Inhaltsverzeichnis
Für
R
»Aber wie Gott der beste Schöpfer der guten Naturen ist, so ist er auch der gerechteste Ordner der bösen Willen. Während diese die guten Naturen schlecht gebrauchen, gebraucht er auch die bösen Willen gut.«
AUGUSTINUS, »VOM GOTTESSTAAT«
»Für das, was nicht war – für das, was keine Gestalt hatte – für das, was keinen Gedanken hatte – für das, was kein Gefühl hatte – für das, was ohne Seele war und kein Atom von Materie mehr besaß, für all dieses Nichts und dennoch Unsterbliche war das Grab noch Heimstätte und die fressenden Stunden Gesellschafter.«
EDGAR ALLAN POE, »MONOS UND UNA«
»Noch eine kleine Zeit ist das Licht unter euch; wandelt, während ihr das Licht habt, auf dass nicht Finsternis euch ergreife. Und wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wohin er geht. Während ihr das Licht habt, glaubet an das Licht, auf dass ihr Söhne des Lichtes werdet.«
Johannes 12,35
Prolog
Meine Mutter spaziert an einem kühlen Frühlingsabend durch Savannah. Ihre Clogs klappern auf dem Kopfsteinpflaster wie Pferdehufe. Sie schlendert an blühenden Azaleenbüschen und mit Louisianamoos bewachsenen Lebenseichen vorbei und kommt auf einen begrünten Platz mit einem Café.
Mein Vater sitzt auf einem Hocker an einem schmiedeeisernen Tisch, auf dem zwei Schachbretter liegen. Er ist gerade dabei, auf einem der beiden eine Rochade auszuführen, als er auf blickt und meine Mutter sieht. Er lässt einen Bauern fallen, der von der Tischplatte auf den Gehsteig rollt.
Meine Mutter beugt sich hinunter, hebt die Schachfigur auf und reicht sie ihm. Sie blickt von ihm zu den anderen beiden jungen Männern, die mit ihm am Tisch sitzen. Ihre Gesichter zeigen keinerlei Regung. Sie sind groß und hager, alle drei, aber mein Vater hat dunkelgrüne Augen, die irgendwie vertraut wirken.
Mein Vater streckt eine Hand aus und umfasst ihr Kinn. Er blickt in ihre hellblauen Augen und sagt: »Ich kenne dich.«
Mit der anderen Hand zeichnet er die Kontur ihres Gesichts nach, fährt zweimal den spitzen Haaransatz entlang. Ihr kastanienbraunes Haar ist lang und voll, mit zartem Flaum am Ansatz, den er aus ihrer Stirn zu streichen versucht.
Die beiden anderen Männer am Tisch verschränken die Arme und warten. Mein Vater hat gegen beide gleichzeitig gespielt.
Meine Mutter betrachtet das Gesicht meines Vaters – das schwarze Haar fällt ihm aus der Stirn und über den grünen Augen verlaufen zwei geradlinige dunkle Augenbrauen. Seine Lippen sind schmal, aber geschwungen wie Amors Bogen. Sie lächelt schüchtern.
Er lässt die Hände sinken, erhebt sich vom Stuhl und gemeinsam schlendern sie davon. Die Männer am Tisch räumen seufzend die Schachbretter ab. Sie müssen jetzt gegeneinander spielen.
»Ich bin auf dem Weg zu Professor Morton«, sagt meine Mutter.
»Wo ist sein Büro?«, fragt mein Vater.
Meine Mutter deutet mit der Hand in Richtung Kunstakademie. Er legt eine Hand auf ihre Schulter, ganz leicht nur, und lässt sich von ihr führen.
»Was ist das in deinen Haaren? Ein Käfer?«, fragt er plötzlich und zupft an etwas, das wie ein Insekt aussieht.
»Eine Haarspange.« Sie zieht die kupferne Libelle aus ihren Haaren und reicht sie ihm. »Es ist eine Libelle. Kein Käfer.«
Er schüttelt den Kopf, dann lächelt er und sagt: »Halt still.« Behutsam schiebt er eine Locke durch die Libelle und steckt sie hinter ihrem linken Ohr fest.
Sie wenden sich von der Akademie ab und spazieren jetzt Hand in Hand eine steile Kopfsteinpflasterstraße hinunter. Es wird dunkel und merklich kühler, trotzdem bleiben sie stehen und setzen sich auf eine Mauer.
Meine Mutter sagt: »Heute Nachmittag saß ich am Fenster und sah zu, wie die Bäume beim Sonnenuntergang langsam dunkler wurden. Dabei dachte ich: Ich werde älter. Mir bleiben nicht mehr so viele Tage, um zuzusehen, wie die Bäume dunkler werden. Man könnte sie zählen.«
Er küsst sie. Es ist ein flüchtiger Kuss, der kaum ihre Lippen berührt. Der zweite Kuss dauert länger.
Sie zittert.
Er beugt sich zu ihr hinunter und bedeckt ihr Gesicht – Stirn, Wangen, Nase, Kinn – mit kleinen, schnellen Wimpernschlägen. »Schmetterlingsküsse«, sagt er, »um dich zu wärmen.«
Über sich selbst erstaunt, wendet meine Mutter den Blick ab. Innerhalb von Minuten hat sie, ohne zu zögern oder zu protestieren, so viel geschehen lassen. Und sie hat nicht vor, jetzt damit aufzuhören. Sie fragt sich, für wie alt er sie hält. Sie ist sich sicher, dass sie älter ist – er sieht aus wie fünfundzwanzig und sie ist vor Kurzem dreißig geworden. Sie fragt sich, wann sie ihm sagen soll, dass sie mit Professor Morton verheiratet ist.
Sie stehen auf und gehen weiter, folgen den Betonstufen zum Fluss hinunter. Am Fuß der Treppe befindet sich ein geschlossenes gusseisernes Tor.
»Ich hasse Momente wie diesen«, sagt meine Mutter. Mit ihren Clogs kann sie nicht darüberklettern.
Mein Vater steigt über das Tor und öffnet es. »Es war nicht abgeschlossen«, sagt er.
Als sie hindurchgeht, überkommt sie ein Gefühl der Unvermeidlichkeit. Sie bewegt sich auf etwas vollkommen Neues und doch Vorherbestimmtes zu. Sie spürt, wie Jahre des Unglücklichseins von ihr abfallen. Einfach so, ohne Anstrengung.
Sie gehen am Flussufer entlang. Vor ihnen leuchten die Lichter der Touristenshops, und als sie bei ihnen angekommen sind, sagt er: »Warte.« Sie sieht, wie er in eines der Geschäfte geht, in dem irisches Kunstgewerbe verkauft wird, aber durch das geriffelte Glas der Tür kann sie ihn nicht mehr sehen. Er kommt mit einem weichen wollenen Schultertuch heraus. Er legt es ihr um und zum ersten Mal seit Jahren fühlt sie sich schön.
Werden wir heiraten?, fragt sie sich. Aber sie braucht diese Frage nicht zu stellen. Als sie weitergehen, sind sie bereits ein Paar.
Mein Vater erzählt mir die Geschichte zweimal. Ich habe Fragen. Aber ich stelle sie ihm erst nach dem zweiten Mal.
»Woher wusstest du, was sie denkt?«, lautet meine erste Frage.
»Sie hat mir später erzählt, was sie gedacht hat«, sagt er.
»Was ist mit Professor Morton passiert?«, frage ich als Nächstes. »Hat er nicht versucht, sie daran zu hindern, ihn zu verlassen?«
Ich bin dreizehn, aber mein Vater sagt, dass ich auf die drei ßig zugehe. Ich habe lange schwarze Haare und blaue Augen. Bis auf die Augen komme ich nach meinem Vater.
»Professor Morton hat versucht, deine Mutter zurückzuhalten«, sagt mein Vater. »Er hat es mit Drohungen versucht. Er hat es mit Gewalt versucht. Das hatte er schon einmal getan, als sie davon gesprochen hatte, ihn zu verlassen. Aber dieses Mal war sie verliebt und hatte keine Angst. Sie packte ihre Sachen und ging.«
»Ist sie zu dir gezogen?«
»Nicht sofort, nein. Sie nahm sich eine kleine Wohnung in der Innenstadt, in der Nähe des Colonial-Friedhofs, eine Wohnung, von der manche immer noch behaupten, es würde darin spuken.«
Ich sehe ihn aufmerksam an, aber ich lasse mich durch die Erwähnung der Spukwohnung nicht ablenken.
»Wer hat die Schachpartie gewonnen?«, frage ich.
Sein Blick wird wacher. »Das ist eine sehr gute Frage, Ariella«, sagt er. »Ich wünschte, ich wüsste die Antwort.«
Normalerweise hat mein Vater auf alles eine Antwort.
»Hast du gewusst, dass sie älter ist als du?«, frage ich.
Er zuckt mit den Achseln. »Darüber habe ich nicht nachgedacht. Alter hat nie eine große Rolle für mich gespielt.« Er steht auf, geht zum Salonfenster und zieht die schweren Samtvorhänge zu. »Zeit für dich, ins Bett zu gehen«, sagt er.
Ich habe noch Hunderte von Fragen. Aber ich nicke und widerspreche nicht. Heute Abend hat er mir mehr als je zuvor von meiner Mutter erzählt, die ich nie gesehen habe, und noch mehr von sich selbst.
Bis auf eines – die eine Wahrheit, die er nicht erzählen möchte, die eine Wahrheit, für die ich Jahre brauchen werde, um sie nur annähernd zu verstehen. Die Wahrheit darüber, wer wir wirklich sind.
EINS
Im Haus meines Vaters
Erstes Kapitel
Ich stand im tief blauen Zwielicht allein vor unserem Haus. Ich muss damals vier oder fünf gewesen sein und war normalerweise nie alleine draußen.
Die hohen Gaubenfenster des oberen Stockwerks waren goldene, von grünen Weinranken umgebene Rechtecke, die von Gesimsen beschirmten Fenster des unteren Stockwerks gelbe Augen. Ich betrachtete das Haus, als ich plötzlich nach hinten geschleudert wurde und auf weichem Gras landete. Im gleichen Augenblick schossen Flammen aus dem Kellergeschoss. Ich kann mich nicht daran erinnern, eine Explosion gehört zu haben – in der einen Sekunde war die Nacht noch tief blau gewesen und von schwachem gelben Lichtschein erfüllt; in der nächsten erhellte rotes Feuer den Nachthimmel. Jemand hob mich rasch auf und trug mich vom Haus weg.
Das ist meine früheste Erinnerung. Ich weiß noch, wie die Luft in jener Nacht roch – nach Rauch, der sich mit dem Duft von Flieder vermischte. Und ich erinnere mich an den rauen Stoff eines Wollmantels, der an meiner Wange rieb, und dass ich das Gefühl hatte zu schweben, als wir uns vom Haus entfernten. Aber ich weiß nicht, wer mich trug oder wohin wir gingen.
Als ich später nach dem Feuer fragte, sagte mir Dennis, der wissenschaftliche Mitarbeiter meines Vaters, dass ich das alles geträumt haben musste. Mein Vater wandte sich wortlos ab – aber ich hatte den Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen: In seinen Augen lag ein distanzierter und wachsamer Blick und um seinen Mund ein resignierter Zug, den ich nur allzu gut kannte.
Einmal, als ich mich langweilte, was in meiner Kindheit ziemlich oft vorkam, schlug mein Vater mir vor, Tagebuch zu schreiben. Sogar ein eintöniges Leben könne es wert sein, gelesen zu werden, sagte er, vorausgesetzt der Verfasser lege großen Wert auf Details. Er fand ein dickes, blau eingebundenes Notizbuch in seinem Schreibtisch, zog eine Ausgabe von Thoreaus Walden. Ein Leben mit der Natur aus einem Regal und reichte mir beides.
Und so begann ich zu schreiben. Aber alle Details der Welt reichten nicht aus, um die ersten zwölf Jahre meines Lebens lesenswert zu machen. Mir wurde erzählt, dass es für Kinder am besten sei, wenn ihr Leben in einer gleichförmigen Regelmäßigkeit verlaufe. Nun, in meinem Leben gab es mehr Gleichförmigkeit als bei den meisten anderen. Aus diesem Grund versuche ich, mich auf das Wesentliche zu beschränken, damit du dich nicht allzu sehr langweilst und alles Folgende verstehst.
Ich lebte mit meinem Vater Raphael Montero in einer viktorianischen Villa in Saratoga Springs im Staate New York, wo ich auch geboren wurde.
Im Haus meines Vaters gab es viele Zimmer, aber wir nutzten nur wenige. Auch das Kuppelzimmer, das sich in der Spitze des angebauten Turms befand, wurde von niemandem genutzt (später allerdings verbrachte ich viele Stunden damit, durch die kleinen runden Fenster zu starren und mir eine Welt jenseits der Stadt vorzustellen). Am Fuße dieses Turms befand sich ein langer Korridor, auf dem sich sechs leer stehende Schlafzimmer befanden. Eine breite Treppe, die von einem Absatz mit einem Erkerfenster aus Buntglas unterbrochen wurde, führte hinunter ins Erdgeschoss; der Treppenabsatz war mit einem Teppich ausgelegt, auf dem große marokkanische Kissen lagen, an die ich mich oft anlehnte, um zu lesen oder zu den leuchtend roten, blauen und gelben geome trisch geformten Fensterscheiben hinaufzublicken. Buntglas war viel interessanter als der Himmel, der in Saratoga Springs fast das ganze Jahr über aschfahl wirkte und sich im Sommer in schmutziges Hellblau verwandelte.
Der Tag begann, sobald Mrs McGarritt kam. Sie war eine kleine, schlanke Frau mit dünnen rötlichen Haaren, in deren schmales Gesicht sich Sorgen- und Lachfältchen gegraben hatten. Sie hatte damals fast immer ein Lächeln für mich.
Nachdem sie ihre eigenen Kinder zur Schule gebracht hatte, kam Mrs McGarritt zu uns und blieb bis Viertel vor drei, wenn die ersten ihrer Kinder wieder von der Schule nach Hause kamen. Sie kochte, putzte und kümmerte sich um die Wäsche. Zuerst machte sie mein Frühstück: meistens Haferflocken mit Sahne oder Butter und braunem Zucker. Mrs McGarritt war keine besonders gute Köchin – sie kochte das Essen nicht lang genug, sodass es nicht gar wurde, und schaffte es doch, es gleichzeitig anbrennen zu lassen, und sie gab niemals Salz dazu. Aber sie hatte ein gutes Herz. Und irgendwo, das spürte ich, hatte ich eine Mutter, die etwas vom Kochen verstand.
Ich wusste ziemlich viel über meine Mutter, ohne dass mir jemals jemand etwas über sie erzählt hätte. Vielleicht denkst du jetzt, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe, um auszugleichen, dass ich sie nie kennengelernt habe. Aber ich war mir sicher, dass mein Gespür richtig war, dass es auf Tatsachen beruhte, die man mir verschwiegen hatte.
Mrs McGarritt sagte, sie hätte gehört, meine Mutter sei nach meiner Geburt krank geworden und ins Krankenhaus gekommen. Dennis, der Assistent meines Vaters, sagte, sie sei uns »aus Gründen, die niemand nachvollziehen kann, genommen worden«. Mein Vater sagte nichts. Nur in einem waren sie sich einig: Meine Mutter verschwand nach meiner Geburt und wurde seitdem nicht mehr gesehen.
Eines Morgens saß ich nach dem Frühstück in der Bibliothek und lernte, als ich durch den üblichen Stärkegeruch hin durch etwas Süßliches roch. Mrs McGarritt hatte eine Schwäche dafür, besonders viel Wäschestärke zu benutzen, wenn sie meine Kleidung bügelte (und sie bügelte alles, was ich trug, außer meiner Unterwäsche). Sie benutzte dafür am liebsten eines dieser altmodischen Bügeleisen, die man auf dem Herd heiß machte.
Ich legte eine Pause ein und ging in die Küche, einen sechseckigen Raum, der apfelgrün gestrichen war. Mrs McGarritt bückte sich neben dem Eichentisch, auf dem Mehl und Schüsseln und Rührlöffel standen, und warf einen Blick in den Ofen. Sie wirkte wie eine Zwergin neben dem riesigen alten Herd – ein Garland mit sechs Gasflammen (auf einer köchelte stets ein Topf mit Stärke vor sich hin), zwei Backöfen, einem Bratrost und einer runden, beheizbaren Eisenplatte.
Ich sah ein Kochbuch mit vergilbten Seiten auf dem Tisch liegen, die aufgeschlagene Seite enthielt ein Rezept für Honigkuchen. Jemand hatte mit blauer Tinte drei Sternchen neben das Rezept gemalt und die Worte »schmeckt am besten mit unserem Lavendelhonig, der im Juli gewonnen wird« dazugeschrieben.
»Was haben die Sternchen zu bedeuten?«, fragte ich.
Mrs McGarritt ließ die Backofentür zufallen und drehte sich um. »Dass du mich immer so erschrecken musst, Ari«, sagte sie. »Ich hab dich gar nicht kommen hören.« Sie wischte ihre sauberen Hände an der mit Mehl bestäubten Schürze ab. »Die Sternchen? Ich glaube, damit hat deine Mutter die Rezepte bewertet. Vier Sternchen sind wohl die Bestnote.«
»Ist das die Handschrift meiner Mutter?« Sie war nach rechts geneigt und hatte gleichmäßige Rundungen und Schnörkel.
»Das ist ihr altes Kochbuch.« Mrs McGarritt begann, Löffel, Tassen und Schalen einzusammeln. Sie stellte sie in das Spülbecken. »Es gehört dir. Ich hätte es dir wohl schon längst geben sollen. Es stand immer in diesem Regal« – sie zeigte auf ein Wandregal neben dem Herd -, »seit ich hier arbeite.«
Das Rezept lautete wie folgt: eine halbe Tasse Mehl und Honig, drei Eier und verschiedene Gewürze. »Unser Lavendelhonig«, las ich laut vor. »Was ist das, Mrs McG (es ist lästig, ihren Namen ständig auszuschreiben, und außerdem habe ich sie sowieso immer so genannt)?«
Mrs McG hatte gerade den Wasserhahn aufgedreht, und als sie ihn wieder zudrehte, wiederholte ich meine Frage.
»Das ist Honig von Bienen, die sich ausschließlich von Lavendelblüten ernähren«, sagte sie, ohne sich vom Spülbecken umzudrehen. »Kennst du die Stelle draußen am Zaun, wo der Lavendel wächst?«
Ich kannte sie. Die gleichen Blüten waren auf der Tapete in dem Schlafzimmer im oberen Stockwerk abgebildet, das früher meinen Eltern gehört hatte. »Wie wird Honig gemacht?«, fragte ich.
Als Mrs McG anfing, viel zu laut mit dem Geschirr im Spülwasser zu klappern, war mir klar, dass sie es nicht wusste. »Frag deinen Vater, Ari«, sagte sie schließlich.
Als ich in die Bibliothek zurückging, zog ich das kleine Spiralnotizbuch hervor, das ich immer bei mir trug, und fügte der Fragenliste, die ich bereits für den Nachmittagsunterricht aufgestellt hatte, das Wort Honig hinzu.
Jeden Tag um ein Uhr kam mein Vater aus dem Kellergeschoss nach oben. Morgens arbeitete er in seinem Labor. Er führt ein biomedizinisches Forschungsunternehmen, das »Seradrone« heißt.
Er unterrichtete mich von eins bis fünf in der Bibliothek, dazwischen gab es zwei Pausen: eine für Yoga und Meditation und eine zweite für einen kleinen Imbiss. Manchmal wenn das Wetter gut war, ging ich in den Garten und streichelte Marmalade, die rotbraun getigerte Katze der Nachbarn, die sich gerne neben dem Lavendelbusch sonnte. Wenn ich wieder ins Haus zurückging, setzte ich mich zu meinem Vater in die Bibliothek, wo er seine Fachzeitschriften las. Einige waren naturwissenschaftlicher Art, andere literarischer; er hatte eine sonderbare Vorliebe für literaturwissenschaftliche Artikel über Schriftsteller aus dem neunzehnten Jahrhundert, besonders für Studien über Nathaniel Hawthorne und Edgar Allan Poe. Ich durfte alles lesen, was die Bibliothek zu bieten hatte, aber meistens suchte ich mir Märchenbücher aus.
Um fünf gingen wir in den Salon. Er setzte sich in den dunkelgrünen Ledersessel und ich in den niedrigen, mit dunkelrotem Samt bezogenen Sessel ohne Lehnen, der wie für mich gemacht war. Manchmal bat er mich, einen Briefumschlag für ihn zu öffnen; er sagte, es würde ihm schwerfallen, Dinge zu öffnen. Hinter uns befand sich ein Kamin, der, soweit ich wusste, noch nie benutzt worden war. Davor stand ein gläserner Feuerschirm, in den Schmetterlinge eingeschliffen waren. Ich trank Reismilch und er einen roten Cocktail, den er »Picardo« nannte. Er ließ ihn mich nie probieren, sagte »dafür bist du noch zu jung«. Irgendwie war ich damals immer für alles zu jung.
Hier eine Beschreibung meines Vaters: groß, ein Meter dreiundneunzig, breite Schultern und schmale Hüften, muskulöse Arme, wunderschöne Füße (wie schön, wurde mir erst später klar, als ich sah, wie hässlich die Füße der meisten Menschen sind). Geradlinige schwarze Brauen und tiefgrüne Augen, blasse Haut, eine lange gerade Nase, ein dünner Mund, dessen Oberlippe wie ein Bogen geschwungen ist und dessen Unterlippe sich in den Winkeln leicht nach unten neigt. Er hat seidiges schwarzes Haar, das aus der Stirn nach hinten fällt. Selbst als ich noch klein war, wusste ich instinktiv, dass mein Vater ein außerordentlich gut aussehender Mann ist. Er bewegte sich wie ein Tänzer, leichtfüßig und geschmeidig. Man hörte ihn weder kommen noch gehen, aber man spürte seine Anwesenheit, sobald er einen Raum betrat. Ich hatte das Gefühl, dass ich es auch mit verbundenen Augen und Ohren fühlen würde, wenn er da wäre; die Luft, die ihn umgab, war von einer schimmernden Greif barkeit.
»Wie wird Honig gemacht?«, fragte ich ihn an diesem Nachmittag.
Seine Augen weiteten sich. »Es fängt mit den Bienen an«, sagte er.
Und er erklärte mir die Honiggewinnung vom Nektar bis zur Wabe. »Die Arbeiterinnen sind unfruchtbare Weibchen«, sagte er. »Die Männchen sind weitgehend nutzlos. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, sich mit der Königin zu paaren. Sie leben nur ein paar Monate und dann sterben sie.« Es schien seinem Mund Mühe zu bereiten, das Wort »sterben« zu formen, als wäre es ein Wort aus einer fremden Sprache. Dann erzählte er mir, wie die Bienen tanzen, wenn sie zum Bienenstock zurückkehren: Seine Hände beschrieben Schlaufen und Kreise, und seine melodische Stimme verzauberte mich so, dass ich die tanzenden Bienen fast vor mir sehen konnte.
Als er bei den Bienenzüchtern angelangt war, stand er auf, ging zu einem der Bücherregale und kam mit einem Lexikon zurück. Er zeigte mir eine Abbildung von einem Mann mit Handschuhen, der einen Hut mit breiter Krempe und einen Schleier als Gesichtsschutz trug und ein Gerät mit einer Zerstäuberdüse in der Hand hielt, mit dem er den Bienenstock ausräucherte.
Jetzt hatte ich eine bildliche Vorstellung von meiner Mutter: eine Frau, die dicke Handschuhe anhatte und in einen langen Schleier gehüllt war. Aber das sagte ich meinem Vater nicht und ich fragte ihn auch nicht nach »unserem Lavendelhonig«. Er beantwortete grundsätzlich keine Fragen zu meiner Mutter. Für gewöhnlich wechselte er einfach das Thema, wenn die Sprache auf sie kam. Einmal sagte er, dass ihn solche Fragen traurig machten.
Ich fragte mich, wie Lavendelhonig wohl schmeckte. Der einzige Honig, den ich kannte, wurde aus Klee gewonnen, so stand es jedenfalls auf dem Etikett des Honigtopfs, und er beschwor den grünen Duft von Sommerwiesen hervor. Lavendel, so dachte ich, würde aromatischer, intensiver schmecken, blumig mit einer winzigen rauchigen Note vielleicht. Er würde veilchenblau schmecken – wie die Farbe des Zwielichts.

In der Welt meines Vaters besaß Zeit keine Bedeutung. Ich glaube, er hat nie auch nur einmal auf die Standuhr in der Bibliothek geschaut. Trotzdem lebte er nach einem festen Zeitplan – hauptsächlich meinetwegen, wie ich vermute. Jeden Abend leistete er mir Gesellschaft, wenn ich das Abendessen zu mir nahm, das Mrs McG mir gekocht und zum Warmhalten in den Ofen gestellt hatte: Makkaroni mit Käse oder Tofuauflauf oder vegetarisches Chili. Egal was es war, es war unten noch nicht richtig gar und oben verbrannt, schmeckte fade und gesund. Wenn ich aufgegessen hatte, ließ mein Vater mir ein Bad ein.
Als ich sieben wurde, ließ er mich allein, wenn ich mich wusch. Und er fragte mich, ob ich – da ich ja jetzt ein großes Mädchen sei – immer noch wolle, dass er mir vor dem Schlafengehen vorlas, und natürlich sagte ich Ja. Seine Stimme war wie Samt. Als ich sechs war, hatte er mir noch Plutarch und Plato vorgelesen, aber dann musste Dennis etwas zu ihm gesagt haben, denn danach las er mir aus Black Beauty, Heidi und Die Prinzessin und der Kobold vor.
Ich hatte meinen Vater gefragt, warum er nicht mit mir zu Abend aß, und er hatte geantwortet, er würde lieber später unten essen. Mit »unten« war das Kellergeschoss gemeint. Dort gab es eine zweite Küche (ich nannte sie die »Nachtküche«) mit zwei riesigen Öfen, das Labor, in dem mein Vater mit Dennis arbeitete, und drei Schlafzimmer, die ursprünglich für die Dienstboten gedacht waren. Ich ging nur selten ins Kellergeschoss; es war mir zwar nicht ausdrücklich verboten, aber manchmal war die Küchentür, die ins Kellergeschoss führte, verschlossen, und auch wenn sie es nicht war, wusste ich, dass man mich dort nicht haben wollte. Aber ich mochte sowieso nicht, wie es dort unten roch: Die beißenden Ausdünstungen der Chemikalien aus dem Labor vermischten sich mit dem Geruch von verdorbenem Essen aus der Nachtküche und dem Gestank heißen Metalls aus den Öfen. Da war mir der Geruch von Stärke eindeutig lieber. Außerdem war das Kellergeschoss das Reich der Köchin und Haushälterin meines Vaters, der grässlichen Mary Ellis Root, und immer wenn sie mich sah, blickte sie mich aus feindselig funkelnden Augen an.

»Und? Hat er dir geschmeckt?« Mrs McG meinte den Honigkuchen. Sie ging geschäftig um den Frühstückstisch herum und knetete ein Geschirrtuch in den Händen. Ihr Gesicht glänzte und ihre Brille hätte mal wieder geputzt werden müssen, aber ihr blitzsauberes, grün kariertes Schürzenkleid, das in der Taille gebunden wurde, war ordentlich gebügelt und gestärkt, sodass die Falten des Rocks steif aufsprangen.
»Sehr gut«, sagte ich – fast wahrheitsgemäß. Der Kuchen, von dem ich am Abend zuvor ein Stück zum Nachtisch gegessen hatte, hatte unglaublich intensiv geschmeckt; wäre er nur ein kleines bisschen kürzer im Ofen gewesen und die Backform etwas großzügiger eingefettet worden, wäre er wirklich köstlich gewesen.
»Wenn ich ihn zu Hause gebacken hätte, hätte ich Speck benutzt«, sagte sie. »Aber dein Vater ist ja so ein strikter Vegetarier.«
Plötzlich flog die Tür vom Kellergeschoss auf und Mary Ellis Root stürmte in die Küche.
»Was haben Sie dem Boten gesagt?«, fragte sie Mrs McG mit heiserer, leiser Stimme.
Mrs McG und ich starrten sie entgeistert an. Es sah ihr gar nicht ähnlich, sich bei uns oben blicken zu lassen, und wenn sie es gelegentlich doch tat, dann niemals so früh. Ihre schwarzen Haare waren statisch aufgeladen und ihre Augen funkelten, doch sie sah keine von uns direkt an. Sie hatte einen warzigen Leberfleck auf dem Kinn, aus dem drei lange schwarze Haare wuchsen; wenn sie sprach, zitterten sie leicht. Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre, sie ihr herauszureißen, aber bei dem Gedanken, diese Frau berühren zu müssen, wurde mir übel. Sie hatte ein unförmiges, speckig aussehendes schwarzes Kleid an, das nach Metall roch und ihren fülligen Körper nur mit Mühe verhüllte. Sie wuselte wie ein dicker Käfer durch die Küche – fahrig und allem gegenüber gleichgültig. Plötzlich blieb sie stehen und schlug mit ihrer feisten Faust auf den Tisch.
»Also, was ist? Ich warte auf eine Antwort. Es ist fast zehn und es war immer noch niemand hier.«
Der silberne Kurierwagen hielt zwei- oder dreimal die Woche vor unserem Haus, um Lieferungen zu bringen, die für die Forschungsarbeiten meines Vaters bestimmt waren, und flache weiße Kartons abzuholen, auf denen SERADRONE stand. Die Türen und Seiten des Lieferwagens waren mit dem Namen und Logo der Firma beschriftet: GREEN CROSS.
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, antwortete Mrs McG ruhig. Doch ihre linke Augenbraue und ihre rechte Hand zuckten.
Mary Ellis Root stieß einen tiefen Laut aus, der wie ein Knurren klang, und bahnte sich türenschlagend ihren Weg ins Kellergeschoss zurück, wobei sie einen leichten metallischen Geruch hinter sich zurückließ.
»Ich spreche nie mit dem Mann von Green Cross«, sagte Mrs McG zu mir.
Die Lieferungen wurden immer an der Hintertür abgegeben, die ins Kellergeschoss führte. An Mrs McGs Gesichtsausdruck war abzulesen, dass ihr die gute Laune innerhalb der letzten Minute verdorben worden war.
Ich stand vom Tisch auf, zog das Kochbuch meiner Mutter aus dem Regal und blätterte darin. »Sehen Sie mal«, sagte ich, um sie abzulenken. »Neben das hier hat sie vier Sternchen gemalt.«
Es war ein Rezept für ein Brot, das mit Käse und Honig gebacken wurde. Mrs McG spähte mit skeptischem Blick über meine Schulter. Ich lehnte mich ganz leicht zurück, um die Wärme ihres Körpers zu spüren, ohne sie dabei zu berühren. Näher würde ich einer Mutter wohl niemals kommen.

Ich nehme an, dass es seine Vorteile hatte, zu Hause unterrichtet zu werden. Ich musste mir keine Gedanken darüber machen, was ich zur Schule anzog oder wie ich Freundschaften schloss. In regelmäßigen Abständen musste ich staatliche Prüfungen ablegen und jedes Mal beantwortete ich alle Fragen richtig. Mein Vater hatte mein Gehirn mit Wissen über Geschichte, Mathematik und Literatur vollgestopft; ich konnte Latein und ein bisschen Griechisch, Französisch und Spanisch lesen, und mein englischer Wortschatz war so weit entwickelt, dass ich Mrs McG manchmal die Worte erklären musste, die ich benutzte. Ab und zu unterrichtete Dennis mich in naturwissenschaftlichen Fächern; er sagte, dass er früher ein paar Semester Medizin studiert hätte, dann jedoch auf Biologie umgesattelt habe, ein Fach, das er nun stundenweise am nahe gelegenen College unterrichtete. Aufgrund seiner Ausbildung war Dennis unser Haus- und Zahnarzt, außer wenn ich irgendetwas Ernsthaftes hatte, was bislang erst zwei- oder dreimal vorgekommen war; dann wurde Dr. Wilson gerufen. Aber von Dennis bekamen mein Vater und ich Schutzimpfungen und wurden einmal im Jahr gründlich untersucht. Glücklicherweise hatte ich gute Zähne.
Dennis brachte mir im Schwimmbecken des Colleges das Schwimmen bei und war außerdem mein Freund. Er war der einzige Mensch in unserem Haus, der gern lachte und mich zum Lachen brachte. (Mrs McG war zu nervös, um richtig zu lachen, sie lächelte nur, und selbst dann war es ein nervöses Lächeln.) Dennis hatte wellige dunkelrote Haare, die er sich ungefähr einmal im Monat schneiden ließ; dazwischen wuchsen sie ihm fast bis auf die Schultern. Seine sommersprossige Nase war gebogen wie der Schnabel eines Falken. Er war fast so groß wie mein Vater, ein Meter neunzig, aber kräftiger. Und er war auf brausend; er ließ keine Gelegenheit aus, Mary Ellis Root die Meinung zu sagen, wenn sie besonders unhöflich oder grob gewesen war, und das machte ihn zu meinem Helden.
Dennis war es auch, der mich eines Nachmittags im Spätwinter, als ich zwölf war, »auf klärte«. Die Fragen, die ich ihm stellte, ließen ihn rot werden, aber er beantwortete sie alle. Als mir keine Fragen mehr einfielen, wuschelte er mir durch die Haare und ging wieder nach unten. Danach stellte ich mich vor den Badezimmerspiegel und betrachtete mich. Schwarze Haare wie mein Vater, blaue Augen, helle Haut. Und ein eigensinniger Ausdruck im Gesicht.
Später an diesem Nachmittag beobachtete ich, wie die Eiszapfen, die wie eine Markise außen an den Fenstern des Salons hingen, ganz langsam Tropfen für Tropfen schmolzen. Monatelang hatten die Tage nur eine einzige Farbe gekannt: grau. Jetzt beobachtete ich die ersten Anzeichen einer sich ankündigenden neuen Jahreszeit.
Draußen, in der Einfahrt, stand mein Vater. Er schien mit sich selbst zu sprechen. Es kam immer wieder mal vor, dass ich sah, wie er dort stand, nichts um sich herum wahrnahm und tief in ein Gespräch mit niemandem versunken war.
Einmal fragte mich Mrs McG, ob ich einsam sei, und ich hatte keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte. Ich wusste aus Büchern, dass Menschen Freunde hatten, Kinder Spielkameraden. Aber ich hatte meinen Vater und Dennis und Mrs McG (und Mary Ellis Root – leider) und alle Bücher, die ich wollte. Also antwortete ich nach einer kurzen Denkpause, nein, ich sei nicht einsam.
Was Mrs McG aber anscheinend nicht überzeugte. Ich hörte nämlich, wie sie mit Dennis darüber sprach, dass ich auch mal »aus dem Haus« müsse. »Ich weiß, wie sehr er sie liebt«, fuhr sie fort, »aber es ist nicht gut, sie zu sehr zu behüten.«
Bald darauf fand ich mich eines verregneten Nachmittags in Mrs McGs Auto wieder. Ich sollte bei ihr zu Hause zu Abend essen, ihre Familie kennenlernen und wieder nach Hause gefahren werden, bevor ich um zehn ins Bett musste.
Es regnete so stark, dass die Scheibenwischer kaum gegen dieWasserflut ankamen, die gegen die Windschutzscheibe prasselte. Ich weiß noch, wie fest Mrs McGs Hände das Lenkrad umklammerten. Und ich erinnere mich an die Stille, wenn das Auto unter einer Unterführung hindurchfuhr – ich staunte darüber, wie plötzlich die Dinge von einem Zustand in den nächsten wechseln konnten und umgekehrt.
Ob ich aufgeregt war? Eher ängstlich. Ich verließ das Haus selten, nur um zu den regelmäßigen Prüfungen in der öffentlichen Schule gefahren zu werden. An diesem Tag hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Mein Vater hatte mir gesagt, ich hätte ein schwaches Immunsystem, genau wie er, weshalb es besser für uns sei, uns von Menschenmengen fernzuhalten. Ich war ein kleines, zerbrechlich aussehendes Kind gewesen, aber jetzt mit zwölf fühlte ich mich robuster, und auch meine Neugier auf die Welt war gewachsen.
Das hieß nicht, dass ich nicht »weltgewandt« war. Ich hatte viel gelesen; ich war »aufgeklärt«. Aber nichts hatte mich auf Mrs McGs Haus vorbereitet.
Sie wohnte im Süden von Saratoga Springs. Das Haus war weiß – oder war es vor langer Zeit einmal gewesen. Die Witterung hatte die Farbe abgetragen und das Haus sah ein bisschen schäbig aus.
Von dem Feuerwerk aus Geräuschen, Farben und Gerüchen in seinem Inneren wurde mir schwindelig. Das Haus roch nach Menschen. Berge von Schuhen und Stiefeln aller Größen türmten sich neben der Eingangstür und waren von kleinen Pfützen geschmolzenen Schnees umgeben. Feuchte Mäntel und Schneeanzüge hingen an Haken, und der Geruch von Schweiß und nasser Wolle vermischte sich mit dem Duft von heißer Schokolade, Toast und etwas, das ich nicht bestimmen konnte, das sich aber kurz darauf als nasser Hund herausstellte.
Mrs McG führte mich durch den Flur in die Küche. Dort saßen, rechts und links eines ramponierten Tisches, ihre Kinder. Ein etwa sechs Jahre alter Junge hörte kurz auf, eine seiner Schwestern anzuspucken, um »Wir haben Besuch!« zu rufen.
Die anderen starrten mich an. Ein großer gelber Hund stürmte auf mich zu und drückte seine nasse Schnauze gegen mein Bein.
»Hi.« Das kam von einem der älteren Jungs. Er war dunkelhaarig und trug ein kariertes Hemd.
»Wer bist du denn?« Ein kleines Mädchen mit grünen Augen sah zu mir auf.
Ein größeres Mädchen warf ihren langen rötlichen Zopf über die Schulter und stand auf. Sie lächelte. »Das ist Ari«, sagte sie zu den anderen. »Ich bin Kathleen«, sagte sie zu mir. »Mom hat uns erzählt, dass du kommst.«
»Setz dich hier hin.« Das Mädchen mit den grünen Augen zog neben sich einen Stuhl an den Tisch.
Ich setzte mich. Sie waren insgesamt zehn, hatten helle Augen und gerötete Wangen und sahen mich neugierig an. Der Hund rollte sich zu meinen Füßen unter dem Tisch zusammen.
Kathleen stellte mir einen Becher Kakao hin, in dem ein gro ßer Marshmallow schmolz. Jemand anderes reichte mir einen Teller, auf dem eine mit Zimt und Butter beschmierte Scheibe Toast lag. Ich nahm einen Schluck Kakao und biss von dem Toast ab. »Es schmeckt köstlich«, sagte ich, was sie zu freuen schien.
»Lass dir Zeit und gewöhn dich erst mal ein«, sagte Mrs McG. »Du kannst später versuchen, ihre Namen zu lernen. Es sind zu viele, um sie sich alle auf einmal zu merken.«
»Sogar Mom vergisst sie manchmal«, sagte Kathleen. »Sie nennt uns dann einfach ›Mädchen‹ oder ›Junge‹.«
»Fährst du gerne Schlitten?«, fragte ein anderer dunkelhaariger Junge.
»Ich bin noch nie Schlitten gefahren«, sagte ich und leckte mir den Marshmallow-Schaum von den Lippen.
»Noch nie Schlitten gefahren?«, fragte er ungläubig.
»Miss Ari ist nicht viel draußen«, erklärte Mrs McG. »Sie ist nicht so ein Rabauke wie ihr.«
»Ich bin kein Rabauke«, sagte das Mädchen mit den grünen Augen. Sie hatte eine kleine Nase, auf der zwei Sommersprossen leuchteten. »Ich bin zu zierlich, um ein Rabauke zu sein.«
»Zierlich!«, trompeteten ein paar der anderen spöttisch.
»Bridget ist dick, nicht zierlich. Dick wie ein Ferkel«, sagte der ältere Junge. »Ich heiße Michael«, sagte er, ohne Bridget zu beachten, die empört protestierte.
»Wenn Michael sich abends ins Bett legt, liegt er immer da wie ein Soldat«, sagte Kathleen. Sie stellte sich stramm und aufrecht hin und presste die Hände an die Seiten. »So schläft er. Und bewegt sich keinen Zentimeter. Die ganze Nacht nicht.«
»Im Gegensatz zu Kathleen«, sagte Michael. »Sie stram pelt die ganzen Decken weg und dann wacht sie bibbernd auf.«
Sie schienen unglaublich fasziniert voneinander zu sein. Immer wieder mischte sich jemand ein, um zu erzählen, dass der eine vor Morgengrauen aufwachte oder der andere im Schlaf redete. Ich aß meinen Toast, trank meinen Kakao und hörte ihnen zu, als wären sie weit entfernte Vögel.
»Alles okay?« Das war Kathleens Stimme ganz dicht an meinem Ohr.
»Ja, danke.«
»Wir sind ein lauter Haufen. Mom sagt, wir sind schlimmer als eine Horde Affen.« Kathleen schleuderte wieder ihren Zopf nach hinten. Er hatte eine ganz eigene Art, immer wieder über ihre Schulter zurückzukriechen, egal wie energisch sie ihn nach hinten warf. Sie hatte ein schmales, ziemlich gewöhnliches Gesicht, aber wenn sie lächelte, blitzten Grübchen auf. »Bist du dreizehn?«
»Zwölf«, sagte ich. »Im Sommer werde ich dreizehn.«
»Wann hast du Geburtstag?«
Die anderen schlenderten nach und nach aus der Küche und schließlich blieben nur noch Kathleen und ich am Tisch übrig. Sie redete über Tiere und Kleider und Fernsehsendungen, Dinge, über die ich nicht besonders viel wusste – und wenn, dann nur aus Büchern.
»Ziehst du dich immer so an?« In ihrer Frage lag nichts Gehässiges.
Ich sah auf meine weiße gestärkte Bluse und die weite schwarze Hose hinunter. »Ja.« Ich hätte gern »Daran ist deine Mutter schuld. Sie kauft mir meine Kleider« hinzugefügt.
Zu Mrs McGs Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass sie mir nicht immer so langweilige Sachen gekauft hat. Einmal, als ich noch ziemlich klein war, vielleicht zwei oder drei, brachte sie mir einen bunten Spielanzug mit rot-grün-blauem Paisley-Muster mit. Als mein Vater mich darin sah, zuckte er zusammen und bat sie, ihn mir sofort auszuziehen.
Kathleen trug eine enge Jeans und ein violettes T-Shirt. Ich fragte mich, warum ihre Sachen nicht gestärkt waren.
»Mom sagte, dass du ein bisschen Farbe in deinem Leben brauchst.« Kathleen stand auf. »Komm mit, ich zeig dir mein Zimmer.«
Auf dem Weg in Kathleens Zimmer kamen wir an einem vollgestopften Raum vorbei, an dessen einer Wand ein riesiges Fernsehgerät hing. »Das ist der Flachbildfernseher, den Dad uns zu Weihnachten geschenkt hat«, sagte Kathleen.
Die McGarritts hatten sich auf zwei Sofas und bunt zusammengewürfelte Sessel gequetscht oder lagen auf Kissen auf dem Boden; alle Augen waren auf den Bildschirm gerichtet, auf dem eine merkwürdige Kreatur zu sehen war.
»Was ist das?«, fragte ich Kathleen.
»Ein Außerirdischer«, sagte sie. »Michael schaut am liebsten den Science-Fiction-Kanal.«
Ich sagte ihr nicht, dass ich noch nie zuvor einen Fernseher gesehen hatte. Ich sagte: »Ray Bradbury schreibt über Außerirdische.«
»Nie von ihm gehört.« Sie ging eine Treppe hinauf und ich folgte ihr. Sie öffnete die Tür zu einem Zimmer, das kaum grö ßer war als mein Schlafzimmerschrank. »Komm rein«, sagte sie.
Das Zimmer war voll mit Sachen: ein Hochbett, zwei kleine Kommoden, ein Schreibtisch und ein normaler Tisch, ein flauschiger roter Läufer, der mit Schuhen übersät war. Es gab keine Fenster und die Wände waren mit Postern und aus Zeitschriften ausgeschnittenen Bildern zugepflastert. Aus einer schwarzen Anlage auf einer der Kommoden dröhnte Musik; daneben lagen CD-Hüllen, aber keine, die ich kannte; zu Hause hörten wir meistens klassische Musik, Symphonien und Opern.
»Welche Musik hörst du gerne?«, fragte ich.
»Punk, Pop und Rock. Das da sind die Cankers.« Sie zeigte auf ein Poster über dem Schreibtisch: ein langhaariger Mann in Schwarz, der aussah, als würde er die Zähne fletschen. »Ich steh total auf die. Und du?«
»Ich hab noch nie von ihnen gehört«, sagte ich.
Sie sah mich kurz an und sagte dann: »Ach, das macht nichts. Ich glaube, es stimmt, was Mom gesagt hat, oder? Dass du ein sehr behütetes Leben geführt hast?«
Ich sagte, dass diese Beschreibung ziemlich treffend sei.
Während meines ersten Besuchs im Haus der McGarritts hatte ich zeitweise das Gefühl, er würde niemals enden, aber als wir wieder nach Hause fuhren, schien er nur Minuten gedauert zu haben. Ich war überwältigt. Fast alles, was ich bei ihnen erlebt oder gesehen hatte, war mir neu. Mr McGarritt, ein großer, rundlicher Mann mit einem großen, kahlen Kopf, war zum Abendessen nach Hause gekommen; es gab Spaghetti, und Mrs McG machte extra für mich eine Soße ohne Fleisch, die überraschend gut schmeckte.
Alle saßen dicht gedrängt um den langen Tisch herum und aßen, redeten und fielen sich gegenseitig ins Wort; die jüngeren Kinder unterhielten sich über die Schule und besonders über einen Jungen namens Ford, der sie ständig tyrannisierte; Michael schwor, er würde sich Ford bei nächster Gelegenheit mal vorknöpfen; seine Mutter erwiderte, dass er das schön bleiben lassen würde; sein Vater sagte, jetzt sei es aber genug, und der gelbe Hund (sie nannten ihn Wally, die Abkürzung von Wal-Mart, in dessen Nähe er gefunden wurde) jaulte laut auf. Alle lachten, sogar Mr und Mrs McG.
»Sag mal, stimmt es, dass du nicht in die Schule gehst?«, fragte Bridget mich. Sie war als Erste mit dem Essen fertig.
Ich nickte nur, weil ich den Mund voll hatte.
»Du Glückliche«, seufzte Bridget.
Ich schluckte. »Gehst du nicht gern in die Schule?«
Sie schüttelte den Kopf. »Die lachen dort über uns.«
Es wurde kurz ruhig am Tisch. Ich drehte mich zu Kathleen um, die neben mir saß, und flüsterte: »Stimmt das?«
Kathleens Gesichtsausdruck war schwer zu deuten; sie wirkte gleichzeitig wütend und verlegen. »Ja«, sagte sie leise. »Wir sind die Einzigen, die keinen Computer und keine Handys haben.« Dann sagte sie mit lauter Stimme: »Die Reichen machen sich über alle lustig, die das Schulgeld finanziert bekommen. Nicht nur über uns.«
Mrs McG stand auf und begann, die Teller abzuräumen, und alle fingen wieder zu reden an.
Ihre Art, sich miteinander zu unterhalten, war völlig anders als zu Hause. Die McGarritts unterbrachen und widersprachen sich, sie lachten laut und redeten mit vollem Mund und niemanden schien das zu stören. Bei uns zu Hause wurden Sätze immer zu Ende gesprochen; die Gespräche zwischen meinem Vater und mir waren vernünftig, durchdacht und folgten einem gleichmäßigen Tempo; sie verliefen in hegelianischer Dialektik und unter Einbeziehung sämtlicher Möglichkeiten, bevor wir dann zu einer Synthese gelangten. Als Mrs McG mich an diesem Abend nach Hause fuhr, wurde mir klar, dass bei mir zu Hause eigentlich nie herumgealbert wurde.
Nachdem ich mich bedankt hatte und ins Haus gegangen war, fand ich meinen Vater in seinem Sessel neben dem Kamin, wo er auf mich wartete und dabei eine Fachzeitschrift las. »Wie war dein Ausflug?« Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, sodass seine Augen im Schatten lagen.
Ich dachte an alles, was ich gesehen und gehört hatte, und fragte mich, wie ich das in Worte fassen sollte. »Es war sehr schön«, sagte ich vorsichtig.
Mein Vater zuckte zusammen. »Dein Gesicht ist gerötet«, sagte er. »Zeit für dich, ins Bett zu gehen.«
Kathleen hatte mich zum Abschied spontan umarmt. Ich malte mir aus, wie es wäre, meinem Vater eine Gute-Nacht-Umarmung zu geben. Schon der Gedanke daran war absurd.
»Gute Nacht«, sagte ich. Ich hatte noch immer meinen Mantel an, als ich nach oben ging.
Früh am nächsten Morgen wurde ich von irgendetwas geweckt. Noch halb im Schlaf, taumelte ich aus dem Bett und tappte zum Fenster.
Plötzlich ertönte ein Geräusch – ein schrilles Heulen -, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Es schien vom Garten hinter dem Haus zu kommen. Schon etwas wacher ging ich zum anderen Fenster, das auf den Garten hinausging. Ich blickte hinunter, sah jedoch nichts außer dem schwachen Leuchten des Schnees im Dunkeln.
Das Geräusch war weg. Kurz darauf hörte ich einen dumpfen Aufschlag, als wäre irgendetwas gegen das Haus geflogen. Eine schemenhafte Gestalt bewegte sich vom Garten Richtung Straße. Ich folgte ihr mit den Augen. War das mein Vater?
Ich muss wieder eingeschlafen sein, denn das Nächste, was ich hörte, waren die Schreie von Mrs McG. Im Zimmer war es hell. Ich rannte die Treppe hinunter.
Sie stand in ihrem Wintermantel (mit Fuchskragenimitat) und einer falschen Nerzmütze vor dem Haus und zitterte. Sie schien in sich zusammenzusinken, als sie mich sah. »Schau nicht hin, Ari«, sagte sie.
Aber ich hatte schon gesehen, dass Marmalade auf den Stufen lag. Der Schnee neben ihr war blutgetränkt.
»Die arme Katze«, sagte Mrs McG. »Das arme unschuldige Ding. Wer ist nur zu so etwas fähig?«
»Geh wieder ins Haus«, zischte Mary Ellis Root, die plötzlich hinter mir stand. Sie packte mich an den Schultern, drehte mich um und schob mich durch den Flur vor die Küche. Dann rauschte sie an mir vorbei und schloss fest die Küchentür hinter sich.
Ich wartete ein paar Sekunden und riss die Tür dann auf. Die Küche war leer. Ich ging zum Fenster neben der Hintertür und sah, wie Root draußen die Katze auf hob. Marmalades Körper war steif; ihr Genick war gebrochen und beim Anblick ihres weit auseinanderklaffenden Kiefers hätte ich am liebsten geschrien.
Root trug die tote Katze am Fenster vorbei, und als sie an mir vorbeikam, sah ich ihr Gesicht. Ihre fleischigen Lippen hatten sich zu einem kleinen Lächeln verzogen.
Ich erzählte Mrs McG nie von der verschwommenen Gestalt, die ich an diesem Morgen gesehen hatte. Irgendwie wusste ich, dass ich damit alles nur noch schlimmer gemacht hätte.
Als ich später in der Küche auf meinen Vater wartete, um mit dem Unterricht zu beginnen, hörte ich von unten Stimmen.
»Ich gratuliere«, sagte Root.
Die Stimme meines Vaters sagte: »Aha. Und wozu?«
»Dazu, dass Sie Ihre wahre Natur gezeigt haben.« Ihre Stimme troff vor Genugtuung, und sie fügte hinzu: »Die Katze habe ich begraben.«
Ich rannte in den Salon, um nicht noch mehr hören zu müssen.
Zweites Kapitel
In dem Jahr, in dem ich dreizehn wurde, erfuhr ich, dass fast alles, was ich über meinen Vater wusste, eine Lüge war. Er litt gar nicht an einer Krankheit, die Lupus hieß. Er war kein Vegetarier. Und er hatte nie gewollt, dass ich auf die Welt komme.
Allerdings enthüllte sich mir die Wahrheit nur schrittweise und nicht als plötzliche, schockierende Offenbarung – was mir viel, viel lieber gewesen wäre. Das ist das Schwierige, wenn man über sein Leben schreibt: Irgendwie muss man mit den langen belanglosen Abschnitten klarkommen.
Glücklicherweise finden die meisten davon im ersten Kapitel statt. Meine gesamte Kindheit war so unglaublich ereignislos, dass ich, wenn ich zurückblicke, das Gefühl habe, sie schlafwandelnd durchlebt zu haben. Jetzt möchte ich mehr zu den wachen Momenten kommen, in die Echtzeit meines dreizehnten Lebensjahrs und dem, was folgte.
Es war das erste Jahr, in dem ich meinen Geburtstag rich tig feierte. In den Jahren zuvor hatte ich von meinem Vater beim Abendessen ein Geschenk bekommen und Mrs McG hatte mir einen halb garen Kuchen mit triefender Glasur gebacken. So war es zwar auch in diesem Jahr, aber Mrs McG nahm mich außerdem am 16. Juli, am Tag nach meinem Geburtstag, wieder mit zu sich nach Hause. Ich sollte dort zu Abend essen und auch die Nacht verbringen: noch eine Premiere für mich. Ich hatte noch nie woanders geschlafen.
Vom Wohnzimmer aus hatte ich zufällig mitbekommen, wie mein Vater mit Mrs McG diskutierte. Er war nicht überzeugt davon, dass es eine gute Idee war, mich in einem fremden Haus übernachten zu lassen.
»Das Kind braucht Freunde«, sagte Mrs McG. »Ich glaube, sie grübelt immer noch über den Tod der Nachbarskatze nach. Sie braucht Ablenkung.«
»Ari ist zerbrechlich, Mrs McGarritt«, sagte mein Vater. »Sie ist nicht wie andere Kinder.«
»Sie ist überbehütet«, sagte Mrs McG mit einer Entschiedenheit, die ich ihr nicht zugetraut hätte.
»Sie ist verletzlich.« Die Stimme meines Vaters war leise, aber streng. »Ich kann nur hoffen, dass sie mein Gebrechen nicht geerbt hat, aber mit Sicherheit ausschließen können wir es nicht.«
»Daran habe ich nicht gedacht«, sagte Mrs McG zerknirscht. »Tut mir leid.«
Nach einer Pause sagte mein Vater: »Ich erlaube Ari, über Nacht wegzubleiben, wenn Sie mir versprechen, dass Sie auf sie aufpassen und sie sofort nach Hause bringen, falls irgendetwas sein sollte.«
Mrs McG versprach es. Ich schloss leise die Salontür und fragte mich, worüber mein Vater so besorgt war. In seiner übertriebenen Fürsorge erinnerte er mich an den Vater der Prinzessin aus Die Prinzessin und der Kobold, der in der ständigen Angst lebt, seine Tochter könne von bestialischen Kreaturen entführt werden, die sich nachts in ihr Zimmer schleichen.
Michael hatte laute Rockmusik laufen, als wir ankamen, und Mrs McGs erste Worte waren: »Stell das leiser!« Kathleen tänzelte die Treppe herunter, um mich zu begrüßen. Sie hatte immer noch ihre Schuluniform an: einen dunkelgrün karierten Pullunder über einer kurzärmeligen weißen Bluse, weiße Kniestrümpfe und Collegeschuhe. Sie musste die Sommerschule besuchen, weil sie in Geschichte durchgefallen war.
»Sieh an, sieh an!«, sagte sie anerkennend.
Ich hatte das neue Outfit an, das ich mir zum Geburtstag gewünscht hatte: ein hellblaues T-Shirt und eine dazu passende Cordjeans; beides saß enger als die Sachen, die ich sonst trug. Und ich hatte mir die Haare wachsen lassen, die bisher immer von Dennis zu einem kinnlangen Bob geschnitten worden waren.
»Wie findest du mich?«
»Sexy«, sagte sie, und ihre Mutter sagte: »Kathleen!«
Doch dann kam Michael ins Zimmer, und ich wusste, dass sie nicht gelogen hatte. Als er mich sah, ließ er sich in gespielter Ohnmacht rückwärts aufs Sofa fallen.
»Ignorier ihn einfach«, sagte Kathleen. »Komm mit nach oben, ich muss mich noch umziehen.«
Ich lag auf Kathleens Bett, während sie sich eine Jeans und ein T-Shirt anzog. Sie rollte ihre Schuluniform zu einem Bündel zusammen, das sie mit einem Tritt in eine Ecke beförderte. »Die Sachen haben meiner Schwester Maureen gehört«, erzählte sie mir. Maureen war die Älteste der Geschwister, und ich sah sie nur selten, weil sie auf das Wirtschafts-College in Albany ging.
»Wer weiß, wer sie vor ihr getragen hat? Ich wasche sie jeden zweiten Tag und trotzdem riechen sie immer noch so komisch.« Kathleen verzog das Gesicht.