Inhaltsverzeichnis
Ein Buch für Mummy, auch wenn ich mir sicher bin, dass ihr knuddelige Geschöpfe mit guten Manieren lieber wären.
Für dich, für den Wurf, für die Wölfin töt reichlich,
doch niemals zur Lust,
Und siebenmal: Töt nicht den Menschen,
der Satzung bleibe bewusst!
Rudyard Kipling: Das Gesetz der Dschungel
Angstvoll lief ich auf und ab, spürte den Geschmack
von Blut und den Geschmack von Schokolade
im Munde, einen ebenso hässlich wie den andern.
Hermann Hesse: Der Steppenwolf
Mai
Geistermond
Flammen loderten hoch in den Himmel empor und tauchten die Nacht in ein gespenstisch karnevaleskes Licht. Funken vertrieben die Sterne. Das hundert Jahre alte Gasthaus zeichnete sich als dunkler Schatten inmitten des Infernos ab, während alles, was Vivian kannte, dem Feuer zum Opfer fiel.
Zwei Gestalten stürzten durch die zerborstene Eingangstür und rannten auf den Wald zu, von wo aus sie das Feuer beobachteten. Ihre Schlafanzüge waren rußverschmiert, die Gesichter weiß vor Angst. Die Person, die sie nach draußen geschoben hatte, verschwand erneut im Haus. Noch ein Fenster explodierte.
Drei der Wohngebäude und die Scheune standen ebenfalls in Flammen. Pferde wieherten vor Angst, als sie von einer Handvoll Teenager aus den Stallungen gejagt wurden.
In den Hügeln von West Virginia, meilenweit von der nächsten Stadt entfernt, rechnete niemand mit dem Eintreffen der Feuerwehr. Man musste sich um sich selbst kümmern.
Hinter ihr jammerte eine Frau: »Das haben sie absichtlich getan! Sie haben unser Zuhause niedergebrannt!«
»Bringt sie in einen der Trucks!«, schrie eine Männerstimme. »Ich hole den anderen Wagen.«
»Halt nach Scharfschützen Ausschau«, rief eine Frauenstimme zurück. »Vielleicht lauern sie uns auf, wenn wir abziehen.«
»Fahrt nach Maryland«, hörte Vivian ihre Mutter Esmé sagen. »Wir treffen uns bei Rudy.«
Jemand zog sie am Arm. Esmé stand keuchend neben ihr. »Ich habe Tante Persia in mein Auto gesetzt. Wo ist dein Vater?« Allein mit ihrer Tochter wurde ihre Stimme schrill vor Panik.
»Er ist wieder reingegangen«, antwortete Vivian. Rauch und Tränen ließen ihre Stimme rau klingen. »Mit Gabriel und Bucky.«
»Ivan!« Esmé wollte auf das Gebäude zulaufen, aber Vivian packte sie und hielt sie fest. »Nein! Ihr könnt da nicht beide reingehen. Das ertrage ich nicht.«
Esmé widersetzte sich, doch Vivian mit ihren fünfzehn Jahren war ihr schon gewachsen. »Du kannst ihn nicht aufhalten«, sagte das junge Mädchen. »Er hat geschworen, das Rudel zu beschützen.«
»Aber ich muss bei ihm sein«, flehte Esmé. »Es sind auch meine Leute.«
Was habe ich nur getan?, dachte Vivian. Hätte sie den Jungs Einhalt geboten, wäre das hier vielleicht nicht passiert. Wenn sie ihrem Vater doch bloß gesagt hätte, dass sie außer Rand und Band waren.
Geduckt laufende Gestalten bogen um die Hausecke. Bucky führte eine schmächtige junge Frau, die nicht viel älter als Vivian war. Gabriel hielt ein schreiendes Bündel in den Armen.
Das Feuer brüllte siegreich auf; dann, mit einem Krachen, als sei das Rückgrat eines Riesen entzweigebrochen, gab ein zentraler Tragbalken nach, und das Dach stürzte in einem Feuerwerk aus Funken und Flammen ein.
»Daddy!«, schrie Vivian verzweifelt.
Doch es war zu spät.
Mai /Juni
Mittsommermond
Ein Jahr später …
1
»Mom, du hast schon wieder gekämpft.«
Vivian starrte ihre Mutter erbost an.
Esmé Gandillon lümmelte sich breit grinsend in einem Sessel, ein langes schlankes Bein über die Armlehne geworfen. Ein tiefer Schnitt in ihrer Wange blutete immer noch ein wenig und verlieh ihr eine verwegene Aura.
»Du siehst schrecklich aus«, sagte Vivian.
»Ja, klar, aber du solltest mal die andere sehen«, antwortete Esmé. Sie kratzte sich genüsslich mit beiden Händen an der Kopfhaut und zerzauste ihre dicken blonden Haare.
Seufzend trat Vivian näher, um ihrer Mutter die Wange mit einem Taschentuch abzutupfen, das sie aus der Packung auf dem Couchtisch gezogen hatte. Sie würde sich noch ihr schönes Gesicht ruinieren. »Könnt ihr euch denn nicht einfach in Ruhe lassen, du und Astrid?« Die beiden bekriegten sich, seitdem sie vor über einem Jahr von West Virginia hergezogen waren. Sie erkannte ihre Mutter kaum wieder. »Ist das zu viel verlangt?«, fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
»Rafe hat angerufen«, sagte Esmé, ohne auf die Frage einzugehen.
Vivian verdrehte die Augen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Verstand er denn keinen Wink?
Esmé setzte sich auf und sah ihre Tochter eindringlich an. »Ich dachte, du warst bei Rafe und den anderen.«
»Nein, war ich nicht.« Bei dem Gedanken sträubten sich ihr die Haare. Die fünf Teenager, die ihre einzigen Altersgenossen waren, würden den Rest des Rudels wahrscheinlich noch das Leben kosten, wenn sie so weitermachten.
»Wo bist du denn dann gewesen?«
Vivian wandte sich zum Gehen. Seit wann interessierte sich ihre Mutter dafür, was sie in ihrer Freizeit trieb? »Unten am Fluss, bei den Felsen«, sagte sie über die Schulter.
»Was hast du dort gemacht?«
»Nichts.«
Auf dem Weg aus dem Zimmer hörte Vivian das leise, frustrierte Knurren ihrer Mutter.
Weshalb musste Esmé ständig über die Fünf sprechen? Kapierte sie nicht, dass Vivian ihre Zeit nicht mit ihnen verbringen wollte?
Wie so oft verkrampfte sich ihr Magen. An dem Feuer letztes Jahr waren die fünf Jungen schuld gewesen – und Axel. Krachend warf sie die Tür zu ihrem Zimmer ins Schloss. Auf der Innenseite war das Holz von Krallenspuren durchzogen. Bei der Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse ließ Vivian ihre Nägel wachsen und kratzte eine weitere Furche hinein.
Axel hatte ja unbedingt losziehen, den Kopf verlieren und dieses Mädchen töten müssen.
Letztes Frühjahr hatte er sich plötzlich immer wilder aufgeführt und verrücktes Zeug geredet. Er und die Fünf prahlten mit ihren mitternächtlichen Abstechern in die Stadt, wo sie im Schatten Menschen auflauerten und ihnen eine Heidenangst einjagten. Was sie machten, klang lustig. Vivian wollte auch unbedingt dabei sein und überredete die Jungs, sie mitzunehmen. Doch mit der Zeit kursierten Gerüchte in der Schule, über unheimliche Gestalten, die in der Nacht die Gegend unsicher machten. Die Leute wurden nervös. Als Vivian Axel und den Fünf sagte, sie sollten es vielleicht ein wenig ruhiger angehen lassen, erntete sie nur spöttisches Gelächter.
Dann zog Axel plötzlich allein los, und etwas daran war ihr merkwürdig vorgekommen. Er redete nicht mehr so viel, was Vivian wahnsinnig machte.
Ich war wohl ein wenig in Axel verliebt, überlegte sie, als sie sich die Leggings auszog. Rafe dachte, ich sei sein Mädchen, aber ich hätte ihn sofort für Axel fallenlassen. Sie schnaubte angewidert. Meine Gefühle für Axel haben mich blind gemacht.
Sie hatte schweigend mit angesehen, wie das Verhalten der anderen immer mehr außer Kontrolle geriet, ohne auch nur das Geringste zu unternehmen. Sie hätte ihrem Vater anvertrauen sollen, was sie getrieben hatten, auch wenn sie sich damit selbst Ärger eingehandelt hätte. Aber man verpetzte seine Freunde doch nicht, oder?
Dann zog Axel am Abend des Valentinsballes allein los und brachte hinter der Schule ein Mädchen um.
Vivian spürte noch immer heiße Wut in sich aufsteigen, wenn sie daran dachte, was er getan hatte. Wahrscheinlich hatte er das Mädchen wegen irgendeiner Kleinigkeit getötet, etwa, weil sie ihm einen Korb gegeben hatte. Dabei hätte er mich haben können, dachte sie verbittert.
Er musste gerade dabei gewesen sein, sich wieder zurückzuverwandeln, als ein Klassenkamerad ihn über die Leiche gebeugt gesehen hatte. Bevor Axel merkte, dass der Junge überhaupt da war, rannte dieser weg und zeigte ihn bei der Polizei an.
Die Fünf beschlossen, ihm zu helfen. Sie brachten ein weiteres Mädchen um, während Axel im Gefängnis saß. Sie weihten Vivian nicht in ihre Pläne ein; sie dachten garantiert, dass sie Einwände gehabt hätte. Und das hätte ich auch, doch sicher war sie sich nicht.
»Wie kann ein Junge ein Fell haben? Wie kann ein Mensch derartige Verletzungen verursachen?«, hatte der Anwalt der Familie Axel verteidigt. Der neue Todesfall während Axels Gefängnisaufenthalt bewies doch eindeutig, dass ein wildes Tier auf freiem Fuß war. Der Junge hatte lediglich die Leiche entdeckt, war dann in Panik geraten und weggelaufen. Die Klage wurde abgewiesen.
Aber jemand in der Stadt glaubte der Zeugenaussage, dass sich ein Wolf in einen Jungen verwandelt habe. Eines Nachts gingen das Gasthaus und die Nebengebäude an sechs verschiedenen Stellen in Flammen auf, und schwarzer, beißender Rauch verdunkelte den Mond.
Im siebzehnten Jahrhundert waren ihre Vorfahren vor der Werwolfhysterie in Frankreich in die nur spärlich besiedelte Neue Welt geflohen und hatten sich gegen Ende des Jahrhunderts im wilden Louisiana niedergelassen. Im New Orleans des neunzehnten Jahrhunderts verstießen die Verdun-Drillinge gegen das Menschenfleischverbot, und das Rudel musste seine Heimat erneut verlassen und eilig nach West Virginia ziehen, wo sich ihnen der letzte Rest eines deutschen Rudels aus Pennsylvania anschloss. Letztes Jahr hatte der verbotene Hunger wieder die Oberhand gewonnen, und die Rudelmitglieder flohen aus den Hügeln, die seit hundert Jahren ihr Zuhause gewesen waren, und trafen als Flüchtlinge in den Vororten von Maryland ein – fünf Familien plus diverse Einzelgänger zwängten sich in Onkel Rudys heruntergekommenes viktorianisches Haus in Riverview. Mit etwas Glück würde ihnen niemand hierher folgen, und sie konnten sich ein neues Revier erschließen.
Das Haus in der Sion Road hatte sich allmählich geleert, als die anderen nach und nach Arbeit und Unterkunft fanden, bis nur noch Vivian, Esmé und Onkel Rudy übrig waren. Vivian hatte geglaubt, es müsse doch mittlerweile längst Pläne für die Zukunft geben, aber stattdessen schien das ganze Rudel verrückt geworden zu sein, ihre Mutter eingeschlossen. Nachdem über die Hälfte von ihnen tot war, kannte niemand mehr seinen Platz in der Rangordnung. Ständig gab es Zank. Ihr Überleben hing davon ab, dass sie nicht auffielen, sondern sich in die Ortsgemeinschaft integrierten, während sie sich organisierten und entschieden, wohin sie ziehen und wo sie sich endgültig niederlassen würden. Doch jeden Augenblick konnte das Rudel in einem Feuerball aus Pelz und fliegenden Gliedmaßen explodieren. Sie brauchten dringend einen Anführer, doch man konnte sich auf niemanden einigen.
Dazugehören, dachte sie. Wenn ich es doch nur könnte.
Letzten Sommer hatte sie sich die meiste Zeit in ihrem Zimmer versteckt und viel geschlafen. In den frühen Morgenstunden, wenn Wölfe nach Hause kamen, um ihr Fell abzulegen, hörte Vivian, wie ihre Mutter untröstlich an ihrem offenen Schlafzimmerfenster um jemanden weinte, der nie wieder nach Hause kommen würde.
Doch als die Schule anfing und Vivian in die elfte Klasse kam, aß sie schon wieder beinahe regelmäßig, und Esmé hatte eine Stelle als Kellnerin im Tooley’s, einem Bikerschuppen, gefunden. Allmählich war es nicht mehr so schwer, den Tag hinter sich zu bringen. Vivian war nicht länger erschöpft, wenn sie um halb vier nach Hause kam, und sie sah auch wieder Sinn in der Schule und im Lernen.
Nach und nach blickte sie sehnsüchtig zu den Gruppen Jugendlicher, die nach Schulschluss lachend zusammen um den Fahnenmast standen.
Zuerst dachte sie: Warum sollte ich mich mit Leuten anfreunden, die mich umbrächten, wenn sie wüssten, was ich bin? Und wenn ich mich verrate? Doch die Sehnsucht ließ nicht nach. Da merkte sie erst, dass sie gar nicht wusste, wie man Freundschaften schloss.
Sie hatte immer das Rudel um sich gehabt, das sich jetzt allerdings in seinen einzelnen Höhlen versteckte. Es waren immer genug Rudelkinder da, sie hatte sich nie um Gesellschaft bemühen müssen, denn sie war ja ständig von anderen umgeben gewesen. Natürlich gab es immer noch die Fünf, aber jetzt ertrug sie es nicht mehr, Zeit mit ihnen zu verbringen, und sie konnten sowieso niemals bloß Freunde sein. Sie alle betrachteten Vivian als Weibchen – wenn man nett zu dem einen war, waren die anderen eingeschnappt und bissen um sich. Kämpfen, kämpfen, kämpfen, das war alles, was sie konnten.
Ich will andere Freunde, dachte sie. Doch niemand schien mit ihr befreundet sein zu wollen.
Es war nicht so, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie war groß und hatte lange Beine, wie ihre Mutter, volle Brüste, eine schlanke Taille und schmale Hüften, die sich aber doch weiblich rundeten. Ihre Haut war leicht golden; das war sie immer, ob die Sonne nun schien oder nicht, und ihre dunkelblonden Haare waren dick und lang und unbändig.
Warum verstummten die Mädchencliquen also, wenn Vivian in der Schule auf sie zuging, und antworteten ihr nur knapp und abweisend, beendeten das Gespräch, bevor es angefangen hatte? Sah sie zu gut aus? War das möglich? War das die Bedrohung, die sie sahen? Sie war ein wunderschöner loup-garou, das wusste sie – die Fünf warben heulend um sie -, doch was sahen Menschenaugen?
Die Jungen stießen sich gegenseitig an und flüsterten miteinander, wenn sie vorüberging; sie hatte es aus dem Augenwinkel gesehen. Sie bemerkten sie. Und sie hatte Verständnis dafür, dass der eine oder andere errötete und ins Stammeln geriet, wenn sie sich mit ihm unterhielt. Es gab immer schüchterne Jungs, die tausend Tode starben vor Nervosität, wenn ein Mädchen sie bemerkte. Aber wo waren die Beherzten?
Jungen oder Mädchen, sie sträubten sich gegen sie. Konnten sie den Wald in ihren Augen sehen, den Schatten ihres Pelzes? Waren ihre Zähne zu scharf? Es ist schwer, kein Wolf zu sein, dachte sie. Sie vermisste die Berghänge, wo die Menschen weit fort waren und das Rudel ganz nah, und wo sie sich so gut wie nie verstellen musste.
Es ist mir egal, dachte sie und wirbelte herum. Ich brauche keine Menschen. Ich habe immer noch das Rudel, und wir werden bald weiterziehen. Doch es war ihr nicht egal. Das Rudel war zerrissen, und inmitten dieser Menschen war sie Wolf – loup-garou -, und das machte sie zu einer unerwünschten Außenseiterin. Aber sie würden mich mögen, wenn sie sich die Zeit nähmen, mich kennenzulernen, dachte sie. Sie kennen mich nur nicht.
Sie warf sich aufs Bett und streckte die Beine in die Luft, um deren geschmeidige Kurven zu bewundern, wobei sie mit den Händen die Hüften stützte. Sie reckte sich, so hoch wie möglich, mit gestreckten Zehen, ausgestreckten Fingern, die Muskeln in süßer Anspannung, beinahe so süß wie die Verwandlung. »Ich bin stark«, flüsterte sie. »Ich kann mit der Nacht laufen und die Morgendämmerung einfangen. Ich kann ein Loch in den Himmel treten.« Um ihre Worte zu unterstreichen, stieß sie kräftig mit einem Fuß zu. Dann rollte sie sich zu einer Kugel zusammen.
Sie vermisste ihren Vater – seinen Rat, seinen Trost. Bei dem vertrauten Schmerz fletschte sie die Zähne.
Im Liegen konnte sie die freie Wand sehen, von der sie sämtliche Möbelstücke weggeräumt hatte, und das Wandgemälde, das sie begonnen hatte, um sich zu trösten und dieses Zimmer zu ihrem zu machen.
Zerklüftetes, dichtes Schwarz ließ den Wald zu etwas Wildem werden, eine Schicht auf der nächsten; der gemalte Mond schien grell. Rote Flecken durchschnitten das Dunkel – Augen, Blut.
Loups-garoux rannten durch die Mondscheinlachen einer Nacht in der uralten Vergangenheit ihres Volkes. In den Geschichten hieß es, dass sie durch Ritual, Opfer und heiligen Eid ihre Seelen dem Waldgott öffneten, dem großen Jäger, der die Gestalt eines Wolfes annahm. Zur Belohnung für ihre Hingabe schenkte sein Weibchen, der Mond, ihnen die Gabe, mehr zu sein als ein Mensch. Da konnten sie die Pelze erlegter Tiere von sich werfen und sich ihre eigenen wachsen lassen, ihre Messer aus Feuerstein weglegen und sich stattdessen ihrer Zähne bedienen. Die Kinder ihrer Kindeskinder trugen immer noch das Tier in sich, und alle waren Untertanen des Mondes.
In der Mitte des Wandbildes würde sie selbst Teil der Nacht werden, würde sie mit dem Rudel ihrer Ahnen laufen. Doch wann auch immer sie jetzt nach dem Pinsel griff, sah sie sich dort nicht. Ein Traum zu dem Bild suchte sie immer wieder heim. Sie war von Dunkelheit umgeben und konnte die Schnauzen um sich herum nicht sehen. Sie lief und lief, versuchte, die offene Nacht zu erreichen, doch bedrängten sie die riesigen Gestalten und scheuerten ihr die Haut mit ihrem rauen, dicken Fell auf, während sie gegen sie stießen und sie anrempelten. Und sie konnte sich keinen Pelz wachsen lassen. Es war immer das Fell der anderen auf ihrer Haut, und dann erwachte sie mit einem Schrei.
Wie um dem Traum entgegenzuwirken, war sie eine Zeit lang wie besessen gewesen und hatte Dutzende kleinerer Bilder und Skizzen von dem Rudel angefertigt, das sie aus ihrer Kindheit kannte. Sie hingen an ihrem Wandschrank und stapelten sich in dem Spalt zwischen ihrer Kommode und der Wand. Sie halfen ihr, die Vergangenheit zu bewahren. Sie verhinderten, dass sie den Verstand verlor.
Ihr Kunstlehrer hielt sie für eine dieser jungen wilden Punkkünstlerinnen und schwärmte von der Kraft des Expressionismus. Großer Mond, er würde sich in die Hose machen, wenn er wüsste, dass meine Motive echt sind, dachte Vivian schadenfroh. Er hatte sie überredet, ein paar Kopien bei der Literaturzeitschrift der Schule einzureichen. Zuerst hatte sie gelacht – aber warum eigentlich nicht? Und nun befand sich zu ihrer Überraschung ein Bild von ihr ziemlich genau in der Mitte von The Trumpet. Vivian lächelte. Und zweifellos hielten diese Menschen ihre Arbeit für eine total coole Vision, unendlich angesagt und gefährlich.
Der Gedanke, dass sie in diesem bescheidenen Maß doch akzeptiert worden war, verscheuchte die düstere Stimmung, und Vivian sprang auf und holte ihren Rucksack, um noch einen Blick auf das abgedruckte Bild zu werfen. Sie sollte die Zeitschrift eigentlich offen auf dem Küchentisch liegen lassen, damit Mom sie morgen sähe, bevor sie zur Arbeit ging. Würde sie die Kunst ihrer Tochter wiedererkennen? Wäre sie stolz?
Die Zeitschrift roch nach Hochglanzpapier und fühlte sich kühl an. Vivian schlug ihr Bild auf und verschlang die seidene Lebendigkeit und Reinheit. Und werden die Mädchen an der Schule mich jetzt endlich bemerken?, fragte sie sich sehnsüchtig.
Sie hatte sich bisher noch nicht einmal die Mühe gemacht nachzusehen, mit wem sie sich die Seite teilte. Ist mein Werk besser als das der anderen?, wunderte sie sich jetzt. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Gedicht. Sie betrachtete es argwöhnisch. Ein paar dilettantische Reime würden ihr Bild herabwürdigen, es billig erscheinen lassen.
Der Titel überraschte sie – »Wolfsverwandlung«. Sie las weiter.
Korsar des Waldes
wirf deine Haut ab
deine bleiche, wurmhafte
Verletzlichkeit.
Korsar des Waldes
tausche deine Haut
gegen graubraunen Pelz
und gescheckte Pracht.
Ein Pentagramm glüht
in deinen Augen
und weiche, blasse Flechten
aus Wolfswurz
drücken dein Herz.
Mahlender Schmerz
windet sich in deinen Schenkeln
das Knirschen von Knochen
kündet den Beginn der Verwandlung.
Pirat des Fleisches
wirf den Kopf in den Nacken
und reiß das Maul auf
um den Mondgesang anzustimmen.
Die Waldpfade sind dunkel
die Nacht ist lang.
Köstliches Entsetzen ließ sie erzittern.
Er weiß es, dachte sie. Er weiß, was auf dem Bild zu sehen ist. Wut verdrängte die Aufregung, und sie verengte die Augen zu Schlitzen. Wer war dieser Aiden Teague? Warum kannte er Waldpfade? Was wusste er darüber?
Ihr Interesse war geweckt. Vielleicht sollte sie ihn ausfindig machen und sich anschauen, wer hier von knirschenden Knochen schrieb, entscheiden, ob sie ihn guthieß.
Und wenn nicht? Die Fünf auf ihn ansetzen? Sie lachte leise und entblößte scharfe weiße Zähne.
2
Der Morgen war milde, und aus einem benachbarten Garten wehte der Duft erster Rosen herüber. Im Laufe des Tages würde es heiß werden, und sie war froh, sich für Shorts entschieden zu haben. Nicht mehr lange bis zu den Ferien, dachte Vivian, als sie die von Bäumen gesäumte Straße entlangging. Was werde ich im Sommer machen? Umziehen, hoffte sie. Von hier wegkommen.
»Hey, Viv.«
Eine schlanke, muskulöse Gestalt trat hinter einem steinernen Torpfosten hervor, und kurzzeitig weiteten sich ihre Augen. »Rafe«, grüßte sie beiläufig und ging weiter. Wäre sie nicht mit ihren Tagträumen beschäftigt gewesen, hätte sie ihn gewittert.
Rafe ging neben ihr her. Ihr fiel auf, dass er jetzt einen Spitz- und einen Schnurrbart trug. Er fuhr sich mit der Hand durch die dicken, langen braunen Haare und schob ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Päckchen zurecht, das er unter dem Arm trug. »Du gehst zur Schule?«
»Manche von uns tun das, ja.«
Die Fünf traf man mit größerer Wahrscheinlichkeit in dem Diner um die Ecke von der Schule oder unten am Fluss an.
»Yiiiiiiiieeee!«
»Haaaaaaaaaaa!«
Unter Kettengeklirr und mit fliegenden Haaren ließen sich zwei Jungen von einem Baum am Straßenrand fallen. Diesmal zuckte sie leicht zusammen und verwünschte sich selbst. Sie hätte wissen sollen, dass die anderen nicht weit sein konnten. Die Zwillinge, Willem und Finn, wirkten sehr selbstzufrieden. Der mondgesichtige Willem schlang einen Arm um ihre Taille und drückte sie freundschaftlich. »Wir haben dich doch nicht erschreckt, oder?«, fragte er und freute sich offensichtlich über das Gegenteil.
»Du bist so ein Welpe«, sagte Vivian, verdrehte die Augen und befreite sich von seinem Arm. In ihrer Kindheit war er ihr der Liebere der beiden Zwillinge gewesen. Er war netter und nicht so unberechenbar wie sein Bruder, doch seine Zärtlichkeiten hatten im letzten Jahr viel von ihrer Unschuld verloren.
Finn, der dünnere Zwilling, lächelte hämisch.
Da sie jetzt mit den anderen rechnete, überraschte es sie nicht, als Gregory, der hoch aufgeschossene blonde Cousin der Zwillinge, leise hinter einem anderen Baum hervortrat und sich zu ihnen gesellte, und Ulf über einen weißen Lattenzaun gehüpft kam und vollkommen überdreht rückwärts den Bürgersteig entlangtänzelte, bis Rafe ihm einen Klaps auf den Hintern versetzte.
Sie trugen ihre gewöhnliche Uniform aus Stiefeln, schwarzen Jeans, T-Shirts und diversen Tätowierungen. Rafe hatte die Ärmel hochgekrempelt, um seinen Bizeps zur Geltung zu bringen. Meine Bodyguards, dachte Vivian.
»Hab gestern Abend deine Mutter mit Gabriel in Tooley’s Bar gehen sehen«, sagte Finn. »Sie hat die Finger nicht von ihm lassen können.« Seine Lippen waren zu einem spöttischen dünnen Grinsen verzogen, und er kniff erwartungsvoll die Augen zusammen.
Vivian packte der Zorn, doch sie hielt sich eisern zurück.
»Ja, Astrid war auch nicht weit«, sagte Rafe. »Und sie hat stinksauer ausgesehen.« Er lachte.
»Hey, lass meine Mom aus dem Spiel«, mischte sich Ulf ein.
Darum ging es also bei ihrem Streit, dachte Vivian. Gabriel. Das war widerwärtig. Er war erst vierundzwanzig. Und total eingebildet, zumindest hatte sie ihn bisher so erlebt.
Rafe holte das Päckchen hervor, das er unter dem Arm trug, und Vivian hörte Ulf kichern. Dann löste Rafe die verknotete Schnur. Seine Augen waren eher rot als braun, als er ihr einen Blick zuwarf, und ein boshaftes Grinsen umspielte seine Lippen. Vivian war klar, dass er etwas ausheckte.
»Vivian, ich möchte dir mein Herz schenken«, sagte Rafe auf einmal ernst. Dann grinste er sofort wieder. »Doch da das etwas beschwerlich sein könnte, habe ich dir das von jemand anderem mitgebracht.«
Er rollte die Zeitung auf und warf einen braunen, schleimigen Klumpen auf den Bürgersteig.
»Rafe!« Sie sah sich verstört um und hoffte, dass keine Nachbarn in Sicht waren. »Was zum Teufel machst du da?«
Die Fünf konnten sich vor Lachen nicht mehr halten.
Vivian riss Rafe die Zeitung aus der Hand und hob den dreckigen Klumpen auf.
»Dir mein Herz schenken …«, stieß er japsend hervor und bog sich dann wieder vor Lachen.
Wohin damit? Wo war die Leiche? Während sie die ekelhafte Trophäe wieder einwickelte, nahm sie sie genauer unter die Lupe. »Rafe, du Mistkerl!«, rief sie. »Das ist ein Schafsherz.«
Die Fünf brachen erneut in brüllendes Gelächter aus.
Sie wusste nicht recht, ob sie wütend oder erleichtert sein sollte. »Ihr seid bei Onkel Rudy gewesen, nicht wahr?« Rudy war Fleischer bei Safeway. Als sie keine Antwort erhielt, stieß sie ein Knurren aus und schleuderte Rafe das ganze Paket ins Gesicht. Das erheiterte die anderen sogar noch mehr. Ulf standen Tränen in den Augen.
Sie wandte sich ab und ließ die Jungen hinter sich, die ihr jedoch in einiger Entfernung folgten. Vivian hörte ihre Lachsalven den ganzen Weg bis zur Schule.
Mom glaubt, die Fünf haben ihre Lektion gelernt, dachte sie. »Ha, von wegen!«
Als Axel aus dem Gefängnis kam, hatte ihr Vater rasch sein Urteil gefällt. Auf die Gefährdung des Rudels stand die Todesstrafe.
Vivian konnte Axel nicht retten, doch sie setzte sich bei ihrem Vater für die Fünf ein. Sie waren lediglich Kinder, wie sie selbst. Sie hatten nur getötet, um zu beweisen, dass der Zeuge sich irrte, und das Geheimnis des Rudels zu bewahren. Sie würden es nicht noch einmal tun. Also hatte Ivan Gandillon sie gezwungen, den Mond um Verzeihung zu bitten und den Reißzahnlauf zu absolvieren: Sie mussten einen schmalen Gang entlanglaufen, an dem die übrigen Rudelmitglieder in Wolfsgestalt Spalier standen und nach den Delinquenten schnappen durften. Manche meinten, er habe die Fünf zu leicht davonkommen lassen, obwohl sie sich noch wochenlang die Wunden leckten. Vielleicht hatten jene Leute Recht. Vivian hatte den Fünf seither nicht mehr so ganz über den Weg getraut.
Erst kurz vor der Mittagspause fiel Vivian wieder ein, dass sie Aiden Teague ausfindig machen wollte. Genau, warum sehe ich mir diesen Dichter nicht einmal an?, sagte sie sich. Mal sehen, ob es mir gefällt, dass er über Dinge schreibt, von denen er eigentlich keine Ahnung haben sollte. Das war besser, als herumzusitzen und Trübsal zu blasen. Wo sollte sie nach ihm suchen? Sie beschloss, ihren Kunstlehrer zu fragen, der einer der Berater bei The Trumpet war.
»Ja, klar. Der ist in der elften Klasse«, sagte Mr. Antony, während er ein paar Pinsel über dem Waschbecken im Kunstraum ausschüttelte.
»Wie finde ich ihn?«, fragte Vivian möglichst unbeteiligt.
»Tja, wenn du noch eine halbe Stunde wartest, bis zur Mittagspause der anderen, brauchst du bloß aus dem Fenster da zu schauen. Er hängt immer mit seinen Freunden im Innenhof herum, dort drüben unter den Bogen.« Er wies mit den Pinseln zu einem Abschnitt des überdachten Ganges, der um den quadratischen Innenhof führte.
»Wie sieht er aus?«
»Ach, ich weiß nicht. Er ist groß, ein bisschen wie ein Bohemien.«
Was auch immer das heißen soll, dachte sie.
Mr. Antony musste ihren verständnislosen Blick bemerkt haben. »Du weißt schon, ein Retro-Sechziger, Jeans und Perlen, ein MTV-Hippie eben.«
So, wie er das sagte, dachte er wohl von sich, selbst einmal ein echter Hippie gewesen zu sein.
»Oh, ich erinnere mich«, fügte der Lehrer hinzu. »Heute Vormittag hat er dieses Blumenhemd angehabt – viel Gelb und Blau. Es hat mich zum Lächeln gebracht. Nun, ich muss mir ein Sandwich besorgen. Mach beim Rausgehen die Tür hinter dir zu.«
»Sicher.«
Glücklicherweise hatte sie ihr Mittagessen mitgebracht. Sie machte es sich auf dem warmen Fensterbrett bequem und aß ihr Steak, während sie auf den mysteriösen Aiden Teague wartete. Über den ganzen Hof waren Gruppen von Jugendlichen verstreut, die ihr Mittagessen verzehrten, redeten und sich sonnten. Manche Jungen hatten sich die Hemden ausgezogen, und ihre Haut war golden und glänzte seidig, als hätten sie die Sonne verschluckt. Es war ein süßer Anblick. Ihr Blick ruhte zärtlich auf ihnen, während sie in ihr Fleisch biss.
Beim nächsten Läuten wechselten die Gruppen. Die Schüler hoben widerstrebend T-Shirts, Mineralwasserdosen und Bücher auf und eilten in ihre Klassenzimmer, während andere, die sich kaum von ihnen unterschieden, ihren Platz einnahmen.
Ich komme zu spät zu Französisch, dachte Vivian. Doch das machte nichts, der Lehrer liebte sie wegen ihrer perfekten Aussprache. Vivian setzte sich aufrecht hin und knetete mit den Händen ihre leere Brotzeittüte. Den Blick hielt sie auf den Bogengang gerichtet.
Zwei junge Männer kamen in Sicht. Einer hatte dunkle, schulterlange Haare und trug ein Blumenhemd. Das musste er sein. Ein weiterer Junge gesellte sich zu ihnen, dann ein Mädchen. Sie standen lachend zusammen, ihre Gesichter in den Schatten verborgen.
Das bist du also, Dichterjunge, dachte Vivian, doch sie konnte ihn nicht deutlich erkennen. Sie wollte ihn sich aus der Nähe ansehen.
Warum mache ich mir überhaupt die Mühe?, fragte sie sich auf dem Weg durch die Seitentür. Weil ich eine Piratin der Nacht bin und wissen möchte, wer widerrechtlich mein Revier betreten hat, gab sie sich selbst die Antwort. Doch vielleicht war er einer von ihnen und gehörte nur zu einem anderen Rudel. Oder vielleicht weiß er einfach bloß zu viel. Auf dem Weg über den Rasen lachte sie laut angesichts ihrer melodramatischen Gedanken, und ein pickeliger Zehntklässler betrachtete sie neugierig. Es war so heiß, dass sie sich ihr Hemd auszog und das Trägertop darunter zum Vorschein kam.
Soll ich ihn mir nur ansehen, oder werde ich etwas sagen?, überlegte sie. »Ooooh, dein Gedicht hat mir ja so gut gefallen.« Vielleicht konnte sie ja ein wenig mit ihm spielen. Sie wiegte sich in den Hüften. Vielleicht bringe ich ihn dazu hinzusehen.
Der Junge links von Aiden bemerkte sie als Erster. Er war ein stämmiger Blonder mit einem gutmütigen Gesicht und Augen, die bei Vivians Anblick ein wenig glasig wurden. Vivian konnte sich ein Zwinkern nicht verkneifen, und seine Wangen verfärbten sich rosa. Es war ja so einfach! Der andere Junge, der eine komische asymmetrische Frisur hatte, quasselte weiter, doch das Mädchen sah herüber und rümpfte die Nase. Sie war klein, mit ganz kurzen dunklen Haaren – die Art Mädchen, die sogar an einem Tag wie diesem schwarze Strümpfe trug. Ich mach dir noch ein paar Laufmaschen mehr in deine Strumpfhose, Süße, wenn du mich nochmal so anschaust, versprach Vivian insgeheim.
Da drehte sich Aiden Teague zu ihr um, weil er sehen wollte, was die Aufmerksamkeit seiner Freunde erregt hatte. Die Sonne brach sich in sämtlichen Regenbogenfarben in dem Kristallohrring an seinem linken Ohrläppchen, und sein träges, unbefangenes Lächeln versetzte Vivian einen Schock.
Ihr war bewusst, dass sie ihn anstarrte, aber sein Gesicht war einfach herrlich. Seine verträumten Augen schauten leicht belustigt, als beobachte er das Leben als Außenstehender und fände es irgendwie amüsant. Er wirkte gelassen, nicht so angespannt wie die Fünf – diese schrillen, nervösen, zuckenden, sich windenden, kämpfenden, nacheinander schnappenden, scharfkantigen Geschöpfe, die ihr so viel abverlangten. Er hatte die Statur eines Tänzers und feingliedrige Hände, bei deren Anblick ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, wie schön es wohl wäre, von ihm berührt zu werden.
»Kenne ich dich?«, fragte er. Mit verwirrter Miene sah er sie erwartungsvoll an.
3
Vivian sagte das Erstbeste, was ihr einfiel.
»Ähm. Mir hat dein Gedicht in The Trumpet gefallen.« Ich glaub einfach nicht, dass ich das gerade gesagt habe, dachte sie erschüttert.
»Hey, danke«, sagte Aiden. Er blickte immer noch verdutzt drein.
Er ist kein Werwolf, dachte sie bestürzt. Wie kann ich so reagieren, wenn er keiner von uns ist? Sein Geruch nach süßem Schweiß und Seife war rein menschlich. Reiß dich zusammen, Mädchen, ermahnte sich Vivian. Es bereitete ihr Unbehagen, derart aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Sie legte eine Hand auf die Hüfte und wappnete sich trotzig dagegen, in seinen dunklen Augen zu ertrinken. »Dein Gedicht ist gegenüber von einem Bild von mir abgedruckt worden. Ich war froh, dass ich nicht neben irgendwelchem Müll stehe.«
Der blonde Junge lachte wiehernd.
»Sei still, Quince«, sagte Aiden, doch er grinste.
»Das war so’ne Art Waldszene, oder?«, sagte der Junge mit der komischen Frisur. »Total gespenstisch.«
Das dunkelhaarige Mädchen legte Aiden eine Hand auf den Arm. »Bingo wartet auf uns.«
»Moment, Kelly.« Sanft entzog Aiden sich dem Griff, und das Mädchen runzelte schmollend die Stirn. »Cooles Bild«, sagte er zu Vivian. »Es ist, als könntest du meine Gedanken lesen.«
»Genau das habe ich mir bei deinem Gedicht gedacht«, antwortete Vivian. Ihre Reaktion auf ihn war beunruhigend, aber sie wollte das Gefühl ergründen. Sie griff nach seiner Hand und drehte sie nach oben, dann ließ sie die Nägel seine Finger entlanggleiten. Er sträubte sich nicht.
»Was willst du tun, mir die Zukunft vorhersagen?«, fragte Aiden.
»Ja«, antwortete sie. Sie fischte einen Filzstift aus ihrer Handtasche. Dann schrieb sie unter seinem gebannten Blick ihre Telefonnummer auf seine Handfläche. Aus einer Laune heraus malte sie einen fünfzackigen Stern darum.
»Was ist denn das?«, sagte Quince. »Bist du jüdisch oder was?«
»Nein«, sagte Aiden sanft. »Das ist ein Pentagramm.«
»Dann ist sie also eine Hexe«, meinte Kelly unwirsch.
Nein, meine Liebe, dachte Vivian. Du siehst dir nicht genug Horrorfilme an. Wer ein Pentagramm in seiner Handfläche entdeckt, wird einem Werwolf zum Opfer fallen.
»Bist du eine Hexe?«, fragte Aiden mit funkelnden Augen.
Ihre Stimme klang heiser. »Warum findest du es nicht heraus?« Sie schloss seine Hand um das Zeichen, das besagte, dass er für sie bestimmt war. Ihr Herz hämmerte wild angesichts ihres Verwirrspiels, doch sie würde auf keinen Fall die Nerven verlieren.
Als sie ging, hörte sie, wie Kelly lauter sprach, doch sie machte sich nicht die Mühe hinzuhören. War das also seine Freundin? Er hatte etwas Besseres verdient. Etwas viel Besseres.
Den ganzen Nachmittag musste sie immer wieder an ihn denken, wie ein Ohrwurm, der ihr nicht aus dem Kopf ging. Nach einer Weile wurde es lästig. Was bin ich eigentlich, eine Perverse?, fragte sie sich. Er war ein Mensch, um Mondes willen – eine halbe Person.
Es ist bloß ein Spiel, beruhigte sie sich, um zu sehen, ob ich ihn in die Falle locken kann. Doch sie wollte herausfinden, was in einem menschlichen Kopf vorging, dass er solch ein Gedicht verfasste, und sie wollte ergründen, warum er ihr den Atem geraubt hatte.
Die Eingangstür öffnete sich in dem Moment, in dem Vivian zu Hause eintraf. Gabriel, der Auslöser für den letzten Kampf ihrer Mutter, erschien im Türrahmen und verstellte ihr den Weg. Sein T-Shirt spannte sich über der breiten Brust.
»Hi, Viv«, sagte er. »Gut siehst du aus.« Seine Stimme grollte wie träger Donner, und seine Augen blitzten aufreizend.
Am liebsten hätte sie ihn angespuckt. »Spar dir das für Esmé auf.«
Grinsend rieb sich Gabriel das Kinn. Ihr fiel das weißliche, runzelig vernarbte Gewebe an seinem rechten Handrücken auf. Die Spitze einer weiteren Narbe lugte an seinem Hals hervor. »Man sieht dich gar nicht im Tooley’s«, sagte er, ohne auf ihren Zorn zu achten.
Sie starrte ihn wütend an. »Ich bin zu jung, um zu trinken.«
Genüsslich ließ er den Blick über sie schweifen. Unwillkürlich zog sie am Saum ihrer Shorts. Ihr Oberteil fühlte sich zu eng an. Sie war sich eines Schweißtröpfchens bewusst, das zwischen ihren Brüsten hinabrann. »Was du nicht sagst«, meinte er schließlich.
Sie starrte ihm in die Augen, forderte ihn heraus. Sie war ihm unterlegen, trotzte ihm aber dennoch, und sie unterdrückte das Beben ihrer Lippen. Beide schwiegen; sie konnte sein starkes, scharf geschnittenes Gesicht nicht deuten. Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie zuckte zurück. Dann lachte er dröhnend und trat beiseite. Sie schlüpfte an ihm vorbei ins Haus, verärgert, weil sie zusammengezuckt war. Immerhin zeigte sie ihm aber, dass sie es wagte, an ihm vorüberzugehen. Sie schlug ihm die Tür vor seinem arroganten Gesicht zu.
»Mom!«, schrie sie mit schriller Stimme.
Esmé steckte den Kopf aus dem Esszimmer.
»Wie lang ist er hier gewesen?«, verlangte Vivian zu wissen.
»Bloß ein paar Minuten«, antwortete Esmé. Sie wirkte selbstzufrieden. »Er war hier, um mich heute Abend auf einen Drink einzuladen.«
»Verdammt nochmal, Mom. Er ist vierundzwanzig.«
»Na und?«
»Du bist fast vierzig.«
»Genau, reit bloß darauf herum.« Doch Esmé hörte nicht auf zu lächeln.
»Findest du das nicht ein bisschen widerwärtig?«
Esmé warf die Arme in die Luft. »Du meine Güte, es ist mir doch nicht ernst mit ihm.«
»Oh, prima. Jetzt ist er also dein kleiner Lustknabe.«
Esmé grinste. »Und was für ein Knabe!« Sie tänzelte die Treppe hinauf und wackelte mit dem Hintern wie mit einem Schwanz. Vivian folgte Esmé nach oben und warf krachend ihre Zimmertür ins Schloss.
Rudy war nach der Arbeit in Tooley’s Bar gegangen, also saßen nur Vivian und Esmé am Esstisch. Vivian grübelte immer noch über Gabriels Besuch nach. Sie dachte an ihren Vater und die schmerzhafte Leere, die immer noch an ihr nagte. Ihre Eltern hatten so glücklich miteinander gewirkt. Sie hatte geglaubt, ihre Mutter teile den Schmerz, doch jetzt führte sich Esmé wie eine dumme Vierzehnj ährige auf.
»Hast du Dad denn nicht geliebt?«, sagte sie nach einer Weile.
Entgeistert über diese völlig unerwartete Frage blickte Esmé auf. »Doch, ich habe ihn geliebt.«
»Warum rennst du dann einem anderen Mann hinterher?«
»Ein Jahr ist eine lange Zeit, Vivian. Ich bin das Weinen leid. Ich bin einsam. Manchmal will ich einen Mann in meinem Bett.«
Jäh packte Vivian ihren Teller und ging in die Küche. Konnte ihre Mutter nicht mit ihr reden wie mit einer Tochter? Sie kratzte ihre Essensreste in den Mülleimer, wobei sie quietschend mit dem Messer über das Porzellan fuhr.
»Pass auf das Geschirr auf!«, schrie Esmé.
So ist es schon besser, dachte Vivian aufgebracht.
Eine Stunde später lag sie auf ihrem Bett und lernte halbherzig Chemie, als das Telefon klingelte. Sie ging an den Apparat im Korridor im ersten Stock und erwartete, die Stimme eines Rudelmitglieds zu hören, doch es war Aiden.
»Am Wochenende gibt es an der Uni ein Konzert mit freiem Eintritt«, sagte er. »Sonntagnachmittag. Vielleicht … willst du hingehen?«
Die Augen halb geschlossen, leckte sie sich über die Lippen. »Vielleicht. Wer spielt denn?«
Er erwähnte eine Band, von der sie noch nie gehört hatte, in einem ehrfürchtigen Tonfall, der nahelegte, dass sie bekannt war und zu seinen Favoriten gehörte. Er teilte ein besonderes Vergnügen mit ihr. »Ich muss erst fragen, ob meine Familie schon Pläne hat«, sagte sie ihm. »Ich gebe dir morgen Bescheid.« Schließlich wollte sie nicht zu eifrig erscheinen. »Nein. Keine Sorge. Ich finde dich schon.«
Vivian legte auf, streckte zufrieden die Arme zur Decke und machte einen Buckel. Sollte sie hingehen, oder reichte es ihr schon, dass er angebissen hatte?
Doch ein Schatten legte sich über ihre gute Laune. Bei einem Date würde er sie küssen wollen. Wäre er sicher, wenn er ihr so nahe käme, dass ihr sein Geruch in die Nase stieg?
Esmé kam aus ihrem Schlafzimmer. Sie trug das enge schwarze Kleid, das ihre Kellnerkluft darstellte. »Wer war das?«, fragte sie beiläufig, während sie sich einen Ohrring ansteckte.
»Ein Junge aus der Schule.«
Esmé hielt inne. »Oh?«
»Er hat mich auf ein Konzert eingeladen.«
»Einer von denen hat dich eingeladen?« Die Miene ihrer Mutter war eine Mischung aus Abscheu und Überraschung. »Das erlaube ich nicht.«
Vivian wurde zornig. »Du kannst mir nicht vorschreiben, mit wem ich auszugehen habe.«