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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

DIE AUTORIN
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Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10 000 Büchern im Norden Kaliforniens.
 
 
Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:
 
Die Tagebuch eines Vampirs- Reihe
 
Im Zwielicht (Band 1, 30497)
Bei Dämmerung (Band 2, 30498)
In der Dunkelheit (Band 3, 30499)
In der Schattenwelt (Band 4, 30500)
Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)
Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)
 
 
Die Night World-Reihe
 
Engel der Verdammnis (30633)
Prinz des Schattenreichs (30634)
Jägerin der Dunkelheit (30635)
Retter der Nacht (30712)
Gefährten des Zwielichts (30713)
 
 
Der Magische Zirkel
Die Ankunft (Band 1, 30660)
Der Verrat (Band 2, 30661)
Die Erlösung (Band 3, 30662)

KAPITEL EINS
»Rowan, Kestrel und Jade«, sagte Mary-Lynnette, während sie und Mark an dem alten viktorianischen Farmhaus vorbeikamen.
»Was meinst du?«
»Rowan. Und Kestrel. Und Jade. Die Namen der Mädchen, die hier einziehen werden.« Mary-Lynnette deutete mit dem Kopf auf das Farmhaus. »Die Nichten von Mrs Burdock. Ich habe dir doch erzählt, dass sie bei ihr wohnen werden. Schon vergessen?«
»Na ja … Wenn du’s sagst …« Mark verlagerte das Gewicht des Teleskops, das er den Hügel hinauftrug, und antwortete nur sehr zögerlich. Für Mary-Lynnette war das ein Zeichen dafür, dass er verlegen war.
»Das sind hübsche Namen«, fuhr sie fort. »Und es müssen auch sehr hübsche Mädchen sein. Sagt jedenfalls Mrs Burdock.«
»Mrs Burdock ist verrückt.«
»Sie ist nur etwas exzentrisch. Erst gestern hat sie mir vorgeschwärmt, wie wunderschön ihre Nichten seien. Klar, sie ist voreingenommen, aber sie war trotzdem sehr überzeugend. Jede von ihnen sei ein ganz eigener Typ – und alle einfach umwerfend.«
»Dann sollten sie besser nach Paris fliegen und Models werden«, brummte Mark kaum hörbar. »Wo soll ich das Ding hinstellen?« Sie hatten die Spitze des Hügels erreicht.
»Genau hier.« Mary-Lynnette setzte ihren Klappstuhl ab und glättete mit ihrem Schuh die Erde, damit das Teleskop einen sicheren Stand hatte. Dann sagte sie leichthin: »Ich dachte, wir könnten morgen mal rübergehen und uns vorstellen – sie sozusagen willkommen heißen und …«
»Würdest du endlich damit aufhören?«, fuhr Mark sie an. »Ich komme ganz gut allein zurecht. Und wenn ich ein Mädchen kennenlernen will, dann lerne ich es kennen. Dazu brauche ich keine Hilfe.«
»Okay, okay. Sei bitte vorsichtig mit dieser Linse …« »Und außerdem, was sollen wir denn sagen?« Mark war jetzt richtig in Fahrt. »Willkommen in Briar Creek, wo nie etwas passiert? Wo es mehr Kojoten als Menschen gibt? Wollt ihr dort was echt Spannendes erleben? Dann kommt zum Mäuserennen am Samstagabend in die Gold Creek Bar …«
»Schon gut.« Mary-Lynnette seufzte. Sie betrachtete ihren jüngeren Bruder, der in diesem Moment von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beschienen wurde. Wenn man ihn jetzt so sah, würde man denken, er sei noch nie in seinem Leben auch nur einen Tag krank gewesen. Sein Haar war schwarz und glänzte wie das von Mary-Lynnette. Seine scharfen Augen waren von einem klaren Blau. Er hatte denselben gesunden Teint wie sie, denselben rosigen Schimmer auf den Wangen.
Aber als Baby war er klein und dünn gewesen. Jeder Atemzug hatte ihn in Lebensgefahr gebracht. Sein Asthma war so schlimm, dass er fast sein ganzes drittes Lebensjahr in einem Sauerstoffzelt gelegen und um sein Leben gekämpft hatte. Mary-Lynnette, anderthalb Jahre älter, hatte sich gefragt, ob ihr kleiner Bruder jemals wieder nach Hause kommen würde.
Das Alleinsein in diesem Zelt, wo seine Mutter ihn nicht einmal berühren konnte, hatte ihn für sein Leben geprägt. Als er herauskam, war er völlig verschüchtert gewesen und hatte sich die ganze Zeit an den Arm der Mutter geklammert. Jahrelang hatte er keinen Sport treiben können wie alle anderen Kinder.
Das alles war jetzt schon lange her – Mark würde in diesem Jahr in die Highschool kommen -, aber er war immer noch sehr schüchtern. Und wenn man ihn in die Defensive trieb, konnte er sehr wütend werden.
Mary-Lynnette wünschte sich, dass eines der neuen Mädchen die Richtige für ihn wäre, die ihn ein wenig aus sich herauslocken und ihm Selbstvertrauen geben würde. Vielleicht konnte sie da doch etwas einfädeln …
»Woran denkst du?«, fragte Mark misstrauisch.
Da merkte sie, dass er sie anstarrte. »Daran, wie gut die Sicht heute Nacht wohl sein wird«, antwortete sie kühl. »Der August ist der beste Monat, um den Sternenhimmel zu beobachten. Die Luft ist so warm und ruhig. He, da ist tatsächlich schon die erste Sternschnuppe. Du darfst dir etwas wünschen.«
Sie zeigte auf den hellen Lichtpunkt in der Dämmerung am südlichen Horizont. Es funktionierte. Mark war abgelenkt und schaute ebenfalls hin.
Mary-Lynnette betrachtete ihn erneut. Wenn es irgendetwas helfen würde, würde ich dir eine Romanze wünschen, dachte sie, so schön wie in einem Jane-Austen-Roman. Okay, ich wünsche mir eine Romanze für Mark.
Das würde ich mir zwar auch selbst wünschen, aber wozu? Es gibt niemanden hier in der Umgebung, der dafür infrage käme.
Keiner der Jungs an ihrer Schule verstand, warum sie sich für Astronomie interessierte, oder was sie beim Anblick der Sterne empfand. Keiner, außer Jeremy Lovett vielleicht. Die meiste Zeit machte es ihr nichts aus. Nur manchmal versetzte es ihr einen Stich in ihrer Brust. Und dann war da eine unbestimmte Sehnsucht danach … etwas mit jemandem zu teilen, den Anblick des samtblauen Nachthimmels zum Beispiel.
Ach, was soll’s, schob sie die Gedanken beiseite. Es half nichts, darüber nachzugrübeln. Außerdem war der helle Punkt am Himmel der Planet Jupiter und keine Sternschnuppe. Aber das würde sie Mark nicht verraten.
 
Mark schüttelte nachdenklich den Kopf, während er den Pfad hinunterging, der von giftigem Efeu und Schirling überwuchert war. Er hätte sich bei Mary-Lynnette entschuldigen sollen, bevor er weggegangen war. Schließlich mochte er sie und war nicht gern grob zu ihr. Sie war im Grunde sogar die Einzige, bei der er sich immer bemühte, freundlich zu sein.
Aber warum hörte sie nicht mit ihren Versuchen auf, ihn zu verkuppeln? Bis hin zu diesem blöden Vorschlag, sich etwas beim Anblick der Sternschnuppe zu wünschen? Mark hatte sich sowieso nichts gewünscht, weil er das albern fand. Aber wenn schon, dann hätte er sich etwas mehr Aufregung in seinem Leben gewünscht.
Etwas Wildes, dachte er. Und er fühlte, wie ihn ein Schauder überlief, während er den Berg hinunterrannte, hinein in die wachsende Dunkelheit.
 
Jade starrte auf das leuchtende Licht am südlichen Horizont. Es war ein Planet, das wusste sie. Schon zwei Nächte lang hatte sie ihn über den Himmel ziehen sehen, begleitet von winzigen Lichtpunkten, die Monde sein mussten. Dort, wo sie herkam, wünschte sich niemand etwas beim Anblick der Sterne, aber dieser Planet schien so etwas wie ein Freund zu sein – ein Reisender, genau wie sie. Während Jade ihn in dieser Nacht beobachtete, fühlte sie Hoffnung in sich aufsteigen.
Sie musste zugeben, dass sie nicht gerade einen vielversprechenden Start erwischt hatten. Die Nacht war viel zu still. Nicht einmal das leiseste Geräusch eines Autos war zu hören. Sie war müde und wurde langsam sehr, sehr hungrig.
Sie drehte sich zu ihren Schwestern um.
»Wo ist sie?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Rowan mit ihrer sanftesten Stimme. »Hab Geduld.«
»Vielleicht sollten wir die Gegend telepathisch nach ihr abtasten.«
»Nein«, sagte Rowan. »Auf keinen Fall. Denk daran, was wir beschlossen haben.«
»Sie hat wahrscheinlich vergessen, dass wir kommen«, meinte Kestrel. »Ich hab euch doch gesagt, dass sie langsam senil wird.«
»Sag so etwas nicht. Das ist wirklich nicht nett.« Rowans Stimme war immer noch geduldig, auch wenn sie jetzt ein wenig gestresster klang.
Rowan blieb immer so lange wie möglich sanftmütig. Sie war neunzehn, schlank und von geradezu vornehmer Statur. Sie hatte zimtbraune Augen und kastanienbraunes Haar, das ihr lang den Rücken hinunterfiel.
Kestrel war siebzehn und ihr Haar hatte die Farbe von altem Gold. Sie trug es aus der Stirn zurückgekämmt. Ihre Augen waren bernsteinfarben und scharf wie die eines Adlers und sie war niemals sanft.
Jade war die Jüngste und gerade sechzehn geworden. Sie glich keiner ihrer Schwestern. Ihr Haar war lang und weißblond, und sie nutzte es wie einen Schleier, um ihr Gesicht mit den grünen Augen dahinter zu verbergen. Viele sagten, dass sie gelassen wirkte, aber sie war es nicht. Sie war stets furchtbar aufgeregt oder schrecklich ängstlich und verwirrt.
Im Moment war sie besorgt. Sie machte sich Sorgen um ihren schäbigen, ein halbes Jahrhundert alten Lederkoffer. Kein Geräusch war mehr daraus zu hören.
»He, warum geht ihr zwei nicht ein Stück die Straße entlang und seht nach, ob sie kommt?«, schlug sie vor.
Ihre Schwestern schauten einander an. Es gab nur wenige Dinge, bei denen Rowan und Kestrel sich einig waren. Aber in Sachen Jade waren sie es immer. Jade konnte geradezu mit ansehen, wie sich die beiden gegen sie verbündeten.
»Was soll das?«, fragte Kestrel, und ihre Zähne blitzten kurz auf.
»Du hast doch etwas vor. Was ist es, Jade?«, wollte Rowan wissen.
Jade verschleierte ihre Gedanken, glättete ihr Gesicht und starrte ihre Schwestern ausdruckslos an.
Die beiden starrten ein paar Minuten lang zurück, dann sahen sie wieder einander an und gaben auf. »Wir werden zu Fuß gehen müssen«, sagte Kestrel zu Rowan.
»Es gibt Schlimmeres.« Rowan strich sich eine Strähne ihres kastanienbraunen Haars aus der Stirn und sah sich an der verlassenen Bushaltestelle um. »Ich wünschte, hier wäre ein Telefon.«
»Aber es gibt keins. Und es sind fast zwanzig Kilometer bis nach Briar Creek.« Kestrels goldene Augen glitzerten in listiger Freude. »Vielleicht sollten wir unser Gepäck besser hierlassen.«
»Nein, nein. Ich habe alle meine … Sachen da drin«, protestierte Jade entsetzt. »Kommt schon. Zwanzig Kilometer, das ist doch gar nicht so weit.« Mit einer Hand hob sie ihren Katzenkorb auf und mit der anderen den Koffer. Sie war schon ein ganzes Stück die Straße hinunter, da knirschte plötzlich der Kies hinter ihr. Sie folgten ihr. Rowan seufzte geduldig, Kestrel kicherte leise. Ihr Haar leuchtete altgold im Licht der Sterne.
Die einspurige Straße war dunkel und verlassen, aber es war nicht völlig still. Dutzende leise Nachtgeräusche waren zu hören und fügten sich zu einer komplizierten Melodie zusammen. Es wäre eigentlich sehr schön gewesen, aber Jades Koffer wurde mit jedem Schritt schwerer und sie war jetzt noch hungriger als vorhin. Sie wusste, dass sie das Rowan gegenüber besser nicht erwähnte, aber sie fühlte sich langsam immer schwächer und konnte nicht mehr klar denken.
Als sie nahe daran war, den Koffer abzustellen und sich einen Moment auszuruhen, hörte sie ein neues Geräusch.
Es war ein Auto, das sich hinter ihnen näherte. Der Wagen fuhr schnell an ihnen vorbei. Und dann spritzte plötzlich Kies hoch, das Auto bremste und setzte zurück. Jade sah einen Jungen, der sie hinter dem Fenster musterte.
Ein anderer Junge saß auf dem Beifahrersitz. Jade betrachtete sie neugierig.
Sie schienen ungefähr in Rowans Alter zu sein und waren beide braun gebrannt. Der auf dem Fahrersitz hatte blondes Haar und schien sich eine Weile nicht mehr gewaschen zu haben. Der andere hatte braunes Haar. Er trug eine Weste ohne Hemd darunter. In seinem Mundwinkel steckte ein Zahnstocher.
Beide verschlangen Jade geradezu mit ihren Blicken, als wären sie genauso neugierig wie sie. Dann wurde das Fenster an der Fahrerseite heruntergelassen.
»Wollt ihr mitfahren?«, fragte der Fahrer mit einem breiten Lächeln. Seine Zähne glänzten weiß in seinem schmutzigen Gesicht.
Jade schaute zu Rowan und Kestrel, die sie gerade einholten. Kestrel sagte nichts, aber sie musterte das Auto mit schmalen Augen. Rowans Blick war sehr freundlich und offen.
»Das sollten wir«, sagte sie lächelnd. »Wir müssen jedoch zur Burdock-Farm«, fügte sie zweifelnd hinzu. »Das liegt wahrscheinlich nicht auf eurem Weg …«
»Mensch, die kenne ich. Das ist nicht weit«, meinte der mit der Weste und kaute dabei auf dem Zahnstocher herum. »Außerdem tun wir doch alles für eine Lady«, sagte er mit dem Versuch, besonders galant zu sein. Er öffnete die Tür und stieg aus. »Eine von euch kann vorne sitzen und ich setze mich nach hinten zu den beiden anderen. Ich bin ein Glückspilz, was?« Er zwinkerte dem Fahrer zu.
»Du bist wirklich ein Glückspilz.« Der Fahrer lächelte wieder breit. Er öffnete ebenfalls seine Tür. »Am besten stellst du den Katzenkorb vorne ab. Die Koffer können in den Kofferraum«, erklärte er.
Rowan lächelte Jade zu, und Jade wusste, was sie dachte. Waren denn alle hier draußen so freundlich? Sie verteilten ihre Sachen und quetschten sich in das Auto, Jade neben dem Fahrer, und Rowan und Kestrel nahmen hinten den Jungen mit der Weste in die Mitte. Eine Minute später rasten sie die Straße entlang. Jade genoss das Tempo und der Kies knirschte unter den Rädern.
»Ich bin Vic«, sagte der Fahrer.
»Und ich bin Todd«, stellte sich der andere vor.
»Ich heiße Rowan und das ist Kestrel«, sagte Rowan. »Das da vorne ist Jade.«
»Seid ihr Freundinnen?«
»Wir sind Schwestern«, verbesserte Jade.
»Ihr seht aber gar nicht wie Schwestern aus.«
»Das behauptet jeder.« Damit meinte Jade jeden, dem sie seit ihrem Ausriss von zu Hause begegnet waren. Denn zu Hause kannten schließlich alle die drei Schwestern.
»Was macht ihr noch so spät hier draußen?«, fragte Vic. »Das ist kein Ort für nette Mädchen.«
»Wir sind auch keine netten Mädchen«, antwortete Kestrel abwesend.
»Wir versuchen es aber zu sein«, wies Rowan sie leise zurecht. An Vic gewandt, fuhr sie fort: »Wir haben auf unsere Großtante Opal gewartet, die uns an der Bushaltestelle abholen sollte, aber sie ist nicht gekommen. Wir werden bei ihr auf der Burdock-Farm einziehen.«
»Die alte Lady Burdock ist eure Tante?«, fragte Todd und nahm den Zahnstocher aus dem Mund. »Diese verrückte alte Schachtel?« Vic drehte sich um und sah ihn an. Beide lachten und schüttelten den Kopf.
Jade wandte den Blick ab. Sie starrte auf den Katzenkorb zu ihren Füßen und horchte auf die leisen Geräusche, die darauf hindeuteten, dass Tiggy wach war.
Sie spürte ein unbehagliches Gefühl in sich aufsteigen. Selbst, wenn diese Jungs freundlich zu sein schienen – unter ihrer Oberfläche verbarg sich eindeutig etwas. Aber sie war zu müde und zu hungrig, um zu erkennen, um was es sich dabei handeln könnte.
Es schien eine lange Zeit zu vergehen, bis Vic wieder etwas sagte: »Wart ihr Mädels vorher schon mal in Oregon?«
Jade blinzelte verschlafen und murmelte: »Nein.«
»Es gibt hier ziemlich einsame Gegenden«, fuhr Vic fort. »Das hier ist zum Beispiel so eine. Briar Creek war eine Goldgräberstadt, aber als das Gold versiegte und die Eisenbahn hier nicht mehr anhielt, starb die Stadt. Jetzt erobert die Wildnis sie langsam zurück.«
Sein Ton klang so, als wollte er damit etwas ganz Bestimmtes ausdrücken. Aber Jade verstand nicht, was er meinte.
»Es scheint hier sehr friedlich zu sein«, bemerkte Rowan freundlich vom Rücksitz aus.
Vic machte ein abfälliges Geräusch. »Na ja, friedlich ist nicht gerade das, was ich meine. Nehmen wir zum Beispiel diese Straße. Die Farmen liegen kilometerweit voneinander entfernt, stimmt’s? Wenn ihr schreien würdet, könnte es kein Mensch hören.«
Jade blinzelte wieder. Was redete der denn für ein seltsames Zeug?
Rowan bemühte sich immer noch um eine höfliche Unterhaltung. »Nun, du und Todd, ihr würdet es hören.«
»Ja, aber sonst niemand.« Vic wurde allmählich ungeduldig. Er fuhr immer langsamer. Jetzt lenkte er das Auto an den Rand der Straße und parkte.
»Niemand da draußen würde euch hören«, stellte er richtig und drehte sich zur Rückbank um. Jade wandte sich ebenfalls um und sah, dass Todd breit grinste.
»Das stimmt«, sagte er. »Ihr seid hier draußen mutterseelenallein mit uns. Deshalb seid ihr am besten schön brav.«
Jade sah, dass er Rowans Arm mit der einen Hand gepackt hielt und Kestrels Handgelenk mit der anderen.
Rowan sah immer noch freundlich, wenn auch leicht verwirrt aus, während Kestrel die Tür an ihrer Seite nachdenklich betrachtete. Jade wusste, dass sie nach einem Türgriff suchte. Es gab keinen.
»Zu schade«, sagte Vic. »Die Karre ist ein richtiger Schrotthaufen. Man kann nicht einmal die hinteren Türen von innen öffnen.«
Er packte Jade so fest am Oberarm, dass sie seinen Griff bis auf die Knochen spürte. »Jetzt seid ihr Süßen mal ganz lieb zu uns und dann wird euch keiner weh tun.«

KAPITEL ZWEI
»Wir sind nämlich zwei sehr einsame Jungs«, sagte Todd vom Rücksitz aus. »Es gibt hier nicht gerade viele Mädchen in unserem Alter. Und wenn wir mal drei so süße Girls wie euch treffen, na, da ist doch klar, dass wir euch besser kennenlernen wollen. Kapiert?«
»Wenn ihr also mitspielt, werden wir alle jede Menge Spaß haben«, warf Vic ein.
»Spaß? Oh nein«, rief Rowan voller Entsetzen. Jade wusste, dass sie einen Teil von Vics Gedanken gelesen hatte und sich sehr bemühte, nicht noch weiterzubohren. »Kestrel und Jade sind viel zu jung für solche Sachen. Das kommt überhaupt nicht infrage.«
»Selbst wenn ich alt genug wäre, würde ich es nicht tun«, warf Jade ein. »Aber diese Typen meinen sowieso nicht nur, dass wir zusammen Schnaps trinken. Sie meinen – das.« Sie schickte einige der Bilder, die sie von Vic empfing, telepathisch zu Rowan.
»Du lieber Himmel«, sagte Rowan ausdruckslos. »Jade, du weißt, dass wir uns darauf geeinigt hatten, die Menschen nicht mehr auf diese Art und Weise auszuspionieren.«
Ja, aber schau dir an, was sie mit uns tun wollen! Jade benutzte jetzt keine gesprochenen Worte für ihre Botschaft. Wenn ich schon eine Regel gebrochen habe, kann ich auch alle brechen, dachte sie.
»Jetzt seid doch nicht so«, beschwichtigte Vic. Er schien zu merken, dass er dabei war, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Er packte Jade am anderen Arm und zwang sie, ihn anzusehen. »Wir sind nicht hier, um zu quatschen, kapiert?« Er schüttelte sie ein wenig. Jade musterte ihn einen Moment, dann drehte sie sich um und sah fragend auf die Rückbank.
Rowans Gesicht hob sich weiß wie Porzellan von ihrem braunen Haar ab. Jade fühlte, dass sie traurig und enttäuscht war. Kestrel runzelte die Stirn.
Nun?, fragte Kestrel, ebenfalls ohne laut zu sprechen.
Nun?, fragte auch Jade. Sie wand sich, als Vic sie noch näher zu sich heranziehen wollte. Komm schon, Rowan, er begrapscht mich.
Ich glaube, wir haben keine andere Wahl, kam Rowans wortlose Antwort.
Sofort drehte Jade sich zu Vic um. Er versuchte immer noch, sie an sich zu pressen, und war überrascht, dass es ihm nicht gelang. Doch plötzlich hörte Jade auf, sich ihm zu widersetzen, und ließ sich in seine Umarmung fallen. Dann wand sie geschickt einen Arm aus seinem Griff und schlug ihm mit dem Handrücken unter das Kinn. Seine Zähne krachten aufeinander, sein Kopf fiel nach hinten und seine Kehle war entblößt.
Jade biss zu.
Sie fühlte sich schuldig und erregt zugleich. An diese Art und Weise war sie nicht gewöhnt. Ihr Opfer war wach und wehrte sich, statt hypnotisiert und willig zu sein. Aber sie wusste, dass sie ihrem scharfen Instinkt trauen konnte. Er war ein Teil ihres besonderen genetischen Codes.
Das einzige Problem lag darin, dass sie dieses Gefühl eigentlich nicht genießen sollte. Denn es widersprach dem, weshalb sie, Rowan und Kestrel nach Briar Creek gekommen waren.
Am Rande bekam sie das Gerangel hinter ihr mit. Rowan hatte den Arm gepackt, mit dem Todd sie festgehalten hatte. Auf der anderen Seite hatte Kestrel dasselbe getan.
Todd kämpfte. Seine Stimme klang wie vom Donner gerührt: »He, he, was seid ihr für …?«
Rowan biss zu.
»Was machst du da?«
Kestrel biss zu.
»Was zum Teufel tut ihr da? Wer seid ihr? Wer zur Hölle seid ihr …?«
Er schlug eine Minute wild um sich, dann gab er nach, als Rowan und Kestrel ihn telepathisch in Trance zwangen.
Und es dauerte nur eine weitere Minute, bis Rowan sagte: »Das ist genug.«
Ach, Rowan, beschwerte Jade sich.
»Das ist genug. Rede ihm ein, dass er sich an nichts erinnern wird, und finde heraus, ob er den Weg zur Burdock-Farm kennt.«
Jade trank immer noch und streckte ihren Verstand mit federleichten Fühlern aus. Dann zog sie sich zurück und schloss den Mund wie zu einem Kuss, als sie ihre Lippen von Vics Haut löste. Vic glich zu diesem Zeitpunkt einer großen Stoffpuppe. Er fiel leblos aufs Steuer, als sie ihn losließ.
»Die Farm liegt in dieser Richtung. Wir müssen zurück zur Kreuzung. Sehr merkwürdig. Er dachte, er würde keine Schwierigkeiten bekommen, wenn er uns vergewaltigt, weil irgendetwas mit Tante Opal ist. Aber ich konnte nicht herausfinden, was.«
»Vielleicht, weil sie verrückt ist«, meinte Kestrel nüchtern. »Todd dachte jedenfalls, er würde keine Schwierigkeiten bekommen, weil sein Vater hier einer der Ältesten ist.«
»Menschen haben keinen Ältestenrat«, sagte Jade leicht überheblich. »Du meinst wahrscheinlich, dass er ein Polizeibeamter oder so was ist.«
Rowan war nachdenklich. Sie sah die beiden nicht an. »Gut. Das war ein Notfall. Wir mussten es tun. Aber ab jetzt verhalten wir uns so, wie wir es beschlossen haben.«
»Bis zum nächsten Notfall.« Kestrel lächelte aus dem Autofenster hinaus in die Nacht.
Um Rowan zuvorzukommen, sagte Jade schnell: »Meinst du, wir können sie einfach so hier zurücklassen?«
»Warum nicht?« antwortete Kestrel sorglos. »Sie werden in ein paar Stunden aufwachen.«
Jade betrachtete Vics Hals. Die beiden kleinen Wunden, die ihre Zähne in seine Haut gebohrt hatten, waren schon fast wieder geschlossen. Morgen würden nur schwache rote Male wie von alten Insektenstichen zu sehen sein.
Fünf Minuten später waren sie mit ihren Koffern wieder auf der Straße unterwegs. Dieses Mal jedoch war Jade bester Laune. Keinen Hunger mehr zu haben, machte einen großen Unterschied aus. Sie fühlte sich so prall gefüllt mit Blut wie ein Floh, war voller Energie und bereit, Berge zu erklimmen. Sie schwang abwechselnd den Katzenkorb und den Koffer und Tiggy beschwerte sich.
Es war wundervoll, hier draußen zu sein, allein durch die warme Nachtluft zu wandern, ohne dass jemand missbilligend die Stirn runzelte. Sie war richtig glücklich und hatte sich noch nie so frei gefühlt.
»Es ist nett hier, nicht?«, fragte Rowan leise und schaute sich um, als sie die Kreuzung erreicht hatten. »Das ist die wirkliche Welt. Und wir haben genauso ein Recht darauf wie jeder andere.«
»Ich glaube, es liegt am Blut«, meinte Kestrel. »Freie Menschen sind so viel besser als die Gefangenen. Warum hat uns unser lieber Bruder das nie erzählt?«
Ash, dachte Jade und fühlte einen kalten Windhauch. Sie schaute sich um, aber nicht nach einem Auto, sondern nach etwas, das viel leiser und tödlicher war. Plötzlich erkannte sie, wie zerbrechlich ihr neues Glück war.
»Meinst du, sie fangen uns wieder ein?«, fragte sie Rowan und verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde in ein kleines Mädchen, das die große Schwester um Hilfe bittet.
»Nein«, versicherte ihr Rowan zuversichtlich, die beste große Schwester der Welt.
»Aber, wenn Ash es herausbekommt … Er ist der Einzige, der draufkommen könnte …«
»Wir werden nicht geschnappt. Niemand wird wissen, dass wir hier sind«, tröstete Rowan sie.
Jade fühlte sich besser. Sie setzte den Koffer ab und streckte Rowan die Hand hin. Rowan nahm sie. »Für immer zusammen«, sagte Jade feierlich.
Kestrel, die ein paar Schritte voraus war, schaute über die Schulter zurück. Dann kehrte sie um und legte ihre Hand auf die ihrer Schwestern.
»Für immer zusammen.«
Rowan sagte es feierlich, Kestrel kniff dabei ihre goldenen Augen zusammen, und Jade sprach voller Überzeugung.
Als sie weitergingen, war Jade wieder übermütig und fröhlich und genoss die samtblaue Nacht.
Die Straße war inzwischen nicht mehr geteert und bestand nur noch aus Lehm. Sie kamen an Wiesen vorbei und an Hainen mit hohen Fichten. Ein einzelnes Farmhaus lag zur Linken. Eine lange Einfahrt führte hinauf. Und endlich, am Ende des Weges, befand sich ein anderes Haus.
»Das ist es«, sagte Rowan, und Jade erkannte es ebenfalls von den Bildern, die Tante Opal ihnen geschickt hatte. Es hatte zwei Stockwerke, eine ebenerdige Veranda, die ganz um das Haus herumführte, und ein steiles Dach mit vielen Giebeln. Eine Kuppel krönte das Dach und auf der Scheune befand sich ein Wetterhahn.
Ein richtiger Wetterhahn, dachte Jade und blieb stehen, um ihn anzuschauen. »Ich liebe es«, sagte sie ernst.
Rowan und Kestrel waren ebenfalls stehen geblieben, aber ihre Mienen waren von Jades entzücktem Staunen weit entfernt. Rowan sah ziemlich entsetzt aus.
»Das ist ja eine Bruchbude. Schau dir die Scheune an. Die Farbe ist total abgeblättert. Auf den Bildern erkennt man das gar nicht«, stieß sie hervor.
»Und die Veranda erst. Die könnte jeden Moment in sich zusammenkrachen«, fügte Kestrel hinzu.
»Die Arbeit. Diese Arbeit, die wir da reinstecken müssen, um das Haus zu renovieren …«, flüsterte Rowan.
»Vom Geld ganz zu schweigen«, warf Kestrel ein.
Jade sah sie kalt an. »Warum sollte man es renovieren? Mir gefällt es. Es ist eben etwas anderes.« Mit hocherhobenem Kopf nahm sie ihren Koffer und ging zum Ende des Weges. Ein baufälliger Zaun umrundete den Besitz und das Tor sah gefährlich wackelig aus. Dahinter, auf einem mit Unkraut überwucherten Weg, lagen einige Zaunpfähle. Jemand schien geplant zu haben, den Zaun zu reparieren, und war anscheinend noch nicht dazu gekommen.
Jade setzte den Koffer und den Katzenkorb ab und zog an dem Tor. Zu ihrer Überraschung ließ es sich ganz leicht öffnen.
»Seht ihr, das mag alles nicht so toll aussehen, aber es funktioniert noch …« Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, denn das Tor fiel ihr entgegen.
»Na ja, vielleicht funktioniert es nicht, aber es gehört uns«, sagte sie.
»Nein, es gehört Tante Opal«, widersprach Kestrel.
Rowan glättete nur ihr Haar und meinte: »Nun kommt schon.«
Eine der Stufen zur Veranda fehlte und der Boden hatte ein paar Löcher. Jade wich ihnen würdevoll aushinkend aus. Das Tor hatte sie am Schienbein getroffen, und da es aus Holz war, tat es immer noch weh. Tatsächlich schien alles hier aus Holz zu sein, was bei Jade ein freudiges Gefühl hervorrief. Zu Hause war jegliches Holz verbannt.
Man muss hier sehr vorsichtig sein oder man verletzt sich, dachte sie.
Rowan und Kestrel klopften an die Tür. Rowan höflich mit den Fingerknöcheln, Kestrel ungeduldig mit der ganzen Hand. Es kam keine Antwort.
»Sie scheint nicht da zu sein«, sagte Rowan.
»Sie hat wohl beschlossen, dass sie uns doch nicht hier haben will«, stellte Kestrel fest, und ihre goldenen Augen glänzten.
»Vielleicht ist sie zur falschen Bushaltestelle gefahren«, überlegte Jade.
»Ja, das wird es sein. Die arme Tante Opal. Jetzt wartet sie irgendwo da draußen, und sie wird glauben, dass wir nicht kommen«, sagte Rowan mitfühlend.
»Manchmal bist du wirklich gar nicht so blöd.« Ein großes Lob von Kestrel für Jade.
»Gehen wir rein«, schlug Jade vor, um zu verbergen, wie sehr sie sich darüber freute. »Sie wird sicher irgendwann zurückkommen.«
»Menschenhäuser haben Schlösser«, begann Rowan, aber dieses Haus war nicht abgeschlossen. Der Türknopf drehte sich in Jades Hand. Die drei traten ein.
Drinnen war es dunkel, sogar noch dunkler als in der mondlosen Nacht dort draußen, doch Jades Augen hatten sich in ein paar Sekunden daran gewöhnt.
»He, das ist gar nicht mal schlecht«, sagte sie. Sie standen in einem etwas schäbigen, aber hübschen Wohnzimmer mit vielen großen Möbeln. Möbeln aus Holz natürlich, dunkel und auf Hochglanz poliert. Die Oberflächen der Tische waren aus Marmor.
Rowan fand einen Lichtschalter und viel zu plötzlich war es hell im Zimmer. Blinzelnd sah Jade, dass die Wände apfelgrün waren, abgesetzt mit Stuck in einer dunkleren Schattierung desselben Grüns. Jade fühlte sich seltsam friedlich und geborgen, als würde sie hierher gehören. Vielleicht lag das an den vielen, schweren Möbeln.
Sie schaute zu Rowan, die sich ebenfalls umsah. Ihr schlanker, geschmeidiger Körper entspannte sich langsam.
Rowan lächelte und erwiderte Jades Blick. Sie nickte. »Ja.«
Jade sonnte sich einen Moment in dem Gefühl, schon zweimal innerhalb von fünf Minuten recht gehabt zu haben – dann fiel ihr der Koffer wieder ein.
»Schauen wir doch mal, wie der Rest des Hauses aussieht«, sagte sie hastig. »Ich sehe mich oben um, ihr beide könnt hier unten bleiben.«
»Du möchtest dir doch nur das schönste Schlafzimmer aussuchen«, meinte Kestrel.
Jade ignorierte sie und rannte die breite, mit Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Es gab eine Menge Schlafzimmer und jedes war sehr geräumig. Sie wollte jedoch nicht das beste, sondern das am weitesten abgelegene.
Am Ende des Flures lag ein Zimmer, das meerblau gestrichen war. Jade knallte die Tür hinter sich zu und legte den Koffer auf das Bett. Sie hielt den Atem an und öffnete ihn.
Oh nein!
Drei Minuten später ging die Tür hinter ihr auf. Aber Jade drehte sich nicht einmal um.
»Was machst du da eigentlich?«, fragte Kestrel.
Jade hielt in ihrer panischen Bemühung inne, die zwei Kätzchen wiederzubeleben, die sie in der Hand hielt. »Sie sind tot!«, klagte sie.
»Was hast du denn erwartet? Sie müssen atmen, du Idiotin. Wie sollten sie denn die zwei Tage der Reise überleben?«
Jade schluchzte.
»Rowan hat dir doch gesagt, dass du nur ein Tier mitnehmen kannst.«
Jade schluchzte noch lauter und schaute Kestrel böse an. »Genau deshalb habe ich die beiden in den Koffer gesteckt.« Sie bekam Schluckauf. »Wenigstens geht es Tiggy gut.« Sie ließ sich auf die Knie fallen und blickte in den Katzenkorb, um sicherzugehen, dass es dem Kater auch wirklich gut ging. Er hatte die Ohren zurückgelegt und seine goldenen Augen glänzten in dem dichten schwarzen Fell. Dann fauchte er und Jade stand auf. Tiggy war okay.
»Fünf Dollar, und ich bringe die Toten weg«, schlug Kestrel vor.
»Nein!« Jade sprang auf, stellte sich schützend vor die kleinen Kätzchen und formte die Hände zu Klauen.
»Nicht, wie du das meinst«, sagte Kestrel beleidigt. »Ich esse kein Aas. Wenn du sie nicht irgendwie fortschaffst, wird Rowan Wind von der Sache bekommen. Um Himmels willen, Kleine, du bist ein Vampir«, fügte sie hinzu, als Jade die leblosen Körper an ihre Brust drückte. »Jetzt benimm dich auch so.«
»Ich will sie beerdigen. Sie sollen ein Begräbnis bekommen«, beharrte Jade.
Kestrel verdrehte die Augen und ging hinaus. Jade wickelte die Kätzchen in ihre Jacke und schlich auf Zehenspitzen hinter ihr her.
Ich brauche eine Schaufel, dachte sie. Wo könnte ich bloß eine finden?
Während sie nach Rowan Ausschau hielt, sah sie sich im Erdgeschoss um. Alle Zimmer sahen so imposant und leicht heruntergekommen aus wie das Wohnzimmer. Die Küche war riesig. Sie besaß eine offene Feuerstelle und eine angrenzende Waschküche. Außerdem war da eine Tür zum Keller.
Jade stieg vorsichtig die Stufen hinunter. Sie konnte kein Licht anmachen, denn sie brauchte beide Hände für die Kätzchen. Und da sie die Kätzchen vor sich her trug, konnte sie ihre Füße nicht sehen. Mit den Zehenspitzen musste sie sich jeden Schritt ertasten.
Am Ende der Treppe fühlte sie etwas Elastisches, das leicht nachgab. Es lag ihr im Weg. Langsam verdrehte Jade den Hals und versuchte, nach unten zu schauen.
Es war dämmrig hier. Ihre eigene Gestalt blockierte das Licht, das aus der Küche von oben herunterfiel. Aber sie konnte etwas erkennen, das aussah wie ein Bündel alter Kleider.
Jade beschlich ein sehr, sehr mulmiges Gefühl.
Sie stieß das Bündel leicht mit der Fußspitze an. Es bewegte sich ein wenig. Jade holte tief Luft und trat fester zu.
Das Bündel war aus einem Stück und rollte herum. Jade schaute nach unten, rang einen Moment nach Luft – und schrie.
Der Schrei war laut und gellend. Aber sie fügte noch einen telepathischen Hilferuf mit der Wirkung einer Alarmsirene hinzu.
Rowan! Kestrel! Kommt schnell in den Keller!
Sekunden später ging das Kellerlicht an und Rowan und Kestrel kamen die Stufen hinuntergepoltert.
»Ich habe es dir wieder und wieder gesagt«, stieß Rowan wütend hervor. »Wir benutzen unsere Kräfte nicht …« Sie hielt inne und starrte fassungslos nach unten.
»Ich glaube, das ist Tante Opal«, sagte Jade zitternd.

KAPITEL DREI
»Sie sieht nicht gut aus.« Kestrel schaute Rowan über die Schulter.
»Oh nein«, keuchte Rowan entsetzt.
Großtante Opal glich einer Mumie. Ihre Haut sah wie gelbbraunes hartes glattes Leder aus. Sie glänzte beinahe. Außer der Haut, die sich straff über das Skelett spannte, war nicht mehr viel übrig. Sie besaß kein Haar mehr. Ihre Augen waren dunkle Höhlen mit vertrocknetem Gewebe darin. Ihre Nase war in sich zusammengefallen.
»Armes Tantchen«, stieß Rowan mit feuchten Augen hervor.
»Wir werden auch einmal so aussehen, wenn wir sterben«, setzte Kestrel nachdenklich hinzu.