Inhaltsverzeichnis
DIE AUTORIN
Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10 000 Büchern im Norden Kaliforniens.
Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:
Die Tagebuch eines Vampirs-Reihe
Im Zwielicht (Band 1, 30497)
Bei Dämmerung (Band 2, 30498)
In der Dunkelheit (Band 3, 30499)
In der Schattenwelt (Band 4, 30500)
Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)
Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)
Die Night World-Reihe
Engel der Verdammnis (30633)
Prinz des Schattenreichs (30634)
Jägerin der Dunkelheit (30635)
Gefährten des Zwielichts (30713)
Töchter der Finsternis (30714)
Der Magische Zirkel
Die Ankunft (Band 1, 30660)
Der Verrat (Band 2, 30661)
Die Erlösung (Band 3, 30662)
KAPTITEL EINS
Am ersten Tag der Sommerferien erfuhr Poppy, dass sie sterben musste.
Es passierte an einem Montag, dem ersten richtigen Ferientag. Das Wochenende zählte natürlich nicht. Poppy wachte auf, fühlte sich herrlich schwerelos und dachte: keine Schule mehr. Die Sonne schien durchs Fenster und verwandelte die durchsichtigen Vorhänge um ihr Himmelbett in zartes Gold. Poppy öffnete sie, sprang aus dem Bett – und wimmerte.
Autsch! Wieder spürte sie den Schmerz in ihrem Magen. Etwas in ihrem Körper nagte und nagte und fraß sich bis zu ihrem Rücken durch. Sie krümmte sich zusammen. Das half ein wenig.
Nein, dachte sie. Ich weigere mich, während der Sommerferien krank zu werden. Ich will das nicht! Positiv denken, Poppy, das wird dir helfen!, ermahnte sie sich.
Immer noch leicht gekrümmt, ging sie ins Badezimmer, das in Gold und Türkis gefliest war. Zuerst glaubte sie, sich übergeben zu müssen, aber dann ließ der Schmerz so schnell nach, wie er gekommen war. Poppy richtete sich auf und betrachtete sich und ihre wirren roten Locken triumphierend im Spiegel.
»He, Babe, du und ich, wir schaffen das schon«, flüsterte sie und zwinkerte ihrem Spiegelbild verschwörerisch zu. Sie lehnte sich nach vorn und sah, wie sich ihre grünen Augen selbstkritisch verengten. Vier Sommersprossen zierten ihre Nase. Viereinhalb, wenn sie ganz ehrlich war – und Poppy North war eigentlich immer ehrlich. Wie kindlich und wie süß! Sie streckte sich selbst die Zunge raus und wandte sich ab, ohne sich die Mühe zu machen, mit dem Kamm durch ihre wilden Locken zu fahren.
Würdevoll schritt sie in die Küche, wo ihr Zwillingsbruder Phillip bereits sein Spezialmüsli aß. Misstrauisch musterte sie ihn. Es war schlimm genug, dass sie selbst klein und zierlich war und einer Elfe auf einer Butterblume glich, wie sie in alten Kinderbüchern abgebildet sind. Aber dann auch noch einen Zwillingsbruder zu haben, der blond und attraktiv war und die Figur eines Wikingers besaß, nein, das war zu viel. Es zeigte wieder einmal, wie launisch das Schicksal sein konnte.
»Morgen, Phillip«, sagte sie leicht mürrisch. Phillip, der die Stimmungsschwankungen seiner Schwester gewohnt war, zeigte sich wenig beeindruckt. Er hob nur kurz den Blick vom Comicstrip der Los Angeles Times. Poppy musste zugeben, dass er schöne graue Augen mit dichten, dunklen Wimpern hatte. Die Wimpern waren das Einzige, was die Zwillinge gemeinsam hatten.
»Hi«, antwortete er kurz und wandte sich wieder dem Comic zu. Poppy kannte nicht viele Teenager, die eine Tageszeitung lasen, aber das war typisch für Phillip. Wie Poppy ging auch er in die Unterstufe der El-Camino-Highschool, aber anders als sie hatte er in den meisten Fächern Einser und war außerdem ein Star in der Footballmannschaft, dem Hockeyteam und im Baseballteam. Zu allem Überfluss war er auch noch Klassensprecher. Poppys größte Freude bestand darin, ihn aufzuziehen. Sie fand ihn viel zu spießig.
Aber in diesem Moment kicherte sie, zuckte mit den Schultern und gab es auf, ihn mit ihrer eisigen Miene einschüchtern zu wollen. »Wo sind Cliff und Mom?« Cliff Hilgard war seit drei Jahren ihr Stiefvater und noch spießiger als Phillip.
»Cliff ist im Büro, und Mom zieht sich gerade an. Du isst besser was, sonst kriegst du wieder Ärger mit ihr.«
»Jaja …« Poppy stellte sich auf die Zehenspitzen und kramte im Schrank herum. Sie fand eine Schachtel Schokocornflakes, holte vorsichtig ein Cornflake heraus und aß es trocken.
Es war gar nicht mal so schlimm, zierlich wie eine Elfe zu sein. Sie machte ein paar Tanzschritte zum Kühlschrank und schüttelte die Cornflakespackung im Rhythmus.
»Sexy elf, I’m a sexy elf«, sang sie und steppte eine paar Schritte.
»Nein, das bist du nicht«, sagte Phillip mit unerschütterlicher Ruhe. »Warum ziehst du dich nicht endlich an?«
Poppy trug ein übergroßes T-Shirt, das ihr als Nachthemd diente. An ihr sah es wie ein Minikleid aus. »Ich bin angezogen«, verkündete sie würdevoll. Sie nahm sich eine Cola light aus dem Kühlschrank.
Es klopfte an der Hintertür zur Küche. Poppy konnte durch das Insektengitter sehen, wer es war.
»Hallo, James, komm rein.«
James Rasmussen trat ein und setzte seine supercoole Ray-Ban-Sonnenbrille ab. Als Poppy ihn ansah, fühlte sie ein Kribbeln am ganzen Körper – wie immer. Es war egal, dass sie ihn in den letzten zehn Jahren praktisch jeden Tag gesehen hatte.
Sie fühlte jeden Tag aufs Neue einen kurzen Stich in ihrer Brust, ein Gefühl irgendwo zwischen süßer Freude und Schmerz.
Es lag nicht nur daran, dass er gut aussah und sie ein wenig an James Dean erinnerte. Er hatte seidiges hellbraunes Haar, ein feinsinniges, intelligentes Gesicht und graue Augen, die abwechselnd distanziert oder durchdringend blickten. James war der bestaussehende Junge der ganzen El-Camino-Highschool, aber das war es nicht, was Poppy so anzog. Es war etwas, das er von innen her ausstrahlte, etwas Geheimnisvolles, Unwiderstehliches, das irgendwie nicht greifbar war. Etwas, das ihr Herz schneller schlagen ließ und ihre Haut zum Kribbeln brachte.
Auf Phillip hatte er eine ganz andere Wirkung. Sobald James hereinkam, verkrampfte Phillip sich, und seine Miene wurde abweisend. Die beiden konnten sich nicht ausstehen. Ihre Abneigung knisterte wie elektrische Spannung im Raum.
Dann lächelte James leicht, als ob ihn Phillips Reaktion amüsieren würde. »Hallo.«
»Hallo.« Phillip taute kein bisschen auf. Poppy hatte das ungute Gefühl, dass er sie am liebsten über die Schulter geworfen und aus der Küche getragen hätte. In James’ Nähe mutierte Phillip immer zum überbesorgten Bruder, der seine Schwester unbedingt beschützen wollte. »Wie geht es Jackie und Marylyn?«, fragte er gehässig.
James dachte einen Moment nach. »Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Na ja, du machst ja immer kurz vor den Sommerferien mit deinen Freundinnen Schluss. Damit du deine Freiheit genießen kannst, stimmt’s?«
»Natürlich«, antwortete James cool und lächelte.
Phillip sah ihn mit unverhohlenem Hass an.
Poppy jedoch freute sich. Bye-bye, Jackie, mit ihren unglaublich langen Beinen, auf Nimmerwiedersehen, Marylyn, mit ihren beeindruckenden Brüsten. Es würde ein wunderbarer Sommer werden.
Viele hielten die Freundschaft zwischen Poppy und James für platonisch. Doch das stimmte nicht. Poppy wusste schon seit Jahren, dass sie ihn heiraten wollte. Das war eines ihrer großen Ziele. Das andere bestand darin, möglichst viel von der Welt zu sehen. Sie war nur noch nicht dazu gekommen, James über ihre Pläne zu informieren. Im Moment bildete er sich immer noch ein, dass er auf Mädchen mit Modelfigur, langen Fingernägeln und hochhackigen Schuhen stand. Na ja, sie würde ihm schon noch die Augen öffnen.
»Hast du eine neue CD mitgebracht?«, fragte sie, um ihn von den unfreundlichen Blicken seines zukünftigen Schwagers abzulenken.
James wog sie in der Hand. »Ja, den Wahnsinns-Ethnotechnosound.«
»Wow!« Poppy jubelte. »Ich kann’s kaum abwarten. Komm, gehen wir in mein Zimmer und hören sie uns an.« Aber in diesem Moment kam ihre Mutter herein. Poppys Mutter glich einer Heldin aus einem Hitchcock-Film. Kühl, blond und perfekt gestylt. So wie Grace Kelly in den Fünfzigerjahren. Sie wirkte immer so tüchtig und überlegen. Poppy rannte sie fast um, als sie aus der Küche wollte.
»Oh, tut mir leid – hi, Mom.«
»Warte mal einen Moment.« Ihre Mutter hielt sie am Rücken ihres T-Shirts fest. »Guten Morgen, Phil, guten Morgen, James«, fügte sie hinzu. Phil erwiderte ihren Gruß und James nickte höflich und leicht ironisch.
»Habt ihr schon alle gefrühstückt?«, fragte sie. Als die Jungs bejahten, schaute sie ihre Tochter an. »Und was ist mit dir?« Sie musterte Poppys Gesicht.
Poppy schüttelte die Schachtel mit den Cornflakes, und ihre Mutter zuckte leicht zusammen. »Warum gießt du nicht wenigstens Milch darüber?«
»Sie schmecken mir so eben besser«, sagte Poppy fest, aber als ihre Mutter sie leicht in Richtung Kühlschrank schubste, holte sie sich einen Karton mit fettarmer Milch heraus.
»Was habt ihr denn für euren ersten freien Tag geplant?« Poppys Mutter blickte von James zu ihr.
»Ach, ich weiß nicht.« Poppy sah James an. »Vielleicht Musik hören? Oder in die Berge gehen? Wir könnten auch an den Strand fahren.«
»Was immer du willst«, antwortete James. »Schließlich haben wir den ganzen Sommer lang Zeit.«
Den ganzen Sommer lang … Der Sommer streckte sich golden, heiß und wunderbar vor Poppy hin. Er roch nach dem Chlor des Schwimmbads und nach Meersalz und fühlte sich warm an, wie Gras unter ihrem Rücken. Drei ganze Monate, dachte sie. Das ist eine Ewigkeit.
Es war seltsam, dass sie diesen Gedanken ausgerechnet in dem Moment hatte, als es passierte.
»Wir könnten uns auch die neuen Shops in der Stadt ansehen …«, begann sie, als der Schmerz sie plötzlich so stark attackierte, dass sie sich nach vorn krümmen musste.
Es war furchtbar – ein tiefer, bohrender Schmerz, der sie zusammenbrechen ließ. Der Milchkarton flog ihr aus der Hand und alles um sie herum wurde schwarz.
KAPTITEL ZWEI
»Poppy!« Poppy konnte die Stimme ihrer Mutter hören, aber sie konnte nichts sehen. Ein Schleier aus tanzenden schwarzen Punkten lag vor ihren Augen.
»Poppy? Ist alles in Ordnung?« Jetzt fühlte sie, wie ihr jemand unter die Arme griff und sie besorgt festhielt. Der Schmerz ließ nach und ihr Sehvermögen kehrte zurück.
Während sie sich aufrichtete, sah sie James vor sich. Sein Gesicht war fast ausdruckslos, aber Poppy kannte ihn gut genug, um die Sorge in seinem Blick zu erkennen. Ihr fiel auf, dass er den Milchkarton in der Hand hielt. Er musste ihn im Flug geschnappt haben, als sie ihn fallen gelassen hatte. Seine Reflexe sind unglaublich, dachte sie verschwommen. Echt unglaublich.
Phillip war aufgesprungen. »Bist du okay? Was ist passiert?«
»Ich – ich weiß es nicht.« Poppy sah sich um, dann zuckte sie verlegen mit den Schultern. Jetzt, da sie sich etwas besser fühlte, wünschte sie sich, die anderen würden sie nicht so anstarren. Ihre Art, mit den Schmerzen fertig zu werden, bestand darin, sie einfach nicht zu beachten und nicht darüber nachzudenken.
»Es war nur wieder dieser blöde Schmerz. Ich glaube, das heißt Gastrodingsbums. Ihr wisst schon, ich habe mir an irgendwas den Magen verdorben.«
Ihre Mutter schüttelte leicht den Kopf. »Nein, Poppy, das ist keine Gastritis. Du hast diese Schmerzen schon einmal gehabt – vor fast einem Monat, nicht wahr? Ist es dieselbe Art von Schmerz?«
Poppy wand sich unbehaglich. Eigentlich waren die Schmerzen nie ganz verschwunden. Aber bei der ganzen Aufregung am Ende des Schuljahres war es ihr gelungen, nicht darauf zu achten, und jetzt war sie daran gewöhnt, damit umzugehen.
»Na ja, kann man so sagen«, versuchte sie, um Zeit zu gewinnen. »Aber …«
Das genügte ihrer Mutter. Sie umarmte Poppy kurz und ging zum Telefon. »Ich weiß, dass du keine Ärzte magst, aber ich werde Dr. Franklin anrufen. Ich möchte, dass er dich einmal gründlich untersucht. So etwas sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.«
»Ach Mom, es sind doch Ferien …!«
Ihre Mutter hielt den Hörer zu. »Keine Diskussion, Poppy. Zieh dich an.«
Poppy stöhnte, aber sie konnte sehen, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Sie machte James, der besorgt aussah, ein Zeichen.
»Komm, hören wir uns die neue CD an, bevor ich wegmuss.«
Er sah die CD in seiner Hand an, als hätte er sie total vergessen, und stellte den Milchkarton ab. Phillip folgte ihnen in den Flur.
»He, Kumpel, du wartest schön draußen, während sie sich anzieht.«
James drehte sich nicht mal richtig um. »Was soll der Quatsch, Phillip?«
»Lass ja die Hände von meiner Schwester, du Blödmann.«
Poppy schüttelte den Kopf, während sie in ihr Zimmer ging. Als ob es James was ausmachen würde, mich ausgezogen zu sehen, dachte sie bitter. Schön wär’s! Sie nahm ein Paar Shorts aus der Schublade, stopfte ihr langes T-Shirt hinein und schüttelte immer noch den Kopf. James war ihr bester Freund, ihr allerbester Freund, und sie war seine allerbeste Freundin. Aber er hatte niemals auch nur das leiseste Interesse daran gezeigt, sie zu berühren. Manchmal fragte sie sich, ob ihm überhaupt klar war, dass sie ein Mädchen war.
Eines Tages werde ich ihm das schon noch beibringen, dachte sie und rief nach ihm.
James kam herein und lächelte sie an. Es war ein Lächeln, das andere Menschen nur selten zu sehen bekamen, weder belustigt noch ironisch, sondern einfach nur nett.
»Das mit dem Arzt tut mir leid«, sagte Poppy.
»Nein, du solltest wirklich hingehen.« James musterte sie scharf. »Deine Mutter hat nämlich recht. Das geht ja schon lange so mit dir. Du hast abgenommen; du kannst nachts nicht schlafen …«
Poppy sah ihn verblüfft an. Sie hatte niemandem erzählt, dass die Schmerzen nachts am schlimmsten waren, nicht einmal James. Aber manchmal wusste James einfach Dinge, als ob er ihre Gedanken lesen konnte.
»Ich kenne dich eben sehr gut, das ist alles«, sagte er und warf ihr einen schelmischen Blick zu, während sie ihn immer noch anstarrte. Dann packte er die CD aus.
Poppy zuckte mit den Schultern, ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke. »Jedenfalls wünschte ich, Mom hätte mir wenigstens einen Ferientag gelassen«, seufzte sie. Sie verdrehte den Nacken und sah James nachdenklich an. »Ich hätte lieber eine Mutter wie deine. Meine macht sich immer Sorgen und versucht, mich zu verhätscheln.«
»Und meiner ist es völlig egal, ob ich komme oder gehe. Also, was ist schlimmer?«, fragte James trocken.
»Deine Eltern haben dir eine eigene Wohnung erlaubt.«
»In einem Gebäude, das ihnen gehört. Weil das billiger ist, als einen Hausmeister einzustellen.« Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die CD, die er in den CD-Player steckte. »Mach deine Eltern nicht schlechter, als sie sind, Honey. Du hast mehr Glück, als du denkst.«
Poppy dachte über seine Worte nach, während die CD begann. Sie und James liebten Trance-Stücke. Sie hatten den elektronischen Underground-Sound, der ursprünglich aus Europa kam, für sich entdeckt – auch wenn er eigentlich längst nicht mehr »in« war. James mochte daran den Technobeat, und Poppy gefiel er vor allem auch, weil es sich dabei um Musik handelte, die von DJs gespielt wurde, von Leuten mit Leidenschaft, die nicht unbedingt viel Geld hatten.
Außerdem vermittelte die Musik anderer Länder Poppy das Gefühl, Teil dieser Kulturen zu sein. Sie mochte ihre Fremdheit, ihr Anderssein.
Wenn man es recht bedachte, war das auch vielleicht der Grund, warum sie sich so zu James hingezogen fühlte. Weil er anders war. Sie neigte den Kopf leicht, um ihn anzuschauen, während der rhythmische Technoklang von Burundi-Trommeln das Zimmer erfüllte.
Sie kannte James besser, als ihn irgendjemand sonst kannte, aber da war immer etwas an ihm, das selbst ihr verborgen blieb. Etwas in seinem tiefsten Inneren, das niemand erreichen konnte.
Andere hielten es für Arroganz, Kälte oder Überheblichkeit, aber damit irrten sie sich. Es war nur einfach die Sache, dass er anders war. Immer wieder hatte Poppy das Gefühl gehabt, fast den Finger darauf legen zu können, aber es war ihr immer wieder entglitten. Und mehr als einmal, besonders spät in der Nacht, wenn sie Musik hörten oder aufs Meer hinausschauten, hatte sie gespürt, dass er es ihr erzählen wollte.
Sie wusste, dass es etwas sehr Wichtiges sein musste, etwas so Schockierendes und Schönes zugleich, als würde plötzlich eine Katze mit ihr reden.
Sie sah ihn immer noch an, sein klar geschnittenes Profil und die braunen Locken, die ihm in die Stirn fielen. Er sieht traurig aus, dachte sie.
»Jamie, es ist doch nichts passiert, oder? Ich meine, zu Hause oder so?« Sie war die Einzige auf diesem Planeten, die ihn Jamie nennen durfte. Nicht einmal Jackie oder Marylyn hatten das jemals gewagt.
»Was soll denn zu Hause groß passiert sein?«, fragte er mit einem Lächeln, das seine Augen nicht ganz erreichte. Dann schüttelte er abwehrend den Kopf. »Mach dir keine Sorgen, Poppy. Es ist nichts Wichtiges – nur ein Verwandter, der seinen Besuch angedroht hat. Ein Verwandter, der ziemlich nervt.« Dann wanderte das Lächeln doch noch mit einem Glitzern in seine Augen. »Oder, vielleicht mache ich mir ja Sorgen um dich«, fügte er hinzu.
Poppy wollte schon antworten: »Na klar!«, stattdessen hörte sie sich seltsamerweise fragen: »Wirklich?«
Der Ernst, mit dem sie die Frage stellte, schien ihn an etwas zu erinnern. Er lächelte nicht mehr, und Poppy merkte, dass sie sich plötzlich ganz still ansahen. Sie schauten einander tief in die Augen. James wirkte unsicher, fast verletzlich.
»Poppy …«
Sie schluckte. »Ja?«
Er öffnete den Mund, dann wandte er sich abrupt ab und regelte die Lautstärke. Als er sich wieder umdrehte, waren seine grauen Augen dunkel und unergründlich.
»Klar, wenn du wirklich krank wärest, würde ich mir Sorgen machen«, sagte er leichthin. »Dafür sind Freunde doch da, oder?«
Poppy war mit einem Schlag ernüchtert. »Stimmt«, antwortete sie nachdenklich, dann lächelte sie ihn entschlossen an.
»Aber du bist nicht krank«, fuhr er fort. »Es ist nur etwas, das du behandeln lassen musst. Der Arzt wird dir wahrscheinlich ein Antibiotikum verschreiben und dir eine Spritze geben – mit einer großen Nadel«, fügte er boshaft hinzu.
»Ach, halt die Klappe«, antwortete Poppy. Er wusste, dass sie Angst vor Spritzen hatte. Schon allein die Vorstellung von der Nadel unter ihrer Haut …
»Da kommt deine Mutter.« James schaute zur Tür, die einen Spaltbreit offen stand. Poppy konnte sich nicht erklären, wie er gehört hatte, dass jemand kam. Die Musik war laut, und auf dem Flur lag ein dicker Teppichboden. Aber einen Moment später stieß ihre Mutter die Tür auf.
»Also gut, Liebes«, sagte sie forsch. »Dr. Franklin sagt, wir können sofort kommen. Es tut mir leid, James, aber ich werde dir Poppy entführen müssen.«
»Das ist schon okay. Ich kann heute Nachmittag noch mal vorbeikommen.«
Poppy wusste, wann sie sich geschlagen geben musste. Sie ließ zu, dass ihre Mutter sie in die Garage schleppte, und ignorierte James, der zum Abschied so tat, als würde er jemandem eine Riesenspritze verpassen.
Eine Stunde später lag sie auf Dr. Franklins Behandlungstisch und hatte die Augen höflich abgewandt, während er mit seinen schlanken Fingern auf ihrem Unterleib herumdrückte. Dr. Franklin war groß, schlank und grauhaarig. Er wirkte wie ein Landarzt und war jemand, dem man absolut vertrauen konnte.
»Hast du hier Schmerzen?«
»Ja. Und die ziehen sich irgendwie bis in den Rücken. Vielleicht habe ich mir einen Muskel gezerrt oder so etwas …«
Die sanften, tastenden Finger bewegten sich und die Miene von Dr. Franklin veränderte sich. In diesem Moment wusste Poppy instinktiv, dass es kein gezerrter Muskel war. Es war auch keine Magenverstimmung. Es war überhaupt nichts Harmloses, und nichts mehr würde so sein, wie es einmal gewesen war. »Hör mal, Poppy. Ich möchte gern, dass du eine weitere Untersuchung machen lässt«, war alles, was Dr. Franklin sagte.
Seine Stimme klang trocken und nachdenklich und Poppy durchzuckte heftige Panik. Zwar konnte sie sich nicht erklären, was da in ihrem Körper geschah, aber eine schreckliche Vorahnung packte sie. Vor ihren Füßen tat sich ein schwarzes Loch auf, das sie zu verschlingen drohte.
»Warum?«, fragte ihre Mutter gerade den Arzt.
»Nun ja.« Dr. Franklin lächelte, schob sich die Brille auf die Stirn und klopfte mit zwei Fingern leicht auf den Untersuchungstisch. »Eigentlich nur, um einige Sachen von vornherein auszuschließen. Poppy sagt, dass sie Schmerzen im oberen Unterbauch hat. Schmerzen, die so stark sind, dass sie bis zum Rücken ausstrahlen. Schmerzen, die nachts am schlimmsten sind. Sie hat seit Kurzem keinen Appetit mehr und Gewicht verloren. Und ihre Gallenblase ist tastbar – das heißt, ich kann fühlen, dass sie vergrößert ist. Alle diese Symptome können auf viele Dinge hinweisen, und eine Ultraschalluntersuchung wird helfen, einige von ihnen auszuschließen.«
Poppy beruhigte sich. Sie hatte keine Ahnung, für was eine Gallenblase eigentlich gut war, aber sie war ziemlich sicher, dass sie keine brauchte. Alles, was ein Organ mit einem so albernen Namen betraf, konnte nichts Ernstes sein. Dr. Franklin fuhr fort, redete über Bauchspeicheldrüsen, verhärtete Lebern und so weiter, und so weiter. Poppys Mutter nickte, als würde sie alles verstehen. Poppy verstand nur Bahnhof, aber ihre Panik war weg. Es schien, als wäre das schwarze Loch vollständig mit einer Plane zugedeckt worden und spurlos verschwunden.
»Sie können den Ultraschall im Kinderkrankenhaus auf der anderen Straßenseite machen lassen«, sagte Dr. Franklin gerade. »Kommen Sie bitte direkt danach mit Ihrer Tochter in meine Praxis zurück.«
Poppys Mutter nickte, ruhig, ernst und tüchtig. So wie Phil es tun würde. Oder ihr Stiefvater Cliff. Okay, wir werden uns um alles kümmern, drückte ihre Miene aus.
Poppy kam sich ein ganz klein bisschen wichtig vor. Sie kannte unter ihren Freunden niemanden, der wegen einiger Tests schon mal ins Krankenhaus gemusst hatte.
Ihre Mutter fuhr ihr durchs Haar, während sie aus der Praxis gingen. »Na, Püppi? Was hast du denn diesmal wieder angestellt?«
Poppy lächelte verschmitzt. Die Sorgen von vorhin schienen wie weggeblasen zu sein. »Vielleicht muss ich operiert werden und behalte eine interessante Narbe zurück«, sagte sie, um ihre Mutter zum Lachen zu bringen.
»Hoffentlich nicht.« In diesem Punkt verstand ihre Mutter anscheinend keinen Spaß.
Das Monteforte Kinderkrankenhaus war ein hübsches graues Gebäude mit riesigen Fenstern. Poppy schaute nachdenklich in eine Geschenkboutique, während sie daran vorbeigingen. Es war ganz klar ein Spielzeugladen. Die Auslage war voll mit Stofftieren, Baukästen, Spielen und anderen Dingen, die ein Erwachsener in letzter Minute als Geschenk kaufen konnte.
Ein Mädchen kam aus dem Laden. Es war ein bisschen älter als Poppy, vielleicht siebzehn oder achtzehn. Das Mädchen war hübsch, sorgfältig geschminkt und hatte ein Tuch um den Kopf gewunden – ein cooles Seidentuch, das nicht ganz verbergen konnte, dass das Mädchen kahl war. Es sah glücklich aus mit seinen runden Wangen und den schicken Ohrringen, die unter dem Tuch hervorbaumelten. Aber Poppy spürte einen Anflug von Mitleid.
Mitleid – und Angst. Dieses Mädchen war wirklich krank. Dafür waren Krankenhäuser natürlich da – für wirklich kranke Menschen. Plötzlich wollte Poppy so schnell wie möglich die Untersuchung hinter sich bringen und wieder hier raus.
Die Ultraschalluntersuchung war nicht schlimm, aber sie war ein wenig beunruhigend. Eine Assistentin schmierte Poppy eine Art Gel auf den Bauch, fuhr dann mit einem kalten Scanner darüber und schickte Wellen in ihren Körper, die Bilder von ihrem Inneren machten. Poppy merkte, dass ihre Gedanken wieder zu dem Mädchen ohne Haare zurückkehrten.
Um sich abzulenken, dachte sie an James. Und aus irgendeinem Grund kehrten ihre Gedanken zu dem ersten Mal zurück, als sie James gesehen hatte. Er war ein blasser, zarter Junge mit großen grauen Augen gewesen. Und er hatte etwas Seltsames ausgestrahlt, was die anderen Jungen sofort bemerkten und was ihn zum leichten Opfer machte. Auf dem Spielplatz rotteten sie sich um ihn zusammen wie Hunde um einen Fuchs – bis Poppy sah, was da vor sich ging.
Sogar schon mit fünf Jahren war ihr rechter Haken gefürchtet. Sie mischte die Bande auf, verteilte Ohrfeigen und trat gegen Schienbeine, bis die größeren Jungen entnervt flohen. Dann wandte sie sich an James. »He, wollen wir Freunde sein?«
Nach kurzem Zögern nickte er schüchtern. In seinem Lächeln lag wieder etwas Seltsames.
Poppy fand schon bald heraus, dass ihr neuer Freund bei vielen kleinen Dingen anders reagierte als die anderen. Als ihr Anschauungstier in der Schule, eine Eidechse, gestorben war, hob er den kleinen toten Körper ohne Ekel auf und fragte Poppy, ob sie ihn einmal in der Hand halten wollte. Die Lehrerin war entsetzt.
Er wusste auch, wo man noch mehr tote Tiere finden konnte. Er zeigte ihr einen verlassenen Bau, in dem Kaninchenknochen lagen. Er ging ganz sachlich damit um.
Als er älter wurde, hörten die anderen Jungen auf, ihn zu quälen. Inzwischen war er so groß geworden wie sie und erstaunlich stark und schnell. Er bekam den Ruf, hart und gefährlich zu sein. Wenn er wütend wurde, blitzte etwas fast Furchterregendes in seinen grauen Augen auf.
Er wurde jedoch niemals böse mit Poppy. Sie waren die ganzen Jahre über die besten Freunde geblieben. Als sie auf die höhere Schule kamen, begann er, Freundinnen zu haben – alle Mädchen rissen sich um ihn -, aber keine der Beziehungen dauerte lange. Und er vertraute ihnen nie etwas an. Für sie blieb er der geheimnisvolle, verschwiegene Bad Boy. Nur Poppy sah die andere Seite von ihm: seine verwundbare, mitfühlende Seite.
»Okay«, sagte die Assistentin und brachte Poppy mit einem Ruck in die Gegenwart zurück. »Du bist fertig. Hier, wisch dir das Gel ab.« Sie reichte ihr ein paar Papiertücher.
»Was hat man gesehen?«, wollte Poppy wissen und schaute auf den Monitor.
»Das wird dir dein Arzt erzählen. Der Radiologe wird die Resultate auswerten und in die Praxis deines Arztes schicken.« Die Stimme der Frau war ganz neutral – so neutral, dass Poppy sie scharf ansah.
Zurück in Dr. Franklins Praxis, rutschte Poppy im Wartezimmer auf ihrem Stuhl hin und her, während ihre Mutter lustlos in ein paar alten Illustrierten blätterte. Als die Arzthelferin: »Mrs Hilgard«, rief, standen beide auf.
»Nein.« Die Frau sah verlegen aus. »Mrs Hilgard, der Doktor möchte Sie ein paar Minuten allein sprechen.«
Poppy und ihre Mutter sahen sich an. Dann legte die Mutter langsam das People Magazine auf den Tisch zurück und folgte der Arzthelferin.
Poppy starrte ihr nach.
Was, um alles in der Welt …? So was hatte Dr. Franklin bisher noch nie gemacht.
Sie merkte, wie ihr Herz heftig klopfte. Nicht schnell, aber hart. Bang – bang – bang … Mitten in ihrer Brust. Sie fühlte sich wie benebelt und schwindlig.
Denk nicht darüber nach, sagte sie sich. Es bedeutet vermutlich gar nichts. Lies eines dieser Klatschblätter.
Aber ihre Finger wollten ihr nicht gehorchen. Als sie schließlich eine Zeitschrift aufgeblättert hatte, wanderte ihr Blick über die Zeilen, ohne dass sie ein Wort davon verstand.
Worüber redeten die so lange da drin? Was war da los? Es dauerte schon endlos …
Und es sollte noch länger dauern. Während Poppy wartete, schwankte sie zwischen zwei Gedankengängen. 1. Es war nichts Ernstes, und ihre Mutter würde lachen, wenn sie aus dem Sprechzimmer kam, weil sie sich überhaupt Gedanken gemacht hatte. Oder: 2. Es war etwas Schlimmes und Poppy musste sich einer grässlichen Behandlung unterziehen. Das zugedeckte Loch und das offene schwarze Loch. Wenn das Loch bedeckt und verschwunden war, schien alles lachhaft und es war ihr peinlich, dass sie jemals so melodramatische Gedanken gehabt hatte. War das Loch jedoch offen, fühlte sie sich, als sei ihr ganzes Leben nur ein Traum gewesen und sie würde erst jetzt in der harten Wirklichkeit aufwachen.
Ich wünschte, ich könnte James anrufen, dachte sie.
»Poppy?«, fragte die Arzthelferin schließlich. »Du kannst reinkommen.«
Dr. Franklins Sprechzimmer war holzgetäfelt. Seine vielen Diplome hingen an den Wänden. Poppy setzte sich in einen Ledersessel und versuchte, ihre Mutter so unauffällig wie möglich zu mustern.
Ihre Mutter sah ruhig aus – zu ruhig. Ihr gefasstes Gesicht verbarg kaum die Anspannung dahinter. Sie lächelte, aber es war ein seltsames, etwas unsicheres Lächeln.
Oh nein, dachte Poppy. Da ist tatsächlich etwas im Busch.
»Also, es gibt keinen Grund zur Unruhe«, begann Dr. Franklin, und sofort schrillten bei Poppy sämtliche Alarmsirenen. Ihre Handflächen klebten am Leder der Armlehnen.
»Wir haben etwas auf deinem Ultraschallbild gefunden, das ein wenig ungewöhnlich ist. Ich möchte noch ein paar andere Untersuchungen vornehmen lassen.« Er sprach langsam und seine Stimme klang tröstend. »Für eine davon ist es notwendig, dass du von Mitternacht bis zum Morgen des nächsten Tages nichts isst. Aber deine Mutter hat mir schon gesagt, dass du heute nicht gefrühstückt hast.«
Poppy lächelte mechanisch. »Ich habe ein Schokocornflake gegessen.«
»Ein einziges Schokocornflake? Nun, ich glaube, das können wir als nüchtern durchgehen lassen. Wir werden die Untersuchungen heute noch machen, und ich glaube, es wäre am besten, wenn ich dich dafür ins Krankenhaus einweise. Also, diese Untersuchungen heißen CT und ERCP, das sind Abkürzungen für etwas, das selbst ich nicht aussprechen kann.« Er lächelte. Poppy starrte ihn nur an.
»Vor keiner der beiden musst du Angst haben«, fuhr er sanft fort. »Die CT ist ähnlich wie Röntgen. ERCP, das ist eine Spiegelung. Man führt dir einen Schlauch den Hals hinunter in den Magen und von dort in die Bauchspeicheldrüse. Dann injizieren wir eine Flüssigkeit, die wir auf den Röntgenbildern sehen werden …«
Sein Mund bewegte sich weiter, aber Poppy hörte die Worte nicht mehr. Sie hatte mehr Angst als je zuvor in ihrem Leben.
Das mit der interessanten Narbe, das war doch nur Spaß, dachte sie. Ich will keine ernste Krankheit. Ich will nicht ins Krankenhaus und ich will keine Schläuche im Hals.
Sie schaute ihre Mutter stumm und flehend an.
Ihre Mutter nahm ihre Hand. »Das ist nichts Schlimmes, Schatz. Wir fahren jetzt nach Hause, packen ein paar Sachen für dich ein und dann kommen wir zurück.«
»Ich muss heute noch ins Krankenhaus?«
»Das halte ich für das Beste«, sagte Dr. Franklin.
Poppy klammerte sich an die Hand ihrer Mutter. Ihr Verstand war wie leer gefegt.
Als sie aus dem Sprechzimmer gingen, sagte ihre Mutter: »Danke, Owen.« Poppy hatte noch nie gehört, dass sie Dr. Franklin bei seinem Vornamen genannt hatte.
Sie fragte auch nicht, warum. Während sie aus dem Gebäude gingen und ins Auto stiegen, schwieg sie. Auf der Heimfahrt erzählte ihre Mutter mit ruhiger, leichter Stimme irgendwelche ganz banalen Dinge. Poppy zwang sich zu antworten. Sie tat so, als sei alles ganz normal, während dieses entsetzliche Gefühl in ihr tobte.