2020

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ISBN Print: 978-3-901880-04-9

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Sehen Sie hier mehr als 150 Zukunftsprognosen über unser Leben im Jahr 2020 von CEOs und Innovations-chefs der großen europäischen Markenunternehmen.

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was geschieht, wenn 300 ausgewählte CEOs, Innovations-Experten, VicePresidents Business Development und Marketingleiter der verschiedensten Branchen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre wichtigsten Trends und Zukunftserwartungen der kommenden zehn Jahre auf einen Tisch legen? Sie zeichnen ein Bild unseres Lebens im Jahr 2020, von den Lebenswelten der Menschen, den Marken- und Konsumwelten und den Arbeitswelten der Unternehmen.

Seit acht Jahren treffen sich diese Innovationsköpfe auf meine Einladung hin gemeinsam mit Designern, Philosophen, DJs, einem Bischof, Science Fiction-Autoren und anderen Querköpfen im 2b AHEAD-ThinkTank. Gemeinsam entwerfen wir ein Zukunftsszenario der Lebenswelten, Arbeitswelten und Konsumwelten. Ich möchte Sie heute in diese Zukunftswelt entführen.

Erwarten Sie überraschende Prognosen, die weniger Science Fiction sind, als Sie denken. Erwarten Sie außerdem prägnante Analysen der wesentlichen Trends unserer Zeit sowie Strategieempfehlungen zum Umgang für Ihr Business.

Doch bevor Sie mit dem Lesen beginnen, bitte ich Sie um ein kurzes Gedankenexperiment. Denken Sie zehn Jahre zurück: Wie alt waren Sie? Wo haben Sie gewohnt? Welche Ziele hatten Sie im Beruf und privat? Wie groß waren Ihre Kinder? Wie sah Ihr Alltag vor zehn Jahren aus? Damals liefen einige wenige unter uns mit einem klobigen Gerät in der Hand herum, das sie Funktelefon nannten. Doch mehr als die Hälfte der Bevölkerung hielt es für gänzlich unmöglich, auch solch ein Handy zu besitzen. Immer erreichbar zu sein, käme doch einer unfassbaren Fremdbestimmung gleich, dachten wir. Heute, zehn Jahre später, sind Handys so alltäglich geworden wie die Handtasche, in die wir sie stecken. Wir haben mit der Technologie auch unsere Gewohnheiten und Werte radikal verändert.

Vielleicht werden Sie während des Lesens an der einen oder anderen Stelle ungläubig den Kopf schütteln. Vielleicht werden Sie sich fragen: Wer braucht denn so etwas? Wie realistisch sind diese Prognosen? Oder gar: Ist das etwas Neues? Bitte stellen Sie sich diese Fragen, denn sie sind wichtig. Deshalb werde ich Ihnen in einigen Zwischenrufen meine Antworten darauf geben.

Es geht um unsere Zukunft! Deshalb ist dieses Buch keine trockene Abhandlung. Dies ist ein Buch über einen Tag, wie er in zehn Jahren so oder ähnlich in den meisten Familien vorkommen wird. In jedem Kapitel stelle ich Ihnen eine Episode aus einem Tagesablauf des Jahres 2020 vor.

Jede Episode soll einen einzelnen Trend nachfühlbar machen, der danach erklärt und begründet wird. In einigen Kapiteln habe ich Ihnen in kleinen ShowCases Kurzbeschreibungen von Trendsettern beigefügt, die diesen Trend heute schon prägen. In vielen Kapiteln erhalten Sie zudem einen Expertenlink zu 2b AHEAD-TV. Folgen Sie diesen Links, wenn Sie bei einem Trend in die Tiefe gehen wollen. Sie finden dort weiterführende Statements und Strategieprognosen der wichtigsten Innovationsköpfe im 2b AHEAD-ThinkTank.

An manchen Stellen bitte ich Sie sogar um Ihre Mitarbeit. Sie werden dafür den einen oder anderen Fragebogen für einen Selbsttest im Buch finden. Es sind exakt jene Fragebögen, die wir in den vergangenen Strategieentwicklungs-Kongressen des ThinkTanks benutzt haben. Wenn es Sie interessiert, vergleichen Sie Ihre eigene Prognose mit den Ergebnissen der Innovationsköpfe im ThinkTank. Sie finden die Vergleichswerte im Anhang des Buches.

Bitte entscheiden Sie also selbst, ob sich diese Prognose für Sie gut anfühlt oder nicht. Denn Zukunft ist, was Sie daraus machen. Sicher ist dabei nur eines: Ihre Zukunft hat in dieser Sekunde begonnen!

Ich möchte Sie in das Leben der Familie Seedorf einladen. Erleben Sie gemeinsam mit Vater Peter, Mutter Kerstin, Sohn Max und Tochter Jenny einen Tag des Jahres 2020. Für Familie Seedorf wird es ein besonderer Tag sein. Denn ihre Zukunft hat an diesem Tag Geburtstag. Jenny, das jüngste Familienmitglied, wird zehn Jahre alt.

Das heißt, sie wurde genau heute geboren.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und eine große Zukunft!

Sven Gábor Jánszky

Prolog

Die Zukunft hat Geburtstag

„Ach, lass mich doch in Ruhe mit der Zukunft!“ Peter klappt ärgerlich sein Handy zu. Was muss seine Mutter auch immer so übertreiben? Man kann kaum mehr ein vernünftiges Wort mit ihr reden, ohne dass sie ihre rosaroten Zukunftspläne über Geschenke, Kleidchen und Schleifchen anbringt.

Vielleicht morgen wieder, für heute hat Peter genug. Es ist tief in der Nacht und er sitzt allein in diesem langen Flur. Krankenhäuser mochte er noch nie. Schon beim Gedanken an kahle, weiße Wände und bei diesem unvermeidlichen Geruch nach Desinfizierungsmitteln und Medizin verlässt ihn regelmäßig jegliche Lebensfreude. Das ist heute nicht anders. Doch noch stärker als seine Abneigung gegen diesen Flur ist Peters Aufregung. Denn in dieser Nacht wird Peter wieder Vater werden. Sein Sohn Max wird eine kleine Schwester bekommen – und er war es auch, der am Ende bestimmt hat, dass die Prinzessin Jenny heißen wird.

Seit vier Stunden schaut Peter nun schon aus diesem Fenster. Aus der Dämmerung wurde Dunkelheit und brachte eine gespenstische Einsamkeit in Peters Flur. Bis vor vier Stunden war er noch an Kerstins Bett gewesen. Dann hatte sie ihn gebeten, hinauszugehen. Das hatten sie das vorher verabredet.

Seitdem kennt er Frau Gutowsky. So steht es auf ihrem Kittel. Schon dreimal waren sie sich in den letzten Stunden begegnet. Das erste Mal polterte sie noch geräuschvoll mit einem Wassereimer und Wischmob vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Später, als sie die Fensterbretter und Türen abwischte, hatte sie ihm zweimal zugezwinkert. Doch ihm war nicht nach reden zumute. Nicht heute, nicht in dieser Nacht.

Was sollte er ihr schon erzählen? Dass er den Schreck, der ihm vorhin in alle Glieder gefahren war, jetzt noch spürt? Dass er ein Schreien gehört hatte und eine winzige Tonlage ihm verriet, dass es seine Kerstin war? Dass er eine Sekunde später an der Tür gewesen war und die Türklinke doch nicht heruntergedrückt hatte? Seit dieser Sekunde wusste er, dass er heute Nacht absolut machtlos war. Er hoffte inständig, dass Kerstin für diesen Moment von der Natur eine extra Portion Endorphine bekommen hatte. Bei ihm flossen nicht die Hormone, sondern die Tränen.

Zum vierten Mal in dieser Nacht machte er sich auf den Weg zum Automaten eine Etage tiefer. Dass dieser Versuch sinnlos war, wusste er aber bereits im Voraus, denn schon vorhin hatte er sein letztes Kleingeld aus der Hosentasche zusammengekramt. Für eine weitere Cola würde es definitiv nicht reichen. Vielleicht sollte er doch einmal zum Auto gehen, um das Portemonnaie zu holen. Doch was könnte in diesen zehn Minuten alles passieren?

„Gehen Sie doch nachhause und kommen Sie morgen früh wieder!“, hatte eine der Schwestern ihm zugerufen, als dieser Flur noch belebt und die Welt hinter den Fensterscheiben noch dämmrig gewesen war. Aber wie könnte er? Er würde es sich nie verzeihen, wenn er nicht hier wäre, wenn diese Tür aufgeht und eine der Schwestern ruft, dass seine Tochter nun bereit wäre, ihn das erste Mal zu empfangen. Also hatte er sich geschworen, hier zu sitzen und zu warten. Auch wenn es noch Tage dauern sollte, er war entschlossen, jenen Moment nicht zu verpassen, in dem er zugelassen wurde zu den Vorgängen dieser Nacht. Seine Tochter sollte sehen, dass er von der ersten Sekunde an für sie da ist. Das ist das Einzige was er für sie und für Kerstin tun kann, heute Nacht.

Es muss wohl das vierzehnte Mal gewesen sein, dass er sich selbst gegenüber diesen Schwur wiederholt hatte. Seine Augen streifen träge über das Linoleum unter seinen Füßen. Sein Blick zählt erneut die aufgemalten Kacheln. Doch plötzlich verschwinden dreieinhalb Kacheln unter einem Birkenstock-Pantoffel. „Herr Seedorf …“ hört er, bevor er den Kopf heben kann. Seine Zukunft hat begonnen …

6:00 Aufstehen

Guten Morgen mit dem Internet!

In den ersten Momenten fühlt sich dieser Morgen gar nicht an wie ein besonderer. Von der Sonne ist noch nichts zu sehen, als Peter Seedorf ins Bad schlurft. Ein kurzer Blick in den Spiegel sagt ihm, dass es kurz nach 6 Uhr ist. Er beginnt die allmorgendliche Prozedur eher gelangweilt als mit Elan. Sein Tagesprogramm ist mörderisch voll, manchmal hat er sich schon gefragt, wie lange er sich diesen Stress eigentlich noch antun soll.

Während Peter den Rasierer ansetzt, schaltet er den Badspiegel an. Sofort erscheinen die üblichen Programme: seine Lieblings-Morgenmusik, die News, das Wetter in seiner Stadt und sein Navigationsgerät aus dem Auto. Dies ist vielleicht die wichtigste Nachricht des Morgens: Alle drei Standardstrecken zum Büro sind heute stark frequentiert. Sein Navi empfiehlt deshalb aus dem Badspiegel heraus, heute zehn Minuten eher zu starten und die Strecke über die Autobahn zu nutzen. Dort sei die Wahrscheinlichkeit, schnell durchzukommen, noch am höchsten. Peter quittiert die Informationen mit einem genervten, aber dennoch dankbaren Seufzer und wendet sich dem Hauptmonitor des Badspiegels zu.

Doch anstelle des normalen Nachrichtenzusammenschnitts hat ihm heute jemand die Übertragung des Tokio Marathons in seinen Spiegel gebracht. Präsentiert von GilletteTV. Peter ist Marathon-Fan. Woher weiß das sein Spiegel? „Manchmal übertrifft Rob sich selbst“, denkt Peter dankbar über die Aufmunterung.

Noch vor einem halben Jahr hätte er missmutig und allein mit sich selbst vor dem Spiegel gestanden. Doch bei seinem Umzug hat er festgestellt, dass Wohnungen in seiner Preisklasse nur noch mit Smart Mirrors angeboten werden. Wie in Schrankwänden, Betten und Kühlschränken sind auch in Badspiegeln verschiedene Monitore integriert, die über WLAN vom Zentralcomputer der Wohnung versorgt werden.

„Morgen, Peter!“, klingt es aus dem Spiegel. Er schaut auf und sieht Klaus, seinen Trainingspartner, im Monitor oben rechts im Spiegel auftauchen. „Rob hat mir gerade gesagt, dass du auch den Tokio Marathon schaust. Was meinst du, wird der Kenianer die anderen beiden noch abschütteln?“ Peter und Klaus plaudern kurz über den Lauf und verabreden sich für ihre nächste Trainingseinheit am Abend. Schon am Morgen in Zeitverzug zu kommen, kann sich Peter heute definitiv nicht leisten.

Doch bevor er den Spiegel ausschalten kann, poppt direkt über der Marathon-Übertragung ein rot blinkendes Fenster auf. BetKing bietet Peter eine Wette an: „Liegen die drei Führenden bei Kilometer 35 immer noch gemeinsam in Front?“ Peter zögert nicht lange. Er wählt NEIN und einen Einsatz von zehn Euro. Bei BetKing hat er vor einer Woche schon einmal fast 50 Euro gewonnen. Im Spiegel versucht der Kenianer gerade eine Tempoverschärfung. Nun aber schnell ins Kinderzimmer, Jenny wecken!

Internet 2020

Schon der erste Handgriff auf Peters Weg ins Bad im Jahr 2020 ist neu. Haben Sie auch gestutzt, als er den Badspiegel anschaltet? Warum tut er das? Und wie? Bisher kennen wir einen solchen Handgriff nicht. Doch er weist uns schon hier im Badezimmer auf einen der wesentlichsten Einflüsse von Technik auf unsere Lebenswelten im Jahr 2020 hin. Denn die Technisierung des Lebens wird weiter fortgeschritten sein. Sie wird Geräte erfasst haben, von denen wir heute noch nicht wissen, was sie künftig alles tun werden.

Um eine Vorstellung davon zu erhalten müssen wir uns vor allem vier technologische Neuerungen ansehen, die schon hier im Badezimmer des Jahres 2020 deutlich werden:

Zum einen werden Informationen, bewegte Bilder und Filme, Musik und Töne und natürlich Texte in Echtzeit per Internettechnologie verbreitet. Dies ist keine Sensation und dennoch eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die Lebenswelten 2020. Denn mit der Fokussierung auf den Internetstandard als umfassenden Verbreitungsweg entfallen die bisherigen Machtgefüge, die aus der Exklusivität von Funkfrequenzen, Lizenzen und Empfangsgeräten bestanden. Oder anders gesagt: Sie müssen kein Fernsehhersteller sein, um einen Monitor in den Badspiegel einzubauen, der Fernsehen empfängt.

Dies sorgt zum anderen dafür, dass die meisten unserer Gebrauchsgegenstände einen eigenen Internetanschluss erhalten. Sie haben eine eigene IP-Adresse. Das heißt: Jedes dieser Geräte ist individuell per Internet ansteuerbar. Damit sind Medien im Jahr 2020 nicht mehr nur auf Fernseh- oder Radiogeräten empfangbar, sondern in jedem denkbaren Gerät, seien es Badspiegel, Kinderzimmerbetten, Handy, Uhrenarmbänder, Couchtische, Kühlschränke, Kaffeetassen, Sonnenbrillen, T-Shirts und so weiter.

Drittens werden all diese Gegenstände nicht nur Empfangsgeräte für herkömmliche Medien, denn die Internettechnologie holt die Medien aus ihrer Einweg-Kommunikation. Wer sich einen Badspiegel mit Internetanschluss angeschafft hat, wird sich nicht damit zufriedengeben, sich hier mit dem gleichen Programm beschallen zu lassen wie vor zehn Jahren per Musikfernsehen MTV. Die Internetanbindung sorgt für einen Rückkanal. Peter kann über seinen Badspiegel also reagieren und kommunizieren. Entsprechend werden Community-Technologien in den Badspiegel und alle anderen Geräte integriert. Damit übernehmen diese Kommunikationsdienste, die wir heute noch am Telefon oder am Computer bedienen. Wenn Peter mit seinem Trainingspartner Klaus per Badspiegel spricht, ist das eine zukünftige Spielart der heutigen Telefonie.

Und viertens werden unsere kommunizierenden Gegenstände der Zukunft neben dem Medienempfang und der Kommunikation auch alle Funktionen des Internets aufnehmen, vor allem ein intelligentes Online-Shopping. Dies führt dazu, dass kommerzielle Angebote wie der BetKing jeweils in der passenden Situation auftauchen. Dies müssen natürlich keine Wetten sein. An der gleichen Stelle könnte auch der Börsenmakler Ihres Vertrauens auftauchen, weil Sie gerade Börsenkurse studiert haben, oder eine Automobilwerbung, weil Sie gerade eine Meldung über ein neues Automodell gesehen haben. Diese Zusatzdienste übernehmen in den Lebenswelten 2020 eine wichtige Rolle, denn sie finanzieren zum großen Teil die übrigen Medienangebote.

Das Internet verlässt den Computer

Diese vier grundlegenden technologischen Neuerungen sind aus heutiger Sicht nicht revolutionär. Die Trends prägen unsere Welt schon seit dem Einzug des Internets. Es gibt Menschen, die bereits heute jeden Morgen in exakt solch ein Badezimmer gehen. Doch so banal jede einzelne Neuerung auch klingt, wenn sie im Jahr 2020 zusammen den Massenmarkt prägen, dann werden sie unsere Lebenswelten tiefgehender beeinflussen, als wir es uns vorstellen können.

Denn während wir heute bei der Nutzung des Internets noch von dem Gedanken geprägt sind, es handle sich um eine Tätigkeit mit Anfang und Ende, bei der man sich vor einen Computer setzt, anschaltet und später wieder ausschaltet, wird diese Vorstellung im Jahr 2020 obsolet sein. Denn schon in den vergangenen Monaten haben wir festgestellt, dass das Internet mehr und mehr den Browser verlassen hat. Spätestens mit den von Apple eingeführten Gadgets auf dem Desktop des Computers und den kurz darauf durch das Windows Vista-Betriebssystem eingeführten Widgets war kein Browser mehr erforderlich, um das Internet zu nutzen.

Getrieben von iPhone, Google G1 und allen anderen Smartphones sind wir heute bereits einen Schritt weiter. Wir erleben derzeit den Trend, dass das Internet nicht nur den Browser, sondern sogar den Computer verlässt. Zunächst findet es seinen Platz auf Smartphones aller Art, später dann in Badspiegeln, Couchtischen und Uhrenarmbändern.

Radio 2020

Die Auswirkungen dieses Trends sind vielschichtig und werden Peter, Kerstin, Jenny und Max in ihrem gesamten Tagesablauf begleiten. Doch lassen Sie uns zunächst ein Phänomen betrachten, das jetzt – so früh am Morgen – vielleicht am meisten betroffen ist: das gute alte Radio.

Das Radio unserer Tage ist ein Morgenmedium, die Primetime liegt zwischen 6.00 und 9.00 Uhr. Jetzt hören die meisten Hörer zu, jetzt wird die meiste und teuerste Werbung gesendet, jetzt gibt es Morningshows, die von den prominentesten Moderatoren bestritten werden. Wie wird also das Radio der Zukunft aussehen? Oder anders gefragt: Wenn Peter den Badspiegel anschaltet und dort Musikvideos, Newsclips und Verkehrshinweise empfängt, was tut sein gutes altes Radio dann? Es steht im Keller und verstaubt!

Denn das Radio wird als eines der ersten Medien seine bisherige Machtbasis verlieren. Diese Machtbasis besteht in UKW-Frequenzen, über die die bisherigen Sender senden und die die herkömmlichen Radiogeräte empfangen. Doch die bisherigen UKW-Frequenzen sind in ihrer Anzahl begrenzt. Entsprechend gibt es üblicherweise umfangreiche Lizenzvergabeverfahren, die durch staatliche Regulierungsbehörden durchgeführt werden. Wenn ein Sender eine Lizenz für eine UKW-Frequenz erhalten hat, hat er derzeit damit zumeist auch die Lizenz zum Gelddrucken. Denn die UKW-Frequenzen begrenzen den Markt und neue Sender haben keine Chance, empfangen zu werden. Entsprechend teilen sich die etablierten Radiosender den Werbekuchen und die Gewinne.

Doch nicht mehr lange! Neben der Fotografie ist der Musikbereich am schnellsten und tiefgreifendsten von der Digitalisierung unserer Umwelt betroffen. Die Diskussionen um die Umsatzeinbrüche der CD-Industrie, Raubkopien und Online-Musiktauschplattformen begleiten uns seit vielen Jahren.

Mit einiger Verzögerung bekommt auch das Radio diese Entwicklung zu spüren. Bei jungen Hörerschichten haben Radiosender zuerst ihre Akzeptanz an MP3-Player verloren. Kurz darauf wurden Internetradios populär. Ihr Vorteil: Sie sind hochpersonalisierbar und können individuelle Musikgeschmäcke abbilden. Anders gesagt: Sie bringen ein individuell auf Hörerinteressen abgestimmtes Musikprogramm. Allerdings können diese bislang fast ausschließlich am Computer gehört werden.

Doch mit dem Internet verlassen im Jahr 2020 auch die Internetradios den Computer. Sie sitzen künftig in Handys, Couchtischen, Kühlschränken und eben Badspiegeln. So weit, so gut. Die Musikclips und die News in Peters Badspiegel könnten aber genauso das Fernsehen oder die Zeitung der Zukunft sein. Aus diesem Grund muss das Radio 2020 seinen USP und seine „Verfolger“ im Auge haben. Die Radiobranche muss sich bewusst werden, dass ihr USP angegriffen wird.

Das Radio hat für den Durchschnittshörer drei Hauptkompetenzen: die Musikkompetenz, die Verkehrsfunkkompetenz und die Tagesbegleitkompetenz. Die Hauptgründe für Menschen, sich für einen Lieblingsradiosender zu entscheiden, sind die Musikfarbe, die dem persönlichen Geschmack entspricht, der Stau- und Blitzermelderservice für das Hören im Auto und die Charaktere und der Humor der Lieblingsmoderatoren, von denen sich die Hörer durch den Tag begleiten lassen.

Im Jahr 2020 wird allerdings jede dieser Hauptkompetenzen angegriffen. Die Konkurrenten in Sachen Musikkompetenz sind Systeme wie last.fm, die dem Hörer seine Lieblingsmusik individuell zusammenstellen. Diese individuelle Programmqualität für den einzelnen Menschen kann die Massenauswahl eines Programmdirektors oder Musikchefs niemals erreichen.

Die Konkurrenten in Sachen Verkehrskompetenz sind Navigationssysteme. Im Jahr 2020 werden Autos und Handys untereinander automatisch kommunizieren und damit in Schwarmintelligenz Staus vorhersagen. In einigen Pilotprojekten werden bereits heute Informationen über das Bewegungstempo und die Anzahl von Fahrzeugen auf bestimmten Strecken von Auto zu Auto weitergegeben. Andere Pilotprojekte von Systemen wie TomTom erkennen anhand der Bewegungsmuster von Handys, wo ein Stau ist und bringen diese Informationen in Echtzeit in die Autos auf die Handys und in die Badspiegel.

Die Konkurrenten in Sachen Tagesbegleitung sind einerseits Fernsehmoderatoren, andererseits aber auch SMS-basierte Communitysysteme wie Twitter oder Friendfeed. In diesem Kompetenzfeld ist das Radio derzeit noch weitgehend unangetastet – aber die Zeit wird kommen, da diese textbasierten Anwendungen sprechen werden, ein Gesicht bekommen, Emotionen visualisieren und damit zur Konkurrenz werden.

Es wird nicht bis zum Jahr 2020 dauern, bis die Menschen zunehmend über WLAN-Radios und internetfähige Geräte Radio hören. Spätestens dann müssen die Radiosender bereit sein, ihre drei Hauptkompetenzen in eine neue Medienwelt nach Internetlogik zu übertragen: Sie müssen ihre Musikkompetenz wahren, indem sie individualisierte Musikstreams selbst unter eigener Marke anbieten. Sie müssen die Verkehrsservicehoheit wahren, indem sie sich aktiv in die Entwicklung der intelligenten Verkehrsassistentensysteme einklinken. Und sie müssen Lösungen dafür finden, wie in individualisierten Streams die emotionale Kraft der Stimmen und Charaktere ihrer Moderatoren genutzt werden kann.

Größte Chance: Tagesbegleitung

In dieser Tagesbegleitung liegt die größte Zukunftschance für heutige Radiosender. Denn noch ist der Markt der Tagesbegleiter beschränkt. Es gibt aktuell nur zwei Tagesbegleiter, die heute von den Menschen tatsächlich akzeptiert sind: das Handy und das Radio. In Zukunft wird das zum Smartphone mutierte Handy die technische Plattform für intelligente Assistenten sein, die uns als individuelle Serviceassistenten durch den Tag begleiten. Die heutigen Targeting-Technologien von Behavioral Targeting über Geo-Targeting bis hin zu Twinsumer-Targeting geben dem elektronischen Assistenten seine Intelligenz. Doch zum wirklichen Tagesbegleiter fehlt diesen Systemen die Emotion. An dieser Stelle liegt die Chance des Radios: Mit seinen Lieblingsmoderatoren und Sympathieträgern hat das Radio die besten Startbedingungen dafür, den intelligenten, elektronischen Assistenten die Emotion zu geben.

Deshalb prognostiziere ich: Was für die Musikindustrie die Klingeltöne waren, sind auf lange Sicht für die Radiosender die Stimmen der Kultmoderatoren. Sie werden künftig entweder original oder künstlich moduliert den individualisierten Musikstreams zugespielt, sie werden als Stimme und als Avatarfigur für die emotionale Verkörperung der elektronischen Assistenten auf Smartphones sorgen. Programmdirektoren der Radiosender wären heute schon gut beraten, sich die Stimmencharakteristika und Avatarverwertungsrechte ihrer Starmoderatoren exklusiv zu sichern.

6:30 Kinder wecken

Ein Kinderzimmer in der Antarktis

Um Himmels Willen, was ist das denn? Peter atmet hörbar durch. Kaum hat er die Klinke zu Jennys Kinderzimmer heruntergedrückt, steht er plötzlich vor einem mehr als lebensgroßen Pinguin. Vor Schreck entfährt ihm ein Fluch, der im Kinderzimmer eigentlich nichts zu suchen hat.

Es ist aber auch jeden Morgen dasselbe, seit sie vor einem halben Jahr die beiden Kinderzimmer renoviert hatten. Jenny hatte sich damals innig eine sogenannte Screentapete gewünscht: eine Tapete, in die der Fernsehmonitor mit eingearbeitet ist. Und nicht nur das: Sie steuert über verschiedene Farben und mit angeschlossenen Lautsprechern zusätzlich die Atmosphäre im Zimmer. Peter hatte nie verstanden, was das soll. Doch mit Unterstützung von Kerstin hatte Jenny ihn herumgekriegt. Die beiden hatten ihm vorgeschwärmt, wie schön es wäre, wenn durch diese Screentapete die ganze Wand ein tolles Bild vom Sonnenaufgang mit dazugehörigem Vogelgezwitscher zeigen würde.

Doch als die Tapete dran war, konnte auch Kerstin ihren Schreck nicht verbergen – aus den sanften Sonnenuntergängen wurde nichts, denn ihre Tochter entpuppte sich als Polarfan. Seitdem wechseln sich Eisbären und Pinguine in ihrem Kinderzimmer ab. Zudem pfeift unentwegt der Polarwind aus den Lautsprechern.

Peter sieht seine kleine Prinzessin an. Sie liegt zusammengerollt wie im Iglu. Liebevoll streicht er ihr die Haare aus dem Gesicht und flüstert: „Geburtstagskind! Aufstehen!“

Es dauert keine zwei Sekunden, und zum sanften Pfeifen des Polarwindes gesellen sich das Quietschen und Schnattern der erwachenden Pinguine. Gleichzeitig wird es hell an der Wand und als Jenny die Augen aufschlägt, ist auf ihrer Screentapete urplötzlich die Sonne aufgegangen.

Von diesem Spektakel ist Peter immer wieder fasziniert. Kaum zu glauben, was die Technik heutzutage möglich macht. Als er vor einem halben Jahr die Screentapete endlich an der Wand hatte und in der Bedienungsanleitung danach suchte, wie denn nun Bilder und Sounds dahinein kämen, war er auch auf das Kapitel „Wecken mit der Screentapete“ gestoßen. Wie soll denn das gehen, fragte er sich, doch die Erklärung dafür war einfach: Man kaufe eine sensorische Bettwäsche, wie sie in Pflegeheimen für Senioren schon lange genutzt wird.

Diese Bettwäsche misst mit Sensoren den Schlafzustand, erkennt, wann der Schlafende erwacht und steuert entsprechend die Bilder und Sounds der Tapete. Wenn schon eine Screentapete, dann richtig, dachte Peter und kaufte die furchtbar teure Bettwäsche. Wenn er Jenny nicht selbst wecken wollte, könnte er natürlich auch einstellen, dass um 6:30 Uhr Polarsonne und -wind von selbst aktiv werden.

Als seine Frau Kerstin dies zum ersten Mal beim Wecken der Kleinen erlebt hatte, kam sie mit glänzenden Augen aus dem Kinderzimmer. Seitdem schwant Peter, dass er irgendwann auch im Schlafzimmer von streunenden Löwen oder quietschenden Delfinen geweckt werden würde. Noch hat Kerstin nichts gesagt. Es lebe der gute alte Wecker!

Evernet 2020

Wenn das Internet den Computer verlassen hat und jeder Gegenstand über eine eigene IP-Adresse verfügt, dann ist er nicht nur ansteuerbar, sondern kann gleichzeitig mit anderen Gegenständen Informationen austauschen. Dies ist einer der wesentlichsten Trends, der die Entwicklung bis zum Jahr 2020 prägen wird.

Wir werden uns daran gewöhnen, dass technische Geräte sich zuerst miteinander unterhalten und ein auf die jeweilige Situation und die Bedürfnisse des Menschen abgestimmtes Angebot machen. Oder sich entsprechend verhalten wie Jennys Bettwäsche und Screentapete. Dies ist die Quintessenz, wenn wir Trendforscher und Technologen über das „Internet der Dinge“, „Hyperlocacy“, das „Überall-Internet“ oder das „Evernet“ sprechen.

Auf diese Weise werden überall, wo es sinnvoll ist, Geräte miteinander kommunizieren. In Seniorenheimen mögen Beleuchtung und Heizung automatisch anspringen, wenn der Zimmerbewohner aufwacht. In intelligenten Häusern des Jahres 2020 wird die dezentrale Stromproduktion per Brennstoffzelle im Auto in der Garage angeworfen, wenn die Bewohner erwachen. Wenn unsere Autos der Zukunft nicht fahren, werden sie mit ihren Brennstoffzellen zur Energieproduktion des Hauses beitragen.

Treibende Kraft auf dem Weg zum Evernet ist das Smartphone: das erste Gerät, das die Menschen bei Tag und Nacht bei sich haben und auf dessen internetbasierte Dienste sie in jeder Situation zugreifen können. Damit wird das Smartphone zur intelligenten Remote Control anderer Geräte und zum intelligenten Zwischenstück zwischen zwei anderen Geräten. Man könnte auch sagen, das Smartphone schafft eine virtuelle Erweiterung der bisher bekannten, realen Welt. „Damit wird das Handy zum Vorboten einer technologischen Entwicklung, die unser Verhältnis zueinander und zu den Objekten der Welt tiefgreifend verändern wird. ‚Hyperlocacy‘ bezeichnet den Zustand, in dem alle Objekte vernetzt und örtlich lokalisierbar sind. Dabei verschmelzen virtuelle und reale Informationen – die physische Welt wird anklickbar und funktioniert wie eine Website.“[1]

Auf diese Weise wird das Internet zu einer immer präsenten, zusätzlichen Dimension der Welt. Im Jahr 2020 wird das Internet die heutige Aufmerksamkeit verloren haben, weil es immer und überall da ist.[2]

Zwischenruf: Erinnern Sie sich noch?

Können Sie sich noch an die Welt vor zehn Jahren erinnern? Peter Seedorf war damals 15 Jahre alt. Seinen Computer hat er schon immer geliebt, sein erstes Handy hatte er sich bereits lange gewünscht. Ein Jahr später würde er seine Eltern überzeugt haben und endlich sein erstes Handy unter dem Weihnachtsbaum finden. Peter ist einer der ersten Vertreter der Generation Digital Natives.

Es war eine eigenartige Zeit zwischen Hoffen und Bangen rund um den Jahrtausendwechsel. Was haben wir diskutiert, ob die Computerwelt durch den Millennium-Bug zusammenbricht? Und was haben wir gehofft, dass sie besser wird im neuen Jahrtausend?

Damals, vor zehn Jahren, 2010, machten wir Witze über komische Menschen, die sich in der Tram oder im Restaurant lautstark per Handy unterhielten. Wir dachten, es seien die Kulturlosen unter uns, die ihre D-Mark, ihre Schillinge und Franken für diese komischen Dinger ausgeben. Euros hatten wir ja noch nicht. Erst jeder Fünfte unter uns hatte solch ein Handy und mehr als die Hälfte von uns war damals überzeugt, dass wir uns es niemals vorstellen könnten, ständig ein Telefon in der Tasche zu haben. Immer erreichbar zu sein, käme schließlich einer unfassbaren Fremdbestimmung gleich, war unser Argument von damals. Heute, zehn Jahre später, gibt es mehr Handys als Menschen. Wir nähern uns der 120%-Marke. Jeder Fünfte hat ein Zweithandy, von dem sich über die Hälfte der Menschen nicht vorstellen kann, wozu es gut sein soll.

Zur gleichen Zeit wurde ein Mann namens Maurice Green zum schnellsten Mann der Welt. Er lief bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft die 100 Meter in 9,79 Sekunden. Es war eine seltsam unschuldige Zeit. Denn die Frage, mit welchen Mitteln er dies geschafft hatte, spielte erst neun Jahre später eine Rolle. Erst 2008 wurde er des Dopings überführt. Seine Kollegen, die Schwimmer der amerikanischen Nationalmannschaft, schwammen noch in Badehosen statt in Hightechanzügen und in den Fitnessstudios dieser Welt quälten sich die Menschen noch an Geräten, statt die Muskeln mit Stromstößen zum Wachsen zu bringen. Die Frage, wie wir unseren Körper zu Höchstleistungen bringen können, hatte den Sport noch nicht im Griff. Oder besser gesagt: Wir wussten es noch nicht.

Auch unsere Politiker von damals waren aus heutiger Sicht seltsam unbedarft. Im Deutschen Bundestag wurde kurz vor der Jahrtausendwende die Globalisierung zum großen Thema. Kritiker warnten insbesondere vor den ungezügelten Auswüchsen der internationalen Finanzwelt. Doch die Anträge der Opposition, dem Bankensystem Zügel anzulegen, wurden abgelehnt. Erst zehn Jahre später wusste man, wie recht die Rufer in der Wüste hatten.

Doch die Regierungen schauten voller Optimismus in das kommende Jahrtausend. Das Internet sollte kommen und mit ihm ein neuer, prosperierender Wirtschaftszweig. Aber erst 9% der Bevölkerung „waren drin“. Aus diesem Grund wurden Aktionspläne entworfen, denn die deutsche Bundesregierung wollte 40% Internetdurchdringung erreichen.[3] Ein großes Ziel, denn bei 75% der Bevölkerung galt das Netz nur als Tummelplatz von Computerfreaks. Auf keinen Fall könnten normale Menschen so etwas im privaten Alltag benutzen, mache es doch die Welt unpersönlich. Das würden normale Menschen niemals ernsthaft wollen. Zehn Jahre später hat sich das Internet nicht nur in unserem privaten Alltag, sondern auch an vielen Stellen unserer Wirtschaft und Gesellschaft zum zentralen Werkzeug der Wertschöpfung entwickelt. Zwei Drittel aller Menschen bis zum Alter von 59 Jahren nutzen das Web.[4] Interessant sind auch die Namen der damals handelnden Minister: Werner Müller und Edelgard Bulmahn unterschrieben diesen Aktionsplan. Aber wer kennt heute noch die damaligen deutschen Minister für Wirtschaft und Bildung?

Diese Frage nach der Welt von vor zehn Jahren gehört an den Anfang jeder Zukunftsprognose. Personen, die man kaum mehr kennt, und Themen, die aus heutiger Sicht so fern erscheinen, prägten vor zehn Jahren unseren Alltag. Dies zeigt uns, in welchen Dimensionen sich die Welt in einem Zeitraum von zehn Jahren verändert. Gewöhnlich neigen wir Menschen dazu, die Veränderungen, die sich in unserem Leben vollziehen, zu überschätzen, wenn wir einen kurzen Zeitraum betrachten. Doch gleichzeitig unterschätzen wir die Macht der Veränderung, wenn es sich um einen längeren Zeitraum handelt.