
Mein Freund Dewey,der
berühmteste Kater der Welt
Aus dem Amerikanischen
vonCornelia Panzacch


Für Dewey, meinen kleinen Freund – Vicki
Wie immer für Lydia und Isaac – Bret
Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
1. Auflage 2010
© 2010 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© by Vicki Myron
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
»Dewey the Library Cat – A true Story«
bei Little, Brown and Company, Hachette Book Group,
New York, Boston
Übersetzung: Cornelia Panzacchi
hf · Herstellung AnG
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-04888-4

Fundsache
Es ist ein Junge!
Ein schnurrender Mitarbeiter
Dewey Readmore Books
Der Dewey-Tragegriff
Was Dewey hasste
Deweys Mambo
Der Gummiband-Dieb
Beste Freunde
Katzenbescherung
Warum Dewey für uns so wichtig war
Der Kater der Herzen
Deweys große Schwester
Versteckspiel
Dewey, der Gipfelstürmer
Der große Ausflug
Beim Fotografen
Dewey macht Schlagzeilen
Unerwünschter Besuch
Wieder Filmstar!
Bauchweh
Deweys neue Begrüßung
Der weltberühmte Kater
Ein ganz besonderer Kater?
Zuhause ist da, wo es Bücher gibt
Das Filmteam aus Fernost
Der Büchereilöwe
Das Äußere kann täuschen!
Armer kranker Kater
Geliebt und unvergessen
Epilog: Deweys Vermächtnis

In der Bücherbox einer öffentlichen Bücherei findet man immer so allerhand, was da nicht hineingehört: Müll, Schneebälle und Coladosen. Wenn es ein Loch in der Wand gibt, muss man sich nicht wundern, wenn Leute etwas hineinwerfen. Niemand weiß das besser als ich. Ich heiße Vicki Myron und war früher die Leiterin der Stadtbücherei von Spencer im US-Bundesstaat Iowa. Unsere Bücherklappe, in die man gelesene Bücher einwerfen konnte, befand sich auf der Rückseite des Gebäudes in einer Nebenstraße. Auf der anderen Straßenseite stand die Mittelschule von Spencer. Deswegen waren wir es bereits gewohnt, in der Klappe Steine und Schneebälle zu finden. Aufregender waren da schon die Explosionen, die uns oft mitten am Tag aufschreckten. Wenn wir danach in der Bücherklappe nachsahen, lag ein abgebrannter Knallfrosch darin.
Nach einem Wochenende lagen in der Bücherklappe auch jede Menge Bücher. Deshalb räumte ich jeden Montagmorgen als Erstes die Klappe aus und stellte die Bücher auf einen unserer Bücherwagen. Das gehörte zu meiner Montagsroutine und verlief meist vollkommen ereignislos.
Bis zu einem Montag, an einem der kältesten Morgen des Jahres, als ich mit dem Bücherwagen kam, stand meine Kollegin Jean Hollis Clark wie vom Blitz getroffen mitten im Gemeinschaftsbüro der Bibliothekarinnen.
»Aus der Bücherklappe kommt ein Geräusch«, sagte Jean.
»Was für ein Geräusch?«
»Ich glaube, es ist ein Tier.«
»Was?«
»Ein Tier«, wiederholte Jean. »Ich glaube, in der Bücherklappe ist ein Tier.«
Dann hörte ich es auch: Ein leises Gurgeln kam aus dem Metallkasten. Ich fand, dass es sich eher wie das Räuspern eines alten Mannes anhörte, als wie ein Tier.
Gurr-gug-gug. Gurr-gug-gug.
Von außen konnte man die Klappe nur ein paar Zentimeter weit öffnen. Ein alter Mann passte da also auf gar keinen Fall durch. Es musste tatsächlich ein Tier sein. Aber was für eins? Ich kniete mich hin, zog die Klappe auf und hoffte, darin höchstens ein Backenhörnchen zu finden. Doch erst einmal wehte mir eisige Luft ins Gesicht. In der vorangegangenen Nacht war die Temperatur auf –26° Celsius gefallen. Als wäre das noch nicht unangenehm genug, hatte dazu noch ein schneidend kalter Wind geweht, der einem unter die Jacke fuhr und einen bis auf die Knochen auskühlte. Und ausgerechnet in dieser Nacht hatte jemand ein Buch so in die Klappe geklemmt, dass sie offen geblieben war. In dem Behälter war es ebenso kalt wie draußen oder vielleicht sogar noch kälter, weil er aus Metall bestand. Es war genau die Art von Kälte, die einem erst einmal den Atem nimmt.
Ich hatte mich kaum von diesem Kälteschock erholt, als ich das Kätzchen entdeckte, das zusammengerollt in der vorderen linken Ecke des Behälters lag. Es hatte sich unter einem Buch verkrochen und deshalb sah ich zuerst nur seinen Kopf. In dem dunklen Kasten wirkte es grau wie ein Stein. Aber ich bemerkte, dass sein Fell schmutzig und verfilzt war. Vorsichtig entfernte ich das Buch. Das Kätzchen hob langsam den Kopf und schaute mich traurig an. Eine Sekunde lang starrte ich in seine großen, goldgelben Augen. Dann senkte es den Kopf wieder.
In diesem Moment schmolz ich dahin. Dieses Kätzchen versuchte nicht, tapfer zu sein und versteckte sich auch nicht. Ich glaube nicht einmal, dass es Angst hatte. Es wollte nur gerettet werden.
Ich nahm es heraus. Es war so klein, dass meine Hände es fast komplett umschließen konnten. Später erfuhren wir, dass es vor ungefähr acht Wochen geboren sein musste, aber in diesem Augenblick sah es aus, als wäre es keine acht Tage alt. Es war so mager, dass man jede einzelne Rippe sehen konnte. Ich fühlte seinen Herzschlag und das Pumpen seiner Lunge. Das arme Kätzchen war so matt, dass es kaum den Kopf hochhalten konnte, und es zitterte am ganzen Körper. Es öffnete sein Mäulchen, aber es kam nur ein schwacher, heiserer Laut heraus.
Und es war komplett ausgekühlt! Ich weiß noch heute, wie ich mich darüber wunderte, dass sich ein lebendes Tier so kalt anfühlen konnte. Es war, als hätte es überhaupt keine eigene Körperwärme mehr. Ich hielt es in den Armen, um es zu wärmen. Anstatt sich dagegen zu wehren, kuschelte es sich an mich.
»Oh Gott!«, flüsterte Jean.
»Das arme Baby«, sagte ich und drückte es fester an mich.
Wir schwiegen beide eine Weile und sahen nur das Kätzchen an. Dann brach Jean das Schweigen.
»Wie das wohl in die Bücherbox hineingekommen ist?«
Ich dachte nicht mehr über die vergangene Nacht nach, sondern darüber, was jetzt zu tun war. Der Tierarzt würde erst in einer Stunde seine Praxis öffnen. Aber dem Kätzchen war so kalt. Selbst in meinen Armen zitterte es noch.
»Wir müssen etwas unternehmen«, beschloss ich.
Jean holte ein Handtuch, und wir wickelten den kleinen Kerl so darin ein, dass nur noch sein rosa Schnäuzchen herausschaute und er uns mit seinen schönen, großen Augen aus den Handtuchfalten heraus ansah.
»Jetzt bekommt es ein warmes Bad«, sagte ich. »Vielleicht hört es dann auf zu zittern.«
Ich ließ in das Waschbecken in unserem Büro warmes Wasser einlaufen und prüfte die Temperatur mit dem Ellenbogen. Wie ein Eisblock rutschte das Kätzchen aus meinen Händen in das Wasser. Jean fand im Schrank mit den Bastelsachen etwas Shampoo und ich seifte die kleine Katze damit behutsam ein. Allmählich wurde das Wasser grauer, aber das Zittern ging in leises Schnurren über. Ich lächelte. Dieses Kätzchen war zwar sehr jung, aber auch zäh. Als ich es schließlich aus dem Waschbecken hob, sah es aus wie ein Neugeborenes. Seine großen Ohren standen von einem winzigen Kopf ab. Jetzt miaute das tropfnasse kleine Ding leise nach seiner Mutter.
Wir trockneten es mit dem Föhn, mit dem wir in der Bastelstunde den Leim trocknen. Nach nur einer halben Minute hielt ich ein wunderschönes, rot getigertes Katzenbaby in der Hand, obwohl ich sein Fell vorhin noch für grau gehalten hatte.
Inzwischen scharten wir uns zu viert im Büro um unseren kleinen Gast. Acht Hände wollten ihn fast gleichzeitig streicheln. Während ich nur Augen für das Kätzchen hatte und es wie ein Baby im Arm wiegte, redeten die anderen durcheinander.
»Wo kommt es her?«
»Aus der Bücherklappe.«
»Nein! Das ist ja unglaublich!«
»Ist es ein Junge oder ein Mädchen?«
Ich schaute auf. Alle sahen mich an.
»Ein Junge«, antwortete ich.
»Er ist so schön!«
»Wie alt ist er?«
»Wie ist er in die Bücherklappe gekommen?«
Ich hörte gar nicht richtig zu, denn ich musste die ganze Zeit das Katerchen anschauen.
»Es ist draußen so kalt!«
»Bitterkalt!«
»Der kälteste Morgen des Jahres!«
Eine Gesprächspause.
Dann sagte eine Kollegin: »Jemand muss ihn in die Klappe gelegt haben.«
»Das ist ja furchtbar!«
»Vielleicht hat das jemand getan, um ihn zu retten.«
»Ich weiß nicht. Er ist so hilflos.«
»Er ist noch so klein!«
»Und so wunderschön! Ein kleiner Herzensbrecher!«
Ich setzte ihn auf den Tisch. Das arme Kätzchen konnte kaum stehen. Es hatte an den Ballen aller vier Pfoten Erfrierungen. (Im Laufe der nächsten Wochen würden sie sich weiß verfärben und abschälen.) Dennoch tat der kleine Kerl etwas wirklich Erstaunliches. Er fand sein Gleichgewicht und sah jeder von uns ins Gesicht. Dann wackelte er schnurrend auf jede Bibliothekarin zu, um sich streicheln zu lassen und sein Köpfchen an jeder Hand zu reiben. Es war, als wolle er jeder von uns persönlich für seine Rettung danken.
Seit ich das Katzenbaby aus der Bücherbox herausgenommen hatte, waren kaum 20 Minuten vergangen, aber ich hatte bereits über ein paar Dinge nachgedacht: Darüber, dass es früher nicht unüblich gewesen war, Bibliothekskatzen zu halten. Darüber, wo man die Futternäpfe und das Katzenklo aufstellen könnte. Und über den vertrauensvollen Ausdruck, mit dem der kleine Kater, nachdem er sich an mich gekuschelt hatte, zu mir aufschaute. Deshalb war ich gut vorbereitet, als schließlich jemand die Frage stellte: »Was machen wir jetzt mit ihm?«
»Ach«, sagte ich, als sei es mir eben erst eingefallen, »vielleicht können wir ihn ja hier in der Bücherei behalten.«

Am meisten wunderte ich mich darüber, wie zufrieden das Kätzchen an jenem ersten Tag war. Es hatte sich in einer völlig neuen Umgebung wiedergefunden, inmitten von Fremden, die es ständig an sich drücken und streicheln wollten, und war vollkommen gelassen. Gleichgültig wie oft es von einer zur anderen weitergereicht wurde und wie wir es hielten, es wurde nie nervös oder unruhig. Kein einziges Mal versuchte es, zu beißen oder wegzulaufen. Stattdessen entspannte sich der kleine Kater bei jeder von uns und sah uns einfach in die Augen.
Man stelle sich nur ein winziges Fellknäuel vor, nicht größer als ein Getränkekarton, das einem liebevoll in die Augen schaut, und dann sein feuchtes Näschen an einem reibt, einem seinen Kopf auf den Arm legt und zu schnurren anfängt. Es war kein Wunder, dass keine von uns ihn weitergeben wollte. Wir wollten den kleinen Kater ständig an uns drücken, herumtragen und herzen.
Als ich ihn am Abend auf den Boden setzte, beobachtete ich ihn erst einmal fünf Minuten lang, um sicherzugehen, dass er zu seinen Näpfen und dem Katzenklo humpeln konnte. Wenn er eine Büchereikatze werden sollte, musste er lernen, allein in der Bücherei zu leben. Hätte ich ihn an diesem ersten Abend mit nach Hause genommen, hätte es passieren können, dass er auf mein Haus geprägt worden wäre und von dort nicht mehr weggewollt hätte. Deshalb musste ich ihn von Anfang an alleine in der Bücherei zurücklassen.
Und dabei sah er so winzig aus, als er durch den großen Raum voller Bücher hinkte, wie ein kleines, schief geratenes Spielzeug. Und er gab sich so viel Mühe! Der arme kleine Kerl. Ich glaube, er hatte den ganzen Tag lang versucht, mit seinen von Erfrierungen schmerzenden Pfoten den Boden nicht zu berühren. Andererseits machte ich mir um ihn keine allzu großen Sorgen. Ich war noch am Vormittag mit ihm beim Tierarzt gewesen und wusste, dass seine Gesundheit nicht in Gefahr war. Und meine Kolleginnen hatten dafür gesorgt, dass er bereits ein Kistchen zum Schlafen und etwas zum Spielen hatte.
Doris Armstrong, eine der Bibliothekarinnen, hatte ihm sogar eine warme, rosafarbene Decke besorgt. Wir hatten alle zugesehen, als sie sich hingehockt und das Kätzchen unter dem Kinn gekrault hatte. Dann hatte sie die Decke gefaltet und in seinen Karton gelegt. Der kleine Kater war zögernd in den Karton gestiegen, hatte sich zusammengerollt und war eingeschlafen. Und genauso fand ich ihn am nächsten Morgen vor: Er schlief auf seiner rosafarbenen Decke.
Nun folgte der nächste Schritt: Die Öffentlichkeit musste von dem Kätzchen erfahren. Zwar waren alle Büchereiangestellten dafür, dass er blieb, aber die Entscheidung lag nicht bei uns. Die Stadtbücherei von Spencer gehörte der Stadtverwaltung und unterstand damit dem Stadtrat und dem Aufsichtsrat der Bücherei. Gleichzeitig »gehörte« sie aber auch den 10 000 Einwohnern von Spencer, und die konnten manchmal ziemlich eigen sein. Wenn wir das Kätzchen behalten wollten, mussten alle Beteiligten einverstanden sein.
Als Bibliothekarin war mir klar, dass man nicht einfach eine Katze in eine Bücherei holen kann, nur weil sie niedlich aussieht. Wenn sie nicht zahm und freundlich ist, wird sie sich bald Feinde machen. Ist sie zu schüchtern oder ängstlich, wird sich niemand für sie einsetzen, wenn es nötig wird. Wenn sie nicht geduldig ist, wird sie eines Tages beißen oder kratzen. Und wenn sie zu wild und ausgelassen ist, macht sie zu viel kaputt.
Bei unserem pelzigen Findelkind aber hatte ich keinerlei Bedenken. Von dem Moment an, in dem er mich so ruhig und zufrieden angeschaut hatte, wusste ich, dass er perfekt in die Bücherei passen würde. Sein Herz hatte ruhig weitergeschlagen, als ich ihn auf den Arm genommen hatte. Er hatte kein Anzeichen von Panik gezeigt. Er vertraute Menschen. Das war das Besondere an ihm: sein vollkommenes, uneingeschränktes Vertrauen. Und deshalb vertraute ich ihm ebenfalls.
Dennoch war mir etwas bang, als ich Mary Huston, die Stadthistorikerin, in das Büro der Bibliothekarinnen bat. Das war sein erster öffentlicher Auftritt! Als ich das Kätzchen auf den Arm nahm, schlug mir das Herz bis zum Hals. Denn als es mich zum ersten Mal angeschaut hatte, war etwas geschehen: Wir hatten Freundschaft geschlossen. Für mich war unser Findling bereits mehr als irgendeine junge Katze. Ich kannte das Katerchen zwar erst seit einem Tag, aber bereits jetzt konnte ich den Gedanken nicht ertragen, ihn wieder hergeben zu müssen. Was, wenn Mary ihn nicht mochte?
»Hallo, Katerchen«, sagte Mary lächelnd, als sie ihn sah. Sie streckte die Hand aus, um ihm den Kopf zu streicheln – und er reckte sich hoch und schnupperte an ihrer Hand.
»Ach, ist der hübsch«, sagte Mary.
Hübsch. Eigentlich genügte dieses Wort, um den Findling zu beschreiben. Er war eine wunderschöne Katze. Sein Fell war leuchtend orangerot und weiß, mit feinen dunkleren Streifen. Als er älter wurde, wurde es länger, aber als Kätzchen hatte er ein verhältnismäßig kurzes, flauschiges Fell, das um den Hals einen stattlichen Kragen bildete.
Viele Katzen haben allzu spitze Nasen, das Maul springt etwas zu weit vor oder ihr Gesicht ist ein bisschen schief, doch das Gesicht dieses Kätzchens war perfekt. Und dann erst die Augen, seine großen, goldfarbenen Augen!
Aber es war nicht nur wegen seines Aussehens schön, sondern auch wegen seiner Persönlichkeit. Um es zu merken, musste man ihn nur kurz im Arm halten – vorausgesetzt, man war nicht gerade ein Katzenhasser. Es war etwas in seinem Gesicht, an seiner Art, einen anzusehen, dass man ihn einfach lieb haben musste.
»Er lässt sich gerne auf dem Arm tragen«, sagte ich und übergab ihn vorsichtig an Mary. »Auf dem Rücken liegend, wie ein Baby.«
»Ein Baby, das nur ein Pfund wiegt.«
»Ich glaube, er wiegt eher noch weniger.«
Das Kätzchen legte seinen Schwanz zurecht und machte es sich in Marys Armen gemütlich.
»Ach, Vicki«, meinte Mary, »er ist hinreißend. Wie heißt er denn?«
Eine gute Frage. Er hatte nämlich noch keinen richtigen Namen. Ich hatte angefangen, ihn Dewey zu nennen, aber nur deshalb, weil ich ihn ja irgendwie rufen musste. Aber nachdem er ja nicht meine Katze war, konnte ich ihm doch keinen Namen geben. Das wäre die Aufgabe der Büchereibesucher, vorausgesetzt, sie wollten, dass wir ihn behielten.
»Wir nennen ihn jetzt erst einmal Dewey«, erklärte ich Mary, »aber das ist nur vorläufig.«
»Hallo, Dewey«, sagte Mary. »Gefällt es dir in der Bücherei?«
Dewey sah ihr ins Gesicht. Dann rieb er sein Köpfchen an ihrem Arm.
Lächelnd schaute Mary mich an: »Ich könnte ihn den ganzen Tag so halten.«
Natürlich tat sie das nicht. Sie gab mir Dewey zurück und ich ging mit ihm um die Ecke. Dort stand die gesamte Belegschaft und schaute uns erwartungsvoll an.
»Das ist gut gelaufen«, stellte ich fest. »Eine Einwohnerin haben wir auf unserer Seite. Bleiben noch 9999.«

Nach und nach stellten wir Dewey Leuten vor, die regelmäßig in die Bücherei kamen und von denen wir wussten, dass sie Katzen mochten. Weil er immer noch ziemlich schwach war, legten wir ihn den Leuten direkt in die Arme. Marcie Muckey war sofort ganz hingerissen. Mike Baehr und seine Frau Peg verliebten sich auf den ersten Blick in ihn. Pat Jones und Judy Johnson fanden Dewey bezaubernd.
Unter den 10 000 Einwohnern von Spencer gab es vier Judy Johnsons. Zwei von ihnen kamen regelmäßig in die Bücherei und beide wurden rasch zu großen Dewey-Fans.
Eine Woche später berichtete unsere Tageszeitung, der Spencer Daily Reporter, auf seiner ersten Seite von Dewey. Die Schlagzeile lautete: »Schnurrender Neuzugang für Stadtbücherei«. Der halbseitige Artikel erzählte die Geschichte von Deweys wundersamer Rettung und war mit dem Farbfoto eines rot getigerten Kätzchens illustriert, das etwas misstrauisch, aber doch selbstbewusst in die Kamera blickte.
Eine Woche lang war Dewey unser Geheimnis gewesen. Wer in dieser Zeit nicht in die Bücherei gekommen war, ahnte nichts. Jetzt wussten alle Bescheid.
Viele Leute und vor allem die Kinder waren begeistert von der Vorstellung, dass in der Bücherei eine Katze lebte. Es kamen aber auch Beschwerden. Ich muss zugeben, dass ich darüber etwas enttäuscht war, auch wenn es mich im Grunde nicht überraschte. Es gibt auf der Welt nichts, worüber sich nicht irgendjemand aufregt.
Eine Frau reagierte besonders heftig. Sie schickte mir einen bitterbösen Brief. Darin bezeichnete sie mich als eine Verrückte, die nicht nur die Gesundheit aller unschuldigen Kinder der Stadt gefährdete, sondern auch die Werte der Gemeinschaft in den Schmutz zog. Ein Tier in der Bücherei! Wenn das erlaubt war, dann würden die Leute bald ihre Kühe auf der Hauptstraße spazieren führen! Sie drohte sogar, höchstpersönlich mit ihrer Kuh an der Leine in die Bücherei zu kommen.
Ich sah sofort in unserer Leserkartei nach und stellte fest, dass diese Frau bei uns noch nie ein Buch ausgeliehen hatte. Sie besaß nicht einmal einen Bibliotheksausweis.
Ich erhielt aber auch besorgte Anrufe. »Mein Kind leidet an Allergien«, sagte eine Frau. »Was soll ich tun? Er geht so gerne in die Bücherei!«
Mir war vorher schon klar gewesen, dass sich die meisten wegen Allergien Sorgen machen würden, und hatte Vorkehrungen getroffen.
Im letzten Jahr war Muffin, die allseits geliebte Katze der Putnam Valley Library im Staat New York aus ihrer Bücherei verbannt worden, nachdem bei einem Mitglied des Büchereiaufsichtsrats eine schwere Katzenhaarallergie festgestellt worden war. Als Folge davon gingen der Bücherei 80 000 Dollar an zugesagten Spenden verloren. Ich wollte dafür sorgen, dass so etwas bei uns nicht passierte.
Weil es in Spencer keinen Allergologen gab, ließ ich mich von zwei Allgemeinärzten beraten. Unsere Bücherei bestand aus einem einzigen großen Raum, der von 1,20 Meter hohen Regalreihen unterteilt wurde. Das Büro der Bibliothekarinnen war durch eine Wand abgeteilt, die oben 1,80 Meter Abstand zur Decke hatte. In dieser Wand waren zwei offene Durchgänge. Im Raum selbst gab es keine anderen Raumteiler als Regale, die aber nirgends bis zur Decke reichten. Dank dieser Innenraumgestaltung konnte sich Dewey jederzeit ins Büro zurückziehen. Außerdem würde sie verhindern, dass sich irgendwo große Mengen von Hautschuppen und Haaren ansammelten. Offenbar war die Bücherei von ihrer Anlage her allergikerfreundlich.
Wenn eine der Beschäftigten jedoch eine Katzenhaarallergie gehabt hätte, wäre das ein Problem gewesen, aber ein Büchereibesuch von einigen Stunden alle paar Tage war gesundheitlich bedenkenlos, da waren sich die beiden Ärzte einig.
Die Eltern waren zunächst skeptisch, aber die meisten kamen versuchsweise mit ihren Kindern zu uns. Bei jedem Besuch hielt ich Dewey vorsichtshalber auf dem Arm. Ich wusste ja nie, wie die Eltern reagierten oder wie sich Dewey verhielt, zumal die Kinder meist aufgeregt waren. Sie näherten sich ihm zunächst sehr vorsichtig und flüsterten: »Hallo, Dewey«, fingen dann aber bald zu quietschen und zu kreischen an.
Mit den Worten: »So, das ist genug« zogen die Eltern sie dann von dem Kätzchen weg. Dewey machte der Lärm nichts aus. Er war das friedlichste Kätzchen, das ich je gesehen hatte. Allerdings schien er verwundert darüber, dass ihn manche Kinder nicht streicheln durften.
Einige Tage später wagte eine Familie einen zweiten Besuch. Dieses Mal hatten sie einen Fotoapparat dabei. Ihr kleiner Junge, der auf Katzenhaare allergisch war, durfte sich neben Dewey setzen und ihn streicheln, und seine Mutter machte Fotos.
»Justin kann keine Haustiere haben«, erzählte sie mir, »und mir war bis jetzt nicht klar, wie sehr er das vermisst. Er hat Dewey schon jetzt furchtbar lieb.«
Ich liebte Dewey auch. Wir alle liebten ihn. Wie hätte man seinem Charme auch widerstehen können? Er war anhänglich, freundlich und niedlich. Und er hinkte immer noch auf seinen frostgeschädigten Pfoten.
Was mich damals aber erstaunte war, wie sehr Dewey uns liebte und wie unbefangen er in Gegenwart von Fremden war. Es war, als würde er denken: Ich bin unwiderstehlich, nicht wahr?
Mir dämmerte allmählich, dass Dewey sich selbst nicht als gewöhnliche Katze sah. Er hielt sich von Anfang an für jemand ganz besonderes – und lag damit auch richtig.