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Keri Arthur

Der Gefährte der

Wölfin

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Babette Schröder und Wolfgang Thon

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Buch

Riley Jenson ist halb Werwölfin, halb Vampirin und zum Niederknien schön. Ihr Blut macht sie zu einer nahezu unbesiegbaren Kämpferin, und als Wächterin ist es ihre Aufgabe, der Kriminalität der übernatürlichen Wesen Einhalt zu gebieten. Ihre neueste Mission: Die Gesellschaft vor dem verrückten Wissenschaftler Deshon Starr – einem ihrer ganz besonderen persönlichen Feinde – zu beschützen. Sie will ihn außerdem für das, was er ihr angetan hat, bezahlen lassen. Unerwartete Hilfe bekommt sie dabei von Dia, einem Medium, deren Tochter sich in der Gewalt Starrs befindet und die als Gegenleistung von Riley verlangt, diese zu befreien. Doch hin und her gerissen zwischen einem kühlen, verführerischen Vampir und einem unwiderstehlichen Wolf, fällt es Riley nicht leicht, sich auf die Rettung der Welt und ihre persönliche Rache zu konzentrieren …

Autorin

Keri Arthur schreibt, seit sie zwölf Jahre alt ist, und hat seitdem mehr als 15 Romane veröffentlicht. Hauptberuflich ist sie Köchin. Sie ist mit einem wundervollen Mann verheiratet, der sie nicht nur beim Schreiben unterstützt, sondern ihr auch noch den Großteil der Hausarbeit abnimmt. Sie haben eine Tochter, mit der sie in Melbourne, Australien, leben.

Mehr über die Autorin unter www.keriarthur.com

Von Keri Arthur bei Blanvalet lieferbar:

Die Mondjägerin (37382) ∙ Wächterin des Mondes (37525)

 

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel
»Tempting Evil« bei Bantam Dell,
a division of Random House Inc., New York

1. Auflage
Deutsche Erstausgabe April 2011 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der
Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Copyright © 2007 by Keri Arthur
Copyright © 2011 für die deutsche Ausgabe
by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München
Published in agreement with the author, c/o Baror International,
Inc., Armonk, New York, U.S.A.
Umschlaggestaltung: © HildenDesign unter Verwendung
von Motiven von nuno / iStockphoto und vikush/stock.xchng
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
LH – Herstellung: sam
ISBN: 978-3-641-05427-4

www.blanvalet.de

 

Ich möchte mich bei allen Mitarbeitern
des Bantam Verlags bedanken, die dieses Buch
möglich gemacht haben – vor allem bei meiner
Lektorin Anne und ihrem Assistenten Joshua.

Außerdem möchte ich mich ganz herzlich
bei meiner Agentin Miriam bedanken
und bei meinen Kritikern, den Lulus.

1

Ich hasste das Training.

Vor allem, weil ich zu etwas ausgebildet werden sollte, das ich niemals hatte werden wollen: ein Wächter der Abteilung für Andere Rassen.

Irgendwie ließ es sich zwar nicht mehr vermeiden, und ich hatte mich auch größtenteils damit abgefunden, aber begeistert war ich darüber nicht gerade.

Die meisten Menschen hielten Wächter für speziell ausgebildete Cops, aber sie waren viel mehr als das. Sie waren Richter und Geschworene in einem, und für die Vollstreckung des Urteils sorgten sie ebenfalls gleich selbst. Anders als menschliche Cops mussten sie sich nicht an die Gesetze halten. Die meisten Leute, die einem Wächter, bildlich gesprochen, vor die Flinte liefen, waren zwar durchgeknallte Psychos, die den Tod durchaus verdient hatten, aber ich hatte trotzdem keine Lust, durch die Nacht zu schleichen und Untote umzulegen.

Selbst wenn mein Jagdinstinkt aufgrund meiner Wolfsgene stärker war, als ich mir eingestehen mochte.

Meine Abneigung gegen das Training nahm noch zu, wenn ich mit meinem Bruder trainieren musste. Ihm konnte ich nichts vormachen, konnte nicht ein bisschen mit ihm flirten oder ihn mit meinen Reizen von der Arbeit ablenken. Es war sowieso zwecklos, so zu tun, als ob ich nicht mehr könnte, denn er war mein Zwillingsbruder.

Er wusste ganz genau, was man mir zumuten konnte und was nicht. Er spürte es. Wir hatten zwar keine telepathische Zwillingsverbindung, aber wir wussten instinktiv, wenn der andere litt oder in Schwierigkeiten war.

Momentan spürte Rhoan sehr deutlich, dass ich versuchte, mich vor dem Training zu drücken. Und er wusste auch, warum.

Ich hatte eine heiße Verabredung mit einem noch heißeren Werwolf.

In genau einer Stunde.

Wenn ich jetzt ging, schaffte ich es noch nach Hause, um mich frisch zu machen, bevor Kellen, so hieß der heiße Werwolf, mich abholte. Wenn wir jetzt weitermachten, sah ich, wie so häufig in letzter Zeit, wie ein geprügelter Hund aus.

»Wollte Liander heute Abend nicht einen Braten für dich zubereiten?«, fragte ich und wedelte dabei mit einem Holzknüppel in der Luft herum, den Rhoan mir zuvor gegeben hatte. Bislang hatte ich ihn noch nicht zum Einsatz gebracht, denn ich wollte meinen Bruder eigentlich nicht schlagen.

Womit er offenbar kein Problem hatte. Das bezeugten die blauen Flecken auf meinem Körper.

Dabei war er im Grunde dagegen, dass ich mein Vorhaben in die Tat umsetzte und an der bevorstehenden Mission teilnahm.

»Doch.« Er umkreiste mich unauffällig und gab sich unschuldig. Davon ließ ich mich jedoch nicht täuschen, denn ich spürte seine Anspannung fast so deutlich wie meine eigene. »Aber er stellt ihn erst in den Ofen, wenn ich ihn anrufe und ihm sage, dass ich unterwegs bin.«

»Es ist sein Geburtstag. Du solltest mit ihm feiern, statt mich hier durch die Mangel zu drehen.«

Plötzlich schoss Rhoan nach vorn und schwang den Knüppel in meine Richtung. So schnell, dass der Stock nur noch wie ein heller Streifen aussah. Ich blieb ganz ruhig stehen und spürte an meiner linken Hand den Luftzug des vorbeisausenden Schlägers. Er bluffte nur, das war klar.

Hätte er wirklich zuschlagen wollen, hätte ich die Bewegung überhaupt nicht mehr wahrnehmen können.

Er grinste. »Ich fahre zu ihm, sobald wir hier fertig sind. Du bist übrigens eingeladen, falls du dich erinnerst.«

»Um euch die Party zu verderben?«, fragte ich trocken. »Wohl kaum. Außerdem würde ich lieber mit Kellen feiern.«

»Dann ist Quinn also immer noch abgemeldet?«

»Nicht ganz.« Ich verlagerte mein Gewicht und behielt ihn im Auge, während er weiter im Kreis um mich herumschlich. Die grünen Turnmatten, mit denen der Trainingsbereich im Keller der Abteilung gepolstert war, quietschten unter meinen nackten Füßen.

»Das kommt von deinem Schweiß«, bemerkte er. »Aber du hast längst noch nicht genug geschwitzt.«

»Jesus, Rhoan, hab Erbarmen. Ich habe Kellen seit fast einer Woche nicht gesehen. Ich will mit ihm herumbalgen, nicht mit dir.«

Seine silberfarbenen Augen blitzten diabolisch, während er herausfordernd eine Braue hob. »Wenn du es schaffst, mich auf die Matte zu werfen, lasse ich dich gehen.«

»Dich will ich aber nicht flachlegen!«

»Wenn du nicht gegen mich kämpfst, lassen sie dich gegen Gautier antreten. Ich glaube, das wollen wir beide nicht.«

»Wenn ich gegen dich kämpfe und es schaffe, dich auf die Matte zu werfen, lassen sie mich genauso gegen ihn antreten.«

Der Gedanke daran war ziemlich widerlich. Ich stand nicht sonderlich auf Vampire. Quinn, dem in Sydney eine Fluglinie gehörte, und mein Chef Jack, der die Wächterabteilung leitete, waren angenehme Ausnahmen. Gautier war ein gefährlicher Mistkerl. Als Wächter hatte er sich bislang zwar nichts zuschulden kommen lassen, aber er gehörte eindeutig zu den Bösen. Er war ein Klon, den man nur zu dem Zweck geschaffen hatte, dass er die Abteilung unter seine Kontrolle brachte. Noch hatte er nicht zugeschlagen, aber ich ahnte, dass er es bald tun würde.

Rhoan täuschte einen weiteren Schlag an und streifte diesmal mit dem Schläger meine Fingerknöchel. Die Haut brannte, aber ich zwang mich, die Hand nicht zu schütteln, sondern korrigierte ein wenig meine Haltung und bereitete mich auf den richtigen Angriff vor.

»Was ist los mit dir und Quinn?«

Nichts. Das war ja gerade das Problem. Erst hatte er ein großes Trara gemacht, ich sollte mich an meinen Teil unserer Vereinbarung halten, und dann hatte er überwiegend durch Abwesenheit geglänzt. Frustriert holte ich einmal tief Luft und schob mir ein paar schweißnasse Haarsträhnen aus der Stirn. »Können wir das nicht bereden, nachdem ich mich mit Kellen amüsiert habe?«

»Nein«, erwiderte er und bewegte sich auf einmal so schnell, dass er für mich nicht mehr zu sehen war. Da ich auch Vampirgene besaß, hätte ich auf Infrarot umschalten können, um seine Körperwärme zu erkennen, aber das war nicht nötig. Ich besaß das feine Gehör und die empfindliche Nase eines Wolfs. Ich konnte hören, wie er leichtfüßig auf der Plastikmatte um mich herumtänzelte, und seinen würzigen Ledergeruch orten.

Er näherte sich von hinten.

Ich warf mich nach unten, drehte mich auf der Matte um und trat mit voller Wucht von hinten gegen sein Bein. Er stöhnte, wurde langsam wieder sichtbar und versuchte taumelnd, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Ich rappelte mich hoch und stürzte mich auf ihn, war aber bei weitem nicht schnell genug. Er brachte sich außer Reichweite und schüttelte den Kopf. »Du nimmst das Ganze nicht ernst genug, Riley.«

»Doch.« Nur nicht so ernst wie er. Jedenfalls nicht heute Abend.

»Willst du denn unbedingt gegen Gautier kämpfen?«

»Nein, aber ich will unbedingt Kellen sehen.« Sexuell frustriert zu sein war für niemanden schön, aber für einen Werwolf war es besonders schlimm. Sex war ein wichtiger Teil unserer Kultur. Wir brauchten ihn genauso dringend wie ein Vampir sein Blut. Dieses gottverdammte Training hatte mich so viel Zeit gekostet, dass ich nicht einmal ins Blue Moon gekommen war, um mich ein bisschen zu amüsieren.

Erneut holte ich tief Luft und versuchte, in Ruhe nachzudenken. Ich wollte meinen Bruder zwar nicht verletzen, aber wenn ich sonst nicht hier wegkam, blieb mir wohl nichts anderes übrig.

Nur: Wenn es mir tatsächlich gelingen sollte, Rhoan zu schlagen, dachte Jack womöglich, dass ich einsatzbereit wäre. Und davor grauste es mir. Vielleicht hatte Rhoan ja recht, und ich sollte es nicht tun, egal was Jack sagte. Vielleicht würde ich dem nie gewachsen sein, und wenn ich noch so intensiv trainierte.

Vielleicht würde ich Mist bauen und alle in Gefahr bringen.

Letzteres hatte Rhoan zwar nicht gesagt. Doch je näher der Zeitpunkt rückte, an dem ich in Deshon Starrs kriminelle Organisation eingeschleust werden sollte, desto stärker wurde dieser Gedanke in mir.

»Das ist eine alberne Regel. Das weißt du«, sagte ich schließlich. »Wenn ich gegen Gautier kämpfe, beweist das noch gar nichts.«

»Er ist der Beste. Wenn ein Wächter gegen ihn gekämpft hat, ist er auf das vorbereitet, was ihn draußen erwartet.«

»Nur mit dem Unterschied, dass ich gar kein richtiger Wächter werden will.«

»Du hast keine Wahl mehr, Riley.«

Das war mir klar. Deshalb durfte ich zwar trotzdem protestieren, aber es waren nur leere Worthülsen. Verdammt, würde Jack mir heute anbieten, dass ich kein Wächter werden müsste, würde ich das Angebot glatt ablehnen. Unter keinen Umständen wollte ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, Deshon Starr büßen zu sehen. Nicht nur meinetwegen, sondern wegen Misha und Kades Partner und all den unzähligen Männern und Frauen, die noch in irgendwelchen Zuchtstationen eingesperrt waren.

Ganz zu schweigen von all den Wesen, die in diesen Laboren gezeugt worden waren. Es waren widerliche Kreaturen, die die Natur niemals hervorgebracht hätte. Kreaturen, die nur geschaffen worden waren, um auf Befehl zu töten und auf Befehl zu sterben.

Eine Gänsehaut lief über meinen Körper. Bislang war ich nur einigen dieser Wesen begegnet, aber ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich noch vor Monatsende mehr von ihnen sehen würde, als mir lieb war.

Ich befeuchtete meine Lippen und versuchte, mich auf Rhoan zu konzentrieren. Wenn ich ihn auf die Matte werfen musste, um hier wegzukommen, würde ich es tun. Ich wollte, ich musste noch ein bisschen das normale Leben genießen, bevor dieser Mist von Neuem losging.

Und das würde er. Ich spürte es.

Rechts neben Rhoan huschte ein Schatten an einem der Fenster vorbei. Es war kurz vor sechs. Vermutlich handelte es sich um einen Wächter, der sich auf die nächtliche Jagd vorbereitete. Die Arena lag im fünften Untergeschoss direkt neben den Schlafkabinen der Wächter. Diese waren lustigerweise mit Särgen ausgestattet. Einige Vampire liebten es, den menschlichen Erwartungen zu entsprechen, selbst wenn das überflüssig war.

Menschen hatten hier unten sowieso keinen Zutritt. Man wollte schließlich kein Lamm in die Löwengrube werfen. Das konnte überaus schnell sehr hässlich werden, um es vorsichtig auszudrücken. Wächter wurden zwar dafür bezahlt, die Menschen zu schützen, aber sie waren dennoch nicht davor gefeit, gelegentlich einen von ihnen zu verspeisen.

Der Schatten glitt an einem anderen Fenster vorbei, und diesmal zuckte Rhoans Blick in diese Richtung. Es war nur eine minimale Bewegung, aber sie brachte mich auf eine Idee.

Ich drehte mich um, holte mit dem nackten Fuß aus und trat zu. Ich erwischte meinen Bruder mit der Ferse am Bauch, und er wich zurück. Er holte mit dem Schläger aus und verfehlte nur knapp mein Schienbein. Dann wirbelte er in einer fließenden Bewegung herum und trat nach mir. Seine Ferse zischte haarscharf an meiner Nase vorbei; wahrscheinlich hätte er sie getroffen, wenn ich nicht nach hinten ausgewichen wäre.

Er nickte anerkennend. »Schon besser.«

Ich knurrte, veränderte meine Haltung und warf den Schläger abwechselnd von einer Hand in die andere. Das klatschende Geräusch des Knüppels hallte durch die Stille, und Rhoan spannte die Schultern an. Ich sah ihm in die Augen, fing den Schläger mit der linken Hand auf und holte zum Schlag aus, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne und ließ meinen Blick hinter ihn gleiten.

»Hallo, Jack.«

Rhoan folgte meinem Blick und drehte sich um. In diesem Moment ließ ich mich auf den Boden fallen und trat ihm die Beine weg. Er knallte auf die Matte, sah überrascht hoch und fing augenblicklich an zu lachen.

»Der älteste Trick der Welt, und ich falle darauf herein.«

Ich grinste. »Manchmal sind alte Tricks ganz praktisch.«

»Dann darfst du wohl jetzt gehen.« Er streckte mir eine Hand entgegen. »Hilf mir hoch.«

»Ich bin doch kein Idiot, Bruderherz.«

Amüsiert stand er auf. »Versuchen kann man es ja.«

»Ich darf also wirklich gehen?«

»So war es abgemacht.« Er stand auf und ging an die Seitenlinie, um sein Handtuch zu nehmen, das dort über dem Geländer hing. »Aber morgen früh um Punkt sechs bist du wieder hier.«

Ich stöhnte. »Du bist gemein.«

Er rieb mit dem Handtuch über seine roten Stoppelhaare. Obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste ich, dass er grinste. Manchmal konnte mein Bruder eine ziemliche Nervensäge sein.

»Vielleicht überlegst du dir das nächste Mal, ob du schummelst.«

»Das ist doch egal. Immerhin hat es funktioniert.«

Er lächelte zwar, doch seine Augen wirkten sehr ernst. Er machte sich große Sorgen, weil ich bei dem bevorstehenden Auftrag eine wichtige Rolle spielen sollte. Er wollte genauso wenig, dass ich daran teilnahm, wie ich einst gewollt hatte, dass er ein Wächter wurde. Aber mit manchen Wendungen des Lebens muss man sich eben abfinden, hatte er damals zu mir gesagt.

»Du solltest lernen, anzugreifen und dich zu verteidigen«, erklärte er. »Alberne Tricks retten dir nicht das Leben.«

»Aber wenn sie es nur einmal retten könnten, darf man es doch zumindest damit versuchen.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich sehe ein, dass man mit dir kein vernünftiges Wort mehr reden kann, bevor du Sex gehabt hast.«

»Schön, dass du endlich verstanden hast, was ich schon die ganze letzte Stunde versucht habe, dir zu erklären.« Ich grinste. »He, sieh es doch mal von der positiven Seite: Liander wird sich riesig freuen, dich zur Abwechslung mal zu einer normalen Uhrzeit zu sehen.«

Er knurrte. »Wenn er nicht so klammern würde, könnte er das viel häufiger haben.«

Rhoan klang ziemlich genervt, und ich hob erstaunt die Brauen. »Er stellt dir frei, zusammen zu sein, mit wem du willst. Das würde ich nicht gerade als klammern bezeichnen.«

»Weiß ich, aber …« Er zögerte und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob ich ihm geben kann, was er sich wünscht. Ich weiß nicht, ob ich dazu jemals in der Lage sein werde.«

So ziemlich das Gleiche hatte ich vor zwei Monaten zu Quinn gesagt. Es war erstaunlich, wie parallel sich unser Liebesleben entwickelte. Allerdings standen hinter meinen Worten ganz andere Beweggründe als bei meinem Bruder. Rhoan liebte Liander. Das konnte ich von mir in Bezug auf Quinn nicht behaupten. Wir kannten uns ja schließlich kaum, abgesehen vom Sex.

Und Liander war zumindest in guten wie in schlechten Zeiten bei Rhoan geblieben. Quinn dagegen war schon wieder davongelaufen, obwohl er behauptet hatte, er würde mich nicht gehen lassen, bis die Sache zwischen uns geklärt war.

Keine Ahnung, wie er das von Sydney aus schaffen wollte. Vielleicht war er auch zu dem Schluss gekommen, dass ich ihm zu viele Schwierigkeiten machte und es besser war, sich nicht mit mir abzugeben. Doch wir hatten ein paar ziemlich intensive erotische Träume miteinander geteilt, und ich glaubte kaum, dass einer von uns ernsthaft erwog, den anderen jetzt zu verlassen.

Ich drückte meinem Bruder leicht den Arm. »Liander liebt dich. Er wird auf dich warten.«

Rhoan sah mir in die Augen. »Ich weiß nicht, ob ich so viel Liebe verdient habe.«

Ich sah ihn erstaunt an. »Ich liebe dich auch.«

Er strich mir leicht über die Wange. »Ja, aber du bist als meine Zwillingsschwester und Rudelkameradin dazu verpflichtet.«

»Stimmt.« Ich musterte ihn einen Augenblick, dann sagte ich leise: »Nur weil unser Rudel uns verstoßen hat, heißt das nicht, dass wir nicht liebenswert sind.«

Wie oft hatte er das in all den Jahren zu mir gesagt? Und jetzt, wo er selbst in einer Krise steckte, fiel es ihm genauso schwer, es zu glauben.

Er lächelte warm, aber irgendwie traurig. »Im Unterschied zu dir will ich mich nicht binden. Überhaupt nicht. Ich will zusammen sein, mit wem ich will und wann ich will.«

»Mit wem?«, unterbrach ich ihn ziemlich gereizt. »Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du dich immer noch mit Davern triffst?«

Rhoan fühlte sich sichtlich unwohl. »Nur wenn er in der Stadt ist, und das kommt derzeit nicht oft vor.«

»Aber hast du Liander nicht erklärt, dass ihr zwei kein Paar mehr seid?«

»Das sind wir auch nicht. Nur gelegentliche Liebhaber.«

»Das ist im Prinzip dasselbe und dürfte Liander kaum gefallen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat meine Beziehungsunfähigkeit ja mit dem zu tun, was ich bin.«

Damit meinte er seine Homosexualität, nicht sein Dasein als Wächter oder die Tatsache, dass er ein Mischling war. Das ärgerte mich.

»Liander ist genau wie du und will sich trotzdem binden. Red’ dich nicht raus, nur weil du Angst hast.«

Er hob empört die Brauen, und seine silberfarbenen Augen blitzten scharf, was darauf hindeutete, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Angst?«

»Ja. Sich zu binden heißt, sich zu bekennen. Du willst dich zu niemandem bekennen. Nicht weil es dir angeboren wäre, sondern weil du dich so entschieden hast. Gesteh dir das wenigstens ein. Und ihm ebenso.«

»Er verdient mehr als nur einen Teilzeitliebhaber.«

»Mag sein«, stimmte ich zu, worauf Rhoan mich erstaunt ansah. »Aber wir haben beide nicht das Recht, das für ihn zu entscheiden. Es ist seine Entscheidung und sein Leben.«

Rhoan lächelte schwach, dann beugte er sich vor und küsste mich auf die Stirn. »Für ein Mädchen bist du ganz schön schlau. Ich hoffe, du beherzigst deinen Rat auch in deinem eigenen Leben.«

»Ich? Einen Rat befolgen? Eher schneit es an Weihnachten.« In Melbourne fiel der Sommer auf den Dezember. Es musste also schon extreme Klimaveränderungen geben, damit das passierte. Doch nach all den merkwürdigen Wendungen, die mein Leben in letzter Zeit genommen hatte, hielt ich es sogar für möglich, dass es an Weihnachten schneite.

Und dass ich meinen eigenen Rat beherzigte.

Ich gab Rhoan den Schläger und schob ihn sanft in Richtung Ausgang. »Geh und rede mit ihm.«

»Soll ich dich nicht zur Umkleidekabine begleiten?«

»Nein, es ist alles okay.« Solange jemand hier unten trainierte, wurde die Arena videoüberwacht. Außerdem war ich mir sicher, dass sich Jack irgendwo in der Nähe aufhielt. Er hatte ein berechtigtes Interesse daran, dass ich heil blieb. Schließlich wollte er mich nicht nur bei diesem Auftrag dabeihaben, sondern mich zur vollwertigen Wächterin ausbilden. »Wir sehen uns morgen früh hier.«

Rhoan nickte, schlang das Handtuch um seine nackten Schultern und stolzierte pfeifend davon. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich auf einen netten Abend freute.

Ich grinste und ging auf die andere Seite der Arena, wo ich mein Handtuch und meine Wasserflasche deponiert hatte. Ich nahm das Handtuch, wickelte ein Ende um meinen Pferdeschwanz und drückte den Schweiß aus den Haaren; dann rieb ich mir Nacken und Gesicht trocken. Ich hatte heute Abend vielleicht nicht mit vollem Einsatz gekämpft, dennoch hatten wir ein paar Stunden trainiert, und ich hatte immerhin so stark geschwitzt, dass mein dunkelblaues T-Shirt beinahe schwarz von Feuchtigkeit war. Ich konnte ebenso gut hier duschen. Bei meinem Glück wartete Kellen vermutlich schon auf mich, wenn ich zu Hause eintraf. Die meisten Werwölfe mochten natürliche Gerüche zwar lieber als künstliche, aber jetzt roch ich ein bisschen zu natürlich.

Ich wollte gerade die Wasserflasche nehmen, da erstarrte ich. Über meine Haut lief ein alarmierendes Prickeln. Rhoan war fort, dennoch war ich nicht allein in der Arena.

Mein Gefühl von vorhin hatte mich nicht getäuscht. Nun ging es wieder los.

Diesmal trat mir das Unheil in Gestalt von Gautier entgegen.

Mit dem Handtuch in der Hand drehte ich mich lässig zu ihm herum. Er stand an der Fensterfront der Arena, ein großer, fieser Kerl, der genauso schlecht roch, wie er aussah.

»Du hast es offenbar immer noch nicht geschafft zu duschen.« Das war vielleicht nicht gerade eine kluge Bemerkung, aber bei Gautier konnte ich irgendwie nicht den Mund halten.

Diese Eigenschaft würde mich noch in Schwierigkeiten bringen, wenn nicht sofort, dann mit Sicherheit irgendwann in der Zukunft.

Gautier verschränkte die Arme und lächelte, aber er wirkte dabei weder freundlich noch einsichtig. »Offenbar plapperst du immer noch einfach drauf los, wenn selbst ein Verrückter lieber zweimal nachdenken würde.«

»Das ist irgendwie eine Schwäche von mir.« Ich drehte langsam das Handtuch auf und fragte mich, wie lange es wohl dauerte, bis der Sicherheitsdienst reagierte. Und ob Jack wohl zulassen würde, dass er reagierte.

»Das habe ich schon bemerkt.«

Was nicht weiter schwer gewesen war, denn schließlich hatten sich meine mündlichen Attacken in letzter Zeit hauptsächlich gegen ihn gerichtet. »Was machst du hier, Gautier? Musst du keine Bösewichte umlegen?«

»Doch.«

»Wieso bist du dann nicht draußen auf der Jagd?«

Sein Haifischlächeln jagte mir einen Schauer über den Rücken, und mir wurde schlagartig klar, dass er bereits auf der Jagd war.

Und zwar nach mir.

Mist.

Das beschrieb nicht annähernd meine missliche Lage, aber in diesem Augenblick fiel mir kein anderes Wort ein. Und es schoss mir wieder und wieder durch den Kopf.

Ebenso wie der Gedanke, dass man mich ausgetrickst hatte. Jack hatte diese Trainingseinheit ganz bewusst so für mich geplant.

Mit Sicherheit wusste Rhoan nichts davon. Das hätte er nicht zugelassen.

»Du bist hier, um mich auf Herz und Nieren zu testen, stimmt’s?«

Seine Belustigung umspülte mich wie schleimige Gischt. »Du begreifst schnell.«

Offenbar nicht schnell genug. Ich hätte wissen müssen, dass Jack etwas im Schilde führte. Er war den ganzen Tag über gut gelaunt gewesen, was stets ein sicheres Zeichen dafür war, dass mich nichts Gutes erwartete.

Aber wieso konfrontierte er mich so früh mit Gautier? Verdammt, ich hatte doch erst ein paar Wochen trainiert. Die meisten angehenden Wächter hatten erst nach einem Jahr das Vergnügen, von Gautier zu Brei geschlagen zu werden.

Womöglich war etwas geschehen, das den Zeitplan über den Haufen geworfen hatte.

Trotz der Situation zitterte ich vor Erregung. Ich wollte, dass das Ganze ein Ende hatte. Ich wollte endlich wieder ein normales Leben führen, auch wenn das vermutlich nicht mehr ging. Es waren bereits sechs Monate vergangen, seit man mir zum ersten Mal das Fruchtbarkeitsserum injiziert hatte. Wenn das auf mich so wirkte wie auf andere Mischlinge, würden sich bald Veränderungen einstellen.

Gautier schlenderte gemächlich auf mich zu. Ich drehte weiter an meinem Handtuch und beobachtete ihn mit leicht gerunzelten Augenbrauen. Ich konnte ihn nicht besiegen, das war klar, aber ich würde kämpfen.

Er blieb auf halbem Weg in der Arena stehen. »Bist du bereit?«

Ich hob eine Braue und gab mich selbstbewusster, als ich mich fühlte. Was ziemlich egal war, denn als Vampir konnte er meinen Herzschlag spüren. Er wusste, dass mein Herz wohl eher vor Angst als vor Aufregung raste.

Doch die Angst und ich waren alte Bekannte. Sie hatte mich bisher nicht aufhalten können und würde es auch heute nicht.

»Warnst du alle deine Zielpersonen vor?«

»Ja.«

Wie er so vollkommen reglos dastand, erinnerte er mich an eine Schlange kurz vor dem Angriff. Allerdings ängstigte er mich mehr, als eine echte Schlange es je vermocht hätte.

»Wieso machst du das?«

»Weil mich der Geruch von Angst genauso anregt wie der Geschmack von Blut.« Er blieb stehen und atmete genüsslich ein. Seine dumpfen Augen strahlten verzückt, und die eisigen Schauer, die mir über den Rücken liefen, wuchsen zu Sturzbächen an. »Ich rieche deine Angst, Riley, und sie riecht ganz köstlich.«

»Du bist krank. Ist dir das eigentlich klar?«

»Sicher. Und ich bin sehr, sehr gut in meinem Job.«

Seine Augen versprachen den Tod. Mir war klar, dass wir diesen Kampf sehr bald irgendwo bis zum bitteren Ende austragen würden. Nicht hier, nicht in der Abteilung, aber irgendwo auf seinem Terrain und nach seinen Regeln.

Der Gedanke verursachte mir eine Gänsehaut am ganzen Körper, aber ich unterdrückte den Drang, meine Arme zu reiben. Offenbar entwickelte ich zunehmend hellseherische Fähigkeiten, worauf ich liebend gern verzichtet hätte.

Insbesondere, wenn ich derartiges Unheil auf mich zukommen sah.

Gautier ließ kurz seine Finger knacken, dann war er aus meinem Blickfeld verschwunden. Er bewegte sich federleicht über die Matte, seine Schritte waren nur als leises Flüstern auszumachen. Ich wünschte, ich könnte etwas Vergleichbares über seinen Geruch sagen. Gautier stank heftig nach Tod. Es war so widerlich, dass es mir den Atem nahm und ich mich kaum konzentrieren konnte.

Wenn ich mich aber nicht konzentrierte, konnte das hier sehr, sehr übel enden.

Nicht, dass es das nicht sowieso tun würde.

Ich blinzelte, schaltete auf Infrarotsicht und beobachtete den rötlichen Fleck, der sich auf mich zubewegte. Im letzten Moment schleuderte ich das Handtuch in sein versteinertes Gesicht und rannte davon, so schnell ich konnte.

Er folgte mir nicht, sondern blieb einfach stehen und hob eine Hand zu seinem Gesicht. Ich hatte auf seine Augen gezielt, jedoch seine Wange erwischt und zwar so heftig, dass sie blutete. Das war wahrscheinlich nicht meine klügste Tat, aber der Anblick seines Blutes baute mich ein bisschen auf. Ich würde eventuell besinnungslos geschlagen werden, aber zumindest hatte ich etwas geschafft, das noch keinem Wächter vor mir gelungen war. Ich hatte den großen Gautier verletzt.

Andererseits waren nur wenige Wächter verrückt genug, sich Gautier nur mit einem Handtuch bewaffnet zu stellen.

Er fuhr mit dem Finger über die Wunde. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich das Blut auf seinen Fingerspitzen erkennen. Unsere Blicke begegneten sich, und wieder sah ich dem Tod ins Auge.

Für zwei Sekunden dachte ich daran wegzulaufen. Ich wollte aus dieser Arena flüchten, weg von diesem Psychopathen. Aber wenn ich das tat, verlor ich den Auftrag. Und im Moment waren meine Rachegelüste größer als meine Angst vor Gautier.

Gautier leckte das Blut von seinen Fingerspitzen und sagte mit ausdrucksloser, tödlicher Stimme: »Dafür wirst du bezahlen.«

»Oh, da habe ich aber Angst.« Was absolut der Wahrheit entsprach. Niemand, der nur einigermaßen bei Verstand war, würde jetzt mit mir tauschen wollen. Außer vielleicht mein Bruder.

Bei dem Gedanken wurde ich stutzig. Rhoan wusste, was vor sich ging, zumindest musste er meine Angst spüren. Wieso war er nicht hier, um mir zu helfen?

Gautier lächelte mich an, als wäre er eine Katze und ich eine niedliche kleine Maus, die er gleich verspeisen wollte, dann verschwand er wieder aus meinem Blickfeld. Ich verfolgte ihn mit Infrarotsicht und wartete, bis er nah genug kam, dann schleuderte ich erneut das Handtuch in sein Gesicht, duckte mich, fuhr herum, trat nach ihm und versuchte ihn umzustoßen. Er wich aus und stieß mit der Faust nach mir. Ich tauchte zur Seite, spürte den Luftzug des Schlages an meiner Wange, stürzte mich auf seine Knie und warf ihn zu Boden. Als wir beide auf der Matte aufschlugen, landete ich einen Haken auf seinen Nieren, rollte mich sogleich wieder hoch und flüchtete. Einen Nahkampf mit Gautier konnte ich niemals gewinnen. Solange es ging, musste ich angreifen und flüchten.

Der Mistkerl hatte noch nicht einmal den Anstand, ob der Heftigkeit meines Schlages zu stöhnen. Er stand ruhig und gelassen auf. Doch in seinen Augen blitzte Mordlust.

Ich wischte den Schweiß aus meinen Augen, machte ein paar Dehnungsübungen mit den Fingern und versuchte locker zu bleiben. Er würde mich nicht umbringen, nicht hier. Das musste ich mir immer wieder sagen.

»Sehr gut«, sagte Gautier. Seine schleimige, arrogante Stimme ekelte mich an. »Das haben bislang nur wenige geschafft.«

Ich fragte mich, ob die paar noch lebten und von ihren Erfahrungen berichten konnten. Wie ich Gautier kannte, wohl kaum.

»Ich muss dich anscheinend ein bisschen härter rannehmen«, fügte er hinzu.

Oh, Mist.

Kaum hatte ich das gedacht, da kam er auch schon auf mich zugefegt, ein kraftvoller, rasend schneller, brutaler Tornado. Ich wich aus, duckte mich und wehrte mich so gut ich konnte mit Schlägen und Tritten. Aber ich würde ihn niemals besiegen, das war uns beiden absolut klar. Er war möglicherweise nicht schneller als ich, aber dafür viel stärker und erfahrener.

Schließlich drangen einige seiner Schläge durch meine Deckung. Ich kassierte mehr als nur ein paar Beulen, keuchte und schaffte es dennoch, irgendwie auf den Beinen zu bleiben. Ich hielt meine Deckung aufrecht, so gut es ging, dann krachte ein Schlag gegen mein Kinn. Mein Kopf wurde nach hinten geschleudert, und ich flog rücklings durch den Raum. Vor meinen Augen tanzten Sterne, aber ich schüttelte nur den Kopf und kämpfte gegen eine drohende Ohnmacht an. Dann drehte ich mich in der Luft und landete wie eine Katze auf allen vieren. Ich entdeckte meinen Bruder, der von vier Sicherheitsbeamten festgehalten wurde und sich so fest an das Geländer klammerte, dass seine Knöchel ganz weiß waren. Dann bemerkte ich Jack, der das Ganze beobachtete.

Die Luft zischte und kündigte Gautiers nächsten Angriff an. Wenn es ihm gelang, mich niederzuwerfen, war ich verloren. Ich rollte mich zur Seite, trat nach ihm und erwischte ihn unten am Knöchel. Haut und Knochen gaben unter der Kraft meines Trittes nach. Er stöhnte, und seine starren Gesichtszüge verzerrten sich vor Wut. Als ich versuchte zu flüchten, wirbelte er herum und packte mein Bein.

Er zog mich zu sich heran, und aus meiner Kehle wollte sich ein Schrei lösen, doch ich schaffte es gerade noch, ihn zu unterdrücken, so dass nur ein leises Keuchen zu hören war. Ich drehte mich herum, achtete nicht auf die Schmerzen, die mein Bein hinaufschossen, und trat mit dem freien Fuß zu.

Er lachte. Lachte.

Das war nicht klug, wenn man es mit Werwölfen zu tun hatte – selbst wenn man im Vorteil war. Es war, als würde man einem wütenden Bullen ein rotes Tuch vor die Nase halten.

Die Wut mobilisierte meine letzten Kraftreserven. Ich rief den Wolf in mir, und die Energie der Verwandlung umfloss mich, strömte kribbelnd durch meinen Körper, verschleierte meinen Blick, linderte den Schmerz und schwächte die Wut. Meine Glieder verkürzten sich, verschoben sich und setzten sich neu zusammen, bis kein Mensch mehr auf der Matte lag, sondern ein Wolf. Damit hatte Gautier nicht gerechnet, und ein paar Sekunden zeigte er keine Reaktion. Ich befreite meinen Hinterlauf aus seinem Griff, sprang auf und stürzte mich auf ihn. Wie eine Schere durch Papier schnitten meine Zähne durch seinen Arm.

Sein Blut strömte in meinen Mund und schmeckte noch fauliger, als er roch. Ich hustete und spie sein Fleisch aus. Dann bohrte er seine Faust tief in meine Flanke. Irgendetwas knackte, und während ich von der Wucht des Schlages nach hinten geschleudert wurde, wurde alles um mich herum rot. Ich wandelte, während ich durch die Luft flog, meine Gestalt und schlug keuchend auf der Matte auf. Meine Lungen brannten, und so sehr ich mich auch bemühte zu atmen, irgendwie bekam ich nicht genügend Luft. Alles, was ich fühlte, waren Angst und Schmerz.

Alles, was ich hörte, war der Luftzug von Gautiers nächstem Angriff. »Halt«, bellte Jack durch die Arena.

Gautier schien ihn nicht zu hören. Vielleicht wollte er ihn auch gar nicht hören. Plötzlich war er bei mir, und ich sah seine Faust auf mein Gesicht zuschnellen. Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen und schützte mich, so gut ich konnte, wobei mir klar war, dass das niemals genügen würde.

»Halt habe ich gesagt!«

Der Schlag blieb aus. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und sah, dass Gautier immer noch mit erhobener Faust über mir schwebte. Sein Arm bebte, als würde er von irgendetwas zurückgehalten. Schweißperlen traten auf seine Stirn, und in seinen Augen bemerkte ich Angst.

Jack verhinderte den Schlag. Er hielt Gautiers Arm immer noch fest. Nicht körperlich, sondern durch seine psychische Kraft. Und zwar hier, in dieser Arena, in einem Gebäude, das mit der neuesten Technik gegen jegliche Art von Bewusstseinskontrolle ausgestattet war.

Offenbar war Jack erheblich mächtiger und weitaus gefährlicher, als ich je vermutet hatte.

»Hör auf, Gautier. Geh zur Krankenstation, und lass deine Wunden versorgen.«

»Wir zwei sind noch lange nicht fertig«, zischte Gautier, als er sich zurückzog. »Ich verspreche dir, das bringen wir irgendwann noch zu Ende.«

Ich sagte nichts, ich konnte nicht. Ich sah nur zu, wie er davonhumpelte, während ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Der Geruch von Gewürzen und Leder stieg mir in die Nase. Rhoan hockte neben mir und untersuchte mit ernster Miene mein Gesicht und meinen Hals.

»Ich bin in Ordnung. Wirklich«, stieß ich hervor.

Es war ein heiseres Krächzen und schien meinen Bruder nicht zu überzeugen. »Ich bringe ihn um …«

Ich legte einen Finger auf seine Lippen. »Nein.« Der Mistkerl gehörte mir, und wenn ich ihn mit einer Langstreckenwaffe aus dem Hinterhalt erledigen musste.

Rhoan nahm meine Hand und legte sie auf sein Herz. Es schlug schnell, voller Angst. Genau wie meins. »Er hatte nicht das Recht …«

»Ich wette, er hatte jedes Recht. Ich wette, unser lieber Chef hat das die ganze Zeit geplant. Hilf mir hoch.«

Das tat er. Schmerzen schossen durch meinen Körper, als würden sich glühende Zangen in meine Muskeln bohren. Ich keuchte und klammerte mich an meinen Bruder, denn der Raum begann sich kurzzeitig zu drehen.

»Du warst noch nicht so weit …«

»Ist irgendjemand jemals so weit, es mit Gautier aufzunehmen?« Während ich sprach, durchbohrte ein Schmerz meinen Kiefer. Ich zuckte zusammen und prüfte mit der Hand vorsichtig den Schaden. Die ganze linke Gesichtshälfte war geschwollen und so empfindlich, dass jede Bewegung wehtat. Ich mochte ein Werwolf sein, und meine Wunden mochten ungewöhnlich schnell heilen, aber gegen Prellungen konnte ich nicht viel ausrichten. Wenn ich zu Hause war, würde ich grün und blau sein. So viel zu meiner aufregenden Nacht mit Kellen.

Schritte hallten durch die Stille, und ich musste nicht erst den Moschusgeruch wittern, um zu wissen, dass es Jack war. Rhoan ebenso wenig. Er verspannte sich, und seine Wut, die ich beinahe riechen konnte, wuchs explosionsartig. Bevor ich überhaupt den Mund aufmachen konnte, um Jack zu warnen, hatte Rhoan sich bereits umgedreht, um zuzuschlagen.

Jack fing den Schlag ab und hielt Rhoans Hand fest. Ganz leicht. Als wäre Rhoan nur ein bockiges kleines Kind.

»Ich habe meine Gründe«, erklärte er mit leiser Stimme und blickte ihn durchdringend aus seinen grünen Augen an. »Vertrau mir. Ich weiß, was ich tue.«

Rhoan riss seine Faust los. »Gautier hat sie beinahe umgebracht!«

»Das hätte er sicher gern getan, aber du begreifst es nicht.«

»Was denn? Dass du ihn trotz der ganzen Abwehrtechnik gegen Bewusstseinskontrolle aufgehalten hast?« Ich rieb über meine schmerzende Seite und fragte mich, ob ich mir eine Rippe gebrochen hatte. Es fühlte sich ganz so an. Der Bruch war bei dem Gestaltwandel geheilt worden, aber Schmerzen und Prellungen blieben. Ich hatte mir bei dem Gestaltwandel die Kleidung ruiniert. Während ich die Enden meines T-Shirts zusammenknotete, damit meine Brüste nicht heraushingen, fügte ich hinzu. »Du hast Gautier gerade gewarnt, wie stark du eigentlich bist.«

Ganz kurz blitzte ein Lächeln in Jacks Augen auf. »Ja, aber das war nur ein Nebeneffekt.«

»Was sollte das denn?«, zischte Rhoan. »Wieso hast du sie verprügeln lassen, wenn sie noch gar nicht so weit ist?«

Jack hob bedeutungsvoll eine Braue. »Wie viele fertig ausgebildete Wächter haben zehn Minuten mit Gautier durchgehalten?«

»Nicht viele, aber …«

»Genau einer«, unterbrach ihn Jack. »Und zwar du. Riley hat sogar geschafft, was selbst dir nicht gelungen ist. Sie hat Gautier gezeichnet. Er hat geblutet.«

»Womit ich ihn erfolgreich gegen mich aufgebracht habe«, seufzte ich. »Ab jetzt muss ich wirklich aufpassen.«

»Selbst er wird es nicht wagen, dir in den nächsten Nächten aufzulauern, und anschließend bist du sowieso weg.« Er zögerte, senkte die Stimme und fügte hinzu: »Der Zeitrahmen für den Auftrag ist nach vorne verlegt worden.«

Ich hatte also richtig getippt. Ich zitterte. Vielleicht vor Aufregung, vielleicht aus Angst, aber sehr wahrscheinlich vor Erleichterung. Egal wie sich mein Leben entwickelte, es wäre schön, nicht mehr ständig Angst haben zu müssen. Ich hob fragend eine Braue. »Habt ihr einen Durchbruch erzielt?«

»Mehrere.«

»Riley ist noch nicht so weit.« Rhoan klang immer noch wütend.

»Werde ich deiner Meinung nach denn jemals so weit sein?« Ich legte eine Hand auf seine Wange und lächelte. »Die Antwort kennen wir beide.«

»Du solltest das nicht tun.«

»Ich muss. Ich habe mich nicht ganz freiwillig für diesen Weg entschieden, aber jetzt gehe ich ihn zu Ende.«

»Aber …«

»Nein«, unterbrach ich ihn. »Mein Entschluss steht fest. Ich gebe nicht auf, egal was ich tun muss oder mit wem. Diese Mistkerle werden für das büßen, was sie mir angetan haben.«

Rhoan suchte meinen Blick, dann stöhnte er, nahm meine Hand von seiner Wange und drückte sie leicht. »Du bist wirklich eine sture Zicke.«

»Genau wie mein Bruder«, erwiderte ich trocken.

Rhoan lächelte, doch als er sich Jack zuwandte, war sein Blick tödlich. »Wenn ihr etwas passiert oder sie gar getötet wird, kriege ich dich.«

»Das würde sie umgekehrt genauso machen.«

Jack zögerte wieder und blickte sich um. Die einzigen Leute in der Arena waren die vier Wachleute am Ausgang, aber Jack traute neuerdings niemandem. Wir hatten keine Ahnung, wer Gautiers Komplizen waren. »Bericht morgen um neun in Genoveve.«

Genoveve war ein Labor, in dem über Jahre hinweg unzählige Klone gezüchtet worden waren. Gautier stammte allerdings nicht von dort. Talon, einer von Gautiers Klonbrüdern und einer meiner ehemaligen Partner, hatte das Gelände vor einigen Jahren erworben, damit seine Klonversuche vor den neugierigen Blicken der Regierung geschützt waren. Wir hatten den Betrieb eingestellt, ebenso eine Zuchtanlage für Mischlinge, aber wir hatten immer noch nicht das Hauptlabor gefunden. Wir kannten nur den Namen: Libraska.

Der Einzige, der offenbar wusste, wo sich dieses Labor befand, war Deshon Starr. Oder vielmehr der Gestaltwandler, der in Starrs Körper geschlüpft war und sein Leben übernommen hatte.

»Ich dachte, die Regierung hätte Genoveve verkauft?«

»Hat sie auch, aber im Moment können wir es noch benutzen.«

»Dann geht es morgen also wieder auf in den Kampf?«

»Ja.« Jack blickte zu Rhoan. »Ich habe schon Liander angerufen. Er bringt seine ganzen Utensilien mit.«

Liander gehörte zu den besten Maskenbildnern des Landes. Demnach würden wir uns also morgen verkleiden und eine neue Identität annehmen. »Das heißt, dass ich das Beste aus dieser Nacht herausholen sollte.« Prellungen hin oder her.

»Besser wär’s«, bestätigte Jack. »Ab morgen werdet ihr den Kontakt zu allen Personen abbrechen, mit denen ihr derzeit zu tun habt.«

Ich hob erstaunt die Brauen. Selbst das schmerzte. Es stand nicht gut um mein Sexvergnügen.

»Ist Quinn diesmal dabei?«

»Nein.«

Na, toll. Wahrscheinlich würde er mich nachts noch mehr schikanieren, wenn er bemerkte, dass etwas vor sich ging, von dem er nichts wusste.

Rhoan drückte leicht meinen Arm. »Willst du, dass ich dich diesmal zur Umkleidekabine begleite?«

Ich nickte. Man sollte das Schicksal kein zweites Mal herausfordern.

Wir liefen über die Flure zu den Umkleidekabinen. Ich bewunderte zunächst die regenbogenfarbenen Flecken, die meinen ganzen Körper zierten, dann stieg ich unter die Dusche und reinigte mich von Blut und Schweiß und Gautiers fauligem Geschmack in meinem Mund. Glücklicherweise hatte ich frische Sachen zum Wechseln mitgebracht, denn das T-Shirt und die Trainingshose konnte ich in der Öffentlichkeit nicht mehr tragen.

Rhoan setzte mich zu Hause ab, und ich stellte erleichtert fest, dass Kellens weißer BMW nirgends zu entdecken war. Vielleicht blieb mir ausreichend Zeit, mich in einen einigermaßen passablen Zustand zu versetzen. Ich stieg die Treppen hoch. Nach dem stundenlangen Training und dem Kampf mit Gautier schafften mich die sechs Treppenfluchten. Mit zittriger Hand öffnete ich die Tür zu dem Flur, in dem meine Wohnung lag, und stellte fest, dass das Schicksal mir weiterhin übel mitspielte.

Vor meiner Wohnung stand Kellen.

Und neben ihm Quinn.

Keiner der beiden schien sonderlich beglückt von der Anwesenheit des anderen zu sein.