Achim Köppen
Die Erben des Lichts
Das Tor der Welten
Fantasy
© 2010
AAVAA Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Quickborner Str. 78 – 80, 13439 Berlin
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2010
Covergestaltung: Tatjana Meletzky
Printed in Germany
ISBN 978‐3‐86254‐200-0
Alle Personen und Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog:
Einst herrschte ewige Dunkelheit über den Ländern Alkhanas.
Die Völker lebten in Barbarei und Unwissenheit und in ständigen Kriegen gegeneinander.
Doch dann erschien Barangor. Er stammte aus einem Geschlecht mächtiger Heerführer und Söldner. Von den Göttern auserwählt, errang er von ihnen:
das Schwert der Macht.
Mit dieser Waffe vereinigte er die zerstrittenen Völker und wurde der erste König des Landes Narandor.
Zufrieden blickten die Götter nun auf ihre Welt, und so schenkten sie Barangor zwei weitere magische Reliquien:
die Krone der Gerechtigkeit, auf dass er gütig regieren möge
und das Buch der Weisheit, um ihm auch das Wissen dafür zu geben.
Doch der Friede währte nicht lange, und Barangor starb auf einem seiner Jagdausflüge durch die Hand eines feigen Mörders. Dieser hatte im Auftrag des dunklen und selbstsüchtigen Königs Aldaaron gehandelt, der die Herrschaft über ganz Alkhana anstrebte, die Reliquien für sich beanspruchte und nun seine finsteren Heerscharen gegen die freien Völker führte.
Immer mehr Königreiche wurden von den Horden Aldaarons überrannt oder schlossen sich ihm aus Furcht sogar freiwillig an.
Als das letzte Aufgebot von Menschen, Zwergen und Elfen unter Aldaarons Ansturm zusammenzubrechen drohte, gelang es dem Waldelfenkönig Gondular, die dunklen Heere in einen Hinterhalt zu locken und in einer Schlacht, die drei Tage und drei Nächte tobte, zu vernichten. Er besiegte auch Aldaaron mithilfe des Schwertes der Macht in einem letzten Duell.
Doch dann begingen die freien Völker Alkhanas einen verhängnisvollen Fehler. Statt den dunklen Herrscher endgültig zu vernichten, entschlossen sie sich, Aldaaron in die finsteren Länder nach Astergaard zu verbannen. In der Hoffnung, seine düstere Seele würde sich dort im Laufe der Zeit doch noch zum Guten hin wandeln.
Aber hier, in der Abgeschiedenheit des nördlichsten Kontinents, wuchsen seine Macht und sein Hass im Laufe der Jahrhunderte erneut. Er erlernte die schwarzmagischen Künste, baute eine gewaltige Festung, sammelte ein riesiges Heer grauenvoller Kreaturen und nannte sich fortan „Erzpriester von Suloß“. Dann schwor er Rache. Eines Tages würde er zurückkehren und sich die Herrschaft über ganz Alkhana holen.
In der übrigen Welt kehrte nun endlich, nach so vielen Jahren des Krieges, der Frieden ein.
Doch das gegenseitige Misstrauen blieb. So entschied man, die heiligen Reliquien an geheimen Orten zu verbergen, so lange, bis die Völker weise genug wären, damit umzugehen.
Auf Anordnung der Götter und der Gelehrten eines jeden Volkes sollte nur noch ein wirklich Auserwählter die Reliquien in der Stunde der Gefahr wiederfinden und dann auch zum Nutzen aller freien Völker anwenden können.
Aber nur ein fremder, nicht von Alkhana stammender Mensch sollte es sein.
Er wäre dann der "Wahre Träger" und würde diese Welt in eine bessere Zukunft führen.
Alkhana vierhundert Jahre später
Der riesige Thronsaal von Tordor Castle war kahl und unansehnlich und wurde nur von wenigen Fackeln erleuchtet. Die Wände und Decken, welche einstmals mit prachtvollen Fresken verziert waren, wirkten jetzt nur noch verrußt und schmutzig. Vier mächtige, in der Mitte des Saales stehende Säulen stützten die ganze Halle ab. Ein roter Teppich lief vom Eingangstor, vor dem zwei verschlafene Wächter standen, direkt auf den Thron zu. Die Gestalt darauf war in sich zusammengesunken und wirkte müde und kraftlos. Die grauen wirren Haare und das eingefallene weiße Gesicht waren von Kummer gezeichnet.
König Bergomir von Narandor war einst ein großer Regent und Nachfahre des berühmten ersten Staatsgründers Barangor gewesen; jetzt war er nur noch alt, krank und vergessen. Die Ritterschaft hatte sich von ihm abgewandt.
Früher, ja früher einmal war dieses Schloss ein Treffpunkt für Adelige aus allen Teilen des großen Landes gewesen und Narandor eines der mächtigsten Länder Alkhanas.
Doch diese Zeit war längst vergangen. Das große Reich zerfiel immer mehr und Bergomir war nicht in der Lage, dies zu verhindern. Nur wenige Adelige waren noch bereit, dem alten König zu gehorchen und ihm zu dienen. Die meisten verfolgten nur noch ihre eigenen Ziele.
König Bergomir hatte zwar eine Tochter, diese war aber nicht bereit, einen dieser selbstsüchtigen Vasallen zu ehelichen. Ein Nachfolger auf dem Thron war daher nicht in Sicht. So blieben die Reichsgrenzen ungeschützt und die Nomadenstämme der Orks konnten ohne großen Widerstand ins Land eindringen. Narandor hatte sich auch niemals ganz von dem großen Krieg um die Reliquien erholen können.
Ein Mann mit langem, schlohweißem Bart, in einer hellgrauen Robe betrat nun den Saal und kam an den Wachen vorbei auf den Thron zu.
„Majestät, Ihr erlaubt, dass ich das Wort an Euch richte?"
Die Gestalt auf dem Thron erhob langsam ihr Haupt und blickte ihn fragend an.
„Nur zu, Melwin, was habt Ihr mir zu berichten?"
„Ich habe, wie Ihr es gewünscht hattet, in den letzten Jahren intensiv die Sterne beobachtet und die Alten Schriften studiert“, er machte eine längere Pause und fuhr dann fort, „es bestehen keine Zweifel mehr: Die Zeit des "Wahren Trägers" ist jetzt endlich gekommen."
Bergomir nickte.
„Dann ist es also wirklich so weit, dass ich mein Reich an jemand anderen übergeben muss. An jemanden, der die drei heiligen Reliquien, das Buch, das Schwert und die Krone, wiederbeschaffen wird."
„Ja, Majestät, aber in den Sternen las ich ebenfalls, dass wie es ja schon in den Schriften unserer Ahnen aufgezeichnet ist, nur ein Mensch, der nicht von unserer Welt stammt, der "Wahre Träger" sein wird. Nur dieser kann unsere Welt auch vor Aldaaron, dem Erzpriester von Suloß und seinen finsteren Horden bewahren, und nur er wird der neue Regent von Narandor werden und Euer Erbe antreten."
„Aber bisher gelang es, nach den vielen Jahrhunderten, doch erst einem einzigen Menschen von der Erde, den Weg zu uns zu finden, und auch dieser hatte einfach zu große Zweifel an sich selbst und an der Mission", versuchte der König einzuwenden.
„Ich weiß, aber er ist unsere einzige Hoffnung, und vielleicht hat er sich inzwischen zu einer anderen Meinung durchgerungen."
„Gut, dann müssen wir es wagen; sendet ihm eine Nachricht!"
Melwin nickte und holte dann ein kleines, hölzernes Kästchen aus seinem Gewand.
Aus ihm entnahm er einen funkelnden Kristallsplitter.
„Wird er dieses Zeichen auch richtig zu deuten wissen?"
„Ich denke schon, Majestät."
Daraufhin legte Melwin den Splitter vorsichtig auf eine der Stufen, die zum Thron führten.
Dann murmelte er einen seltsam klingenden Spruch.
Bald darauf wurde der Kristall von einem leuchtend blauen Nebel eingehüllt.
Als der Nebel sich dann wenige Minuten später wieder aufgelöst hatte, war der Kristall verschwunden.
Kapitel 1
Der letzte Urlaub
19. Oktober 2006, 21:00 Uhr.
Ein Hotel in Brighton
„Beeile dich, Susan und trödle nicht noch so lange herum. Peter möchte gleich fahren.“
Deborah Webster warf ihrer sieben Jahre alten Tochter, die gerade mit dem Packen ihres Koffers beschäftigt war, einen tadelnden Blick zu.
„Oder soll ich dir helfen?“
„Nein Mama, dass schaffe ich schon allein. Warum bleiben wir eigentlich nicht bis morgen früh und fahren erst dann nach Hause?“
„Das weißt du doch. Peter hat morgen Mittag schon wieder einen wichtigen Termin.“
Deborah blickte sich um: überall in dem Hotelzimmer lagen Kleidungsstücke herum, die unbedingt noch in den vier Koffern verstaut werden mussten. Die Websters hatten, wie jedes Jahr im Oktober, zwei Wochen Urlaub an der See in Brighton verbracht. Gerade für Susan war es immer ein unvergessliches Erlebnis, am Strand mit den andern Kindern zu spielen. Aber auch Peter und Deborah genossen ihren Urlaub in dem Seebad.
Im Laufe der letzten Jahre hatten sie gerade hier neue Bekanntschaften geknüpft, aber auch alte vertieft. Sie brauchten diese Auszeit, weil gerade Peters Tätigkeit als Rechtsanwalt sehr stressig und nervenaufreibend war. Denn Webster war auch ein recht erfolgreicher Anwalt. Zu seinen Mandanten zählten unter anderem einige bekannte Geschäftsleute, aber auch Personen aus der Show-Branche.
Der Dreißigjährige hatte sehr viele Jahre als Kompagnon in einer großen Kanzlei gearbeitet, dann aber vor etwa zwei Jahren seine Stellung gekündigt. Da er über genügend finanzielle Rücklagen verfügte, konnte er sich schon sehr bald nach der Kündigung selbstständig machen. Seinem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg und dem seiner Familie schien also nichts mehr im Wege zu stehen.
Ein Auto fuhr jetzt unten auf der Straße vor und hupte.
Deborah rannte zum Balkon und blickte hinunter:
„Das ist Peter, er ist bestimmt schon ungeduldig.“
Wenige Minuten später betrat der junge Anwalt das Hotelzimmer.
„Ihr seid ja immer noch am Packen, ich dachte schon, wir könnten endlich los.“
„Wie wäre es denn, wenn der große 'Star–Anwalt' auch eine wenig mithelfen würde?“, scherzte Deborah.
Webster stöhnte:
„Mir bleibt auch nichts erspart. Also dann lasst uns mal beginnen.“
Verlassen
Polizeirevier London-Croydon 0:30 Uhr
„Tut mir sehr leid, Mr. Webster, aber es sieht nicht gut aus.“ Constable Worrington blickte Peter Webster besorgt an. „Ihre Frau und Ihre Tochter sind vor etwa einer halben Stunde operiert worden, aber ihr Zustand ist leider immer noch besorgniserregend. Doktor Burns meint, man könne jetzt nur abwarten. Es wäre das Beste, wenn Sie nach Hause fahren. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“
Webster reagierte wie in Trance. Geistesabwesend erhob er sich von der Bank, im Vorraum des Polizeireviers in London-Croydon, schüttelte nur mit dem Kopf und bewegte sich Richtung Ausgang.
Seine Gedanken kreisten jetzt nur noch um diesen Unfall: Sie waren kurz nach 22:00 Uhr von Brighton aufgebrochen und hatten dann auf der A 23 nach London noch zwei Pausen eingelegt.
„Wir werden doch nächstes Jahr wieder nach Brighton fahren, oder?“, hatte Susan noch gefragt.
„Aber ganz bestimmt“, entgegnete Peter.
Das waren die letzten Worte gewesen, die er mit ihr noch gewechselt hatte.
Zwischen Slaugham und Handcross war es dann kurz nach 23 Uhr geschehen: Ein grelles Scheinwerferpaar tauchte urplötzlich vor ihnen auf. Webster riss das Lenkrad herum, konnte dem entgegenkommenden Fahrzeug zwar in letzter Minute noch ausweichen, doch durch das ganze Manöver und die hohe Geschwindigkeit verlor er die Kontrolle über seinen Wagen. Der kam von der Fahrbahn ab, wurde durch die Luft geschleudert, überschlug sich einige Male und blieb schließlich auf dem linken Seitenstreifen, mehrere Meter von der Straße entfernt, auf dem Kopf liegen.
Für einen kurzen Moment schien Webster wie benommen zu sein, dann befreite sich der Anwalt mühsam aus dem Sicherheitsgurt. Deborah hing reglos im Gurt neben ihm. Der Sicherheitsgurt seiner Tochter hatte sich scheinbar gelöst, vielleicht war sie auch gar nicht angeschnallt gewesen. Der Körper von Susan war nach vorne, in Richtung Windschutzscheibe geschleudert worden. Ihr Kopf schien nur noch eine blutende Masse zu sein. Verzweifelt zerrte Peter am Sicherheitsgurt seiner Frau, doch der wollte sich einfach nicht ِöffnen. Er musste unbedingt Hilfe holen. Jede weitere Minute, die jetzt verstrich, konnte über das Leben von Deborah und Susan entscheiden.
Zum Glück ließ sich die Fahrertür relativ leicht öffnen. Mühsam kletterte er aus dem auf dem Dach liegenden PKW. Er stand auf und blickte sich um: Anscheinend hatte niemand von dem Unfall Notiz genommen. Immer noch unter Schock, taumelte er zur Straße. Verzweifelt versuchte Webster, eines der ihm entgegenkommenden Fahrzeuge zu stoppen, doch dieses fuhr nur laut hupend an ihm vorbei. Allmählich begann sich Peter wieder zu beruhigen. Er griff in seine Jackentasche, holte sein Mobiltelefon hervor und rief die Polizei. Nach knapp fünfzehn Minuten kam eine Ambulanz, ihr folgten Polizei und Feuerwehr. Der Unfallort wurde abgesperrt.
„Da haben Sie aber Glück gehabt, Mr. Webster, ich kann bei Ihnen keine ernsthaften Verletzungen feststellen“, bemerkte der Notarzt, nachdem er Peter noch an der Unfallstelle untersucht hatte.
„Sie sollten sich aber im Krankenhaus noch einmal genauer untersuchen lassen.“
Aber auch aus dem Hospital von London–Croydon konnte Peter relativ schnell wieder entlassen werden. Außer einigen Kratzern und Schürfwunden schien er nichts Ernsthaftes davongetragen zu haben.
Deborah und Susan hatten dieses Glück leider nicht. Beide waren aufgrund ihrer schweren Verletzungen in ein Koma gefallen.
Webster suchte, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, umgehend das zuständige Polizeirevier in London-Croydon auf, um dort seine Angaben zum Unfallhergang noch einmal genau zu Protokoll zu gegeben. Die Recherche nach dem Geisterfahrer blieb allerdings ergebnislos.
Nachdem er die Polizeistation wieder verlassen hatte, folgte er nur noch ziellos dem Verlauf der Straße, die wie er annahm, ins Zentrum der englischen Hauptstadt führte und sich nun, wie ein graues und schmutziges Band vor ihm ausbreitete. Einen klaren Gedanken konnte er einfach nicht fassen. Immer noch hatte er die Schreie seiner Frau und seines Kindes in den Ohren, dann den Aufschlag und die Geräusche der splitternden Windschutzscheibe.
Die Worte des Polizeibeamten hatten ihn ebenfalls sehr nachdenklich gemacht.
Was sollte jetzt werden?
Wenn Deborah und Susan überhaupt nicht mehr aus dem Koma erwachen würden, was dann? Er wollte gar nicht darüber nachdenken.
Gerade seine Tochter hatte sehr schwere Kopfverletzungen davongetragen.
Vor ihm, rechts am Gehsteig, tauchte jetzt eine Bushaltestelle auf. Dahinter befand sich ein Taxen-Stand.
Ein Taxi fuhr gerade vor.
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr: Es war kurz vor ein Uhr.
Peter beschloss, nun doch ein Taxi zu nehmen, um nach Hause zu fahren.
Die Websters bewohnten eine etwas größere Apartment-Wohnung im Herzen der Londoner City, im Stadtteil Chelsea, mit Blick auf die Themse.
Dort angekommen, bezahlte Peter noch rasch den Taxifahrer, betrat das Gebäude und fuhr dann mit dem Lift hinauf in den vierten Stock, wo sich das Apartment befand.
Als er die leere Wohnung betrat, fühlte er eine ungeheure Verzweiflung in sich aufsteigen – und auch eine ohnmächtige Wut.
Eine ohnmächtige Wut auf den Fahrer des Wagens, der ihnen auf der Autobahn entgegen gekommen und für diesen katastrophalen Unfall verantwortlich war. Aber auch gleichzeitig eine ohnmächtige Wut auf die Polizei, die in den bisherigen Stunden noch nicht in der Lage gewesen war, diesen Fahrer ausfindig zu machen.
Peter legte sich auf die Couch im Wohnzimmer und versuchte, sich eine wenig zu beruhigen: Vielleicht würde morgen schon alles anders aussehen.
Der Gesundheitszustand von Deborah und Susan würde sich wieder bessern, dessen war er sicher. Er brauchte jetzt nur selber etwas Ruhe. Peter nahm eine auf der Couch liegende Wolldecke, legte sie sich über den Körper und war kurz darauf eingeschlafen.
20. Oktober 2006, 8:30 Uhr
Das Telefon auf seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer klingelte offensichtlich schon eine ganze Weile.
Immer noch müde und verschlafen erhob sich Peter.
Er torkelte in seinen Büroraum und nahm den Hörer ab.
„Ja, Webster hier.“
„Mr. Webster, hier ist das Krankenhaus in Croydon. Könnten Sie bitte sofort zu uns kommen. Es geht um Ihre Frau und Ihre Tochter.“
„Was ist mit ihnen? Hat sich ihr Zustand inzwischen stabilisiert?“
„Das kann ich Ihnen am Telefon nicht sagen. Kommen Sie am Besten umgehend her.“
„Gut, ich bin schon unterwegs.“
Webster legte auf.
Er hatte kein gutes Gefühl. Irgendetwas war geschehen. Er duschte und rasierte sich, kleidete sich an, bestellte dann ein Taxi und verließ die Wohnung.
Krankenhaus Croydon, 9:30 Uhr
„Haben Sie bitte noch einen Augenblick Geduld, Mr. Webster. Ich werde Dr. Burns Bescheid sagen, dass Sie gekommen sind. Nehmen Sie doch inzwischen Platz.“ Die Dame an der Anmeldung im Flur des Krankenhauses deutete dabei auf einen in der Nähe befindlichen Stuhl und griff zum Telefon.
Peter setzte sich.
„Ja, Mr. Webster ist jetzt hier“, dann an Peter gewandt, „der Doktor kommt sofort.“
Quälende Minuten vergingen.
Ein Mann um die sechzig mit kurzen, schon ergrauten Haaren und einer Halbglatze kam schließlich aus einem der seitlich gelegenen Behandlungsräume auf Peter zu.
„Mr. Webster?“
Peter nickte.
„Frank Burns. Es geht um Ihre Frau und Ihre Tochter, nicht wahr? Am Besten, wir gehen in mein Büro.“
„Was ist mit ihnen?“
Der Doktor antwortete nicht.
Im Büro schloss er die Tür und wies auf einen großen, bequemen Ledersessel.
„Bitte Sir, nehmen Sie Platz.“
Nachdem Peter sich gesetzt hatte, holte Burns tief Luft, dann fuhr er fort. „Mr. Webster, Sie müssen jetzt sehr stark sein, denn ich muss Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen: Ihre Tochter ist heute in den frühen Morgenstunden ihren schweren Kopfverletzungen erlegen. Wir haben alles Menschenmögliche für sie getan, aber es war leider vergebens. Es tut uns sehr leid.“
Peter spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen entzogen wurde. Er glaubte, in ein unendliches Nichts abzugleiten. Sein Blick ging ins Leere.
„Sind Sie in Ordnung, Mr. Webster? Geht es Ihnen gut? Wollen Sie ein Beruhigungsmittel?“
Doch Peter schüttelte nur fassungslos den Kopf.
„Nein, es geht schon. Ich hatte aber nicht gedacht, dass ihre Verletzungen so gravierend sind.“
„Ja, das hatten wir zunächst auch nicht angenommen, aber ihr Zustand hat sich dann, im Laufe der Stunden nach der Einlieferung, rapide verschlechtert.“
„Ja, ich verstehe.“
„Es wird wahrscheinlich noch zu einer Obduktion durch die Polizei kommen, da Ihre Tochter ja auch nicht angeschnallt war, Sir. Das lässt sich leider in diesem Fall nicht verhindern.“
„Das ist mir schon klar. Aber wie geht es meiner Frau zurzeit?“
„Sie liegt aufgrund ihrer schweren Hirnverletzung leider immer noch im Koma. Wann sie aus ihm erwacht, können wir nicht sagen. Möglicherweise schon morgen, vielleicht auch erst in einem Monat oder noch später. Wir können nur abwarten und hoffen.“
Der Doktor erhob sich und reichte Webster zum Abschied die Hand.
„Ich weiß, wie schwer das jetzt alles für Sie ist, Sir, aber ich muss leider wieder an die Arbeit. Falls Sie möchten, können Sie sich an der Anmeldung noch die Adresse von einem guten Psychotherapeuten geben lassen.“
„Ich denke, das wird nicht notwendig sein.“
„Ganz wie Sie meinen, Sir.“
Kapitel 2
Unter Verdacht
25. Oktober 2006, 10:30 Uhr,
die Wohnung der Websters in London-Chelsea
Webster lag im Halbschlaf auf dem Bett und schob sich das Kopfkissen über die Ohren, aber das Geräusch nahm einfach kein Ende. Es war wie ein gewaltiger Gong, der immer und immer wieder aufs Neue angeschlagen wurde. Zunächst war ihm nicht bewusst, von woher dieser Lärm kommen konnte, doch dann dämmerte es ihm.
Es musste sich um den Türgong handeln.
Irgendjemand wollte etwas von ihm. Doch er hatte nicht die geringste Lust zu öffnen.
Die letzten sechs Tage waren die schlimmsten in seinem Leben gewesen.
Er hatte seine Tochter beerdigen müssen.
Nachdem die Polizei ihre sterblichen Überreste obduziert hatte, war ihre Leiche dann kurz darauf freigegeben worden.
Webster beauftragte ein Beerdigungsinstitut, sich um die Beisetzung zu kümmern.
Es war eine schlichte Feier, zu der nur einige wenige Bekannte und gute Freunde eingeladen waren. Die Websters hatten zu den meisten ihrer Verwandten auch gar keinen Kontakt mehr. Die nächste Angehörige Peters war nur noch dessen Großmutter Mary Webster, die in Südwales lebte, und die aufgrund ihres hohen Alters und ihres Gesundheitszustands der Feier fern geblieben war. Sie hatte ihm nur eine einfache Beileidskarte geschickt.
Schon wieder wurde geläutet.
Wer konnte das sein?
Er hatte extra gebeten, ihn in den Tagen nach der Beerdigung in Ruhe zu lassen. Auch seine Kanzlei war noch geschlossen.
Aber schließlich zog er sich seinen Morgenmantel über, verließ das Schlafzimmer, ging zur Wohnungstür und betätigte die Sprechanlage.
„Wer ist dort?“
„Scotland Yard, Mr. Webster. Würden Sie bitte öffnen. Wir haben da einige Fragen, bezüglich Ihres Unfalls.“
„Wieso? Was hat denn Scotland Yard damit zu tun?“
„Das möchten wir lieber mit Ihnen persönlich besprechen.“
„Also gut, meinetwegen“, brummte Peter, immer noch ein wenig verschlafen. „Kommen sie hoch.“
Webster betätigte den elektrischen Türöffner.
Eigentlich wollte er niemanden sehen, aber in diesem Fall blieb ihm wohl nichts anderes übrig.
Nur wenige Minuten später klingelte es auch an der Wohnungstür. Peter öffnete.
Vor ihm standen zwei Polizeibeamte in Zivil.
Der eine von ihnen war ein ziemlich großer, hochgewachsener Kerl um die fünfzig, mit dunkel-blonden, kurz geschorenen Haaren. Er hatte ein grobschlächtiges,vernarbtes Gesicht und hellblaue Augen. Seine Nase glich der eines Boxers und wirkte schon ziemlich ramponiert. Der stark-süßliche Duft eines billigen Aftershaves ging von ihm aus. Er trug einem hellgrauen Anzug und ganz im Gegensatz zur Jahreszeit eine modische Sonnenbrille, obwohl der Himmel schon seit Tagen wolkenverhangen war und es wie aus Eimern regnete. Ein hellblaues Oberhemd und eine eher lässig gebundene helle Krawatte bildeten den Abschluss.
Der andere, wesentlich jünger, wirkte eher unscheinbar wie eine „graue Maus“. Eine typische Beamtenseele mit kurzen, hellblonden Haaren, die künstlich mit ein wenig Gel in Form gehalten wurden. Er hatte ein breites, ja fast rundes Gesicht mit einem äußerst schmalen Mund und grün-grauen Augen. Er trug eine dunkelgraue Hose, ein schwarzes Jackett, ein weißes Oberhemd und eine sehr sorgfältig gebundene hell-graue Krawatte.
Der ältere zückte jetzt einen Ausweis:
„Guten Tag, Mr. Webster. Ich bin Police Chief Inspector Barrows, und das ist mein Kollege Police Sergeant Thornton.“
„Gut, wenn Sie mir bitte folgen wollen. Wir setzen uns am Besten ins Wohnzimmer.“
Dort deutete Webster auf zwei große Sessel. Die Beamten nahmen Platz, und er setzte sich ihnen gegenüber auf die Couch.
„Um was geht es nun genau, meine Herren?“, fragte Peter.
„Also, wie schon gesagt“, fuhr jetzt Barrows fort, „es geht um Ihren Unfall, Mr. Webster. Die Kollegen aus Croydon haben ihren Bericht an uns weitergegeben, da sie offensichtlich mit den Ermittlungen in diesem Fall nicht so recht vorankommen. Sie hatten zu Protokoll gegeben, dass Ihnen auf der A23 dieses fremde Fahrzeug, also dieser Geisterfahrer entgegen gekommen sei, der dann letztendlich für Ihren Unfall verantwortlich wäre. Entspricht das den Tatsachen?“
„Richtig“, erwiderte Peter.
„Gut, das ist jetzt Ihre Aussage, Sir, aber bisher konnte dieses fremde Fahrzeug nicht ermittelt werden. Es wurde auch von niemand anderen außer Ihnen gesehen. Unsere Kollegen haben mehrere Autofahrer befragt, die zum gleichen Zeitpunkt wie Sie auf der A23 in gleicher Fahrtrichtung unterwegs waren, aber niemand von ihnen konnte Ihre Angaben bestätigen, Mr. Webster.“
„Ja gut, aber möglicherweise wird dieser Fremde die Autobahn an der nächsten Abfahrt verlassen haben. Das ist doch unter diesen Umständen auch sehr wahrscheinlich.“
„Aber das wäre doch bemerkt worden, Sir. Wenn ein Fahrzeug, entgegen der normalen Fahrtrichtung, die Autobahn hätte verlassen wollen, wäre es doch ganz unweigerlich an der nächsten Ausfahrt zu einem Unfall gekommen. Wir haben aber im Bezug darauf nicht die geringsten Hinweise, nicht einmal von irgendeinem Zwischenfall.“
„Was wollen Sie eigentlich von mir, Chief Inspector?“
„Nun, eines ist doch irgendwie merkwürdig, Mr. Webster. Korrigieren Sie mich, falls irgendetwas an meinen Ausführungen nicht stimmen sollte: Ihre Tochter kommt bei diesem Unfall ums Leben, Ihre Frau fällt aufgrund der schweren Verletzungen in ein Koma. Nur Sie sind, bis auf ein paar Kratzer, unverletzt.“
„Sie hatten doch sicherlich gemeinsam eine Lebensversicherung abgeschlossen“, meldete sich jetzt der Sergeant zu Wort, „falls einer von Ihnen stirbt, bekommt der andere die Versicherung ausgezahlt, oder? Das ist ja in den meisten Fällen auch so üblich.“
„Jetzt reicht es mir aber. Was sollen diese Anschuldigungen?“
„Aber im Augenblick beschuldigen wir Sie doch gar nicht, Mr. Webster“, fuhr der Sergeant mit gespielter Höflichkeit fort, „wir versuchen uns nur ein Bild von Ihnen zu machen.“
„Würden Sie bitte meine Wohnung umgehend verlassen? Falls Sie ernsthafte Beweise gegen mich in der Hand haben, können Sie sich gerne wieder bei mir melden.“
Der Chief Inspector erhob sich und bewegte sich in Richtung Tür, sein Sergeant folgte ihm.
„Gut, ganz wie Sie meinen, Sir. Wir sehen uns wieder, Mr. Webster, ganz bestimmt sogar.“
26. Oktober, 8:30 Uhr,
Die Wohnung der Websters in London Chelsea
Es klingelte an der Wohnungstür.
Peter öffnete.
„Gut, dass du so schnell kommen konntest, George“, begrüßte er den Ankömmling und führte ihn ins Wohnzimmer.
Beide nahmen auf der Couch Platz.