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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Vorwort
Grundwissen Religion ist ein altes Buch.
 
Denn in Stil und Konzeption knüpft es an die erste Ausgabe von 1983 an. Es möchte
• grundlegende Einsichten über Religion und den christlichen Glauben vermitteln und sicheres Wissen bereitstellen,
• lernbares Wissen strukturiert anbieten und damit Wiederholung und Vertiefung erleichtern,
• ein Begleitbuch für Religionsunterricht, Studium und Erwachsenenbildung sein,
• als Nachschlagewerk rasch Orientierungshilfen und Überblick geben.
Grundwissen Religion ist ein neues Buch.
 
Denn es setzt andere Akzente:
• Es zeigt deutlicher, welchen Stellenwert Religion als Element unserer Kultur hat.
• Es betont die Eigenart der religiösen Sprache.
• Es klärt die Bedingungen des Verstehens.
• Mit einigen Stichworten trägt es zum Verständnis des Islams bei.
• Es berücksichtigt neuere Zugangsweisen und Einsichten der Theologie.
Grundwissen Religion spiegelt das religiöse Problembewusstsein vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Lebensgefühls. Heute stellen Jugendliche und Erwachsene religiöse Fragen weithin aus säkularisiertem Bewusstsein heraus. Daher haben Artikel, die sich mit dem Bewusstseinswandel seit der Aufklärung befassen, in allen Kapiteln eine zentrale Bedeutung.
 
Lebensbezug und Problemhorizont werden in den Einleitungskapiteln zu jedem Thema ausgewiesen; eine grafische Übersicht veranschaulicht die gedankliche Struktur der einzelnen Kapitel.
Die Autoren haben sich um eine verständliche Sprache bemüht. Wichtige Fachbegriffe, die nicht immer geläufig sind, werden mit einem Asteriskus (*) gekennzeichnet und im Anhang erläutert. Durch Unterlegung werden zentrale Inhalte hervorgehoben. Gelegentliche Wiederholungen wurden bewusst in Kauf genommen, damit jeder Artikel aus sich heraus verständlich ist.
 
Grundwissen Religion kann einen methodisch reflektierten Unterricht nicht ersetzen. Es ergänzt ihn aber, wenn
• der Unterrichtsstoff am Ende einer Lerneinheit oder eines Kurses wiederholt wird,
• Probleme oder Texte in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden,
• Stoffe zur Vorbereitung auf Klausuren und Prüfungen wiederholt werden müssen,
• früher Gelerntes in einem Folgekurs aufgefrischt wird.
Darüber hinaus hoffen die Verfasser, dass Grundwissen Religion auch angehenden Lehrerinnen und Lehrern hilft, einen Überblick über zentrale Themen des Religionsunterrichts zu gewinnen. Und gewiss kann Grundwissen Religion bei der didaktischen Planung von Lernprozessen helfen.
 
Saarbrücken/Trier, Februar 2009 Rüdiger Kaldewey/Franz Wendel Niehl

ERSTES KAPITEL
Religion
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1.1. Welche Rolle spielen Religionen?

Sind Religionen gut oder schlecht? – Tragen sie zum Frieden bei oder schüren sie Hass? – Braucht man eine Religion, um ein guter Mensch zu werden, oder kann man auch ohne Religion ein wertvolles Leben führen? – Antworten auf derartige Fragen fallen aus mehreren Gründen nicht leicht:
Pluralismus der Religionen
• Religionen gibt es nur im Plural. Alle heutigen Weltreligionen sind stark zerklüftet in unterschiedliche Glaubensrichtungen, Traditionen und Gruppierungen. Es gibt Christentümer, Islamismen, Judentümer, Buddhismen und vieles mehr. – Wie könnte es da gelingen, eine Religion zutreffend zu beurteilen?
Innensicht und Außensicht
• Wenn man Eigenart und Wirkung einer Religion verstehen will, ist es entscheidend, ob man sie von innen oder von außen betrachtet: Wer in einer Religionsgemeinschaft aufgewachsen ist, wird seine Religion naturgemäß anders beurteilen als derjenige, der keine erlebnismäßige Bindung an diese Religion hat. Dieser grundlegende Unterschied wird in den deutschsprachigen Ländern auf zwei Ebenen wirksam:
• Es gibt Christen, die sich in kirchlichen Gemeinschaften engagieren, die also ihre Religionsgemeinschaft von innen erleben. Was ihnen selbstverständlich und einleuchtend an ihrer Religion vorkommt, erscheint Außenstehenden vielleicht merkwürdig oder sogar unverständlich. Denn es gibt andere Christen, die nur selten Kontakt zur Kirche haben (etwa bei Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen), und vor allem gibt es Menschen, die religiös indifferent sind oder keiner Religionsgemeinschaft angehören.
• Noch deutlicher wirkt sich der Unterschied zwischen Innen und Außen im Verhältnis zwischen der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft und religiösen Minderheiten aus. Was Juden oder Muslime, was Buddhisten oder Hindus für heilig halten und wie ihre Religion ihr Leben und Denken formt, bleibt Christen naturgemäß fremd und teilweise unbegreiflich.
Begegnungen und Konflikte
Trotz dieser unüberwindbaren Fremdheit ist es notwendig, sich um ein angemessenes Verständnis der eigenen Religion und der fremden Religionen zu bemühen. Denn durch Migration und Globalisierung rücken die Kulturen der Welt enger zusammen, und es kommt häufiger zu Begegnungen und auch zu Konflikten, die eine religiöse Dimension haben:
• Auf politischer Ebene gibt es immer wieder Konflikte, bei denen auch religiöse Traditionen und Denkformen eine Rolle spielen (z.B. Streit zwischen der chinesischen Regierung und den Buddhisten in Tibet, Palästinakonflikt, Anschläge hinduistischer Gruppen auf Muslime in Indien, Streit zwischen Christen und Muslimen in Nigeria usw.). Und in vielen Staaten werden religiöse Minderheiten benachteiligt oder gar verfolgt.
Politische Ebene
• Auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene treten Religionen vielfältig in Erscheinung. Kaum abzuschätzen ist die Leistung der Kirchen auf karitativem Gebiet. Und nahezu alle Felder der Kultur sind in Europa stark geprägt durch christliche bzw. kirchliche Einflüsse: Architektur, Musik, Malerei; Wirkung der Bibel auf Sprache und Literatur, ethisches Bewusstsein usw.
Gesellschaftliche und kulturelle Ebene
• Seit einiger Zeit stellt sich darüber hinaus die Frage, welche Entfaltungsmöglichkeiten nicht-christliche Religionen (vor allem der Islam) in den deutschsprachigen Ländern haben sollen. Zur Debatte stehen etwa der Bau von Moscheen, islamischer Religionsunterricht, Lehrstühle für Islamkunde an Universitäten usw. (→ 1.12).
• Auf persönlicher Ebene ist Religion oft Gegenstand lebensprägender Entscheidungen oder auch tief greifender Konflikte. – Beispielsweise: Welche Rolle soll und kann der christliche Glaube in der Gestaltung des eigenen Lebens spielen? Welche Konflikte ergeben sich, wenn ein Christ und eine Muslimin sich ineinander verlieben und heiraten wollen? Welche Wertvorstellungen prallen da aufeinander und welche Lösungen sind möglich?
Persönliche Ebene

1.2 Was sind Religionen?

Religionen beginnen dort, wo das Nützliche und Erklärbare an Grenzen stößt. Wie Kunst, Musik und Literatur eröffnen sie einen kulturellen Raum jenseits der Nützlichkeit. – Was Religionen sind, lässt sich nicht objektiv beschreiben. Zwei Faktoren machen das unmöglich:
Hermeneutische Grenzen
• Das Erkenntnisinteresse und das Vorverständnis lenken die Auffassung von Religion. Jeder hat ja für sich eine Einstellung zur Religion erworben und jeder gehört einem Kulturkreis an, der bestimmte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster ausgebildet hat. Diese Vorprägungen wirken sich aus auf die Wahrnehmung und die Beurteilung von Religionen.
• Die Religionen selbst sind keine stabilen Größen; vielmehr sind sie eingebunden in die Entwicklung der Gesellschaft im Ganzen, und als solche unterliegen sie fortwährend geschichtlichen Veränderungen.
Arbeitsdefinition: Religionen als kulturelle Zeichensysteme
Unter diesen Voraussetzungen kann vielleicht eine recht allgemeine Arbeitsdefinition weiterhelfen:
Religionen sind kulturelle Zeichensysteme, die in Wechselbeziehung stehen zu anderen Zeichensystemen der Kultur (z.B. Politik, Familie, Bildungssystem, Arbeitswelt, Musik, Unterhaltungswesen).
 
Religionen haben soziale, materielle und geistige Grundlagen. Im Unterschied zu anderen Zeichensystemen erheben Religionen aber den Anspruch, dass sie Orientierung für alle Bereiche der Kultur anbieten. Denn Religionen weisen den Menschen einen Platz in einer übergreifenden Ordnung zu.
Ziele der Religionen
Im Wesentlichen streben Religionen dabei zwei Ziele an:
• Abwehr von Unheil oder Unglück,
• Förderung des Heils oder des Wohlergehens der Gläubigen.
Mittel und Wege
Religionen haben vielfältige Mittel und Wege gefunden, um diese Ziele zu erreichen:
Anrufung übernatürlicher Mächte
Gott; Götter; Heilige; Geister. – Beschwörung; Zauber; Opfer; Gebet.
Studium der Heiligen Bücher
Bibel; Koran* und Hadith*; Veden*; Sutren*...
Verinnerlichung der Heilslehre Vorbereitung auf Initiationsriten* oder Sakramentenempfang; Glaubensbekenntnis; Predigt und Unterweisung...
Riten, Gebete und Wallfahrten Gottesdienste; Beten in der Moschee; Wallfahrt nach Mekka; Jakobsweg; Weltjugendtreffen...
Einübung eines religiösen Lebensstils und entsprechender Normen Eucharistiefeier; Abendmahl; Zehn Gebote; Nächstenliebe, Bergpredigt; der achtteilige Pfad im Buddhismus; die fünf Säulen des Islams...
Religiöse Formung und Selbsterziehung Meditation; Exerzitien; Besinnungstage; Aufenthalt in Klöstern...
An diesem Überblick lassen sich schon zwei grundsätzlich verschiedene Ausprägungen von Religionen erkennen. Es gibt nämlich Religionen, die das Heil in erster Linie von der Verehrung jenseitiger Mächte erwarten. Andere Religionen wollen vor allem die rechte Einstellung zum Leben lehren und eine entsprechende Lebensführung fördern.
Supranaturales und anthropozentrisches Religionsverständnis
Diese polaren Möglichkeiten drücken zwei – durchaus gegensätzliche – Definitionen von Religion aus:
Für HELMUTH VON GLASENAPP (1891 – 1963) ist Religion der Glaube an das Dasein übernatürlicher persönlicher oder unpersönlicher Mächte, von denen sich der Mensch abhängig fühlt, die er für sich zu gewinnen sucht oder zu denen er sich zu erheben trachtet. – Eine derartige Vorstellung von Religion bezeichnet man als supranaturales * Religionsverständnis.
 
Ihm steht ein anthropozentrisches* Religionsverständnis gegenüber. Es geht davon aus, dass Religion eine Vorstellung von der Würde der Menschen entwirft und aufzeigt, worauf es im Leben ankommt. Unter diesem Vorzeichen schreibt PAUL TILLICH (1886 – 1965): Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes das, was uns unbedingt angeht.
Die Unterscheidung zwischen supranatural und anthropozentrisch angelegten Religionen erweist sich als hilfreich, wenn man Religionen charakterisieren will:
 
Der Konfuzianismus* – eine weitgehend anthropozentrische Religion – unterscheidet sich stark vom Islam, bei dem die Verehrung Allahs im Zentrum steht. Aber auch innerhalb der christlichen Konfessionen gibt es eindeutig supranatural und eher anthropozentrisch ausgerichtete Glaubensrichtungen.
 
Gemeinsam ist diesen unterschiedlichen Ausprägungen der Religionen vielleicht, dass in ihnen das „ganz Andere“der Wirklichkeit aufscheint, jener schwer zu benennende Grund des menschlichen Daseins, ja der Wirklichkeit insgesamt: das Göttliche, der Weg, das Heilige, Bilder der Erlösung. Daher wehren Religionen auch Oberflächlichkeit und gedankenlose Anpassung ab. Sie ermutigen zur Distanz, ja zu Widerspruch und Widerstand. Sie öffnen das Leben für die Tiefe, für seinen inneren Wert, und widersprechen den Moden des Zeitgeists.

1.3 Dreizehn Dimensionen der Religion

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Religionen kann man verstehen als Zeichensysteme, die sich im Dialog mit anderen Zeichensystemen der Kultur herausbilden und entfalten. Religionen sind Vielfalt; es ist unmöglich, ihnen begrifflich gerecht zu werden. Deshalb werden hier 13 Dimensionen benannt; sie verdeutlichen am Beispiel des Christentums, wie vielschichtig Religion in die europäische Kultur eingebunden ist:
 
Narrative Dimension. – Erzähltraditionen, die identitätsstiftend wirken: Bibel, Legenden, geistliches Erzählgut, Erbauungsliteratur; religiöse Romane und Filme.
 
Historische Dimension. – Geschichtliches Erbe, auch Erinnerung an historische Krisen und Konflikte: Entstehungszeit, Kämpfe zwischen Orthodoxie und Heterodoxie, Zeiten der Verfolgung; Kreuzzüge; Reformation; Hexenverbrennung; Heilige und prägende Persönlichkeiten; regionale und familiäre Überlieferungen.
 
Weltanschaulich-kognitive Dimension. – Begrifflich-systematische Darstellungen der religiösen Weltsicht und der Glaubensinhalte: Glaubensbekenntnisse und Kurzformeln des Glaubens; Katechismen, Lehrschreiben und Dogmen; Theologien.
 
Ethische Dimension. – Gebote, Normen, Werte und Tugenden.
 
Politische Dimension. – Impulse für die Gestaltung der Gesellschaft, Kampf für eigene politische Interessen und Ziele. Beiträge zur Meinungsbildung; Denkschriften, Stellungnahmen und Aktionen.
 
Ökonomische Dimension. – Geld und Besitz: Spenden, Kirchensteuer und Zuschüsse; Vermögen und Grundbesitz; Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
 
Institutionelle Dimension. – Kirchliche Einrichtungen und Verwaltungen; Klerus und Ämter; Kirchenrecht; kirchliche Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Telefonseelsorge u.v.a.
 
Pädagogisch-wissenschaftliche Dimension. – Katechese und Religionsunterricht, Akademien, Medienarbeit; theologische Hochschulen und Fakultäten.
 
Soziale Dimension. – Gemeinschaften und Zusammenschlüsse: z.B. Gemeinden, Klöster, Orden; kirchliche Vereine, Bibelkreise, Weltjugendtreffen, Kirchenchöre und Messdienergruppen.
 
Kultisch-rituelle Dimension. – Gottesdienste, Sakramente, Riten; Feste und Brauchtum, Prozessionen, Wallfahrten.
 
Emotionale und spirituelle Dimension. – Lebensgefühl, Atmosphäre christlicher Gemeinschaften, seelische Beheimatung, geistliche Formung; Rhythmus und Feste des Kirchenjahres.
 
Ästhetische Dimension. – Architektur (Kirchen, Kapellen, Klöster), Bilder, Musik (Lieder, Messen und Orgelwerke), religiöse Gedichte, Gesänge und Gebete; kirchliche Museen.
 
Symbolische Dimension. – Symbole und ikonografische* Traditionen, z.B. Kreuz, Madonna; Gottes- und Christusbilder; Himmel und Hölle, Engel, Teufel; Paradies, Arche Noah usw.; Kreuzweg, Kreuzigung, Pietà; Pfingsten/Heiliger Geist.
 
Zwischen den verschiedenen Dimensionen gibt es Überschneidungen; und natürlich sind die Stichwörter zu den einzelnen Dimensionen keineswegs vollständig.

1.4 Funktionen der Religion

Die Frage, welche Leistungen Religionen erbringen, hat schon in dem Religionsverständnis, das diesem Buch zugrunde liegt (→ 1.2), eine erste Antwort gefunden: Religionen haben das Ziel,
• Heil und Wohlergehen der Gläubigen zu fördern,
• Unheil und Unglück von ihnen abzuwehren.
Die Religionswissenschaften haben die Auswirkungen der Religion genauer untersucht und benennen weitere Funktionen, die sie zwei Gesichtspunkten zuordnen. Sie fragen, welche Leistungen die Religionen für den Einzelnen (psychische Funktion) und welche sie für die Gesellschaft (soziale Funktion) erbringen.
Psychische Funktionen
1. Weltdeutung
 
Auf der kognitiven Ebene bietet Religion den Gläubigen eine umfassende Weltdeutung an und teilt ihnen einen Ort in der Welt und der Geschichte zu. Trotz des Verlustes umfassender Weltbilder im Verlauf der Moderne hält Religion in ihren Schöpfungs-, Erlösungs- und Endzeitmythen den Glauben an eine verborgene Ordnung der Dinge aufrecht. Deshalb ist der Beistand der Religion auch besonders gefragt, wenn bei der Bewältigung von Lebenskrisen unser Wissen versagt und wir nach anderen Quellen der Tröstung suchen.
2. Gefühl der Geborgenheit
Dem entspricht, dass Religion emotional das Gefühl der Geborgenheit in der Welt vermittelt und das Vertrauen stärkt, dass am Ende sich doch alles zum Guten wenden könnte. Sie bietet Trost und Deutungshilfen gerade in Grenzsituationen, wo dieses Vertrauen bedroht und erschüttert wird: im Umgang mit Angst, Trauer, Schuld und Versagen. In solch prekären Lebensphasen stärkt sie die Menschen und versucht, sie vor der Gefahr eines emotionalen Zusammenbruchs zu bewahren.
3. Stabilisierende Verhaltensmuster
Schließlich bietet die Religion pragmatisch ein Repertoire von Verhaltensmustern an, das dem Handeln eine Richtung gibt und dadurch menschliches Verhalten stabilisiert.
Dieser Aufgabe dienen die Normen, Werte und Lebensformen, deren Beachtung eine Religion von ihren Anhängern erwartet. Den Christen begegnen sie z.B. im Dekalog*, in der Bergpredigt*, im Vorbild der Heiligen oder maßgebender religiöser Persönlichkeiten.
Soziale Funktionen
1. Leitbilder entwerfen
Eine soziale Funktion im engeren Sinne nehmen Religionen wahr, wenn sie Leitbilder für eine Gesellschaft formulieren, die dem Willen Gottes entspricht. Dabei wird in der Regel vorausgesetzt, dass eine solche Gesellschaft auch der Bestimmung der Menschen und ihrer wahren Bedürfnisse dient. Religionen begnügen sich nicht damit, solche Leitbilder nur zu predigen, sondern werden diese auch, wenn ihr Einfluss es zulässt, durchsetzen wollen. Prophetische Religionen, die den Zukunftstraum von einer besseren Welt in sich tragen, haben immer wieder Propheten und Heilige hervorgebracht, die als Kritiker des Bestehenden Sand in das Getriebe gesellschaftlicher Routine gestreut haben.
 
Zugleich hilft die Religion, durch Erziehung, Unterricht und religiöse Unterweisung die geltenden Werte und Normen in den Einzelnen so zu verinnerlichen, dass sie in ihrer Gesellschaft leben können. Dies nennt man die sozialisierende Funktion der Religion. Durch „rites de passage“, Übergangsriten, markiert sie den Übergang in neue Lebensphasen und unterstützt das Bemühen, in diese hineinzufinden. Typische „rites de passage“sind im katholischen Raum die Erstkommunion, die Sakramente der Firmung, der Ehe und der Priesterweihe, im evangelischen Raum vor allem die Konfirmation. Dazu gehören aber auch die zahlreichen Feiern und Gottesdienste, die Beginn und Abschluss der Schule oder der Berufsausbildung begleiten.
2. Sozialisierende Funktion
Die konfliktregulierende Funktionzwischen Gruppen und Klassen überschreitet die sozialisierende Funktion. Religion wirkt auf die Gesellschaft im Ganzen ein. Diese besteht aus Gruppen, die sich durch Bildungsniveau, ökonomische Position und Schichtenzugehörigkeit unterscheiden und in Konkurrenz zueinander stehen. Religion kann durch Betonung gemeinsamer Werte Brücken schlagen und Konflikte entschärfen. Sie kann Gruppen wie in der Parabel vom Leib und den Gliedern (1 KOR 12,12-31) ihren Platz in der Gesellschaft zuweisen und Menschen in ihrer Position bestätigen. – Die Kirchen haben im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft entworfen und dadurch versucht, soziale Konflikte zu entschärfen. Sie haben aber auch zu Widerstand und Protest gegen ungerecht empfundene Verhältnisse aufgerufen.
3. Konfliktregulierende Funktion
Wer über die Funktionen von Religion nachdenkt, muss neben den positiven Wirkungen die unerwünschten Nebenwirkungen mitbedenken. Denn Religionen sind keine Wohlfühlenklaven in einer zerstrittenen Welt. Ihren integrativen Leistungen stehen typische Konflikte und Krisen gegenüber, die sie selbst hervorbringen:
Ambivalenz der Religion
Gefahr: Religion als radikale Forderung und Entfremdung
Religionen stellen Ansprüche an ihre Mitglieder. Sie entwickeln Vorstellungen darüber, wie Leben sein soll, und fordern deswegen auch Gehorsam und Verzicht, die Selbsthingabe und sogar das Martyrium einschließen können. Auch eine religiöse Erziehung führt nicht immer zur Entwicklung einer ichstarken Persönlichkeit. Sie kann unterdrückend und entfremdend wirken, Angst auslösen und Reifungsprozesse verhindern.
 
Weil Religionen in der Tradition gründen und dort ihre normativen Leitbilder finden, tun sie sich häufig schwer mit der Gegenwart. Sie neigen dazu, an alten Zeiten und überlebten Institutionen festzuhalten; deshalb werden sie oft als Hemmnisse auf dem Weg in eine bessere Zukunft erfahren.
Die dunkle Seite der Religionen Traditionalismus
Vor allem aber gibt es den begründeten Verdacht, dass von Religionen Gewalt und Unterdrückung ausgehen. Im Namen Gottes und im Namen der Wahrheit wurden und werden Religionskriege geführt; Andersgläubige werden verfolgt, vertrieben und ermordet. Unermessliches Leid hat religiöser Fanatismus schon über Millionen von Menschen gebracht.
Gewalt im Namen der Religion

1.5 Kann man „Religion“lernen?

Viele Leute sagen, dass sie an Gott glauben und religiös sind; andere sagen von sich, sie seien ungläubig und keineswegs religiös. Wie kommt das? – Gibt es Männer und Frauen, die für Religion begabt sind? Und andere, die „religiös unmusikalisch“sind? Kann man Religion überhaupt lernen? Wahrscheinlich ist es so: Welche religiösen Vorstellungen und Überzeugungen Menschen haben, welche Riten sie befolgen und welche Gebete sie sprechen, hängt weitgehend ab von den kulturellen, den sozialen und den seelischen Bedingungen, unter denen sie aufwachsen und leben.
 
Genauer betrachtet wirken drei Faktoren zusammen, wenn sich die persönlichen religiösen Verhaltensweisen und Überzeugungen entwickeln:
Soziokulturelle Faktoren. – Hierzu gehören: Familie, Milieu, Freundeskreis, Schule, Gemeinde, Kultur.
Innerseelische Faktoren. – Hierzu gehören: geistige und seelische Entwicklung in Kindheit und Jugend, Ausbildung der eigenen Identität, religiöses Frageinteresse.
Biografische Faktoren. – Hierzu gehören: Begegnungen, Freundschaft, Liebe und Partnerschaft, Konflikte und Krisen, Wechsel des Wohnorts oder des sozialen Milieus, Lebenswenden.
Faktoren, die die religiöse Formung bestimmen
Diese verschiedenen Faktoren, die bei der Bildung einer religiösen Identität zusammenwirken, haben sich im Lauf der Sozialgeschichte erheblich verschoben.
Sozialgeschichtliche Zusammenhänge
Grob vereinfacht kann man sagen, dass in archaischen und traditionalen Gesellschaften Religion nicht eigens gelernt wird. Vielmehr wachsen Kinder in die Religion hinein. In frühen Kulturen ist nämlich das Leben im Ganzen religiös geprägt. Kultische Tänze und Gesänge, Beschwörungen und Ekstasen, (Tier-)Opfer und rituelles Fasten begleiten viele Stationen des Lebens. Geburt, Liebe und Tod, Saat und Ernte, Jagd und Krieg sind eingebettet in ein religiös geformtes Weltverhältnis. Die Menschen jener frühen Kulturen wissen sich umgeben von Göttern und Dämonen, die ihr Leben bestimmen und die sie für sich zu gewinnen suchen.
Religion in archaischen und traditionalen Gesellschaften
Im Laufe der geschichtlichen Veränderungen kommt es nun zu Prozessen der Differenzierung, die sich in der Neuzeit beschleunigen und verschärfen (→ 1.9). Dabei geht die ursprüngliche Einheit von Gesellschaft, Religion und Kultur schrittweise verloren. Durch die fortschreitende Arbeitsteilung entstehen in Europa stark segmentierte Gesellschaften. Das heißt: Es entwickeln sich relativ eigenständige Teilbereiche der Gesellschaft, die stabile Institutionen ausbilden (z.B. Industrie und Banken, Gesundheitsund Bildungswesen, Medien und Unterhaltungsindustrie, staatliche Verwaltungen). Im Zuge dieser Entwicklung werden auch Religion und Kirchen zu einem sozialen Teilsystem. Dadurch kommt es zu einer doppelten Bewegung: zur Säkularisierung der Gesellschaft und zur Verkirchlichung der Religion. Vereinfacht gesagt: Religion wandert aus vielen Bereichen der Gesellschaft aus und etabliert sich in den Kirchen. Die Kirchen nehmen nämlich an den Segmentierungsprozessen der Neuzeit teil und gewinnen dabei auch an institutioneller Stärke (Priesterausbildung, Pfarreien und zentrale kirchliche Verwaltungen, Kirchensteuer, kulturelle und soziale Einrichtungen, kirchliche Vereine etc.).
Segmentierung und Säkularisierung in der Neuzeit
Durch diese Prozesse geht die integrierende Funktion der Religion zurück, und von nun an muss der christliche Glaube – institutionell gesichert – gelernt werden. Der Hebel dafür ist die Professionalisierung des kirchlichen Personals. An theologischen Lehranstalten werden Priester und später Religionslehrerinnen und Religionslehrer ausgebildet und für die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen geschult. Besonders im 19. Jahrhundert bilden sich unter diesen Vorzeichen in den deutschsprachigen Ländern starke Volkskirchen heraus, die großen Einfluss auf das Familienleben, das Bildungswesen und die religiöse Erziehung der Kinder ausüben.
Religion in der Postmoderne
 
Im 20. Jahrhundert kommt es erneut zu weitreichenden sozialen und geistigen Verschiebungen. Im Zuge der Demokratisierung wachsen die Freiheitsrechte des einzelnen Bürgers. Beruf, Lebensform und Religion können relativ frei gewählt werden. Auf sozialer Ebene bildet sich eine „offene Gesellschaft“heraus, in der immer wieder neu ausgehandelt werden muss, nach welchen Grundsätzen Menschen leben möchten. Diese Grundströmung wird verstärkt durch die höhere Mobilität, durch die Globalisierung und den Einfluss der Medien. – Diese Entwicklungen führen auch zu einer Individualisierung des Glaubens (Jeder glaubt, was er selbst für richtig hält.) und spiegelbildlich zu einer Pluralisierung der Denkund Lebensmuster. Es entwickelt sich ein „Markt der Möglichkeiten“, auf dem jeder aus einer Vielfalt von religiösen und weltanschaulichen Positionen wählen kann. Derartige Entwicklungen werfen eine Fülle von Fragen auf:
• Wie zufrieden werden Menschen, die in dieser unübersichtlichen Situation aufwachsen?
• Wie leicht – oder wie schwer – fällt es, unter den Bedingungen der Postmoderne einen Lebensstil zu finden, der zu einem passt?
• Wie kann der Zusammenhalt einer Gesellschaft gewahrt werden, in der alle so leben, wie es ihnen am besten scheint?
• Wie können die Einzelnen eine so stabile Identität entwickeln, dass sie innerlich frei sind und autonom handeln?
• Welche Rolle können Familien dann bei der religiösen Erziehung der Kinder und Jugendlichen spielen?
• Welche Aufgaben und welche Chancen haben die Schule und der Religionsunterricht?
• Wie verändert sich die Rolle der Kirchen in einer offenen Gesellschaft?
Offene Fragen

1.6 Die Sprache der Religion

→ 3.10; → 4.10; → 5.4
 
 
Religionen müssen ein Problem lösen: Wie können sie ihre Gläubigen auf eine Wirklichkeit aufmerksam machen, die jenseits des Erklärbaren und Nützlichen liegt? Wer sich hier umsieht, begegnet zunächst der Welt der Symbole und Riten. Und er stößt auf die Grundfrage religiöser Sprache. Sie lautet: Wie lässt sich das Unsagbare sagen?
Versucht man, die religiöse Sprache zu analysieren, so lassen sich drei Ebenen unterscheiden:
Die Ebene der Wörter,
z.B. Gott, Christus, Erlösung, Gnade.
Die Ebene der Stilmittel und Sätze,
z.B. Metapher, Paradoxon*, absoluter Komparativ*.
Die Ebene der Texte,
z.B. Mythos, Gleichnis, Wundererzählung, Psalm, Glaubensbekenntnis.
Die drei Ebenen der religiösen Sprache
Was kann, was soll die religiöse Sprache leisten?
Die religiöse Sprache erfüllt mehrere Aufgaben:
Verständigung ermöglichen
Wie jede Sondersprache sichert sie die Kommunikation in einer Teilgruppe der Gesellschaft. Das heißt: die religiöse Sprache ermöglicht es den Gläubigen, sich über die Vorstellungswelt ihres Glaubens zu verständigen.
Identifikationsmöglichkeiten anbieten
Wie Literatur und Rhetorik will die religiöse Sprache zur Identifikation einladen. Vor allem die Erzählwelt des Glaubens (Mythen, Gleichnisse, Lehrerzählungen, Passionsgeschichte usw.) will erreichen, dass die Hörer oder Leserinnen nachdenklich werden und vielleicht sogar ihr Leben ändern.
Wirklichkeit erweitern
Nicht zuletzt will die religiöse Sprache Wirklichkeit erweitern. Das Paradoxon Wer sein Leben bewahren will, wird es verlieren, nötigt dazu, darüber nachzudenken, was man üblicherweise unter „Leben“versteht und was „Leben“sein könnte.
An zwei Beispielen soll die Leistungsfähigkeit der religiösen Sprache nun genauer dargestellt werden: an der Metapher und an der Erzählform des Mythos (→ 1.7).
Bauform und Leistung der Metapher
 
Betrachten wir die Metapher In einem guten Wort ist für drei Winter Wärme. – Was geschieht hier?
 
Zwei Sachbereiche, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, werden miteinander verknüpft (hier: Sprache und Heizvorrat).
Dabei wird ein gutes Wort zum Bildnehmer und drei Winter Wärme zum Bildgeber, d.h. der zweite Teil der Metapher erhellt den ersten. Die Bedeutungsfelder des Bildnehmers und des Bildgebers strahlen aufeinander aus: Wärme wird hineingetragen in die Bedeutung von gutes Wort; und Winter erhält die Bedeutungsschicht dunkle, kalte Zeit des Lebens.
Es entsteht also durch die Metapher ein neuer Sinn, der so in der Logik der beiden Sachbereiche nicht angelegt ist.
 
Durch die Metapher geraten unsere Vorstellungen in Bewegung; die Dinge werden auf einmal mehr und anderes, als sie zu sein scheinen. Deshalb können Metaphern die Grenzen des Sagbaren erweitern und auf eine Wirklichkeit aufmerksam machen, die jenseits der vordergründigen Realität liegt.
Dazu ein Beispiel: Gott ist der Horizont meines Lebens (nach OTTO HERMANN PESCH). – Horizont erweist sich hier als vielschichtiger Bildgeber (der Horizont wandert immer mit, der Horizont ist enger oder weiter, der Horizont ändert sich im Laufe des Lebens, der Horizont ist auch da, wenn ich ihn nicht sehe, der Horizont ist eine Grenze und zugleich unbegrenzt...).
Die Metapher kann daher einen Suchprozess auslösen, in dem zweierlei geschieht: Der Leser kann meditierend entdecken, was für ihn Horizont des Lebens bedeutet, und er kann von dieser Selbsterkenntnis her seine Vorstellung von Gott überprüfen und erweitern, vielleicht sogar korrigieren. – So schickt die Metapher uns auf die Suche. Sie beschreibt die Welt nicht, sondern sie weitet unsere Welt.
Und deshalb ist die Bibel auch reich an Metaphern: Bin ich der Hüter meines Bruders? GEN 4,9b – Der Herr ist mein Hirt. PS 23,1 – Zu dir rufe ich, Herr, mein Fels. PS 28,1 – Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen. HLD 2,2 – Steck mich wie einen Siegelring an deine Hand … Stark wie der Tod ist die Liebe … Auch mächtige Fluten können die Liebe nicht löschen. HLD 8,6.7 gek. – Ihr seid das Licht der Welt. MT 5,14 – Weh euch, ihr blinden Führer! MT 23,16.

1.7 Mythos

Das Wort Mythos ist ein schillernder Begriff. Im Griechischen bedeutet es ursprünglich Rede, Erzählung. Im Lauf der Kulturgeschichte hat sich der Bedeutungsumfang beträchtlich erweitert, und heute lassen sich zumindest drei Bedeutungen unterscheiden:
• Im engeren Sinn nennt man Götter- und Ursprungssagen Mythen. Hierher gehören Schöpfungsmythen, Erzählungen von Göttererscheinungen (Theophanien) oder von Kämpfen zwischen Göttern.
• Im Blick auf ihre Funktion kann man Mythen als fundierende Erzählungen bezeichnen. Also als Geschichten, mit denen politische oder religiöse Gemeinschaften ihre Identität begründen. Die Frage Wer sind wir und was unterscheidet uns von anderen? wird häufig mit mythischen Erzählungen beantwortet. – Derartige Funktionen erfüllen etwa die Exoduserzählung, Christuserzählungen der Evangelien, Geschichten von Luther und der Reformation, aber auch geschichtliche Ereignisse, die mythischen Charakter gewonnen haben, wie die Französische Revolution, der Holocaust, Hiroshima, der 11. September 2001 usw.
• Im erweiterten Gebrauch wird der Begriff Mythos zur Bezeichnung für Ereignisse, Personen und Gegenstände, die einen hohen symbolischen Wert besitzen. So spricht man vom Faust-Mythos, aber auch vom Mythos Olympia, vom Mythos Fortschritt, vom Papst-Mythos oder vom Mythos Harley-Davidson.
Wortbedeutung
Götter- und Ursprungssagen
Fundierende Erzählungen
Ereignisse, Personen und Gegenstände mit hohem symbolischen Wert
Umstritten ist die Frage, wie Mythen der religiösen Tradition zu beurteilen sind. Seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. stehen sich zwei Positionen gegenüber:
 
Kritisch-aufklärerische Traditionen. – Sie behaupten: Mythen sind nicht wahr. Als erfundene Erzählungen führen sie sogar zu unsinnigen Vorstellungen und zu Scheinproblemen. – Oft wird diese Position verknüpft mit dem Vorwurf, Mythen dienten dem Interesse der Priesterschaft oder der politischen Machthaber. Sie seien erfunden worden, um das einfache Volk abhängig und gefügig zu machen.
Kritik am Mythos
Aufwertung des Mythos
Mythenfreundliche Traditionen. – Für sie sind Mythen unersetzliche Elemente der Selbstauslegung der Menschen. Einen Ansatzpunkt dafür markiert LUDWIG WITTGENSTEIN (1889 – 1951): Selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, [sind] unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt. – Vor diesem Hintergrund kann man Mythen als symbolische Erzählungen verstehen, die das objektiv Feststellbare überschreiten. Für Gemeinschaften und für Einzelne besitzen sie lebensprägende Kraft. Sie wirken als inspirierende Erzähltraditionen, die das kulturelle Gedächtnis formen und Zukunftsorientierung ermöglichen. Sie können zur Arbeit an grundlegenden – und vielleicht unbewussten – Konflikten auffordern (z.B. der Mythos von Kain und Abel), und sie können kollektive Identität stiften (z.B. Weihnachten, Auferstehung/Ostern).
Christlicher Glaube und Mythos
Die jüdischen und die christlichen Überlieferungen sind arm an „reinen Mythen“. Als solche kann man etwa die Erzählungen vom Paradies, von der Sintflut und vom Babelturm betrachten und im Neuen Testament die Geschichten vom Untergang der Welt und vom Jüngsten Gericht. Charakteristischer für die jüdisch-christliche Vorstellungswelt sind mythisch geformte Geschichtserzählungen: Gott befreit Israel aus Ägypten, Gott schickt Propheten, als letzten Propheten Jesus aus Nazaret, den Messias der Christen.
Wo liegt die Wahrheit der biblischen Mythen?
Eine Schlüsselfrage für das Christentum lautet deshalb: Worin liegt die Wahrheit der mythischen Traditionen der Bibel? – Dazu gab und gibt es innerhalb der Kirchen unterschiedliche Auffassungen:
Fundamentalistische Position
Fundamentalistische Positionen bestehen darauf, dass mythische Erzählungen der Bibel im wörtlichen Verständnis wahr sind. Demnach hätte Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen, er wäre dem Volk Israel am Sinai wirklich erschienen usw. – Die historisch-kritische Erforschung der Bibel (→ 3.7) bestreitet solche Auffassungen: Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch und auch kein Geschichtsbuch, sondern eine Sammlung von Glaubensgeschichten.
Entmythologisierung
• Seit dem 18. Jahrhundert verschärfen sich Spannungen zwischen dem mythisch geprägten Weltverständnis des Christentums und den Einsichten der Geschichts- und Naturwissenschaften. Angesichts dieser Spannungen entwirft RUDOLF BULTMANN (1884 – 1976) das Programm der Entmythologisierung. Seine These: Die mythologische Erzählweise ist lediglich ein zeitbedingtes Gewand, das den Menschen der Neuzeit fremd geworden ist. Deshalb sollen Mythen im Blick auf die Existenz der Gläubigen ausgelegt werden. Wenn also in der Bibel von Himmel oder Hölle, von Engeln und Teufeln die Rede ist, so sind diese Aussagen überholt. Für den Gläubigen ist es wichtig, die (existenziale) Wahrheit aus dem mythischen Gewand herauszuschälen und zu fragen, was die Texte der Bibel über die Menschen und über ihre Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus sagen.
Symbolische Interpretation
• Größeres Vertrauen in den Wert des Mythos hat die heute verbreitete symbolische Interpretation. Demnach verkörpern die Gestalten und Motive des Mythos zentrale menschliche Erfahrungen. Der Teufel etwa verkörpert die aggressiven und sadistischen Kräfte, die einen Menschen überwältigen können. – Obwohl der Mythos also kein reales Geschehen abbildet, erzählt er grundlegende Wahrheiten über die Menschen, über ihre Schicksale und ihre Welt.

1.8 Rechtfertigung und Kritik der Religion

In der Neuzeit stehen sich zwei gegensätzliche Wertungen der Religion gegenüber:
• Eine romantisch-affirmative Sicht hält Religion für einen integrativen Teil der Person und der Kultur.
• Eine aufgeklärt-kritische Sicht sieht in der Religion eine Illusion und Selbsttäuschung des Menschen.
1. FRIEDRICH SCHLEIERMACHER (1768 – 1834) legt in seinem Werk Über die Religion: Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern den Grund zur Vorstellung vom „religiösen Menschen“. Jeder Mensch besitzt demnach eine Anlage zur Religiosität, und jeder Mensch ist daher im Grunde ein religiöses Wesen. Weil die Anlage aber durch den Einfluss von Erziehung und Umwelt unterschiedlich stark entfaltet ist, unterscheidet er als Typen: den religiös ungebildeten Menschen, den (gewöhnlich) religiösen Menschen und den „Virtuosen der Religion“. Beim „Virtuosen“ist die Anlage voll entfaltet, und deshalb nimmt er charismatisch Einfluss auf die religiöse Entscheidung anderer Menschen.
SCHLEIERMACHER wirkt in Religionswissenschaft und Theologie bis in das 20. Jahrhundert nach, beispielsweise bei PAUL TILLICH (1886 – 1965), der Religion in der Tiefe der Person verortet und definiert als das, was uns unbedingt angeht (→ 1.2).
Religion als menschliche Anlage
2. Als Gegenbewegung zur Verankerung der Religion in der Natur des Menschen tritt die Religionskritik auf. Sie möchte den Menschen von der Religion befreien, ihn zu einer illusionslosen Sicht seiner Stellung in der Welt sowie zu Mündigkeit und Eigenverantwortung führen.
Positionen der Religionskritik
LUDWIG FEUERBACH (1804 – 1872)
Religion ist im Kern Selbstinterpretation des Menschen. Denn in Gott sind die menschlichen Wünsche nach Größe, Macht und Unsterblichkeit personifiziert. Zunächst wirkt der Glaube an Gott positiv auf den Menschen zurück, weil er ihm seine wahre Größe vor Augen stellt und dadurch die Humanisierung vorantreibt. In Wahrheit unterliegt der Gläubige aber einem Irrtum, weil er in Gott eine Projektion des eigenen Ich verehrt, der keine Realität zukommt.
FEUERBACH möchte die Menschen von ihrer Selbsttäuschung befreien. Alle Energien, die bisher für die Verehrung Gottes aufgewendet wurden, sollen sich unmittelbar auf die Menschen richten und deren Humanisierung dienen. Die Eigenschaften Gottes werden damit zu Perspektiven der Menschheitsgeschichte: Schöpferkraft, Gerechtigkeit, Unsterblichkeit.
Feuerbach: Religion ist Selbstinterpretation des Menschen
KARL MARX (1818 – 1883)
Religion ist eine Weltdeutung, die ungerechte Verhältnisse rechtfertigt und zugleich Ergebnis des Unrechts ist. Sie vertröstet die Unterdrückten auf ein besseres Jenseits und hindert sie damit, ihre Befreiung selbst zu betreiben. So wirkt Religion wie Opium: Der Leidende braucht das vorgetäuschte Glück der Religion als beruhigende Droge. Damit stabilisiert die Religion die bestehende ungerechte Gesellschaft und dient letztlich den Besitzenden und Herrschenden.
Die Kritik der Religion hat das Ziel, ungerechte Herrschaft und die ihr entsprechenden Besitzverhältnisse aufzuheben. Dadurch wird das Proletariat zur Selbstbestimmung befreit.
Marx: Religion ist Opium des Volks
SIGMUND FREUD (1856 – 1939)
Aus seiner psychoanalytischen Theorie leitet FREUD seine Religionskritik ab. Der Mensch leidet unter den Schädigungen, die Natur und Schicksal ihm zufügen (z.B. Naturkatastrophen, Krankheit, Behinderungen, Tod). Diese Schicksalsmächte personifiziert der Mensch in den Göttern; ihnen spricht er menschliche Züge zu, sodass er durch Gebete und Opfer auf sie Einfluss nehmen kann. Damit werden sie kalkulierbar.
Die jüdische Tradition vereinigt alle Züge des Göttlichen in einer überdimensionalen Vatergestalt. Die Verehrung Gottes erlebt der Mensch als seelische Entlastung, zugleich hindert sie den Menschen daran, erwachsen und vom Über-Vater Gott unabhängig zu werden. Solange dies nicht geschehen ist, kann er immer eine übernatürliche Instanz für sein Schicksal verantwortlich machen oder um Hilfe anflehen.
Das Ideal FREUDS ist der erwachsene Mensch, der für sein Leben allein einsteht. Er muss zu der illusionslosen Sicht finden, dass es keinen Halt und keine Sicherheit in der Welt außerhalb menschlicher Verantwortung gibt.
Freud: Religion verhindert, dass Menschen erwachsen werden
1. Einleuchtend wird die Religionskritik vor den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts. Die Aufklärung und die Industrialisierung hatten zu einem einschneidenden Bewusstseinswandel und zu sozialen Veränderungen geführt. Ihr Ausmaß wurde von den Monarchien und Kirchenleitungen zunächst nicht erkannt. Weil sie versuchten, den Geist der Moderne abzuwehren, entstand eine Spannung zwischen dem Problemdruck des Jahrhunderts und dem Verhalten von Kirche und Staat.
Hinweise zur Wertung
2. Der zeitliche Abstand zum 19. Jahrhundert ermöglicht auch einen unbefangenen Blick auf das Wesen der Religion. Aus kulturanthropologischer Sicht erscheint Religion zusammen mit Kunst, Musik und Literatur als Teil der menschlichen Kultur, die die Welt verwandelt und bewohnbar macht. Ihrem Wesen nach ist sie eher eine auf Intuition und Spontaneität gründende Kulturleistung als das Ergebnis infantiler Denkfehler. Letztlich haben Religionen ihren Ursprung in der Frage nach dem Geheimnis des Daseins und legen Zeugnis ab von der unabgeschlossenen Suche der Menschen nach sich selbst: Die Stellung des Menschen im Kosmos, sein Anfang, seine Herkunft, sein Ziel, das ist das große Geheimnis, und das religiöse Problem ist das humane Problem, die Frage des Menschen nach sich selbst (THOMAS MANN).

1.9 Religion und Naturwissenschaft

Das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft hat sich in der Neuzeit konfliktreich entwickelt. Symbolisch stehen dafür die Namen GALI – LEO GALILEI (1564 – 1642) und CHARLES DARWIN (1809 – 1882).
Im Konflikt mit GALILEI verteidigte die Kirche das geozentrische Weltbild, weil sie dieses in der Bibel und in der philosophischen Tradition begründet sah. Auch die von CHARLES DARWIN angestoßene Evolutionslehre stieß auf Widerstand der Kirchen, weil zentrale Glaubensüberzeugungen (die Erschaffung der Welt durch Gott und die Sonderstellung des Menschen in der Natur) durch sie infrage gestellt wurden. Gegenseitige Grenzüberschreitungen, Ignoranz und Dogmatismus haben in der Folge zur Entfremdung von Religion und Naturwissenschaft geführt.
Konflikte
Zur Klärung ihres Verhältnisses seien zunächst wichtige Unterschiede von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Glaubenseinsicht genannt:
Die Naturwissenschaften erforschen die Natur mit dem Ziel, ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und diese für die Menschen nutzbar zu machen. Sie bedienen sich dabei empirischer Methoden der Beobachtung und des Experiments sowie mathematisch-logischer Operationen. Indem sie ihre Erkenntnisse der (Fach-)Öffentlichkeit zugänglich machen, werden sie überprüfbar, als richtig oder falsch erkannt (verifiziert oder falsifiziert) und dienen als Grundlage für weiteren Erkenntnisfortschritt. Zur Darstellung ihrer Erkenntnisse bedienen sich die Naturwissenschaften einer möglichst exakten Fachsprache mit eindeutig definierten Begriffen, Symbolzeichen und Formeln.
Naturwissenschaftliche Erkenntnis
Im Blickfeld des religiösen Glaubens stehen zunächst nicht die Gesetzmäßigkeiten der Natur, sondern die menschlichen Daseinsfragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? Was sollen wir tun? Diese Fragen haben im christlichen Glauben Antworten gefunden, die in Texten der Bibel, im philosophischen Nachdenken und in der Lebenserfahrung gründen. Besonders traditionsbildend sind beispielsweise die alttestamentlichen Erzählungen von der Erschaffung der Welt und der Menschen, vom Paradies und Sündenfall (Gen 1) geworden.
Glaubenswissen
Charakteristisch für diese mythischen Erzählungen ist, dass sie in einem vorwissenschaftlichen, altorientalischen Weltbild beheimatet sind und dass in ihnen das Weltgeschehen von einem transzendenten Gott angestoßen und in Gang gehalten wird.
Solches Wissen wird nicht durch naturwissenschaftliche Forschung im modernen Sinn gewonnen. Eher spiegeln sich in den mythischen Erzählungen die Erfahrungen der Menschen mit ihrer Welt, ihr Lebensgefühl und ihr Weltverhältnis. Solche Erfahrungen wurden zu mythischen Erzählungen gestaltet und in den biblischen Gottesglauben integriert. An die Stelle des Begriffs tritt das überzeugende Bild.
Dadurch entsteht auch eine andere Sprache als in den exakten Naturwissenschaften: Die Bilder des Mythos sind weniger scharf, dafür aber umso reicher an Bedeutungen. Wenn der Glaube von Schöpfung spricht, sind in einem solchen Begriff zwar auch Vorstellungen von der Entstehung der Welt enthalten, wie sie im Alten Orient verbreitet waren. Aber die Welt als Schöpfung zu verstehen, schließt auch das Bekenntnis ein, dass sich die Menschen in einer vertrauenswürdigen und lebensfördernden Welt vorfinden. Als Mitgeschöpfe tragen sie für diese Schöpfung Verantwortung; sie sollen sie pflegen und weiterentwickeln. Religiöse Sprache ist deshalb nicht nur beschreibend, sondern in erster Linie „performativ *“und „appellativ*“in dem Sinne, dass sie den Gläubigen einen Ort in der Welt zuweist, ihnen Aufgaben und Verantwortung überträgt und sie dadurch zu Kulturwesen macht.
 
Auf der Grundlage solcher Überlegungen lassen sich aus heutiger Sicht Religion und Naturwissenschaft sachgemäß unterscheiden und einander zuordnen:
• Religion und Naturwissenschaften sind zwei voneinander unabhängige und je eigenständige Weisen des Zugangs zur Natur. Die Naturwissenschaften erforschen die Natur. Die Religion deutet in einem fortlaufenden Interpretationsprozess die Menschen, weist ihnen einen Platz und ihre Aufgabe in der Welt zu.
• Religion und Naturwissenschaften sollten die Grenzen ihres Gegenstandes und ihrer Methoden beachten. Der Glaube überschreitet seine Grenzen, wenn er als „Kreationismus“entgegen gesicherten Kenntnissen der Naturwissenschaften die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich versteht oder wenn er (in der Theorie des „Intelligent Design“) nach Art mittelalterlicher Gottesbeweise auf einen „intelligenten“Schöpfer schließt, der sich an der vermeintlich zielgerichteten und gesetzmäßigen Evolution erkennen lässt.
Die Naturwissenschaften überschreiten ihre Grenzen, wenn aus partikularen Erkenntnissen in ideologischer Weise weltanschauliche Systeme konstruiert werden (z.B. Rassenideologie, Reduktion der Menschen auf ihre biologischen Funktionen unter Leugnung der Willensfreiheit oder Schuldfähigkeit, Konstruktion eines materialistischen Weltbilds).
• Fruchtbare Möglichkeiten des Dialogs zwischen Naturwissenschaften und Religion ergeben sich heute vor allem in Fragen der Ethik. Hier bietet die Einbettung der Folgen naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen in lebensfördernde ökologische, soziale und humane Zusammenhänge ein weites Feld gemeinsamen Nachdenkens.
Unterscheidungen und Zuordnungen

1.10 Säkularisierung und Zukunft der Religion

→ 2.3.7; → 2.3.8
 
 
Das Wort Säkularisierung hat im christlichen Sprachgebrauch keinen guten Klang.
Definitionen