Inhaltsverzeichnis
Zum Buch
»Um sie herum war alles erfüllt vom hellen Licht des Südens und der sommerlichen Hitze, von Auspuffgasen, die beißend vom Asphalt aufstiegen, vom hypnotischen nachmittäglichen Alkoholnebel.
›Überfall!‹, kreischte der Mann. Er starrte auf den Revolver, seine dunklen Augen glänzten. Er biss sich auf die Oberlippe und schob den Kiefer vor. ›Ich rufe die Polizei.‹ Also betätigte Eddie den Abzug.«
Eddie und der psychopathische Ray Bob sind Desperados, Berufskriminelle, die nichts mehr zu verlieren haben. Sie ziehen eine Blutspur durch Texas, verfolgt von einem Ranger, der seine ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Gesetz hat.
Robbers ist ein Thriller von sprachlicher Finesse und finsterer Wucht, der einem den Atem raubt.
»Cook schreibt wie ein Engel.« James Crumley
»Wenn Elmore Leonard in Texas leben würde, hieße er Christopher Cook.« Kinky Friedman
Zum Autor
Christopher Cook wuchs auf den Ölfeldern an der texanischen Küste auf. Er arbeitete als Taxifahrer, bei der Eisenbahn, als Zimmermann, Barkeeper, Journalist und Menschenrechtsaktivist. Gemeinsam mit seiner Frau, der Fotografin Corinne Dune, lebt er abwechselnd in Austin und Paris.
Für Corinne, Jan, und all die anderen tapferen Leute
Ich träumte, es wär nicht zu spät, vergangene Schuld zu sühnen Ob dieser Traum nun fußt auf falschen oder wahren Gründen Erbitte ich des Todes Gnade jetzt. Und weine um die Toten.
Richard Wilbur, Die Vergebung
ERSTER TEIL
1
Eddie hatte nicht vor, den Typen zu erschießen. Er hatte auch nicht vorgehabt, ihn zu berauben.
Nach Rippchensandwichs und Bier im T-Bones Bar-B-Q-House nahmen sie die Lamar in südlicher Richtung. An diesem trägen Tag im Mai hatten sie kein bestimmtes Ziel. Unter dem babyblauen Himmel, über den die Sonne glitt wie ein schmelzendes Stück Butter, ließen sie es ruhig angehen. Vorbei an Gebrauchtwagenläden mit flatternden Reklamebändern aus Plastik, an Reformkostgeschäften, Plattenläden und Bars. Um sie herum war alles erfüllt vom hellen Licht des Südens und der sommerlichen Hitze, von Auspuffgasen, die beißend vom Asphalt aufstiegen, vom hypnotischen nachmittäglichen Alkoholnebel.
Sie fuhren weiter nach Süden durch den äußeren Handelsbezirk und überquerten die Brücke über den türkis schimmernden Colorado. Weiter oben, wo hohe baumbestandene Ufer den Flusslauf flankierten, zog ein einsames Rennruderboot durch die vom Wind aufgewühlte Oberfläche wie ein über das Wasser eilender Tausendfüßler. Flussabwärts lagen die Brücken über die First Street und Congress Street und die an ein schiefes Gebiss erinnernde Silhouette des gläsernen Stadtzentrums.
Austin, Hauptstadt des Staates Texas, Universitätsstadt. Früherer Magnet der Gegenkultur und Zufluchtsort für Slacker – inzwischen nur noch geil auf Geld. Hier trieb man es mit dem Kapital auf Teufel komm raus. Die Balcones-Falte hatte die Beine zum Rudelfick mit Einkaufcentern breitgemacht. Die gedämpften, entspannten Tage waren nur noch Mythos und Geschichte. Und jetzt: Silicon Gulch, Hightech-Hysterie und der Zustrom aus Kalifornien, eine Stadt, die überrannt worden war von Cyberokies, die zwei Generationen nach dem allgemeinen Kopfsprung in die Wüsten des Westens allmählich zurückkehrten, die Taschen voll mit geraubtem Geld.
Sie waren zurückgekommen, um Austin an den Mainstream anzupassen. Und hatten Erfolg gehabt. Von einigen langhaarigen Relikten einmal abgesehen, die sich in vereinzelten universitären Enklaven gehalten hatten, überdauerten die einzigen noch spürbaren Outlaw-Instinkte in der kraftvollen Musikszene des ungezähmten innerstädtischen Club-Distrikts. Die rebellischen tätowierten Jugendlichen dort waren voll aufrührerischer Ideen und hatten unbegrenzt Zeit. Ansonsten jagten Möchtegernpolitiker nach coolen Hauptstadt-Schönheiten, während Dotcom-Kommandos mit Angst vor Bärenmärkten ihrer Bullenlust frönten. Entfesselte Profitgier des freien Marktes.
Auf dieses Szenario trafen Eddie und Ray Bob, Außenseiter aus dem ländlichen Grenzgebiet, aus den nicht wahrgenommenen und vergessenen Randbezirken der urbanen Medienlandschaften. Begafften die Großstadt, um zu sehen, was los war. Und waren nicht sonderlich beeindruckt. Noch mehr Leute, die sich für Dollars krummmachten. Zwei Fremde inmitten weit entfernter Verwandtschaft, jung, arbeitslos und pleite, die nach einem späten und fettigen Mittagessen in Langeweile verfielen. Und in einem gestohlenen Eldorado-Cabrio Fastfood-Lokale und Pfandleihen an sich vorüberziehen ließen.
Bis Ray Bob sagte: »Gib mir was zu rauchen, Kumpel.«
Eddie fischte ein Päckchen aus der Tasche seines T-Shirts, zerknautschte es und warf es aus dem Wagen. »Ich hab keine mehr, halt mal bei diesem 7-Eleven.«
Ray Bob lenkte den Caddy auf den leeren Parkplatz und bremste direkt vor den Doppelglastüren, die über und über mit Reklameschildern für RC-Cola-Zwölferpacks beklebt waren. Er schaltete das Automatikgetriebe in Parkposition und ließ den Motor laufen.
»Hey«, sagte er. »Kauf bloß nicht die beschissenen Filterlosen. Hol welche mit Filter.«
Eddie, der schon ausgestiegen war, stellte einen Fuß auf die Stoßstange und rollte sein Feuerzeug über den Handrücken. »Mann, du weißt doch, dass ich ohne Filter rauche. Wenn du Filterzigaretten willst, gib mir Geld!«
»Ich bin pleite.«
Eddie zuckte die Schultern. »Ich hab bloß vier Dollar, also kauf ich Filterlose.«
»Fick dich!«
»Ach ja? Ich steck ihn dir quer rein, Arschloch.«
»Nimm den Mund deiner Mutter.«
»Schon versucht.«
»Das wundert mich nicht«, sagte Ray Bob. Mit ernstem Gesicht fragte er: »Wie war es denn?«
»Deine war besser«, sagte Eddie. »Sie hat keine Zähne.«
»Dann versuch’s beim nächsten Mal mit ihrer Möse.«
Sie konnten so miteinander reden, sie waren schließlich Kumpel.
Als Eddie den Laden betrat, bimmelten Kuhglocken aus Kupfer an der Tür. Kaleidoskopischer Überblick: ein Konsumenten-Soixante-neuf. Hier drinnen gab es alles, was man wollte, dicht an dicht aufgereiht, um das Auge zu erfreuen und den Betrieb zu beschleunigen. Eddie blieb einen Moment stehen und schüttelte den Kopf. Dann marschierte er zur Kasse zwischen den Lottoscheinen und einem Ständer mit Lone-Star-Schlüsselanhängern. »Geben Sie mir ein Päckchen Camel ohne!«
Der Verkäufer, ein pummeliger junger Mann mit einer Haut wie polierte Bronze und einem schwarzen Schnurrbart, ein Inder oder Pakistani, legte das Päckchen auf die Theke und tippte den Betrag ein. »Vier Dollar und ein Cent«, sagte er.
Eddie schaute auf die Anzeige der Kasse. »Ich hab hier vier Dollar, Partner. Wo ist denn der Behälter fürs Wechselgeld?«
Der Mann deutete auf einen leeren Plastikaschenbecher. »Nichts mehr drin.«
»Hey, kein Problem. Ich bezahl’s beim nächsten Mal.«
Der Verkäufer legte eine Hand auf das Camel-Päckchen und zog es zurück auf seine Seite der Theke. »Es kostet vier Dollar und einen Cent.«
Eddie schaute ihn an. »Du willst das Geschäft wegen einem einzigen Cent platzen lassen?«
Der junge Mann zupfte den Kragen seines roten 7-Eleven-Hemdes zurecht und betrachtete irgendetwas oberhalb von Eddies linker Schulter, als wäre er völlig konzentriert. Als ginge ihn das Ganze gar nichts an. »Das ist eben der Preis.«
Eddie runzelte ungläubig die Stirn. Er ließ den Verschluss seines Feuerzeugs auf- und zuschnappen. Schnapp, schnapp. »Mann, du machst mich fertig.«
»Ich mache niemanden fertig.«
»Natürlich tust du das. Aus welchem Scheißland bist du überhaupt?«
»Aus einem guten Land.« Der Verkäufer blickte ihm einen Moment lang direkt in die Augen, dann drehte er sich nach hinten, um das Päckchen zurück ins Regal zu stellen. Als er sich wieder umwandte, presste er die dunkelbraunen Hände flach auf die Theke. Seine Fingernägel hatten die Farbe von Elfenbein, wie Knochen. Sein Haar war schwarz wie Kreosot, seine Gesichtszüge resolut und angespannt. Vielleicht auch etwas trotzig.
»Ein sehr gutes Land«, sagte er. »Da bezahlen wir für das, was wir bekommen.«
Ein heißer Blitz zuckte wie ein Krampf durch Eddies Schultern, kletterte seinen Hals hinauf und erreichte seinen Kiefer. Er musterte den Typen scharf. »Du gehst mir auf den Sack, Partner. Jetzt hör mal zu. Das hier ist Amerika. Gib mir die Zigaretten!«
»Vier Dollar und einen Cent.«
»Ich glaub’s einfach nicht.«
Aber der Typ gab keinen Fingerbreit nach. Ohne ein Wort stand er einfach da, ein schokoladenfarbener Deputy Doright. Einer seiner Mundwinkel hob sich ganz leicht, womöglich zu einem Grinsen.
»Zum Teufel damit«, fauchte Eddie.
Im selben Moment hob er das rechte Bein, griff in seinen Stiefel und zog einen Revolver Kaliber.22 heraus, einen alten Colt Police Positive mit einem zehn Zentimeter langen Lauf. Er wirkte wie ein Spielzeug. Eddie richtete ihn auf den jungen Mann, den Arm durchgedrückt, einen Finger am Abzug. »Her mit den beschissenen Zigaretten!«
»Überfall!«, kreischte der Mann. Er starrte auf den Revolver, seine dunklen Augen glänzten. Er biss sich auf die Oberlippe und schob den Kiefer vor. »Ich rufe die Polizei. Dann gebe ich Ihre Autonummer durch.«
Also betätigte Eddie den Abzug. Ein scharfer Knall, der Lauf ruckte hoch. Die Kugel traf den Verkäufer direkt in die Stirn. Sein Kopf wurde nach hinten gerissen, und ein kleines schwarzes Loch erschien auf der bronzenen Krümmung seiner Stirn. Einen Moment lang stand er ganz still, die Hände auf der Theke, die Augen über Kreuz. Dann stürzte er zu Boden und verschwand aus Eddies Blickfeld.
Eddie lehnte sich über die Theke. Der Typ lag seitlich auf der dicken Gummimatte, einen Arm über den Kopf gelegt, als wollte er ein Nickerchen halten. »Blödmann«, sagte Eddie. »Da siehst du, was du angerichtet hast.«
Er langte über den Zwischenraum hinter der Theke hinweg und nahm das Päckchen Camel vom Regal. Die vier Dollar ließ er liegen. Er steckte den Revolver wieder in seinen Stiefel und ging hinaus. Als er in den Caddy stieg, bimmelten hinter ihm noch die Kuhglocken.
»Was zum Teufel hast du gemacht?«, fragte Ray Bob. »Jemanden erschossen?«
»Der Schwanzlutscher wollte mir die Zigaretten nicht geben.«
»Ohne Scheiß?«
»Weil ich einen Cent zu wenig hatte.«
Ray Bob grunzte. »Leg dich nie mit einem Mann an, der rauchen will.«
»Mannomann!«, sagte Eddie. »Ich dachte, diese Kameljockeys werden vorher angelernt. Kannst du dir so was vorstellen?«
»Kann ich. Wo ist das Geld?«
»Ich hab’s auf der Theke liegen lassen.«
»Nicht das Geld, du Arsch.« Ray Bob trommelte mit den Handballen auf das Lenkrad. »Das Geld aus der Kasse.«
»Natürlich in der Kasse, wo soll’s denn sonst sein?« Eddie klemmte die Camel-Schachtel mit dem Handgelenk ein und riss das Zellophan mit den Zähnen auf. Seine Hände zitterten. »Ich bin reingegangen, weil ich Zigaretten wollte. Also hab ich Zigaretten geholt.«
»Diese verdammten Filterlosen, klar.« Ray Bob schüttelte den Kopf. »Mann, ich hab doch gesagt, mit Filter.«
Er öffnete die Tür, der Wagen surrte weiter im Leerlauf, und lief schimpfend in das Gebäude. Kurz darauf kam er mit einem von Dollarnoten, Münzrollen und losem Wechselgeld überquellenden Plastikbeutel zurück. Unter den Arm hatte er sich eine Stange Marlboros geklemmt. Er setzte sich hinters Steuer und begann, das Geld zu zählen.
Eddie stieß eine dünne Rauchfahne aus. »Denkst du nicht, wir sollten uns aus dem Staub machen?«
»Nur einen Moment.«
»Zähl das Zeug später, Mann, es wird schon nicht weglaufen!«
»Dieser Araber da drinnen auch nicht. Tot.«
»Das war mir schon klar. Ich hab ihm in den Kopf geschossen.«
Ray Bob grunzte. »Eine todsichere Methode.«
Er stopfte die Plastiktasche unter den Sitz und legte den Rückwärtsgang ein, dann trat er auf die Bremse. Durch die Windschutzscheibe starrte er auf die Ladenfront. »Verdammte Scheiße, wir hätten Bier mitnehmen sollen.«
»Ich hab keinen Durst«, sagte Eddie. »Los jetzt!«
Sie fuhren auf der rechten Spur der South Lamar, über ihnen der sanfte Himmel, transparent und wolkenlos, eine endlose hellblaue Höhe, in der die Sonne brannte. Im Radio sang Dwight Yoakam leise über das Kommen und Gehen der Liebe. Sie hörten nicht zu und sprachen nicht. Sie waren in Bewegung, und das war genug. Sie fuhren nach nirgendwo und überall, an keinen speziellen Ort. Der Motor des Caddy schnurrte.
In der Nähe des Brodie-Oaks-Einkaufszentrums murmelte Eddie: »Mann, ist das nicht ein Wetter?«
Ray Bob nickte. »So ist es, Kumpel. Gib mir was zu rauchen! Mach die Stange auf!«
Eddie riss die Verpackung an einer Seite auf und reichte Ray Bob ein Päckchen Marlboros. Seine Hände zitterten noch immer. »Wie viel ist in dem Sack?«, fragte er.
Ray Bob zuckte die Schultern. »Ich hab nicht zu Ende gezählt, du hattest es ja so eilig. Nicht viel. Wahrscheinlich hatte er gerade was zur Bank gebracht.«
Er riss das Zellophan vom Päckchen und lehnte sich zur Seite, sodass der Wind es an ihm vorbei mit sich riss. »Fünfundvierzig Eier, vielleicht auch weniger.«
»Scheiße«, sagte Eddie. »Und dafür machst du mich zum Komplizen bei einem Raubüberfall?«
»Das war kein Raubüberfall. Man kann keinen Toten überfallen.«
»Natürlich kann man das!«
»Kann man nicht!«
»Blödsinn«, sagte Eddie. »Es gibt für alles ein Gesetz.«
2
Er parkte den Dodge Ram Pick-up auf dem 7-Eleven-Parkplatz, stieg aus und brachte die Falte an seinem Stetson in Form. Der hochgewachsene Mann trug schwarze Stiefel und eine Khakihose, dazu ein langärmeliges ze Stiefel und eine Khakihose, dazu ein langärmeliges weißes Baumwollhemd mit einem Bolo-Tie. An seine Hemdbrust war ein silberner Stern geheftet. An einem doppelten Lederriemen mit faustgroßer Gürtelschnalle war die Polizeiausführung eines Colt Kaliber.45 befestigt. Sein Gesicht war braun gebrannt und vom Wetter gegerbt, die dunkelbraunen Augen wurden von Krähenfüßen umrahmt.
Das Gesetz.
Er blinzelte im Sonnenlicht. Eine noble, einzelgängerische Pose, perfekt für die Marlboro-Werbung, von dem länglich schmalen Gesicht und dem spitzen Kinn einmal abgesehen.
Auf der anderen Seite des betonierten Vorplatzes stöberte ein menschliches Wrack mit hängenden Schultern und einer Plastiktüte im Müllcontainer. Für einen Moment verharrte der Blick des Mannes auf dieser Szene, dann musterte er den Hügel hinter dem Laden. Häuser schmiegten sich dort zwischen den Bäumen aneinander, teilweise verborgen im fleckigen Schatten. Süd-Austin, alte Arbeiterhäuser, zusammengedrängt auf schmalen Grundstücken, aufpoliert und auf Vordermann gebracht für zahlungskräftige Angestellte. Beheizte kleine Pools und wassersparend angelegte Gärten, Rundumveranden und Wintergärten. Trotzdem standen die Häuser immer noch dicht an dicht. Und ein paar Meter weiter wühlte ein obdachloser Landstreicher im Abfall.
Deswegen zog er es vor, außerhalb der Stadt zu leben.
Der hochgewachsene Mann schritt quer über den asphaltierten Parkplatz auf die Eingangstür und den einzelnen Polizisten zu, der dort Wache hielt: Ein junger milchgesichtiger Kerl mit der Andeutung eines Schnurrbarts, ein grüner Bursche, der sich um ein aufmerksames Aussehen bemühte. Der große Mann nickte dem Polizisten zu und ging an ihm vorbei ins Gebäude. Er sah niemanden, hörte aber Geräusche hinter der Theke. Einen Ellbogen auf die Resopaloberfläche gestützt, beugte er sich hinüber und musterte die Leiche, die bäuchlings auf einer Gummimatte lag. Ein schwerer Mann im Anzug kniete daneben.
»Also, wen haben wir da?«
»Abraham Krishna.«
»Verdammt, wie kommt er an so einen Namen?«
»So wie wir alle an unsere Namen kommen«, sagte Bernie Rose von der APD-Mordkommission. »Jemand hat ihn für ihn ausgesucht.«
Rule Hooks berührte die Krempe seines Stetsons und erklärte, das habe er sich schon gedacht. So sei es schließlich in den meisten Fällen. Keiner hatte die Chance, über seinen Namen selbst zu entscheiden, so wie auch keiner darüber entscheiden konnte, ob er geboren werden wollte. Und wahrscheinlich sei das der Grund, warum der Kerl auf dem Boden seine Heimat verlassen habe. Mit so einem Namen ging man besser gleich außer Landes.
»Keine Ahnung«, erwiderte Rose. »Ich kann nicht hellsehen.« Der übergewichtige Detective seufzte, zog seine Hosenbeine hoch und kniete sich auf den Boden. Tief über den Toten geneigt, untersuchte er das Loch in der Stirn des Mannes. Eine kleine runde Öffnung, gefüllt mit einem purpur-schwarzen blutwurstartigen Klumpen. Er grunzte. »Kleines Kaliber, wahrscheinlich zweiundzwanzig oder fünfundzwanzig.«
Der Detective bückte sich noch tiefer hinunter, und seine breiten Wangen liefen rot an. Rule rückte den Colt an seiner Hüfte zurecht. »Pass bloß auf, dass du keinen Schlaganfall kriegst, Bernie. Irgendeine Idee, wer’s getan hat?«
»Tja, dem Beweismaterial nach zu urteilen, würde ich sagen, ein schmaler Kerl, vielleicht eins siebenundsiebzig, eins achtzig. Er trägt ein T-Shirt mit Taschen, Bluejeans und einen mittelgroßen Ring im linken Ohr. Glattes dunkles Haar mit einem Pferdeschwanz.«
»Was du nicht sagst, Sherlock. Und wie heißt er?«
Rose schaute auf. »Gottverdammt, ich sag doch, dass ich nicht hellsehen kann.«
»Nein«, sagte Rule. »Aber du hast diesen versonnenen Blick. Mach einfach die Augen zu und summ ein bisschen vor dich hin, Bernie. Und dann sagst du, was dir als Erstes in den Kopf schießt.«
Der Detective lächelte. »Weiß nicht, irgendwie ähnelt er einem von diesen Rockband-Typen, Mick Jagger mit den dicken Lippen vielleicht, oder dieser Kerl von Aerosmith, der ständig mit dem Arsch wackelt.«
Rule starrte den Detective an, als würde er in fremden Zungen sprechen.
Rose zuckte mit den Schultern. »Ich hab diese Typen ständig vor der Nase, weil meine Tochter gerade zu Besuch ist und pausenlos MTV läuft.« Er balancierte bedenklich auf einem Arm und zeigte rückwärts über seine Schulter hinweg nach oben. Rule folgte dem Fingerzeig zu einer Video-Überwachungskamera, die hoch in einer Ecke des Raumes installiert war.
Rule zupfte an seiner Unterlippe.
»Alles drauf, was?«
Rose senkte wieder den Kopf und betastete die Haut rings um das Einschussloch. »Entweder hat er es nicht bemerkt, oder es war ihm egal. Er hat sich nicht versteckt. Sein Partner auch nicht. Der Schütze geht raus, und kurz darauf taucht der Komplize auf, schnappt sich eine Stange Marlboros und plündert die Kasse. Ist alles auf dem Band.«
»Woher weißt du, dass sie Partner sind?«
Der Detective zuckte mit den Schultern, erhob sich und wischte sich über die Hosenbeine. »Verdammt noch mal, schau dir das an.«
Er deutete auf ein Stück Kaugummi, das an seinem Knie klebte. »Der Anzug ist neu.«
Er humpelte an Rule vorbei, hielt sein Hosenbein unter den Wasserspender und drückte den Knopf für Eis. Als die Würfel geräuschvoll aus dem Automaten fielen, griff er sich eine Handvoll und presste sie – praktische Tipps für Ihren Haushalt – gegen den Kaugummi.
»Genau weiß ich es nicht«, erklärte er. »Vielleicht gehören sie auch nicht zusammen. Jedenfalls glaub ich nicht, dass Raub das ursprüngliche Motiv war. Alles, was wir haben, sind diese Schwarzweißbilder. Ohne Ton. Scheint aber ein Streit zwischen Täter und Opfer gewesen zu sein. Möglicherweise wegen einem Päckchen Zigaretten. Vielleicht steckt auch was völlig anderes dahinter. Vermutet zumindest der Deputy Chief.«
»Hat der neuerdings zu Denken angefangen?«
Der stämmige Mann inspizierte sein Hosenbein und runzelte die Stirn. »Na ja, es kommt in Schüben. Du weißt ja, wie es läuft. Aber vielleicht ist was dran. Weißt du, auf wie viele indische Verkäufer in Austin im letzten Monat geschossen wurde?«
Rule sagte, er habe keine Ahnung, er habe sie nicht gezählt. Er ging zum Kühlschrank hinüber und nahm eine Halbliter-Plastikflasche Dr. Pepper heraus. Dann zog er ein Päckchen gesalzene Erdnüsse aus einem Ständer, riss es mit den Zähnen auf und trank ein paar Schlucke von der Limonade. Schließlich formte er einen Trichter mit der Hand, kippte die Erdnüsse in die Flasche, verschloss den Hals mit dem Daumen und schüttelte kräftig. Der rustikale Cocktail spritzte und schäumte.
»Aber ich hab sie gezählt«, sagte Rose. »Es waren zu viele. Zu viele, um es für Zufall zu halten.«
»Schall und Rauch«, erwiderte Rule. »Statistische Spielereien, sonst nichts. Es kommt darauf an, wie man Zahlen interpretiert. Zum Beispiel sind bei der Mehrzahl von Verkehrsunfällen fahrende Autos beteiligt. Oder wusstest du, dass die meisten Leute, die an Bockwurst ersticken, Deutsche sind? Bei Langusten sind es Cajuns. Mexikaner haben’s mit Messern, schwarze Kids mit AK-47ern. Bei 7-Elevens findest du eben erschossene Inder.«
Der Detective starrte ihn an.
Rule schüttelte noch einmal sein Dr. Pepper und beobachtete, wie es aufschäumte. »Wie man es auch sieht, Verkäufer in diesen Läden haben ein hohes Sterblichkeitsrisiko. Deswegen werden sie so gut bezahlt.«
Er zwinkerte, trank die Flasche halb leer und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Außerdem, wenn du Hindu bist, kommst du sowieso zurück. Du kriegst eine neue Runde auf dem Karussell, so viele du willst. Gar nicht so schlecht, oder?« Rule grinste. »Irgendwie praktisch, könnte man sagen. Wahrscheinlich landen deswegen so viele von ihnen bei 7-Eleven.«
Der Detective verzog das Gesicht. »Ja, klar, erzähl das mal dem Deputy Chief. Er ist ein knochenharter Baptist und hält diese spezielle Runde für die ganz große Sache. Außerdem hat er gerade ziemlichen Ärger in der Stadt. Angeblich ist seine Beförderung zum Chief in Gefahr.« Rose runzelte die Stirn und zupfte an dem Stück Kaugummi, das immer noch an seiner Hose klebte.
»Das darf nicht wahr sein«, schimpfte er. »Dieses Eis nützt überhaupt nichts.«
Mit der Hand, in der er die Flasche hielt, deutete Rule auf den Kaugummi. »Ich kann dir sagen, was wirklich hilft, Rosie. Bremsflüssigkeit.«
»Wirklich? Bremsflüssigkeit? Also, Beth schwört auf Eis.« Der Detective schlenderte hinüber zum Autozubehör, öffnete eine Dose mit Bremsflüssigkeit, kam zurück und schüttete ein paar Tropfen auf den Kaugummi. »Jedenfalls«, fuhr er fort, »sind die Bürgerrechtler auf den Barrikaden. Schreiben Briefe, rufen den Bürgermeister an, melden sich in Radiotalkshows zu Wort. Machen viel Wind und behaupten, dass irgendeine Hassgeschichte dahintersteckt. Eine Verschwörung. Organisierte Rednecks, die Ausländer plattmachen. Der Klan, Neonazis, Skinheads, alles Mögliche. Rassistische Motive.«
»Kann ja sein, wer weiß. Ist das der Grund, warum ich hier bin?«
Abwesend hob Rose eine Schulter, während seine Augen immer noch an dem Gummi klebten. »Ich denke schon. Der Chief meinte, er würde vielleicht den Bürgermeister bitten, den Gouverneur anzurufen, um die Ranger einzuschalten. Wo ihr doch so verdammt gut ausgebildete Ermittler seid. Scotland Yard in Stiefeln und mit texanischem Näseln. Nicht zu vergessen, dass es sich im Fernsehen gut macht.«
»Dann nehme ich mal an, dass der Bürgermeister zum Telefon gegriffen hat«, sagte Rule. »Der Gouverneur ruft den Colonel an, der den Captain, der den Lieutenant. Und der ruft mich an. Die übliche Runde. Egal, hier bin ich. Getreu dem Motto: ein Aufruhr, ein Ranger.«
Detective Rose blickte auf und legte zögernd den Kopf schräg. Dann schien er sich an etwas zu erinnern. »Ich bin trotzdem überrascht, dass sie dich geschickt haben, Rule. Es hieß, du wärst suspendiert.«
Der Ranger schüttelte seinen Cocktail. »Wegen diesem Mexikaner in Red Rock? Glaub nicht alles, was du hörst, Rosie. Ich hab einen vorübergehenden Urlaub eingeschoben, während die Untersuchung lief. Inzwischen ist alles vorbei.«
»Schnelle Untersuchung.«
»Er war bewaffnet.«
»Das hab ich auch gehört«, sagte Rose. »Ein achtunddreißiger Revolver. Nur dass du ihn mit einem Gewehr aus hundert Metern Entfernung erwischt haben sollst.«
»Der Kerl hat drei Frauen vergewaltigt und ermordet.« Rule hob das Kinn, als wäre damit alles erklärt. »Bei einem Arsch wie dem gehst du besser kein Risiko ein. Abgesehen davon weißt du, wie gewissenhaft ich mich nach den Vorschriften richte, immer stur nach den Regeln.«
»Ja, klar.« Rose rollte mit den Augen. »Wir alle kennen deinen Ruf.«
»Gut für euch.« Rule grinste. »Dann hol ich jetzt meine Ausrüstung.«
Er drückte sich den Stetson in die Stirn und ging hinaus, vorbei an dem jungen Polizisten. Aus seinem Tran gerissen, schlug der Anfänger die Hacken zusammen. Ranger-Romantik. Gott im Himmel, dachte Rule halb amüsiert. Zu viel Fernsehen. Aufgeblasenes Chuck-Norris-Zeug.
Auf dem Parkplatz öffnete er die Beifahrertür des Pick-ups, hob seinen Spurensicherungskoffer heraus und schloss die Tür. Wieder schaute er sich aufmerksam um. Der Obdachlose wühlte noch immer im Abfallcontainer. Jetzt trug er schon zwei Beutel. Der Himmel war inzwischen strahlend blau, und der Tag würde mehr als warm werden. Die ganze Stadt war ein Hitzeloch, mit all dem Asphalt.
Rule beobachtete den Verkehr auf der South Lamar. Dabei fiel ihm etwas ein, das er irgendwo gelesen hatte. Vor einigen Millionen Jahren war das alles hier noch ein großes Binnenmeer gewesen. Dann plötzlich ein Erdbeben, und das Meer verschwindet, sein Kalksteinbett wird bloßgelegt, übrig bleiben Hügel und unbewohnte Ebenen. Vielleicht ein paar Indianer. Und jetzt: überall Beton und Lärm. Die Nachmittagssonne wurde grell von Autofenstern und Chromteilen reflektiert. Erstaunlich, dass niemand etwas beobachtet hatte. Über die Straße wälzte sich ununterbrochen der Berufsverkehr. Aber es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, welchen Wagen der Mörder und der andere Kerl fuhren. Falls sie zusammen unterwegs waren. Und falls sie überhaupt ein Auto benutzten. Sie konnten auch zu Fuß gekommen sein. Oder auf Fahrrädern. Oder auf Rollerskates und in Frauenkleidern. In Austin wusste man nie.
Er schloss die Tür des Trucks und ging zurück zum Gebäude. Diesmal salutierte der Grünschnabel eifrig. Vielleicht sollte er dem Jungen ein Rangerautogramm verkaufen und das Geld dem Abfallwühler spenden? Vergiss es. Halt dich im Zaum.
Konzentrier dich.
Rule stellte seine Ausrüstung neben Abraham Krishna auf den Fußboden. Er schnallte seinen Gürtel mit dem Holster los und kniete sich hin, um den Verschluss seines Koffers zu öffnen. »Also gut, Partner, dann wollen wir mal prüfen, ob du uns irgendwelche Hinweise hinterlassen hast. Und ob dieser Tatort nach all dem Spektakel irgendwas hergibt.«
Eine Stunde später streifte er die Latexhandschuhe ab, verstaute seine Ausrüstung und verschloss den Koffer. Im Waschraum reinigte er sich gründlich die Hände und befeuchtete anschließend ein Papierhandtuch, um den Polymerstaub für die Fingerabdrücke von seinen Lederstiefeln zu wischen. Er rückte seinen Bolo-Tie zurecht, glättete seinen Hut und betrachtete sich im Spiegel. Ja, doch, ein bisschen erinnerte er wirklich an Porter Wagoner, nur ohne dessen Pompadourfrisur. Neulich abends hatte ihn eine Frau im Broken Spoke darauf hingewiesen. Einen Whisky mit Zitrone in der Hand, war sie direkt an seinen Tisch marschiert und hatte gesagt: Sie sehen aus wie Porter Wagoner, können Sie auch singen und Gitarre spielen? Nein, Ma’am, hatte er geantwortet, aber ich wünschte, ich hätte so viel Geld wie er. Porter war ein erfolgreicher Entertainer aus Nashville, ein altmodischer Cowboysänger, der eine Zeit lang sogar seine eigene TV-Show gehabt hatte. Natürlich war Rule die Ähnlichkeit immer wieder aufgefallen. Er war bloß nicht ganz so groß wie Porter, der die Statur eines Basketballspielers besaß. Auch sein Kiefer war nicht ganz so lang, aber das war schon in Ordnung, Glück gehabt. Außerdem liebte Porter diese abgedrehte Kleidung – genug Pailletten und Steine, um selbst Liberace neidisch zu machen. Rule warf einen letzten Blick in den Spiegel und wandte sich ab.
Rose stand vor dem Tresen neben dem Ständer mit Lottoscheinen. Mit einer Hand umklammerte er sein Hosenbein und starrte auf das Knie. Sein Gesicht verriet ehrliche Bestürzung. Ein großer dunkler Fleck hatte sich auf dem grauen Stoff ausgebreitet.
»Verdammt, Rule, schau dir die Scheiße an! Diese Bremsflüssigkeit hat meine Hose versaut.«
Der Ranger warf einen Blick darauf. »Tatsächlich, Mann.«
»Das ist ein nagelneuer Anzug. Hat einen Haufen Geld gekostet. Beth hat ihn mir gekauft. Verdammte Bremsflüssigkeit. Wo hast du denn diesen Tipp her?«
»Ich weiß nicht mehr genau, Rosie.« Rule legte seinen Revolvergürtel wieder um und schloss die Schnalle. »Aber es scheint doch zu funktionieren. Der Kaugummi ist weg.«
»Verdammt, Beth bringt mich um.«
»Na, dann haben wir immerhin einen Fall mit Beweisen und einem Motiv. Denn hier, Partner, bei dieser Geschichte – da haben wir gar nichts.«
»Nichts?« Der Detective wirkte enttäuscht.
»Nein, nicht nichts. Im Gegenteil: Wir haben viel zu viel. Ich hab um die hundert Abdrücke und Teile von Abdrücken gefunden. Was glaubst du, wie viele Leute sich jeden Tag auf diesen Tresen stützen?«
»Und was ist mit der Kasse?«
»Die werden wir uns im Labor vornehmen. Mal sehen, ob wir was entdecken. Vielleicht mit dem Laser. Aber es würde mich überraschen, wenn wir andere Abdrücke als die von Kumpel Abe und ein paar anderen Verkäufern finden.«
»Immerhin gibt es noch das Video«, entgegnete der Detective hoffnungsvoll.
»Richtig. Das ist immerhin ein Anfang. Wir knöpfen es uns gründlich vor und jagen die Bilder durch unser System.«
Er griff nach dem Spurensicherungskoffer und ging zur Tür. »Ich lass von mir hören, Rosie. Grüß Beth von mir.«
Während er in dem roten Dodge Pick-up verschwand, trat Rose auf den Parkplatz vor dem Laden. Die spätnachmittägliche Hitze stieg in Wellen vom Asphalt hoch. Er wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Drüben im hügeligen Westen hing die blutrote Sonne über den Wipfeln der Bäume. Hinter ihm trabte der einsame junge Polizist heran.
»Muss ja wichtig sein, wenn die Texas Ranger gerufen werden«, sagte der Polizist. »Ich hab gehört, sie werden besser ausgebildet als das FBI, und außerdem gibt es nicht so viele von ihnen. Haben Sie sein Abzeichen bemerkt? Diese Sterne werden aus alten mexikanischen Silbermünzen von 1948 geschlagen. Auf der Rückseite ist angeblich ein Adler.«
Der Detective schenkte dem Neuling einen kurzen nachdenklichen Blick. Der Kerl war so jung, dass er sein Sohn hätte sein können, fast noch ein Junge. Und er stand kurz davor, vor lauter Ehrfurcht in Ohnmacht zu fallen.
»Was hat er herausgefunden, Sir? Haben wir irgendwas?«
»Nicht viel«, brummte Rose.
»Sir?«
»Ich sagte, nicht viel. Überhaupt nicht viel.«
Der Detective warf einen Blick auf sein Hosenbein, dann folgte er mit den Augen den Heckleuchten des Dodge Trucks, der auf der South Lamar verschwand. »Aber eines solltest du dir hinter die Ohren schreiben: Wenn jemals ein Kaugummi an deiner Hose klebt, dann versuch bloß nicht, ihn mit verdammter Bremsflüssigkeit wegzukriegen.«
»Äh, niemals«, stimmte der Junge ihm zu. »Da würde mit Sicherheit ein Fleck zurückbleiben, Sir. Haben Sie es schon mal probiert?«
3
Buchhaltung … »Ein Vierteldollar für zwei Zehner … ein Zehner für zwei Fünfer und einen Dollarschein … das war’s mit den Rollen. Meine, deine. Hier ist das Wechselgeld, das ist für dich.«
Ray Bob spielte den Kassierer.
Eddie betrachtete die Häufchen. »Wir müssen es zur Bank bringen, Mann. Ich schlepp doch keine Rollen mit Fünfern mit mir rum. Die Beulen in den Taschen sehen idiotisch aus.«
»Dann nimm die Zehner, die sind kleiner.«
»Zum Teufel damit, wenn du sie nicht zur Bank schaffen willst, mach ich es. Wo liegt das Problem?«
»Ich mag keine Banken«, sagte Ray Bob. »Ich bin mal bei einem Bankraub erwischt worden.«
Eddie musterte ihn. »Hast du nicht behauptet, das wäre dein erster Überfall gewesen?«
»Ich hab gelogen.«
»Warum?«
»Brauch ich einen Grund? Wenn du was dagegen hast, ruf die Bullen!«
»Ist doch nicht illegal, wenn man lügt«, sagte Eddie.
»Da hast du Recht.« Ray Bob grinste. »Aber ich tu’s trotzdem.«
»Ist mir sowieso egal. Jedenfalls schlepp ich diese Rollen nicht in meinen Taschen rum. Aber wir könnten uns davon ein Mittagessen besorgen. Ich krieg langsam Hunger.«
Sie stritten herum, weil Ray Bob sich gerne stritt und weil Eddie sich kribbelig fühlte.
Sie hockten auf einem glatten Kalksteinfelsen im Zilker Park – vom Barton Springs Pool gesehen ein Stück das Flüsschen hinunter – und ließen die Beine über die Felskante baumeln. Die Kante ragte an dieser Stelle über die Uferböschung und wurde von einem Hickorybaum beschattet. Allmählich dämmerte es, und die Luft war mild. Purpurschwalben zogen ihre Bögen über das Wasser und nutzten die leichte Brise, um nach Insekten zu jagen. Ein Stück weiter aufwärts kräuselte sich die Oberfläche, wo der flache Wasserlauf zwischen ausgewaschenen Felsen hindurchrauschte. Dahinter rückten die steilen Ufer dichter zusammen, und das Wasser wurde tiefer, so dass die Felsen unter der Oberfläche verschwanden. Dort lag das Wasser ganz ruhig da.
Eddie zupfte an seinem Ohrring und beobachtete zwei Schwäne, die am Ufer entlangglitten. Weiße Federhügel mit schlanken gebogenen Hälsen.
»Also«, begann er, »worüber hast du mich sonst noch belogen?«
Ray Bob grinste. »Nun komm mal runter, Kumpel. Ich hab mehr Überfälle durchgezogen, als du dir vorstellen kannst. Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, ich bin kein Pfadfinder.«
»Ich war mal einer«, entgegnete Eddie. »Aber sie haben mich rausgeschmissen.«
»Was hast du gemacht, den Oberpfadfinder erschossen?«
»Nee, das hat seine Alte schon besorgt. Hat ihn im Bett mit ihrer Schwester erwischt und sie beide abgeknallt. Kaliber.12 mit’ner Schrotladung. Der fette Bock ist im Sattel gestorben. Ein echtes Arschloch, hat ständig wegen unseren Uniformen rumgebrüllt, und wie wir wieder aussähen. Eigentlich hätte sie’ne Verdienstmedaille kriegen müssen. Für Erfüllung von Bürgerpflichten und so.«
»Oder für besondere Treffsicherheit«, kicherte Ray Bob. Er stapelte das Papiergeld, wobei er die Ecken glatt strich.
»Jedenfalls bin ich nie über die unteren Ränge rausgekommen«, sagte Eddie. »Ich hab die ganzen Regeln gehasst, das ständige Brüllen. Sobald dein Hut schief sitzt oder du’ne Falte in der Hose hast, darf so ein Typ dich zusammenscheißen.«
Ray Bob zündete sich eine Zigarette an, klemmte sie sich in den Mundwinkel und begann mit dem Aufteilen der Scheine, überwiegend Eindollarnoten. Wegen des Rauchs kniff er ein Auge zu. »Vielleicht haben wir mehr Kohle erwischt, als ich dachte. Wenn damals in den alten Zeiten deine Frau mit einem anderen rumgemacht hat, konntest du sie einfach umbringen. Keiner hat danach gefragt. Verbrechen aus Leidenschaft.«
»Zwölf Jahre alt, und du bist praktisch schon bei den Marines«, sagte Eddie. Er beobachtete, wie die Schwäne langsam das Flüsschen hinunter verschwanden. »Wer soll das aushalten? Am Ende haben sie mich wegen schlechten Manieren rausgeschmissen.«
»Sie ist damit durchgekommen, oder?«
Eddie zuckte die Schultern. »Kann mich nicht mehr erinnern. Ich bin jedenfalls geflogen. Dabei wollte ich bloß in irgendwas gut sein.«
»Für nichts gut zu sein, ist auch für was gut.«
»Das ergibt keinen Sinn.«
»Deswegen stimmt’s ja.«
»Du hast echt’ne komische Logik. Hey, schau dir das an!« Eddie zeigte auf das Flüsschen.
Zwei Mädchen in einem Aluminiumkanu trieben vorbei. Eddie und Ray Bob unterbrachen ihr Gespräch, um die beiden zu beobachten. Die eine war pummelig, mit kurzen blonden Haaren, die andere war eine schlanke Brünette mit langen glatten Haaren. Alle beide trugen Shorts und rückenfreie Oberteile und hielten die Paddel quer über dem Schoß.
»Welche willst du?«, fragte Ray Bob und kratzte sich unter der Achsel.
»Ich steh auf Blondinen«, sagte Eddie. »Schadet nichts, wenn sie ein bisschen mollig sind.«
»Scheiße, die Braut ist nicht mollig. Sie ist fett.«
»Mir gefällt’s, wenn sie ein bisschen Fleisch auf den Rippen haben.«
»Das ist ziemlich cholesterinreiches Fleisch«, erklärte Ray Bob. »Ich steh mehr auf magere Kost.«
»Dann nimmst du eben die Dünne.«
»Alles klar.«
Ray Bob stopfte die Scheine und Münzrollen in die Plastiktüte, zog sein Shirt aus und wickelte die Tüte darin ein. Eine dicke Matte roter lockiger Haare überzog seine bleiche Brust und den Bauch. Deswegen hatte man ihn im Knast »Red« gerufen. Er war klein und breitschultrig, hatte eine schmale Taille und kräftige Muskeln. Er trug das Haar kurz geschnitten und einen Ring mit einem Goldnugget in jedem Ohr.
»Los«, sagte Eddie. »Sie fahren vorbei.«
»Die fahren nirgendwo hin«, meinte Ray Bob. »Überlass das Reden mir.«
Sie folgten dem Trampelpfad, der unter den Bäumen am Ufer entlangführte. Die frühsommerliche Luft war mild und trocken, und in den grünen Bäumen über ihnen sangen Zikaden. Als sie die Mädchen eingeholt hatten, rief Ray Bob: »Hey, ihr Hübschen. Wollt ihr ein Bier?«
Die Mädchen schauten sich an, und die Brünette, die hinten saß, verdrehte die Augen. Dann begannen sie mit ihren Paddeln zu hantieren. Sie bewegten sich unbeholfen, sodass die Blätter der Paddel aufs Wasser klatschten und die Griffe über die Dollborde der Kanus kratzten. Sie nahmen Kurs aufs andere Ufer.
»Wir haben Bier!«, brüllte Eddie.
»Was zum Teufel hab ich dir gesagt«, knurrte Ray Bob. »Überlass das Reden mir.«
»Ah ja, alles klar. Deine Schmeicheleien hab ich doch gehört. Sie können es kaum erwarten. Siehst du nicht, wie sie abhauen?«
»Ich sag dir doch, die fahren nirgendwo hin. Komm!«
Sie hasteten weiter über den schmalen Uferweg, sprangen über Baumwurzeln und duckten sich unter dem Stamm einer umgestürzten Pyramidenpappel hindurch. Ray Bob rief ihnen zu: »Sieht ziemlich heiß aus da drüben! Wollt ihr ein kaltes Bier? Wir wollen doch bloß ein bisschen reden. Nun kommt schon, haltet mal an!«
An der Stelle, wo die Barton Springs Road das Flüsschen überquerte, rutschten sie die Böschung hinunter und klammerten sich an den Zweigen der Büsche fest. Ein Stockentenpaar, das nahe am Ufer trieb und gemütlich dem Abendessen entgegenschaukelte, breitete die Flügel aus und flatterte panisch davon. Die Mädchen blieben dicht am anderen Ufer, ihre Bewegungen ein asynchrones Tandem, bei dem die Paddel gegen das Boot schlugen und ungelenk auf die Wasseroberfläche einhieben, sodass das Wasser hinter ihnen aufspritzte. Als die vorne sitzende Blonde zu kichern begann, befahl ihr die Andere, schneller zu paddeln. Ihre Stimme klang ängstlich.
»Kein Grund, Angst zu haben!«, brüllte Ray Bob. »Wir sind nur zwei Typen, die sich unterhalten wollen!«
Der Trampelpfad, der das Ufer säumte, endete vor einem Bollwerk aus Erde, wo eine Fußgängerbrücke das Flüsschen überquerte. Sie kletterten die steile Böschung mit kurzen schnellen Schritten hinauf und bohrten die Spitzen ihrer Stiefel in die harte Erde. Bei jedem zweiten Schritt bergauf rutschten sie einen zurück. Hechelnd kamen sie schließlich oben auf der schmalen Brücke an. Das Kanu war inzwischen ein Stück weiter abwärtsgeschwommen, wo das Wasser unter den überhängenden Bäumen breiter wurde, um schließlich in den Fluss zu münden.
»Scheiße, ich hab’s dir gesagt«, meinte Eddie. »Jetzt sind sie weg.«
»Sind sie nicht.«
»Nun lass sie in Ruhe. Sie wollen sowieso nicht mit uns reden.«
»Sicher wollen sie das«, erklärte Ray Bob. »Die können es gar nicht erwarten. Komm, los!«
Als er über die Brücke rannte, polterten die harten Absätze seiner Stiefel über die Holzplanken. Eddie folgte ihm. Dort, wo die Planken auf der anderen Seite endeten, sprangen sie über das Geländer auf einen Weg, der sich breit und flach unter den Bäumen entlangschlängelte, sodass sie das Kanu bald eingeholt hatten. Als die Mädchen ihre Schritte hörten, kreischte die schlanke Brünette auf, und sie versuchten, schneller zu paddeln. Die Blonde, die vorn saß, hatte aufgehört zu kichern. Sie atmete in kurzen, ungleichmäßigen Stößen. Plötzlich rutschte sie ein Stück zur Seite, um das Paddel noch tiefer einzutauchen. Dabei geriet das Kanu in eine Schieflage und drohte zu kippen. Schnell rutschte sie wieder zur Mitte, sodass sich das Boot weit zur anderen Seite neigte und sein Dollbord die Wasseroberfläche berührte. Beide Mädchen kämpften um ihre Balance. Ein-, zwei-, dreimal schwankte das Boot so heftig, dass Wasser hineinschwappte. Dann kippte es endgültig. Die Mädchen gingen über Bord und schlugen im Wasser mit den Armen um sich.
Ray Bob rutschte das flache grasbewachsene Ufer hinunter geradewegs auf die Brünette zu. »Du holst dir die andere!« rief er.
Eddie zögerte einen Moment, dann watete er ins Wasser. Das Mädchen ertränkte ihn beinahe. Als sie die Arme um seinen Hals warf, verloren seine Füße auf dem schlammigen Boden den Halt. Sie tauchten beide unter, wobei das Mädchen Eddie mit aller Kraft umklammerte, sodass er den Kopf nicht mehr nach oben bekam. Er schluckte Wasser und geriet in Panik. Endlich fanden seine Füße festen Grund, und er stieß sich Richtung Ufer ab, das Mädchen im Schlepptau. Ihr schwerer Körper hing schlaff an ihm, eine reglose Last. Nur ihre Arme blieben um ihn geschlungen. Er zog die Beine an, um sich ein weiteres Mal abzustoßen. Diesmal landeten sie am Uferrand. Sie hing an ihm, bis er ihr einen Schlag auf den Kopf versetzte, um von ihr loszukommen. Endlich ließ sie locker und rollte sich weinend auf die Seite.
»Ruhig, ruhig«, sagte Eddie und kroch auf allen vieren über sie; Wasser tropfte auf sie hinunter. »Alles in Ordnung, du hast dich bloß erschreckt, das ist alles. Warte, ich helfe dir.«
Er begann, das feuchte Oberteil über ihre Brüste hochzuschieben. Sie legte die Arme um ihren Oberkörper, um ihn abzuwehren, doch er schob sie zur Seite. »Ruhig, ruhig, kein Grund zur Panik.«
Ihr Körper entkrampfte sich, und sie begann wieder zu weinen. »Tu mir nicht weh, tu mir nicht weh, bitte tu mir nicht weh!«
»Verdammt, ich werd dir nicht wehtun«, sagte er. Er zog das Oberteil über ihre Schulter hoch. Ihre Brüste waren schwer und weich und wurden von ihrem eigenen Gewicht zur Seite gedrückt. Die Brustwarzen sahen aus wie große, rosabraune Nuggets aus straffem Fleisch, die Höfe waren noch größere Kreise aus hellerem Rosa. Er nahm ihre rechte Brustwarze zwischen die Lippen und begann zu lutschen. Sie lag still und wimmerte leise. Er öffnete den Reißverschluss seiner Hose, doch sein Schwanz war schlaff und machte keinerlei Anstalten, sich aufzurichten. Er streichelte ihn eine Weile, ohne etwas zu erreichen, gab es schließlich auf und legte sich neben das Mädchen. Er vermutete, dass er deshalb keinen Ständer bekam, weil es sich nicht richtig anfühlte. Er wusste, dass es nicht richtig war.
»Tut mir wirklich leid«, sagte er. »Ich bin wohl nicht entspannt genug.«
»Schon in Ordnung.« Sie lag immer noch auf dem Rücken, den Blick zum Himmel gerichtet. »Das passiert öfter, als man denkt.«
Ihre Stimme klang fügsam. Leise, monoton und ohne Gefühl. Völlig reglos lag sie da in ihren Shorts, die Hände über dem Bauch gefaltet. Wären ihre Augen nicht offen gewesen, hätte er sie für eine Leiche halten können. Es machte ihm Angst, sie anzuschauen. Sie wollte noch etwas sagen. Doch ihre Stimme brach, und sie verstummte ganz. Nach einer Weile griff sie nach oben und zog das Top wieder über ihre Brüste.
»Ich wollte dir keine Angst einjagen«, sagte Eddie leise. Als sie schwieg, fügte er hinzu: »Ich glaube, ich hab einfach nicht überlegt.«
Kurz darauf erhob er sich und fand Ray Bob ein Stück weiter das Ufer hinunter auf der anderen Seite einer Trauerweide, deren Zweige sich über das Wasser neigten. Er lag mit gekreuzten Beinen auf dem Rücken, die Waffe in einer Hand, und streichelte sich mit der anderen. Neben ihm ruhte die schlanke Brünette im Gras, die Beine weit geöffnet. Sie war nackt und bewusstlos, und an den Innenseiten ihrer Oberschenkel und um das dunkle Haarbüschel herum klebte Blut. Eddie beobachtete sie, um festzustellen, ob sie noch atmete. Er konnte es nicht erkennen. Aber ihr Kiefer wirkte verdreht, und ihre Unterlippe war stark geschwollen.
»Scheiße, Mann, du hast sie doch nicht umgebracht, oder?«
»Quatsch«, sagte Ray Bob. Er zog seinen Reißverschluss hoch, sprang auf, schlug sich auf die Hüften und sah sich nach dem T-Shirt mit dem eingewickelten Geld um. »Sie ist bloß ohnmächtig geworden, das ist alles. Gerade in dem Moment, als ich gekommen bin, hat sie die Augen hochgerollt. Passiert mir immer wieder.«
Er grinste. »Wie war deine?«
Eddie zupfte an seinem Ohrring. »Na ja, sie hat sich nicht viel bewegt.«
»Die Fetten sind eben träge.«
Eddie dachte einen Moment nach. »Ich glaube eher, der Grund war, dass sie Angst hatte.«
»Klar hatte sie Angst. Los, Kumpel, ich hab Hunger. Lass uns was essen.«
Sie stiegen zum Pfad hinauf und kamen an dem blonden Mädchen vorbei, das zusammengerollt im Gras lag, die Stirn gegen die Knie gepresst. Sie gab keinen Ton von sich, aber ihre schweren Schultern zitterten. Kaum waren sie an ihr vorüber, wandte Eddie sich noch einmal um. Er ging zu dem Mädchen zurück und beugte sich über sie, beide Hände auf die Knie gestützt.
»Hey, tut mir wirklich leid«, sagte er. »Denn du bist wirklich ein hübsches Mädchen.«
Ihr Körper beruhigte sich.
Eddie zögerte, dann neigte er sich noch weiter hinunter und räusperte sich. Er sprach ganz leise, beinahe im Flüsterton. »Hör zu, ich weiß, dass es falsch war, und es tut mir ehrlich leid. Das sag ich nicht bloß so. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist dein gutes Recht, dass du Angst hast. Und da bist du auch nicht die Einzige, glaub mir. Aber du kommst sicher wieder auf die Beine, warte nur ab.«
»Was machst du da, Arschloch?«, brüllte Ray Bob. »Dich entschuldigen? Los jetzt!«
Unsicher stand Eddie auf. Er wusste nicht, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte. Sie schaute ihn noch immer nicht an. Schließlich drehte er sich um und trabte zum Weg hinauf.
In der Dämmerung folgten sie dem Pfad Richtung Brücke. Ihre Kleider waren feucht, und in ihren Stiefeln schwappte das Wasser. Unter einem Ahorn setzten sie sich hin, um die Stiefel auszuschütten. Sie hörten das Murmeln der Zikaden in den Bäumen und die Grillen im Gras. Im Osten hing ein schlanker Halbmond über der Skyline. Die Luft war noch warm von dem langen Tag.
»Mann, wie ich dieses Wetter liebe«, sagte Ray Bob.
»Ist ganz in Ordnung«, meinte Eddie. Sogar in seinen Ohren klang seine Stimme uninteressiert und abgelenkt.
»Wo willst du essen?«
»Egal, mir ist alles recht.«
»Ich will ein frittiertes Steak.«
Eddie sagte nichts.
»Mit Rahmsoße. Pommes frites. Und Brötchen mit Butter.«
Eddie blickte auf. Dann schloss er die Augen. »Klingt verdammt gut.«
»Lass uns in diesen Laden unten an der Straße gehen. Threadgill’s.«
»Gibt es da Musik?«
»Manchmal.«
»Welche Art Musik?«
»Teufel, was weiß ich?«, sagte Ray Bob. »Musik eben. Gitarren und so.«
Eddie nickte und meinte, das klinge nicht schlecht. Er hatte früher selbst Gitarre gespielt. In einer Rockband.
»Echt?«
»Mann, wir waren richtig gut.« Er atmete tief durch, kaute auf seiner Unterlippe und gab sich seinen Erinnerungen hin. »Southern Boogie, R&B, Bluesrock, wie die Allman Brothers. Überall Gigs. Ich wünschte, ich wäre dabeigeblieben.«
»Nur zu«, sagte Ray Bob. »Wünsch dir, was du willst. Ich hab mir viel gewünscht. Aber fürs Wünschen kannst du dir nichts kaufen.«
Sie standen auf und setzten sich in Bewegung. Abgesehen von Hof haltenden Insekten und einer Brise in den Gipfeln war es in dem Waldstück ganz still. Im Dämmerlicht überquerten sie die Holzbrücke und ließen sich auf der anderen Seite die steile Böschung zu dem Pfad hinunterrutschen. Sie nahmen den Weg am Ufer. Ray Bob marschierte voran und trug das T-Shirt, in das ihr Geld eingewickelt war. Seine kurze stämmige Gestalt bahnte sich ihren Weg durch die Schatten.
»Also, ich werde nicht aufhören, mir was zu wünschen«, erklärte Eddie von hinten. »Musiker zu sein ist schon in Ordnung. Fühlt sich gut an da oben. Als ob du etwas machst, was zählt. Die Leute mögen es, Frauen vor allem. Man kriegt viel Sex, ohne sich anzustrengen. Und Freibier. Ist doch besser, als Läden zu überfallen.«
Abrupt blieb Ray Bob stehen und drehte sich um. Er rieb mit den Knöcheln beider Hände über seinen nackten Oberkörper, als wäre er ein Waschbrett. »Wo wir gerade davon reden, Schwachkopf: Du hast mir gesagt, du hättest nie jemanden umgebracht.«
»Hab ich auch nicht«, sagte Eddie.
»Gut, jetzt hast du es.«
»Ich wollte es aber nicht.« Eddie schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Wirklich nicht. Es war nicht geplant, ich wollte bloß die Zigaretten.«
Ray Bob grunzte. »Du hast einen Wüstennigger umgebracht.«
»Darum ging es nicht. Es war bloß, wie der Typ sich benommen hat, wie er von oben auf mich runtergesehen hat, als ob ich der allerletzte Betrüger wäre … keine Ahnung, es war ein Reflex.« Immer noch schüttelte er den Kopf, die Stirn in Falten gelegt. »Als ob ich den falschen Gang eingelegt hätte, Mann. Das ist nicht mein Ding, ehrlich. Ich hab nie im Leben auf jemanden geschossen. Nie. Ich hab diese Knarre nur deshalb, weil du sie mir gegeben hast.«
»Warum warst du dann im Knast?«
»Hab ich dir doch erzählt. Autodiebstahl.«
»Scheiße, stimmt«, schnaubte Ray Bob. »Hast dich beim Autoknacken erwischen lassen.«