Titel

ANDREA SCHACHT
Die Blumen
der Zeit

Impressum

Boje Digital

 

 

 

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

 

Boje Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG

 

© 2009 Boje Verlag in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Alle Rechte vorbehalten

 

Illustrationen: Eva Schöffmann-Davidov und © Bridgeman

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH

ISBN 978-3-8387-0682-5

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Dramatis Personae

Mirte eine vierzehnjährige Päckelchesträgerin, Tochter eines Tagelöhners, doch mit Ehrgeiz.
Laurens sechzehnjähriger Sohn des Ratsherrn und Tuchhändlers Adrian van Kerpen, der sich lieber der Sternenkunde widmen würde statt der Tuchhändlerlehre.
Alena eine Buchbinderin mit seltsamen Angewohnheiten, die vor zwei Jahren in Köln aufgetaucht ist und einen geheimen Garten pflegt.
Adrian van Kerpen Laurens’ Vater, Tuchhändler und Ratsherr, der viel in der Welt herumgekommen ist und auch merkwürdige Dinge zu verstehen vermag.
Joos Mirtes Vater, Tagelöhner im Hafen von Köln, mehr am Grutbier als an seinen drei mutterlosen Kindern interessiert.
Talea Hebamme mit Nebenverdiensten, vertraut auf Sprüche und Tränklein mehr als auf Gott und saubere Hände.
Wickbold Flussschiffer mit faulen Zähnen und rüpelhaftem Benehmen, Joos’ bevorzugter Bräutigam für seine Tochter Mirte.
Bruder Lodewig junger Benediktinermönch von Groß Sankt Martin, der Laurens’ Wissbegier für die Sterne teilt.
Bruder Notker auch genannt »der Dicke«, frauenfeindlicher Prediger, der Angst vor Zauberei hat.
Pitter Chef der Päckelchesträger, mit großen Ohren und einem großen Magen.
Jens Fackelträger, der die nächtlichen Geheimnisse Kölns kennt.

 

Dann noch: Magister Hinrich, der Geldwechsler, Alenas Nachbarin, der Turmvogt, Beginen, eine Haushälterin und der Majordomus des Ratsherrn, der Gelehrte Ivo vom Spiegel, der Abt Theodoricus von Groß Sankt Martin, Meister Krudener, der Apotheker
und
Professor Dr. Dr. Adrian Kerpen – ein Astrophysiker

Nicht zu vergessen:
Mina
eine hochintelligente Katze, rotbraun mit einem cremefarbenen Hinterpfötchen, die es versteht, sich sehr gut verständlich zu machen. (Und heute als MouMou bei der Autorin lebt.)

Prolog

Fest hielt sie die Tasche an sich gedrückt. Die Ledertasche, die ihre kostbarsten Güter barg – ein Astrolabium, ein Wörterbuch, ein leeres Notizbuch, zwei Bleistifte, eine goldene Dose mit Weihrauch und ein Beutelchen Samen.

Mit Angst, Neugier, Vorfreude und natürlich einer gesunden Portion Skepsis betrachtete sie den duftenden Rauch, der aus dem Weihrauchkessel zu ihren Füßen aufstieg.

Würde die Mischung ausreichen? Würde sie überhaupt etwas bewirken?

Der Rauch quoll dichter und dichter aus den Öffnungen des Messinggefäßes. Schon waberte er um ihre Knie.

Hatte sie den Zeitpunkt richtig berechnet?

Noch einmal spielte sie kurz mit dem Gedanken, einfach zur Seite zu gehen und die glosenden Kräuter zu löschen.

Sie musste wahnsinnig sein, sich auf dieses Experiment einzulassen.

Und doch machte sie den entscheidenden Schritt nicht, und höher und höher stieg der Rauch.

Es wurde ihr ein wenig schwindelig von dem Duft von Kräutern und Olibanum und sie fasste ihre wertvolle Tasche fester. Im Namen der Wissenschaft, sie musste es wagen!

Beißend drang der Rauch in ihre Augen. Sie schloss die Lider, als sie zu tränen begannen. Dennoch schien alles um sie herum in Bewegung zu geraten. Wie in einem Wirbel fühlte sie sich, haltlos, schwerelos, tanzend im Strudel der Zeit.

Und dann hörte sie die Glocken. Langsame, schwere Klänge holten sie zurück ins Bewusstsein.

Und in das Jahr des Herrn 1376.

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1
Botengänge

20. August 1378,
mittags

 

Mirte biss in das letzte Stück Schmalzbrot und freute sich daran, wie die krosche Kruste zwischen ihren Zähnen zerknusperte. Die Beginen buken ganz besonders köstliches Brot. Und das Griebenschmalz darauf war auch nicht zu verachten. Mit dieser Gabe würde sie den Nachmittag ohne knurrenden Magen überstehen.

Heiß brannte die Sonne an diesem Mittag auf die Stadt, und in den engen Gassen, über die die vorgebauten Obergeschosse der schmalbrüstigen Häuser ragten, sammelte sich stickiger Schatten. Und Gestank.

Aber so war das eben.

Trotzdem war Mirte froh, als sie die breitere Straße erreichte, durch die ein kleiner Lufthauch vom Rhein herauf wehte. Links von ihr überragte der halb fertige Dom die geschäftige Baustelle, und wie immer verlangsamte sie ihre Schritte, um einen Blick auf die Pfeiler und Säulen zu werfen, aus denen dieses gewaltige Haus Gottes gen Himmel wuchs. Kaum zu glauben, dass das Menschenwerk war. Sie hatte eine der Beginen sagen hören, dass die Kathedrale, wenn sie denn in vielen, vielen Jahren fertig sein würde, zwei spitze Türme haben würde, gekrönt von je einer Kreuzblume, mit denen sie die Wolken berührte.

Überhaupt, die Beginen vom Konvent am Eigelstein wussten viel. Sie waren viel weltoffener als die Nonnen. Es waren arbeitsame Frauen, ledig oder verwitwet, die in einem Geviert von Häuschen zusammenwohnten und sich ihren Unterhalt mit der Seidenweberei verdienten und zudem auch allerlei Fürsorgepflichten ausübten. Dazu gehörte neben der Kranken- und Armenpflege der Unterricht junger Mädchen. Mirte war dankbar, dass sie dreimal in der Woche bei ihnen lernen durfte. Seit zwei Jahren besuchte sie die Lektionen, die die grau gewandeten Frauen den Handwerkermädchen und Tagelöhnertöchtern erteilten, und daher konnte sie Buchstaben lesen. Nein, nicht nur Buchstaben, sondern ganze Wörter. Und seit einigen Wochen lernte sie sogar, Wörter zu schreiben. Ungeheuerlich, das!

Der Vater war nicht einverstanden gewesen, er fand das verlorene Zeit, in der sie besser Geld verdient hätte, und wenn schon das nicht, dann sollte sie wenigstens auf die kleinen Geschwister aufpassen und die Hausarbeit erledigen. Aber die Meisterin der Beginen hatte ihn besucht und ihm ins Gewissen geredet, und seither war er mürrisch bereit, seiner Tochter die drei halben Tage Unterricht zu erlauben.

Nach den Lektionen jedoch hieß es arbeiten. Und damit wollte Mirte auch sogleich anfangen. Zielstrebig wandte sie sich den Gassen an der alten Burgmauer zu.

Ihren Unterhalt – und oft auch den der ganzen Familie – verdiente Mirte als Päckelchesträgerin. Wie so viele Jungen und Mädchen in der vielbesuchten Handels- und Pilgerstadt Köln. Ihre Aufgaben waren es, fremde Kaufleute zu ihren Unterkünften zu führen, Pilger zu den Klöstern und Kirchen, Reisende zu den Badehäusern oder Tavernen, allerlei Botschaften von hier nach dort zu tragen oder eben Päckchen aller Art an ihrem Bestimmungsort abzuliefern. Dafür erhielten sie mehr oder weniger großzügig ihren Lohn.

Großzügig war auf jeden Fall Frau Alena, die Buchbinderin, die in dem Haus an der Burgmauer wohnte. Sie war es, die ihr vor zwei Jahren geraten hatte, bei den Beginen lesen zu lernen, und Mirte mochte die Frau.

Obwohl sie einigermaßen seltsam war.

Aber nett.

Sie klopfte an der Tür und sogleich wurde ihr geöffnet. Frau Alena, groß für ein Weib, ihr Gebende schon wieder sehr unordentlich, sodass ihre Haare unter diesem Kopftuch aus weißem Leinen hervorquollen, lächelte Mirte herzlich an, als sie sie höflich begrüßte.

»Schön, dass du pünktlich bist, Mirte. Ich muss gleich auf den Markt, und hier ist ein Brief, den der Ratsherr Adrian van Kerpen unbedingt sofort bekommen muss.«

Mirte wischte sich verstohlen die vom Schmalzbrot fettige Hand an ihrer Schürze ab und nahm das gesiegelte Stückchen Papier an sich. Papier! Nicht Pergament. Dem hätte das Fett nicht geschadet.

»Ich bringe es sofort zu ihm ins Kontor, Frau Alena.«

An den Röcken der Frau drängelte sich eine rotbraune Katze vorbei und drückte sich schnurrend an Mirtes Bein.

»Oh, Mina, meinen Gruß. Nein, ich habe keinen Fischschwanz dabei. Ich komme vom Unterricht«, sagte Mirte und kraulte das Tier zwischen den Ohren. Auch das war etwas Besonderes an Frau Alena. Viele Leute hielten sich Katzen, um die Mäuse aus den Vorräten fernzuhalten, sie aber betrachtete Mina wie eine richtige Person. Das hatte schon viel Gemunkel gegeben, denn einige bösartige Schwätzerinnen tuschelten, die Katze könnte vielleicht ein Dämonentier sein. Aber Mirte wusste es besser, Mina war nur ein zutrauliches Geschöpf, das von Frau Alena immer liebevoll behandelt wurde. Ganz so, wie der heilige Franz von Assisi es den Menschen nahegelegt hatte.

»Sie ist eine Naschkatze, Mirte, genau wie ein anderes Wesen, das ich kenne. Hier ist dein Botenlohn, und nach dem Brotkanten, den du sicher bei den Beginen bekommen hast, wirst du bestimmt auch noch einen süßen Nachtisch mögen.«

Nachtisch – das war wieder so ein fremdes Wort, das Frau Alena verwendete. Aber der braune Honigkuchen war Mirte höchst bekannt und verstohlen leckte sie sich die Lippen. Erfreut bedankte sie sich und verstaute das Gebäckstück in ihrer Schürzentasche. Das würde sie später am Tag genießen.

Um zum Haus des Tuchhändlers zu gelangen, musste Mirte quer durch die Stadt wandern, was ihr aber keine besondere Mühe machte. Viel mehr Mühe bereitete es ihr, dieses Teufelchen zu bekämpfen, das sich an ihren Rocksaum geheftet hatte, seit sie den Brief in die Hand gedrückt bekommen hatte. Dieses Teufelchen hörte auf den Namen Neugier und sog seine Kraft aus dem Wissen darum, dass sein Opfer das Lesen gelernt hatte.

Vermutlich, so sann Mirte nach, hatten die Priester ja recht, wenn sie es den Frauen untersagten, die Kunst des Buchstabierens zu lernen. Die Versuchung war gar heftig. Zumal sie bemerkt hatte, dass das Wachssiegel auf dem Papier nicht besonders fest saß.

Mutig bekämpfte sie den Verführer mit einigen gemurmelten Gebeten, und etliche hundert Schritt weit gelang es ihr auch, ihn in Schach zu halten.

Aber dann begegnete ihr die Gevatterin Talea, die Hebamme, die einst, vor fast vierzehn Jahren, geholfen hatte, sie auf die Welt zu bringen. Mirte mochte die Frau nicht besonders, sie hatte so einen durchdringenden Blick. Aber es gebührte ihr natürlich ein sittsamer Gruß.

»Na, Magistra Mirte, wieder Gelehrsamkeit bei den grauen Weibern geschlürft?«

Manchmal neckten ihre Freunde sie mit dem Titel Magistra, aber aus Gevatterin Taleas Mund hörte es sich irgendwie abfällig an. Trotzdem blieb Mirte höflich.

»Eine bekömmliche Nahrung, Gevatterin. Sie liegt nicht schwer im Magen.«

»Nein, aber sie wird dir den Kopf wirr machen und dir Augenflimmern bescheren. Warte es nur ab! Und ob dem Wickbold ein solch hochmütiges Weib gefallen wird, das wird sich auch noch weisen.«

»Wickbold? Wieso Wickbold?«

Der Flussschiffer Wickbold war ein Neffe der Hebamme, ein plumper Geselle mit, nach Mirtes Meinung, allenfalls Entengrütze im Hirn.

»Das, Kindchen, wird dir dein Vater schon noch erklären.«

Gevatterin Talea schwenkte ihre staubigen Röcke und schritt in die entgegengesetzte Richtung aus. Mirte blieb fassungslos mitten auf der Straße stehen und musste gleich darauf einen hurtigen Satz zur Seite machen, um einem beladenen Frachtkarren auszuweichen, der ihr ansonsten über die Zehenspitzen gerollt wäre.

Dumm, dass ihr dabei der Brief aus der Tasche auf das Pflaster fiel.

Und sich das Siegel dabei ganz löste.

Dumm aber auch.

Sehr dumm, denn das gab dem Teufelchen neue Energie.

Ob das Lesen wirklich Augenflimmern verursachte? Bisher hatte Mirte davon nichts bemerkt.

Vielleicht sollte sie …

Zögernd hielt Mirte das gefaltete Schreiben in der Hand. Dann machte sie einen weiteren Schritt auf eine Toreinfahrt zu, in deren Schatten man sie nicht entdecken würde.

Vorsichtig entfaltete sie den Brief und starrte auf die Buchstaben. Nein, da flimmerte nichts, der Heiligen Jungfrau sei Dank. Und eigentlich hätte sie jetzt das Papier wieder zusammenfalten können. Wäre da nicht das widerwärtige Teufelchen gewesen.

Das brachte nämlich die Buchstaben dazu, sich zu Wörtern zu formen, und die Wörter dazu, Sätze zu bilden. Und die wiederum ergaben einen Sinn. Eine Nachricht, besser eine Warnung, stand in dem ordentlich geschriebenen Brief.

Entsetzt legte Mirte das Schreiben wieder zusammen und schob es in ihre Tasche. Dann nahm sie die Beine in die Hand und rannte zum Haus des Ratsherren und Tuchhändlers van Kerpen. Denn in dem Brief hatte gestanden, dass an diesem Abend der Blitz einschlagen und ein verheerendes Feuer den angrenzenden Fischmarkt verwüsten würde.

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2
Prophezeiungen

20. August 1378,
abends, Vollmond

Laurens van Kerpen, der sechzehnjährige Sohn und Erbe des Tuchhändlers Adrian van Kerpen, grollte. Nicht nur, dass er seit vier Monaten als Lehrling im Tuchhandel seines Vaters mitarbeiten musste, obwohl er viel lieber weiter studiert hätte, nein, auch noch die einzige Vergünstigung, die er herausgeschlagen hatte, war ihm für heute gestrichen worden. Dabei sollte nach seinen astrologischen Berechnungen sich ausgerechnet an diesem Abend eine Mondfinsternis zeigen. Nur weil diese besserwisserische Buchbinderin vor einem drohenden Gewitter gewarnt hatte, hatte sein Vater ihm verboten, zu seinen Freunden im Kloster von Groß Sankt Martin zu gehen, um dort oben auf dem Vierungsturm das kosmische Ereignis zu beobachten und es mit Bruder Lodewig zu diskutieren. Wenn es denn eintrat und er mit seinen Berechnungen richtiggelegen hatte.

Mochte ja sein, dass es ein Gewitter gab, Herr im Himmel, das konnte man sich doch an den zehn Fingern abzählen, so stickig, wie es den ganzen Tag über gewesen war. Und ärgerlich wäre das allemal, wenn die Wolken sich dann auch noch vor das himmlische Schauspiel schieben würden. Aber wenigstens die Möglichkeit sollte er doch haben, es zusammen mit dem jungen Mönch zu beobachten.

Verärgert schüttelte Laurens den Kopf. Sein Vater war doch sonst nicht so ängstlich. Sogar mit dem Hauptmann der Stadtwache hatte er schon gesprochen. Ein Gewitter – was war das schon? Was hatte diese Frau Alena nur dazu gebracht, irgendwelche düsteren Prophezeiungen zu äußern? Und warum glaubte der Vater diesen Unfug auch noch? Der hatte doch sonst für die Zauberschen nur Verachtung übrig. Schmuddelige Weiber, die auf Jahrmärkten den Leichtgläubigen das Schicksal aus den Händen lasen oder aus dunklen Spiegeln die Zukunft deuteten. Scharlatane, allesamt, hatte er bisher immer geurteilt. Und nun fürchtete er sich, weil diese Buchbinderin vorhersagte, dass an einem heißen Augusttag ein Gewitter dräute, und verbot ihm deshalb, aus dem Haus zu gehen. Das war doch unsinnig. Unlogisch war das.

Laurens bildete sich viel auf seine Fähigkeit ein, logisch denken zu können. Es gab Ursachen und Wirkung, fertig. Schwüles Wetter und drückende Luft führten zu Gewittern – das war eine Beobachtung, wie sie jedes Kind machen konnte. Allerdings gab es verschiedene Ansichten darüber, wie diese Unwetter entstanden. Einige klangen recht absurd, denn manche stellten sich vor, dass Petrus mit den Engeln ein Ballspiel über den Wolken trieb, das Blitz und Donner erzeugte. Andere glaubten an einen Drachen, der sturmreitend Feuer spie. Er zog es vor zu glauben, dass einfach nur die dunklen Wolken am Himmel zusammenstießen und diese Phänomene verursachten. Aber ganz sicher war Laurens sich nicht. Vielleicht war es nämlich doch ein Strafgericht Gottes, der mit den Blitzen die Frevler niederstreckte.

Hatte der Vater deshalb Angst?

Laurens ging in sich und prüfte sein Gewissen. Doch, ja, einige kleinere Sünden hatte er in der letzten Zeit begangen. Die Arbeit in der Gewandschneiderei gefiel ihm nicht, und er drückte sich, wann immer er die Gelegenheit fand, darum, die schweren Tuchballen ins Lager zu stapeln oder den Gesellen zum Zuschneiden und Aufmessen aufzurollen. Dafür steckte er viel lieber seine Nase in die Schriften der Astrologia, der Arithmetik oder der Geometria.

Aber wahrer Frevel war das doch nicht, oder?

Ungehorsam, ja. Aber nicht Frevel.

Und wenn er nicht gefrevelt hatte, dann war er auch nicht in Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden. Gleichgültig, was der Vater sich von dieser Buchbinderin einflüstern ließ.

Darum würde er die lässliche Sünde des Ungehorsams auf sich nehmen und sich heimlich aus dem Haus schleichen. Bruder Lodewig wartete sicher schon auf ihn. Und wenn alles vorbei war – Mondfinsternis und Unwetter –, dann würde er noch rasch bei einem der Pater dort im Kloster diese Sünde beichten, und alles war wieder in Ordnung.

Ja, so ging das.

 

Die Dämmerung brach langsam über Köln herein, der Vater hatte sich wie üblich noch ins Kontor zurückgezogen, um seine Abrechnungen zu machen, die Haushälterin war auf einen Schwatz bei der Nachbarin, Knechte und Mägde vergnügten sich auf ihre Weise, und so war es für Laurens nicht besonders schwierig, ungesehen das Haus am Neuen Markt zu verlassen und durch die stickigen Gassen zum Kloster von Groß Sankt Martin zu eilen.

Bruder Lodewig erwartete ihn schon. Der junge Mönch war nur einige wenige Jahre älter als er selbst und trotz seiner behäbigen Art schon fast ein Gelehrter und bereits ein tiefgründiger Denker. Auch ihn faszinierten die Geschehnisse am Himmel. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, verfolgten sie gemeinsam die Bahnen der Planeten und versuchten, die komplizierten Berechnungen zu verstehen, mit denen die Astrologen deren Weg um die Erde zu beschreiben versuchten. Mit Bruder Lodewig durfte er auch die in der Klosterbibliothek vorhandenen Bücher der alten Philosophen studieren, die ganz klar begründet hatten, dass die Erde eine Kugel ist. Vor allem der Satz: »Der Sternenkundige beweist durch Sonnen- und Mondfinsternis, dass die Erde rund ist«, den Thomas von Aquin, der große Kölner Gelehrte, schon vor über einhundert Jahren geäußert hatte, hatte es ihm angetan, und an dem heutigen Abend wollte Laurens sich mit eigenem Augenschein vergewissern, dass die Erde auf dem Mond einen runden Schatten warf. Und dass seine Berechnung stimmte. Das war sogar noch viel wichtiger.

Das zu prüfen, war allemal eine Sünde wert!

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3
Gewitter

20. August 1378,
abends

 

Mirte ließ sich erschöpft auf den Schemel am Kamin sinken. Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen. Seit sie Frau Alenas Brief bei dem Ratsherrn abgeliefert hatte, hatte sie nicht nur etliche weitere Botengänge erledigt, sondern auch auf dem Markt ihr sauer verdientes Geld für einen Kohl, etwas Speck und einen Laib Brot ausgegeben, das Essen für die beiden jüngeren Geschwister und den Vater gekocht, nein, sie hatte auch wieder einmal dessen Zorn auf sich gezogen. Denn natürlich hatte sie wissen wollen, was es mit dieser Bemerkung von Gevatterin Talea über Wickbold auf sich hatte.

Und tatsächlich, ihr Vater hatte diesem Grindschädel von Flussschiffer vorgeschlagen, sie, Mirte, zu seinem Weib zu nehmen. Erst war sie sprachlos gewesen, dann hatte sie aufbegehrt. Erst höflich, wie es einer Tochter dem Vater gegenüber gebührte. Sie hatte versucht, ihm verständlich zu machen, dass sie mit ihren Kenntnissen des Rechnens, Lesens und Schreibens einem Handwerker oder gar einem Kaufmann eine nützliche Gattin sein würde, doch er hatte sie des Hochmuts und der Anmaßung geziehen, und darum war sie bedauerlicherweise laut geworden. Ja, Außenstehende hätten beinahe behaupten können, dass sie ihren Vater angekeift hatte. Bis er ihren Argumenten durch einen harten Schlag ins Gesicht ein Ende setzte. Dann war er aus dem Haus gestürmt, um die paar Münzen, die er sich im Hafen verdiente, in der Taverne für Bier und billigen Wein auszugeben.

Wie jeden Tag.

Vorsichtig rieb sich Mirte die brennende Wange.

Man sollte Vater und Mutter ehren.

Schön und gut, ihre Mutter war eine duldsame Frau gewesen, die vor vier Jahren bei der Geburt ihres letzten Kindes gestorben war. Oft vermisste Mirte sie, auch wenn sie ihr in ihrer Duldsamkeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Seither hatte erst ihre ältere Schwester den Haushalt geführt. Danach, vor zwei Jahren, als diese geheiratet hatte und ausgezogen war, hatte sie selbst die Aufgabe übernommen.

Den Vater aber kümmerte so gut wie gar nichts. Er verlangte sein Essen auf dem Tisch und seine Ruhe. Nur ganz selten gab er ihnen mal ein wenig Geld, damit sie ein paar gebrauchte Kleider kaufen oder die Schuhe flicken lassen konnten.

Und nun sollte sie den Trantopf von Wickbold heiraten, einen Mann, der um nichts besser war als ihr Vater. Er würde tagaus, tagein Kohlköpfe oder Ziegelsteine über den Rhein schippern, den Lohn versaufen und verlangen, dass sie ihm das Haus in Ordnung hielt.

Mirte seufzte. Sie würde sich fügen müssen. Welche andere Möglichkeit hatte sie sonst? Selbst die Beginen würden sie nicht aufnehmen. Um in den Konvent eintreten zu können, brauchte man eine Mitgift.

Sie hatte nichts.

Und sie war schon fast vierzehn Jahre alt.

Müde zog sie die Schürzenbänder auf und hängte die Schürze an den Haken. Dabei berührte sie die Tasche und bemerkte den Gegenstand darin. Sie griff hinein und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Der Hintertisch? Untertisch? Nein – Nachtisch. So hatte Frau Alena den Honigkuchen genannt. Warum auch immer der etwas mit einem Tisch zu tun hatte. Er war zwar zerbrochen und krümelig, aber er schmeckte noch immer köstlich und tröstlich süß. Und während Mirte kaute, fiel ihr auch der Brief wieder ein, den das Teufelchen Neugier sie gezwungen hatte zu lesen.

Erst jetzt ging ihr auf, was er bedeutet hatte. Es war nicht einfach eine Warnung, dass ein Gewitter drohte – das konnte jedermann merken. Nein, Frau Alena hatte einen Stadtbrand angekündigt. Vorhergesagt. Woher wusste sie das? Oder war das nur einfach eine Vermutung? Aber wenn das nur eine allgemeine ängstliche Annahme war, warum hatte sie dann den Ratsherrn benachrichtigt?

Ob doch etwas an den Gerüchten dran war, die die Gevatterin Talea hinter vorgehaltener Hand verbreitete? Die hatte nämlich mehrfach angedeutet, Frau Alena würde dunkle Zauberei in ihrem ummauerten Garten betreiben, zu dem niemand Zutritt hatte. Und wer Zauberei betrieb, der konnte vielleicht auch einen Brand vorhersagen. Aber so jemand stand mit den bösen Mächten im Bunde, hieß es.

Das mochte Mirte nicht glauben. Frau Alena war zwei Jahre zuvor nach Köln gekommen, von außerhalb. Sie hatte auch einen Ort genannt, aber den kannte Mirte nicht. Sie sprach anders als die Kölner und sie hatte einige sehr eigenartige Angewohnheiten. Über die tuschelten die Leute hin und wieder. Aber Mirte nahm einfach an, dass das in ihrer Heimat als ganz selbstverständlich angesehen wurde.

Nur das mit dem Brand am Fischmarkt, das war seltsam.

Die Vorstellung grausig.

Es gab immer mal wieder Brände in der Stadt. Die wenigsten Häuser hatte man aus Stein gebaut, die meisten waren Fachwerkhäuser, mit Holzschindeln gedeckt, Stroh oder Binsen lagen auf dem Boden. Überall gab es Kamine, Holzstapel, Backöfen. Wenn irgendwo eine Fackel an die falsche Stelle fiel, glosende Asche verschüttet wurde, eine Kerze umfiel, dann brannte schnell ein ganzes Haus, und häufig breitete sich das Feuer auch in der Nachbarschaft aus.

Mirte drehte das Ende ihres braunen Zopfes zwischen den Fingern.

Was, wenn Frau Alena recht hatte? Wenn ein Blitz einschlug? Gar in einen Kirchturm? Der hohe Turm von Groß Sankt Martin stand direkt hinter dem Fischmarkt. Wenn der Feuer fing und zusammenbrach – dann würden glühende Balken auf die Straße stürzen. Dann würden die Dächer brennen, dann würde … Heilige Jungfrau Maria, es würde die Hölle werden.

Alle Müdigkeit war plötzlich verflogen. Ihr kleines, windschiefes Häuschen stand im Schatten der Klosterkirche. Sie würde es gewiss treffen.

Ob Frau Alena nun in die Zukunft sehen konnte oder nur eine allgemeine Warnung ausgesprochen hatte – Mirte packte die Angst.

Und darum packte sie zwei Bündel mit den wichtigsten Habseligkeiten ihrer beiden kleinen Geschwister. Die lagen schon zusammengekuschelt auf ihrem Strohlager und murrten, als sie sie weckte, aber unnachgiebig scheuchte Mirte sie auf und zerrte sie durch die dunkler werdenden Gassen zum Haus ihrer Schwester am Filzgraben. Die maulte zwar, dass sie die beiden Kleinen zu sich nehmen sollte, aber da sie ihren Vater kannte, nahm sie die Kinder nach Mirtes Hinweis darauf, dass er sie immer besonders bösartig schlug, wenn ein Gewitter nahte und er viel getrunken hatte, dann doch zu sich. Die gerötete Wange von Mirte sprach ihre eigene Sprache. Ja, sie bot ihr sogar an, bei ihr zu bleiben. Mirte aber hatte andere Pläne.

Inzwischen hatten sich am Horizont die schwarzen Wolken aufgetürmt und in der Ferne hörte man schon das leise Donnergrollen. Noch aber war der Himmel über ihr klar, doch eine kupferfarbene Scheibe schien den Mond zu verdunkeln. Es war eine unheimliche Nacht, das mochte stimmen. Und nun fauchte auch ein erster Windstoß um die Ecken und wirbelte allerlei Unrat auf. Ein Hund winselte verschreckt, jemand schlug die Fensterläden zu. Die Gassen waren wie leer gefegt, doch als sie sich wieder dem Fischmarkt näherte, sah sie, dass einige Männer der Stadtwache hier Position bezogen hatten.

Ob der Ratsherr sie geschickt hatte?

Ob er Frau Alenas Warnung Glauben geschenkt hatte?

Der Donner kam näher, Blitze zuckten über den Himmel. Mirte hatte einen gesunden Respekt vor dem Unwetter und hätte sich zu gerne in ihr Häuschen verzogen. Aber dazu war noch immer Zeit. Oder es war ohnehin besser, wenn sie draußen blieb und ein Auge auf das Geschehen hatte.

Sie hatten eben die Lintgasse neben dem Kloster von Groß Sankt Martin erreicht, als sie den Ratsherrn van Kerpen erkannte, der mit wehender Heuke zur Klosterpforte eilte.

Wieder krachte der Donner und eine heftige Böe zerrte an ihrem Kittel. Sie drückte sich an eine Hauswand, starrte in das Dunkel. Ein Tier huschte über ihre Füße, quiekte leise. Vermutlich eine Ratte.

Jetzt erhellten auch die Blitze die Gasse und hoch ragte der Vierungsturm von Groß Sankt Martin vor ihr auf. Mirte beschloss, dass es nicht verkehrt sein würde, den Nothelfern ein inniges Gebet um Schutz zu senden. Und noch während sie ihre Bitte murmelte, passierte es. Ein weißblauer Blitz fuhr hernieder, ein überirdischer Glanz umhüllte den mächtigen Turm vor ihr. Der Donner erfolgte im selben Augenblick und ließ die Erde unter ihren Füßen erbeben.

»Maria hilf!«, quietschte Mirte und hielt sich die Ohren zu.

Und als sie wieder aufsah, loderten Flammen aus dem Turmgebälk.

Frau Alena hatte recht gehabt!

Die Wachen bewegten sich aus ihrer Erstarrung, stießen in ihre Hörner und brüllten: »Feuer! Feuer! Rette sich, wer kann!«

Aus den Häusern kamen die Bewohner auf die Gasse, starrten zum brennenden Turm und flohen Richtung Rhein.

Mirte aber wählte die entgegengesetzte Richtung. Sie rannte zur alten Burgmauer, um Frau Alena zu berichten, was geschehen war.

Außer Atem pochte sie an der Tür des Hauses, und kaum hatte sie die Hand gesenkt, als Frau Alena auch schon öffnete. Sie war trotz der späten Stunde noch vollständig angezogen und hatte einen Beutel neben sich stehen.

»Gut, dass du kommst, Mirte«, sagte sie statt einer Begrüßung.

»Turm … brennt!«, keuchte Mirte.

»Dann wollen wir schauen, ob wir helfen können. Deine Familie?«

»Kinder bei der Schwester, Vater in der Taverne.«

»Gut.«

Frau Alena, das merkte Mirte, wäre lieber schneller gegangen, aber sie zügelte ihre Schritte, damit sie selbst wieder etwas zu Atem kommen konnte. Aber Mirte war nicht umsonst Päckelchesträgerin, lange Märsche machten ihr wenig aus, und bald hetzten sie beide dem Kloster Groß Sankt Martin und seiner brennenden Kirche entgegen.

Hier wimmelte es von Menschen, manche füllten auf Befehl der Wachen Eimer an den Brunnen, andere zerrten Hab und Gut aus bedrohten Unterkünften, einige gafften, andere beteten, und vermutlich waren auch schon die Diebe bei der Arbeit.

»Was habt Ihr in der Tasche, Frau Alena?«, keuchte Mirte.

»Salben und Binden. Es wird Verletzte geben.«

»Ihr habt es gewusst!«

»Psst, Mirte.«

Das kam so dringlich, dass Mirte prompt den Mund hielt.

Das Gewitter war weitergezogen und jetzt fiel der Regen in Strömen. Der Wind trieb die nassen Schwaden durch die staubigen Straßen und verwandelte den Boden in eine glitschige Rutschbahn. Frau Alena half gerade einer gestürzten Frau auf, als Mirte das Krachen und Bersten hörte.

»Weg hier!«, schrie sie, und Frau Alena reagierte sofort. Sie zerrte die Frau mit sich und duckte sich unter ein Tor in der Klostermauer. Mit einem entsetzlichen Getöse stürzte der große Vierungsturm ein. Glühende Ziegel, Holz und Schindeln flogen durch die Luft und entzündeten die Dächer der umstehenden Häuser. Schlimmer aber war es, was sich direkt vor ihren Augen abspielte. Der Ratsherr van Kerpen stolperte aus dem Tor, ein Balken brach von oben nieder und begrub ihn unter sich.

Mirte sah sich um – alles floh, alles schrie, alles rang die Hände. Aber niemand half.

Auch der junge Mann neben dem Ratsherrn stand wie gelähmt da.

»Mirte, wickele das um deine Hände«, befahl Frau Alena, zog ihr Gebende vom Kopf und zerriss es in zwei Teile. Sie selbst hatte lederne Handschuhe übergezogen. Es war schwere Arbeit und es musste schnell gehen. Schon roch es nach versengtem Stoff. Ächzend gelang es ihnen unter Aufbietung aller Kräfte, den glosenden Balken anzuheben.

»Junge, zieh den Mann darunter raus, wenn du sonst schon nicht mitanpacken kannst«, fauchte Mirte den Tropf an, der sie noch immer mit offenem Mund anstarrte.

»Ich … ja …«

»Mach schon, Junge!«, schrie auch Frau Alena ihn an. Der Balken war schwer und heiß und lange würde Mirte ihn nicht mehr halten können. Schon spürte sie die brennende Hitze durch die Tücher bis zu ihren Händen dringen. Immerhin bewegte sich der Trottel jetzt und zog den Mann an den Schultern fort. Erleichtert ließen sie den Balken fallen.

Frau Alena eilte sofort zu dem Ratsherrn hin und kniete neben ihm nieder. Mirte schaute jedoch prüfend nach oben, ob noch weitere Gefahr durch herabstürzende Trümmer bestand. Doch der Turm war in sich zusammengebrochen, vermutlich wütete das Feuer im Inneren der Kirche weiter. Die Mönche würden sich darum kümmern müssen.

Ungefährlich war es hier vor den Klostermauern zwar auch nicht, denn inzwischen stand fast das ganze Viertel in Flammen. Der Regen aber klatschte mit dicken Tropfen hernieder und half, die Feuer einzudämmen. Männer hatten Eimerketten gebildet und gossen auf Geheiß der Wachen Wasser in die Brände. Doch bei vielen der Häuser würde das wenig helfen. Mirte zuckte die Schultern. Sie und ihre Geschwister waren zumindest in Sicherheit. Dann sah sie zu dem Ratsherrn nieder.

»Lebt er noch?«, fragte sie Frau Alena und beugte sich ebenfalls über den Mann. Er war ein stattlicher Herr, groß und mit breiten Schultern. Seine Kopfbedeckung hatte er verloren und in dem Feuerschein schimmerten einige silbrige Fäden in seinen dunklen Haaren. Aber auch eine Blutschliere zog sich über seine Stirn.

»Dieser dicke Umhang scheint das Schlimmste verhindert zu haben«, murmelte Frau Alena und fasste vorsichtig unter die weite, gefältelte Heuke.

»Lasst eure gierigen Finger von meinem Vater«, giftete der junge Mann los und versuchte, Frau Alena an den Schultern wegzuzerren.

»Dötschkopp. Sie will ihm doch nur helfen«, beschied ihm Mirte kurz. Aber er ließ nicht los und so stieß sie ihn kräftig in die Seite.

»Leichenfledderer, Diebsgesindel!«, blökte er los.

»Aapefott! Kroppkääl! Plackfisel!«, schrie Mirte zurück.

»Mirte, der Junge steht unter Schock!«

Frau Alenas ruhige Stimme, in der so etwas wie ein kleines Lachen mitschwang, ließ Mirte verstummen. Verwirrt schaute sie den Jüngling an und fragte sich wieder einmal, was die Worte bedeuteten. Er stand unter freiem Himmel, was meinte Frau Alena mit Schock? Schock, das war eine Anzahl – fünf Dutzend, zum Beispiel Eier kaufte man im Schock.

»Er ist erschüttert«, erklärte Frau Alena schnell, als sie ihre fragende Miene gewahrte. »Und wahrscheinlich hat er Angst um seinen Vater. Aber der wohledle Ratsherr hat sich vermutlich nur ein paar Rippen angeknackst. Wir brauchen Hilfe, um ihn an einen ruhigen Ort zu bringen.«

»Der Schruutekopp sieht aus, als wäre er kräftig genug, den wohledlen Ratsherrn zu tragen«, grollte Mirte und sah den Jungen auffordernd an, der mit hängenden Schultern auf den Verletzten blickte.

»Ja, das sollte er wohl können. Junge, du bist der Laurens van Kerpen, nicht wahr?«

»Ja«, kam es verstockt als Antwort.

»Geh ins Kloster und bitte dort um eine Planke, auf die wir deinen Vater legen können.«

»Ich lass ihn nicht alleine!«

»Träntelbotz!«, schäumte Mirte. »Soll er hier im Schlamm liegen bleiben und sich den Tod holen?«

Hin- und hergerissen von Verantwortung für seinen Vater und Misstrauen den beiden Frauen gegenüber trat Laurens von einem Bein auf das andere.

»Nun geh schon, Laurens. Ich bin Alena, die Buchbinderin. Dein Vater kennt mich. Und das ist Mirte, die Päckelchesträgerin. Sie bringt ihm hin und wieder meine Botschaften. Wir passen schon auf den Ratsherrn auf. Aber Mirte hat recht, er muss aus dem Nassen hier heraus, sonst wird er ernsthaft krank.«

Endlich, nach einem weiteren, langen und misstrauischen Blick, setzte Laurens sich in Bewegung. Als er zurückkam, begleitete ihn Bruder Lodewig, und zusammen mit dem jungen Mönch schafften sie es, den Verletzten nach Hause zu tragen.

Mit einigem Erstaunen beobachtete Mirte, wie Frau Alena der Haushälterin sehr genaue Anweisungen gab, wie der Herr zu behandeln war, danach drehte sie sich zu ihr um und meinte: »Komm, Mirte, du bleibst heute Nacht bei mir.«

»Ja, danke.«

Und dann übermannte Mirte eine derartige Erschöpfung, dass sie kaum mehr mitbekam, wie sie zu Frau Alenas Haus gelangte.

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Aus dem Tagebuch
von Frau Dr. Alena Buchbinder

21. August 1378

Ich habe es gewagt, ich habe in das Geschehen eingegriffen, obwohl mir die Konsequenzen klar waren. Ich habe den Lauf der Geschichte verändert, ein winzig kleines bisschen. Aber letztlich habe ich allein durch meine Existenz hier und heute schon das Geschehen verändert. Seit zweiundzwanzig Monaten verändere ich es schon.

Wenn ich bedenke, mit welch hehren Zielen ich diesen Schritt gewagt habe, damals vor knapp zwei Jahren. Der Wissenschaft wollte ich dienen. Einen Monat, nur einen kurzen Monat lang wollte ich bleiben, so wenig Kontakt wie möglich mit den Menschen haben. Ich wollte sie beobachten, studieren, analysieren – eine Epoche unter dem Mikroskop betrachten, sezieren, Aufzeichnungen machen und wieder verschwinden.

Nur nicht eingreifen, nur nicht mitfühlen und mich um Himmels willen nicht in Gefahr bringen.

Und doch konnte ich es diesmal nicht über mich bringen, die Menschen am Fischmarkt – nein, sei ehrlich zu dir, Alena –, dieses eifrige junge Mädchen in den Tod in den Flammen zu schicken.

Mirte hat es geschafft und nun schlummert sie oben in dem kleinen Kämmerchen. Den Ratsherrn Adrian van Kerpen hat mein Eingreifen fast das Leben gekostet. Obwohl ich gerade ihn gewarnt habe. Was für eine Ironie.

Ich hoffe nur, dass diese Tat keinen weiteren Schaden nach sich zieht. Die Menschen sind so unsagbar naiv in ihrem Glauben, dass ich mir ständig auf die Zunge beißen muss, wenn ich ihre Argumente höre. Aber man kann es ihnen nicht vorwerfen. Bildung ist rar, die Fantasie aber blüht, und Gerüchte verbreiten sich von Mund zu Mund auf den Märkten und Gassen fast genauso schnell wie über SMS in meiner Zeit.

Adrian van Kerpen hat umsichtig gehandelt. Er wird auch schweigen, selbst wenn ihm meine Warnung eigenartig vorkommen musste. Er ist ein gebildeter Mann, einer, der gereist ist und von dieser Welt mehr gesehen hat als andere. Gleich am ersten Tag ist er mir freundlich und hilfsbereit entgegengekommen. Er ist der Einzige, bei dem ich mir wünsche, ich könnte mich ihm anvertrauen.

Aber das würde sein Verständnis vermutlich doch arg strapazieren.

So bleibt mir zu hoffen, dass mein Name im Zusammenhang mit diesem Blitzeinschlag in den Kirchturm nie genannt wird. Denn was Wahrsagerinnen in diesem Jahrhundert blüht, das habe ich zur Genüge in den alten Schriften studieren dürfen.

Wahrsagen gilt als Zauberei, Zauberei ist Teufelswerk. Darauf steht hier und jetzt der Tod durch das Feuer. Und ein paar unangenehme Folterungen vorweg.

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Strafpredigt

21. August 1378,
vormittags

Laurens fühlte sich wie eine Küchenschabe.

Eine vom Blitz getroffene, von Stiefeln zermalmte, in den schleimigen Untergrund getretene Küchenschabe.

Der Blitzeinschlag in den Vierungsturm von Groß Sankt Martin, nur wenige Augenblicke, nachdem er und Bruder Lodewig ihn verlassen hatten, war das Erste, was ihm zu schaffen machte. War sein Ungehorsam gegenüber dem Vater eine derartige Freveltat, dass der Herr ihn mit dem Blitz niederstrecken wollte?

Vater und Mutter musste man ehren.

Er hatte gegen ein Gebot verstoßen. Ohne Zweifel eine Freveltat.

Und nicht die erste. Vermutlich hatte der gestrige Ungehorsam das Fass zum Überlaufen gebracht.

Und dann hatte er den Vater auch noch in Gefahr gebracht. Der Ratsherr war nämlich – und das hatte ihm die Haushälterin in einer langen, gnadenlosen Predigt vollkommen klargemacht – abends noch einmal in sein, Laurens’ Zimmer gekommen, um ihm eine Gute Nacht zu wünschen, und hatte festgestellt, dass sein Sohn ausgeflogen war. Natürlich hatte er sofort gewusst, wo er ihn suchen musste, und war umgehend zum Kloster geeilt, um ihn vor dem Unglück zu bewahren.

Und dort hatte es ihn selbst getroffen.

In Form eines brennenden Balkens.

Entsetzlich. Und er, Laurens, hatte sich dabei auch noch wie der allerletzte Simpel benommen. Einfach weil er so entsetzt von dem höllenartigen Geschehen rund um ihn herum war. Nur darum war er nicht in der Lage gewesen, seinem Vater zu helfen. Das mussten auch noch zwei Weibsleute tun, die seinem Vater zu allem Überfluss auch noch bekannt waren.

Es war alles nur noch schrecklich.

Und jetzt wartete das Jüngste Gericht auf ihn!

Sein Vater hatte ihn nach dem Sextläuten zu sich befohlen.

Das Essen, das ihm die Haushälterin auf den Tisch geknallt hatte, konnte er nicht herunterbringen, so verknotet war sein Magen. Scham, Schande, Schuld – alles das machte ihn klein und nichtswürdig.

Mit schleppenden Schritten begab er sich auf den Weg zu dem Wohnraum, der Stube im Obergeschoss, in dem sein Vater auf ihn wartete.