Titel

Gunter Haug

So war die Zeit

Lebensgeschichten
aus den Aufbaujahren

Impressum

Lübbe Digital

 

 

 

 

Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

 

Lübbe Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG

 

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ISBN 978-3-8387-0314-5

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Widmung

Unseren Eltern

 

 

 

 

und für Gottlob Haag (1926–2008),
dem großen Lyriker von Hohenlohe-Franken.

Roman

Tief duckt sich die Steinmühle unter der mächtigen Stadtkulisse von Rothenburg ob der Tauber in den Flusslauf. Es ist Samstag, der 29. Mai 1948, recht früh am Morgen, kurz vor 7 Uhr. Ein schwarz-grüner Schatten liegt über den taufeuchten Wiesen. Die Sonne schickt ihren ersten zaghaften Strahl um die Wegbiegung. Ein großer, grau gestrichener Reisebus quält sich ruckelnd durch die enge, mit zahlreichen Schlaglöchern übersäte Straße im Taubertal. Hinter der immer noch in Trümmern liegenden Doppelbrücke verlangsamt er seine Geschwindigkeit deutlich, bleibt zögerlich stehen. Der Fahrer wirft einen forschenden Blick zum rechten Straßenrand hinüber. Dort, am Hofeingang zur Steinmühle, stehen zwei Personen. Eine ältere, schwarzgekleidete Frau und ein junges Mädchen, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt. Fahrgäste womöglich. Doch sie machen keine Anstalten, sich dem anhaltenden Bus zu nähern.

 

Unwirsch blies der Fahrer Luft durch die Nase. „Ja, was ist jetzt?“, brummelte er ärgerlich und zuckte mit einer fragenden Geste die Schultern, während er den Blickkontakt mit der älteren der beiden aufnahm. Die schien jetzt verstanden zu haben und hob abwehrend ihre Hände, während sie entschieden den Kopf schüttelte.

Die Folge war ein neuerliches Brummeln. „Hätte ich mir ja denken können! Wer wird auch schon ohne Koffer verreisen wollen.“ Vorsichtig legte der Fahrer den Gang ein und trat dann kräftig auf das Gaspedal. „Diesen Umweg könnten wir uns sparen. Da steigt ja sowieso nie jemand ein.“ Der Bus stieß eine mächtige dunkle Rauchwolke aus seinem Auspuff und verschwand wenig später hinter der Straßenbiegung in Richtung Gebsattel.

„Wo fahren die Leute mit dem Omnibus eigentlich hin?“ Das junge Mädchen strich sich versonnen über die Stirn und massierte dann mit Daumen und Zeigefinger ihre Nasenwurzel, um die bleierne Müdigkeit zu vertreiben, die ihr schon seit dem Aufstehen im ersten Morgengrauen schwer in den Knochen steckte.

Gleichzeitig hatte sie noch dieses Bild im Kopf. Den Anblick des Jungen, der mit seinen traurigen Augen durch die beschlagene Scheibe des Busses geschaut hat, ohne sie dabei wahrzunehmen. Irgendwie schien er mit seinen Gedanken in weite Ferne gerückt – und wirkte trotz der vielen Fahrgäste, die sich mit ihm im Omnibus befanden, einsam und verloren. So jedenfalls hatte es für Bärbel den Anschein gehabt.

Eine laute Frauenstimme riss sie aus diesen Gedanken. Es war die Stimme der Großmagd. Die Antwort auf Bärbels Frage. „Die fahren von hier aus weiter über Gebsattel bis nach Ansbach. Das ist ein ziemlicher Umweg, den der Omnibus da immer machen muss. Ich frage mich, weshalb sie das eigentlich tun. Denn hier unten im Tal steigen ja wirklich nie viele Leute ein. Die könnten doch auch hochlaufen zum Marktplatz. Früher, bis kurz vor Kriegsende, da hat der Postbus, der von Creglingen herkommt, noch die andere Strecke fahren können. Von Detwang aus, am Topplerschlösschen vorbei, über die Doppelbrücke und dann ist er links abgefahren, die Steige hoch. Aber seit sie dann in den letzten Kriegstagen die Doppelbrücke gesprengt haben, seitdem muss er den Umweg machen. Also erst von Detwang auf dem direkten Weg hoch nach Rothenburg und dann vom Marktplatz über das Spitaltor wieder runter, an unserer Mühle vorbei und weiter. Die reine Zeitverschwendung.“ Missbilligend verzog die Magd ihre Mundwinkel und streifte das junge Mädchen, das seit nun knapp zwei Monaten ihr Pflichtjahr in der Steinmühle absolvierte, mit einem prüfenden Blick aus ihren grauen Augen. Die Arbeit hier schien für die schmächtige 14-Jährige eine ziemliche Mühsal zu sein und setzte ihr ganz offensichtlich ordentlich zu, das konnte man deutlich sehen. Ihre blasse Gesichtsfarbe, die müden Lider, die herunterhängenden Schultern, dieser schleppende Gang. Die Kleine konnte einem beinahe leidtun. Schon von ihrem Körperbau her schien sie für eine solche Arbeit nicht unbedingt geschaffen, und sie war dieses harte Arbeiten auch nicht gewöhnt. An den ungeschickten Bewegungen, mit denen sie die Großmagd anfangs regelmäßig zur Weißglut getrieben hatte, war das mühelos zu erkennen gewesen. Und noch immer hatte sie sich nicht zurechtgefunden, sondern schien von Tag zu Tag kraftloser zu werden. Das arme Ding.

Unsinn!

Die Großmagd schnaubte missmutig. Was waren das denn für seltsame Gefühlsduseleien. Mitleid! Wer hatte je mit ihr Mitleid gehabt? Damals, vor gut und gerne 30 Jahren, als sie ihre erste Stellung angetreten hatte. Beziehungsweise hatte antreten müssen. Kein Mensch! Da hatte sie nachts in der eiskalten Kammer so viel und so bitterlich in das mit Stroh gefüllte Kissen weinen können wie es nur ging. Das hatte nie jemanden gekümmert. Schon gar nicht die beiden anderen Mägde, mit denen sie sich die Kammer teilen musste. Mit der Zeit hatte es sich dann gegeben. Und so würde es auch in diesem Fall sein. Die Zeit heilt alle Wunden.

„Wie schön das wäre ...“

Irritiert blinzelte die Großmagd zu der Jüngeren hinüber, deren Miene einen sehnsuchtsvollen Ausdruck angenommen hatte.

„Was wäre schön?“

„Wenn ich auch einmal mit dem Omnibus fahren dürfte.“ Bärbel seufzte tief. „Ich bin nämlich noch nie damit gefahren.“

„Papperlapapp!“ Da hatte sie es schon. Das kam davon, wenn man sich vor lauter Mitgefühl treiben ließ. Hirngespinste. „Wieso soll eine Magd mit dem Omnibus fahren? Komm jetzt an die Arbeit. Die wird dir diese Flausen ganz schnell aus dem Kopf treiben. Die wartet nämlich nicht. Auf geht’s! Aber rasch!“

Abrupt wandte sich die ältere Frau damit um. Nur ja keine Gefühle aufkommen lassen. Das war nie gut. Allein, wenn sie an die letzte Magd zurückdachte, diese Gretel, der sie doch allerhand beigebracht hatte. Und dann, war die nach zwei Jahren in der Mühle plötzlich zu ihr gekommen und hatte ihr erklärt, sie werde nicht länger hierbleiben. Kein weiteres Jahr mehr. Hatte sich einfach geweigert, noch einmal zu verlängern. Da war jedes Wort, jede Aufforderung vergeblich gewesen. Am Ende des Arbeitsjahres war sie einfach fortgegangen. Ausgerechnet jetzt, wo sie endlich soweit war, um die meisten Tätigkeiten selbstständig zu verrichten! Das war ja ... Aber um diese Befindlichkeit der Großmagd hatte sie sich nicht im Geringsten geschert. Die konnte jetzt schauen, wo sie blieb. Und musste wieder ganz von vorne beginnen. Bei diesem klapperdürren, schmächtigen Mädchen, dem sie anscheinend selbst die kleinste Kleinigkeit noch genau erklären musste. Die konnte ja gar nichts! Und wenn sie endlich etwas gelernt hatten, dann gingen sie wieder weg. So, wie auch die Gretel vor zwei Monaten. Schon deshalb war es nicht gut, allzu viel Fürsorge oder womöglich gar Mitgefühl an den Tag zu legen. Damit man hinterher erst gar nicht enttäuscht werden konnte. Sollten die jungen Dinger also am besten selber schauen, wie sie zurechtkamen.

Auch heute war die Arbeit wieder eine besondere Mühsal. Den ganzen Tag über auf dem Kartoffelacker das erste Unkraut hacken zu müssen, das war alles andere als angenehm. Schon gar nicht in dieser glühenden Hitze, die sich seit dem späten Vormittag über die Felder breitete. Doch trotz der rüden Zurechtweisung durch die Großmagd und trotz der anstrengenden Tätigkeit, die Bärbel bis an den Rand der völligen Erschöpfung brachte, ging ihr den ganzen Tag über dieses Bild nicht aus dem Kopf. Das Bild des traurigen Jungen aus dem Omnibus, der mit diesem eigenartig hoffnungslosen Gesichtsausdruck ins Leere gestarrt hatte. Selbst noch Wochen später musste sie immer wieder an ihn denken. Weshalb er wohl so traurig gewesen war? Sicher stammte er aus einer Familie, die mehr Geld besaß als Bärbels arme Eltern. Wo er doch mit dem Omnibus hatte fahren dürfen. Was für Bärbel ein unerreichbarer Traum schien.

 

Auch für den heranwachsenden Walter Langheinrich mit seinen 15 Jahren war es die erste Busfahrt seines Lebens gewesen. Eine Fahrt, die er dennoch nicht genießen konnte. Denn zusammen mit seinen Großeltern, mit denen er am frühen Morgen in Creglingen aufgebrochen war, hatte die Reise ein bitteres Ziel: Herrieden. Zur Beerdigung seiner Mutter. Ausgerechnet bei diesem traurigen Anlass würde er dann auch zum ersten Mal im Leben seinen vier Stiefgeschwistern begegnen.

Auf dem Marktplatz in Rothenburg angekommen, hatten sie in einen anderen Omnibus umsteigen müssen. Walter war es dabei so vorgekommen, als habe er beim Ausstieg aus dem Creglinger Postbus schlagartig auch einen wesentlichen Teil seines Lebens hinter sich gelassen. Als habe er damit den entscheidenden Schritt in eine andere Zeit getan. Das war angesichts der Situation, in der er sich befand, weiß Gott keine schöne Erfahrung. Aber diese Weichenstellung war erfolgt, ohne dass ihn jemand nach seinen Wünschen und Befindlichkeiten gefragt hätte. Eine neue Phase in seinem Leben hatte begonnen.

Genau hier hatte vor knapp zwei Monaten schon ein anderer junger Mensch den entscheidenden Schritt in einen neuen Lebensabschnitt getan. Für Gretel Staudacher war es ebenfalls das erste Mal im Leben gewesen, dass sie mit einem Omnibus fahren konnte. Dementsprechend groß war ihr Herzklopfen, als die 16 Jahre alte Gretel in dieses riesige Fahrzeug stieg. Es war der 6. April 1948. Der Wendepunkt. Nur, dass es sich in diesem Fall um ihren freien Willen handelte. Genau so hatte sie es nämlich gewollt und das Ganze dementsprechend sorgfältig geplant. Die Fahrt mit dem Omnibus vom Rothenburger Marktplatz zum Bahnhof nach Dombühl. Von dort sollte es dann mit der Eisenbahn nach Stuttgart weitergehen. Irgendwo in Stuttgart wollte sie eine Arbeitsstelle finden. Gegen alle Widerstände hatte sie dieses Vorhaben in der eigenen Familie durchgesetzt.

Als der Busfahrer vorsichtig die Handbremse löste, mit einem leisen Knirschen den Gang einlegte, die Kupplung drückte und das Gaspedal betätigte, wodurch sich die mächtigen Räder des Fahrzeugs langsam in Bewegung setzten, begann für Gretel Staudacher ein neuer Abschnitt ihres Lebens.

Auf dem Marktplatz von Rothenburg ob der Tauber haben sich die Spuren von Gretel und Walter ganz kurz gekreuzt – wenngleich auch im Abstand von einigen Wochen und ohne dass es die beiden natürlich jemals hätten ahnen können. In diesem Buch geschieht es ein weiteres Mal: genau 60 Jahre später, nach unzählig vielen Ereignissen, Begegnungen und Episoden, wie sie eben nur das Leben selbst schreiben kann. Lebenswege.

Einer der Wege sollte von der Märchenkulisse des Deutschen Mittelalters bis nach Indochina führen. In die Hölle von Dien Bien Phu.

 

*

Ein alter abgewetzter Koffer, ein vergilbtes kleines Foto, unscharfe Erinnerungen. Bilder, die im Lauf der Jahre immer weiter verblasst sind. Das war alles, was uns Kindern aus der eigenen Familie über die Aufbaujahre in der Nachkriegszeit bekannt war. Die Eltern haben meistens über diese Zeit nicht viel geredet, in der sie aufgewachsen sind, in der sie dann ihre ersten Schritte ins Berufsleben taten und schließlich eine Familie gegründet haben. Wie auch? Zum Geschichtenerzählen blieb vor lauter Arbeit sowieso keine Zeit. Und ehrlich gesagt: Es hat uns Kinder damals auch gar nicht sonderlich interessiert. Denn was sollte am Leben von Mutter oder Vater schon so spannend gewesen sein?

Es hat uns also schlichtweg „nicht gejuckt“. Und während ich diese Tatsache hiermit offen zugebe, fällt mir beim Schreiben dieser Zeilen natürlich auf, wie es mir bei den Geschichten, die dann später in meine Bücher Niemands Tochter und Niemands Mutter eingeflossen sind, ergangen ist. Nämlich ganz genauso. Darin werden die Lebenswege meiner Großmutter und der Urgroßmutter beschrieben. Wen um alles in der Welt das denn eigentlich interessieren solle, hatte ich meiner Mutter ziemlich verständnislos zur Antwort gegeben, als sie meinte, ich möge diese Biografien doch einmal aufschreiben und dann als Buch veröffentlichen. Meine Abwehr war rigoros. Wer möchte in der heutigen Zeit unbedingt erfahren, wie ein bitterarmes Leben vor rund hundert Jahren ausgesehen hat und wie es unter oftmals erbärmlichen Umständen bis zum Ende durchgelebt werden musste? Aber irgendwann hatte es mich dann eben doch gepackt und ich habe mich an die Arbeit gemacht. Und wenn es zunächst nur deshalb war, weil meine Mutter halt nicht so schnell klein beigibt, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Vielleicht wollte ich nur den Druck von mir nehmen, um ihr hinterher sagen zu können, dass ich es ja gleich gewusst hätte: „So etwas“ trägt auf gar keinen Fall ein ganzes Buch. Von wegen! Ohne das gleich so richtig zu begreifen, bin ich im Laufe der Wochen und Monate immer tiefer in die Lebenssituation der einfachen Leute auf den Dörfern in Franken und Hohenlohe hineingeraten und habe all den Geschichten nachgespürt, die sich aus dem Leben meiner Vorfahren noch finden ließen. Das war faszinierend und spannend zugleich. Von wegen „armes, völlig uninteressantes Leben“! Wieder einmal hatte ich nach einiger Zeit verstanden: Im Leben dieser unzähligen „Namenlosen“ spiegelt sich der ganze Lauf der Geschichte. Denn die Kleinen sind es ja, die den großen Karren ziehen müssen. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte dieses Landes. Und so ist nicht nur ein Buch über das Leben meiner Vorfahren entstanden, sondern gleich danach noch ein zweites. Der Erfolg war überwältigend! Meine Mutter hatte also recht behalten, während mir zunächst nur eine Art beschämtes Staunen blieb – das sich dann aber bald mit der Freude vermischt hat, dass gerade diese, auf den ersten Blick scheinbar uninteressanten Schicksale der „kleinen Leute“, selbst viele Jahrzehnte später die Menschen noch berühren können.

Während der Vorarbeiten zu diesem Buch habe ich im mittelfränkischen Uffenheim einen Vortrag aus Niemands Mutter gehalten. Anschließend ist ein älterer Mann auf mich zugekommen, der sich als regionaler Heimatpfleger vorstellte und meinte, er habe auf Wunsch seiner Frau die beiden Bücher über das arme Leben meiner Großeltern und der Urgroßmutter auch gelesen. Nachdem er die Lektüre beendet hatte, habe er sich achselzuckend an seine Frau gewandt und gemeint: „Na und? Was ist denn jetzt daran so besonders? Diese Geschichten hat es damals doch überall gegeben. Und zwar zu Tausenden.“

Nun also wolle er einmal, wenn sich hier schon die Gelegenheit biete, von mir direkt wissen, was ich wohl dazu meine? Wo denn das Besondere an den von mir beschriebenen Lebenswegen zu finden sei?

Ich habe dem Mann geantwortet, dass ich mit seiner Einschätzung völlig übereinstimme. Ja, er hatte recht. Es sind tatsächlich Geschichten, wie sie sich früher überall zugetragen haben: Alltagsleben anno dazumal. Nichts Besonderes. Zugegeben.

Wenn dennoch etwas Besonderes in diesen Büchern stecken sollte, dann ist es schlicht und einfach die Tatsache, dass hier einmal aufgeschrieben und verbreitet worden ist, was den sogenannten „kleinen Leuten“ damals widerfahren ist. Dass es jemanden interessiert hat, wie sie gelebt und gearbeitet haben, wie sie sich durchs Leben kämpfen mussten, bitterarm, kaum beachtet, vielmehr von den reichen Bauern und Bürgern verachtet, als spottbillige Arbeitskräfte ausgenutzt und missbraucht. Dass es hier endlich einer für wert erachtet hat, diese Geschichten aufzuschreiben, damit sie nicht vergessen werden. Die Geschichten nicht – und auch nicht diese Millionen von Namenlosen, die sich oft durch widrigste Lebensumstände kämpfen mussten. Keiner hat sie jemals gefragt, ob ihnen dieses Leben passt oder nicht. Es war halt so und deshalb musste es irgendwie bewältigt werden. Logisch: Auch sie hätten es gerne anders gehabt, ein klein bisschen schöner wenigstens. Und dennoch hat man kaum jemanden von ihnen jammern gehört. (Wenn man bedenkt, worüber in heutigen Tagen aus Herzenslust geklagt und gejammert wird ...) Aber was hätte es auch genützt? Wer hätte diese Klagen hören wollen? Und selbst wenn: Was hätte sich zum Besseren gewendet?

Mit ungeheuerer Kraft und Zähigkeit, die aus heutiger Sicht nahezu unvorstellbar wirkt, haben diese Menschen vom Rand der Gesellschaft ihr armes Leben zu Ende gelebt – oft genug mit einer bewundernswerten Würde. Denn diese Selbstachtung, die haben sie sich nicht auch noch nehmen lassen.

Es war also wirklich höchste Zeit, dass auch einmal diese „Kleinen“ ihr Denkmal bekommen haben: in Form eines Buches. Meiner Mutter sei Dank. Es ist ihr Verdienst, dass sie mich in dieser Hinsicht nicht mehr hat entwischen lassen.

Und seitdem lässt mich diese Faszination nicht mehr los, den Namenlosen wieder einen Namen zu geben, indem ich ihren Geschichten nachspüre, sie Episode um Episode rekonstruiere und es dann weitererzähle.

Es sind natürlich immer nur einzelne Schicksale, die dabei geschildert werden können, aber für mich stehen sie stellvertretend für all die anderen, die man genauso wenig einfach vergessen sollte. Es muss ja nicht immer gleich ein Buch daraus werden. Man kann diese Geschichten auch in den Familien weitererzählen, damit sie nicht unwiederbringlich verloren gehen. Ich denke, das sind wir unseren Vorfahren schuldig.

Und wer weiß, vielleicht begreift die eine oder der andere beim Hören solcher Lebensgeschichten sogar, wie gut wir es heutzutage doch haben – trotz aller Sorgen und Nöte, die natürlich niemanden ganz verschonen. Denn es steht für mich völlig außer Frage, dass wir es als Kinder des späten 20. Jahrhunderts von vornherein besser hatten als unsere Vorfahren. So seltsam diese heutige Zeit manchmal auch daherkommt. Mit ihrer drastischen Zunahme im Bereich der sozialen Verwahrlosung. Da hat sich inzwischen eine geistig-moralische Unterschicht ausgebildet, der es an allem Möglichen fehlt, seltsamerweise nicht am Geld. Eher im Gegenteil: Daran mangelt es diesen Leuten nicht. Geld haben sie genug. Sonst wenig.

Aber wie war das damals: Zukunftsaussichten? Was sollte das heißen? Eine müßige Frage, denn es gab schlichtweg keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Gesellschaft war in ihrer sozialen Schichtung absolut undurchlässig. Das sprichwörtliche „Die da oben – wir da unten“ hatte seine felsenfeste Gültigkeit. Aufstiegschancen für „die von unten“? Undenkbar! All diese sozialen Errungenschaften, die wir heutzutage als völlig selbstverständlich hinnehmen, die hat es damals noch gar nicht gegeben. Unsere Großeltern hätten davon noch nicht einmal zu träumen gewagt.

Allerdings: In einer Zeit wie der unseren, in der man angesichts der schärfer werdenden Kontraste zwischen Arm und Reich die beklemmende Erkenntnis längst nicht mehr beiseite wischen kann, dass manches Rad des sozialen Fortschritts gerade wieder kräftig zurückgedreht werden soll, ist es vielleicht auch ganz wichtig, dass wir begreifen, wie es einst in der sogenannten „guten alten Zeit“ war.

Ein Blick in die Vergangenheit kann guttun. Damit wir uns diese, von den Vorfahren mühsam erkämpften Errungenschaften nicht wieder kaputt machen lassen. Es wäre fatal und fahrlässig zugleich. Niemals zuvor in unserer Geschichte haben breite Schichten der Bevölkerung die Chance auf eine würdevolle Existenz gehabt. Das kann man sich doch nicht einfach aus der Hand nehmen lassen. Es muss uns also gelingen, dieses Erbe dauerhaft zu sichern. Schon im Interesse unserer Kinder und deren Kinder.

Auch die Generation unserer Eltern, die nach dem Krieg als Heranwachsende die sogenannten Aufbaujahre durchlebt haben, hatte es längst nicht so gut wie wir Wirtschaftswunderkinder. Was wir hatten, schien uns selbstverständlich. Erst in den vergangenen Jahren haben wir langsam begriffen, wie viel Arbeit und Mühe in Wahrheit damit verbunden war, bis die Eltern für uns den Weg in eine sichere Gegenwart bereitet hatten.

 

In der Zeit zwischen 1945 und 1955 sind viele Grundlagen für den Wohlstand und sozialen Aufstieg geschaffen worden, wovon wir bis heute profitieren.

Einfach war das nicht, kaum vorstellbar eigentlich, dass dieses Wirtschaftswunder gelingen konnte, zumal das Land nach dem großen Krieg ja völlig zerstört am Boden lag. Doch die jungen Leute haben nicht klein beigegeben, sondern sind mit Tatkraft, Zähigkeit und einem unerschütterlichen Überlebenswillen ans Werk gegangen. Eine andere Chance hatten sie nicht.

 

*

Zwei wirkliche Lebenswege werden in diesem Buch beschrieben. So individuell sie natürlich verlaufen sind, stehen sie dennoch in gewisser Weise stellvertretend für viele weitere solcher Schicksale in dieser Zeit.

Es handelt sich um die Jugendjahre von Gretel Staudacher aus Rothenburg ob der Tauber (meiner im Jahr 1932 geborenen Mutter) und dem nahezu gleichaltrigen Walter Langheinrich aus Creglingen (Jahrgang 1933). Obwohl ihre Geburtsorte nur rund zwanzig Kilometer entfernt voneinander liegen, sind sich Gretel und Walter wahrscheinlich niemals im Leben begegnet – und falls doch, dann war es ihnen nicht bewusst. Erst recht hätten sie natürlich nicht gedacht, dass die Zeit ihres Heranwachsens und Erwachsenwerdens einmal in Form eines Tatsachenromans beschrieben werden könnte. Und dann auch noch in ein und demselben Buch.

Sie kennen sich also nicht und sind doch Kinder derselben Zeit. Die ersten Nachkriegsjahre, diese Zeit des Wiederaufbaus, haben dem Leben von Gretel Staudacher und Walter Langheinrich nachhaltig die Richtung vorgegeben.

Wie ich auf die Biografie von Walter Langheinrich gestoßen bin?

Das hat wieder etwas mit den Büchern Niemands Tochter und Niemands Mutter zu tun, der Geschichte meiner Rothenburger Vorfahren. Immer wieder hatte ich daran gedacht, irgendwann einmal die Geschichte vollends zu Ende zu erzählen. Also, die häufig gestellte Frage zu beantworten, was eigentlich aus den ganzen Kindern geworden ist, die im winzigen Haus der Familie Staudacher im Alten Keller 7, in Rothenburg herangewachsen sind. Wie haben sich diese acht Kinder, die aus einfachsten Verhältnissen stammten, nach dem Krieg im Leben zurechtgefunden? Mehrfach hatte ich einen Anlauf genommen, um die Geschichte weiter zu erzählen – und habe jedes Mal gleich im Ansatz wieder innegehalten. Irgendwie schien es mir, als sei noch nicht genügend Zeit verstrichen. Nicht, dass es womöglich den Anschein hatte, als wolle man die Staudachers auf einen Sockel stellen. Als meinten „ausgerechnet die da“, sie seien etwas ganz Besonderes. Dabei waren und sind sie Menschen wie alle anderen auch. Sie haben sich aus einfachsten Verhältnissen und trotz teilweise widriger Begleitumstände durch das Leben gekämpft – es sind Geschichten, wie sie das Leben in dieser Zeit hunderttausendfach geschrieben hat. Nur stellt sich auch bei dieser Generation wieder die Frage: Wer hat diese Geschichten aufgeschrieben? Wem waren sie es wert? Die Antwort ist dieselbe wie vorher.

Also ist dieses Buch entstanden, in dem die darin enthaltenen Namen stellvertretend für viele andere stehen sollen, die einen ganz ähnlichen Lebensweg gegangen sind.

Dieses Mal also geht es bis in die Gegenwart hinein – womit ich ein ganz besonders sensibles Feld betrete, denn die meisten der hier beschriebenen Personen leben noch, oder zumindest ihre Kinder. Die Erinnerung an manche Begebenheiten, das sind nicht immer nur nette Geschichten, ist noch wach – und deshalb wird es wohl nicht allen recht sein, was da so alles zu Papier gebracht wird. Klar, solange man es nur mündlich weiter erzählt, ist das nicht besonders problematisch. Aber wenn eine Geschichte erst einmal schwarz auf weiß zu Papier gebracht worden ist, und damit der Nachwelt sozusagen „für alle Zeiten“ erhalten bleibt, dann ist es damit oft so eine Sache. Nicht etwa, dass man etwas zu verbergen hätte, aber andererseits stellt sich eben manchmal schon die durchaus berechtigte Frage, ob alle – also auch ganz Fremde – unbedingt über alles Bescheid wissen sollen, was ein Mensch und eine Familie im Laufe der Jahre erlebt haben. Das habe ich schon als eine zusätzliche Hürde empfunden. Denn solche Bedenken müssen ernst genommen und respektiert werden. Es war ein weiterer Grund dafür, weshalb ich so lange mit dieser „Fortsetzung“ gewartet habe.

Insofern hat es sich gut gefügt, dass ich eines Tages einen großen Umschlag aus dem Briefkasten gezogen habe. Darin steckte ein kurzes Schreiben, an das die ersten Seiten einer Lebensgeschichte geheftet waren.

Meine Reaktion darauf ist dann genauso ausgefallen, wie sie in solchen Fällen immer ausfällt: „Nicht schon wieder!“, habe ich gestöhnt. Denn alle paar Wochen bekomme ich mittlerweile Post, in der mich jemand bittet, doch auch sein Leben in einem Buch zu beschreiben. Ebenso geht es mir bei den vielen Lesungen, dass regelmäßig Menschen auf mich zukommen, die mir ganz ähnliche Schicksale schildern. Herzerweichende, anrührende Geschichten. Spannende Biografien. Keine Frage. Aber wann soll ich das denn alles schreiben? Und außerdem: Wäre es nicht besser, die Leute würden ihre Geschichten erst einmal selbst zu Papier bringen? Auch für die Nachfahren in der eigenen Familie, die eines Tages vielleicht schon einmal wissen wollen, woher sie kommen, was ihre Eltern und Großeltern erlebt haben. Weshalb die Dinge in der Familie so sind, wie sie eben sind. Weshalb der Vater Handwerker geworden ist, weshalb die Großmutter so verbittert war. Manches von heute lässt sich dadurch vielleicht besser begreifen, durch dieses Mosaik aus vielen einzelnen Lebenswegen von früher.

Dennoch sind die Leute meistens enttäuscht, wenn ich ihnen das sage. Ich spüre es jedes Mal ganz genau.

Wie gesagt, auch im Fall von Walter Langheinrich habe ich nichts anderes vorgehabt, als möglichst schnell zusammen mit den beigefügten Aufzeichnungen eine möglichst schonend formulierte Absage zurückzuschicken. Aus irgendeinem Grund habe ich dann doch damit begonnen, diese Geschichte intensiver anzuschauen.

Aber kaum war die erste Seite gelesen, da habe ich schon gestutzt. Es ist die Geschichte einer Familie, die ganz in der Nähe von Rothenburg zu Hause ist. Cirka 15 Kilometer abwärts der Tauber, in Creglingen. Der Dreh- und Angelpunkt schien dabei die Biografie eines Jugendlichen in den Nachkriegsjahren zu sein. Also dieselbe Zeit, die ich ja sowieso beschreiben wollte und für die ich schon seit Jahren noch einen besonderen Aufhänger gesucht habe. Eine passende Ergänzung zu der anderen Geschichte. Plötzlich war sie da. Vielleicht hat mich der Brief auch deshalb von Anfang an so gefesselt, weil mir nicht der „Hauptdarsteller“ selbst geschrieben hatte, sondern seine Cousine.

Das Schreiben stammte von Erna Vogel aus Archshofen bei Creglingen im Taubertal: „Sehr geehrter Herr Haug, als Erstes möchte ich Ihnen schreiben, wie sehr mich die beiden Bücher ihrer Vorfahren in Rothenburg bewegt haben. Das Leben und Schicksal einfacher Leute. In meiner Familie gab es ähnliche Lebensläufe. Besonders die Jugend meines Vetters Walter, geboren 1933. Er wurde 1951 Opfer eines Fremdenlegionärs-Werbers – im Alter von 18 Jahren. Erster Einsatz bei den Franzosen im Indochina-Krieg. Mein Vetter Walter und ich sind beide gebürtige Creglinger. Beim letzten Besuch in Creglingen gab ich ihm den Rat, doch seine Geschichte aus der Zeit aufzuschreiben. Die Mutter von Walter starb mit 35 Jahren, deshalb blieb er bei den Großeltern. Für meine Großeltern war es eine schlimme Zeit, während Walter in der Fremdenlegion war. Hatten doch die Großeltern drei Söhne im Zweiten Weltkrieg verloren. Der älteste Sohn war mein Vater ...“

Was für eine Geschichte! Und das alles in wenigen Zeilen!

Ich habe kurz durchgeschnauft und dann den Brief ein zweites Mal gelesen. Faszinierend! Und schon begann die Geschichte in meinem Kopf bereits erste Konturen anzunehmen. Das war mir in dieser Hinsicht noch nie passiert. Ich hatte schlagartig Feuer gefangen!

Erna Vogel und ich haben dann miteinander telefoniert und einige Zeit später habe ich mich mit ihr getroffen, um gemeinsam auszuloten, was man von der Geschichte ihrer Familie und ihres Vetters wohl noch rekonstruieren könnte. Denn ein Buch war immer noch in weiter Ferne. Jetzt ging es erst einmal um die Erinnerung. Um Dokumente, Fotos, Urkunden und Gespräche. Denn natürlich würde alles Weitere nun maßgeblich davon abhängen, was Walter Langheinrich, der ehemalige Fremdenlegionär, und seine Cousine Erna tatsächlich noch an Geschichten aus dem Gedächtnis zurückholen könnten. Schon wenige Tage nach dem Gespräch mit Erna Vogel hielt ich einen zweiten Brief in den Händen: „Zuerst möchte ich mich einmal vorstellen. Mein Name ist Walter Langheinrich. Geboren wurde ich am 18.05.1933 in Creglingen, in der Lindleinstraße 103 (Schwarzes Viertel). Meine Mutter Maria Langheinrich brachte mich unehelich zur Welt. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt ...“

Allein die Sprache in diesem Schreiben hat mich regelrecht elektrisiert. Einfach, klar, direkt und bescheiden. Mit einem Wort: so ... ja, wie denn eigentlich? Noch heute finde ich keine richtigen Worte dafür, um dieses Gefühl zu beschreiben, das mich beim Lesen des Briefes von Walter Langheinrich gleich bei den ersten Zeilen ergriffen hat. Obwohl ... Ja, doch. Genau das dürfte wohl der richtige Ausdruck dafür sein: ergriffen. Denn ergriffen war ich wirklich von dieser einfachen, skizzenhaften Darstellung einer Lebensgeschichte in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Und so ist also schließlich nach vielen Gesprächen, Briefwechseln und Ortsbesichtigungen dieses Buch entstanden. Es beschreibt die Lebenswirklichkeit in jenen Jahren aus der Perspektive der sogenannten kleinen Leute heraus. Junge Menschen, die buchstäblich aus dem Nichts heraus gestartet sind. Die sich mit viel Fleiß, Zuversicht und einer erstaunlichen Willenskraft ihre Existenz aufgebaut haben. Sie und viele andere haben dieses Land zu dem gemacht, was es heute ist. Stellvertretend für all die anderen sind es die Lebenswege von Gretel Staudacher und Walter Langheinrich – von den Aufbaujahren bis in die Zeit des Wirtschaftswunders. Wie es für sie selbst wohl sein wird, ihre eigene Geschichte in diesem Buch zu lesen?

 

*

Am 31. März 1945, dem 13. Geburtstag von Gretel Staudacher, wurde die Stadt Rothenburg zur Hälfte zerstört. Das Donnergrollen der explodierenden Bomben und Granaten war bis in das zwanzig Kilometer entfernte Creglingen zu hören. Im Mai 1945 war dann der Krieg zu Ende, im selben Monat wurde Walter Langheinrich 12 Jahre alt.

 

Rothenburg selbst lag zu großen Teilen in Schutt und Asche, Nürnberg und Würzburg waren fast völlig zerstört. Ganz Franken, das doch schon vor dem Krieg als wirtschaftlich wenig entwickelt, ja sogar rückständig gegolten hatte, lag am Boden.

Und so war es schlichtweg undenkbar, dass es ausgerechnet für junge Leute wie Gretel Staudacher oder Walter Langheinrich, die aus äußerst bescheidenen Verhältnissen stammten, in Franken noch eine Zukunft geben könnte. Wie sehr sie sich auch gewünscht hätten, hierbleiben zu können: Am Ende blieb ihnen, wie so vielen anderen Jugendlichen damals auch, nichts anderes übrig, als irgendwann ihr bisschen Habe in einen Koffer zu packen und ihr Schicksal von nun an selber in die Hand zu nehmen. So schwer es ihnen einerseits auch fiel, die Heimat verlassen zu müssen, andererseits war es ja auch ein Abenteuer. Nur anderswo konnten sie vorankommen. Irgendwo weit hinter dem Horizont lag die Zukunft. Und das tröstete sie über den Abschiedsschmerz schon wieder hinweg. Das Leben war spannend. Es war der Beginn eines langen Weges, der Walter sogar bis nach Indochina führen sollte.

 

*

Noch einmal zurück zum Anfang des ersten Briefes von Walter Langheinrich, in dem er schreibt, er sei in Creglingen geboren worden, als Sohn der Maria Langheinrich, ledig. „Aufgewachsen bin ich bei meinen Großeltern Johann Langheinrich und Sofie, geborene Striffler, die seit dem Jahr 1933 im ehemaligen Judenhaus der Rosenfelds wohnten. Die Rosenfelds wurden Anfang 1933 aus ihrem Haus vertrieben, das Haus ging in den Besitz der Gemeinde Creglingen über. Meine Großmutter wurde vom Bürgermeister als Hausmeisterin angestellt, das stattliche Gebäude wurde als Schule genutzt.“

Schon allein der Hinweis auf den Geburtsort von Walter Langheinrich verschlug mir bei der ersten Recherche in Creglingen schon fast den Atem! Denn, was schon aus dem Brief andeutungsweise herauszulesen war, das erwies sich als fürchterliche Tragödie. Sie ereignete sich nur wenige Wochen bevor der kleine Walter in diesem Haus als sogenannter „Bankert“ (als Kind einer nicht verheirateten Frau) auf die Welt kam. In der Rückschau stellt das Geschehen, das mit dem „Rosenfeldhaus“ verknüpft ist, den Beginn eines der unrühmlichsten Kapitel in der deutschen Geschichte dar. Denn ausgerechnet in Creglingen begann der Anfang vom Ende. Der von den Nationalsozialisten planmäßig betriebene Völkermord an den Juden, dem Millionen zum Opfer fielen.

Hier nahm die Schoah ihren Anfang.

 

Das repräsentative Gebäude, das auch heutzutage noch sehr stattlich wirkt, diente den Creglingern seit dem Frühjahr 1933 als Schulhaus. In Wirklichkeit aber war es das ehemalige Wohnhaus des wohlhabenden, jüdischen Viehhändlers Arnold Rosenfeld und seiner Familie gewesen. Nur einen Tag nach dem Inkrafttreten von Hitlers Ermächtigungsgesetz, mit dem sich „der Führer“ nunmehr unbeschränkte, diktatorische Vollmachten verschafft hatte, ist Arnold Rosenfeld umgebracht worden. Was war da geschehen?

Es war Samstagmorgen, der 25. März 1933. Aus Heilbronn war ein Rollkommando mit besonders fanatischen SA-Leuten angerückt, die sich mit Creglinger SA-Leuten und der örtlichen Polizei zusammentaten. Dann drangen sie in die Creglinger Synagoge ein, wo sie rüde den Gottesdienst unterbrachen und insgesamt sechzehn jüdische Synagogenbesucher mit brutaler Gewalt auf die Straße herauszerrten. Zuerst, so heißt es dann, habe man die „Verdächtigen“ auf das Rathaus gebracht und dort einem Verhör unterzogen. Im Lauf dieses „Verhörs“ wurden sie mit Stahlruten ausgepeitscht. Dabei muss es zu derart bestialischen Misshandlungen gekommen sein, dass noch am selben Tag der 67 Jahre alte Makler, Hermann Stern, und der 53-jährige Viehhändler, Arnold Rosenfeld, an den Folgen dieser Schläge verstarben. Die Vorgänge am 25. März 1933 in Creglingen waren der Beginn eines unvorstellbaren Pogroms. Hermann Stern und Arnold Rosenfeld waren die ersten Opfer.

 

Nach diesem brutalen Gewaltakt wurden die überlebenden Mitglieder der Familie Rosenfeld dann auch noch einfach aus ihrem Haus vertrieben. Unmittelbar danach wurde das Gebäude zum Schulhaus für Creglingen umfunktioniert. Für die im Obergeschoss eingerichtete Hausmeisterwohnung hat man teilweise sogar die Möbel der Juden verwendet, die noch im Haus vorhanden waren und die sie bei ihrem gewaltsamen Umzug in ein anderes Quartier (bis 1939 lebten trotz der fürchterlichen Vorgänge weiterhin Juden in Creglingen) hatten zurücklassen müssen.

 

In der Rückschau von Walter Langheinrich, dem kleinen Jungen, der dort bei seinen Großeltern aufwuchs und der erst viele Jahre später von dieser Tragödie erfahren hat, war das „Rosenfeldhaus“ natürlich immer nur das Schulhaus und das Haus, in dem er als „Bankert“ geboren wurde. Er kannte es ja nicht anders: „Es waren im ersten Stock eine Gewerbeschule sowie eine Handarbeitsschule für Mädchen untergebracht. Im zweiten Stock war noch eine Kochschule mit vier elektrischen Kochherden, sowie auf jedem Stock eine Toilette ohne Wasser (Plumpsklo). Auf dem zweiten Stock befand sich auch die Wohnung meiner Großeltern, wo auf unser Klo auch noch die Schülerinnen der Kochküche Zugang hatten. Als Papier wurden alte Zeitungen verwendet.

Mein Großvater arbeitete im Stadtwald und war eine Art Vorarbeiter, der auch die Löhne der anderen Arbeiter auszahlen musste. Das Geld bekam mein Großvater vom Revierförster, ihm musste er auch seine gearbeiteten Stunden und die der anderen Holzarbeiter jeden Monat vorlegen. Die Arbeiter waren nur im Winter beschäftigt, es waren Landwirte aus den umliegenden Ortschaften. Beim Ausbezahlen ihrer Löhne durfte ich meinen Großvater begleiten. Bei den Bauern, die im Winter geschlachtet hatten, gab es immer ein gutes Vesper.

Am 1. April 1939 fing für mich die Volksschule an. In der war ich der jüngste und auch der kleinste Schüler: Ich war damals erst fünf Jahre und zehneinhalb Monate alt. In der Schule war ich trotz meiner Jugend ein guter Schüler, in der Klasse waren wir etwa 35 Schüler, die besten waren ganz vorn. Ich befand mich so im ersten Drittel der Reihen. Ab der 2. Klasse musste ich nach der Schule, die morgens gegen halb zwölf Uhr zu Ende war, sofort mit dem Essen, das sich in einem dreistöckigen Einsatz aus Aluminium befand, in den Wald, der Bockstall hieß. Meine Großmutter machte um das Kochgeschirr noch ein warmes Tuch herum, damit das Essen, wenn es ankam, auch noch warm war. Wir waren meistens zu dritt, es waren noch zwei Mädchen im gleichen Alter dabei. Zu gehen hatten wir eine halbe Stunde, etwa zwei Kilometer, bis zu einem Blockhaus, wo die Waldarbeiter Mittag machten. Als wir dort ankamen, hatten wir auch Hunger, mein Großvater gab mir auch jedes Mal etwas vom Essen ab, die beiden Mädchen gingen bei ihren Vätern auch nicht leer aus.

Wenn am Nachmittag keine Schule war, musste ich mit meiner Großmutter zum Bauern in der Nachbarschaft oder mit in den Wald zur Pflanzenschule. Wenn die Frauen die Buchen-, Eichen- oder Fichtenpflanzen aus dem Boden holten, um von den Waldarbeitern versetzt zu werden, musste ich Bucheckern auflesen, die später in der Ölmühle zu Öl geschlagen wurden. Gelernt für die Schule habe ich am Abend.

Meine Großmutter machte daneben auch noch beim Sternwirt den Haushalt und in der Synagoge bei den Juden Putzarbeiten.

Wir hatten in Creglingen zwei Getreidemühlen und zwei Sägemühlen. Mühle eins war die Kohlesmühle bei der Herrgottskirche am Herrgottsbach, Mühle zwei war die Ölmühle, welche auch noch Getreide verarbeitete und außerdem einen guten Obstschnaps brannte. Dazu eine Episode: Mein jüngster Onkel, der Georg, kam 1943 im Kriegsurlaub nach Creglingen. In der Ölmühle wurde wieder Schnaps gebrannt, es fehlte jedoch ein Mann zum Helfen. Mein Onkel sprang kurzentschlossen ein. In der Nacht mussten sie ihn dann in Pferdemist eingraben, sonst wäre es mit ihm vorbei gewesen, der Grund dafür war, dass die Leute ihn mit 90-prozentigem Vorlauf abgefüllt hatten! Er wäre sonst innerlich ausgebrannt.

Im Jahr 1943, mit 10 Jahren, kam ich in die Hitlerjugend zum Jungvolk. Ein jeder bekam eine schwarze Uniform, am braunen Hemd ein hellbrauner Lederknoten: der Stolz jedes Hitlerjungen. Wir hatten sonntagmorgens in der Lindleinstraße 103, im Erdgeschoss, unseren Jugendraum, wo wir am Anfang unserer Schulung einen Eid auf die Fahne schwören mussten. Nach der Schulung ging es auf den Sportplatz. Da wurden Wettkämpfe ausgetragen: 75-Meter-Lauf, Weitsprung, Hochsprung, Ballweitwurf. Die besten mit über 350 Punkten erhielten die silberne Wettkampfnadel, diese musste später in Bad Mergentheim bei den Kreismeisterschaften verteidigt werden. In den Sommerferien ging es zur Burg Brauneck, dort waren wir über das Wochenende mit Geländespielen beschäftigt, woran wir alle großen Spaß hatten. Einmal fanden die Geländespiele in Finsterlohr statt. Übernachtet wurde auf einem großen Bauernhof in der Scheune. Ein Kamerad hat uns die halbe Nacht durch sein lautes Schnarchen gestört. Den haben wir, ohne dass er erwachte, mitsamt der Zeltplane in eine Schlehenhecke gesetzt, wo er am Morgen von den Gegnern gefangen wurde. Morgens gab es beim Bauern ein gutes Frühstück und im Stall eine lauwarme Milch: aus dem Euter der Kuh direkt in den Mund.

In den Kriegsjahren gab es damals Lebensmittelmarken sowie Bezugsscheine für Kleider und Schuhe. Um in der Not noch extra etwas zu erhaschen, musste nachgeholfen werden. Mein Großvater war ja im Wald beschäftigt, da gab es auch Birkenreis für Stallbesen. Weiden, zum Flechten der Brotkörbe, gab es genug der Tauber entlang. Die fertigen Produkte, Besen und Brotkörbe, waren bei den Bauern sehr gefragt. Die Hälfte des Preises nahmen wir in Reichsmark, die andere Hälfte in Lebensmitteln, etwa Schmalz, Mehl, Butter oder Eier. Somit kamen meine Großeltern mit mir einigermaßen gut zurecht. Bei den Bauern war meine Großmutter mit mir am Abend mit dem Leiterwägelchen unterwegs, wer aber nach der Polizeistunde um 22 Uhr noch erwischt wurde, der hatte nichts zu Lachen.

Als Schüler in der 6. Klasse im Krieg gab es fast nichts zu essen und so musste ich mit 11 Jahren in den Sommerferien mit anderen Kindern zur Erholung nach Jagstfeld (in der Nähe von Heilbronn). Wir waren zu schwach und mussten wieder aufgepäppelt werden. Die Vitamine hatten uns damals gefehlt. In Jagstfeld mussten wir uns mit insgesamt acht Kindern zwischen 11 und 13 Jahren ein Zimmer teilen. Damals war auch die Verdunklung der Fenster Pflicht. Im Zimmer war ein einziger Nachttopf, den der Älteste unter seinem Bett stehen hatte. Da kein Licht gemacht werden durfte, mussten wir Kinder den Nachttopf im Finsteren ertasten. Und wenn der große Junge dabei aufwachte, dann bekam man von ihm eins auf die Nase. Ab und zu war nachts auch Fliegeralarm und wir mussten oft stundenlang im Luftschutzkeller bleiben. In den drei Wochen Kinderverschickung habe ich drei Pfund zugenommen.“

 

In der Hausmeisterwohnung bei den Langheinrichs ging es ärmlich zu. Man muss sich diese Verhältnisse einmal genau vor Augen führen: Walters Gitterbett stand im Schlafzimmer der Großeltern, bis zur Konfirmation hat er hier geschlafen, dann erst hat er ein eigenes kleines Zimmer bekommen. Das bescheidene Leben spielte sich inmitten der seltsam deplaziert wirkenden, wuchtigen Möbel ab, die von den eigentlichen Besitzern, der Familie Rosenfeld, zwangsweise zurückgelassen worden waren.

 

Aber weshalb wuchs Walter bei seinen Großeltern auf? Wo war Walters Mutter, Marie Langheinrich, die von allen Marie genannt wurde? Gleich nach ihrer Schulzeit war sie in der Stadt Frankfurt in Stellung gegangen, bis sie dann als 19-Jährige hochschwanger nach Creglingen zurückkehrte und dort am 18. Mai 1933 ein lediges Kind zur Welt brachte. Und das auch noch ausgerechnet am Geburtstag ihres Vaters. Die Spottreden, die daraufhin geführt wurden, kann man sich lebhaft vorstellen. Den Namen des Vaters wollte die junge Mutter nicht preisgeben. Eine Heirat käme sowieso nicht in Frage. Was aber nun? Hier in Creglingen bleiben und samt dem unehelichen Kind den Eltern zur Last fallen? Wo die doch von vornherein nicht viel zum Leben hatten. Außerdem gab es da ja noch den Georg, ihren jüngsten von insgesamt vier Brüdern. Der war selbst erst 14 Jahre alt. So gesehen hatte sie von vornherein gar keine andere Wahl, als ihren Sohn Walter bei den Großeltern in Creglingen zurückzulassen und wieder nach Frankfurt zu gehen, wo sie sich ihren Lebensunterhalt immerhin selbst verdienen konnte. Mit dem kleinen Kind wäre ihr das nicht möglich gewesen. Gott sei Dank hatten sich die Großeltern bereit erklärt, jetzt auch noch das Enkelkind großzuziehen.

In seinen ersten Lebensjahren gab es für den kleinen Walter praktisch keinerlei Kontakt zur Mutter. Frankfurt war weit entfernt. Und als einfaches Dienstmädchen konnte sie es sich schlichtweg nicht leisten, oft nach Hause zu kommen. Dazu hätte Marie Langheinrich nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit gefehlt, denn Urlaub war für diese einfachen Haushaltshilfen ein Fremdwort. So wuchs Walter also bei den Großeltern auf, die für ihn ganz selbstverständlich Mutter und Vater waren. Wie er sie auch nannte. Das war für alle in Ordnung. Walter war nun eben ihr sechstes Kind. Das Leben in der Creglinger Hausmeisterwohnung nahm wieder seinen einigermaßen normalen Lauf.

 

Drei Jahre später allerdings, im April 1936, ist bei den Langheinrichs wieder etwas passiert. Ja, „passiert“. Das ist der richtige Ausdruck dafür. Für die Familie war das mehr als peinlich. Dieses Vorkommnis hat sie beinahe in die Verzweiflung getrieben. Denn ganz plötzlich war ihre Tochter Marie in Creglingen eingetroffen. Und schon wieder – das war gleich auf den ersten Blick zu erkennen – hochschwanger! Wieder brachte sie im Rosenfeldhaus ein Kind zur Welt. Einen Sohn. Er erhielt den Namen Karl. Für die Großeltern muss diese neuerliche „ledige“ Geburt eine wahre Katastrophe gewesen sein. Vor lauter Scham wäre Sofie Langheinrich am liebsten im Erdboden verschwunden. Es ist ja auch verständlich, denn die Spottreden nach der Geburt des ersten unehelichen Kindes müssen im Vergleich zu dem Geschwätz, das jetzt im Städtchen die Runde machte, gar nichts gewesen sein.

Das alles ist dem kleinen Walter mit seinen noch nicht einmal drei Lebensjahren natürlich nicht im Gedächtnis haften geblieben. Das hat sich erst später aufgrund der Geburts- und Heiratsurkunde so rekonstruieren lassen. Dass der Stiefbruder tatsächlich ebenfalls in Creglingen auf die Welt gekommen ist, und dass es sich bei dessen Vater aber um einen anderen Mann handelte als bei Walters Vater. Den Vater von Karl hat Marie Langheinrich dann nämlich zwei Monate nach der Geburt geheiratet. Einen Polizeibeamten namens Georg Karl Wittmann, mit dem ist sie nach Herrieden gezogen. Die Stadt an der Altmühl liegt ungefähr 50 Kilometer von Creglingen entfernt, was damals eine halbe Weltreise war. Drei weitere (jetzt eheliche) Stiefgeschwister sind dann in Herrieden noch dazugekommen, aber die hat Walter erst viele Jahre später kennengelernt. Bei der Beerdigung seiner Mutter. Davon wird noch die Rede sein.

In Creglingen gab es für den kleinen „Bankert“ also keine weiteren Geschwister, nur seinen 14 Jahre älteren Onkel Georg. Dazu kam die andere Verwandtschaft, die Onkel Karl, Fritz und Hans Langheinrich, die schon eigene Familien gegründet hatten. Besonders mit seinen Cousinen Erna und Helga, den Töchtern des ältesten Sohnes der Großeltern, hat sich Walter gut verstanden. Es gab sogar einen direkten Sichtkontakt vom Schulhaus hinüber zum Wohnhaus der beiden Mädchen in der Romgasse, direkt am sogenannten Romschlössle (das war früher einmal eine Pilgerherberge gewesen und im Lauf der Zeit fürchterlich heruntergekommen, bis es vor einigen Jahren mustergültig renoviert worden ist und jetzt zurecht als echtes Schmuckstück von Creglingen angesehen werden kann).

Die beiden Cousinen waren zwar um einiges jünger als Walter, aber das machte nichts. Weil der Onkel in den Krieg hatte ziehen müssen, machte sich Walter zu Hause immer wieder nützlich. Er half der Mutter beim Holzhacken, bei der Arbeit auf dem Feld und vielen weiteren Tätigkeiten. Besonders die im Jahr 1941 geborene Erna verbindet seitdem eine innige Beziehung mit „ihrem“ Walter.

Erna erinnert sich: „Da wir auch in Creglingen wohnten, war unser Cousin Walter für meine Schwester Helga und mich eher wie ein großer Bruder. Walter half auch während des Krieges unserer Mutter bei vielen Arbeiten. Besonders bei der Walnussernte. Denn die Walnüsse konnte man in den damaligen Zeiten gut eintauschen.“

 

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