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Angelika Schmelzer

 

 

Longieren leicht gemacht

 

Ausrüstung • Methoden • Problemlösungen

 

 

 

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Impressum

 

Copyright © 2007/2010 by

Gestaltung und Satz der Originalausgabe: Ravenstein + Partner, Verden

Titelfoto: Angelika Schmelzer

Fotos: Angelika Schmelzer, Christiane Slawik, Jürgen Stroscher

Lektorat: Anneke Bosse

E-Book:

 

Deutsche Nationalbibliothek — CIP Einheitsaufnahme

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

 

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

 

Printed in Germany

ISBN 978-3-86127-559-6

 

eISBN 978-3-84046-024-1

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Reitweisen und Longiermethoden

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Reitweisen und Longiermethoden

Longieren: Vom fröhlichen Ausbuckeln an Longe und Stallhalfter bis hin zur konzentriert vorgetragenen Hohen Schule an Doppellonge oder langem Zügel umfasst diese Form der Bodenarbeit eine große Vielzahl an ganz unterschiedlichen Methoden und Techniken, bedient sich der verschiedensten Ausrüstungsgegenstände, beinhaltet Lernziele auf variablem Niveau und Ausbildungsinhalte mit individuellen Schwerpunkten. Kaum ein Reiter, der diese Form der Arbeit nicht mehr oder weniger intensiv nutzt, kaum ein Pferd, das nicht irgendwann Bekanntschaft mit der Bewegung an der Longe macht. Reiter und Fahrer aller Couleur nutzen Longiertechniken als Mittel zur weiterführenden Erziehung, Konditionierung, Ausbildung und Korrektur, aber auch als sinnvolle therapeutische Bewegung während der Heilungsphase orthopädischer und anderer Erkrankungen.

Während des Lebens- und Ausbildungsweges jedes Pferdes und seines Reiters können und müssen sich Art und Weise, Inhalte und Ziele der Longenarbeit verändern, neuen Anforderungen und Schwerpunkten anpassen, individuelle Wege beschreiten. Das Team von Pferd und Longenführer arbeitet sich die Ausbildungsskala hoch, in einem für beide akzeptabelen Tempo, in angemessenen Lernschritten und mit realistischen Zielen.

Longenarbeit: Warum?

Longenarbeit: Warum?

Der Schwerpunkt der Longenarbeit liegt zum einen sicherlich im vordergründig sichtbaren Nutzen, in der Gymnastizierung, der Gewöhnung an die gemeinsame Kommandosprache von Reiter und Pferd, der Ausformung aller Gangarten. Dahinter steht aber auch die Klärung der Rangordnung, die Schulung und Förderung von Aufmerksamkeit und Kooperationsbereitschaft des Pferdes. Longenarbeit ist, wie jede Form der Bodenarbeit, in besonderem Maß Training und Erziehung zugleich.

Welcher Reiter träumt nicht von einem reaktionsschnellen, auf minimale Signale fleißig vorwärtsgehenden Pferd, wer möchte nicht mit einem vertrauensvollen Partner gemeinsam durchs Gelände streifen? Über alle Grenzen von Rassen und Reitweisen hinweg verbindet die Gemeinschaft der Reiter der Traum von einem harmonischen Miteinander mit dem Pferd, das auf der Grundlage einer möglichst einfachen und selbstverständlichen Kommunikation bei allem Gehorsam auf dem Prinzip der Freiwilligkeit gründet. Doch die Wirklichkeit sieht oft ganz anders aus: Die Hilfengebung erfolgt grob, missverständlich oder wiederholt, Pferde gebärden sich unwillig und faul oder sind kaum regulierbar. Bestimmte Übungen werden so oft wiederholt, bis ihre Ausführung jegliche Natürlichkeit und Spritzigkeit vermissen lässt. Frustrierte Reiter und ihre oft verzweifelten Pferde bevölkern zuhauf die Kurse und Schulungen selbst ernannter Gurus, da sie sich von den bekannten und etablierten Ausbildungsmethoden keine Hilfe mehr versprechen, obwohl doch schon die einfachsten Praktiken des Longierens in vielen Fällen Abhilfe schaffen könnten.

Sag mir, wie du longierst ....

Sag mir, wie du longierst ....

Die verschiedenen im deutschsprachigen Raum vertretenen Reittraditionen oder -stile unterscheiden sich teilweise ganz erheblich in der Art und Weise voneinander, wie, mit welchen Zielvorstellungen und auf welchem Niveau sie ihre spezifische Form des Longierens in die Ausbildung junger oder die Förderung älterer Pferde einbauen. Leider bestehen nach wie vor zwischen manchen Lagern ganz erhebliche Vorurteile und Missverständnisse, was Art und Weise, Sinn und Zweck der jeweils typischen Form der Longenarbeit angeht, die der Einfachheit halber blindwütig verteidigt werden, anstatt sie konstruktiv zu hinterfragen – und dabei vielleicht ein bisschen vor der eigenen Tür zu kehren. Betrachtet man diese Unterschiede vorurteilslos und ohne Berührungsängste, wird man bei aller Verschiedenheit doch auch viele Gemeinsamkeiten entdecken oder neue Ideen für sich nutzen können. Nicht die Frage nach der einzig richtigen Methode und Ausrüstung, sondern nach der für das individuelle Pferd zur Zeit sinnvollsten Art und Weise des Longierens und einer geeigneten Trainingsskala sollte deswegen im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Individuelle, oft stark strukturierte und von anderen Methoden abgegrenzte Longiertechniken finden sich vor allem bei Reitweisen, die einer eigenen Reitkultur entspringen, weniger bei speziellen Nutzungsformen des Pferdes. So sind die Longiermethoden von Wanderreitern, Distanzreitern oder Freizeitreitern ohne Spezialisierung oft mehr oder weniger hausgemacht – deswegen aber nicht weniger gut und sinnvoll während die Anhänger der konventionellen, klassischen, spanischen oder western geprägten Reiterei oder das große Lager der Gangpferdereiter über eigene Traditionen verfügen und damit überwiegend ähnliche Techniken und Ausrüstungsgegenstände nutzen. Der longierwillige Freizeitreiter hat also die Qual der Wahl, unter der Vielzahl an Möglichkeiten die ihm und seinem treuen Ross gemäße zu wählen, bleibt aber trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Vielfalt aus reiner Unsicherheit oft unkritisch im Althergebrachten stecken.

 

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Klassisch-deutsche Reitweise

Klassisch-deutsche Reitweise

Am bekanntesten und weit verbreitet ist wohl die Longiertechnik der konventionellen, klassisch-deutschen Reitweise, oft fälschlich als „Englischreiten" bezeichnet. Das Pferd wird in allen drei Grundgangarten auf einem gleichmäßig großen Zirkel bewegt und trägt dabei eine Trense, einen Longiergurt und Hilfszügel, meist Ausbinder oder Dreieckszügel. Die Longe ist am inneren Trensenring oder an einer beide Trensenringe verbindenden Longierbrille oder -brücke befestigt oder wird durch den inneren Trensenring über den Nacken geführt und in den äußeren Trensenring eingehakt. Longiert werden Jungpferde ab einem Alter von ungefähr zwei Jahren, um sie auf die Arbeit unter dem Reiter vorzubereiten, außerdem Pferde aller Ausbildungs- und Altersstufen im Rahmen des üblichen Trainings oder wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht unter dem Reiter gearbeitet werden können.

Das Ablongieren wird auch bei heftigen oder verspannten, buckelnden Pferden genutzt, um sie vor dem Aufsitzen zu entspannen. Doppellongen finden sich eher selten in der Hand des Freizeitreiters, lediglich Dressurpferde höherer Ausbildungsstufen sowie Fahrpferde kommen häufiger in den Genuss dieser fortgeschrittenen Longiermethode.

 

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Barocke und spanische Reitweise

Barocke und spanische Reitweise

Die Anhänger der barocken oder spanischen Reitweise, die in den letzten Jahren unter anderem zunehmend Zulauf aus dem Lager frustrierter „Englischreiter" erhielten, nutzen Longe und Kappzaum zur Ausbildung junger Pferde und wechseln später oft zur Doppellongenarbeit, aber auch zur Arbeit am langen Zügel. Elemente der Hohen Schule auf und über der Erde werden meist an der Doppellonge vorbereitet, bevor sie unter dem Reiter trainiert werden.

Dazu kommen, je nach Ausbildungsziel und Geschmack des Reiters, eher zirzensische Übungen wie Kompliment oder Knien, die ebenfalls nicht nur unter dem Reiter, sondern auch an der Doppellonge und am langen Zügel gezeigt werden können. Anders als in der konventionellen Sportreiterei wird die Longenarbeit nicht lediglich als Ergänzung und Erweiterung des täglichen Trainings, sondern als eigene Sparte der Ausbildung angesehen und dementsprechend intensiv und hingebungsvoll betrieben. Als Folge dieser Einstellung lässt sich oft beobachten, dass das durchschnittliche Freizeitpferd dressurmäßig sowohl an der Longe als auch unter dem Sattel wesentlich weiter gefördert wird als seine Kollegen aus dem Lager der konventionellen Reiterei deutscher Prägung.

Westernreiterei

Westernreiterei

Weit weniger systematisch wird die Arbeit an der Longe bei den Westernreitern betrieben, hier zeigen sich von Ausbilder zu Ausbilder, von Stall zu Stall große Unterschiede. Zwar findet die einfache Longe im Anfängerunterricht oder während der Aufwärmphase mancher Pferde verbreitet Verwendung, ausbildungsbegleitendes Longentraining hat aber in der Westernszene kaum Tradition. Zwar werden vor allem Jungpferde häufig im Round Pen gearbeitet, vor allem um sie an Sattel und Trense zu gewöhnen oder bei den ersten Aufsitzversuchen, dies aber geschieht meist nicht mit Longe, sondern freilaufend. Bezüglich der Ausrüstung bestehen oft große Unterschiede, von der Longenarbeit am Halfter über die Verwendung mancher Hilfszügel bis zur Arbeit des fertig gesattelten Pferdes am Bit finden sich viele Spielarten.

Gangpferde

Gangpferde

Im Lager der Gangpferdereiter finden sich sämtliche Extreme, vom Anhänger der Freiheitsdressur, der sein Pferd bevorzugt völlig „nackt" arbeitet, bis hin zum Technikfanatiker, der seinen Isländer grundsätzlich weihnachtspaketmäßig verschnürt an die Longe nimmt. Eine alle Gangpferderassen übergreifende, gemeinsame Longiertradition lässt sich nicht ausmachen, meist werden Elemente anderer Reitweisen übernommen und abgewandelt. So finden sich sowohl einfache Longen mit Trensengebiss, Hilfszügel und Longiergurt als auch Doppellongen, aber auch spezielle Longiergeschirre mit Over- und Sidecheck. Diese speziellen Hilfszügel erlauben eine genaue Einstellung der Kopfhaltung und werden vor allem gezielt für die Verbesserung der Spezialgangart Tölt genutzt. In ihrer Effektivität liegt allerdings auch eine Gefahr, denn wenngleich sie in der Hand von Fachleuten sicher angebracht sind, stellt sich die Frage, ob Herr und Frau Möchtegernturniercrack diese eher unnachgiebige Form der Einwirkung unbedingt nachahmen müssen.

Das böse Wort von der „Gangpferdemanipulation", genauer gesagt von amerikanischen Trainingsmethoden, darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Man versteht darunter eine Reihe von Longiermethoden, die nicht nur die Kopfhaltung, sondern auch Aktion oder Schrittreihenfolge der Gliedmaßen über spezielle Fußlongen und ähnliche Ausrüstungsgegenstände beeinflussen und die überwiegend zum Training nicht oder nicht gut töltender Pferde gebraucht (missbraucht) werden. Ihre Anwendung ist mittlerweile von den maßgeblichen Verbänden völlig zu Recht geächtet worden.

 

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Qual der Wahl

Qual der Wahl

Unter diesen und anderen Longiermethoden hat nun der Freizeitreiter die Qual der Wahl. Seine Aufgabe muss es sein, die individuellen Anlagen und Bedürfnisse seines Pferdes, seine eigenen Ausbildungsziele und bisherigen Lernerfolge zu beachten und das eigene Wissen und Können als Longenführer zu berücksichtigen, aber auch die Longenarbeit in einen sinnvollen Zusammenhang mit der sonstigen Ausbildung zu stellen. Diese sollte nutzbringend ergänzt, erweitert und abwechslungsreich gestaltet werden, Arbeit unter dem Sattel und Arbeit an der Longe müssen also Hand in Hand – oder Huf in Huf – gehen.

Das nicht einmal halfterführige Jungpferd fühlt sich vermutlich im Leinengewirr einer Doppellonge eher weniger wohl, das am Kappzaum perfekt Seitengänge zeigende Dressurtalent hat an der Trense und unter dem Sattel damit vielleicht noch Schwierigkeiten, und der gerade mit einfacher Stangenarbeit Bekanntschaft machende Jungspund sollte vielleicht vor den ersten massiven Natursprüngen noch ein bisschen üben dürfen.

Nicht nur das rein technische Können, die Erfahrung mit unterschiedlichen Longiermethoden und die Wahl der jeweils passenden Praxis, sondern vor allem Gefühl, freundliche Nachsicht und vorsichtiges Einfühlungsvermögen sind für den Longenführer Pflicht, genauso wie für den Reiter.