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Carolin Philipps

SECOND FACE

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eISBN 978-3-7090-0080-9
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –
nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
oder Familien sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Umschlagillustration und Umschlaggestaltung von Nurten Zeren, zerendesign.com
Copyright © 2011 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien

Ueberreuter im Internet:

1

»Marie! Hey, Marie!«

Die Stimme ihrer Freundin Valerie dringt nur ganz leise durch den Geräuschbrei aus dröhnenden Bässen und lauten Stimmen. »Sei froh, dass du ihn los bist!«

Erst jetzt dreht Marie den Kopf zur Freundin, die ihr lachend das Colaglas entgegenstreckt. »Cheers! Auf Marie, die sich nicht länger verarschen lässt! Na los, komm schon!«

Gehorsam nimmt Marie ihr Glas hoch. Aber ihr Kopf dreht sich automatisch zurück zu den eng umschlungenen Paaren auf der Tanzfläche.

Dort wäre heute ihr Platz gewesen.

Dort – in seinem Arm.

Kai und Marie – das neue Traumpaar der Schule.

Ein wunderschöner Traum, der an diesem Morgen wie eine Seifenblase zerplatzt ist.

Nun steht sie hier, und eine andere liegt in seinem Arm, schmiegt sich an ihn und schaut so verliebt zu ihm auf, dass es beim Zusehen wehtut.

Dass es ausgerechnet ihre Zwillingsschwester Anne ist, die den Platz einnimmt, der eigentlich ihr zusteht, empfindet sie als doppelten Verrat.

Hat Kai sie wirklich nur ausgenutzt, wie ihre Freundin behauptet?

Marie beißt sich auf die Lippen. Sie spürt die neugierigen Blicke der anderen wie Nadelstiche. Zu offen hat sie in den letzten Wochen gezeigt, wie viel es ihr bedeutet hat, dass Kai, der jedes Mädchen der Mittelstufe zur Freundin haben könnte, ausgerechnet sie ausgewählt hat. Oder hat sie es sich wirklich nur eingebildet, dass er mehr wollte als ein paar Nachhilfestunden in Englisch?

»Er hat dich doch nur benutzt, um an deine Schwester heranzukommen. Vergiss den Typen!«

Marie schüttelt den Kopf. Valerie irrt sich, sie muss sich irren. Aus irgendeinem Grund kann sie Kai nicht ausstehen. Kai hat sich in ihre Schwester Anne verliebt, das ist kaum zu ertragen, aber er hat das bestimmt nicht vorgehabt, als er sie, Marie, vor zwei Wochen auf dem Schulhof ansprach.

Marie gilt in der Schule als Sprachgenie, hat schon mehrere Wettbewerbe gewonnen. Kai geht in die Nachbarklasse und ist nach eigener Aussage das Gegenteil von einem Sprachtalent. Er hat gesagt, er fürchte um seine Versetzung und brauchte für die Klassenarbeit am nächsten Tag Hilfe. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, sagte Marie zu.

Noch am selben Tag kam Kai zur ersten Nachhilfestunde zu ihr nach Hause. Mit großer Sorgfalt hatte Marie alles vorbereitet, nicht nur den Unterricht, sondern auch sich selber. Sie war froh, dass an jenem Tag der Rest ihrer Familie nicht zu Hause war und niemand spöttische Bemerkungen machen konnte, warum sie für ihren Nachhilfeschüler sogar Lippenstift auflegte. Vor allem die spitze Zunge ihrer Schwester, die von allen gefürchtet wurde, hätte sie gar nicht gebrauchen können.

Kai war ein gelehriger, wenn auch nicht sehr aufmerksamer Schüler. Er schaute immer zur Tür, als ob er jemanden erwartete.

Erstaunlicherweise schien er doch so viel dazugelernt zu haben, dass er am nächsten Tag eine Drei in der Englischarbeit zustande brachte. Zum Dank lud er am Nachmittag Marie ins Kino ein und ihre Zwillingsschwester Anne, die in diesem Moment ins Zimmer kam, gleich mit.

Marie war enttäuscht. Warum musste Anne ausgerechnet jetzt hereinkommen?

Aus dem Kinobesuch zu dritt wurde dann auch nicht das, was Marie sich erhofft hatte. Im Gegenteil: Kai flirtete so offen und richtig unverschämt mit Anne, dass Marie, die doch der Anlass für diesen Kinobesuch war, sich völlig überflüssig vorkam.

Für Marie war danach das Thema Nachhilfeunterricht erledigt, aber als Kai am nächsten Nachmittag wieder vor der Tür stand und sich offenbar keiner Schuld bewusst war, traute sie sich nicht, ihn wegzuschicken. Kai blieb zum Abendessen, persönlich eingeladen von Maries Mutter, die ihn ausgesprochen nett und höflich fand. Auch der Vater hatte nichts dagegen, diesen »freundlichen jungen Mann«, wie er sich ausdrückte, öfter in seinem Haus begrüßen zu können. An diesem Abend war auch von einem weiteren Flirt mit Anne keine Rede und Marie machte sich neue Hoffnungen.

Aber spätestens nach dem Gespräch mit Paula, einer von Kais Klassenkameradinnen, hätte sie es besser wissen müssen.

»Warum lässt du dich eigentlich von dem verarschen?«, hatte Paula gefragt. »Englischnachhilfe? Die braucht der doch gar nicht! Der steht auch ohne deine Hilfe glatt auf Drei.«

Heute kann Marie nicht mehr verstehen, warum sie Paula nicht geglaubt hat. Damals hat sie gedacht, sie sei nur neidisch.

Wann Anne sich das erste Mal heimlich mit Kai getroffen hat, weiß Marie nicht. Anne hat es ihr verschwiegen, denn sie wusste genau, was Marie sich erhoffte. Erst heute Morgen hat Anne ihr ein wenig verlegen eröffnet, dass sie mit Kai auf das Schulfest gehen würde.

»Es macht dir doch nichts aus?«, hat Anne ein wenig besorgt gefragt. »Kai sagt, ihr seid nur gute Freunde. Er wollte von dir nicht mehr als Nachhilfe.«

Nicht mehr als Nachhilfe … So einfach war das für Kai. Und warum Anne und nicht sie? Auch wenn sie zweieiige Zwillinge sind, sehen sie einander doch zum Verwechseln ähnlich. Die gleichen langen blonden Haare, braunen Augen und die gleiche Figur. Am Äußeren kann es also nicht liegen. Aber Anne hat mehr Temperament, steht nach kurzer Zeit immer im Mittelpunkt. Sie ist lustig, witzig und wickelt alle um den Finger. Aber sie kann auch sehr launisch sein und ist wegen ihrer spitzen Zunge gefürchtet. Die Menschen lieben Anne oder sie hassen sie. Und Kai gehört offenbar zu den ersteren.

Auf der Tanzfläche drehen sich Kai und Anne immer noch eng umschlungen. Als Kai sich dann zu Anne herunterbeugt, um sie zu küssen, hält Marie es nicht mehr aus. Sie springt auf. Valerie, die sie die ganze Zeit beobachtet hat, hält sie am Arm fest.

»Mach jetzt keinen Fehler! Darauf warten alle nur!«

»Ist mir doch egal!«

»Jetzt vielleicht! Aber spätestens morgen früh wirst du das bedauern. Die werden dich gnadenlos auslachen!«

»Ich muss raus hier! Ich kann das nicht …«

»Ich komm mit! Aber ganz cool bleiben! Rede mit mir und lächele dabei!«

Marie fühlt im Nacken die vielen Augen, die ihnen folgen. Besonders schlimm wird es, als sie an dem Tisch vorbeikommen, an dem Kais Freunde sitzen.

»Wollt ihr schon gehen?«, fragt Per mit einem frechen Grinsen im Gesicht. »Keine Lust auf Tanzen? Wir könnten unserem romantischen Liebespärchen Gesellschaft leisten.«

»Sind sie nicht ein schönes Paar?«

Ehe Marie etwas sagen kann, wird sie von Valerie weitergezogen. »Nicht stehen bleiben! Die warten doch nur darauf, dass du in Tränen ausbrichst.«

Der Weg bis zur Tür ist endlos. Endlich sind sie draußen, gehen vorbei an den Jugendlichen, die vor der Halle herumstehen.

Während Marie mit den Tränen kämpft, legt Valerie ihren Arm um sie: »Sei froh, dass du ihn los bist. Oder wolltest du die Nächste sein, die er flachlegt?«

Marie schüttelt ihre Freundin wütend ab. »Ach, lass mich doch in Ruhe! Ich bin sauer auf Kai und auf Anne, aber so einer ist der nicht. Er ist eben in Anne verliebt und nicht in mich. So was passiert!«

Valerie lacht verächtlich. »Verliebt? Der? Kai sammelt Mädchen wie andere Briefmarken. Er und seine Kumpels schließen Wetten ab, wer wie schnell welches Mädchen rumkriegt.«

»Das glaube ich nicht! Woher willst du das wissen?«

»Frag mal Paula. Die ist eine davon, hat auch an die erste große Liebe geglaubt und dann, als er hatte, was er wollte, hat er sie eiskalt abserviert und ein Häkchen hinter ihren Namen gemacht … Statt zu heulen, solltest du dich freuen.«

Aber danach ist Marie so gar nicht zumute. Es tut einfach nur weh, vor allem, weil Kai nach wie vor bei ihnen zu Hause ein und aus geht. Anne und er verbringen jede freie Minute miteinander. Marie kann es kaum ertragen, sie zusammen zu sehen. Kaum steht Kai vor der Tür, verzieht sie sich in ihr Zimmer.

Anders als Anne ist Marie schon immer gerne aus ihrem Leben ausgestiegen und in andere Rollen geschlüpft. Früher haben die Eltern gedacht, sie würde mal Schauspielerin werden, aber die große Bühne ist nicht Maries Welt. Über ihren Bildschirm in fantastische Welten eintauchen und mit einem Klick jedes noch so böse Monster vernichten, das ist die Welt, in der Marie sich sicher fühlt und in die sie immer öfter auswandert, wenn ihr das wirkliche Leben über den Kopf steigt.

»Mensch, Marie, du musst Anne warnen. Du kannst doch nicht zusehen, wie sie in ihr Unglück rennt.« Während Marie die Kai-Anne-Geschichte am liebsten ganz ausblenden würde, lässt Valerie keine Ruhe. »Sie ist doch deine Schwester, Marie! Du musst was tun!«

Nur damit Valerie endlich Ruhe gibt, verspricht Marie, mit Anne zu reden.

Anne und Kai gelten jetzt in der Schule offiziell als Paar, und wenn sie die beiden beobachtet, kann sie nicht glauben, dass Kai es nicht ehrlich meint. Auch wenn es wehtut, das zuzugeben, Kai scheint wirklich verliebt in Anne zu sein.

»Du bist ja doch eifersüchtig!«, ruft Anne, kaum dass Marie angefangen hat. »Lass die anderen doch reden. Das zwischen Kai und mir ist was ganz Besonderes!«

»So besonders, dass du mit ihm …?«

»In die Kiste? … Ich weiß nicht … Vielleicht …«

»Tu’s nicht, Anne. Du kennst ihn doch gar nicht! Paula sagt …«

»Paula ist nur eifersüchtig, so wie du.«

Valerie und Paula sind entsetzt, als Marie ihnen von dem Gespräch erzählt: »Die wird die Nächste auf Kais Liste sein, glaub mir!«, sagt Paula. »Ich hab auch gedacht, es ist die große Liebe. Zwei Wochen später hatte er die Nächste im Arm.«

»Aber er ist immer so nett und …«

»Der Typ hat zwei Gesichter. Das eine ist höflich und nett. Meine Mutter war schwer begeistert von ihm. Und dann sein zweites Gesicht. Das kommt, wenn du alles getan hast, damit er bei dir bleibt. Das Gesicht ist zum Fürchten kalt, eiskalt.«

Marie wird ganz schlecht bei dem Gedanken, dass ihrer Schwester das Gleiche passieren könnte. Als sie Kai das nächste Mal begegnet, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen. Sie hat sich vorher genau zurechtgelegt, was sie sagen will. Aber dann bricht es einfach nur aus ihr heraus: »Wenn du meiner Schwester was tust, dann …«

Kai unterbricht sie lachend: »Was dann, du kleines Sprachgenie? Willst du mich mit deinem Englischbuch erschlagen? Keine Sorge. Ich tue nichts, was sie nicht auch will.«

2

Während Marie sich von Tag zu Tag mehr um ihre Schwester sorgt, deren Leben sich nur noch um ihren Kai dreht, haben die Eltern ihre eigenen Pläne für die Familie. An einem Freitagabend ein paar Wochen vor den Sommerferien erscheint der Vater strahlend vor Freude im Esszimmer, um seiner Familie, die friedlich am Abendbrottisch sitzt, zu verkünden: »Der Bauernhof auf Ummanz steht zum Verkauf! Und wir sind ganz oben auf der Liste der Interessenten!«

Während die Mutter ihm mit einem entzückten Schrei um den Hals fällt und die Eltern dann einen wilden Freudentanz durchs Wohnzimmer aufführen, sehen sich die Zwillinge nur verwirrt an. Haben sie irgendetwas verpasst?

Endlich setzen sich die Eltern wieder an den Tisch.

»So ein Glück aber auch!«, sagt die Mutter. »Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt!«

»Wir fahren am Wochenende alle zusammen hin und schauen uns an, was renoviert werden muss, damit wir wissen, wie viel Geld wir zusätzlich hineinstecken müssen. Und dann könnten wir im Juli umziehen.« Der Vater sieht die Zwillinge erwartungsvoll an, während die Mutter eine Sektflasche entkorkt.

Aber Anne und Marie sind alles andere als begeistert. Sie haben immer noch keine Ahnung, wovon die Eltern eigentlich sprechen.

»Einziehen? Wo denn? Was für ein Bauernhaus?« Während Marie wie immer in solchen Fällen erst mal das Chaos in ihrem Kopf sortiert, bevor sie den Mund aufmacht, ertränkt Anne ihre Eltern in Fragen.

»Ja habt ihr das denn vergessen?«, fragt der Vater etwas verwirrt.« Wir waren doch vor einem halben Jahr dort, auf Rügen. Erinnert ihr euch nicht: Ummanz, die kleine Insel im Westen, die mit Rügen durch die Holzbrücke verbunden ist? Dieser alte Reiterhof, der verkauft werden sollte.«

»Ihr wart doch auch so begeistert«, ergänzt die Mutter. »Anne hat selber gesagt, dass es ein Traum wäre. Wir auf dem Hof, jeder hat sein eigenes Pferd. Daran müsst ihr euch doch erinnern.«

Sie erinnern sich tatsächlich.

»Aber das war doch ein Spiel!«, sagt Anne und blickt ihre Schwester fragend an.

»Es war doch nur ein Spiel«, sagt auch Marie.

Wenn sie in den Ferien durch die Straßen im Urlaubsort spazieren, stellen sie sich immer vor, wie es wäre, dauerhaft da zu wohnen, wo die Sonne scheint und der Strand direkt hinter dem Gartenzaun beginnt. Manchmal haben sie sogar ein zum Verkauf stehendes Haus besichtigt und sich gemeinsam überlegt, wie sie die Zimmer einrichten könnten, wenn das Haus ihnen gehören würde.

Anne und Marie wollten immer ein eigenes Pferd im eigenen Stall haben. Irgendwann und irgendwo. Das war ihr großer Traum, seit sie vor sechs Jahren das erste Mal auf einem Pferderücken gesessen haben. Aber inzwischen ist die Zeit über diesen Traum hinweggegangen. Anne geht lieber zum Tanzen oder zum Shoppen in die Innenstadt als in den Pferdestall, und auch Marie kann sich inzwischen Schöneres vorstellen, als ihre Freizeit nur mit dem Striegeln von Pferderücken zu verbringen.

Sie kennen die Insel Rügen aus vielen Familienurlauben, haben so manche Woche alleine auf einem der vielen Reiterhöfe verbracht und natürlich auch dort das Spiel gespielt: Was wäre, wenn wir hier leben würden? Aber nie haben Anne und Marie damit gerechnet, dass ihre Eltern eines Tages tatsächlich so ein Gedankenspiel-Haus kaufen würden. Und nun ausgerechnet auf dieser Insel.

»Ohne mich! Ummanz? Geht gar nicht! Vergesst es! Fahrt doch alleine hin!« Annes Stimme überschlägt sich vor Empörung.

Hilfe suchend sieht sie zu Marie. Aber der hat der Schreck erst mal die Sprache verschlagen.

»Ich bleibe hier! Ich komme auf keinen Fall mit!« Anne springt so heftig auf, dass sie die Tischdecke und alles, was auf dem Tisch steht, mit sich reißt. Teller, Becher, Butter, Brot, die Salatschüssel samt Inhalt fliegen auf den Boden und von da in alle Richtungen.

Für einen Moment steht Anne erschrocken da, dann dreht sie sich um und rennt hinaus. Ihre Schritte verhallen auf der Treppe nach oben. Dann wird eine Tür so heftig zugeschlagen, dass im Wohnzimmerschrank die Gläser klirren.

Totenstille im Zimmer. Niemand kümmert sich um die Salatsoße, die einen immer größer werdenden See auf dem Parkettboden bildet, und um die Salami, die gerade unter dem Esszimmerschrank verschwindet.

»Was war das denn?«

»Was hat sie nur?«

Die Eltern schauen weniger wütend als erschrocken auf Marie, die meistens erklären kann, warum ihre Zwillingsschwester irgendetwas tut, was sonst keiner versteht. Aber heute will Marie nicht vermitteln. Heute ist Marie genauso sauer auf ihre Eltern wie die Schwester, auch wenn sie es nicht so deutlich zeigt.

»Marie, rede noch mal mit Anne! Ich dachte, ihr würdet euch freuen! Es sollte eine Überraschung sein!«, sagt der Vater, dem man die Enttäuschung über die Reaktion seiner Töchter deutlich ansieht.

Na, die Überraschung ist ihnen gelungen, denkt Marie. Von Hamburg auf diese Insel! Sie hätten wissen müssen, dass die Zwillinge nie freiwillig dorthin ziehen würden.

Nachdem Marie ihrer Mutter geholfen hat, die Scherben aufzufegen, den Saft aufzuwischen und den Aufschnitt einzusammeln, macht sie sich auf die Suche nach Anne.

Die Tür zu ihrem Zimmer steht offen, Anne sitzt am Computer und hämmert wütend auf die Tasten. Bilder von grünen Wiesen und Wäldern erscheinen auf dem Bildschirm.

»Weißt du, wie viele Einwohner dieses Ummanz hat?«

»Fünftausend?«

Anne lacht verächtlich. »Fünftausend! Davon können die nur träumen. Sechshundertdreiundvierzig! Die ganze Insel ist nur zwanzig Quadratkilometer groß. Fünf Dörfer gibt’s und die haben maximal drei bis vier reetgedeckte Bauernhäuser! Steht hier!«

»Und wo kann man shoppen?«, fragt Marie und hockt sich neben sie. »Gibt es da überhaupt ein Kino?«

»Shoppen! Das Wort kennen die da nicht mal! Der größte Ort heißt Waase. Moment! Hier stehts: ›In Waase gibt es einen Dorfladen für Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs und eine Poststelle, ein Fischrestaurant, einen Fahrradverleih, einen Angel-, Ruder- und Tretbootverleih, einen Friseurladen und einen Töpferladen.‹« Sie verdreht die Augen. »Nix mit shoppen. Kein Kino! Aber jede Menge Ferienhäuser für Touristen, die ihre Ruhe suchen. Und hier, lies das mal: ›Auf ausgedehnten Feuchtwiesen finden sich seltene Pflanzenarten, auf der Vogelinsel Heuwiese und im umliegenden Küstenstreifen brüten Seeschwalben, Möwen und Wattvögel; selbst Säbelschnäbler, Brandgänse sowie Fisch- und Seeadler sind anzutreffen. Reh- und Rotwild, Wildschweine, Dachse und andere Tierarten beleben Wälder, Wiesen und Röhrichte; groß ist der Fischreichtum. Insbesondere Rinder, Schafe, Haflingerpferde und Geflügel werden hier gezüchtet. Wo man hinschaut: bäuerliche Idylle.‹ Bäuerliche Idylle!« Annes Stimme überschlägt sich vor Empörung. »Kannst du dir das vorstellen? Ich zwischen Rindern und Schafen?«

Marie betrachtet die Schwester in ihren neuen Markenjeans, den hochhackigen Sandalen und dem weißen T-Shirt mit Goldpailletten. Ihre langen blonden Haare umrahmen ein gebräuntes Gesicht. Schwarzer Nagellack auf den Fingern, pinkfarbener Lidschatten.

Nein, Anne passt so gar nicht auf diese Wald- und Wieseninsel, auf der es weit und breit nur Kraniche und Rehe geben würde, die ihre neuesten Klamotten bewunderten.

Anne schaltet wütend den Computer aus und schnappt sich ihre Jacke.

»Willst du noch weg?«

»Ich treff mich mit Kai. Den wird das umhauen, wenn ich ihm sage, dass ich in die Wildnis ziehen soll. Vielleicht kann ich bei ihm und seiner Familie wohnen, wenn ihr umzieht.«

Marie schaut ihr besorgt nach. Vielleicht ist das mit dem Umzug nach Ummanz doch keine schlechte Idee. Und das so schnell wie möglich.

3

Noch ist nichts entschieden, und Anne lässt in den nächsten Tagen keine Gelegenheit aus, um den Eltern den Pferdehof auszureden. Marie ist immerhin bereit, mit den Eltern eine Besichtigungsfahrt nach Ummanz zu machen, was Anne von vornherein ablehnt.

»Ich will jede Sekunde, die ich noch habe, mit meinen Freunden verbringen«, erklärt sie den Eltern und ist tatsächlich nur noch zu den Mahlzeiten und zum Schlafen zu Hause.

»Mein Gott, du tust, als würdest du ins Gefängnis kommen und müsstest jeden Tag in Freiheit noch genießen«, sagt der Vater genervt.

Aber genauso sieht Anne das auch. Ummanz – das grüne Gefängnis.

»Gibt es da Internet?« Anders als Anne trifft Marie sich mit ihren Freunden meistens über ihren Computer. Facebook, SchülerVZ, Marie ist täglich stundenlang im Netz unterwegs, schickt Fotos, tauscht Hausaufgaben und Probleme aus.

»Na, hör mal! Natürlich werden wir dort Internetverbindung haben. Auch wenn deine Schwester glaubt, Ummanz läge am Ende der Welt«, sagt der Vater. »Wenn wir einen Reiterhof erfolgreich führen wollen, müssen wir erreichbar sein. Heutzutage buchen die Leute übers Internet. Du wirst sehen, es macht keinen Unterschied, ob du in Hamburg oder auf Ummanz sitzt.«

»Trotzdem wollen wir nicht dahin!« Anne sieht die Schwester böse an und zieht sie am Arm aus dem Zimmer. »Sag mal, spinnst du jetzt total oder was? Ich dachte, wir sind uns einig! Ich jedenfalls gehe auf gar keinen Fall auf diese Insel!«

Marie schweigt. Um der Schwester nicht in den Rücken zu fallen, verzichtet sie sogar auf die Besichtigungsfahrt nach Ummanz – zur großen Enttäuschung der Eltern. Kaum ist das Auto um die Ecke gefahren, verabschiedet sich Anne.

»Bin übers Handy zu erreichen. Ich weiß noch nicht, wann ich zurückkomme.« Marie verkneift sich die Frage, wohin sie will. Sie ist froh, dass Valerie Zeit hat und vorbeikommt. Die Freundin ist genauso computerverrückt, und so verbringen beide den Rest des Tages fröhlich kichernd in Maries Zimmer.