Inhaltsverzeichnis
HEYNE <
1
Immer weg
Ich wurde 1946, direkt nach dem Krieg, mit einem Hüftdefekt geboren. Dazu kam Kalkmangel durch die schlechte Ernährung während des Krieges. Deshalb musste ich in eine Schiene. Damit ich ruhig liegen konnte und der Knochen nachwuchs. Andere Mütter hatten falsches Mitleid und nahmen ihre Kinder frühzeitig aus der Schiene. Was zur Folge hatte, dass die Kinder dann mit einem dünnen Bein und mit einem gro ßen Klumpschuh zwischen den anderen Kindern herumhinkten und grausam gehänselt wurden. Eines von diesen Mädchen ging später in meine Klasse, von ihrer Natur her eigentlich eine Hübsche, wirklich Nette. Aber man sah, wie sie im Kampf gegen die anderen allmählich immer verbissener wurde, ein verkniffenes Gesicht bekam und schließlich aussah wie eine alte Frau. Deshalb war ich meiner Mutter dankbar, dass sie darauf geachtet hatte, dass ich in der Schiene blieb, obwohl es ziemlich schmerzlich war.
Die Sonne schien durch das kleine Fenster in meinem Kinderzimmer, und ich lag mit der Schiene im Bett und wollte hinaus, aber ich konnte nicht. Bis heute kriege ich klaustrophobische Zustände, wenn mir jemand die Füße festhält oder wenn die Bettdecke eingeklemmt ist. Ich denke, mein unbändiger Freiheitsdrang hat mit diesem Eingeschlossensein zu tun. Mein Wunsch, in die Welt zu treten, dieses »Immer weg«, kommt daher. Meine Eltern haben mich nie mit in den Urlaub genommen, und ich war neidisch auf alle, die aus Deutschland rauskamen. Oft saß ich vor Reiseprospekten und vertiefte mich in Ansichtspostkarten, besonders Palmen und das Meer hatten es mir angetan. Meine erste Lieblingspuppe hieß Luli, eine Hawaiipuppe, nicht ganz schwarz, nicht ganz Neger, aber dunkel mit echten, langen schwarzen Haaren. Ich wollte schon immer das Exotische, schon von klein auf.
Meine erste Erinnerung ist an einen hellen Sommertag in Sendling an der Laubengartenkolonie, die das Scherbenviertel genannt wurde, weil dort in der Nähe die Asozialen mit den eingeschlagenen Scheiben wohnten. Wir hatten ein holzverkleidetes, dunkles Einfamilienhaus – gutbürgerlich, aber nicht gerade vom Feinsten -, das sich meine Familie mit meinem Onkel und meiner Tante teilte. Wir wohnten in der oberen Hälfte, sie in der unteren, hatten aber separate Eingänge. Deswegen durfte ich nicht vom Tisch springen, als die Schiene ab war – das war meine einzige Pein. Meine Eltern haben meinetwegen geheiratet. Mein Vater war damals neunzehn und meine Mutter zweiundzwanzig, und seine Familie war anfänglich entsetzt darüber, dass er eine ältere Frau heiratete, aber ich war unterwegs. Ich bin das einzige Kind geblieben, weil meine Eltern sich ziemlich schnell wieder scheiden ließen. Da war ich sechs oder acht.
Ich erinnere mich noch daran, wie meine Mutter wegen einer Kehlkopfoperation ins Krankenhaus musste. Mein Vater, der sich sonst nicht um mich kümmerte, musste mich anziehen und mir in die langen Unterhosen helfen. Dazu haben wir gesungen:
»Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren.
Dann öffnen die Mädchen die Fenster
und die Türen!
Heiwarum, heiwarum!«
Ich liebte es, wenn mein Vater sich ganz auf mich konzentrierte, und merkte, dass etwas nicht stimmte, wenn er mich zu meinem Onkel, dem Fabrikanten, abschob. Als meine Mama aus dem Krankenhaus zurückkam, durfte sie wegen der Operation nicht reden, aber anscheinend hatte mein Vater sie in der Zwischenzeit betrogen. Sie versuchte, ihn unter großen Schmerzen anzuschreien, doch es kam nur ein heiseres, hässliches Krächzen hervor, und dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Dieses Bild hat sich tief in mich eingebrannt. Ich habe mir nur gewünscht, dass alles wieder gut wird, dass sie sich mögen. Ich wollte mich nicht entscheiden zwischen den beiden. Aber er ist danach ausgezogen.
Mein Vater war hip, sehr jung und sehr gut angezogen, er trug weite Anzüge und italienische Schuhe. Er hatte Lifestyle und einen starken Hang zu den Sinnesfreuden, dazu noch Geschmack. Meine Mama und er waren wirklich aus verschiedenem Holz.
Max Obermaier war das heiß geliebte schwarze Schaf und für mich der tollste Mann überhaupt – allerdings wusste auch jeder, dass er ein Bruder Leichtfuß war, der im Leben immer den einfacheren Weg nahm, sich daheim nie auf eine Konfrontation einließ und Konflikten aus dem Weg ging. Auf der anderen Seite war er wild, ein blonder, gut aussehender Mann mit Tolle, ein Schlagzeuger und echter Lebemann. Ich hatte ein Foto von meinem Vater, auf dem er aussah wie ein Gangster – ich mochte immer schon die Bösewichter. Als kleines Mädchen stand ich sogar auf Chess, einen amerikanischen Massenmörder, der auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Der sah heiß aus, so männlich, den wollte ich auch heiraten.
Mein Vater stammte aus einer Familie mit sechs Kindern. Die Obermaiers haben sich einiges auf ihre Herkunft eingebildet, meine Mutter galt bei denen immer nur als die Zugeheiratete. Mein Großvater väterlicherseits hatte eine Schaufensterpuppenfabrik, und die Obermaierpuppen waren die bekanntesten in München. Viele Schauspielerinnen aus der Zeit kamen zu ihm ins Haus, um sich für die Puppen abbilden zu lassen, die in jener Zeit noch Unikate waren. Er konnte sich schon damals ein schönes, gro ßes Haus am Starnberger See leisten und sogar einen Swimmingpool. Da sind wir an den Wochenenden und in den Ferien hingefahren. Drei Mädchen und drei Jungen aus dem Obermaierklan. Die Kinder der Brüder und Schwestern meines Vaters.
Mein Vater verdiente nach dem Krieg gut als Dekorateur, denn er arbeitete für die besten Geschäfte der Stadt.
In seiner Freizeit baute er Modellflugzeuge, die wirklich fliegen konnten, und ließ sie mit mir auf den Wiesen steigen. In die Flugzeuge setzte er eine von meinen Puppen und katapultierte sie heraus, wenn das Flugzeug in der Luft war.
Die Pupperl haben wir nie wiedergefunden, und wenn sich das ein anderer erlaubt hätte, dann hätte ich getobt. Aber mein Vater durfte das. Wenn ich jemanden liebe, darf der alles. Ich stand tierisch auf meinen Vater, und das Verhältnis zwischen uns war nie ein Vater-Tochter-Verhältnis, sondern von meiner Seite eher ein Liebesverhältnis. Allerdings hatte die Liebe zu meinem Vater eine sehr schmerzhafte Seite. Eine, für die ich ihn hasste, denn er kümmerte sich nicht um mich.
Als ich geschlechtsreif wurde und anfing, an Sex zu denken, wollte ich, dass mein Vater der erste Mann wäre – den kannte ich, den habe ich geliebt. Ich stellte mir vor, wie ich ihn in seinem Atelier küsste, und bei unserem Begrüßungskuss schloss ich immer die Augen. Meine Liebe habe ich ihm aber nie gestanden. Stattdessen habe ich im Bücherschrank meiner Mutter heimlich die Buchclubausgaben von Lady Chatterley und Lolita gelesen und die heißen Stellen rausgesucht.
Meine Mutter hat in all den Jahren nie schlecht über meinen Vater geredet, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte. Im Gegensatz zu meinem Vater, der dauernd schlecht über sie redete und behauptete, er habe sie nur geheiratet, weil sie so tolle rote Haar und eine klasse Figur gehabt hätte.
Mein Vater und ich verabredeten uns immer bei ihm zu Hause, und dann fuhr ich mit der Straßenbahn durch die halbe Stadt zu ihm, was für mich damals eine kleine Weltreise war, aber ich habe mich immer sehr darauf gefreut, nach Schwabing rauszukommen und den Vati zu sehen.
Acht von zehn Malen vergaß der Hundling dann allerdings, dass ich kam. Dann saß ich auf der Eisentreppe vor seinem Atelier und wartete und wartete. Aber er kam einfach nicht. Schließlich fing ich an zu heulen wie ein Schlosshund. Damals habe ich mir zum ersten Mal gedacht: Ich will nicht lieben. Dabei wirst du nur verletzt.
Da war ich zwölf.
Auch mein Vater betrachtete unsere Beziehung zueinander anders als ein durchschnittliches Vater-Tochter-Verhältnis. Als ich dreizehn war, ging er mit mir eingehakt seine Freunde besuchen, und weil er gewöhnlich immer junge Freundinnen hatte, dachten die, ich wäre seine neueste Flamme. Später bin ich ihm dann sogar draufgekommen, dass er eine Affäre mit einer Schulkameradin hatte. Er hat behauptet, nicht gewusst zu haben, dass sie in meine Schule ging, aber Rosy und ihre Schwester Layla hatten sowieso einen Ruf als harte Pflanzen und das, obwohl oder vielleicht auch gerade, weil sie Offizierstöchter waren. Rosy war erst dreizehn, als sie mit meinem Vater zusammen war.
Die erste richtige Freundin meines Vaters war eine Unternehmertochter. Allerdings war ihren Eltern die Herkunft meines Vaters nicht gut genug, um einer Heirat zuzustimmen. Vor der Frau hatte ich totale Ehrfurcht. Sie sah fantastisch aus, war schon in Amerika gewesen und hatte während ihres Aufenthalts einem berühmten Maler Modell gestanden. Vanessa, so hieß sie, hatte tierische Titten! Total üppig, und dazu noch so einen Namen! Als wir einmal bei ihr eingeladen waren, gab es Sandwich mit Thunfischsalat. Von da an war Thunfischsalat für mich der Ausdruck größten Luxus.
Mein Vater war peinlichst berührt, als er mit Vanessa an den Starnberger See kam, weil ich so einen starken bayrischen Akzent hatte und weil ich immer den gleichen, gerade auswendig gelernten Spruch herunterplärrte: »Do zarreisst ja ned amoi a nosse Zeitung.« Vanessa verstand gar nicht, was ich sagen wollte, und mein Vater nahm mich zur Seite und erzählte mir das. Von da an habe ich mich oft für meinen starken bayrischen Akzent geschämt.
Weil mein Vater auf attraktive Frauen stand, habe ich mir gedacht, dass ich auch eine tolle Frau werden muss. Nur dann würde mein Vater mich beachten. Mein Trieb war deshalb, in die Zeitung zu kommen. Wenn er mich schon nicht lieb hat, dann liest er wenigstens über mich, dachte ich.
Einmal sagte ich zu meiner Mama: »Wenn ich nicht in die Zeitung komme, dann ermorde ich jemanden.« Und wenn jemand aus unserer Verwandtschaft eine Kamera hatte, dann nötigte ich ihn, ein Foto von mir zu machen.
Da gab’s nix, vorher kam der nicht aus dem Haus. Ich war von früh auf kamerageil und wollte Fotos von mir haben.
Als ich zwölf war und in München Fasching war, ging ich allein zum Marienplatz und zog mir nur einen schwarzen Strich längs durchs Gesicht und band mir einen Pferdeschwanz. Ein wildfremder Mann sprach mich an und bat, ein Foto von mir machen zu dürfen, was mich total begeisterte.
Meine Mutter sagte dazu nur: »Was glaubst denn du schon, wer du bist?«
Ich fand mich speziell, aber ich habe mich nicht getraut, auch so zu handeln. Auf den Fotos habe ich gesehen, dass ich anders war als die anderen, und auch an der Reaktion der Männer auf mich habe ich es gemerkt. Das war mir sehr recht, denn ich wollte nie Durchschnitt sein und habe mich selbst immer gemocht. Aber dieser negative Aspekt, der durch meine Mutter kam, hat mich später oft gehindert, auf eine Sache oder einen Mann richtig einzusteigen, weil immer ein Rest da war, der dachte: Ich bring es ja doch nicht, ich bin ja bloß Durchschnitt, das schaff ich doch nie …
Ich wurde schon mit fünf eingeschult, weil ich so lebendig war und weil ich wegen meiner Hüfte wenigstens ein paar Stunden am Tag ruhig sitzen sollte. Ich wollte nicht, und sie haben mich da richtiggehend hingelockt: Mit der großen Schultüte und mit dem Versprechen, dass es in der Schule Mulattenkinder gebe. Ich stand auf schwarze Kinder, und meine Mutter und meine Verwandten haben mir hoch und heilig versprochen, in meiner Klasse befände sich mindestens ein Mulattenkind. Das war natürlich nicht der Fall. Ich war schwer enttäuscht und wollte gleich wieder gehen, aber da war es zu spät, und nichts half mehr.
Wenn ich bockig war oder was ausgefressen hatte, sperrte meine Mutter mich auf dem kalten Klo ein.
»Wenn du wieder lieb sein willst, kommst du auch wieder raus.«
Aber ich hab mich gut selbst beschäftigen können und da drinnen einfach angefangen, mit Wäscheklammern zu spielen. Bis ihr das selbst irgendwann unheimlich wurde.
»Um Gottes willen, das arme Kind holt sich ja’ne Erkältung auf dem Klo«, hieß es.
Dann steckte sie den Kopf durch die Tür und fragte:
»Bist du jetzt wieder lieb?«
»Nee«, antwortete ich dann, aber für viele Jahre war sie natürlich am längeren Hebel.
2
Babyspeck und Judenstrick
Im Scherbenviertel wohnten die Springborns mit einigen Söhnen, die waren Biker. Mit Lederjacken, die Haare an den Seiten angeklatscht und oben zur Tolle gedreht. Echte Halbstarke. Vor der Gartensiedlung lag ein kleiner Park, und da hingen die immer rum. Die Jungs waren schon älter, um die achtzehn, und ich fand sie cool, weil sie so wild waren und das auch so offensichtlich raushängen ließen. Wenn die Jungs im Park waren, habe ich immer wie zufällig dort Ball gespielt. Die haben mich auch irgendwie gemocht. Bei dem einen wollte ich immer auf dem Schoß sitzen, und der hat mich auch gelassen. Dann wurde ich zum ersten Mal auf eine der Kellerpartys bei meiner Cousine eingeladen, mit Platten von Elvis, Peter Kraus und Ted Herold. Alle kamen in Existenzialistenaufmachung, Baskenmütze, schwarze Strumpfhosen und Ringelpullover. Im Schummerlicht habe ich zum ersten Mal ganz eng getanzt. Da war ich zwölf und schon hip.
Ich stand sehr früh auf Jungs. Schon am Starnberger See, als wir Kinder abends die Milch beim Bauern holten, trafen wir uns heimlich mit den Jungs und rauchten Judenstrick, irgend so ein Gewächs – ganz stark, richtig scharf. Und ließen uns so’n bisschen an den Titties anfassen.
An der Wand in meinem Kinderzimmer hatte ich einen großen Karton mit Postern von James Dean und Brigitte Bardot, weil ich nichts an die Wände kleben oder nageln durfte.
Ich bin gern früh ins Bett gegangen, weil ich dann ungestört träumen konnte. Ich habe mir vorgestellt, wie ich in den Filmen mitspielte, und in meiner Fantasie habe ich dabei immer ausgesehen wie Brigitte Bardot. Ich musste mir vorher allerdings jedes Mal überlegen, ob ich gerade lange silbrige Haare, blonde gerade oder blonde gewellte Haare hatte. Diese Einzelheiten mussten erst stehen, bevor ich einsteigen konnte. Dann habe ich die Szenen im Kopf nachgespielt – wie Jimmy da vor dem Haus im Auto sitzt, die Füße hochgelegt, den Cowboyhut in den Nacken geschoben, und ich habe mir vorgestellt, wie wir uns küssen und er sich an mich drängelt.
Ich konnt’s gar nicht abwarten, abends ins Bett zu kommen, weil ich da endlich meine Geschichten weiterspinnen konnte.
Mit dreizehn kam ich dann aus der Schule und wollte unbedingt Dekorateurin werden, wie mein Vater. Doch das erlaubte meine Mama nicht.
»Du bist ja eh schon so schlampig und hast deine Sachen nicht beieinand’. Die sind alle so schlampig, die Dekorateure.«
Für die Grafikerschule war ich zu jung, also blieb Retuscheur. Zum Lehrbeginn kaufte meine Mutter mir eine Handtasche und einen Büstenhalter aus Brüsseler Spitze. Den hätte ich eigentlich noch gar nicht gebraucht, aber ich war trotzdem furchtbar stolz auf diesen ersten unwiderlegbaren Beweis meiner Weiblichkeit.
Am nächsten Tag fing dann die Retuscheurlehre an, und das war die reine Qual.
Ich musste um sieben dort sein und mit der Stra ßenbahn erst mal durch die halbe Stadt fahren. Das hieß, um fünf Uhr früh aufzustehen. Die größte Vergewaltigung bedeutet für mich, wenn ich nach anderer Leute Rhythmus leben muss, denn wenn ich nach dem Wecker aufwache, bin ich total am Boden zerstört. Ich weiß nicht, wo unten ist, wo oben ist – was gerade oder ungerade ist. Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin.
Damals zitterte ich fast, und bei dem Gedanken, das jetzt drei Jahre lang jeden Morgen durchzumachen, schnürte sich mir der Hals zu. Ich allein wollte die Herrin meiner Zeit sein.
An manchen Tagen musste ich noch vor sieben dort sein und den anderen ihre dreckigen Farbtöpfe auswaschen und Brotzeit holen. Der Betrieb bestand im Wesentlichen aus einer Druckhalle und einem riesigen Fabrikgebäude, in dem die ganzen Retuschierpulte standen. Lichtpulte, aufgereiht in einem riesenlangen Raum, wo man saß und an Negativen arbeitete oder an Vierfarbdrucken für Negative, die dann den Farbendruck ergaben.
Ich korrigierte Fehler auf den Negativen, meistens für Versandhauskataloge.
Wenn da ein Kleidungsstück komisch saß oder eine Falte merkwürdig fiel, habe ich das retuschiert und dann einen Farbabgleich gemacht. Die verschiedenen Negative mussten ja auch in den Farbwerten zusammenpassen.
Wenn es nix zu tun gab, bin ich trotzdem am Pult sitzen geblieben und habe Fotos von James Dean auf Fotopapier mit Fotofarbe minutiös kopiert.
Dann habe ich meine eigenen Fotos genommen und zur Idealform retuschiert. Den Babyspeck rausgeschnitten, einen kleinen Pickel retuschiert und die Delle in meiner Nase auf dem Foto verschwinden lassen. So, wie ich als kleines Mädchen anfing, meinen Körper zu formen, habe ich am Retuschiertisch meine Idealform gefunden und später auch so ausgesehen.
Eigentlich hasste ich diese Detailarbeit. Schon wenn ich als Kind gezeichnet habe, hatte ich es immer so eilig, dass ich die Fenster in den Häusern nicht eckig, sondern rund gemalt habe, so schnell musste alles gehen. In der Ausbildung habe ich dann aber das Beste für mich daraus gemacht und beim Zeichnen Geduld erlernt. In meiner Freizeit habe ich sogar viel gezeichnet. Mein Lieblingsonkel Otto war Grafiker. Ich war andauernd in seinem Atelier, und er hat mir gezeigt, wie man perspektivisch zeichnet. Er und seine Frau sind mit mir auch in Ausstellungen gegangen. Dort stand ich auf die Impressionisten und Toulouse Lautrec, den habe ich geliebt! Den hätte ich trotz seiner Verkrüppelung geheiratet.
Der lange Raum im Betrieb wurde von Herrn Brodel regiert, einem großen cholerischen Kahlkopf im Arbeitskittel, den wir jeden Tag schon von Weitem herannahen hörten. Stampf! Stampf! Stampf! Wie der Nikolaus! Alle stoben auseinander und konzentrierten sich schweigend auf ihre Arbeit. Vor dem hat jeder gezittert.
Als Stift musste ich ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit eiskaltes Bier bringen. Und wehe, das war nicht eiskalt genug – wie der gebrüllt hat! Als ginge es um Leben und Tod oder noch Wichtigeres.
Die Lehre wurde ganz schnell zu einem Kafkatraum, der mich nicht mehr losließ, und dazu kamen noch diese ganzen unübersichtlichen Intrigen und der Hierarchiescheiß von den Lebenslangen dort, den Zwischenchefs und den Unterbossen – es war entsetzlich.
So oft ich konnte, floh ich ins Kino, und wenn ich rauskam, fühlte ich mich innen wie Sophia Loren, ich konnte förmlich ihre Backenknochen spüren und für ein paar Tage sprechen und mörderisch verführerisch schauen wie sie. Dann wurde ich wieder zu Uschi.
Eine Freundin meiner Tante heiratete dann einen Amerikaner, der in Augsburg in der Mansfield-Kaserne wohnte, und dort kam ich zum ersten Mal selbst mit der großen weiten Welt in Berührung – mit Amerika, den amerikanischen Autos und den amerikanischen Filmen. Allein die Tatsache, dass jemand Amerikanisch sprach, war eine Sensation. Jeder auf dem Kasernengelände hatte einen Fernseher, und die Lebensmittel sahen aus wie Kunstgegenstände, dazu die Footballspiele, die Männer mit ihren Riesenschultern, ausstaffiert wie Superhelden – bei den Amis war alles locker.
Man durfte während der Vorstellungen im Kino reden, Cola trinken und Popcorn essen, und die Kinder liefen herum. Bei uns in den deutschen Kinos war’s immer »Hsschhh«, kaum dass man mal gemuckst hat. Das Allergrößte aber waren die Hotdogs. Meine arme Mutter wollte die nachmachen mit Semmeln und ohne Relish, aber das ging natürlich nicht.
Für mich stand fest: Aus der Lehre wollte ich bei der ersten Gelegenheit raus. Aber da gab’s erst mal nix. Von wegen mit der Lehre aufhören, damit brauchte ich meiner Mama gar nicht zu kommen.
Eines Tages hatte ich deshalb eine Idee und behauptete, nicht mehr gut sehen zu können. Und von da an sah ich auch wirklich nicht mehr gut. Ich bin der Meinung, dass man sich selbst hypnotisieren kann, wenn man will.
Ich bin auch überzeugt, dass ich meine Brüste beim Wachsen beeinflusst habe. Ich habe meine Idealbrüste auf Papier gemalt und sie dann quasi »gezwungen«, genau so zu wachsen, und mit dem Ergebnis war ich zufrieden.
Vor dem Sehtest hielt ich ein eng beschriebenes Blatt dicht vor meine Augen und starrte drauf, bis ich Kopfschmerzen bekam, dann kriegte ich ein Zeug in die Augen, damit sich die Pupillen weiteten, und von da an konnte ich für eine Woche nichts mehr sehen.
Das war der erste Flop, denn ich hatte mich schon auf eine Woche Lesen daheim gefreut, aber mit dem Zeug in den Augen konnte ich nicht lesen, sondern stolperte nur halb blind durch das Haus. Dann war endlich die Untersuchung – und der Arzt diagnostizierte tatsächlich einen Sehfehler.
Kurz und gut, das ganze Unternehmen lief auf einen zweiten Flop hinaus, nämlich dass es mir gar nichts einbrachte, außer einer Brille mit Kassengestell. Die wollte ich natürlich unter keinen Umständen aufsetzen, und sie ging unter mysteriösen Umständen dann gleich zu Bruch.
Mittlerweile wurde die Enge in Sendling mir auch körperlich unerträglich. Wenn ich nicht in die Lehre ging, saß ich zu Hause, starrte aus dem Fenster und dachte nur: »Es passiert einfach nix, und es wird nie was passieren.«
Diese grauen Sonntage, wo alles so tot schien, wo sich nicht einmal ein Blatt am Baum regte, die sind mir für immer ins Gedächtnis gebrannt. Ich habe mir schließlich sogar gewünscht, ein Flugzeug solle in unserer Gegend abstürzen, damit überhaupt mal ein bisschen Action in die Sache kommt.
Nur samstags gab es einen Lichtblick. Da war Beat Club, mit Deutschlands erstem hipperen Moderator Michael Leckebusch. Signale von einem anderen Planeten – und ich habe gebannt auf den Bildschirm gestarrt und versucht, nicht zu blinzeln, damit mir nicht ein Sekundenbruchteil davon entgeht.
Aber nach einer halben Stunde verschwanden die Außerirdischen wieder auf ihrem Stroboskopstrahl, und alles sank zurück ins Grau, als sei nichts gewesen. Ich habe mir gewünscht, der Beat Club solle nie aufhören.
Auf jeden Fall kriegte ich langsam mit, dass es da draußen noch eine andere Welt gab, eine, die viel interessanter war als die Lehre und mein ewiger Totensonntag. Aber es schien wie verhext. Ich kam aus meinem Viereck nicht raus, saß dort eingemauert wie im Gefängnis. Ich habe mir überlegt, meinen Zeigefinger in eine Flasche zu stecken und mit der Flasche auf den Tisch zu hauen, sodass der Finger bricht, damit ich wenigstens am nächsten Montag nicht in die Lehre musste. Aber das hab ich mich dann doch nicht getraut.
Das Einzige, was mich über Wasser hielt, war die Musik. Mit der konnte ich in Fantasiewelten abfliegen und träumen – die Jungs, die Musiker, die haben sich wenigstens was getraut, die waren nicht viel älter als ich und trugen die gleichen Kleider. Bei denen fand das wirkliche Leben statt, und doch war deren Welt für mich unerreichbar.
Dazu setzte die Pubertät ein.
Als ich meine erste Periode bekam, da hatte ich nur gemischte Gefühle. Einerseits war ich stolz, andererseits war es auch ein Horror, so zu bluten. Ich hab mich kaum getraut zu gehen. Meine Mama war natürlich total präpariert – die hatte schon alles zur Operation bereitliegen: Gürtel und Binden. Ich war noch Jungfrau, deshalb durfte ich keinen Tampon benutzen, sondern musste so einen widerlichen Textilgürtel unter den Kleidern tragen. Fleischfarben-rosa, fast wie ein Keuschheitsgürtel, oder so ein orthopädisches Hilfsmittel aus der Drogerie mit Hakeln. Der absolute Inbegriff von unsexy.
Durch solche Sachen kamen dann auch komische Gefühle über den eigenen Körper zustande, und die ganze Menstruation wirkte plötzlich wie eine Krankheit. Außerdem war es unmöglich, den Gürtel unter einem engen Rock zu tragen. Aber ich habe mich über jeden Fortschritt in Richtung Erwachsenenwelt gefreut.
Meine ersten sexuellen Erfahrungen machte ich, als ich noch ein Kind war und gar nicht genau wusste, was ich tat. Eines Abends stellte ich fest, dass, wenn ich im Bett auf’m Bauch lag und so mit’m Arsch hinund herwackelte, es mir plötzlich fürchterlich heiß wurde und ich ein ganz tolles Gefühl dabei bekam – so wie ich mir das Fliegen vorstellte.
Als ich das einmal raushatte, da war ich dem Gefühl verfallen. Dieses Leichte, Freie, das Schwerelose und Unbeschwerte, das du auch beim Orgasmus hast, der Moment, in dem irgendwie alles stimmt, das ist das schönste der Gefühle. Ich denke, wir sind auf der Erde, um zu lieben. Darum gibt es Mann und Frau. In einer anderen Dimension gibt es diese beiden Pole vielleicht nicht mehr, da sind sie verschmolzen. Aber wir sind eben erst auf dem Weg dahin.
Männer waren schon früh das Aufregendste für mich – dieses Vibrieren in der Luft. Das war der totale Thrill, wenn die hinzukamen und ich von ihnen beachtet wurde. Männer versprachen Abenteuer, die Möglichkeit rauszukommen, die Welt zu erobern. Allein hätte ich mich das nicht getraut, aber wenn ein Mann dabei war, schon. Damals wurde alles Interessante von Männern gemacht. Frauen waren bloßer Zierrat, der nie wirklich was Eigenständiges zustande brachte.
Meine ersten Männer waren Kopien meines Vaters. Blauäugige und blonde Typen. Wenn ich nur sein Rasierwasser, Aqua Velva, an anderen Männern gerochen habe, dann wurde ich schon schwach.
Meine Devise hieß immer: »I don’t want your money, I want your honey.« Deshalb wollte ich auch nie einen Doktor oder einen Anwalt als Mann. Für mich kam nur ein wilder Mann infrage.
Damals stand ich auf Eberhard, einen ganz schlanken Typen aus der Nachbarschaft mit braunen, schon etwas längeren lockigen Haaren, den wollt ich so gern, und von dem hab ich nachts geträumt. Aber er sagte, mit einer Jungfrau käme ihm nichts in die Tüte.
Hhmm, hab ich mir dann gedacht, das ist also eigentlich was Schlechtes, so’ne Jungfrau zu sein. Geradezu was Lästiges.
Das brauchte ich nicht auch noch. Also beschloss ich kurzerhand, mich von irgendjemandem entjungfern zu lassen. In der Zeit der Pubertät stand ja jeder auf jeden. Die Hormone waren am Toben, und sowieso wusste eigentlich keiner genau, was er wollte.
Ich ging dann mit einem Jungen nach Hause, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, und hatte fast die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen. Denn eigentlich hatte ich meinem Onkel versprochen, dass ich mich nur ganz stilecht entjungfern lassen würde, im wunderschönen Bauernbett, mit Kerzenlicht oder im Mondschein. Doch damals war ich halt in einem Alter, wo man sich schon von den gut gemeinten Versprechen entfernte, und die Wirklichkeit sah fast immer anders aus.
Ich war siebzehn, und eigentlich war die ganze Angelegenheit ziemlich brutal. Wir saßen erst in seinem Zimmer auf dem Jugendbett mit der orangefarbenen Bettwäsche und den braunen Blumenmustern und tranken was, dann legte er Musik auf. Wir redeten nicht darüber, was da lief. Er ging einfach ran.
Ich wusste nichts über meinen Körper, und als er fertig geschnauft hatte, dachte ich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?
Mit einem Mal war alles nass.
Ich blutete! Ich bin gleich ins Bad gefetzt. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass der sich da schon ergossen hatte, und dann der Horror, schwanger zu werden. Mir kam plötzlich alles so fremd vor, und ich bin dann auch gleich danach gegangen.
Aber Eberhard war leider trotzdem nicht an mir interessiert.
Da lernte ich dann schließlich Eddy kennen, der war in der gleichen Clique wie eine von meinen Kolleginnen.
Eddy hatte ein bisschen ein römisches Profil, und ich stand auf sein Profil und seinen Namen. Eddy war sehr männlich, sehr italienisch und ein paar Jahre älter als ich. Von Beruf war er auch Dekorateur, der aber von Gelegenheitsjobs lebte. In Eddy hab ich mich in kürzester Zeit richtig verliebt – ein total wilder, starker Typ. Grausam, wie ich auf den abgefahren bin.
Mit Eddy kam der Sex zum ersten Mal richtig gut, und wir haben gemeinsam begonnen, zu experimentieren und alles auszuprobieren, was uns in den Sinn kam. Sonst machte man ja nur so im Dunkel unter der Bettdecke rum, aber wir haben uns zum ersten Mal richtig angeschaut und bewusst angefasst. Er hat mir gezeigt, wie man einen Schwanz anfasst, sodass es Spaß macht, und wie man die Hand bewegt, sodass es guttut. Wir haben schon verschiedene Objekte benutzt und auch oralen Sex gemacht.
Eddy kam dann nachts mit der Leiter durch mein Fenster in mein kleines Kinderzimmer mit dem riesigen Teddybären, der fast so groß wie ein Mensch war und mit dem ich jede Nacht geschlafen habe, eben weil er so groß wie ein Mensch war.
Meine Mama ging morgens arbeiten, und ich musste ein bisschen später aus dem Haus als sie, und Eddy steckte manchmal noch bei mir unter der Decke, wenn sie morgens an die Tür klopfte.
»Ursel, aufstehen.«
»Jaaaa.«
Dann verschwand sie zur Arbeit. Wenn sie sich ein einziges Mal umgedreht hätte, dann hätte sie die Leiter da stehen sehen. Das war jeden Morgen tödliche Aufregung.
Ich glaube, man kann sagen, dass ich Eddy hörig war, und bald stellte sich raus, dass er ein absoluter Machotyp war, der mich dauernd betrog und leiden ließ. An den Wochenenden bin ich zigmal zur Telefonzelle an der Ecke gelaufen, um ihn zu erreichen, und dann heulend zurück, wenn er wieder nicht da war. Meine Mama merkte das natürlich. »Wenn du ein anständiges Mädchen wärst, dann würdest du dir so was nicht gefallen lassen.« Und irgendwie hatte sie ja auch recht. Aber wenn Eddy dann kam und wir miteinander schliefen, habe ich ihm immer wieder verziehen. Ich war eben kein anständiges Mädchen und pickte lieber die paar Brosamen auf, als gar nichts von Eddy zu haben.
Einmal hatten wir Sex im Vorraum der Kirche am Sendlinger-Tor-Platz, das war aufregend, das fanden wir toll und rebellisch – gegen die Kirche.
Eddy nahm mich das erste Mal mit in eine Bar, zum Whiskey-Sour-Trinken, aber als wir nach Hause kamen, waren wir zu betrunken, um über die Leiter in mein Zimmer zu klettern, da haben wir’s dann in seiner Isetta gemacht, einem winzigen Dreirad-Auto, das die Tür vorne hatte. Ein anderes Mal sind wir runter an die Isar, und da haben wir uns auf einer Mauer geliebt, und ich habe mir dabei den ganzen Rücken aufgeschürft. Ich war völlig roh. Am Abend in der Küche, wo wir uns am Ausguss gewaschen haben, fiel das meiner Mutter natürlich sofort auf.
»Ja, woher kommt denn das?«, fragte sie.
»Ich bin die Treppe runtergefallen.«
Danach habe ich immer wenigstens eine Decke druntergelegt, wenn es auf einer Rohputzmauer sein musste.
Dieses Doppelleben wurde zum totalen Stress, denn ich musste ja alles geheim halten. Damals wusch meine Mutter noch meine Wäsche, und wenn man mit dem Sex gerade anfängt, blutet man noch, bis sich das alles richtig eingespielt hat. So musste ich immer meine Wäsche verstecken und sie dann selber waschen, damit sie das nicht sah.
Mein Vater hat mir allerdings bei der Entwicklung meines Geheimlebens geholfen, das habe ich ihm hoch angerechnet. Er behandelte mich schon mit dreizehn wie eine erwachsene Frau und bot mir Wein und Whisky an. Eddy kannte die Clique um meinen Vater, und mein Vater hat mich gegenüber der Mama gedeckt und behauptet, dass ich die Nacht bei ihm verbracht hätte, wenn ich mal mit Eddy zusammen war.
Auf die Dauer wurde es dann allerdings immer unerträglicher mit Eddy, denn er hat mich wirklich in einem fort betrogen, und ich habe zu Hause gesessen und auf ihn gewartet. Samstags und sonntags.
Dann fing ich an, am Wochenende billige Heftchen zu lesen und Schund zu essen, um mich über die Runden zu retten, und unter der Woche musste ich wieder im Betrieb arbeiten. Ich hab gelitten wie ein Schwein. Das tut dem Ego nicht gerade gut. Da habe ich schon wieder gedacht: »Ich will nicht mehr lieben.« Aber das habe ich nicht durchgehalten. Im Gegenteil.
Als meine Mama ihren neuen Ehemann kennenlernte, da habe ich ihn nicht gemocht. Der war in meinen Augen ein richtiger Bauer, so primitiv hat er dahergeredet. Er war Schreiner von Beruf. Ich hatte auf keinen Fall gewollt, dass meine Mutter den heiratet.