatsächlich ist es so, dass viele der Konzepte, die Jesus Christus verwendete, in direktem Zusammenhang mit dem Buch Henoch stehen.
Daher ist es schwer zu glauben, dass Jesus das Buch nicht gekannt haben soll. Es erscheint im Gegenteil wahrscheinlich, dass er es so sehr geschätzt hat, dass er bestimmte Themen übernahm und sie ausschmückte – wie zum Beispiel seine Beschreibung des kommenden Königreiches und des unvermeidlichen Gerichts, das über die Bösen kommen würde. Mit dem Begriff »die Bösen« werden im Alten Testament die Wächter meistens beschrieben.16
Es gibt ausreichende Beweise, dass Jesus das Buch Henoch geschätzt hat. Mehr als I00 Stellen im Neuen Testament haben eine Entsprechung im Buch Henoch. Die Segnung unseres Herrn »Selig sind die Duldsamen, denn sie werden das Land erben«17 erinnert an Henoch 6,9, wo es heißt: »Den Auserwählten wird Licht, Freude und Friede zu teil werden und sie werden das Land erben.«
Und erinnern wir uns an Jesus’ Ermahnung:
»Wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser gewesen, wenn er nie geboren wäre.«18
Dies erinnert an Henoch:
»Wo wird dann die Wohnung der Sünder sein? Wo werden jene, die den Herrn der Geister geleugnet haben, dann Ruhe finden? Es wäre besser für sie gewesen, sie wären nie geboren worden.«19
Das Buch Henoch enthält zudem mehrere Entsprechungen zu den »vielen Wohnungen im Haus des Vaters«. So steht in Henoch 39,4:
»Ich sah die Wohnungen und Ruheplätze der Heiligen. Meine Augen sahen ihre Wohnung bei den Engeln und ihre Ruheplätze bei den Heiligen. Sie baten, flehten und beteten für die Söhne der Menschen, während Gerechtigkeit vor ihnen floss wie Wasser, und Gnade wie Tau über die Erde ausgeschüttet wurde.«
Eine weitere Parallele zu Henoch findet sich bei Lukas I8,7:
»Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu Ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?«
In Henoch 47,2 lesen wir:
»An diesem Tag werden sich die Heiligen, die über den Himmeln wohnen, versammeln und mit einer Stimme bitten, beten, loben, danken und den Namen des Herrn der Geister preisen ob des Blutes der Gerechten, das vergossen wurde. Sie werden beten, dass das Gebet der Gerechten vor dem Herrn der Geister nicht vergebens sein möge, das Er um ihretwillen das Gericht vollziehen möge und dass Seine Geduld nicht ewig dauern möge.«
Jesus’ »sprudelnde Quelle, deren Wasser ewiges Leben schenkt«20 ähnelt Henoch 48,I vom »Brunnen der Gerechtigkeit, der niemals versiegte«. Derim Neuen Testament gebrauchte Ausdruck »Kinder (oder Söhne) des Lichts«21 ist vermutlich eine Variante von Henochs »Generation des Lichts«. In Henoch I05,25 lesen wir:
»Nun werde ich die Geister der Guten aus der Generation des Lichtes rufen und jene verwandeln, die in Finsternis geboren wurden …«
Jesus’ Beschreibung des Lebens nach dem Tode der Gerechten stimmt fast komplett mit Henoch 50,4 überein: »Die Gerechten werden Engel im Himmel werden.« Matthäus zufolge sagte Jesus: »Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel.« 22
Und das »Aber weh euch, die ihr reich seid«23 Jesu stimmt praktisch wortwörtlich mit Henoch 93,7 überein, wo es heißt:
»Wehe euch, die ihr reich seid, denn ihr habt auf euren Reichtum vertraut, euer Reichtum aber soll euch genommen werden, weil ihr in den Tagen eures Wohlstands des Höchsten der Hohen nicht gedacht habt.«
Die Liste der Parallelen ist länger, als hier aufgezählt werden kann, und wird daher im Kapitel »Parallelen zwischen den Büchern der Bibel und dem Buch Henoch« an späterer Stelle aufgeführt. Es gibt allerdings zwei Themen, die sowohl für die Lehre Jesu als auch für das Buch Henoch enorm wichtig sind und die deshalb hier noch näher untersucht werden sollen.
Zunächst einmal wird der Begriff »Menschensohn«, den Jesus häufig gebrauchte, im Buch Henoch ausführlich verwendet. Man hat lange geglaubt, dass Jesus’ Verwendung des Begriffs »Menschensohn« als Beschreibung seiner selbst in Daniel 7,I3 begründet liegt, aber führende Gelehrte gehen heute davon aus, dass dieser Begriff aus dem Buch Henoch stammt.24
Obwohl es sich in der Übersetzung von Laurence nicht widerspiegelt, scheint es so, als ob Henoch von Gott als »Menschensohn« bezeichnet worden wäre. Der Bibelforscher H. H. Rowley wies darauf hin, dass die verschiedenen Übersetzer Schwierigkeiten mit diesem Begriff hatten und ihn entweder falsch übersetzten oder sogar versuchten, den Begriff zu verfälschen, mit dem Henoch bezeichnet wurde: »Du bist der Sohn der Menschen.«25
Laurence übersetzt diesen Schlüsselbegriff – möglicherweise aus ideologischen Gründen – mit »Nachkomme der Menschen«. Wird der Begriff »Menschensohn« aber auf Jesus Christus angewandt, dann gebraucht Laurence ihn ohne zu zögern. Laurences Übersetzung von Henoch 70,I7 lautet:
»Dann kam der Engel zu mir, grüßte mich und sprach zu mir: Du bist der Nachkomme der Menschen26, der zur Gerechtigkeit geboren wurde und Gerechtigkeit ruht auf dir.«
Laurences Wortwahl ist in dieser Ausgabe speziell vermerkt.
Das zweite Thema, das sowohl im Buch Henoch als auch bei Jesus Christus eine wichtige Rolle spielt, ist das Gericht und die große Bestrafung. Jesus beschreibt das Gericht über die Heiden, das der Menschensohn mit den Engeln an seiner Seite halten wird in Matthäus 25,3I-32, 4I und 46 folgendermaßen:
»Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet … Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten (Gottes Urteil über die Wächter) in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine (gefallenen) Engel bestimmt ist … Und sie werden weggehen und die gerechte Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.«
Dieselbe Szene wird in Henoch 45,3 und 66,5-7 so dargestellt:
»An jenem Tage wird der Auserwählte auf dem Thron der Herrlichkeit sitzen und über ihre Umstände und zahlreichen Wohnungen bestimmen. Der Geist in ihnen wird gestärkt werden, wenn sie den Auserwählten sehen. Er wird jene auswählen, die ihre Zuflucht zu meinem heiligen, herrlichen Namen genommen haben …«
»Ich sah jenes Tal, in dem eine große Unruhe herrschte und in dem die Gewässer aufgewühlt waren. Und als dies alles geschah, stieg aus der herrschenden Unruhe und dem Flammenmeer ein strenger Schwefelgeruch auf, der sich mit den Wassern verband. Das Tal der Engel, die der Verführung der Menschen schuldig waren, brannte unter ihren Füßen. Durch das Tal flossen Feuerströme, in die die Engel geworfen werden, die die Bewohner der Erde verführt hatten.«
In Matthäus 24,7, 2I-22 und 29-30 ist die Prophezeiung Jesu über das große Gericht niedergeschrieben:
»Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben … Denn es wird eine so große Not kommen, wie es noch nie eine gegeben hat, seit die Welt besteht, und wie es auch keine mehr geben wird. Und wenn jene Zeit nicht verkürzt würde, dann würde kein Mensch gerettet, doch um der Auserwählten willen, wird jene Zeit verkürzt werden … Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmel werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen, dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.«
Diese Stellen stimmen völlig mit dem großen Gericht überein, das im Buch Henoch beschrieben wird. In Kapitel 79 vermittelt der Erzengel Uriel Henoch eine Vision der Dinge, die auch nach der Vision des Menschensohnes vollbracht werden müssen.
»In jenen Tagen antwortete mir Uriel und sprach: Siehe, ich habe dir alle Dinge gezeigt, o Henoch. Und alle Dinge offenbarte ich dir. Du sahst die Sonne, den Mond und jene, die über die Sterne des Himmels gesetzt sind und die ihre Bewegungen, Jahreszeiten und Auf- und Untergänge regeln.
In den Tagen der Sünder werden die Jahre kürzer werden. Ihr Same soll rückwärts wachsen im fruchtbaren Boden, und alles, was auf Erden getan wird, soll zunichtegemacht werden und zu seiner Zeit verschwinden. Der Regen wird zurückgehalten werden und der Himmel wird stillstehen.
In jenen Tagen werden die Ernten spät ausfallen und die Früchte der Erde nicht zu ihrer Zeit reifen, zur Erntezeit werden die Früchte der Bäume fehlen.
Der Mond wird seinen Lauf ändern und nicht zu seiner Zeit sichtbar sein. Aber in jenen Tagen wird der Himmel sichtbar sein und Unfruchtbarkeit wird sich an den Grenzen der großen Streitwagen im Westen ausbreiten. Der Himmel wird heller strahlen, als wenn er von den Gestirnen des Lichts erhellt wird, und viele Häupter der Sterne der Macht werden freveln und ihre Wege und Werke werden verwirrt sein. Die, die über sie herrschen, werden nicht zur festgelegten Zeit erscheinen, und alle Ordnungen der Sterne werden vor den Sündern verschlossen sein.«
Interessant ist, dass laut Henoch die Sterne eine Hierarchie der Engel sind, von denen einige irregeleitet sind, während Jesus sagt, dass sie vom Himmel fallen sollen und ihre Macht erschüttert werden wird. Maria, Mutter Gottes, verkündet im Magnifikat, dass ihr Sohn die mächtigen Wächter von ihren Thronen der Macht auf Erden stürzen wird, die sie den Kindern des Lichts gestohlen haben.27
Der Gedanke, dass die Lehre Jesu in gewisser Weise auf früheren theologischen Lehren aufbaut, statt eine völlig neue und vorher nie verkündete Lehre, die direkt vom Himmel stammt, darzustellen, verursacht manchen Menschen Kopfzerbrechen. I89I protestierte der Reverend William J. Deane dagegen, die Lehre Jesu mit dem gerade veröffentlichten Buch Henoch in Verbindung zu bringen und bemerkte säuerlich: »Man verlangt von uns zu glauben, dass unser Herr und seine Apostel bewusst oder unbewusst von Henoch entwickelte Ideen und Ausdrücke in ihre Reden und Schriften übernommen haben.«28
Aber man kann nur schließen, dass es eine bewusste Entscheidung des geliebten Rabbiners (Lehrer) war, Henoch zu den alttestamentarischen Propheten zu zählen, die er so häufig zitierte.29 Bereits als Zwölfjähriger bekundete Jesus sein Verständnis der Schriften vor den Gelehrten im Tempel von Jerusalem, die von seinen Fragen und Antworten verblüfft waren. In seiner Bergpredigt verkündet Jesus, dass er selbst sowohl die Vollendung des Gesetzes als auch der Propheten sei: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.«30
Als Jesus von der Versuchung in der Wüste ausgestattet mit der Macht des Geistes nach Galiläa zurückkehrte, ging er in die Synagoge von Nazareth und verkündete, dass seine geistliche Lehre die Erfüllung der Prophezeiung des Jesaja bedeutete. »Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste …« (JESAJA 6I,I-2)
Da der Meister offensichtlich in irgendeiner Weise mit dem Buch Henoch vertraut war, sollte sich sein Hinweis auf das Gesetz und die Propheten nicht auch auf das große Werk des Propheten beziehen, der Methusalems Vater und Noahs Urgroßvater war?
Ich bin überzeugt, dass Jesus den Stab aufnahm, den Henoch als Gesandter des Hochbetagten und als Warner vor den Wächtern zurückgelassen hatte. Ich bin überzeugt, dass der Sohn des David mit der Autorität unseres Vaters Henoch kam, der gesagt hatte: »… so hat Er auch mich geschaffen und mir die Macht verliehen, die Wächter, die Söhne des Himmels, zu rügen.«31 In der Tat: Jesus kam, um das Gesetz und die Prophezeiung des Gerichts durch das fleischgewordene Wort zu erfüllen.
Sowohl in seiner leidenschaftlichen Zurechtweisung der Schriftgelehrten und Pharisäer, die zwar die richtigen Worte im Mund führten, aber nicht den Geist Moses besaßen, als auch in der klaren Beschreibung seiner Mission: »Um zu richten bin ich in diese Welt gekommen...«32, machte Jesus deutlich, dass er vom vorhergesagten Gericht wusste und dass er vorhersah, dass es sowohl zu seinen Lebzeiten als auch am Ende der Zeiten vollzogen werden würde. Er begriff das Gericht über die gefallenen Engel als Auftrag, den der Sohn vom Vater erhalten hatte.
»Auch richtet der Vater niemand, sondern Er hat das Gericht ganz dem Sohn übertragen, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.
Amen, amen, ich sage euch: Die Stunde kommt, und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben. Denn wie der Vater das Leben in sich hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben in sich zu haben. Und er hat ihm Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist.«33
Die Autorität, Gericht zu halten, übertrug Jesus auf seine Apostel (die Auserwählten des Henoch34), weil er der Menschensohn war.
»Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.«35
»Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: Ihr sollt in meinem Reich mit mir an meinem Tisch essen und trinken, und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.«36
Außer den bekannten Verweisen auf das Alte Testament hat sich Jesus wahrscheinlich auch auf Prophezeiungen in den apokryphen Schriften bezogen, die von den Kirchenvätern und den Rabbinern, die die Bücher auswählten, aus denen unsere heutige christliche Bibel und die jüdischen Schriften bestehen, nicht miteinbezogen wurden. Eine ganze Reihe bisher unbekannter Texte, die in Qumran und Nag Hammadi entdeckt wurden, weisen darauf hin, dass Jesus in der Tradition alter Weisheitslehrer auch aus anderen Quellen schöpfte.
Professor Charles Cutler Torrey von der Universität Yale zitiert Beispiele, dass Jesus sich auf heute verloren gegangene apokryphe Werke bezogen hat.37 Er verweist dabei auf Lukas II,49-5I, wo steht:
»Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesagt: Ich werde Propheten und Apostel zu ihnen senden, und sie werden einige von ihnen töten und andere verfolgen, damit das Blut aller Propheten, das seit der Erschaffung der Welt vergossen worden ist, an dieser Generation gerächt wird, vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias, der im Vorhof zwischen Altar und Tempel umgebracht wurde. Ja, das sage ich euch: An dieser Generation wird es gerächt werden.«
Obwohl Teile davon im Alten Testament38 zu finden sind, so ist doch diese Aussage Jesus’ nirgendwo in den hebräischen Schriften intakt zu finden. Torrey schließt daraus, dass der einführende Satz bei Lukas »Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesagt …« darauf hinweist, dass Jesus sich direkt auf eine Quelle bezieht, die heute offensichtlich verloren gegangen ist.
Es ist meine Überzeugung, dass Jesus nicht nur Quellen zitiert hat, die nicht im Alten Testament enthalten sind, sondern dass er es tat, um das kommende Gericht zu erläutern, das über die Wächter wegen des Mordes an den Lichtträgern kommen wird, den die Gefallenen seit Anbeginn der Welt ständig begangen haben.
Zudem weist Torrey darauf hin, dass es im Neuen Testament weitere Hinweise auf Schriften gibt, die heute verloren sind, den Aposteln aber bekannt waren. Ein solcher Hinweis kann bei Matthäus 27,9-I0 gefunden werden.
»So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke – das ist der Preis, den er den Israeliten wert war – und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.«
Der Text, den Matthäus Jeremia zuschreibt, ist aber im heutigen Alten Testament nicht zu finden. Der Kirchenvater Hieronymus schrieb im vierten Jahrhundert, dass ein Mitglied der Nazarener-Sekte ihm einen apokryphen Text Jeremias gezeigt hatte, in dem das Matthäus-Zitat exakt vorhanden war.39
Der Gedanke, dass Jesus genau so bereitwillig aus einem Buch zitierte, von dem er meinte, dass es vom Geist des Patriarchen Henoch erfüllt war, wie aus der Tora Moses, ist nicht so vermessen wie Deane meinte, glauben zu müssen. Warum sonst würde der Apostel Judas, von dem angenommen wird, dass er Jesus’ Bruder war, eine ganze Epistel der Geschichte der gefallenen Engel widmen, wie sie bei Henoch erzählt wurde?
Ich glaube, dass er die ausdrückliche Exegese des Werks des Patriarchen durch seinen Herrn zitierte und klarmachen wollte, dass Jesus sich selbst als einen sah, der gekommen war, die Generation der Saat der Bösen (der Wächter) zu entlarven, die er und Johannes der Täufer unter anderem als Vipern 40 bezeichnet hatten, und die Nachkommen des Adam durch Set und die Söhne Jereds – die Kinder des Samens des Lichts – vor den Machenschaften der fleischgewordenen Engel zu schützen. Jesus kam, um den Stab aufzuheben, den Henoch fallengelassen hatte, und um genau die Lehren fortzuführen, die Schlüsselaussagen der theologischen Debatte, die Henoch unvollendet gelassen hatte.
Henochs Einfluss auf die Apostel
Der Henoch-Forscher R. H. Charles bemerkte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass »der Einfluss Henochs auf das Neue Testament größer war als der aller anderen apokryphen und pseudoepigraphen Bücher zusammen.41 Obwohl bis zum heutigen Tag nur sehr wenige Menschen überhaupt jemals etwas von dem einflussreichen Werk gehört haben, weist Charles darauf hin, dass »alle Autoren des Neuen Testaments damit vertraut waren und von seinen Gedanken und seiner Ausdrucksweise mehr oder weniger stark beeinflusst waren«.42
So weist zum Beispiel Charles Francis Potter darauf hin, »dass Paulus gesagt habe, das Buch Henoch sei sein Vademekum, wörtlich sein ›geh mit mir‹, sein Handbuch, sein Nachschlagewerk, von dem er häufig Gebrauch machte«.43 Vielleicht zitiert Paulus das Buch Henoch indirekt in I. Timotheus 6,I6, wo er seinen Herrn Jesus Christus, den Unsterblichen, so beschreibt:
»… der allein die Unsterblichkeit besitzt, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag: Ihm gebührt Ehre und ewige Macht.«
Diese Beschreibung ähnelt der im Buch Henoch I4,23-24:
»Kein Engel konnte in dieses Haus eintreten und das Antlitz des Glorreichen und Strahlenden schauen. Kein Sterblicher konnte ihn sehen. Loderndes Feuer war rings um Ihn. Ein großes Feuer loderte vor Ihm auf, sodass keiner derjenigen, die bei Ihm waren, sich Ihm nähern konnte.«
Das Buch Henoch scheint auch die Quelle der Tadelung der Heiden durch Paulus zu sein. Er sagt: »… aber was man dort opfert, opfert man nicht Gott, sondern den Dämonen«.44 Das erinnert an die gottlosen Menschen bei Henoch I9,2:
»Und da ihre Zahl groß war, verführten sie die Menschen zur Gottlosigkeit und brachten sie dazu, allerlei Irrtümer zu begehen, sodass diese den Teufeln wie Göttern opferten.«
Die Aussage des Paulus »Ich kenne jemanden, einen Diener Christi, der vor I4 Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde...«,45 wobei Paulus nicht sagen konnte, ob dies mit oder ohne Körper geschah, mag sich auf Henochs Hinweis auf die Existenz mehrerer Himmel beziehen, wie sie in Henochs Hauptbuch und im Buch der Geheimnisse des Henoch beschrieben werden.
Ein anderes apokryphes Werk des Neuen Testaments, die Offenbarung des Paulus, beschreibt die Reise des Paulus durch mehrere Himmel und seine Begegnung mit einem grauhaarigen, fröhlichen Mann, der – wie sich herausstellt – niemand anderes ist als der Patriarch Henoch selbst.
Der Autor schildert die Geschichte so:
»Und der Engel sprach zu mir: Hast du all diese Dinge gesehen? Und ich antwortete: Ja, mein Herr. Und wieder sprach er zu mir: Komm, folge mir, ich will dir die Orte der Gerechten zeigen. Und ich folgte ihm und er brachte mich vor die Tore der Stadt. Und ich sah ein goldenes Tor und zwei goldene Säulen davor und darauf zwei goldene Tafeln voller Inschriften. Und der Engel sprach zu mir: Gesegnet ist, wer durch diese Tore geht, weil nicht jeder hindurchgeht, sondern nur die, deren Denken auf ein Ziel gerichtet ist, die ohne Schuld sind und ein reines Herz besitzen … Und sofort wurde das Tor geöffnet und heraus kam ein grauhaariger Mann, um uns zu begrüßen. Und er sprach zu mir: Willkommen, Paulus, Geliebter Gottes. Und mit einem fröhlichen Gesicht küsste er mich unter Tränen. Und ich sprach zu ihm: Vater, warum weinst du? Und er sprach zu mir: Gott hat den Menschen viele gute Dinge bereitet und sie folgen nicht Seinem Willen, um sich an ihnen erfreuen zu können. Und ich fragte den Engel: Mein Herr, wer ist das? Und er sprach zu mir: Das ist Henoch, der Zeuge des letzten Tages.«46
Der Apostel Johannes, Autor und Schreiber der biblischen Offenbarung des Jesus Christus, kam in seiner Symbolik, seinem Ton und seinen Beschreibungen Henoch noch näher. Viele seiner Visionen, mit denen die Liebhaber der Bibel vertraut sind, können auch im Buch Henoch gefunden werden, zum Beispiel »der Herr der Herren und König der Könige«, das Werfen des Teufels in den Feuersee, die Vision der sieben Geister Gottes, der Baum, dessen Frucht für die Auserwählten bestimmt ist, die vier Tiere um den Thron, das Pferd, das bis zur Brust in Blut watet, und das Buch des Lebens.47
Manche glauben, dass die Ähnlichkeit der Offenbarung des Johannes zum apokryphen Buch Henoch beinahe verhindert hätte, dass es überhaupt in den offiziellen Kanon aufgenommen wurde und dass es dies nur sehr knapp geschafft hatte, denn im dritten Jahrhundert lehnten zum Beispiel Dionysius von Alexandria und viele andere aus den Kirchen Syriens und Kleinasiens die Offenbarung aufgrund des literarischen Stils als nicht authentisch ab.48
In der Apostelgeschichte I0,34 wird Petrus mit den Worten zitiert: »Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht …« Dieselbe Formulierung, die auch Paulus verwendete, findet sich im Buch Henoch ebenso wie im fünften Buch Mose, dem Deuteronomium, auch in den beiden Chroniken und verstreut überall im Alten Testament. Das Buch Henoch ist unter Umständen die Quelle all dieser biblischen Fundstellen.
Die beiden Petrus-Briefe im Neuen Testament scheinen ebenfalls auf dem Buch Henoch zu beruhen.49 In seinem zweiten Brief beschreibt Petrus das Binden und die Verbannung der sündigen Engel in die Hölle. Er verurteilt die Bösen in Begriffen, die auch von Henoch stammen könnten.
So schreibt Petrus:
»… ein schmutziger Schandfleck sind sie, wenn sie in ihrer trügerischen Genusssucht mit euch prassen und schwelgen. Sie haben nur Augen für die Ehebrecherin und sind unersättlich in der Sünde. Sie locken haltlose Menschen an, deren Sinn nicht gefestigt ist; ihr Herz ist in der Habgier geübt, sie sind Kinder des Fluches.«50
Rendel Harris und M. R. James, zwei Spezialisten für Altgriechisch, mutmaßen, dass die erste Epistel des Petrus ursprünglich einen eindeutigen Hinweis auf Henoch enthielt, der aus späteren Kopien der Schrift entweder versehentlich oder absichtlich entfernt wurde.51
Aber es gibt noch dramatischere Hinweise auf die frühchristliche Akzeptanz des Buches Henoch. In der Epistel des Judas wird eindeutig der Inhalt des Buches Henoch erörtert. Dort steht: