Inhaltsverzeichnis
Buch
Es gibt Ratgeber über den Frust der Singlefrau, und es gibt traumhafte Liebesgeschichten. Aber bisher gab es kein Buch über die Phase, in der die Liebe laufen lernt. »90 Tage auf Bewährung« fängt da an, wo der Kinofilm aufhört. Versehen mit witzigen Tipps, schildert Kim Fisher in humorvoll-anekdotenhaften Kapiteln ihre eigenen Erfahrungen und die ihrer Freundinnen. Aber auch der eine oder andere Mann kommt zu Wort.
Was kann in den ersten drei Monaten einer Beziehung alles schief gehen? Vielleicht die Reaktion des Mannes, wenn er nach der ersten Nacht die ungeschminkte, verquollene und zerrupfte Schönheit der Frau sieht? Was könnte unangenehm werden? Die erste WC-Benutzung in einer kleinen, hellhörigen Wohnung? Was fällt einer Frau an sich selbst auf? Dass sie plötzlich eine Oktave höher spricht und alberne, niedliche Endungen an die Wörter hängt? Und was fällt einer Frau an ihrem neuen Partner auf? Hat er gestern wirklich auch schon derart laut geschnarcht? In »90 Tage auf Bewährung« erfahren wir auf witzige, nicht selten frivolfreche Weise alles über die kribbelnde Zeit, in der die Weichen einer neuen Beziehung gestellt werden.
Autorin
Kim Fisher ist eine der bekanntesten Moderatorinnen Deutschlands. Und eine der neugierigsten. Zusammen mit Jörg Kachelmann und Jan Hofer befragte sie beim »Riverboat« (MDR) in acht Jahren 1.287 Talkgäste, nichts Menschliches ist ihr seitdem fremd. Sie bewies bei der Co-Moderation des Wissensshow-Klassikers »Die große Knoff-Hoff-Show« (ZDF), dass auch trockene Sachverhalte unterhaltsam präsentiert werden können. Gerne amüsiert sie sich und ihr Publikum bei diversen Ausflügen in die Comedywelt, wie z. B. bei »Genial daneben« (SAT1). Neben der Moderation ist das Singen ihre große Leidenschaft, z. B. als Hauptdarstellerin in Europas größtem Revuetheater, dem Berliner Friedrichstadtpalast. Außerdem war sie regelmäßiger Gast bei Ralph Morgensterns »Blond am Freitag« (ZDF), Deutschlands kultigster Klatschsendung. Mehr unter
Mein Freund, meine Mutter und meine Analytikerin sind frei erfunden.
Vielen Dank, Martina Conradt, für deine Geduld und danke, Karin Kuschik, für die Idee zum Titel des Buches
Vorwort
Warum, wieso, weshalb
Ich war nackt. Er noch nicht ganz. Und wenn mein Hund (Ella, damals zwölf Wochen alt, ein Mopsmädchen) ihn vier Wochen zuvor nicht angepinkelt hätte, hätten wir beide mehr an. Ich definitiv! Zumindest Pyjama, Bademantel, Socken und eine Maske im Gesicht. Ich läge wahrscheinlich mit Würstchen aus dem Glas auf der Couch, und mit einer Freundin am Handy würde ich stumpf eine so genannte Romantikkomödie auf Sat1 verfolgen. Immer das Gleiche: Blonde Hauptdarstellerin, leicht verhuscht, ungerechterweise vor riesigen Problemen stehend. Gegelter Held, verantwortlich für den ganzen Mist, löst all diese Probleme, gewinnt dadurch ihre Liebe. Nach anderthalb Stunden wäre mein Ausflug in die große Gefühlswelt der Liebe hart und unbarmherzig beendet worden. Der erlösende Kuss, Happyend und – Werbung: Zahnpasta oder Nudelgerichte für die ganze Familie.
Warum eigentlich hören diese Filme immer dann auf, wenn es erst wirklich interessant wird? Es gibt Ratgeber über den Frust der Single-Frauen, und es gibt traumhafte Liebesgeschichten. Aber es gibt kein Buch über die Zeit, in der die Liebe laufen lernt...
Genau jetzt hätte ich so eine Anleitung aber wirklich gut gebrauchen können. So als eine Art »how to do« – wie stelle ich mich in den ersten Tagen als plötzlich neues Mitglied einer Beziehung an? Wie gebe ich mich möglichst natürlich? Ohne Verklemmung, Verkrampfung, Verspannung? Die ersten drei Monate einer neuen Beziehung sind für viele Frauen die schönsten Momente. Aber für eine nervöse Frau wie mich sind diese Monate die stressigste Zeit ihres Lebens!
Es war schon immer so. Schon in der Schule. Meine Mutter fragte sich stets besorgt, was für ein Mann-Frau-Bild mir meine Eltern vorgelebt haben müssen, dass ich kurz vor einem Date lieber auf’m Klo geblieben wäre, als mich mit Michael Z. an der Bushaltestelle gegenüber von C&A zu treffen. Ich konnte tagelang nichts essen, weil ich einfach keine Zeit dafür hatte. Schließlich musste ich überlegen, was ich anziehen sollte. Und machen wir uns nichts vor, in den Achtzigern sah man einfach scheiße aus. Als Pubertierende schon mal sowieso. Stulpen über Röhrenjeans, Pullover Größe XXL und gebatikte Tücher eng um den Hals gewürgt. Wo blieb da eigentlich die zarte, aufkeimende Sinnlichkeit auf dem Weg vom Mädchen zur Frau? Bei mir blieb sie in der Dauerwelle oder in meinen Blechohrringen stecken, die als Stoppschild in meinen entzündeten Ohrläppchen hingen. Kein H&M, kein Mango, keine Zara. Stattdessen Jean Pascal, Witboy und C&A. Genau.
Auf gar keinen Fall durfte ich jetzt an Michael Z. denken. Hier ging es nicht um den ersten Kuss mit Zahnspange, in der noch Teile vom Negerkussbrötchen hingen, hier ging es um die erste Nacht. Um meine Zukunft. Und um die von Ella. Wird er es sein, der ihr morgens das trockene, langweilige Futter mit den Worten »Danke, du Pissflitsche, für damals« in den Blechnapf wirft?
Werde ich ihm jemals anvertrauen, wie wenig authentisch ich war? Wie raffiniert ich an den Dingen und Situationen geschraubt habe, die ihm dann so wahnsinnig natürlich erscheinen sollten? Wenn ich allein an die Vorbereitungen in meiner Wohnung vor seiner ersten Nacht bei mir denke …
Wie bereiten Sie sich vor? Gehören Sie zu den lässigen Frauen, die jetzt über mich lachen, weil sie jederzeit überraschend Besuch bekommen können? Deren Wohnung immer die jeweils richtige Atmosphäre ausstrahlt? Lichtstimmung, Wahl der Musik, Fülle des Kühlschranks, alles unter Kontrolle? Klopapier, frische Handtücher, richtige Temperatur für die richtigen Getränke? Alles im Griff?
Ehrlich gesagt, gehöre ich da wohl eher zu den verhuschten blonden Protagonistinnen einer Romantikkomödie. Verwirrt und bereit für jede peinliche Situation.
1. Monat
Die erste Nacht
Ich war perfekt getarnt. Die Jacke saß, die Hose hatte ein Vermögen gekostet, na ja, und die Unterwäsche... Aber so weit waren wir nicht. Noch nicht. Ich hoffte, er würde mich nicht gleich ausziehen. Das Bild war einfach zu perfekt. Ich trug sogar sündhaft teure, halterlose Strümpfe.
Wir küssten uns. Mir brach der Schweiß aus: Allerdings nur vordergründig aus Leidenschaft. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie kann verdammt noch mal eine einzige blöde kleine Kerze sooo viel Licht machen? Ein bisschen weiter noch, und die Tarnung würde fallen. Ich dachte an meine Oberweite – 80 C. Ich dachte an die Erdanziehungskraft, und er fummelte an meinem BH-Verschluss. Hoffentlich kannte er diesen Mechanismus nicht so genau. Doch, tat er. Er löste den Verschluss, und ich verkrampfte mich sofort. Meine Arme schlangen sich wie in einem Fünfzigerjahrefilm, einem schlechten wohlgemerkt, um meine Oberweite, ich grinste schwachsinnig und hatte Kopfkino. Und er? Er bemerkte nichts von meiner Mühe, so zu tun, als handelte es sich in Wirklichkeit um eine 75-B-Situation...
Meine Damen, machen wir uns nichts vor: Keine Frau mit einem natürlichen C-Körbchen, das nicht silikonverstärkt ist, zieht sich gerne und einfach so das erste Mal vor einem Mann aus. Ich korrigiere. Keine, außer Ronja. Die einzige Frau in meinem Freundeskreis, die nichts mit einem BH anzufangen weiß. Sie scheint auf wundersame Weise die Gesetze der Schwerkraft besiegt zu haben, und durch einen teuflischen Pakt wachsen ihre Brüste sogar regelrecht der Sonne entgegen. Ja, es gibt sie, die One-Million-Dollar-Chance. Aber zurück zu mir.
Also, was tun? Sich gleich aufs Bett werfen, weil die Brüste im Liegen irgendwie schöner aussehen? Die Arme hochreißen, weil – also bitte, machen die im »Playboy« doch auch, wenn’s schon ein bisschen hängt. Frau könnte auch das Laken vom Bett ziehen und sich kunstvoll umhüllen. Wäre sowieso besser für alles, was jetzt folgen sollte und noch ausgepackt werden musste. Ich war im Stress. Von wegen »fallen lassen« und so. Wahrscheinlich dachte er, ich hyperventilierte seinetwegen. Dabei ging’s hier gerade wirklich nur um mich! Okay, der BH war gefallen, ich lebte noch, und er war auch noch da!
Jetzt die Jeans. Schlimm. Ich dachte an die Schokolade, die vielen nicht gelaufenen Joggingrunden und meine Cellulite. Kennen Sie das? In Jeans okay – und dann? Wäre ich jetzt immer noch Single, wäre es mir – mit Verlaub – scheißegal. Aber auf einmal änderte sich alles!
Und ziehen Sie mal erotisch eine Jeans aus, die eine Nummer zu klein (die dürre Verkäuferin meinte, kleiner sei knackiger!) und einfach so eng ist, dass jede Eleganz auf der Strecke bleibt. Er würde sie nicht einfach so von meinem Körper streifen können. Da bräuchte es eine andere Manneskraft: zerren, ziehen und reißen! Entwürdigend.
So, damit das Elend jetzt und hier ein Ende fand, schlüpfte ich mal eben selber raus. Ich hatte sie ja schließlich heute Morgen auch ganz alleine angezogen!
Okay, ich änderte die Taktik. Jetzt war er dran. Denn nichts ist peinlicher, als nackt vor einem angezogenen Mann zu stehen. Womit sollte ich denn jetzt anfangen? War doch nicht der erste Mann, der sich unter meinen Händen räkeln würde.
Also, der Gürtel. Natürlich. Was, bitte, war das? Wie funktionierte denn dieses Modell? Wo war die Schnalle? Ach so, keine Schnalle. Männer und Technik. Wenn beim Öffnen dieses Safes ein Fingernagel von mir durchs Schlafzimmer geflogen wäre, wäre ich übrigens weg gewesen. Wahrscheinlich ohnmächtig oder tot. (Und die drei Stunden debiles Rumsitzen bei Nageldesignerin Renate wären damit auch völlig umsonst gewesen.) Warum saß das Mistding bloß so eng? Meine Jeans war ein Kinderspiel gegen diesen Gürtel. Er merkte, dass ich nicht weiterkam, und half. Wie entsetzlich! Zum Glück rutschte seine Jeans spielend leicht – klar, haben Sie schon mal einen Mann mit Oberschenkelproblemen gesehen?
Jetzt standen wir also beide im Slip! Was die Situation nicht wirklich besser machte. Ich trug natürlich einen String-Tanga, nachdem ich mich drei Monate an dieses Strippengefühl im Hintern gewöhnen musste. Und er? Der klassische Schlüpfer. Immerhin: ohne Eingriff oder Ripp. Egal. Wir würden ihn ja eh ausziehen. Und ich wollte ihn auch gar nicht länger ansehen.
Verstehen Sie mich nicht falsch: die Küsse, die Worte, seine Zärtlichkeit, seine Lippen an meinem Hals. Ein Traum! Ich wünschte, alles andere wäre unwichtig. Aber ist es leider nicht. Jedenfalls nicht in meinem Kopf und beim ersten Mal! An dieser Stelle würde ich Ihnen jetzt gerne einen Tipp geben, etwa nach dem Motto: Lassen Sie ihn erst ins Schlafzimmer, wenn Sie nackt, in sanftes Licht gehüllt, mit glänzender Creme gesalbt, mit Tüchern geschickt drapiert, daliegen. Quasi mit dem Untertitel: »Gewöhn dich bitte erst mal liegend an mich!« Im zweiten Teil könnten wir dann das Stehen im Dunkeln üben – ohne Anfassen selbstverständlich. Aber glauben Sie mir, so ist das Leben leider nicht. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, dass das alles irgendwann, irgendwie besser würde. Meine Freundin Sabrina zum Beispiel, kesse Körbchengröße 75 A, hat ganz andere Sorgen: Plötzlich ist der Push-up weg, und nichts ist mehr so, wie es war. Da ist eher nichts mehr... Deshalb wirft sie sich auf den Bauch und lockt mit ihrem knackigen Hintern. Oder meine Freundin Kerstin: dreifache Mutter, dreimal gestillt. Der Bauch ist flach. Genau, der Busen allerdings auch! Also, was tun? Vertrauen. Wenigstens darauf, dass verliebte Männer angeblich blind sein sollen.
Wir Frauen reden ja niemals über Sex. Nur wenn wir uns in Rudeln treffen. Dann geht’s tatsächlich auch des Öfteren verbal heiß her, und ich kenne einige Männer, die gerne mal dabei wären. Sie können sich also vorstellen, dass ich die erste Nacht, Tage bevor sie überhaupt stattfinden sollte, exakt, bis ins kleinste Detail mit meinen Freundinnen durchgesprochen hatte.
»Ich finde das erste Mal schon sehr anstrengend, weil du nicht weißt, ob du die Sau rauslassen kannst. Nicht dass er denkt, du bist die Superschlampe und ziehst’ne Show ab. Oder dass du ihn verschreckst, denn Männer lieben es, die erfahrenen Liebhaber zu spielen, und wehe, sie spüren, dass du mehr Erfahrung hast. Das könnte unter Umständen zu Erklärungsbedarf führen, was wiederum unangenehm werden könnte.« Dieser Vortrag kam von Sabrina, und ich wurde für ein weiteres Thema sensibilisiert, über das ich mir jetzt auch noch Gedanken machen musste! Oje...
»Du musst erstmal die Katholikin raushängen lassen – und Du warst es selbstverständlich schon immer!!!! Selbst wenn Du definitiv Atheistin bist«, ergänzte die scheue Ronja. Upps, sie auch? Warum hatten sich mir diese Gedanken bislang nicht erschlossen? Weil es jetzt nicht um irgendeinen, sondern DEN einen ging. Und ich wollte einfach gut vorbereitet sein. Und meine Freundinnen waren noch lange nicht am Ende mit ihrem Liebeslatein:
»In der ersten Nacht gibt’s Blümchensex, aber er muss spüren, dass du definitiv noch mehr drauf hast.« Aha! Oder: »Richte dich darauf ein, dass der erste Sex nie entspannend sein kann wegen der Reiz- und Sinnesüberflutung! Ist doch logisch: Wir checken ja selber ab, wie er aussieht, riecht, schmeckt und sich anfühlt.« Hm.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, meine Freundinnen dachten, ich gehe jungfräulich in diese mir so wichtige Nacht. Nein, doch nicht ganz. Aber sieben Jahre als Single-Frau verschieben da schon mit unter die Wahrnehmungen.
Selbstverständlich hatten sie auch noch für das Danach unterschiedliche Tipps: Abschminken zum Beispiel. Einig waren sie sich darin, dass frau grundsätzlich auf zu viel Make-up verzichten sollte – welcher Mann knutscht schon gerne einen Chemiebaukasten. Natürlich hoffte ich insgeheim darauf, dass ich bereits durch seine liebevollen, leidenschaftlichen und atemberaubenden Küsse so gut wie abgeschminkt wäre. Und der Rest, zum Beispiel wasserfeste Wimperntusche, sollte bitte schön auch draufbleiben. Schließlich sollte er mich ja auch am nächsten Morgen wiedererkennen!
Zum Glück habe ich wenigstens die meisten der sicher gut gemeinten Tipps im Eifer des Gefechts in dieser einen Nacht, der ersten, einfach vergessen.
Trotzdem möchte ich sie gern mal für Sie zusammenstellen:
Natürlich übertreiben wir Frauen immer bei den ersten Malen, aber betrachten Sie die Vorbereitungen einfach als Ritual oder als Chance, die Nerven zu beruhigen und Ihren Puls irgendwo unter 100 einzupendeln. Also: Sind Beine, Achseln und Bikinizone rasiert? (Übrigens scheint es modern zu sein, dass sich auch immer mehr Männer GANZ rasieren. Also seien Sie auch darauf vorbereitet und nicht so sehr erschrocken, wenn er total nackt, ohne ein einziges Schamhaar, vor Ihnen steht! Und zeigen Sie ja nicht mit dem Finger entsetzt darauf, während sie sich den Mund zuhalten. Das verwirrt ihn auch!)
Rasieren Sie sich nicht direkt eine Stunde vor dem Date – denken Sie an eventuelle Entzündungen.
Sowieso gilt: Auf keinen Fall jetzt etwas Neues ausprobieren! Wenn’s schief geht, kann’s keiner reparieren. Also, keine neuen Cremes, keine neuen Masken, schon gar nicht am selben Tag zum Friseur! Zu den Vorbereitungen gehört außerdem das Überprüfen des Zustandes der Finger- und Fußnägel, das Salben des Körpers mit einem nicht zu aufdringlichen Duft, ein natürliches bis verführerisches Make-up (ohne Theaterschminke zu verwenden, die im Zweifel sofort auf sein Hemd schmiert oder Sie einfach nur zehn Jahre älter macht!) Und verzichten Sie bitte auf Intimspray – das brennt, bei wem und wo auch immer!
Die Klamotten sind sexy, aber auch durchaus bequem und schnüren garantiert nicht ein, die Unterwäsche ist appetitlich aber nicht zu aufreizend (das kann dann später folgen!). Es muss alles in allem irgendwie lässig und authentisch wirken!
Denken Sie daran, Sie setzen heute Maßstäbe: Wenn Sie nicht der Stiletto- und Push-up-Typ sind, verzichten Sie einfach drauf. Oder wollen Sie sich die nächsten Jahre permanent verbiegen, weil Sie ihm immer irgendetwas vormachen, was Sie gar nicht sind?
Wenn Sie vorhaben, die Nacht bei sich ausklingen zu lassen, achten Sie auf Folgendes: O-Saft, Wasser und Champagner im Kühlschrank, Dreckwäsche weggesperrt, Bett frisch bezogen, genügend Klopapier (wie peinlich, wenn er auf’m Klo ist und brüllt: Wo ist denn hier das Klopapier?), frische Handtücher griffbereit, Kerzenbeleuchtung. Achten Sie darauf, dass die Kerzen schon mal kurz angebrannt waren, das wirkt natürlich und selbstverständlich, als würden Sie jeden Abend bei Kerzenlicht sitzen. Sonst denkt er noch, diesen albernen Zirkus veranstalten Sie nur für ihn! Für Nichtraucherinnen: Es wäre schön, wenn Sie die Streichhölzer nicht erst fünf Stunden suchen müssen!
Legen Sie vorher schon Ihre Lieblings-CDs in Griffnähe und bitte überprüfen Sie vorher deren technischen Zustand. Nichts nervt mehr als eine hängende CD. Bitte, bitte, bitte nicht die Kuschelrock einlegen. Das können Sie doch besser! Beim zweiten Date, gleich in Ihrer Wohnung, achten Sie darauf, dass die CD schon mindestens mitten im dritten Lied läuft. (Wenn er klingelt, drücke ich auf den dritten Titel und spule dann schnell noch 20 Sekunden vor. Ich bin so cool – denkt er – und so behämmert – weiß ich!)
Wenn Sie ins Restaurant gehen, wählen Sie leichte, nicht blähende oder stinkende Speisen. Am besten, Sie essen Ähnliches wie er, wegen der gleichen Zutaten, Kräuter, Gewürze und späteren Ausdünstungen! Ich weiß, das alles klingt nicht romantisch, aber die Vorbereitungen müssen einfach stimmen, und dann kann die Romantik auch kommen. Nur eben etwas später! Ich suche ja nach dem Essen immer nervös nach einem Kaugummi, um stets die komplette Frische anbieten zu können. Nun ist Kaugummi an solchen Abenden aber nicht unbedingt die erste Wahl, denn es könnte sich ja jeden Augenblick ein Kuss ergeben. Also greifen Sie lieber zu Pfefferminzbonbons!
Schalten Sie Ihr Handy aus und genießen Sie diesen ersten Abend zu zweit. Nichts ist nervender, respektloser und peinlicher als der ständige Kontakt zur Außenwelt, der alle Beteiligten immer wieder aus dem eigenen Romantikprogramm wirft.
Und jetzt: toi, toi, toi!
Übrigens: Nachdem die Klamotten geflogen waren und wir endlich lagen (eine Position, in der ich wieder ausatmen konnte!), klappte es dann auch bei uns... Und meine Panik fiel Stück für Stück, wie zuvor die Textilien, von meinem Körper.
Der erste Morgen
Zunächst, nur um’s klar zu stellen: Ich war glücklich, hatte aber schlecht geschlafen. Bin ca. 32 Mal neben ihm aufgewacht (ich habe mitgezählt), von einer Kniescheibe begraben, frierend, ohne Decke und von seinem Atem wachgehalten.
Um 5.16 Uhr ging’s nicht mehr, ich hielt es nicht mehr aus, meine Blase stand kurz vor einer Explosion! Und dieses Bild mochte ich mir jetzt wirklich nicht vorstellen. Etwa zwei Stunden später, mit um 13 Zentimeter gewachsenem Blasenumfang und Verkrampfungen am ganzen Körper, schälte ich mich nun doch Millimeter für Millimeter aus seinen Armen. Bloß kein Geräusch machen! Und Geräusche gibt’s so viele. Quietschende Matratzen, raschelnde Bettdecken, knarrende Dielen, brustschwache Türen, lebensbedrohliches Stolpern über sinnlos verstreute Hosen, BH und Schuhe. Das alles nur, weil ich ihn doch nicht wecken wollte. Jedenfalls nicht in der ersten Nacht. Später würde ich ihn sogar mutwillig wachrütteln, damit er teilnehmen konnte an meinen Träumen, mich vor Mücken rettete oder einfach nur wach war, wenn ich auch wach bin. Sei jetzt wach! Mir ist langweilig.
Einmal Klo und zurück! Die ganze Aktion dauerte 17 Minuten, um am Ende festzustellen, der neue Traummann hatte sich nicht einen Millimeter bewegt. Er ratzte immer noch gemütlich im Tiefschlaf vor sich hin.
Doch jetzt – drei Stunden später, brach für mich der größte Stressfaktor in einer jungen Beziehung aus. Er wachte auf – ich war ja schon wach! Während ich über Nacht implodiert zu sein schien, sah er aus wie frisch abgelegt! Keine verquollenen Augen, keine Kissenfalten auf der Wange, keine Haare, die wie unsortiertes Stroh in der Gegend rumstanden.
Nachts auf dem Klo stellte sich ja nur das Problem der Geräuschvermeidung! Jetzt strahlte die Sonne. Kein Make-up schützte meine müde Haut, kein Rouge zauberte mir jugendliche Frische auf die Wangen, Zähne sollte ich jetzt auch dringend mal putzen und die »Busen-Situation« vom Vorabend hatte sich auch nicht wirklich gelöst. Und solche Probleme betreffen uns doch alle. Kommen Sie! Auch euch, Claudia, Heidi, Naomi, Meg, Julia, Gwyneth, Angelina … Gut, Angelina nicht. Aber neben der liegt ja auch Brad Pitt!
Wir sind uns einig: Geküsst wird NACH dem Zähneputzen, und wir müssen VOR ihm ins Bad. Sonst kommt er frisch wie der junge Morgen zurück ins Bett gesprungen – wie aus der Deo-Werbung -, und wir sind noch im Urzustand nach dem Urknall. Und das ist entwürdigend. Also zwingend vor ihm aus dem Bett, waschen, kämmen, putzen, salben und dann ganz natürlich, zart duftend, verliebt strahlend, wieder rein in die Federn und in seine Arme. Diese Umstände machte ich mir nur jetzt. Jetzt war ich tatsächlich zu einem Weibchen mutiert – ich war schließlich frisch verliebt, und das war unser erster gemeinsamer Morgen. Erfahrungsgemäß lässt dieses »Engagement« nach wenigen Wochen bereits nach.
Aber wie jetzt raus aus dem Bett? Wenn er schon wach ist, sieht er die nackte Wahrheit. Jaha, auch gestern Nacht war die Cellulite bereits da. Ich weiß, es war dunkel.
Meiner Freundin Sabrina ist es ganz egal, was der Kerl denkt. Männer sind sowieso Aliens. Sagt sie. Auch ihr Busen steht nicht mehr unterm Kinn, aber das spielt mit 40 XXL keine Rolle mehr. Sie nimmt sich an, wie sie ist. Sagt sie. Sie hat eine andere Haltung als mit Anfang 20. Ist selbstbewusster und weiß, dass es eigentlich auf ganz andere Sachen ankommt. Ja, das weiß Sabrina! Ich aber wusste momentan nur, dass ich nicht perfekt war und wie Blei auf der Matratze liegen blieb, weil ich mich nicht traute, unter seinen Augen, ganz und gar nackt, leicht wie Kate Moss aufs Klo zu catwalken.
Ich fand mich in diesem Moment auch sehr verklemmt und dachte an Kerstin, die allein erziehende dreifache Mutter. Ihr stellte sich eine ganz andere Frage nach der ersten Nacht. Nämlich: Wie erkläre ich meinen noch vor der Pubertät stehenden Kindern, wer der Onkel in Mamas Bademantel ist? Der Mann, der zwischen drei Zahnbürsten mit Tabaluga-, Prinzessin Lili-, und Schumacher-Ferrari-Aufdruck und einer Dr. Best am Waschbeckenrand steht.
So unterschiedlich kann der Morgen »danach« aussehen.
Ich entschloss mich jetzt einfach, den Bauch einzuziehen, mich aber auch auf keinen Fall umzudrehen und ihm mein fahles, angeschwollenes und gleichzeitig zerknittertes Gesicht zu zeigen. Dabei redete ich um mein Leben, um ihn von meinem äußeren Zustand abzulenken. Während ich nun kerzengerade auf dem Bettrand saß, nach seinem T-Shirt (sicher ist sicher!) schielte, um es notfalls doch noch irgendwie überzuwerfen, traute ich meinen Ohren nicht. »Morgens siehst Du noch viel verführerischer aus. Komm, küss mich.«
Irritiert und noch sehr scheu (kaum vorstellbar nach der Nacht) warf ich die Hände vor meine Brüste, rollte mich ungeschickt wie Seehund Antje zu ihm und drückte ihm wie eine Zwölfjährige einen unromantischen, dafür sehr beherzten Kuss auf die Wange. Oh Gott, hatte er jetzt dann doch meine Problemzonen erspäht und überging sie einfach nur bewusst höflich? Hatte er etwa Bridget Jones Teil 2 gesehen? Oder war er tatsächlich einfach nur bis über beide Ohren in mich verliebt?
TIPP
Und jetzt müssen wir mal Tacheles reden, meine Damen. Wenn Sie ihn nicht auf Ihre persönlichen Problemzonen aufmerksam machen, wird er sie auch garantiert nicht bemerken. Jedenfalls nicht am Anfang und schon gar nicht, wenn er verliebt ist. Ich weiß, es ist genau in solchen Momenten eine wirklich große Herausforderung für fast jede Frau, einfach mal die Klappe zu halten und sich dem hinzugeben. Aber er will mit Ihnen sicherlich nicht gerade jetzt über Cellulite, Augenfalten oder Schrumpelknie reden.
Er wusste mit meinen Verkrampfungen umzugehen und löste sie auf wundersame Weise. Vielleicht war ich auch nur eine gute Schauspielerin, sodass er von meiner Not gar nichts mitbekam. Ich verschwand also nackt, wie der liebe Gott mich schuf, im Bad und schaffte in acht Minuten ein Reinigungs-, Pflege- und Beautyprogramm, wofür ich an normalen Tagen mindestens eine Stunde brauche. Wie gut, dass sein Bademantel an der Tür hing. Groß und flauschig, und das machte mich automatisch klein und zierlich, zerbrechlich geradezu.
Wenn alles perfekt lief, war er inzwischen aufgestanden und hatte nackt Kaffee gekocht, Eier ins Wasser geworfen und die Marmelade, die seine Mutter gekocht hat, auf den Tisch gestellt. An dieser Stelle: Ich habe übrigens auch nichts gegen frisch gepressten Orangensaft. Die Nacht war ja lang und anstrengend.
Ist gut, ist gut, Sie haben so etwas noch nicht erlebt? Ich auch nicht, aber es ließ sich gerade so schön schreiben... Wahrscheinlicher ist wohl, dass er noch im Bett liegt, sich über die Wiederholung der ARD-Volksmusikhitparade vom Vorabend lustig macht oder einfach nur wieder eingedöst ist.
Die eleganteste Lösung wäre jetzt, sich nicht über ungekochte Eier zu ärgern, sondern einfach noch mal zu ihm ins Bett zu krabbeln. Nach einer weiteren Stunde könnten Sie dann in dieses romantische Frühstückslokal gehen, in dem sie sonst alleine saßen und sich wünschten, nicht mehr alleine hier zu sitzen.
Der Tag danach
Ich weiß nicht, ob Sie es auch schon gemerkt haben, aber: Ich war verliebt. Deshalb trug ich jetzt mein Handy immer schön dicht am Körper. Damit ich auch ja keine SMS oder gar einen Anruf verpasste. Natürlich machte ich es wie alle Frauen und wartete darauf, dass er anruft. Wenn es um die ersten Anrufe geht, bin ich da sehr mädchenhaft. Obwohl es mir wirklich in den Fingern juckte. Und ich jede, jede Sekunde an ihn denken musste. Und während ich wartete, guckte ich in meinen Kleiderschrank. Nicht, dass ich sonst nichts zu tun gehabt hätte, ich war nur nicht zu etwas anderem fähig. Aber Klamotten haben ja direkt was mit meinem Zustand zu tun. Schließlich wollte ich ihm auch heute noch gefallen.
Saß ich nicht schon gestern hier, in meinem Schlafzimmer, auf meinem Bett, unfähig, eine Entscheidung zu treffen, bewegungsstarr, abgesehen vom Nägelkauen, nervös? Habe ich nicht gestern schon drei Stunden die Schublade mit meiner Unterwäsche inspiziert und Häufchen aufs Bett geworfen? Abteilung »sexy«, »geht noch«, »Alltags- und Sportslips«, »für den Arzt« (groß, warm und weiß) und »wieso liegst du denn noch hier drin?« Ich fand sogar einen roten Frotteeschlüppa mit einem gelben Teddy, den ich jahrelang von Umzug zu Umzug mitgeschleppt und immer wieder mit einsortiert habe. Für Frau S., meine Analytikerin, hätte in diesem schlimmen »Schlüppa-Fall« alles klar auf der Hand gelegen. Ich wollte meine Kindheit partout nicht loslassen. Dabei fand ich ihn eigentlich immer nur hübsch. Für meine aktuelle Lebenssituation war er natürlich gänzlich ungeeignet. Die Abteilung »sexy« und »geht noch« teilte ich jetzt nach Farben: unschuldiges Weiß, sündiges Rot, verruchtes Schwarz, luxuriöses Champagner und der verspielte Rest.
Für die erste Nacht hatte ich mich mutig für eine zweifarbige Kombination entschieden. Weiß und rot. So war ich für jeden Fall gerüstet. War ja, wie sich herausstellte, auch definitiv die richtige Wahl.
Während ich feststellte, dass ich immer noch keine SMS von ihm bekommen hatte, dachte ich natürlich schon intensiv an unser nächstes Treffen. Gerne wüsste ich, wie unser Abend aussehen würde, entsprechend könnte ich mich darauf vorbereiten. Ich könnte mich wie eine Regisseurin ihre beste Schauspielerin gekonnt in Szene setzen.
Wie ich so vor mich hin träumte, schrie mir das wirkliche Leben ins Gesicht: »Räum uns weg! Wasch uns ab! Sortier uns aus!« Meine Bude sah furchtbar aus – im Schlafzimmer stapelte sich die Wäsche, der gesamte Inhalt meines Kleiderschranks lag verstört auf Bett, Boden und Stühlen. Mein Schreibtisch – zurzeit war nicht klar zu erkennen, welche Farbe er eigentlich hatte, erstickte unter Stapeln von Papier, ungeöffneten Briefen und einem Teller mit angetrockneten Spaghettiresten. In eine Ecke hatte Ella gemacht (ich schwöre, ich hab’s nicht gesehen, sonst hätte ich es NATÜRLICH sofort weggemacht!). Und das Badezimmer sah aus, als hätte ich die gesamte KaDeWe-Kosmetikabteilung gekauft und zu Hause ausprobiert. Kurz, ich war ganz offensichtlich eine Schlampe! Wo war die tolle Frau, die er gesehen hatte? Die er im Arm gehalten hatte? Es klang noch in meinen Ohren: »Du bist perfekt, auf Dich habe ich gewartet!«
Oh Mann, und ich saß da, als würde ich auf ein Abrissunternehmen warten! So ging das auf gar keinen Fall. Ich brauchte Hilfe! Mutter! Zum Glück wusste sie mittlerweile, wie man mit einem Handy umgeht, und war somit rund um die Uhr erreichbar! Während ich versuchte, ihr zu erklären, in welchem seelischen Ausnahmezustand sich ihr Kind befand, erklärt sie mir, annähernd ähnlich verwirrt wie ich: »Nun rate mal, wer hier vor mir steht! Ein attraktiver junger Mann in Uniform.« »Mama, ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht!« »Herr Richter, so heißt er, erklärt deiner dummen Mutter, dass eines der drei Dinge zu viel waren: auf der Busspur fahren, Lippen nachziehen oder dabei telefonieren.« »Mama, gib ihm brav deine Papiere und schweige.« »Wissen Sie, ich telefoniere gerade mit meiner Tochter. Anstrengend – aber ganz hübsch; und übrigens immer noch Single; und leider immer noch so allein.« »Mama, ich werde mich zur Adoption freigeben lassen! Bis später.« Tut, tut, tut.
Das war also auch keine gute Idee. Um wieder gute Laune zu bekommen, stellte ich mich vor den Spiegel und wollte mir eine frisch verliebte Frau angucken. Oh Gott! Vom wilden Küssen glich mein Kinn dem Hinterteil eines Pavians, meine Haare hatten eine ähnliche Konsistenz wie die Spaghetti auf meinem Schreibtisch – ich könnte sie einzeln zählen – und ich schien über Nacht um zehn Jahre gealtert und 20 Kilo schwerer geworden zu sein.
Jetzt war es so weit: Ich heulte. Rotz und Wasser! Warum war ich nicht einfach nur toll? Schlank? Bildschön? Ordentlich? Und reich... O mein Gott. Auf einmal hatte ich Panik, dass ich ihn gleich wieder verlieren würde, weil ich nicht so toll wie Gwyneth Paltrow war, die nach dem Aufstehen doch bestimmt auch immer noch ganz ganz schön aussieht. Ich musste dringend meine Analytikerin Frau S. anrufen. Was wäre denn, wenn er mich für eine Mogelpackung hielte, nur weil ihm nach ein paar Wochen seine rosarote Brille von der Nase rutscht?
Ich hatte einen Kater! Einen »Der-Morgen-danach-Blues«. Na und, andere Frauen haben den Vor-während-danach-Menstruations-Blues«, den »Warum-kaufst-du-mirdie-Gucci-Brille-nicht-Blues« und den »Scheiße-schonwieder-ein-Kilo-mehr-Blues«!
Jörg! Mein schwuler Freund. Er, und nur er würde wissen, wie man mich jetzt von diesem tragischen Zustand erlösen könnte. Er kam auch – nach zehn Minuten Überredungskunst. Die Diva hatte heute allerdings auch nicht die beste Laune! »Gott, du siehst wirklich aus wie eine Trümmerfrau. Setz bitte deine Sonnenbrille auf! Und deine Wohnung?! Was isssn dis jetzt hier? Fräullein, das geht gar nicht! Bist du unter die Schlampen gegangen? So, Prinzesschen, jetzt gehen wir mal schön raus, und du erzählst alles. Oder meinst du, ich stelle mich im Ernst hier hin und wasche ab? Ich hasse angetrocknete Spaghetti.«
Es tat gut, im richtigen Moment den richtigen Menschen an meiner Seite zu haben. Denn ich wusste eins jetzt sehr genau. Von ihm würde ich den Kopf gewaschen bekommen und mich hinterher gut fühlen, nämlich so, wie ich bin. Auch wenn ich zugab, dass meine Wohnung dringend aufgeräumt werden musste!
Wir redeten stundenlang. Jörg schien meine Panik zu begreifen und analysierte mit der ihm eigenen Art meinen aktuellen Ist-Zustand. »Schätzchen, sprich mir mal nach: ICH HABE EINEN FREUND!« Dabei guckte er mich an, als wäre ich schwachsinnig. »Los, sags!« »Na ich hab’nen Freund.« Ich nuschelte und verschluckte mich dabei fast.
»Einen was? Ich hab Dich nicht verstanden?« »Mann! Das kann man doch noch gar nicht so sagen! Wir sind doch noch ganz am Anfang.« »Entschuldige, jetzt seid ihr ein Paar, du Huhn, du selber hast gesagt, dass er es ist, dass es diesmal gaaaaanz anders ist. Also, reiß dich am Riemen, verabschiede dich von deinem Fastfood-Single-Leben, kneif die Backen zusammen und sag es!«
»Ich habe einen Freund.«
»Geht doch.«
Aha, das war es also. Schiss vor der eigenen Zivilcourage. Schiss vor dem Moment der Entscheidung. Schiss vor der Verantwortung. Sich fallen lassen, einlassen, loslassen – auch mit dem Risiko, dass es eventuell schief gehen könnte.
Ich war so weit. Und dachte: Ich rufe jetzt meinen Freund an. Ja! Meinen Freund!
PS: Herr Richter, der attraktive Polizist, hatte auch keinen besonders guten Tag. Oder vielleicht hatte er heute auch nur eine Selbstbewusstseinsschwäche wie ich. Möglicherweise hatte er auch weniger in seinem Spiegelbild gesehen als andere in ihm. Er ließ sich nicht auf die Kupplungsversuche meiner Mutter ein. Er verstand verhältnismäßig wenig Spaß und knüpfte ihr stattdessen 100 Euro ab und verwies auf eine noch folgende Anzeige.
Sein Badezimmer
Ich lebte in einer unruhigen Zeit. Woche zwei meiner neuen Beziehung. Nicht nur, dass ich außerordentlich verliebt war und deshalb etwas verwirrt schien, irgendwie kam ich mir auch immer so vor, als sei ich auf der Flucht. Ich war immer bereit. Mein Leben hatte ich meiner Handtasche anvertraut. Schließlich wusste ich tagsüber nie genau, ob ich zu Hause oder bei ihm übernachte.
Noch vor vier Wochen lagen in meinem Beutel (der eh schon viel zu groß und voll ist!) übersichtlich Schminktäschchen, Klopapier für meinen Hund (ich mache jeden Haufen weg!) und der übliche Kram (Brieftasche, Schlüssel etc.) Jetzt ähnelte alleine das Gewicht meines Notkoffers dem Überseegepäck einer dreiköpfigen Familie für einen einwöchigen Urlaub an der türkischen Riviera. Ich schleppte also Zahnbürste und Zahnseide (Ronja hat sogar immer ein Stückchen Zahnseide in ihrer Hosentasche), Abschminktücher, Proben von Kosmetikprodukten (diese kleinen Tübchen sparen ungemein Platz) wie Augencreme, Nachtcreme, Masken für Hals und Dekolletee, angespannte feuchtigkeitsarme Haut, wahlweise auch für Problemhaut mit.
Zwischen all diesen lebensnotwendigen Pflegeprodukten für die Frau fanden sich jetzt auch ein neuer Satz halterlose Strümpfe (okay, Socken), Wechselwäsche – klingt wie im Kindergarten, da haben wir die Eltern auch immer um Wechselwäsche für ihre Kinder gebeten. Wissen Sie, ich habe während meines Studiums mal in einem gearbeitet. Ich war jung und brauchte das Geld! Einmal wollte ich auch diesen Satz schreiben!
Im Gepäck hatte ich außerdem Haarbürsten für jeden Fall, Shampoo, Conditioner, Föhn und Lockenstab. Wenn schon neurotisch, dann richtig. Außerdem eine Ersatzbluse, eine Ersatzjeans und Schuhe, wobei ich die am liebsten im Auto ließ. Und natürlich das gesamte Ella-Gepäck: Decke, Fressnapf, Leine, Futter (feucht und trocken), Knochen und Spielzeug.
»Nein, Schatz, ich ziehe hier nicht ein, ich übernachte bloß bei dir. Freu dich und mach ein entspanntes Gesicht.« Dieses hatte sich nämlich beim Anblick meines Übernachtungssets leicht verkrampft.
Sie sehen, ich habe genaue Vorstellungen über Utensilien zur Körperpflege. Er auch. Das weiß ich, seitdem ich seinen Badezimmerschrank ziemlich gründlich inspiziert habe. Das gehört sich nicht? Kommen Sie, das tun wir doch alle! Hm? Zunächst sind wir natürlich auf weibliche Accessoires geeicht, die eventuell auf Nebenbuhlerinnen, Vorgängerinnen und Exen hinweisen könnten.
Dabei achte ich sehr genau, falls ich was finde, auf Qualität und Preis dieser Produkte.
Stellen Sie sich vor, wie peinlich es wäre, wenn ich Nivea benutzte, und meine Vorgängerin hätte die Reste von LA MER stehen lassen!