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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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Wenn man nur Bücher herausgeben wollte, die nichts als Wahrheit enthalten, dürfte man auch Homer und Herodot nicht mehr herausgeben, weil darin bekanntermaßen so viel Unwahres enthalten ist.
 
KONSTANTIN SIMONIDES

COPY & PASTE: DIE SCHWARZE KUNST DER SCHRIFTGELEHRTEN
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Papyrus ist geduldig. Ein Forscherstreit führt auf die Spur des Fälschers. Antike Landkarten erwachen zu neuem Leben. Überall ist Alexandria.
SIMONIDES schlägt wieder zu!« Eine mysteriöse Überschrift im Londoner Times Literary Supplement vom 22. Februar 2008. Der Artikel beschäftigt sich mit einem sensationellen Fund, der damals schon einige Jahre zurückliegt: dem Papyrus des Artemidor von Ephesus. Der legendäre griechische Geograph lebte um das Jahr 100 vor Christus, sein umfängliches Werk, eine Weltbeschreibung in elf Bänden, gilt bis auf einige Fragmente als verloren. Man kennt Artemidor im Wesentlichen aus zweiter Hand, kein seltenes Schicksal für einen antiken Autor. Strabo, ein etwas jüngerer und auch schon weiter gereister Schriftsteller – er kam wohl bis Armenien und Äthiopien, lebte in Rom und Ägypten -, zitiert Artemidor ausführlich. Strabo ist der Berühmtere. Sein Geschichtswerk ist verschollen, seine 17-bändige Geographia hat, auf welchen Wegen und in welchen Versionen und Abschriften auch immer, überlebt. Wer bleibt, hat Recht.
Antike Land- und Seekarten beflügeln die Phantasie. Sie wirken wie Gründungsurkunden der Globalisierung. Die Darstellung des bekannten Weltkreises war in der Epoche des Artemidor ein Wagnis, wie das Reisen. Man fürchtete die »Ufer hinter dem Horizont«, während zur gleichen Zeit Mathematik, Astronomie, Philosophie in ihrem Erkenntnisdrang und Wissenszuwachs explodierten. Menschliches Bewusstsein und Wissen dehnten sich aus ins Universale, ohne dass der Moment dieses geistigen Urknalls bestimmt werden könnte. Die Welt damals, auch wenn in geheimen Zirkeln bereits die Idee von der Kugel durchgespielt wurde: mehr Scherbe als Scheibe, flache Landmassen im Mittelmeerraum, vage begrenzt von Gibraltar im Westen und Indien im Osten.
»In den ägyptischen Sümpfen und Seen«, schreibt Strabo in seinem Kapitel über Alexandria, wo er Jahre in der Bibliothek studierte, »wächst die Papierstaude und die ägyptische Bohne, woraus man Trinkbecher macht, beides fast gleich hohe, etwa zehnschuhige Stengelgewächse. Die Papierstaude ist ein kahler Stengel mit einem Wollbüschel an der Spitze.« Papyrus war ein wichtiges Exportgut der Alexandriner, die selbst, bücherbesessen, wie sie waren, Unmengen davon verarbeiteten. Der Nabel der Welt liegt zu jener Zeit, und nicht mehr lange, in Alexandria, zuvor in Delphi, davor in Babylon. Eine Welt überschreibt die andere. Strabo kritisierte seine heute längst vergessenen Kollegen als rückständig und veraltet, sie schrieben, meinte er, über die Welt und ihre wundersamen Erscheinungen dummes Zeug, da sie mit Lügen aufgewachsen seien und an Mythen festhielten. Artemidor aber galt damals als zuverlässige Quelle.
»Simonides strikes again!«
Da taucht zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach einer Odyssee durch ägyptische und europäische Sammlungen, in der Öffentlichkeit diese Rolle auf – zweieinhalb Meter lang und etwa dreißig Zentimeter breit. Ein Papyrus in ruinösem Zustand. Ein unvollendetes Meisterwerk, Teil einer kartographischen Luxusausgabe, mit herrlichen Zeichnungen von Tigern, Elefanten, Giraffen, Greifen, Krokodilen, Schlangen, Vögeln und allerlei phantastischen Monstern und menschlichen Körperteilen. Köpfe, Hände, Füße, wie in einer anatomischen Studie. Dazu die detaillierte Karte eines rätselhaften Landstrichs und, auf zwei Spalten, eine Einführung in die Landeskunde des jetzigen Spanien. Die Rolle weist Löcher und andere schwere Schäden auf. Offenbar ist sie zweckentfremdet und als Einwickelmaterial für eine Mumie benutzt worden.
Heute befindet sich der Papyrus im Besitz einer Turiner Bank. Kaufpreis im Jahr 2006: 2,6 Millionen Euro. Bei den Olympischen Winterspielen in Turin wird der Schatz präsentiert, anschließend geht die Rolle auf Ausstellungstour durch mehrere europäische Hauptstädte. Der italienische Altertumsforscher Luciano Canfora ist alarmiert. Er erklärt den Papyrus des Artemidor, eines der ältesten existierenden Dokumente griechischer Geographie, für blanke Fälschung.
Der Italiener fährt schweres wissenschaftliches Geschütz auf. Über 500 Seiten umfasst seine Streitschrift Il papiro di Artemidoro. Canfora will auf der Rolle Begriffe entdeckt haben, die es im Griechischen des ersten Jahrhunderts vor Christus nicht gegeben hat. Einige der Zeichnungen seien sogar Kopien von Raphael, des berühmten italienischen Malers der Renaissance, reichlich 1500 Jahre später. In den großen italienischen Tageszeitungen tobt ein Glaubenskrieg um den Papyrus. Angesehene Intellektuelle liefern sich ein unterhaltsames Duell. Der Corriere della Sera druckt Canfora, in La Repubblica hält der Kunsthistoriker Salvatore Settis dagegen. Auf sein Gutachten hin hat die Stiftung der Banco di San Paolo die Papyrusrolle erworben.
Settis und sein Kollege Claudio Gallazi, schreibt Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erklären Machart und Zustand des kostbaren Papyrus mit einer »Drei-Leben-Theorie«. Alte Schriften, so steht dort geschrieben, haben nicht nur eine Seele, sondern auch einen Körper, aus Schilffleisch und Tintenblut, Haut und Patina. Und Verletzungen. So soll der Torso entstanden sein: »Für eine Prachtausgabe des geographischen Werks Artemidors hat ein professioneller Kopist des ersten Jahrhunderts vor Christus ein wertvolles Stück Papyrus genommen und den Text des zweiten Buches mit der Beschreibung Spaniens abgeschrieben. Zwischen der dritten und vierten Kolumne (der Text besteht aus fünf Kolumnen) ließ er einen breiten weißen Platz, damit ein Maler eine Landkarte zeichnen konnte. Der Papyrus wurde dazu in das Atelier eines Malers verlegt, der aber eine falsche Landkarte zeichnete. Das große Stück Papyrus wurde deshalb herausgenommen und beiseitegelegt (erstes Leben). Da er so wertvoll war, verwendete der Maler das ungebrauchte Stück danach als Skizzenbuch weiter und zeichnete mehr oder weniger realistische Tiere (zweites Leben). Später wurde der Papyrus noch einmal wiederverwendet, und es wurden zwei bärtige Köpfe (Demokrit und Heraklit) sowie weitere Skizzen menschlicher Hände und Füße als Übungsarbeit gezeichnet.« Die Lebensbeschreibung eines antiken Dokuments erweist sich als so widersprüchlich und variantenreich wie die Biographie eines Menschen. Die Materie lebt.
Canfora lässt sich nicht beeindrucken. Er bringt einen explosiven Namen ins Spiel, legt einen Trumpf auf den Tisch. Er hat Konstantin Simonides im Verdacht, den größten Schriftenfälscher der Moderne. Er starb angeblich um 1867, auch um sein Geburtsjahr ranken sich Legenden. Ein Outlaw der Literatur, mit weitreichender Ausstrahlung. Eine Koryphäe. Die Nachricht, dass aus einer Sammlung in Liverpool, die auch Werke von Simonides besitzt, ähnliche Papyrusrollen verschwunden sind, liefert dem Artemidor-Streit neues Spekulationsmaterial.
Originale Simonides-Fälschungen haben auf dem Kunstmarkt ihren eigenen Wert. Sie tauchen gelegentlich in Auktionen auf, als teure Kuriositäten. Wie die Frankfurter Allgemeine bewundernd feststellt: »Simonides muss nicht nur eine gewaltige kriminelle Energie besessen haben, sondern war auch umfassend gelehrt. Er kannte die einschlägigen Quellen, zitierte sie, mischte sie geschickt und beherrschte mehrere der in der Antike gebräuchlichen Schreibweisen. Die Fälschungen des Simonides sind echte Kunstwerke. Simonides besaß eine ausgesprochene Vorliebe für geographische Werke und war ein begabter Paläograph.«
Canfora glaubt, die Handschrift des Simonides auf dem Papyrus belegen zu können, gegen eine Reihe von durchaus stichhaltigen Indizien, die für die Echtheit der millionenschweren Schriftrolle sprechen. Inzwischen haben chemische Analysen des LABEC (Laboratorio di Tecniche Nucleari per i Beni Culturali) in Florenz das Alter des Papyrus bestätigt. Das sagt allerdings noch nichts über Alter und Provenienz der Beschriftung aus. Für Konstantin Simonides mit seiner raffinierten Palimpsest-Technik war es nie ein Problem, sehr alte Papyrusrollen zu beschaffen und sich darauf frisch zu verewigen. Auch die Tinte des Artemidor-Papyrus, hergestellt auf rein organischer Basis, besteht den Labortest. Der Fall scheint abgeschlossen. Allerdings nicht für die Canfora-Partei. Der Dorn sitzt im Auge. Wer war Simonides? Wie kann eine so rätselhafte Gestalt des 19. Jahrhunderts in unsere wissenschaftliche Welt vordringen?
Wann immer der Name des Griechen auftaucht, verbreitet er unter Sammlern und Museumskuratoren Schrecken. Hunderte, wenn nicht Tausende antiker Dokumente hat er fabriziert, überschrieben, Altes und Neues bis zur Unkenntlichkeit verschränkt. Alexander von Humboldt äußert sich anerkennend über seinen Zeitgenossen Konstantin Simonides. Er nennt ihn einen »rätselhaften« Menschen, den man respektieren müsse. Ein Rätsel – eine schöne Untertreibung. Simonides war ein Künstler, der sich ein eigenes Universum schuf aus dunkler Materie, die schwarze Löcher in die besten Kollektionen der Welt gerissen hat. Seine Werke gleichen faulen Subprime-Kreditpaketen in unbereinigten Bankbilanzen. Sie sind Zeitbomben, Antimaterie in einer von Gier geleiteten Welt und Wissenschaft, die sich dem Fetisch des Originals verschrieben hat. Mit der Faszination und Überzeugungskraft, die ihm gegeben waren, wäre er zu anderer Zeit Investmentbanker geworden. Ein Madoff der Altertumswissenschaft und des Kunsthandels. Ein Freund sagte über Simonides: »C. S. besitzt nur sehr eingeschränkte Kenntnisse der modernen Gewohnheiten, Sitten und Sprachen. Mit den Umgangsformen und Ausdrucksweisen der Menschen, die vor zwei- oder dreitausend Jahren die Erde bevölkerten, ist er dagegen bestens vertraut. Gegenüber den Ideen der Welt von heute wirkt er ahnungslos wie ein Kind.«
Wie so viele vor ihm, läuft Luciano Canfora Gefahr, sich zu einem Simonides-Opfer zu machen. Der Italiener versteigt sich in aufwändige philologische Kleinarbeit und führt einen publizistischen Feldzug – im Namen des vor 150 Jahren gestorbenen Fantomas der Altertumsforschung. Canfora setzt seinen Ruf aufs Spiel, um die Fälschung nachzuweisen. Er hat sich mit sicherem Instinkt für die Hohlräume der Vergangenheit in eine typische Simonides-Situation hineinmanövriert, reiht sich ein in die Riege hervorragender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die mit Simonides und seinen Werken gerungen haben. Die Auseinandersetzung mit Simonides war für die hochgelehrten, geehrten Männer der Vergangenheit ein Kampf um die eigene Bedeutung, um Status und Macht; es waren amüsante Fehden auf dem Feld der Eitelkeit. Im Jahr 2010 legt Canfora nach, mit dem Buch Il Viaggio di Artemidoro. Dieses »Leben und Abenteuer eines großen Entdeckers der Antike«, wie es im Untertitel heißt, dreht sich zur Hälfte um den Griechen. Hier zeichnet Canfora nach, wie sehr sich Simonides mit Artemidor identifiziert habe. Nur er kommt demnach als moderner Produzent des Papyrus in Betracht, da die Rolle auf keinen Fall ein antikes Original sein könne. Canforas gleichsam prozessuale Beweisführung wirkt schlüssig – so schlüssig und verlässlich wie alle Spuren, die zu Simonides führen. Die er häufig selbst gelegt hat. Canforas Obsession verdient Sympathie. Es ist eine faszinierende Vorstellung, dass man in diesem Fall womöglich niemals absolute Sicherheit erlangen wird, ob und in welchem Umfang der Papyrus des Artemidor ein Produkt der Neuzeit ist, ein leidlich antikes Original oder ein Zwitter. Ob man es am Ende mit einer nicht vollständig zu entschlüsselnden Material- und Geistesmischung zu tun hat, einem dann ja nicht weniger einmaligen Hybrid. Der umkämpfte Papyrus ist ein Paradigma im Umgang mit antiken Quellen.
Denn Simonides sprengt die Kategorien. Er treibt das Vexierspiel so weit, dass Echt und Falsch die Plätze tauschen. Als ehrlicher Illustrator und Schriftsteller hätte er es mit seiner außerordentlichen Begabung weit gebracht, schreibt John Whitehead, ein Spezialist für literarische Fälschungen: »Es erging ihm wie den meisten Fälschern. Seine originalen Arbeiten wurden abgelehnt, obwohl ihm damit ein verdienstvoller Platz in der Literaturgeschichte sicher gewesen wäre.« Bei Simonides finden sich phantastische Erzählungen, würdig eines Jules Verne. Großartige Schelmenromane unter falscher Flagge. Doch er gibt diese Texte als Schöpfungen unbekannter antiker Autoren und Philosophen aus, und sich selbst als Entdecker, Herausgeber, Übersetzer. Mit einem Bein in der Antike, mit dem anderen im Gefängnis.
Der Gelehrte Alexander Lykurgos, ein über viele Jahre mit Simonides-Skandalen beschäftigter Zeitgenosse und Jugendfreund des genialen Kopisten, zitiert ihn mit den Worten: »Wenn man nur Bücher herausgeben wollte, die nichts als Wahrheit enthalten, dürfte man auch Homer und Herodot nicht mehr herausgeben, weil darin bekanntermaßen so viel Unwahres enthalten ist.« Da ist der zwischen Literatur und Wissenschaft eingeklemmte Nerv getroffen. Der Nerv aller Literatur. Homer und Herodot. Mythologie und Historie. In Meine Reisen mit Herodot schreibt der Pole Ryszard Kapuscinski, wie er davon träumt, »die Grenze zu überschreiten«. In seinem Fall waren es die real existierenden Grenzen des Ostblocks, aber auch die Grenzen der Imagination und der Recherche, Journalismus und Phantasie, die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nach seinem Tod im Jahre 2007 kamen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Auslandsreportagen auf.
Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, Erfindergeist, das ist ein altes Spiel. Strabo hielt den Dichter der Ilias und der Odyssee für einen der glaubwürdigsten Geographen jener fernen Zeit. Je nach Datierung liegen bereits 700 oder 800 Jahre zwischen ihm und Homer – fast die gleiche, anschaulich kaum zu überbrückende Zeitspanne, die uns von Dante, Petrarca und Boccaccio trennt. Boccaccios Decamerone versammelt Geschichten von Menschen in Klausur. Sie fliehen aus der Stadt, schotten sich ab von der Pest. Aber Ansteckung ist eine Kopfsache, sie lässt sich nicht leugnen. Wissen pflanzt sich fort und weckt Zweifel. Tradition und Bildung verhalten sich wie die Noblen des Decamerone, bis der Firnis verdächtig dünn wird und aufbricht. Raoul Schrott hebt 2008 in seinem Buch Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe die Grabplatte hoch, wenn er Homer beim Wort nimmt und ihn von relativ jungen akademischen Traditionsschichten befreit, jenen fixen Ideen des 19. Jahrhunderts, die tief in unseren Köpfen sitzen. Nach Schrotts Recherchen war Homer kein blinder Sänger, sondern ein Schreiber am assyrischen Hof in Kilikien, einer Landschaft im heutigen Südanatolien. Homers Epos speist sich aus Quellen, die man nicht mehr ohne weiteres als griechisch oder europäisch bezeichnen kann. Sie liegen in Mesopotamien. Was der Größe des Epos nichts nimmt, aber seine Bedeutung als Ursprung abendländischer Erzählkunst relativiert: Die homerische Dichtung ist ein Produkt umfassender und komplizierter Assimilation.
Noch wissen wir von dem Griechen Simonides wenig. Aber schon die erste Berührung mit diesem Phantom reißt Räume auf, erweitert das Gefühl für Zeit. So absolut unverrückbar, wie sie uns gelehrt wurde, war die Antike keinesfalls, ist sie nie gewesen. Wir hängen, auch wenn wir sonst an nichts glauben, einem Urvertrauen in die gedruckten Bücher an, während im Internet eine neue alexandrinische Universalbibliothek ins Unermessliche wächst. Die so gefestigte, wissenschaftlich unterfütterte, modernromantische Idee vom Original scheint mit der digitalen Umwälzung wieder in jene Bestandteile zu zerfallen, aus denen sie in den vergangenen zwei Jahrhunderten mühevoll zusammengesetzt worden ist.
Simonides, der Pirat. Seine kaum kontrollierbare Produktivität, frei im Umgang mit Quellen, Daten und geistigem Eigentum, deutet die Entwicklung eines globalen, anti-akademischen und lebendig pulsierenden Wissensspeichers an, durch den die Vergangenheit in die Zukunft fließt, und umgekehrt. Der Mann gleicht einer Zeitmaschine. So wirbelt er in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die europäischen Metropolen und erfindet immer verrücktere Mittel der Camouflage. Altägyptisches oder Byzantinisches, da sprudelt eine nie versiegende Quelle. Die gelehrte Welt dürstet danach. Die Gefoppten, die Beglückten halten uralte Papiere mit frischer Beschriftung in den Händen, und die Buchstaben, die Kolumnen, die stilistischen Details entsprechen voll und ganz dem Stand der damaligen Altertumsforschung, so geschickt ist die Hand des herumreisenden Griechen, so weit greift sie zurück. Sammler sind blind wie Liebende. Wer solch volatile Stücke glücklich erwirbt, will die eigene Kennerschaft verteidigen, misstraut den Skeptikern, wenn sie von Fälschung reden oder auf Ungereimtheiten hinweisen. Simonides balanciert auf dem schmalen Grat der Buchstäblichkeit. Beschriebenes Papier ist für ihn zeitlos, alles in Wort und Schrift Gefasste entspringt in seinen Augen einem verehrungswürdigen Schöpfungsakt. Dafür bietet die christliche Religion, die Religion des Buches, fußend auf der antiken griechischen Philosophie und der hellenistischen Weltkultur, ein grenzenloses Feld: Wo Schrift in Glauben umschlägt, und Glauben in Schrift.

ERINNERUNG IN DELPHI: DER SCHÖNE ANTINOUS
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Die tiefen Schichten liegen an der Oberfläche. Bei Ausgrabungen in Delphi wird ein Sexsymbol der Römer zutage gefördert, der Jüngling Antinous. Ein Namensvetter des Fälschers, Simonides von Keos, überlebt eine Katastrophe und entwickelt die Technik der Erinnerung.
DIE SUCHE nach dem Griechen Simonides kann überall und nirgendwo beginnen. Warum nicht in Delphi, beim Orakel?
Eine Schwarzweiß-Fotografie, datiert vom 13. Juli 1894. Heiliger Schrecken liegt über dem Moment, Schreckstarre. Die Archäologen sind nicht zu erkennen, oder in der Bewegung und Erregung verwischt. Doch die Arbeiter: Mit weit aufgerissenen Augen suchen sie die Kameralinse, als erwarteten sie von dort ihren Lohn oder Strafe von oben. Sie haben Platz gemacht, sind zur Seite getreten, wie am Schauplatz eines Verbrechens, wenn die Polizei eintrifft. Ein Gewaltakt, ein Wunder. Und vielleicht sind die Männer, die für die französischen Wissenschaftler die schwere Arbeit tun, hier nur ausnahmsweise im Bild, um den ungeheuren Kontrast noch deutlicher zu zeigen – die Statue des nackten Antinous, die aus Marmorstein gehauene erotische Phantasie, und die griechischen Bauern in ihren lumpigen Kleidern.
Bald zweitausend Jahre hat die Skulptur in der Erde gelegen, nicht sehr tief. Sie blickt im Augenblick ihrer Entdeckung mit geneigtem Lockenkopf zur Seite weg, einladend, kokett. So hat Roms Kaiser Hadrian seinen jungen Liebling aus Bithynien in Kleinasien, der im Nil ertrank, zuletzt gesehen, so gefiel er ihm in hundertfacher Ausfertigung. Nach dem frühen Tod des Antinous tauchen überall im Imperium diese lebensgroßen Kultfiguren des neuen Gottes auf. Aber auf dem Foto und später im Museum und in den Büchern ist es immer der eine und einzige verträumte, schöne Antinous von Delphi, der aus dem Boden ragt und die Last der Geschichte trägt. In der Passion Hadrians für den Eleven spiegelt sich die Leidenschaft der anbrechenden Moderne für die Antike wider. »Künstliche Paradiese« werden nicht nur von einem Dichter und Drogenpriester wie Baudelaire, sondern auch von der kolonialen Archäologie erschaffen. In der Geschichte der Welt passiert es um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal, dass eine Epoche sich mächtig genug fühlt und über die zivilisatorischen Mittel verfügt, die Entfernung von den Ursprüngen abzumessen und den christlichen Gott zu relativieren. Die toten heidnischen Götter kehren an die Oberfläche zurück.
Die Ausgrabungen in Delphi stehen am Ende eines in die Antike vernarrten Jahrhunderts, einer hohen Zeit für Abenteurer und Entdecker, Diebe, Räuber und Betrüger. Die Amour fou zum Alten nimmt kriminelle Züge an. Es ist die Energie des technisch-industriellen Fortschritts, der ohne Rückgriff auf die verschütteten Zeiten anscheinend nicht auszuhalten ist. Am Beginn des Jahrhunderts hat Napoleon die Kunstschätze Ägyptens katalogisiert und ausgeräumt, Lord Elgin lässt den Parthenon-Fries aus Athen abtransportieren. Lord Curzon reitet die Klöster des Balkans und der Levante nach kostbaren Manuskripten ab. Troja erlebt seine zweite Eroberung. Kaiser Wilhelm II. besucht die Riesentempel von Baalbek, im heutigen Libanon. Die Museen des Nordens füllen sich mit Altertümern des Mittelmeerraums und Arabiens. Babylon taucht aus der Versenkung auf, hier graben die Deutschen. Vor dem Erdöl bestehen die Bodenschätze aus den Resten alter Hochkulturen.
Aber dieser wiedergeborene Antinous hier sieht nicht aus wie ein Zweitausendjähriger. Er wirkt frisch, wenn auch ein wenig verwirrt. Er würde, gewaschen und angezogen, gute Figur machen auf dem Laufsteg. Der Schlüssel zum Paradies scheint gefunden. Aufrecht stehend, in Kniehöhe zerbrochen. So wird er gefunden. Ein herrliches Exemplar aus vergangener Massenproduktion – jetzt ein kostbares, unersetzliches Unikat. Die Erinnerung ergänzt das Unsichtbare, die Sucht nach dem Originalen gibt sich Täuschungen hin. Dem Antinous beim Apollo-Tempel in Delphi fehlen Extremitäten. Ein Torso, das Geschlechtsteil sticht heraus, ebenso die zarte Nase. Der Anblick des schutzlosen Marmormannes, den sie geweckt haben, ohne nach ihm zu suchen, weckt widersprüchliche Gefühle. Denn die Fotografie selbst ist nun schon alt, empfindlich und wertvoll. Und wie robust wirkt dagegen die Statue selbst. Als hätte sie nichts mit ihrem sepia-getönten Abbild zu tun.
Frühmorgens in Delphi, das Museum ist noch still und leer. Man möchte in Andacht versinken. Aber da ist noch etwas anderes. Eine Irritation, wenn man nur lang genug auf die Fotografie des Antinous und seiner Ausgräber schaut. Plötzlich wirkt die Szenerie unglaubwürdig. Er steht allzu gerade da, wie aus der Erde gewachsen. Das wiederum ist für Delphi eine sehr passende Vorstellung – dass dort an den Berghängen Steine, Säulen, Schatzhäuser, Tempel wachsen, wie weiter unten im Tal der Ozean von Olivenbäumen bis ans Meer heran. So karg und schroff ist die Landschaft um das Orakel, warum sollten da nicht Steine sprießen – und Skulpturen. Einige Jahre nach den sensationellen Ausgrabungen in Delphi schreibt in Paris Rainer Maria Rilke im Sommer 1908 das berühmte Sonett auf den »Archäischen Torso Apolls«; eine Warnung. »… denn da ist keine Stelle,/die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.«
Antinous sieht mit einem Mal aus wie hingestellt. Von seinem eigentlichen Fundort herbeigeschleppt, für den fotografischen Moment. Und dann steht er da, Rücken zur Wand, den Blick gesenkt, ein heiliger Sebastian, vor dem sogleich ein Exekutionskommando Aufstellung nehmen wird. Sein Bild widerruft sich immerzu selbst. Es lädt dazu ein, dass man es nach Belieben fälscht. Es spielt mit der Erinnerung. Und hinter der Fotografie taucht eine zweite Geschichte auf. Sie ist mehr als ein halbes griechisches Jahrtausend älter als Hadrians Liebling, der im zweiten Jahrhundert nach Christus gelebt hat, und sie gehört zu den ersten und ältesten Geschichten, die erzählen, wie Erinnerung entsteht und Trauer und fotografisches Gedächtnis zusammenwirken. Es ist die Geschichte des Simonides von Keos. Ein Urbild. Solche Geschichten werden erfunden, um Geschichte zu verstehen.
Simonides von Keos, ein Dichter und Hymniker um das Jahr 500 vor Christus. Er besingt nicht nur Götter, sondern auch Sterbliche, die Helden der Perserkriege. Darin liegt seine Modernität. Auch weil er als der Erste gilt, der Geld verlangt für seine Arbeit, das Dichten. Der »klügste Mensch seiner Zeit«, findet die Dichterin Anne Carson, die über Simonides von Keos und Paul Celan geforscht hat. Bei den Thermopylen, wo eine Handvoll Griechen sich der persischen Übermacht entgegenstellte, steht der berühmte Märtyrerspruch: »Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.« So hat Friedrich Schiller seinen Simonides übersetzt.
Es wird vor Simonides und auch zu seiner Zeit andere gegeben haben, die Ähnliches taten. Aber mit ihm beginnt etwas Neues. Bei einem Bankett wird ihm seine Berufung – wahrscheinlich war es auch nur sein Brotberuf – beinahe zum Verhängnis. An jenem Abend im Haus des Faustkämpfers Skopas sieht sein Engagement vor, den Gastgeber zu preisen. Doch er ändert das Programm. Der alte Simonides – vielleicht aus einer Laune, vielleicht nach uralter Tradition – rhapsodiert nicht nur über den mächtig von sich eingenommenen Skopas, sondern er trägt auch einige Strophen über die göttlichen Zwillinge Castor und Pollux vor. Skopas, längst betrunken, regt sich auf, er brüllt und flucht, er fühlt sich missachtet. Er will Simonides nur die halbe Gage zahlen; die andere Hälfte könne er sich ja bei seinen himmlischen Freunden holen. Die Gäste applaudieren, ein so gedemütigter, frecher Sänger bietet einen unterhaltsamen Anblick. Die Situation erinnert an das Heine-Gedicht vom alkoholisierten, wahnsinnigen Beherrscher Babylons, Belsazar, dem eine unheimliche Schrift auf der Palastwand erscheint.
Skopas will den Dichter hinauswerfen lassen. Doch ein Diener unterbricht ihn. Mitten im Streit wird Simonides von zwei jungen Männern, die nachher freilich nicht mehr aufzufinden sind, vor die Tür gerufen. Er verlässt die Villa des Skopas, die in diesem Moment einstürzt und die Gäste unter Steinmassen begräbt. Keiner wird gerettet. Die Toten sind so zerquetscht und entstellt, dass man sie nicht identifizieren kann. Das ist der Augenblick des Simonides, wie ihn auch Cicero später beschreibt. Jetzt wird er unsterblich, der Mythos legt sich über die Person, von der wir sonst kaum etwas wissen können und nicht wissen müssen. Jetzt wächst er aus dem Moment heraus, kommt uns aus einer fernen Zeit und Vergangenheit entgegen; seinetwegen glauben wir, etwas über diese Zeit zu wissen.
Er hat sich im Gewoge des Festmahls die Sitzordnung eingeprägt, er erinnert sich an die Namen und Gesichter der im Haus Getöteten. Er sagt den Angehörigen, die sich am Ort der Katastrophe versammeln, wer bei dem Gelage sein Leben gelassen hat. Die beiden Männer an der Tür, heißt es, müssen wohl Castor und Pollux gewesen sein. Der Mythos zeigt, was geschieht, wenn Künstler verspottet und um ihr verdientes Geld betrogen werden. Das ist sein moralischer Teil. Wichtiger wird in den nachfolgenden Jahren und Jahrtausenden das Memorandum des Simonides: die Erfindung der Mnemotechnik, der Kunst der Erinnerung. Man hat sogar versucht, diesen ingeniösen Moment einzugrenzen, und das Datum des denkwürdigen Hauseinsturzes auf das Jahr 515 vor Christus gelegt – in Thessalien, in Mittelgriechenland, nicht weit entfernt von Delphi.
Das Orakel, ein Ort der Phantasie. »Das Heiligtum selber war mit Lorbeerzweigen ganz verdeckt, und selbst der angezündete Weihrauch hüllte alles in eine Wolke wie in geheimnisvolles Dunkel ein, das keine frevelnde Neugier zu erforschen wagte. Auch würde sich die Sehnsucht der Sterblichen, dass es wirklich einen Blick für sie in die Zukunft geben möchte, diese Täuschung ungern nehmen lassen, wenn einer auch den Vorhang hätte wegziehen wollen; denn das, worüber man das Orakel fragte, waren größtenteils sehnsuchtsvolle Wünsche für die Zukunft, wozu man die Übereinstimmung der Gottheit erflehte. Und die Täuschung der ganzen Szene selber, worin sich der zweideutige Ausspruch hüllte, war doch dichterisch schön«. Karl Philipp Moritz hat das Orakel in seiner Götterlehre von 1791 so poetisch entzaubert, in dem für die deutsche Antikenbetrachtung außerordentlich einflussreichen Buch. Antike und »Täuschung« treten immerzu auf wie Castor und Pollux, die untrennbaren Zwillinge. Täuschung, Selbsttäuschung – sie hat etwas Tröstliches. Sie erfüllt ein Grundbedürfnis.
»Die Malerei ist stumme Poesie, und die Poesie ist sprechende Malerei«, soll Simonides von Keos gesagt haben. Aber niemand weiß, weil niemand außer Simonides das Unglück überlebt hat, ob er darüber die Wahrheit sprach. Sein Bericht muss eindrucksvoll und glaubhaft gewesen sein. Er war ein Dichter und Worterfinder. Wenn Simonides auch nicht gelogen hat, kann er gleichwohl sich selbst und die Umstehenden getäuscht haben: mit Absicht oder als Folge des traumatischen Erlebnisses. Das genau zu unterscheiden, wäre für ihn unmöglich gewesen. Er hat die Trauernden, die Schaulustigen verblüfft, überzeugt und getröstet. Er hat das verlorene Haus wieder aufgebaut. Ironie des antiken Schicksals: Seine poetischen Werke sind nur lückenhaft und unvollständig überliefert, so wie der Antinous-Statue die Gliedmaßen abhanden gekommen sind.
Der Zufall und die Namensgleichheit funktionieren wie ein Scharnier. Es verbindet den Mythos mit der Geschichte. Zweieinhalb Tausend Jahre später, anno 1820, wird auf der winzig kleinen griechischen Insel Symi vor der kleinasiatischen Küste einer geboren, der den Namen des antiken Genies der Erinnerung trägt: Simonides, Vorname Konstantin. Auch ihn treibt ein Genius. Auch seine Kunst schöpft aus dem Vergangenen. Auch er hat eine Berufung: Fälscher. Ein knappes, böses Wort. Wenn einer zum Mörder wird, sucht man nach seinem Motiv. Sei es Habgier oder Eifersucht, oder sei es, dass jemand einen Mord begeht, um ein anderes Verbrechen zu verdecken. Ebenso hat ein Fälscher Gründe, Hintergründe. Noch seine schlimmsten Feinde werden eines Tages sagen: Simonides ist hochbegabt, ehrgeizig, stolz und unermüdlich, ein Meister seines Fachs. Seine Schriften werden wissenschaftliche Begriffe sprengen, Akademien und Museen erzittern lassen. Er möbliert, schmückt und belebt den verschütteten Raum, in den seine Zeitgenossen so habgierig und wissbegierig eindringen. Britische Gelehrte versetzt er einmal mit der Ankündigung in Raserei, er habe in einem Kloster im Heiligen Land den Katalog der abgebrannten Bibliothek von Alexandria entdeckt, fünf Folio-Bände! Simonides von Keos lebt in Konstantin Simonides fort. Wenn Homer der Urvater der Dichtung ist, dann ist der Gedächtniskünstler von der kleinen Ägäisinsel ihr zu Unrecht vergessener Erzeuger.
Alle Wege des geschriebenen Wortes führen nach Alexandria. In seinem Buch Die verschwundene Bibliothek schreibt Luciano Canfora über die Bücherherren von Alexandria, der Hauptstadt der Ptolemäer: »Diese Gelehrten waren die Einzigen, die in einer bestimmten Periode der Geschichte der Bibliothek die berückende Vorstellung genießen konnten, die später zum Traum der Autoren der phantastischen Bibliothek werden sollte: alle Bücher der Welt vor sich versammelt zu sehen. Eine Sucht nach Vollständigkeit und ein Wille, sie zu beherrschen, die dem Impuls nicht unähnlich war, der, nach den Worten eines antiken Rhetors, Alexander zu seinem Versuch veranlasste, ›die Grenzen der Welt zu überwinden‹«. Es ist der Traum des Jorge Luis Borges von der »Bibliothek von Babel«. Der Traum vom »Universum (das andere die Bibliothek nennen)«. Der Bibliothekar, der das Buch »überfliegt«, das der Schlüssel zu allen anderen ist, er ist »einem Gott gleich«.

DAS GIFT-ATTENTAT
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Seine Wiege stand auf Hydra – oder auf Symi. Der Fälscher wird in den griechischen Unabhängigkeitskrieg hineingeboren. Er will sich mit Gewalt von der Herrschaft des Vaters und den Übergriffen des Onkels Benedikt befreien. Er wird auf den Athos verbannt.
Wahrscheinlich ist ja jede Kunst, Wissenschaft und Philosophie, soweit es jeweils möglich war, oftmals gefunden worden und wieder verloren gegangen, und es haben sich diese Vorstellungsformen gewissermaßen als Überreste bis auf den heutigen Tag erhalten.
ARISTOTELES, Metaphysik