Inhaltsverzeichnis
Buch
Von einem Moment auf den anderen kann Freude in Trauer umschlagen, denn das Schicksal haben wir nicht in der Hand. Lachen ist die angenehmste Möglichkeit, mit dem Paradoxon des Lebens umzugehen. Und es ist gesund. Gianluca Magi hat 101 prägnante, humorvolle Geschichten aus aller Welt zusammengetragen, deren Pointen uns ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern und uns Tränen lachen lassen. Es sind komische Szenen aus dem täglichen Leben, pfiffige Weisheiten aus der Tradition des Tao, Zen, Hinduismus oder schalkhafte Sufi-Geschichten mit Lehrcharakter vom meisterhaften Narren Mullah Nasruddin. Im besten Fall bringen uns Magis spirituelle Witze in Kontakt mit einer tiefen Weisheit, die sich als Lachen der Erkenntnis Bahn bricht.
Autor
Gianluca Magi ist Dozent für Chinesische Religionsgeschichte und Hinduismus an der Universität von Urbino. In Rimini gründete er die Schule für orientalische und komparatistische Philosophie. Magi hat den asiatisch-orientalischen Kulturkreis intensiv bereist und zahlreiche Bücher zur östlichen Philosophie verfasst, von denen mehrere zu nationalen Bestsellern avancierten.
Die italienische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »La via dell’umorismo. 101 burle spirituale« bei Edizioni Il Punto d’Incontro, Vicenza.
Geleitwort
Lieber ein intelligenter Feind als ein dummer Freund ist ein faszinierendes Buch.
Gianluca und ich sind uns absolut einig, wenn es um die Bedeutung dieser Form der Weisheitsliteratur geht, deren Ursprünge sich im Dunkel der Zeiten verlieren.
In diesen bezaubernden Geschichten und den klugen Kommentaren wird eine außergewöhnliche Weisheit fühlbar.
Die hier versammelten spirituellen Schelmenstücke weisen uns auf humorvolle Art darauf hin, dass die Antwort auf die Frage, was wirklich ist, immer von unserem Standpunkt abhängt. Im Lachen erkennen wir die Begrenztheit des menschlichen Denkens und nähern uns einer ganzheitlicheren Sicht der Dinge an. Und gehen lachend den Weg der Erkenntnis.
Alejandro Jodorowsky
Schriftsteller, Performancekünstler, Heiler
Anima ridens Vorwort zur neuen Auflage
In all meinen bisherigen Büchern zu spirituellen Lehrtexten lag das Hauptaugenmerk auf der philosophischen wie psychologischen Funktion dieser Texte.
Dass Lieber ein intelligenter Feind als ein dummer Freund, an dem mein Herz besonders hängt, nun als Neuauflage erscheint, ist dem Drängen Alejandro Jodorowskys zu verdanken, den das Gesetz der magischen Anziehung mir als Freund gesandt hat, was ich sehr zu schätzen weiß.
Diese Sammlung »spiritueller Schelmenstücke« ging ursprünglich aus meinen Forschungsarbeiten zum geheimen Wissen unserer Vorfahren hervor, das uns im humoristischen Gewand der Volks- und Lebensweisheiten überliefert ist. Seitdem sind fünfzehn Jahre ins Land gegangen – und der Gedanke, dass Humor und seine bildhafte, Labsal spendende Kraft eine enorme Rolle spielen, wenn es darum geht, die lichten Seiten des Menschen zum Vorschein zu bringen, hat immer mehr Verbreitung gefunden.
Es ist meine Hoffnung, dass dieses kleine Büchlein weiterhin seinen bescheidenen Beitrag zu der Verbreitung jener Art inneren Wissens leisten möge, welche unsere viel zitierte rechte Gehirnhälfte zu stimulieren vermag. In den hier präsentierten spirituellen Schelmenstücken liegt der Schlüssel zum inneren Wandel verborgen. Damit jedoch diese Veränderung eintreten kann, dürfen wir nicht mit dem Schwert der Logik an die Welt herangehen, sondern mit einer veränderten emotionalen Haltung, einer anderen Sicht der Dinge.
Die Religion in ihrer dogmatischen Erstarrung betrachtet den Humor und das Lachen in all seinen Formen mit scheelem Blick und will darin nichts weiter als Sünde erblicken.
Die Alten wussten um die Vergänglichkeit des Lebens und rieten ihren Schülern, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Das Leben ändert sich viel zu schnell, als dass wir uns allzu sehr an einen bestimmten Aspekt des Daseins klammern könnten. Eine Zeit lang geht alles seinen Gang, dann aber tritt plötzlich und ohne Vorwarnung eine Wendung ein. Dem Weisen ist bewusst, dass er nichts gewinnt, wenn er an der Existenz als unabänderlichem Faktum festhält. Es ist im Gegenteil weit lohnender, sich mit ihren flüchtigen Qualitäten anzufreunden und daraus Gewinn zu ziehen. Und selbst wenn wir uns mit ernsthaften Schwierigkeiten und Konflikten konfrontiert sehen, bleibt uns darüber das Lachen nicht im Halse stecken, wenn wir uns nicht allzu ernst nehmen.
Da nun einmal alles vergänglich ist, gibt es nichts, das man tragisch nehmen müsste. Und da es nichts gibt, das wir tragisch nehmen müssten, können wir der Welt mit einem Lachen auf den Lippen begegnen. Lachen wir über die Welt, dann haben wir verstanden, dass das Wissen um die Vergänglichkeit unseres Daseins der schnellste Weg zur Freude ist, der Freude eines jauchzenden Kindes. Ein Lächeln, wie es sich auch auf unserem Gesicht abzeichnet, wenn wir vor Erleichterung aufseufzen, weil wir zur Leichtigkeit des Seins gefunden haben. Das Lächeln von Kindern, die zum Himmel schauen und die dahinziehenden Wolken betrachten, wie sie ihre Kapriolen machen, und dabei überrascht lächeln wie die Engel, die fliegen können, weil sie alles leicht nehmen.
Mit dieser Hoffnung lege ich die Neuauflage dieser uralten Geschichten vor, die ich gern als »Erzähltherapie« bezeichne, als erzieherisches Instrument im ursprünglichsten Sinn des Wortes, denn es geht dabei darum, den Sinn aus dem Gehörten bzw. Gelesenen hervorzuziehen. (Im Gegensatz zur gewöhnlich praktizierten Form der Erziehung, die einzig auf das Aufpfropfen von äußeren Begriffen ausgerichtet ist.)
Ich habe diese Geschichten von dem Staub gesäubert, den Menschen und Moden, Orte und Jahrhunderte auf ihnen hinterlassen haben, ohne jedoch ihren befreienden Charakter anzutasten.
Es heißt, dass jeder, der nur vierzig Geschichten des weisen Narren Mullah Nasruddin (dessen gegen alle vorgefertigten Ideen gerichteter Geist die vorliegenden Geschichten inspiriert) kennt, am Tor zur Erleuchtung steht. Nun – hier werden sogar 101 solcher Geschichten erzählt: eine wahre innere Re-Evolution!
Vielleicht stimmt es ja wirklich, dass wir nur durch das Lachen zur Einsicht gelangen. Dies jedenfalls ist eine Einladung – zur einfachen Lebensfreude.
Einführung
Wenn du nach einer besonderen Erleuchtung suchst, schau in das Gesicht eines Menschen: Dort wirst du das Lächeln der letztendlichen Essenz der Wahrheit finden.
Dschelaladdin Rumi, Mystiker und Sufi-Meister
Eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der spirituellen Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist der Humor.
Die Behauptung, Humor besitze eine spirituelle Dimension – eine Eigenschaft, die man ihm gemeinhin abspricht -, mag all jene in Erstaunen versetzen, die sich die Vermittlung von Weisheit nur in Form langweiliger theologischer Traktate vorstellen können und für die ein Weiser nur als Guru möglichst exotischer Herkunft denkbar ist, der seine Lehren mit Leichenbittermiene verkündet.
Doch die Wirklichkeit ist nicht, was sie zu sein scheint. Fest steht, dass diese besondere Form geistiger Schulung in verschiedenen spirituellen Traditionen zum Einsatz kam, vornehmlich aber im Sufismus, einer besonderen Form der islamischen Mystik.
Der Zweck dieser speziellen Methode, die wir als »Weg des Lachens« bezeichnen könnten, ist es, dem Geist neue Wege zu eröffnen, Wege zu einem tiefer gehenden Verständnis.
Wer den Orient bereist, begegnet diesen humorvollen Geschichten an den unterschiedlichsten Orten wieder: auf den farbigen, überfüllten Märkten ebenso wie in den verrauchten Teehäusern (chaikhana genannt), auf lauten Plätzen ebenso wie im einsamen und abgeschiedenen Tempel. Nicht minder typisch für diese Geschichten ist jedoch, dass sie uns in unterschiedlichster Form rund um den Globus begegnen – was beweist, dass der Humor und sein Potenzial, festgefahrene Denkmuster aufzudecken und dem Gelächter preiszugeben, eng mit der Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden sind.
Unsere Kultur setzt Humor gern mit Oberflächlichkeit gleich und unterstellt, dass humorvolle Geschichten nur zur Unterhaltung und Zerstreuung dienen und somit jeglicher Spiritualität diametral entgegengesetzt seien. Nur wenige wissen, dass der Osten die Posse zum System entwickelt hat. All diese Geschichten verfolgen einen erzieherischen Zweck. Meist haben sie mehrere Sinnebenen und erinnern insofern an die russischen Matroschka-Puppen, bei denen immer noch eine Puppe zum Vorschein kommt, wenn man die größere abzieht. Jeder versteht, was er je nach geistigem Entwicklungsgrad verarbeiten kann.
Diese Geschichten werden dem Schüler als eine Art psychologisches Training aufgegeben, damit er die Wirklichkeit mit neuen Augen sieht und unbekannte Seiten an sich selbst entdeckt.
Diese Form des spirituellen »Trainings« mittels komischer Geschichten birgt unterhalb der oberflächlich wirksamen Moral eine Botschaft, die dem von Vorurteilen und fixen Ideen geprägten menschlichen Geist nicht mit Worten vermittelt werden kann.
Diese Possen, deren Inhalt zum größten Teil dem Alltagsleben entnommen ist, sind wie ein kalkulierter Schock, der den Verstand sprachlos macht, um ihm seine gewohnheitsmäßigen Denk- und Reaktionsmuster vor Augen zu führen, die Vorurteile, deren er sich nicht bewusst ist. Das befreiende Lachen, das darauf folgt, löst nicht nur seelische Anspannung, sondern lässt die Leuchte intuitiver Erkenntnis unseres seelischen Seins sowie unserer essenziellen Natur aufblitzen.
Ein Wort an den Leser
Die »spirituellen Schelmenstücke«, die in diesem Buch versammelt sind, stammen aus den unterschiedlichsten Traditionen – in erster Linie aus Sufismus, Zen, Hinduismus und Chassidismus – und aus verschiedenen mündlichen wie schriftlichen Quellen.
Die vorliegende Sammlung ist weder als Anthologie noch als Übersetzung zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um eine subjektive Neubearbeitung kurzer Lehrtexte, die den Stempel des Ortes und der Zeit ihrer Entstehung tragen. Dabei wurde darauf geachtet, dass der ihnen eigene Geist erhalten bleibt. Manche dieser Lehrtexte könnte man als »Erzählnahrung« bezeichnen. Und da es in der Natur eines Nahrungsmittels liegt, verwandelt zu werden, ohne unverdauliche Reste zurückzulassen, habe ich diese Geschichten so umgeschrieben, dass sie für den modernen abendländischen Geist »bekömmlicher« werden. Eine bloße Übersetzung wäre der pädagogischen und psychologischen Intention dieser Geschichten nicht gerecht geworden, eine Anpassung an heutige Probleme und Lebensumstände erfüllt wohl eher die Erwartungen eines aufrichtig geistig Suchenden.
Zu diesem Zweck wurde auf sämtliches historisches oder kulturelles Beiwerk verzichtet, da die Beibehaltung dieser Elemente nur auf Kosten ihrer Lesbarkeit und Lebendigkeit geht.