Inhaltsverzeichnis
Buch
Was erwartet uns am Ende unseres Lebens? Ist mit dem Versiegen der Hirnaktivität unser individuelles Bewusstsein ausgelöscht? Bedeutet der Tod die endgültige Auflösung alles dessen, was während unserer Lebensspanne wichtig schien, was Sinn und Bindungen gestiftet hatte?
Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Doch woher soll die Antwort kommen, wenn unsere irdische Erfahrung durch den Tod unüberwindlich begrenzt ist?
Gelegentlich erhaschen Menschen flüchtige Blicke über die Grenze des Todes. In Lebensgefahr, auf der Kippe zum Tod, stellen sich manchmal bestimmte Erlebnisse ein, an die sich die Fast-Gestorbenen nach der Rückkehr zum Leben und Bewusstsein noch erinnern können.
Johannes Michels dokumentiert eine Vielzahl solcher Zeugnisse von Menschen mit Nahtodeserfahrungen. Ihre Authentizität ist geprüft, ihre Aussagekraft von zwingender Eindeutigkeit: So vielfältig die Formen und Umstände des nahezu eingetretenen Todes auch sein mögen, immer werden sie von dem Bewusstsein der Sterbenden erlebt als ein Heraustreten aus dem Körper, als ein Übergang in eine Sphäre des Lichts und des Glücks. Oft wird an der Schwelle zum Jenseits auch von Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen oder Freunden berichtet, von Vorhersagen, die sich später erfüllt haben und von Informationen, die Heilung und Hilfe ins irdische Leben brachten.
Diese packenden Fallgeschichten bestätigen eindringlich: Wir verlassen im Tod nur unseren Körper und unsere irdischen Leiden. Es erwartet uns danach ein Jenseits, in dem wir vieles verstehen werden, was uns hier sinnlos und zufällig erscheint, denn Täuschungen und Irrtümer sind dort zu Ende.
Autor
Prof. Dr. Johannes Michels, geboren 1938 in Laubach-Leienkaul/Eifel, promovierte in Erziehungswissenschaften und war als Pädagoge und Direktor an verschiedenen Bildungsanstalten, vor allem für Hörgeschädigte, tätig. 1990 wurde er als Professor an die Universität Osnabrück (Fachbereich Erziehungsund Kulturwissenschaften) berufen; es folgten Berufungen an die Königlich-Spanische Staatsuniversität in Valencia (Fachbereich Psychologie) und an die Universität von Zielona Góra in Polen (Fachbereich Germanistik). Prof. Michels lebt in Georgsmarienhütte.
Vorwort
Was passiert im Moment des Todes? Und was geschieht danach? Diese zwei Fragen werden meist verdrängt. Zumindest insgeheim gehören sie aber zu den wichtigsten Fragen jedes denkenden Menschen.
Wer kann sie beantworten? Offenbar niemand. Oder doch?
Ja, es gibt Menschen, die dazu tatsächlich in der Lage sind, weil sie Erlebnisse hatten, die sich in unmittelbarer Todesnähe ereigneten. Durch schwerste körperliche Erkrankungen oder Verletzungen gerieten sie an den Rand der Lebensfähigkeit bis hin zur medizinischen (Fast-)Todeserklärung.
Und über jene Erlebnisse in direkter Nähe ihres Todes berichteten diese Menschen nach ihrer Rückkehr ins diesseitige Leben. Aber nicht nur das. Sie vermittelten auch Informationen, die sie in Gesprächen mit Personen beziehungsweise Wesen aus der Welt erfuhren, die nicht oder nicht mehr zur diesseitigen Wirklichkeit gehören.
Als Autor hatte ich mich schon mit vielen Themen befasst, allerdings noch nicht mit Jenseitsberichten. Erst zwei mir sehr nahestehende Persönlichkeiten lenkten mein Interesse durch ihre eigenen Erlebnisse auf das unglaubliche Phänomen der Nahtodeserfahrung, das ich zunächst überhaupt nicht wahrhaben wollte. Ich dachte zuerst an reine Phantasie- und Traumgebilde.
Als aber die in diesen Berichten prophezeiten Geschehnisse später tatsächlich eintrafen, und zwar nicht nach ungefährer Vorhersage, sondern ganz eindeutig und exakt, nahm ich mir, zunächst sehr zurückhaltend, vor, diesem Phänomen einmal auf den Grund zu gehen.
Nun aber begannen die Schwierigkeiten: Die denkbaren Informationsquellen – Krankenhäuser und Ärzte – schieden aus Gründen des Datenschutzes aus.
Also gab es nur die Möglichkeit, die betreffenden Personen direkt selbst zu suchen und um die Mitteilung ihrer Erfahrungen zu bitten. Dieser Weg war recht mühsam, langwierig und umständlich. Doch führte er im Laufe der Zeit zum Erfolg. Allerdings wollten fast ausnahmslos alle der Berichtenden, dass ihr Persönlichkeitsumfeld vertraulich behandelt würde und sie anonym blieben. Daher wurden unter anderem die Namen verfremdet.
Faktisch aber sind die Berichte natürlich authentisch. Sie stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Anschließend wird in manchen Fällen in allgemein verständlicher Weise kurz erörtert, weswegen diese Berichte glaubwürdig sind. Man kann davon ausgehen, dass bei allen diesen Darstellungen Aussagen vorliegen, die einen wahrheitsgemäßen, möglichst umfassenden, oft auch überwältigenden Eindruck von der Existenz jenseits der diesseitigen Welt wiedergeben.
Die Berichte stammen zum Teil von Kindern und Jugendlichen, die sich ihr Wissen von »der anderen Welt« sicher nicht angelesen oder sonst wie erfahren haben, sowie von Männern und Frauen, die zuvor jeglicher Religion und allen Jenseitsvorstellungen gegenüber ablehnend eingestellt waren.
Im Anschluss an die Berichte werden die denkbaren Schwerpunkte erörtert, die sich aus den Informationen aus dem Jenseits ergeben. Dabei geht es zunächst um das Ende des diesseitigen Lebens, das wir»Tod«nennen, aber nach den hier wiedergegebenen Erfahrungen eine andere Bedeutung erhält.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, ob »es« nach dem Ende des diesseitigen Lebens »weitergeht« oder ob alles im Nichts endet.
Besonders wichtige Schlussfolgerungen aus den Berichten beziehen sich auch auf Aussagen zu einem höheren Wesen respektive Allerhöchsten: die Teilhabe an der sogenannten Glücksgemeinschaft oder die Trennung von ihr.
Schließlich findet auch eine aus den Berichten hergeleitete kurze Erörterung zur Beurteilung des irdischen Lebens sowie zu weltanschaulichen Vorstellungen von Atheismus oder Gläubigkeit und Religion statt.
Osnabrücker Land, im Frühjahr 2008
Prof. Dr. Johannes Michels
Berichte von der Jenseitsschwelle
Die Begegnung mit dem verstorbenen Vater
Die Eileiterschwangerschaft der Studentin Beata O. war so weit fortgeschritten, dass sie, wie sich später herausstellte, inzwischen etwa zehn Liter Blut im Bauchraum hatte. In diesem Zustand stürzte sie im Studentenheim plötzlich zu Boden und fiel in tiefe Bewusstlosigkeit. Von der höchst lebensgefährlichen Bedrohlichkeit hatte weder sie noch sonst jemand in ihrem Umfeld auch nur die geringste Vermutung gehabt. Sie ahnte, dass etwas mit ihrer Bauchregion nicht stimmte, mehr aber auch nicht. Die konsultierten Ärzte hegten den Verdacht, es läge eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse vor. Sie sprachen von der Notwendigkeit einer stationären Untersuchung im Krankenhaus. Und dabei blieb es zunächst.
Von der Zeit und dem Zustand tiefster Bewusstlosigkeit schilderte Beata O. folgende Eindrücke:
Ich fühlte nun keinerlei Schmerzen mehr, die ich bis zu meinem Sturz auf den Boden gespürt hatte. Vielmehr erfasste mich ein Gefühl der Wärme und Harmonie. Da sah ich mich auf einmal in der Wohnung meiner Eltern wieder. Ich blickte zunächst in den Hausflur. Dort sah ich Mäntel hängen, wie sie früher Gäste meines Vaters getragen hatten. Das Eigenartige daran war jedoch, dass mein Vater bereits seit Jahren tot war. Er schien mit diesen Gästen im Wohnzimmer Bridge zu spielen. Das hatte er zu Lebzeiten nach Feierabend und an arbeitsfreien Tagen immer sehr gern gemacht.
Soweit ich es beurteilen konnte, waren diese Gäste zum großen Teil aber auch schon vor Jahren gestorben. Dies störte mich jedoch nicht. Für mich war das ganz natürlich und selbstverständlich. Ich freute mich, zu Hause zu sein.
Als ich in den Flur trat, kam mein Vater aus dem Wohnzimmer heraus und begrüßte mich überausherzlich und liebevoll. Ich verbarg meinen aufgewölbten Bauch vor meinem Vater hinter den Mänteln im Flur.
Ohne dass er auf meinen Leib schaute, äußerte er sich. Ich vernahm seine Gedanken, als ob er sprechen würde: »Versteck deinen Bauch nicht hinter den Mänteln. Du musst ihn vielmehr in Ordnung bringen lassen. Das muss bald geschehen. Es ist höchste Zeit!«
Mein Vater wusste um das Problem, ohne hinzuschauen, und er äußerte sich, ohne wirklich zu sprechen. Ich erfuhr in Gedanken, was er meinte. Er teilte mir mit, was er dachte, aber völlig ohne geäußerte Worte. Und ich wunderte mich darüber, dass ich verstand, was er sagte, ohne dass er irgendetwas sprachlich zum Ausdruck gebracht hatte. Ich wusste dennoch, was er meinte. Es war genau so, als ob er klar und deutlich gesprochen hätte.
Wir redeten weiter miteinander, ohne wirklich zu sprechen. Er bedeutete mir rein in Gedanken: »Kind, versteck deinen Bauch nicht. Du bist mit diesem Bauch in Lebensgefahr.«
»Aber Papa, woher weißt du, was mit mir und meinem Bauch passiert, und was mit ihm los ist?«
»Beata, ich weiß es, und das ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass du in einem Krankenhaus operiert wirst. Die Sache mit deinem Leib muss sehr schnell geregelt werden. Wenn die Ärzte das nicht von sich aus tun, dann musst du es ihnen notfalls sagen, wenn du wieder wach bist. Aber die Ärzte werden deinen Zustand jetzt richtig einschätzen. Und eine Ärztin wird die rettende Operation veranlassen.«
Da erwachte ich wie aus einem sehr tiefen Schlaf und sah meine Umgebung wie durch einen Nebelschleier. Ich erkannte mich auf einer Liege im Rettungswagen auf dem Weg zum Krankenhaus. Neben mir saß eine Ärztin. Ich spürte auch meine schrecklichen Leibschmerzen wieder, die so furchtbar wurden, dass ich erneut die Besinnung verlor und in tiefste Bewusstlosigkeit versank.
Nun sah ich mich – nur mit einem Bademantel bekleidet – auf einer riesigen Wiese mit vielen Blumen und fühlte mich unendlich wohl. Vor mir erkannte ich eine riesige Holztür, die von der Wiese bis hoch zum Himmel aufragte. Und nun sah ich auch wieder meinen Vater, der mich liebevoll anschaute.
Ich fragte ihn: »Wozu gibt es diese riesige Tür? Was ist dahinter? Kann ich nicht durch sie hindurchgehen?«
»Nein«, sagte er. »Durch diese Tür darfst du noch lange nicht gehen. Du bleibst viele weitere Jahre im Leben auf der Erde. – Wichtig ist jetzt, dass dein Bauch in Ordnung gebracht wird. Dann wirst du dein Studium abschließen, heiraten und Kinder bekommen.«
»Aber hier ist es doch so schön. Ich bin glücklich und froh. Darf ich nicht einfach hierbleiben?«
»Ja, hier ist es schön und wunderbar. Aber du kannst und darfst nicht hierbleiben. Denn auf der Erde hast du noch sehr viele Aufgaben. Es wird auch nicht immer einfach für dich sein. Aber du wirst alles sehr gut bewältigen.«
»Und was ist hinter dieser riesigen Tür?«
»Das ist die Ewigkeit, das Dasein nach dem Abschied vom Leben auf der Erde. Und wenn deine Zeit gekommen ist, dann wird sich diese Tür auch für dich öffnen. Dann wirst du durch sie hindurchgehen. Aber jetzt noch nicht.«
Und damit war mein Vater weg. Er war nicht mehr zu sehen. Und auch die Wiese und mein Elternhaus waren verschwunden.
Ich wurde dann operiert und somit gerettet, wie es mir mein Vater prophezeit hatte. Auch seine Aussage, dass eine Ärztin die rettende Operation veranlassen würde, stimmte, ebenso seine Darstellung der Lebensgefahr für mich, denn wie man mir später sagte, wurde ich buchstäblich im letzten Moment gerettet.
Versucht man, diese Vision zu erklären, so könnte man zunächst annehmen, es handle sich um einen Traum, wie man ihn zuweilen erlebt: einen Traum, in dem wir Verstorbenen begegnen, ohne dass damit Zukunftsvisionen verbunden sind. Das Entscheidende ist dabei der Schwerpunkt Zukunft. Man hält Zwiesprache mit Verstorbenen. Diese Dialoge befassen sich im Traum aber in der Hauptsache mit Ereignissen zu Lebzeiten dieser Verstorbenen beziehungsweise mit Erlebnissen dessen, der den Traum hat. Zukünftige Vorkommnisse bleiben in der Regel ausgespart, schon allein deshalb, weil die träumende Person nur über das Wissen verfügt, das sie bis zum Einsetzen des Traums gesammelt hat. Das legt nahe: Ein gewöhnlicher Traum bewegt sich im Umfeld von Vergangenheit respektive Gegenwart. Alles jedoch, was mit der Zukunft zusammenhängt, bleibt normalerweise ausgeklammert. Da in dieser Vision der tief bewusstlosen Beata O. aber hauptsächlich Probleme mit ausgesprochenem Zukunftscharakter folgerichtig dargestellt werden und deren realistische Lösung – wie sie anschließend im »richtigen Leben« auch geschieht – erörtert wird, ist der Traum als Erklärungsmöglichkeit für das Berichtete unwahrscheinlich.
Als weitere Erklärungsmöglichkeit bietet sich eine Geisteskrankheit beziehungsweise seelische Störung an. Damit geht jedoch zumeist eine Depression, also tiefste Trauer und Schwermut (ohne jeglichen tatsächlichen Grund) oder – im Falle einer Manie – grundlose euphorische Freude einher. Bei dieser Vision aber zeigt sich weder eine Depression noch irgendeine Euphorie. Außerdem weist die Familiengeschichte wie auch die persönliche Biographie der Studentin keinerlei Anhaltspunkte für eine geistige Störung auf.
Trugbilder, also Halluzinationen, als Folge bestimmter biochemischer Vorgänge im Gehirn könnten natürlich ebenso Ursache für solche Visionen sein. Derartige Wahrnehmungen sind hier aber ähnlich wie bei den Träumen unwahrscheinlich, weil sie Elemente zukünftiger Geschehnisse enthalten.
Bleibt noch die Intuition (Eingebung, Vorahnung) als Erklärungsmodell. Diese ist jedoch charakterisiert von Erlebnissen oder Erkenntnissen, die eher einen Momentancharakter haben. Auch der Intuition mangelt es fast durchgängig an (»zuverlässigen«) Aussagen, also tatsächlich eintreffenden Fakten, um die es bei der geschilderten Vision aber eindeutig geht.
Bei der hier dargestellten Vision handelt es sich um ein mit wissenschaftlichen Methoden bisher nicht zu erklärendes Phänomen. Diese Vision weist nämlich einerseits einen höchstmöglichen Realitätsbezug im Hinblick auf zukünftige Geschehnisse auf. Andererseits hat sie aber auch enge Berührung mit einer verstorbenen Person, dem Vater, der offenbar nicht von der diesseitigen, sondern aus einer anderen Welt heraus Hinweise gibt, die jedoch äußerst wichtig sind, weil sie sehr wirklichkeitsnah auf lebenserhaltende Maßnahmen hinweisen.
In der Kommunikation der todkranken Studentin mit dem verstorbenen Vater offenbart sich deshalb glaubwürdig eine Verzahnung zwischen dem Diesseits und ebenjener phänomenal anderen Welt.
Diese und ähnliche Überlegungen treffen auch auf alle folgenden Beispiele mehr oder weniger deckungsgleich zu.
Eine außerkörperliche Erfahrung
Ein Medizinwissenschaftler geriet mit seinem Wagen ins Schleudern. Das Auto überschlug sich mehrmals und landete auf dem Dach im Straßengraben. Der Wagen war völlig demoliert und zusammengedrückt. Der eingequetschte Fahrer trug schwerste Verletzungen davon und musste mit der Rettungsschere aus dem Wagen befreit werden. Er war blutüberströmt, völlig verrenkt und zusammengequetscht und wurde mit einem Rettungshubschrauber in ein nahegelegenes Krankenhaus geflogen. Dort wurde er sogleich in den Operationssaal gefahren und stundenlang operiert.
Nach seiner Genesung einige Monate später erinnerte er sich und berichtete:
Den Augenblick des schweren Unfalls erlebte ich, als erlitte mein Körper heftige Schläge. Schmerzen spürte ich aber nicht mehr. Ich verfiel vielmehr in einen tiefen Schlaf. Körperlich erfasste mich so etwas wie tiefste Bewusstlosigkeit. Nun könnte man annehmen, ich hätte diesen Tiefstschlaf ohne irgendein Erlebnis erfahren. Aber es kam anders: Ich geriet in einen Zustand, in dem ich alles, was mit meinem aufs schlimmste zugerichteten Körper geschah, wie in einer Art Film sah. Ich betrachtete mich auf einmal von einer Warte außerhalb meines Körpers und erblickte Ärzte und Krankenschwestern, die sich mit meinem schwerverletzten Leib befassten.
Aber ich identifizierte mich nicht mit meinem Körper – so als würde ich als Außenstehender die medizinischen Bemühungen um einen fremden Patienten wahrnehmen.
Dabei sah ich auch, wie plötzlich ein Arzt Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage praktizierte, und mein Körper schließlich Elektroschocks erhielt. Also nahm ich an, der Kreislauf in meinem Leib sei zum Erliegen gekommen. Ich war ohne Schmerzen, hatte aber auch keinerlei Gefühl für meinen Körper und registrierte das alles wie ein Fremder. Auch als der Körper auf dem OP-Tisch durch die Elektroschocks emporzuckte, vernahm ich das wie ein Unbeteiligter.
Zugleich erfüllte mich ein kaum zu beschreibendes Empfinden von Wohlgefühl und Glück, von Wärme sowie innerer und äußerer Ruhe. Zeit, Stress und Hektik hatte ich vollkommen abgestreift. Noch blickte ich auf den OP-Tisch und auf die Bemühungen des medizinischen Personals und sah, dass alle Anstrengungen zunächst vergeblich zu sein schienen.
Ich fragte mich, warum sich die Ärzte und Krankenschwestern so sehr um den schrecklich verunstalteten Leib bemühten. Ich empfand den Wunsch, sie möchten meinen Körper doch in Ruhe lassen. Diesen Wunsch verspürte ich, obwohl ich als Mediziner von Natur aus die Aktivitäten des medizinischen Personals hätte gutheißen müssen. Trotzdem entfernte ich mich mehr und mehr von meinem Leib.
Auf einmal sah ich mich wie in einem langen dunklen Tunnel, durch den ich halb gezogen, halb hindurchgedrückt wurde. Am Ende dieses langen dunklen Ganges erblickte ich ein Licht, das immer heller wurde und bald alle irdische Vergleichbarkeit verlor. Es war ein so helles, aber auch nicht blendendes Licht, wie ich es im diesseitigen Leben noch niemals erlebt hatte.
Während ich durch den Tunnel schwebte, lief mein ganzes Leben vor meinem geistigen Sehvermögen ab. Es war mit dem Augenlicht nicht zu vergleichen: wie ein geistig-seelischer Film, den man sich mit irdischen Maßstäben nicht erklären konnte.
Ich sah mich als Kind und als Schüler, ich sah mich mit meinen Eltern und Geschwistern. Dann erkannte ich mich im Gymnasium wieder, beim Abitur, schließlich beim Studium in den verschiedenen Universitäten. Daraufhin liefen meine Hochschulabschlüsse vor mir ab.
Mein Lebensfilm bereitete mir eine riesige Freude. In Glück und Wohlgefühl konnte ich mir meinen Lebenslauf ohne Hektik und Eile anschauen.
Doch bevor ich ihn weiter erleben und dem wunderschönen Licht entgegenschweben durfte, fühlte ich mich wie zurückgerissen und erblickte mich wieder im OP. Ich sah das medizinische Personal, meinen armseligen Leib und fühlte mich plötzlich wieder gezwungen, mich diesem geschundenen Körper zu nähern.
Nun empfand ich den Wunsch, diesem Leib fernbleiben zu dürfen. In einer Art Halbsenkrechtposition schaute ich auf ihn, indem ich seitlich über den Ärzten eine Schwebeposition einnahm. Die Mediziner hatten zweifellos ihr Bestes gegeben. Dennoch wies mein Körper natürlich noch immer schwere Verletzungen und Schäden auf. Und ich hatte nicht den geringsten Wunsch, in diesen Leib zurückzukehren. Ich wünschte, von ihm befreit zu bleiben und zum überirdischen Licht zurückzukehren.
Da hörte ich wie aus großer Ferne eine Stimme, die mir mitteilte, dass ich auf der Erde noch dringend gebraucht würde, eine entscheidende wissenschaftliche Tätigkeit wahrnehmen müsse und dadurch hilfreich für andere Menschen wirken solle. In einem Jahr würde ich auch zum Hochschullehrer berufen. Forschung und Lehre warteten auf mich.
Danach geschah etwas Seltsames: Ich versank in eine Art Tiefschlaf, der in meinem Gedächtnis keinerlei Eindrücke hinterließ. Vielmehr nehme ich an, dass mein Geist beziehungsweise meine Seele in meinen Leib zurückgekehrt war und durch das narkotisierte Gehirn nun wie in einer eigenartigen Bewusstlosigkeit verharrte.
Ich vermute aus heutiger Sicht, dass das betäubte Gehirn meine Geistseele irgendwie ummantelte und in ihrer Freiheit begrenzte, ja gar behinderte. Nach einer langen Zeit des Tiefschlafs dämmerte ich in eine Benommenheit hinein, aus der ich dann erwachte – und spürte schließlich heftige Schmerzen, die lediglich durch die vielen Infusionen gemildert wurden. Nun erkannte ich auch die Unmenge an Schläuchen und Kabeln, durch die ich wieder in ein heiles Leben zurückgebracht werden sollte. Zweifellos blieb mir nichts anderes übrig, als zu diesem Leben wieder ja zu sagen. Aber jener andere Zustand – oder besser: der Blick in diese andere Welt mit ihrem außerirdischen Frieden und Glück – war über alle Maßen und unvergleichlich schöner gewesen!
»Der Blick in diese andere Welt«, so wie ihn der Patient beschreibt, legt nahe, dass er sich zwischen zwei Daseinsbereichen befunden hat. Auch bei ihm zeigt sich, dass er zumindest zeitweilig an jener Schwelle stand. Der Länge der Operation und der Präzision der Beschreibung nach zu urteilen, dauerte dieser Zustand wahrscheinlich zwei Stunden oder länger.
Ein Jahr später wurde der Patient tatsächlich zum Professor berufen. Auch die anderen Prognosen, nämlich dass der Patient »eine entscheidende wissenschaftliche Tätigkeit wahrnehmen müsse und dadurch hilfreich für andere Menschen wirken solle«, traten treffsicher ein.
Die Rückkehr zur Familie