Alle Eltern sind stolz, wenn ihre Kinder die ersten Worte sagen. Sie nehmen begierig jede neue Wortkreation auf, die ihr Sprössling zustandebringt. Die Freude über die Fähigkeit sprechen zu können, ist verständlich, ist sie doch unser grundlegendstes Ausdrucksmittel. Sprache und mit ihr die Abstraktionsfähigkeit zeichnen uns unter allen Lebewesen als etwas Besonderes aus und verbinden uns Menschen in allen Bereichen des Lebens miteinander. Auch im polizeilichen Bereich bilden das Gespräch und die Befragung das Fundament menschlicher Begegnung und zeigen sich als unsere wichtigsten Verständigungsinstrumente. Als Polizist habe ich das Verhör als das spannendste Ereignis polizeilicher Tätigkeit erlebt. Verhör bedeutet primär die Fähigkeit, zuhören zu können. Dabei kommt es auf das feine Verstehen, Erkennen und Interpretieren verbaler und nonverbaler Kommunikation an. Polizeiliche Tätigkeit besteht hauptsächlich darin, sich mit Menschen zu beschäftigen. Polizei sollte ja primär für die Menschen da sein. Im neuen Leitbild der Polizei identifiziert sie sich mit den Schlagwörtern „Sicherheit und Hilfe“.
Das alte Leitbild der Polizei betonte meiner Meinung nach die menschliche Komponente viel deutlicher. Im neuen Leitbild kann man die Veränderung zu einem abstrakteren Selbstbild als Synonym für das Sich-Entfernen vom Menschen sehen. Früher sagte man: „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“
Heute, nach der Umsetzung der Polizeireform 2005, bleibt die Tatsache bestehen, dass ein militärisches, zentralistisches Modell geschaffen wurde, das sich von den Menschen eher distanziert hat. Die Interpretation und Analyse des neuen Leitbildes könnten das nicht trefflicher zeigen.
Eine Erfahrung, die ich als Polizist des alten Systems gemacht habe, ist jene, dass sich bei der Polizeiarbeit immer etwas verändern wird. Vor allem Wissenschaft und Technik haben die polizeiliche Arbeit massiv beeinflusst. Besonders die technische Entwicklung hat die Polizeiarbeit stark beeinflusst, versachlicht und modernisiert, aber auch komplizierter gemacht. Informationsgewinnung, Informationsauswertung und die forensische Methodik haben sich so spezialisiert, dass ein hochtechnologisches „Know-how“ nötig ist, um überhaupt in einen Funkwagen einsteigen und diesen bedienen zu können.
Trotz all dieser Modernisierungen bleibt aber die persönliche Konfrontation der Kern polizeilicher Arbeit. Polizisten und Polizistinnen müssen mit Menschen umgehen können, sollen dem Opfer und dem Täter zuhören, sich in deren Situation und Lage hineindenken und hineinfühlen können. Es bedarf des persönlichen, direkten Gesprächs, um sich mit dem Geschehenen auseinandersetzen zu können. Betrachtet man das Ergebnis moderner Polizei derzeit, scheint eine Reduktion des Einfühlungsvermögens erkennbar zu sein. Junge Polizisten und Polizistinnen handhaben oft überragend die ihnen zur Verfügung gestellte Technik, aber kaum müssen Befragungen, Einvernahmen oder Gespräche zur Informationsgewinnung geführt werden, treten Defizite zutage, die früher, vor der Reform der Polizei in Österreich, nicht in diesem Ausmaß vorhanden waren.
Ich hatte zu meiner Zeit das Glück, bei der Polizei hervorragende Lehrer, Kriminalisten, Polizisten, „Kieberer“ und Polizeijuristen kennenzulernen, die auch lehrten, wie man Einvernahmen durchführt. Während meiner Zeit als Polizeijurist und Referent für die Sachbereiche Diebstahl, Betrug, Fälschung hatte ich die Gelegenheit, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen, und konnte etliche Erfolge verbuchen. Dieses Wissen und meine Praxis haben sich in einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise erweitert, deren Wichtigkeit und zentrale Bedeutung mir im Zuge meiner Lehrtätigkeit immer stärker bewusst wurden. Taktik, Strategie und Kunst der Einvernahme haben sehr viel mit anderen Wissengebieten, wie der Medizin, Psychologie, Kommunikation und dem Marketing, gemeinsam.
Dieses Buch soll die Wichtigkeit der menschlichen verbalen und nonverbalen Kommunikation in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Es soll deutlich gezeigt werden, dass all die technische Entwicklung und die Neuerungen nicht darüber hinwegtäuschen können, dass persönliche Begegnung, das Gespräch, die Konfrontation mit dem anderen Menschen wichtiger Bestandteil unseres Lebens und unserer Arbeit sind. Man hat in Zeiten des Computers und der Internetkommunikation die Fähigkeit, Briefe zu schreiben, verlernt. Man sollte nicht auch die Fähigkeit, miteinander zu sprechen und zuzuhören, verlernen. Das gilt für das Berufs- wie für das Privatleben. Geprägt vom Polizeiberuf schließt sich der Kreis der Lebenserfahrung in der Erkenntnis, dass das Miteinander, das Sprechen und Zuhören die Grundlage unseres Lebens und Überlebens darstellen. Strategie und Technik des Verhörs lehren, wie man gezielt zu Informationen gelangt, auf die man im Bereich der Aufklärung von Straftaten erpicht sein muss.
Max Edelbacher
Als mir Max Edelbacher vorschlug, an einem Buch über Wahrheitssuche im Zuge des polizeilichen Verhörs mitzuarbeiten, schloss sich bei aller anfänglichen Skepsis meinerseits, ob ich Qualifiziertes zu dieser Thematik beitragen werde können, ein Kreis. Denn biografisch und inhaltlich sind Max Edelbacher und ich in einer eigenartigen, fast „magischen“ Weise verbunden, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten oder es uns überhaupt bewusst gewesen wäre. Besonders augenscheinlich wurde für mich dieses geistige Band, als ich begann, die Geschichten, die uns Max Edelbacher erzählt, zu lesen. Es war ein Déjà-vu, denn in ähnlicher Weise, mit ähnlich lautenden Erzählungen pflegte mein Vater Paul Herrnstadt am Abend unsere Familie zu unterhalten. Die spannendsten, oft auch kuriosen Begegnungen mit klugen Betrügern, exzentrischen alten Damen, ideenreichen Heiratsschwindlern und vielen mehr verstand mein Vater vergnüglich darzubieten. Wir Kinder lauschten stets gespannt. Oft berichtete er von kniffligen Kriminalfällen und beteiligte uns, indem er nach unserer Meinung fragte und uns mögliche Lösungswege finden ließ. Viele Fälle, die er uns schilderte, waren noch nicht abgeschlossen, wir wussten alle den Ausgang nicht, insofern waren manche Erzählungen wie Fortsetzungsgeschichten und erst Tage später erfuhren wir, ob unsere kindlichen (jugendlichen) Einschätzungen und Vermutungen der „Wahrheit“ halbwegs entsprachen.
Ich schreibe das Wort Wahrheit unter Anführungszeichen, denn es wird noch darüber zu sprechen sein, inwieweit in der polizeilichen oder gerichtlichen Einvernahme ein Ergebnis als Wahrheit bezeichnet werden kann und soll oder einfach als Übereinkunft: „So könnte es wohl gewesen sein, das scheint plausibel.“
Die Erzählungen meines Vaters enthielten, ähnlich den Erzählungen Max Edelbachers, neben der kriminalistischen Story auch soziologische Betrachtungen zum Umfeld und zu den Lebensbedingungen der Täter und Opfer. Es zeigte sich, dass viele Täter auch Opfer waren und sind, Opfer ihrer Erziehung, Opfer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit oder Opfer unverschuldeter Schicksalsschläge. Ebenso manifestieren sich Tätereigenschaften in Opfern. Manche polizeilichen Anzeigen erfolgten aus Missgunst, Rache, Ressentiment oder Kleinlichkeit. Wir verstanden sehr bald, dass das kriminelle Milieu ein Teil unserer gegenwärtigen Gesellschaft ist, so wie das sogenannte „Böse“ Teil unseres Menschseins ist. Vor allem machte er uns klar, dass das, was als Böse gilt oder was als ein strafbarer Tatbestand angesehen wird, einem historischen und kulturellen Wandel unterworfen und keine menschliche Konstante ist. Ich verweise etwa auf den Handel mit und den Konsum von Drogen oder den Umgang mit Prostitution und ihren Nebenerscheinungen sowie auf den Begriff der „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ usw.
Mein Vater erzählte auch von Übergriffen der Polizei, von prügelnden Wachebeamten, von Kleinkorruption und auch er wünschte sich eine bürgernahe, sozial kompetente Polizei – ohne sich allzu große Illusionen zu machen. Es war auch für ihn nicht immer leicht, die Verfehlungen in der eigenen Organisation zu entdecken. Mit krimineller Intelligenz verstanden es manche Polizisten, ihre Fehltritte zu verbergen. Die Milieus lernten offensichtlich von einander. (Über die Nähe von Polizei und Kriminal schreibe ich noch an anderer Stelle.) Jedenfalls erzählte man sich in meiner Jugend: „Wenn man zu blöd für das Verbrechen ist, geht man zur Polizei.“ Manche Polizisten waren allerdings bei der Vertuschung ihrer Prügeleien recht erfinderisch. Ich entsinne mich einer diesbezüglichen Erzählung meines Vaters. Einen Delinquenten wollte man, um ihn zu demütigen oder aus purer Freude am Schlagen, nach dem Verhör verprügeln. Für diese Aktion kamen extra Beamte mit einer Funkstreife aus einem anderen Bezirk. Als der Geschlagene Anzeige erstattete, wurden ihm alle Polizisten jenes Kommissariats, in dem er verhört wurde, zur Gegenüberstellung vorgeführt. Klarerweise konnte er keinen jener Polizisten wiedererkennen, die ihn übel zugerichtet hatten. Ich weiß nicht, ob diese Sache jemals aufgeklärt wurde, jedenfalls war mein Vater keiner, der sich mit der Organisation, in der er gerne und erfolgreich arbeitete, bedingungslos identifizierte.
Mein Vater musste aus familiären Gründen nach der vierten Klasse des Gymnasiums die Schule verlassen, lebte in einem Lehrlingsheim und war Lehrling bei einem Goldschmied. Zusätzliches Geld verdiente er sich als „Falschspieler“ beim Kartenspielen in Gasthäusern. In der Nazizeit musste er aus Österreich flüchten und konnte die Matura und zwei Studien erst nach dem Krieg nachholen bzw. absolvieren. Auf ihn trifft zu, was ich mir unter anschlussfähigem Kommunikationsverhalten vorstelle. Er konnte mit einfachen Menschen, Gaunern, Prostituierten ebenso erfolgreich kommunizieren – deren Sprache und habituellen Codes beherrschen – wie mit Hofräten, Juristinnen und als „gesprächiger“ Mensch auch mit vielen Journalisten. Vielleicht waren die Sozialisationsbedingungen, die meinen Vater prägten, ähnlich wie bei Max Edelbacher.
Der Kreis wird immer enger, denn ungefähr in meiner Jugend- und Studentenzeit begann mir mein Vater auch von einem interessanten jungen Kollegen zu erzählen, den er im Sicherheitsbüro, wo er als Betrugsspezialist arbeitete, kennengelernt hatte. Offenbar gab es schon einige Fälle, bei denen Max Edelbacher und mein Vater zusammenarbeiteten, Fälle, die sie gemeinsam der Aufklärung zuführten. Umgekehrt erfuhr ich später von Max Edelbacher, dass er meinen Vater als „Lehrer“ recht verehrt hat, was mich in einer gewissen Weise „stolz“ machte – obwohl ich für die Leistungen meines Vaters nichts getan habe, außer vielleicht, dass ich ein recht pflegeleichtes Kind war. Stolz ist übrigens ein Gefühl, über das man nicht allzu laut sprechen sollte, wenn man ihn überhaupt empfindet. Das Wort kommt aus dem Lateinischen stultus und das heißt dumm.
Die ausgeprägten kommunikativen Fähigkeiten meines Vaters machten aus ihm einen speziellen Kenner von Techniken des Verhörs. Und immer wieder erfuhr ich, dass es ihm gelang, schier unlösbar scheinende Fälle dadurch zu lösen, dass er Verdächtige zu einem Geständnis verführte, überredete, überzeugte, erleichterte, …
Hier wären viele Prädikate angebracht und möglich, denn tatsächlich spielen alle kognitiven und emotionalen Einflussnahmen eine bedeutende Rolle bei erfolgreichen Einvernahmen. Auch davon berichtet Max Edelbacher.
Verschiedene Techniken der Wahrheitsfindung wurden von meinem Vater auch im familiären Umfeld zur Anwendung gebracht. Er behauptete stets – immer mit Humor und Augenzwinkern – jeder Lüge von uns Kindern auf die Spur kommen zu können. Das war gewiss auch verbunden mit seinem Hang, Problemen rational auf den Grund zu kommen. Dazu dienten auch ausgefeilte Fragetechniken, durch die wir uns in unauflösbare Widersprüche verwickelten. Dann folgte ein Geständnis. Aber es gab auch andere Tricks, von denen ich noch berichten möchte. Ich konnte also im Umgang mit ihm – und gegen ihn – viel lernen. Das Gelernte fand Eingang im Umgang mit meinen Kindern und in meinem beruflichen Alltag. Ich arbeite unter anderem als Trainer mit Richtern und Staatsanwälten beiderlei Geschlechts an Themen wie Glaubhaftigkeit, Wahrheitsfindung und Fragetechniken. Einige Erfahrungen aus diesen Seminaren und Wissen, das ich mir in Vorbereitung darauf angeeignet habe, fließen in meine Beiträge in diesem Buch ein.
Eine frühe Technik der Lügenaufdeckung, die mein Vater bei uns Kindern, als wir noch klein waren, anwendete, war die „Nasenprüfung“. Das war ein äußerst raffinierter Trick, den wir aber im Laufe der Zeit durchschauten. So musste mein Vater später davon Abstand nehmen. In jenen Monaten, in denen wir den Trick schon „verstanden“ hatten, ohne dass mein Vater dies wusste, konnten wir Vorteile daraus ziehen und ihn überrumpeln. Dies zeigt schon die ganze Problematik der Verhör- und Fragetechnik. Denn sie ist nur wirksam, wenn die fragende Person darin überlegen ist. Ist die verhörte Person ebenso geschult, also „mit allen Wassern gewaschen“, wird es ein sehr schwieriges Verhör – oder auch ein „sportiver Wettkampf“, wie Max Edelbacher schreibt: „Die Einvernahme wird gewissermaßen ein Wettstreit (… ) wer von beiden der Geschicktere, Klügere, Raffiniertere (…) sei.“
Die „Nasenprüfung“, die ich gleich beschreiben werde, ist auch philosophisch interessant, weil sie zeigt, wie innerhalb eines kommunikativen Geschehens eine Lüge wahr wird. Und sie wird dadurch wahr und dann wieder unwahr, dass die Beteiligten über die Frage „Lüge oder nicht“ nachdenken und wissen, dass alle darüber nachdenken.
Mein Vater erzählte uns also, dass er an der Härte bzw. Weichheit unserer Nasenspitze erkennen könne, ob wir logen oder die Wahrheit erzählten. Nach einer von uns vorgetragenen Geschichte drückte er mit dem Zeige- oder Mittelfinger auf unsere Nasenspitze und gab seine Prognose ab. Natürlich war es vorerst eine Lüge, dass er an unserer Nasenspitze etwas erkennen könne. Was aber passierte in Wirklichkeit? Wenn wir ihm eine Lüge auftischen wollten, machten wir extra, etwa durch Verspannen der Oberlippe oder Nasenflügel, unsere Nasenspitzen hart. Alleine daraus konnte er schon erkennen, dass wir etwas zu verbergen hatten. Er war also tatsächlich in der Lage an unseren Nasenspitzen Lüge und Wahrheit zu erkennen. Unser Verhalten, das eine Reaktion auf seine Lüge war, machte seine Lüge „wahr“. Für mich war das eine sehr lehrreiche Erfahrung, die die verschlungenen Wege kommunikativer Interaktion recht deutlich macht. Wie gesagt, ab dem Moment, wo wir den Mechanismus dieser reflexiven Schleife durchschaut hatten, war der „Zauber“ vernichtet.
In der Zeit meiner Pubertät, die bei mir nicht sehr „heftig“ ausfiel, verhielt sich mein Vater in Bezug auf Wahrheitsfindung ganz anders – fast gegenteilig. Er spürte nicht der Lüge nach, er fragte nie, ob eine Erzählung wahr sei, sondern schenkte uns uneingeschränktes Vertrauen. Er wusste, dass einer geschickten, gefinkelten Lüge nicht auf die Spur zu kommen war, thematisierte diese Tatsache auch, gab aber deutlich zu verstehen, dass ein vertrauensvolles Eltern-Kind-Verhältnis ohne Lüge auskommen könne. Insbesondere dann, wenn es, wie es bei uns in der Familie der Fall war, kaum Verbote und daher auch kaum etwas zu verheimlichen gab. Selbstverständlich belogen wir unseren Vater immer wieder. Niemals wussten wir, ob er nicht etwas ahnte.
Als ich in meiner Studentenzeit zu rauchen begann, was meinen nicht rauchenden Vater sehr störte, schloss er mit mir einen Vertrag. Er wolle mir eine gewisse Summe Geldes monatlich bezahlen, wenn ich vom Zigarettenkonsum abließe. Die Vereinbarung wurde „rechtskräftig“, ich bezog das Geld und – rauchte weiter! Mein Vater hat mich nie gefragt, ob ich den Vertrag auch einhielt. Ohne Prüfung überreichte er mir meine Taschengeldaufbesserung. Heute bin ich sicher, dass er sowohl an meinem Mundgeruch – wir waren eine Küsserfamilie – oder an der Raumluft, trotz des schnell geöffneten Fensters (oder eben gerade daran!), erkannte, dass ich vertragsbrüchig geworden war.
Letztlich war seine Methode aber wirksam, denn ich rauchte mit immer größeren Schuldgefühlen ihm gegenüber. Die Schuldgefühle und auch die Kraft seiner seinerzeit vorgebrachten medizinischen Antiraucher-Argumente übertrafen bald den Genuss des Rauchens. Ich rauche seit vielen Jahren nicht mehr und ich bin der festen Überzeugung, dass gerade diese Erfahrung einer verletzenden Vater-Sohn-Beziehung mir bei der endgültigen Entsorgung der Glimmstängel sehr geholfen hat.
Menschen, denen man Vertrauen entgegenbringt, wollen dieses nicht gerne enttäuschen. (Mit diesem Phänomen hat mein Vater im „Zigarettenexperiment“ gearbeitet.) Ich setze dabei eine durchschnittliche Sozialisation voraus. Diese Tatsache ist ebenfalls empirisch gut untersucht.
In einem Experiment in den USA legte man eine volle Geldbörse in eine Telefonzelle, nachdem man darin eine versteckte Videokamera installiert hatte. Wenn nun jemand die Telefonzelle betrat und nach dem Telefonieren die Börse vermeintlich unentdeckt einsteckte, wurde die Person von einem Passanten, der Teil der Versuchsanordnung war, gefragt, ob er eine vergessene Brieftasche gefunden hätte. Diese Begegnung zwischen Passant und Brieftaschenfinder wurde auf zwei unterschiedliche Arten organisiert: Entweder stellte der Passant bloß die Frage oder während der Frage fand eine leichte, fast unmerkliche körperliche Berührung statt. Man weiß, dass körperliche Berührungen zu einer Ausschüttung von Oxytozin führen. Oxytozin ist ein körpereigenes Hormon, das etwa beim Sex eine wichtige Rolle spielt. Dieses Hormon ist entspannend, beziehungsstiftend, unterdrückt das Stresshormon Cortisol – und stellt Vertrauen her. Dies brachte im geschilderten Experiment die entscheidende Wirkung. Es zeigte sich nun, dass jene Personen, bei denen eine Berührung erfolgt war, signifikant häufiger die Geldbörse zurückgaben als jene, die nur gefragt worden waren.
Auch vom Gegenteil kann man sich überzeugen. Menschen, denen möglicherweise grundsätzlich Misstrauen entgegengebracht wird, haben keinen Anlass dazu, ehrlich zu sein.
Die Kenntnis dieser Phänomene ist bei Befragungen und anderen Interaktionen, die der Wahrheitsfindung dienen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Selbstverständlich werden auch im Familienkreis „Miss- und Vertrauensspielchen“ gespielt. Im Anschluss an die Erfahrungen meines Vaters habe ich solche Spiele auch mit meinen beiden Buben erprobt. Wenn ich sie fragte, ob sie sich schon die Zähne geputzt hätten, antworteten sie ungeniert mit der Lüge „Ja“. Ich ging dann ins Badezimmer und betastete die beiden Zahnbürsten. Sie waren trocken. Meinen Buben zeigte ich die trockenen Zahnbürsten, welche die beiden der Lüge überführten. Anschließend putzten sie sich – ich glaube nicht sehr reuig – die Zähne.
Was aber passierte am nächsten Abend? Clevere Kinder, die sie waren, putzten sie sich nicht die Zähne, sondern – erraten – sie befeuchteten die Zahnbürsten. Auch der Test mit dem Zahnpastageruch war nur einen Abend erfolgreich. Denn am nächsten Abend schmierten sie sogar Zahnpasta auf die Bürsten, um mich zu täuschen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss man die Strategie ändern, denn die Kinder werden an diesen immer anstrengender werdenden Spielen letztendlich mehr Vergnügen haben und die Sieger bleiben.
Meine Strategieänderung war an das „Zigarettenexperiment“ meines Vaters angelehnt. Ich schenkte ihnen nun uneingeschränktes Zutrauen. Anfänglich logen mich meine Kinder weiter unverblümt an und ich tat so, als würde ich alles glauben. Nach einigen Tagen konnten sie aber mit meiner ans Blöde grenzenden Gutgläubigkeit nicht mehr leben. Als ich ihnen wieder einmal glaubte, obwohl sie offensichtlich logen – sie hatten das Badezimmer gar nicht betreten –, brachen sie in Gelächter aus und gingen freiwillig Zähne putzen. Das Spiel und die Diskussion über das leidige Thema hatten damit ein Ende.
Die Begegnungen mit meinem Vater haben uns beide, Max Edelbacher und mich, geprägt und auf die nun vorliegende, spannende Aufgabe, ein Buch über Verhör, Fragetechniken und Wahrheitsfindung zu schreiben, gut vorbereitet. Max Edelbacher konnte in einem sehr reichen Berufsleben direkt an seine Erfahrungen mit Paul Herrnstadt anschließen. Ich komme, wie in einem weiten Kreis zurückkehrend, zu ehemaligen Erfahrungen und Erlebnissen an einem Punkt mit Max Edelbacher zusammen, wo sich unsere Lebenswege wieder kreuzen und wir thematisch an einem gemeinsamen „Buch-Strang“ ziehen, ich hoffe zum lehrreichen Vergnügen unserer Leserinnen und Leser. Max Edelbachers Anliegen einer demokratischen, bürgernahen Polizei, mein Anliegen einer demokratischen, bürgernahen Justiz werden wir in unserer alltäglichen Praxis weiterverfolgen.