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Angela Leinen, geboren 1968, lebt als Anwältin, Mediatorin und Journalistin in Bonn. Mit dem Wettlesen in Klagenfurt beschäftigt sie sich seit 2004 und schreibt darüber in ihrem Weblog »Sopran« () und im Gemeinschaftsweblog »Lesemaschine« ().

Die Vermessung der Literatur
Vorwort von Kathrin Passig
 
 
Die Menschheit ist eine mess- und nachzählfreudige Spezies. Alle fünf Minuten erfindet sie ein neues Verfahren, mit dem sich feststellen lässt, dass A der bessere Bergsteiger ist als B, das Kind von C sich schneller entwickelt als das Kind von D, während E mehr Facebook-Freunde hat als F, kurz, dass Person X - nennen wir sie mal »ich« - insgesamt einfach großartiger ist als Person Y, nennen wir sie »du«. Das geht ganz leicht, wenn man das zu Messende geschickt ausgewählt hat, zum Beispiel aufgrund seiner leichten Messbarkeit. Am einfachsten hat man es bei Sportarten, bei denen es ausschließlich darum geht, wie schnell jemand laufen kann. Vermutlich entsteht hier zuerst das Messverfahren und dann der Sport drum herum. Schwieriger wird es bei subjektiv bewerteten Beschäftigungen wie dem Eiskunstlaufen, wo Preisrichter ihre Meinung zu »Stil und Individualität« äußern müssen. Aber immerhin gibt es das ausführlich dokumentierte »Wertungssystem für Eiskunstlauf und Eistanzen« der Internationalen Eislauf-Union. Viele andere Bereiche, darunter Wissenschaft und Literatur, müssen ohne ein solches System auskommen und damit auch ohne Punktabzüge für »Illegale Elemente«, »Verletzung der Kostümregeln« oder »Verwendung von Vokalmusik«. Vielleicht ist das passende Regelwerk auch nur noch nicht erfunden. Mit den derzeit verfügbaren Werkzeugen jedenfalls ist die Vermessung der Literatur ein schwieriges und unpräzises Geschäft. Es hilft aber nichts, sie muss trotzdem vorgenommen werden, denn wir wollen gern wissen, ob Buch A besser als Buch B und Autor C wichtiger als Autor D ist. Erstens möchten wir nicht, dass die Mitmenschen lachen, wenn sie unsere Bücherregale sehen. Wenn aber Autoritäten unsere Entscheidungen abgesegnet haben - ob das nun Max Goldt ist, Marcel Reich-Ranicki oder der Internationale Verband der Katzenbildbandkritiker -, dann soll sich erst mal jemand trauen zu lachen. Zweitens macht uns das, was Autoritäten gutheißen, tatsächlich mehr (messbare) Freude, wie diverse Studien über Weingenuss und Essvorlieben zeigen. Praktischerweise findet man auf den Außenseiten der meisten Bücher gleich mehrere dieser nützlichen Urteile vor.
Zu welchem Messwerkzeug soll man also greifen, wenn es um Literatur geht? Verkaufszahlen lassen sich angenehm eindeutig ermitteln. Unpraktischerweise messen sie aber nicht die Qualität des Buchs, sondern die Qualität der Werbung. In dem Moment, in dem er ein Buch kauft, weiß der Käufer noch nicht, wie zufrieden er mit dem Inhalt sein wird. Die Werbeschwerpunkte müssen in der Regel beschlossen werden, bevor dem Verlag die fertigen Buchmanuskripte vorliegen; auch im Verlag gibt es also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Buchqualität und Marketinganstrengungen. Wenn ein Buch neu erscheint, kann man es schlecht mit »Über zwei Millionen verkaufte Auflage« bewerben. Und zumindest im Bereich der Literaturliteratur gelten Verkaufszahlen auch als leicht anstößige Metrik. Wer viel verkauft, gerät in den Verdacht, sich allzu willig an den schlichten Geschmack des Pöbels anzuschmiegen. Hilfreich wäre es daher, man könnte statt der Qualität des Buchs die des Autors herausfinden, um sie dann einfach auf dessen neuen Büchern zu vermerken.
Hier kommt der Literaturpreis ins Spiel oder noch besser: die Menge der Literaturpreise und Stipendien. Allerdings geht in den Köpfen von Juroren und Stipendiumsverleihern häufig dasselbe vor wie in den Köpfen anderer Menschen. Sie haben nicht unbegrenzt Zeit zum Lesen, sie wollen mit ihrer Meinung nicht ausgelacht werden und sie sichern sich gerne gegen den Vorwurf ab, man habe ja wohl den Falschen prämiert. Als das Weblog Riesenmaschine den Erik-Reger-Förderpreis der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz verliehen bekam, hieß es als Begründung unter anderem, das Blog habe ja auch schon andere Preise bekommen und sei deshalb bestimmt kein unwürdiger Preisempfänger.
»Die besten Jurys sind die, deren Juroren sich untereinander nicht ausstehen können«, sagt der juryerfahrene Kritiker Thomas Wörtche. Leicht beeinflussen Lesefaulheit, Vetternwirtschaft, politische Abwägungen oder ungeeignete Regelwerke das Ergebnis. Beim Deutschen Krimi Preis etwa gibt es keine gemeinsame Basis an Büchern, die alle Juroren gelesen haben. Jeder Juror nominiert eine Auswahl aus den Neuerscheinungen, die ihm im Lauf des Jahres untergekommen sind. Gewinnen können nur Bücher, die von vielen Juroren überhaupt gelesen wurden; die Überschneidungen zwischen den gesichteten Buchmengen sind aber gering. Bücher von neuen und wenig bekannten Autoren haben daher rein technisch kaum Chancen, von genügend Jurymitgliedern überhaupt wahrgenommen und in der Folge nominiert zu werden.
Natürlich sind auch die Klagenfurter »Tage der deutschsprachigen Literatur«, um die es in diesem Buch gehen wird, nicht frei von Problemen. Schon in die Nominierung der Teilnehmer fließen allerlei Zufalls- und Gewichtungsfaktoren ein, Österreich, die Schweiz, die Frauen und die Männer sollen angemessen repräsentiert sein, und auch Juroren nehmen bei der Auswahl gern Abkürzungen. Jeder Juror nominiert zwei Kandidaten, und der Anstand gebietet ihm, diese Kandidaten zu verteidigen, auch wenn er später feststellen sollte, dass andere Juroren bessere Texte an Land gezogen haben. In der Endrunde kann es dann dazu kommen, dass der Juror - ähnlich wie beim Mensch ärgere dich nicht - einen seiner beiden Autoren fallen lassen muss, um so wenigstens den anderen vielleicht ins Ziel zu befördern. Und es geschieht immer wieder, dass ein Autor, der von der Jurymehrheit gelobt wurde, in jeder Runde nominiert wird und am Ende aus abstimmungstechnischen Gründen ohne Preis nach Hause geht. Die Leseplätze gegen Ende des mehrtägigen »Bewerbs« gelten als vorteilhaft, und Erkenntnisse aus der Weinverkostungsforschung sprechen dafür, dass es sich dabei nicht nur um eine Legende handelt: Weinkenner neigen dazu, Weine, die man ihnen gegen Ende eines Testfelds vorsetzt, positiver zu bewerten als dieselben Weine, wenn sie früher gereicht werden. Zu guter Letzt sind auch Juroren nicht immun gegen Gruppendruck und lassen sich in ihrem Abstimmverhalten nicht nur von der Textqualität, sondern auch von strategischen Überlegungen leiten.
Das klingt nach einem Sack voller Probleme. Tatsächlich aber herrschen im Klagenfurter Wettbewerb vermutlich etwas weniger Willkür, Mauschelei und Fahrlässigkeit als anderswo. Klagenfurt macht seine Fehler nur sichtbarer. Die öffentliche Einsehbarkeit der Texte und die Transparenz der Diskussion führen dazu, dass jeder Journalist und jeder Zuschauer sich vor Ort, im Fernsehen oder im Internet selbst eine Meinung über die Juryentscheidung bilden kann. Dieser Transparenz- und Offenheitsanspruch prägt die Veranstaltung auch vor Ort. Jeder, der sich für das merkwürdige Ding Literatur interessiert, ist willkommen und darf ohne weitere Fragen bei der Entscheidungsfindung zusehen und die dazugehörigen Buffets leer essen.
In Klagenfurt wird Literatur ernst genommen. Das ist unüblich - es geschieht nur selten in Interviews mit Autoren oder Buchrezensionen und praktisch nie im Werbematerial der Verlage. Es ist ja auch nicht leicht, Literatur ernst zu nehmen. Andere Menschen entwickeln Raumsonden und bauen Gartenschuppen, während sich Autor und Kritiker mit erfundenen Geschichten befassen. Kurt Vonnegut sagte über Literaturkritiker, die Zorn und Verachtung über einen Roman ausgießen, sie seien »wie jemand, der eine Rüstung anlegt und auf einen Eisbecher mit Karamellsauce losgeht«. Andererseits fallen Gartenschuppen und Raumsonden schon nach wenigen Jahren in Stücke, eine gute Metapher dagegen hält ewig. Vielleicht trauen wir der Literatur nur nicht genug zu.
Literatur ernst nehmen heißt jedenfalls, dass man sich im Umgang mit ihr nicht auf reine Werbemaßnahmen beschränken darf. Wer einen Text vollständig oder im Detail missraten findet, muss dieses Unbehagen äußern. Das ist für Buchrezensenten einfacher als für Juroren, die dem Autor dabei in die Augen sehen müssen. »Ich habe es nicht als meine Aufgabe im Leben gesehen, Autoren zum Weinen zu bringen«, begründete Heinrich Detering, Klagenfurt-juror von 2004 bis 2006, seinen Ausstieg. Es gehört Mut dazu, die eingereichten Texte und die Diskussion darüber transparent zu machen. Dabei bleibt einerseits sicher aus Gründen der Höflichkeit und Vorsicht manches ungesagt, was in einer geschlossenen Jurysitzung geäußert würde, andererseits kann der einzelne Juror seine Stimme nicht in der Masse verstecken und hinterher zum Autor sagen: »Schade, dass es nicht geklappt hat, ich habe mich sehr für Ihren Text eingesetzt.« Dass jeder Interessierte Einblick in die Entscheidungsfindung erhält, führt dazu, dass über Klagenfurt Jahr für Jahr erheblich grimmiger als über andere Literaturveranstaltungen berichtet wird.
Nicht ganz zu Unrecht, denn eine Veranstaltung, die Literatur und Literaturkritik ernst nimmt, macht eben auch deren Schwächen sichtbar. Wir wünschen uns seriöse Autoritäten, die Urteile wie Donnerhall sprechen. Stattdessen bekommen wir zweifelhaft gekleidete Personen, die den Rest des Jahres womöglich gar keine richtigen Berufe ausüben, herzlos mit den Autoren umspringen und wirre Argumente garniert mit privaten Geschmacksäußerungen vortragen. In Abwandlung des Bismarck-Zitats über Würste und Gesetze: »Je weniger die Leute wissen, wie Urteile über Literatur gemacht werden, desto besser schlafen sie.«
In Wirklichkeit sind es natürlich Literaturkritiker von mindestens handelsüblicher und oft überdurchschnittlicher Qualifikation, die in Klagenfurt auf der Bühne sitzen und schließlich per Abstimmung zu einem Urteil über einen Text gelangen. Dass der Vorgang als Messverfahren weitgehend untauglich ist, hat nichts mit der Auswahl der Kritiker zu tun. Unabhängig von der Zusammensetzung der Jury werden die Siegertexte den Literatur-Endkunden nicht mehr Freude bereiten als die leer ausgegangenen Texte oder die der gar nicht erst eingeladenen Autoren. Genauso wenig sagt der per Onlineabstimmung vergebene Publikumspreis über das zu erwartende Lesevergnügen aus. Seit seiner Einführung 2002 wurde er immer an den Teilnehmer mit den meisten netzaffinen Freunden vergeben. Wer das ist, lässt sich bereits im Vorfeld relativ leicht bestimmen, unter anderem anhand der Google-Treffer des Autors.
Es geht in Klagenfurt nicht um die Frage, ob der Text von Autor A den Lesern im Schnitt mehr Freude bereiten wird als der Text von Autor B. Ginge es um das Lesevergnügen, bräuchten wir die Literatur nicht vom Angeseheneren zum weniger Angesehenen zu ordnen. Wir könnten uns einfach damit zufriedengeben, Bücher zu lesen, die zu unseren privaten Geschmacksurteilen passen. Es gibt mittlerweile brauchbare Empfehlungsdienste à la »Nutzer mit einem ähnlichen Geschmack wie dem Ihren mochten auch folgende Bücher«, deren Verlässlichkeit in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Mittelfristig werden sie den kaufempfehlenden Zweig der Literaturkritik überflüssig machen.
Der Klagenfurter Bewerb ist kein Messinstrument, sondern ein geschickt getarntes U-Boot. Er täuscht die äußeren Merkmale einer objektiven Sortiertätigkeit vor, aber das geschieht nur zur Unterhaltung des Zuschauers. Nebenbei erleichtert es die Aufgabe der Medienberichterstatter, die Nachzählbares, in Tabellenform Darstellbares und Bilder blumenstraußschwenkender Sieger zu schätzen wissen. Aber wie bei »Deutschland sucht den Superstar« ist es natürlich der Vorgang, der zählt, und nicht das Ergebnis. Der unbestritten hohe Anteil entsetzlicher Texte ist deshalb auch keine Schwachstelle des Systems, sondern eins seiner vergnüglichsten und diskussionsbeförderndsten Elemente. Die »Tage der deutschsprachigen Literatur« sind nicht dazu da, dem Zuschauer Kauf- und Leseempfehlungen an die Hand zu geben. Sie dienen der Verständigung über das, was wir uns von Texten, Autoren und Kritikern erwarten. Und diese Aufgabe erfüllen sie besser als jedes andere Format. Diese fehleranfällige, alberne, tapfere, manchmal fruchtbare und regelmäßig scheiternde Auseinandersetzung mit Texten ist die beste Literaturkritik, die wir haben.

Literaturkritik für alle!
Liebe Leserin und lieber Leser!
 
 
... zur Bewertung von Literatur muss man keine Ahnung haben von gar nichts, es braucht nichts, nur Sprachgefühl und Menschenkenntnis, daraus wird Literaturkritik genauso wie Literatur gemacht, alles andere ist sekundär, und Tonnen von Spezialwissen können herrlich sein und Ödnis pur...
Rainald Goetz, Loslabern
 
 
Wie man den Bachmannpreis gewinnt ist ein Buch für Leser. Es markiert leicht erkennbare Anzeichen für gute und schlechte Texte und zeigt, was passiert, wenn ein bestimmter Text auf einen bestimmten Leser trifft. »Ein Buch ist erst dann fertig, wenn es auch gelesen wird«, schrieb der Schweizer Autor Hermann Burger, der seine Leser außerordentlich ernst nahm. Er stellte sich beim Schreiben einen idealisierten Leser, einen »I-Leser« vor, der ihm schon beim Schreiben seine Meinung sage: »Der I-Leser ist die Vorhut der Leserschaft. Er vertritt ihre Rechte.« Ein Text wird erst beim Leser fertig, der Leser fügt seinen Teil hinzu - wenn der Autor ihn lässt.
Wie man den Bachmannpreis gewinnt formuliert konkret die Einwände, die so ein idealisierter Leser dem Autor ins Werk quatschen könnte. Es soll Lesern helfen, die Schurken dingfest zu machen, die ihnen den Spaß an einem Buch vergällen. Dann fallen sie beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr auf sie herein und erkennen schneller die Bücher, die echte Freude bringen. Jeder, der liest, kann auch Bücher beurteilen.
Niemand sollte ein Buch lesen, nur weil es ihm als hochwertig verkauft oder - schlimmer - geschenkt wurde. Viele werden das kennen: Da wird man von einem guten Freund gefragt, wie einem denn nun diese oder jene liebevoll ausgesuchte Schwarte gefallen habe. »Mich hat es sehr berührt«, kann es da heißen, oder noch schlimmer: »Das müsste dir doch gefallen«, und man selber verweist mit rotem Kopf auf fehlende Zeit, »im nächsten Urlaub vielleicht...« Dabei hat man den Schinken nach den ersten fünf Seiten angeödet weggelegt. Ehrlichkeit ist nicht immer das Beste, das merkt man im umgekehrten Fall: »Ich hab das Buch meinem kleinen Bruder gegeben, der liest so was eher«, so etwas nagt an einem. Als müsste man sich für seinen Geschmack schämen. Aber warum sollten Texte von lebenden Autoren, in denen menschenähnliche Figuren vorkommen, uns nicht auch einfach sympathisch oder unsympathisch sein? Selbst wenn man sich im Bereich »gute Literatur« bedient hat, wird es das für jeden passende Buch genauso wenig geben wie das zu jedem Körpergeruch passende Parfüm. Teuerste Duftwässer können Pestgeruch oder sanfter Hauch sein, je nach Nase, je nach Benutzer. Auch anerkannt meisterhafte Werke fesseln den einen Leser und vergrätzen den nächsten.
Also alles nur Geschmackssache? Nein, auf keinen Fall! Denn es gibt Fehler, die unnötig viele Leser verprellen, solche, die selbst gutwillige, interessierte Leser vor den Kopf stoßen. Es würde nämlich oft schon genügen, wenn Autoren nicht immer dieselben Dinge falsch machten. Fehler, das muss man leider sagen, sind viel leichter zu entdecken und zu erklären als die Ursachen für Gelingen. Deshalb markiert dieses Buch vor allem bekannte Gefahrenstellen und zeigt, wie sich Unfälle auf den Lesegenuss auswirken. Manchmal fängt das Unheil schon bei der Wahl des Themas an, deshalb beginnt das Buch damit.
Wie man den Bachmannpreis gewinnt ist auch ein Buch für Autoren. Für solche Autoren, die sich dafür interessieren, was ihre Leser sich wünschen. Kein Autor muss für irgendwelche Menschen schreiben, jeder kann schreiben, was und wie er will. Drollige Katzengeschichten aus der Wohngemeinschaft, erschütternde Berichte von Kreuzbandoperationen, die große finale Abrechnung mit der fiesen Lisa von nebenan... Der Autor darf Texte ohne Sätze verfassen, Wörter mit dem Zufallsgenerator mischen, 100000-mal »ich« schreiben. Er sollte nur nicht beleidigt sein, wenn es niemand lesen will. Der unwillige Leser da draußen meint das wahrscheinlich nicht persönlich: Wenn er eure Bücher nicht mag, liegt das vielleicht nur daran, dass der Held immer nur Leonard Cohen hört oder zu viel über seine Mutter redet. Es ist nur bedingt vorhersehbar, was den Leser milde stimmt: Das können Erinnerungen an glückliche Tage in den Siebzigern und Achtzigern oder im Urlaub auf Kreta sein, oder dass die Geschichte in der eigenen Stadt spielt. Ein Text, in dem gepaddelt wird (Tim Parks, Weiße Wasser), Bachkantaten gesungen werden (Jo Lendle, Mein letzter Versuch die Welt zu retten) oder jedes fünfte Wort »Eichhörnchen« ist (Martin Fritz, »Mein neues Hobby«, Open Mike 2008), wird es sich nur noch schwer mit mir verderben. Es ist eben auch Zufall, ob das Buch auf Leser mit den passenden Rezeptoren trifft.
Was hat das mit dem Bachmannpreis zu tun?
Sie werden es inzwischen ahnen: Dies ist keine Anleitung zum Gewinnen eines Literaturpreises. Das im Titel angedeutete Versprechen wird im Buch nicht eingelöst. Dieses Buch ist keine Anleitung zum Schreiben, kein Creative-Writing-Lehrgang, es ist keine Stilfibel und erklärt nicht die Mechanismen des Literaturbetriebs. Für all diese Dinge gibt es Bücher von Fachleuten.
Es wird Ihnen aber auffallen, dass sehr viele Textbeispiele und Zitate aus den Lesungen und Jurydiskussionen zum immer Ende Juni stattfindenden Wettbewerb in Klagenfurt stammen. Dort, bei den »Tagen deutschsprachiger Literatur«, lesen seit 1977 geladene Autoren vor einer Jury, dem Studiopublikum und Fernsehzuschauern unveröffentlichte halbstündige Prosatexte vor. Die Jury, bestehend aus Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Autoren, diskutiert dann eine weitere halbe Stunde über den Text. Wenn alle gelesen haben, bestimmen die Juroren in öffentlicher Abstimmung die Preisträger.
Im Jahr 2005 fuhr ich zum ersten Mal als Zuschauerin nach Klagenfurt. 2004 hatte ich mir das Ganze erstmals in fast voller Länge im Fernsehen angesehen. Ich las die Texte im Internet mit, nahm an Parallel-Diskussionen in Forum und Chat teil - es war eine kleine Online-Literaturparty. Bis dahin hatte ich mir - auf der Grundlage von Feuilletonartikeln - vorgestellt, dass da ein Haufen kettenrauchender Profinörgler sitzt, deren einziges Bestreben es ist, hoffnungsvolle Jungautoren zu vergrämen und am Ende einen möglichst schlecht gelaunten Kunstblablatext auszuzeichnen. Aber das erwartete Elend fand nicht statt.
Die größte Überraschung am »Bewerb« war: Alles ist völlig nachvollziehbar. Die Fachleute in der Jury reagieren auf Literatur genauso wie andere Leser auch: Eine Jurorin versteht gar nicht, worum es in dem Text geht. Ein anderer Juror ist Geschichten von verstummten Ehepaaren auf alle Zeiten leid. Wieder andere erzählen ein paar Anekdoten, die ihnen zum Text eingefallen sind. »Ich habe auch mal als Zimmermädchen gearbeitet« oder »Mein kleiner Sohn sagt immer, Papa...«, und dann folgt ein »genau so ist es« oder »in Echt ist alles ganz anders«. Spontanurteile setzen sich mitunter nach dem Muster zusammen: »Ein Text, in dem... vorkommt, kann kein schlechter Text sein.« Einzusetzen etwa »wir rauchten beim Ficken« (Jurorin Iris Radisch) oder »Musik von Belle & Sebastian« (Juror Klaus Nüchtern). Dann erzählen die Juroren noch, ob sie sich gelangweilt haben, an welchen Stellen sie lachen mussten und ob sie so was schon mal anderswo gelesen haben.
Wirklich interessant wird es, wenn die Juroren darüber reden, wie es kommt, dass der Text so schwer verständlich ist, was speziell eine gute von einer schlechten Geburtsgeschichte unterscheidet und wie die Autorin/der Autor es geschafft hat, dass die Atmosphäre so plastisch wird, dass sie eigene Erinnerungen weckt.
Genau an dieser Stelle setzt Wie man den Bachmannpreis gewinnt an. Was zuerst wie ein etwas beliebiges Geschmacksurteil daherkommt, zeigt doch, ob das funktioniert hat, was der Autor beim Schreiben beabsichtigte, oder es ihm misslungen ist.
Es gibt wiederkehrende Anzeichen für das Scheitern von Texten. Aus dieser Erkenntnis entstand 2008 die »Automatische Literaturkritik« des Weblogs Riesenmaschine: Anhand vorher festgelegter Plus- und Minuspunkte werden die Texte durch Berechnung der Punkte ausgewertet. Diese Punkte sind im Anhang auszugsweise abgedruckt. Als der Preis 2008 kurz vor der Ermittlung der offiziellen Preise zum ersten Mal vergeben wurde, wussten wir noch nicht, dass der Gewinner Tilman Rammstedt eine halbe Stunde später auch Träger des Bachmannpreises und des Publikumspreises sein würde. Die offenbar gut programmierte Maschine kam zum selben Ergebnis wie die Jury, bloß schneller und billiger. Wenn der Automat zum selben Ergebnis kommt wie die Preisrichter, wäre es da nicht einfacher, die Jury ganz einzusparen und direkt den besten Text auszuzeichnen?
Aber natürlich kann keine Maschine die Jury in Klagenfurt ersetzen, wo blieben da die schönen Diskussionen?
Das Anschauen des Klagenfurter Wettlesens halte ich für eine der benutzerfreundlichsten Arten der Beschäftigung mit Literatur: Man bekommt im Stundentakt neue Texte, meint selbst während der Lesung schon mal ein bisschen herum und vergleicht dann mit dem, was die Juroren in der Diskussion sagen. Am schönsten ist es natürlich, wenn man nicht vor dem Fernseher sitzt, sondern auf Urlaub an den türkisfarbenen Wörthersee fährt.
Ein typischer Tag im Literatur-Urlaub: Noch morgens im Hotelbett die erste Lesung im Fernsehen anschauen. In der ersten Pause zum ORF-Theater radeln, das Fahrrad zwischen Hunderte andere Mietfahrräder stellen. Im Pavillon vor dem Theater wird gerade irgendein Fachmann interviewt, das kann man gleichzeitig im Haus auf den Bildschirmen sehen. »... die Gruppe 47... blabla...« oder »... wir haben heuer nur zwei Autoren aus Österreich...« oder »... kein guter Jahrgang, noch kein Preiskandidat dabei...« Platz suchen, Kathrin und Maik schon da? Die jungen Frauen vom Tagungsbüro verteilen die Texte der nächsten Lesung, das Videoporträt des Autors läuft an: schon wieder Spiegel, gehende Füße, Apple-Computer. Die Juroren im Theater sehen gar nicht hin, die lassen sich neu pudern oder gehen aufs Klo. Nächste Kandidatin sitzt schon da, versucht, nach nichts auszusehen, vor allem nicht nach Aufregung. Im Theater Oberstufenkurse, die älteren Damen in der ersten Reihe, irgendwelche Leute, die im vorigen Jahr auch da waren. Kenne ich nicht, gehören bestimmt zum »Betrieb«. Während der Lesung Nicken, Stirnrunzeln, Kopfschütteln. Unten im Café an den Bildschirmen weniger vornehme Reaktionen. Die Jury wirkt müde, gestern Bürgermeisterempfang, wir hatten noch Dosenbierparty am Hotelstrand, sind die Juroren gleich schlafen gegangen? Oder liegt es am Text? Mittagspause: Tafelspitz könnt ich jeden Tag. Nachmittags Wiederholung im ORF-Theater, dann endlich zum Baden an den See. Sind alle wieder da, man grüßt dezent. Das Wasser ist warm, ein paar Haubentaucher schwimmen uns hinterher. Der Tag endet wie der vorige.
Wie man den Bachmannpreis gewinnt ist das Buch einer Endverbraucherin, die sich nicht professionell mit Literatur beschäftigt. Weil hier immer wieder von der Wirkung auf den Leser die Rede sein wird, berichte ich auch von persönlichen Leseerfahrungen - als Beispiel dafür, wie ein konkreter Leser mit seinen Vorurteilen und Marotten auf das reagiert, was ihm erzählt wird. Das Buch enthält außerdem drei Beiträge, die ich ursprünglich für das Weblog Lesemaschine. de verfasst und nun neu bearbeitet habe.
Zusätzlich ist im Buch die Instanz zwischen Autor und Leser vertreten, die Leute also, die Texte prüfen, bevor sie zum Leser kommen. Ich habe mich sehr gefreut, dass alle, die ich fragte, mir so bereitwillig geholfen haben.
Für ihre Gesprächsbereitschaft danke ich der Literaturkritikerin Daniela Strigl (Der Standard, Wien), der Agentin Christine Koschmieder (Partner + Propaganda, Leipzig) und Jo Lendle, Programmleiter Literatur (DuMont Buchverlag, Köln); außerdem Lektorin Susann Rehlein (Rowohlt, Berlin) und dem Autor Clemens J. Setz für ihre Beiträge zu speziellen Themen. Ich danke allen Freunden, die auf meine Umfrage geantwortet haben; auch die, die nicht im Buch zitiert sind, haben mir weitergeholfen!
Besonders danken möchte ich Kathrin Passig für das Vorwort und ihr, Sascha Lobo und dem Agenten Thomas Hölzl für die hartnäckige Ermutigung, Maik Novotny für den Buchstaben W und ihm und Michael Brake für die nächtlichen Korrekturen, Kritik und Anregung.

Das A-Z der Stoffe
Worüber zu schreiben ist
 
 
Themen fehlen nie! Es gibt so viele Beleuchtungen für die Dinge, so viel Blumensorten; täglich werden neue Technika erfunden; es ist tatsächlich noch gar nichts erschöpfend geschildert; weder Protuberanzen am Sonnenrand (in der roten Wasserstofflinie: und was sind das für lautlose Schauspiele!) noch die neuen elektrischen Rasierapparate, und was meine Haut so dabei fühlt.
Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe
 
 
Große Themen sind gute Themen: Pflanzen und Ausrotten, Schuld und Sühne, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Geborenwerden und Sterben. Aber da fängt es schon an: Eltern sterben nun mal, Kinder werden geboren, das ist für jeden interessant, dem es passiert. Es ist aber nicht für jeden Leser interessant, nur weil es dem Autor passiert ist. Verliebte, besonders unglücklich Verliebte, nerven sogar die eigenen Freunde bald, warum soll es dem Leser mit literarisch Verliebten anders gehen? Über Liebe lässt sich vielleicht nur noch mit großer Naivität oder noch größerer Abgeklärtheit schreiben, das ist wie mit Mozart: für Kinder zu leicht, für Erwachsene zu schwierig, soll der Pianist Arthur Schnabel gesagt haben.
Themen fehlen nie, aber wieso wiederholen sich so viele? Siechende Mütter, danebengegangene Beziehungen, verlorene Väter, Paarkrisen im Urlaub sind Standardsituationen der Literatur. Im Folgenden werden einige Themen auf ihre Tauglichkeit untersucht.

Arbeit, gute ehrliche

Wenn ein Historiker später das Leben um die Jahrtausendwende anhand von literarischen Texten auswertet, kommt er vielleicht zu dem Schluss: Die meisten Menschen dieser Zeit waren Schriftsteller, Schauspieler oder Texter in einer Werbeagentur. Einzelne verkauften ihnen Zigaretten oder fuhren sie in Taxen herum. Dafür, dass die meisten Leute mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Partnern verbringen, spielt das Arbeitsleben in der Literatur eine erstaunlich winzige Rolle. Hat sich zum Beispiel schon mal ein Autor damit beschäftigt, was es bedeutet, Mitglied der großen Bayer-Familie zu sein? Wie es wäre, zu all den wackeren Werktätigen zu gehören, die seit dem Morgengrauen Acetylsalicylsäurepulver in von Fremdarbeitern im Keller geklebte Papiertütchen füllen, Erlenmeyerkolben abkühlen oder Reagenzgläser spülen, dann nach der Arbeit ihren - je nach Status - grauen oder weißen Kittel in den Spind hängen und auf einem Fahrrad mit - je nach Status - einer oder zwei Querstangen ins kleine Eigenheim fahren, das auf einem Bayer-Erbpachtgrundstück errichtet wurde, oder die als Mitglied des Werksorchesters ihre Tuben oder Fideln aus dem Spind holen und zur Probe eilen? Interessiert das denn wirklich niemanden außer mir?