Inhaltsverzeichnis
DIE AUTORIN
Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10 000 Büchern im Norden Kaliforniens.
Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:
Die Tagebuch eines Vampirs-Reihe
Im Zwielicht (Band 1, 30497)
Bei Dämmerung (Band 2, 30498)
In der Dunkelheit (Band 3, 30499)
In der Schattenwelt (Band 4, 30500)
Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)
Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)
Die Night World-Reihe
Engel der Verdammnis (30633)
Prinz des Schattenreichs (30634)
Jägerin der Dunkelheit (30635)
Retter der Nacht (30712)
Töchter der Finsternis (30714)
Der Magische Zirkel
Die Ankunft (Band 1, 30660)
Der Verrat (Band 2, 30661)
Die Erlösung (Band 3, 30662)
KAPITEL EINS
Die Werwölfe kamen, als Hannah Snow in der Praxis des Psychologen war.
Sie war aus einem naheliegenden Grund dort. »Ich denke, ich verliere den Verstand«, sagte sie leise, sobald sie Platz genommen hatte.
»Und was bringt dich auf diese Idee?« Die Stimme des Psychologen war neutral und besänftigend.
Hannah schluckte.
Okay, dachte sie. Raus mit der Sprache. Sie würde das paranoide Gefühl überspringen, verfolgt zu werden, und das ultraparanoide Gefühl, dass jemand sie zu töten versuchte, sie würde die Träume ignorieren, aus denen sie schreiend erwachte. Sie würde direkt auf die wirklich unheimlichen Sachen zu sprechen kommen.
»Ich mache Notizen«, erklärte sie energisch.
»Notizen.« Der Therapeut nickte und tippte sich mit einem Bleistift auf die Lippen. Als das Schweigen sich in die Länge zog, fragte er: »Ähm, und das macht dir zu schaffen?«
»Ja.« In atemloser Eile fügte sie hinzu: »Früher war alles so perfekt. Ich meine, ich hatte mein ganzes Leben völlig im Griff. Ich bin Oberstufenschülerin an der Sacajawea-Highschool. Ich habe nette Freunde; ich habe gute Noten. Für nächstes Jahr habe ich bereits ein Stipendium der Utah State University in der Tasche. Und jetzt bricht alles zusammen … meinetwegen. Weil ich verrückt werde.«
»Weil du Notizen machst?«, fragte der Psychologe verwirrt. »Ähm, schreibst du Drohbriefe, notierst du dir zwanghaft irgendwelche Dinge …?«
»Notizen wie diese hier.« Hannah beugte sich auf ihrem Stuhl vor und legte eine Handvoll zerknitterter Papierfetzen auf seinen Schreibtisch. Dann wandte sie kläglich den Blick ab, während er sie las.
Er schien ein netter Kerl zu sein – überraschend jung für einen Psychofritzen, dachte sie. Sein Name war Paul Winfield. »Nenn mich Paul«, hatte er gesagt – und er hatte rotes Haar und analytische blaue Augen. Er sah aus, als könnte er sowohl Sinn für Humor als auch Temperament haben.
Und er mag mich, dachte Hannah. Sie hatte ein anerkennendes Aufflackern in seinen Augen gesehen, als er die Haustür geöffnet hatte und sie davorgestanden war, eine Silhouette vor dem typisch flammenden Sonnenuntergang Montanas.
Und dann hatte sie bemerkt, wie diese Anerkennung in seinem Blick absoluter Leere gewichen war, erschrockener Neutralität, als er nach ihrem Eintreten ihr Gesicht sehen konnte.
Es spielte keine Rolle. Hannah war es gewöhnt, dass sie die Leute zweimal ansahen, ein Blick für das lange, glatte blonde Haar und die klaren grauen Augen … Und ein zweiter für das Muttermal.
Es zog sich diagonal unter ihrem linken Wangenknochen hin und war von einer bleichen Erdbeerfarbe, als habe jemand einen Finger in Rouge getaucht und dann damit sanft über Hannahs Gesicht gestrichen. Mit dem Unterschied, dass es für immer war – die Ärzte hatten es zweimal mit Lasern entfernt, und es war beide Male zurückgekommen.
Plötzlich räusperte Paul sich und schreckte sie auf. Sie sah ihn wieder an. »›Tod vor 17‹«, las er laut vor, während er die Papierfetzen durchblätterte. »›Erinnere dich an die Drei Flüsse – wirf diese Notiz NICHT weg.‹ – ›Der Zyklus kann durchbrochen werden.‹ – ›Es ist fast Mai – du weißt, was dann geschieht.‹« Er griff nach dem letzten Zettel. »Und auf diesem hier steht nur: ›Er kommt.‹«
Er strich die Zettel glatt und sah Hannah an. »Was bedeuten sie?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du weißt es nicht?«
»Ich habe sie nicht geschrieben«, erwiderte Hannah mit zusammengebissenen Zähnen.
Paul blinzelte und klopfte schneller mit seinem Bleistift. »Aber du hast gesagt, du hättest sie geschrieben …«
»Es ist meine Handschrift. Das gebe ich zu«, antwortete Hannah. Jetzt, da sie angefangen hatte, sprudelten die Worte atemlos und unaufhaltsam aus ihr heraus. »Und ich finde sie an Stellen, an denen niemand sonst sie hätte verstecken können … In meiner Sockenschublade, in meinem Kopfkissenbezug. Heute Morgen bin ich aufgewacht und hielt den letzten in der Hand. Aber ich schreibe sie trotzdem nicht.«
Paul schwenkte triumphierend seinen Bleistift. »Ich verstehe. Du kannst dich nicht daran erinnern, sie geschrieben zu haben.«
»Ich erinnere mich nicht daran, weil ich es nicht getan habe. Ich würde niemals solche Dinge schreiben. Das ist lauter Unsinn.«
»Nun.« Klopf. Klopf. »Ich schätze, das kommt drauf an. ›Es ist fast Mai‹ – was geschieht im Mai?«
»Der erste Mai ist mein Geburtstag.«
»Das ist, hm, in einer Woche? Morgen in einer Woche. Und du wirst wie alt …?«
Hannah stieß den Atem aus. »Siebzehn.«
Sie sah, wie der Psychologe nach einem der Zettel griff – sie brauchte nicht zu fragen, nach welchem.
Tod vor siebzehn, dachte sie.
»Du bist noch ziemlich jung, um deinen Schulabschluss zu machen«, bemerkte Paul.
»Ja. Meine Mom hat mich, als ich noch klein war, zu Hause unterrichtet, und ich kam gleich in die erste Klasse statt in den Kindergarten.«
Paul nickte, sie konnte förmlich sehen, wie er dachte: übereifrig.
»Hast du jemals« – er hielt taktvoll inne – »an Selbstmord gedacht?«
»Nein. Niemals. So etwas würde ich niemals tun.«
»Hm …« Paul runzelte die Stirn und schaute auf die Zettel. Es folgte ein langes Schweigen und Hannah sah sich im Raum um.
Dieser war eingerichtet wie eine Psychologenpraxis, obwohl er einfach Teil eines Wohnhauses war. Hier draußen in Zentralmontana, wo die Häuser meilenweit voneinander entfernt lagen, musste man Städte mit der Lupe suchen. Das gleiche galt für Psychologen – und das war auch der Grund, warum Hannah hier war. Paul Winfield war der einzige Therapeut weit und breit.
An den Wänden hingen Diplome; Bücher und unpersönlicher Nippes standen im Bücherregal. Ein geschnitzter hölzerner Elefant. Eine halbtote Pflanze. Ein in Silber gerahmtes Foto. Es befand sich sogar eine offiziell aussehende Couch im Raum.
Und, werde ich mich jemals drauflegen?, dachte Hannah. Ich glaube nicht.
Papier raschelte, als Paul einen Zettel beiseitelegte. Dann fragte er sanft: »Hast du das Gefühl, dass jemand anderer versucht, dir etwas anzutun?«
Hannah schloss die Augen.
Natürlich hatte sie das Gefühl, dass jemand versuchte, ihr etwas anzutun. Das gehörte schließlich zur Paranoia, nicht wahr? Es bewies, dass sie verrückt war.
»Manchmal habe ich das Gefühl, verfolgt zu werden«, antwortete sie schließlich, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»Von …?«
»Ich weiß es nicht.« Dann öffnete sie die Augen wieder und sagte entschieden: »Von etwas Unheimlichem und Übernatürlichem, das es auf mich abgesehen hat. Und ich träume von der Apokalypse.«
Paul blinzelte. »Von der – Apoka…«
»Vom Ende der Welt. Zumindest schätze ich, dass es sich darum handelt. Eine riesige Schlacht, die bevorsteht: irgendein gewaltiger, schrecklicher, ultimativer Kampf. Zwischen den Mächten des …« Sie sah, wie er sie anstarrte. Sie wandte den Blick ab und fuhr resigniert fort: »… des Guten …« Sie hielt eine Hand hoch. »… und des Bösen.« Sie hob die andere. Dann erschlafften beide Hände und sie ließ sie auf den Schoß sinken. »Also bin ich verrückt, richtig?«
»Nein, nein, nein.« Er spielte mit dem Bleistift herum, dann klopfte er auf seine Hosentasche. »Hast du zufällig eine Zigarette? »
Sie sah ihn ungläubig an und er zuckte zusammen. »Nein, natürlich nicht. Was rede ich da? Es ist eine schlechte Angewohnheit. Ich habe letzte Woche aufgehört.«
Hannah öffnete den Mund, schloss ihn wieder und begann dann langsam zu sprechen. »Hören Sie, Doktor – ich meine, Paul. Ich bin hier, weil ich nicht verrückt werden will. Ich will einfach wieder Ich sein. Ich will zusammen mit meiner Klasse meinen Abschluss machen. Ich will einen wunderbaren Sommer haben und mit meiner besten Freundin, Chess, ausreiten. Und nächstes Jahr will ich die Utah State besuchen und die Evolution der Dinosaurier studieren und vielleicht ein eigenes Schnabeltiernest finden. Ich will mein Leben zurückhaben. Aber wenn Sie mir nicht helfen können …«
Sie brach ab und schluckte. Sie weinte so gut wie nie; denn es bedeutete den ultimativen Kontrollverlust. Aber jetzt konnte sie es nicht verhindern. Sie spürte, wie ihr eine warme Feuchtigkeit aus den Augen quoll und über die Wangen rollte, um sie am Kinn zu kitzeln. Gedemütigt wischte sie die Tränen weg, während Paul Ausschau nach einem Papiertaschentuch hielt. Sie schniefte.
»Es tut mir leid«, sagte er. Er hatte eine Schachtel Kleenex gefunden, aber er beachtete sie nicht weiter, sondern erhob sich und trat neben Hannah. Jetzt waren seine Augen nicht mehr analytisch; sie waren blau und jungenhaft, während er sanft ihre Hand drückte. »Es tut mir leid, Hannah. Das alles klingt schrecklich. Aber ich bin mir sicher, dass ich dir helfen kann. Wir werden der Sache auf den Grund gehen. Du wirst schon sehen, im Sommer wirst du deinen Abschluss machen und mit den Schnabeltieren reiten, genau wie immer.« Er lächelte, um zu zeigen, dass es ein Scherz war. »All dies wird hinter dir liegen.«
»Meinen Sie wirklich?«
Er nickte. Dann schien ihm klar zu werden, dass er dastand und einer Patientin die Hand hielt: keine sehr professionelle Haltung. Er ließ sie hastig los. »Vielleicht hast du es schon erraten; du bist mehr oder weniger meine erste Patientin. Nicht, dass ich nicht ausgebildet wäre – ich gehörte zu den besten zehn Prozent meines Kurses … Also. Nun.« Er klopfte wieder auf seine Taschen, förderte den Bleistift zu Tage und steckte ihn in den Mund. Dann setzte er sich. »Lass uns beim ersten dieser Träume anfangen, an den du dich erinnern kannst. Als …«
Er brach ab, als irgendwo im Haus ein Läuten erklang. Die Türklingel.
Er wirkte durcheinander. »Wer könnte …« Er schaute auf die Uhr im Bücherregal und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, das dürfte nur eine Minute dauern. Mach es dir einfach bequem, bis ich zurück bin.«
»Öffnen Sie nicht«, sagte Hannah.
Sie wusste nicht, warum sie es sagte. Sie wusste nur, dass sie beim Läuten der Türklingel ein Schauder überlaufen hatte und dass ihr jetzt das Herz hämmerte und Hände und Füße kribbelten.
Paul wirkte einen Moment lang verblüfft, dann schenkte er ihr ein sanftes, beruhigendes Lächeln. »Ich glaube nicht, dass die Apokalypse vor der Tür steht, Hannah. Wenn ich zurück bin, werden wir über diese Angstgefühle reden.« Er berührte sie sacht an der Schulter, bevor er den Raum verließ. Hannah saß da und lauschte. Er hatte natürlich recht. Ein Türklingeln war nichts Bedrohliches. Es war nur ihre eigene Verrücktheit.
Sie lehnte sich auf dem sanft geschwungenen Stuhl zurück, schaute sich wieder im Raum um und versuchte, sich zu entspannen.
Es findet alles in meinem Kopf statt. Der Psychologe wird mir helfen …
In diesem Moment explodierte das Fenster am anderen Ende des Raums.
KAPITEL ZWEI
Hannah sprang auf. Ihre Wahrnehmung funktionierte nur noch bruchstückhaft. Sie verarbeitete alles um sich herum nach und nach, denn sie konnte die ganze Situation nicht auf einmal erfassen. Es war zu bizzar.
Zuerst dachte sie einfach an eine Bombe. So laut war die Explosion. Dann begriff sie, dass etwas durch das Fenster hereingekommen war, dass es durch das Glas geflogen war. Und dass es sich jetzt mit ihr im Raum befand und zwischen den Scherben der Fensterscheibe hockte.
Und noch immer konnte sie es nicht identifizieren. Es war zu widersinnig; ihr Verstand weigerte sich, die Gestalt sofort zu erkennen. Etwas ziemlich Großes – etwas Dunkles, sagte ihr Verstand. Ein Körper wie der eines Hundes, aber höher gebaut, mit längeren Beinen. Mit gelben Augen.
Und dann, als habe sich plötzlich das richtige Glas vor ihre Augen geschoben, sah sie die Kreatur deutlich.
Ein Wolf. Es war ein großer schwarzer Wolf mit ihr im Raum.
Er war ein prächtiges Tier, schlank und muskulös, mit ebenholzfarbenem Fell und einem weißen Streifen an der Kehle, der aussah wie ein Blitz. Der Wolf sah sie starr und mit einem beinah menschlichen Gesichtsausdruck an.
Aus dem Yellowstone Park entkommen, dachte Hannah benommen. Die Zoologen haben versucht, den Wolf wieder im Park anzusiedeln, nicht wahr? Wild konnte das Tier nicht sein; Ryan Hardens Urgroßvater hatte jahrelang damit geprahlt, dass er als Junge den letzten Wolf in Amador County getötet habe.
Wie dem auch sei, überlegte sie weiter, Wölfe greifen keine Menschen an. Sie greifen niemals Menschen an. Ein einzelner Wolf würde niemals einen ausgewachsenen Teenager angreifen.
Und die ganze Zeit, während ihr bewusster Geist dies dachte, brachte etwas Tieferes sie dazu, sich zu bewegen.
Es brachte sie dazu, langsam zurückzuweichen. Ohne den Blick auch nur eine Sekunde von dem Wolf abzuwenden, bis sie das Bücherregal hinter sich spürte.
Da ist etwas, das du holen musst, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie war nicht wie die Stimme einer anderen Person, aber sie war auch nicht genau wie ihre eigene innere Stimme. Die Stimme war wie ein dunkler, kühler Wind: wissend und trostlos zugleich. Etwas, das du vorhin auf einem Regal gesehen hast, sagte die Stimme.
Mit einer verboten anmutigen Bewegung setzte der Wolf keine drei Meter entfernt von ihr zum Sprung an.
Sie hatte keine Zeit, Angst zu haben. Hannah sah einen buschigen fließenden schwarzen Bogen auf sich zuschießen. Dann krachte sie gegen das Bücherregal. Danach versank für eine Weile alles einfach im Chaos. Bücher und Nippessachen fielen um sie herum zu Boden. Sie versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, versuchte, den schweren pelzigen Körper von sich zu stoßen. Der Wolf fiel zurück, dann setzte er erneut zum Sprung an, während sie sich zur Seite drehte, um schnellstens wegzukommen.
Und das Seltsamste war, dass ihr das tatsächlich gelang.
Oder zumindest wich sie den gefährlichsten Sprüngen des Wolfs aus, die offensichtlich darauf abzielten, sie zu Boden zu werfen. Ihr Körper bewegte sich, als wäre er irgendwie instinktgesteuert, als wisse sie, was sie tun musste.
Aber ich weiß es nicht. Ich kämpfe niemals … Und ich habe gewiss noch nie zuvor mit einem Wolf Völkerball gespielt …
Und noch während sie dies dachte, wurden ihre Bewegungen langsamer. Sie fühlte sich nicht mehr sicher und instinktgesteuert. Sie war verwirrt.
Und der Wolf schien es zu wissen. Seine Augen leuchteten im Licht einer umgeworfenen Lampe in einem unheimlichen Gelb. Es waren so seltsame Augen, intensiver und wilder als die eines jeden Tieres, das sie je gesehen hatte. Sie bemerkte, wie er die Beinmuskeln anspannte.
Beweg dich – jetzt, fuhr der mysteriöse neue Teil ihres Geistes sie an.
Hannah bewegte sich. Der Wolf prallte mit unglaublicher Wucht gegen das Bücherregal, sodass es umfiel. Hannah warf sich gerade noch rechtzeitig zur Seite, um nicht erdrückt zu werden – aber das Regal fiel mit einem höllischen Lärm direkt vor die Tür.
Du sitzt in der Falle, bemerkte die dunkle, kühle Stimme in Hannahs Kopf analytisch. Kein Ausweg mehr, bis auf das Fenster.
»Hannah? Hannah?« Pauls Stimme aus dem Flur. Die Tür flog auf – ganze zehn Zentimeter weit, dann wurde sie von dem umgestürzten Bücherregal blockiert. »Gott – was geht da drin vor? Hannah? Hannah!« Er klang jetzt panisch und hämmerte vergeblich gegen die Tür.
Denk nicht an ihn, sagte der neue Teil von Hannahs Geist scharf, aber Hannah konnte nicht anders. Er klang so verzweifelt. Sie öffnete den Mund, um ihm eine Antwort zuzurufen, und ihre Konzentration war gebrochen.
Und der Wolf sprang. Diesmal wich Hannah nicht schnell genug aus. Eine gewaltige Masse warf sie zu Boden und durch den Raum. Sie schlug mit Kopf und Rücken auf den Dielenbrettern auf.
Es tat weh.
Alles um sie herum wurde grau. Ihr flimmerte es vor Augen, ihr Geist erhob sich über den Schmerz und ihr kam ein seltsamer Gedanke.
Ich bin jetzt tot. Es ist wieder vorbei. Oh Isis, Göttin des Lebens, führe mich in die andere Welt …
»Hannah! Hannah! Was geht hier vor?« Sie nahm Pauls hektische Stimme nur am Rande wahr.
Hannahs Sicht klärte sich und die bizarren Gedanken verschwanden. Sie schwebte nicht in glitzernder Leere und sie war nicht tot. Sie lag auf dem Boden, die scharfe Ecke eines Buches bohrte sich in ihr Kreuz und ein Wolf hockte auf ihrer Brust.
Selbst in ihrer panischen Angst verspürte sie eine seltsame, entsetzte Faszination. Sie hatte noch nie zuvor ein wildes Tier aus solcher Nähe gesehen. Sie konnte die Haare mit den weißen Spitzen auf seinem Gesicht und Nacken sehen, die sich aufgestellt hatten; sie konnte Speichel auf seiner heraushängenden roten Zunge sehen. Sie konnte seinen Atem riechen – feucht und heiß, erinnerte er sie vage an den Atem eines Hundes, war aber viel wilder.
Und sie konnte sich nicht bewegen, stellte sie fest. Der Wolf war genauso lang, wie sie groß war, und er wog mehr als sie. Unter ihm war sie vollkommen hilflos. Sie konnte nur daliegen und zittern, während sich die schmale, beinahe zarte Schnauze immer näher und näher an ihr Gesicht heranschob. Sie schloss unwillkürlich die Augen, als sie die kalte Nässe seiner Nase auf ihrer Wange spürte. Es war keine Geste der Zuneigung. Der Wolf schob die Haarsträhnen weg, die ihr übers Gesicht gefallen waren. Er benutzte seine Schnauze wie eine Hand, um das Haar beiseitezustreichen.
Oh Gott, bitte, mach, dass er aufhört, dachte Hannah. Aber sie war die Einzige, die dem hier ein Ende setzen konnte – und sie wusste nicht, wie.
Jetzt bewegte sich die kalte Nase über ihren Wangenknochen. Das Schnuppern drang laut in ihr Ohr. Der Wolf schien sie zu riechen, sie zu kosten und sie gleichzeitig anzusehen.
Nein. Er sieht nicht mich an. Er sieht mein Muttermal an.
Es war wieder einer dieser lächerlichen, unmöglichen Gedanken – und tief in ihr fügte er sich in etwas ein wie das letzte Teil eines Puzzles. So irrational es auch war, Hannah war sich absolut sicher, dass es der Wahrheit entsprach. Und es verschaffte abermals der kühlen Windstimme in ihrem Kopf Gehör.
Streck die Hand aus, flüsterte die Stimme leise und geschäftsmäßig. Taste den Boden um dich herum ab. Die Waffe muss irgendwo sein. Du hast sie auf dem Bücherregal gesehen. Finde sie. Der Wolf hielt, anscheinend zufriedengestellt, in seinen Erkundungen inne. Er hob den Kopf … und lachte.
Er lachte wirklich. Das war das Unheimlichste und Beängstigendste, was Hannah je erlebt hatte. Das große Maul öffnete sich hechelnd und zeigte seine Zähne, und die gelben Augen blitzten in heißem, tierischem Triumph auf.
Beeil dich, beeil dich.
Hannahs Blick war hilflos auf die scharfen weißen Zähne gut zwanzig Zentimeter vor ihren Augen gerichtet und ihre Hand tastete die glatten Kieferndielen ringsum ab. Ihre Finger glitten über Bücher, über die federige Oberfläche eines Farns – und dann über etwas Rechteckiges, Kaltes mit einer Glasscheibe.
Der Wolf schien es nicht zu bemerken. Er zog die Lefzen immer weiter und weiter zurück. Jetzt lachte er nicht mehr. Hannah konnte seine kurzen Schneidezähne und die langen, gebogenen Fangzähne sehen. Sie konnte sehen, wie er die Stirn in Falten legte. Und sie konnte spüren, wie sein Körper unter einem kehligen, bösartigen Knurren erbebte.
Das Geräusch absoluter Wildheit.
Die kühle Windstimme hatte Hannahs Denken vollkommen übernommen. Sie sagte ihr, was als Nächstes geschehen würde. Der Wolf würde seine Zähne in ihre Kehle versenken und dann mit wilden Bewegungen Haut und Muskeln wegreißen. Das Blut würde aus ihr herausspritzen wie eine Fontäne. Es würde ihre durchtrennte Luftröhre und ihre Lungen und ihren Mund füllen. Sie würde keuchend und würgend sterben, vielleicht ersticken, noch bevor sie verblutete.
Es sei denn … Sie hätte etwas Silbernes in der Hand. Einen silbernen Bilderrahmen.
Töte ihn, wisperte die kühle Stimme. Du hast die richtige Waffe. Stoß ihm eine Ecke ins Auge. Treib ihm Silber ins Gehirn.
Hannahs eigener, gewöhnlicher Verstand versuchte nicht einmal zu begreifen, wie ein Bilderrahmen die richtige Waffe sein konnte. Er erhob auch keine Einwände. Aber wie aus weiter Ferne drang eine andere schwache Stimme in ihren Kopf. Wie die kühle Windstimme war sie nicht ihre Stimme, aber sie war auch nicht die eines Anderen. Es war eine Stimme wie klares Kristall, die in Juwelenfarben zu blitzen schien, während sie sprach.
Du bist keine Mörderin. Du tötest nicht. Du hast nie getötet, ganz gleich, was mit dir geschehen ist. Du tötest nicht.
Ich töte nicht, dachte Hannah langsam und zustimmend.
Dann wirst du sterben, stellte die kühle Windstimme brutal fest und war viel lauter als die Kristallstimme. Denn dieser Wolf wird nicht eher haltmachen, bis entweder er tot ist oder du es bist. Es gibt keine andere Möglichkeit, mit diesen Kreaturen zu verfahren.
Dann geschah es. Das Maul des Wolfs öffnete sich. Mit einer blitzschnellen Bewegung schoss es auf ihre Kehle zu.
Hannah dachte nicht nach. Sie hob den Bilderrahmen … und ließ ihn seitlich gegen den Wolfskopf krachen.
Nicht ins Auge. Ins Ohr.
Sie spürte den Aufprall – hartes Metall auf empfindlichem Fleisch. Der Wolf heulte schrill auf, taumelte zur Seite, schüttelte den Kopf und schlug mit einer Vorderpfote gegen sein Gesicht. Einen Moment lang wurde sie nicht mehr von seinem Gewicht niedergedrückt, und ein Moment war alles, was Hannah brauchte.
Ihr Körper bewegte sich ohne bewusste Anweisungen, glitt unter dem Wolf hinweg, drehte und wand sich und sprang auf.
Den Bilderrahmen hielt sie fest umfasst.
Jetzt. Sieh dich um! Das Bücherregal – nein, du kannst es nicht bewegen. Das Fenster! Lauf zum Fenster.
Aber der Wolf hatte aufgehört, den Kopf zu schütteln, und wandte sich zu ihr um. Mit einem einzigen Satz schob das Tier sich zwischen sie und das Fenster. Dann sah der Wolf sie an und jedes Haar auf seinem Körper hatte sich aufgestellt. Seine Zähne waren gebleckt, die Ohren standen aufrecht und in seinen Augen funkelte purer Hass.
Ich bin keine Mörderin. Ich kann nicht morden.
Du hast keine Wahl …
Der Wolf sprang.
Aber er erreichte sie nicht. Etwas anderes schoss durchs Fenster und brachte ihn vom Kurs ab.
Diesmal identifizierten Hannahs Augen und Gehirn die Kreatur sofort. Ein weiterer Wolf. Mein Gott, was ist hier los?
Das neue Tier war silberbraun, kleiner als der schwarze Wolf und nicht so aufsehenerregend. Seine Beine waren erstaunlich zart und wie die eines Rennpferdes mit Adern und Sehnen gezeichnet. Ein Weibchen, sagte etwas tief in Hannahs Geist mit traumartiger Gewissheit.
Beide Wölfe hatten jetzt die Balance wieder gefunden. Sie standen einander mit bürstenartig gesträubtem Fell gegenüber. Im Raum roch es wie in einem Zoo.
Und jetzt werde ich wirklich sterben, dachte Hannah. Ich werde von zwei Wölfen zerfetzt werden. Sie hielt noch immer den Bilderrahmen umklammert, aber sie wusste, dass sie keine Chance hatte, gegen beide Tiere gleichzeitig zu kämpfen. Sie würden sie in Stücke reißen und sich darum streiten, wer mehr von ihr bekam.
Ihr Herz schlug so heftig, dass es ihren Körper erzittern ließ und ihr die Ohren klingelten. Das Weibchen starrte sie mit Augen an, die eher bernsteinfarben als gelb waren, und Hannah starrte wie gebannt zurück und wartete darauf, dass es angriff.
Die Wölfin hielt ihren Blick noch einen Moment lang fest, als studiere sie Hannahs Gesicht – insbesondere die linke Seite ihres Gesichts. Ihre Wange. Dann wandte sie Hannah den Rücken zu und stellte sich dem schwarzen Wolf.
Und knurrte.
Sie beschützt mich, dachte Hannah verblüfft. Es war eigentlich unglaublich – aber sie war bereits an einem Punkt jenseits jeglicher Ungläubigkeit angekommen. Sie war aus ihrem gewöhnlichen Leben heraus- und hineingetreten in ein Märchen voller beinahe menschlicher Wölfe. Die ganze Welt war verrückt geworden, und sie konnte nur versuchen, jeden Moment so zu nehmen, wie er kam.
Sie werden kämpfen, erklärte ihr die kühle Windstimme in ihrem Kopf. Sobald sie angefangen haben, rennst du zum Fenster.
In diesem Moment brach die Hölle los. Die silberbraune Wölfin hatte sich auf den schwarzen Wolf gestürzt. Ihr Knurren hallte durch den Raum – und das Geräusch von Zähnen, die aufeinanderschlugen, während beide Wölfe unentwegt nach ihrem Widersacher schnappten.
Hannah konnte nicht ausmachen, wie sich der Kampf entwickelte. Es war nur ein verschwommenes Chaos, während die Wölfe einander umkreisten, aufeinander zusprangen und sich duckten. Aber es war bei Weitem das Schrecklichste, was sie je erlebt hatte. Wie der schlimmste nur vorstellbare Hundekampf, wie das rauschhafte Fressen von Haien. Beide Tiere schienen wahnsinnig geworden zu sein.
Plötzlich hörte sie ein schmerzhaftes Aufheulen. Aus der Flanke der Wölfin quoll Blut.
Sie ist zu klein, dachte Hannah. Zu leicht. Sie hat keine Chance.
Hilf ihr, flüsterte die Kristallstimme.
Es war ein wahnwitziger Vorschlag. Hannah konnte sich nicht einmal den Versuch vorstellen, sich in diesen knurrenden Wirbelwind hineinzustürzen. Aber irgendwie bewegte sie sich dennoch. Stellte sich hinter die silberbraune Wölfin. Es spielte keine Rolle, dass sie nicht glaubte, dass sie es tat, oder dass sie keine Ahnung hatte, wie sie sich mit einem Wolf, der gegen einen anderen Wolf kämpfte, überhaupt verbünden konnte. Sie war da, und sie hielt den silbernen Bilderrahmen hoch erhoben. Der schwarze Wolf zog sich aus dem Kampf zurück, um sie anzustarren. Und da standen sie, alle drei keuchend und außer Atem, Hannah vor Angst und die Wölfe vor Anstrengung. Sie waren wie ein Standbild des in Trümmern liegenden Büros erstarrt und beobachteten einander angespannt. Der schwarze Wolf stand auf einer Seite, und in seinen Augen leuchtete zielstrebige Bösartigkeit. Die silberbraune Wölfin stand auf der anderen Seite, Blut verfilzte ihr Fell und einzelne Fellbüschel schwebten von ihrem Körper zu Boden. Und Hannah war direkt hinter ihr und hielt mit zitternder Hand immer noch den Bilderrahmen hoch.
Hannah konnte nichts anderes hören als tiefes, vibrierendes Knurren.
Und dann löschte ein ohrenbetäubender Knall alle anderen Wahrnehmungen kurzzeitig aus.
Ein Schuss.
Der schwarze Wolf heulte auf und taumelte.
Hannahs Sinne waren so lange auf das konzentriert gewesen, was innerhalb des Raums geschah, dass es wie ein Schock war zu begreifen, dass außerhalb des Raums überhaupt irgendetwas existierte. Ihr war verschwommen bewusst, dass Pauls Schreie vor einiger Zeit verstummt waren, aber sie hatte nicht innegehalten, um darüber nachzudenken, was das bedeutete.
Jetzt, da das Adrenalin durch ihren Körper schoss, hörte sie seine Stimme wieder.
»Hannah! Aus dem Weg!«
Der Befehl war angespannt und eine Mischung aus Furcht und Wut – und Entschlossenheit. Er kam von der gegenüberliegenden Seite des Raums, aus der Dunkelheit vor dem Fenster.
Paul stand mit einer Pistole vor dem zertrümmerten Fenster. Sein Gesicht war bleich und seine Hand zitterte. Er zielte ungefähr in Richtung der Wölfe. Wenn er noch einmal feuerte, konnte er beide von ihnen treffen.
»Lauf in eine Ecke!« Die Pistole hüpfte nervös auf und ab.
Hannah hörte sich sagen: »Nicht schießen!«
Ihre Stimme klang heiser, als habe sie lange Zeit nicht gesprochen. Sie schob sich zwischen die Pistole und die Wölfe.
»Nicht schießen«, wiederholte sie. »Sie dürfen den silberbraunen Wolf nicht treffen.«
»Den silberbraunen Wolf nicht treffen?« Pauls Stimme schwoll an und es klang beinahe wie hysterisches Gelächter. »Ich weiß nicht einmal, ob ich die Wand treffen kann! Das ist das erste Mal, dass ich jemals eine Waffe abgefeuert habe. Also versuch einfach – versuch einfach, aus dem Weg zu gehen!«
»Nein!« Hannah bewegte sich auf ihn zu und streckte die Hand aus. »Ich kann schießen. Geben Sie die Waffe mir.«
»Geh einfach aus dem Weg …«
Die Waffe ging los.
Für eine Sekunde konnte Hannah nicht erkennen, wohin der Schuss ging, und sie fragte sich hektisch, ob sie angeschossen worden war. Dann sah sie, dass der schwarze Wolf rückwärts humpelte. Blut tropfte ihm vom Hals.
Stahl wird ihn nicht töten, zischte die Windstimme. Ihr macht ihn nur noch böser …
Der schwarze Wolf drehte den Kopf, um mit flammenden Augen zwischen Hannah mit ihrem Bilderrahmen und Paul mit seiner Pistole hin und her zu blicken und dann zu der Wölfin mit ihren gebleckten Zähnen zu sehen. Die Wölfin knurrte, und Hannah hatte noch nie ein Tier gesehen, das so selbstgefällig gewirkt hätte.
»Nur noch ein einziger Schuss …«, hauchte Paul. »Solange er sich in die Enge getrieben fühlt …«
Aber da wandte der schwarze Wolf sich mit angelegten Ohren dem einzigen anderen Fenster im Raum zu. Er setzte zu einem gewaltigen Sprung direkt in die unversehrte Glasscheibe an. Mit einem lauten Knall berstenden Glases schoss er hindurch. Glassplitter flogen klirrend in alle Richtungen. Hannah starrte benommen auf die Gardinen, die zuerst nach draußen flatterten, dann zurück in den Raum. Im nächsten Moment riss sie den Kopf herum, um die silberbraune Wölfin anzusehen.
Bernsteinfarbene Augen erwiderten ihren Blick. Es war ein so … menschlicher Blick … und definitiv der Blick eines Wesens, das ihr ebenbürtig war. Beinahe der Blick eines Freundes.
Dann drehte die Wölfin sich um und lief auf das zweite, nun ebenfalls zerbrochene Fenster zu. Zwei Schritte und ein Sprung – und sie war fort.
Irgendwo dort draußen erschallte noch ein langgezogenes Heulen voller Zorn und Trotz. Es verklang, während der Wolf sich weiter entfernte.
Dann herrschte Stille.
Hannah schloss die Augen.
Ihre Knie fühlten sich an, als wollten sie unter ihr nachgeben. Aber sie zwang sich, zum Fenster zu gehen. Glas knirschte unter ihren Stiefeln, als sie in die Nacht hinaus schaute. Der Mond war hell; am vergangenen Tag war Vollmond gewesen.
Sie glaubte, gerade noch eine dunkle Gestalt zu erkennen, die auf die offene Prärie zulief, aber möglicherweise bildete sie sich das nur ein.
Sie stieß den Atem aus und lehnte sich schwer gegen den Fensterrahmen.
»Bist du verletzt? Ist alles in Ordnung?« Paul kletterte durch das andere Fenster. Er stolperte über einen Papierkorb, dann stand er neben ihr, fasste sie an den Schultern und versuchte, sie von Kopf bis Fuß zu mustern.
»Ich denke, mit mir ist alles o.k.« Sie war benommen. Benommen, orientierungslos und – irgendwie zerrissen.
Er blinzelte sie an. »Hm … Hast du eine spezielle Vorliebe für silberbraune Wölfe oder so was?«
Hannah schüttelte den Kopf. Wie sollte sie ihm das jemals erklären?
Sie sahen einander einen Moment lang an, dann ließen sie sich beide gleichzeitig zu Boden sinken und hockten sich schwer atmend zwischen die Glassplitter.
Pauls Gesicht war weiß, sein rotes Haar zerzaust und seine Augen blickten groß und verblüfft. Mit einer zitternden Hand fuhr er sich über die Stirn, dann legte er die Waffe auf den Boden und tätschelte sie. Er verdrehte den Hals, um das Chaos in seinem Büro zu betrachten, das umgestürzte Bücherregal, die überall verstreuten Bücher, die beiden zerbrochenen Fenster, die Glassplitter, das Einschussloch der Kugel des ersten Streifschusses, die Blutflecken und die Büschel von Wolfshaar, die noch immer über die Kieferndielen wehten.
Hannah fragte schwach: »Also, wer war an der Tür?«
Paul blinzelte zweimal. »Niemand. Niemand war an der Tür.« Beinahe träumerisch fügte er hinzu: »Ich frage mich, ob Wölfe eine Türklingel betätigen können?«
»Was?«
Paul drehte sich um, um ihr direkt in die Augen zu sehen.
»Ist dir jemals der Gedanke gekommen«, stieß er hervor, »dass du möglicherweise doch nicht paranoid bist? Ich meine, dass es tatsächlich etwas Unheimliches auf dich abgesehen hat?«
»Sehr witzig«, flüsterte Hannah.
»Ich meine …« Paul deutete halb lachend durch den Raum. Er wirkte vollkommen durcheinander. »Ich meine, du hast vorhergesehen, dass etwas geschehen würde – und es ist etwas geschehen.« Er hörte auf zu lachen und sah sie nachdenklich an. »Du hast es wirklich gewusst, nicht wahr?«
Hannah funkelte den Mann an, der ihr angeblich helfen wollte, ihren Verstand zu retten. »Sind Sie verrückt?«
Paul blinzelte. Er wirkte schockiert und verlegen, dann wandte er den Blick ab und schüttelte den Kopf. »Gott, ich weiß es nicht. Tut mir leid, das war nicht sehr professionell, nicht wahr? Aber …« Er schaute aus dem Fenster. »Nun, einen Moment lang schien es einfach möglich zu sein, dass du in deinem Gehirn irgendeine Art von Geheimnis birgst. Etwas … Außergewöhnliches.«
Hannah sagte nichts. Sie versuchte, zu viele Dinge gleichzeitig zu vergessen: den neuen Teil von ihr, der ihr Strategien zuflüsterte, die Wölfe mit Menschenaugen, den silbernen Bilderrahmen. Sie hatte keine Ahnung, was all diese Dinge zusammengenommen bedeuteten, und sie wollte es auch gar nicht wissen. Sie wollte sie nur loswerden und in die sichere, gewöhnliche Welt ihrer Highschool zurückkehren.
Paul räusperte sich und schaute weiter aus dem Fenster. Seine Stimme klang unsicher und beinah entschuldigend. »Es kann natürlich nicht wahr sein. Es muss eine vernünftige Erklärung dafür geben. Aber – nun, wenn es wahr sein sollte, denke ich, wird es Zeit, dass irgendjemand dieses Geheimnis enträtselt. Bevor etwas Schlimmeres geschieht.«
KAPITEL DREI