D’ANDREA G.L.

WUNDERKIND

Die Silbermünze

ROMAN

Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt

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Lübbe Digital

Vollständige E-Book Ausgabe

des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Lübbe Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG

Titel der italienischen Originalausgabe:

„WUNDERKIND – Una lucida monta d’argento“

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2009 by D’Andrea G. L.

First published in Italy by Arnoldo Mondadori S.P.A., Milano

This edition published in agreement with PNLA/Piergiorgio Nicolazzini Literary Agengy

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2010 by by Baumhaus Verlag in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Textredaktion: Mona Gabriel

Lektorat: Harald Kiesel

Titelbild: © mikhal/shutterstock

Umschlaggestaltung: Christine Wilhelm

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-1176-8

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Für die trägen Himmel und die

immer flammenden Dämonen.

Für die Straße bis ans Ende der Welt

und die Marienkäfer, die dort wohnen.

Für den Ozean und die Festung – mögen sie

niemals mehr eiserne Fesseln oder Ketten tragen.

Für die Möwe, die nachts lachte,

den kleinen blinden Kater

und für den alten Fischer, der die Zeit,

die Wellen und seine Hände verbrauchte,

doch nicht sein Herz.

Und für Sara,

die mir genau das gezeigt hat,

als sie über die Seeschwalben lachte.

Ich muss hinzufügen, dass ich nie jemandem

begegnet bin, der die Rue d’Auseil

mit eigenen Augen gesehen hätte.

H. P. Lovecraft

Frank konzentrierte sich so auf das Rätsel von

LeMarchands Würfel, dass er nicht hörte,

wie die große Glocke zu schlagen begann.

C. Barker

ERSTES GEWITTER

Das Gewitter rollte von fern heran, entlud sich in mächtigen Donnerschlägen und gleißend hellen Blitzen. Die Schatten der Nacht zitterten wie verwundet, und sogar die Dunkelheit schien sich zurückzuziehen, als das angstgeschüttelte Kind in Schwarz und Weiß auf seiner Flucht vorbeihastete.

Der Mann in der Gasse beugte sich über das Feuer. Das Kind blieb verwirrt stehen. Rabenschwarze Haare klebten verschwitzt an seinem milchweißen Gesicht. Alles an ihm war entweder schwarz oder weiß.

Das Feuer am Ende der engen Straße sprühte helle Funken durch den dicken Qualm, der aus harzigen Zweigen und verbranntem Plastik aufstieg. Dieser Einladung, sich zu wärmen, konnte das Kind nicht widerstehen.

Wasser rauschte wild vom Himmel herab durch die Gasse, nagte am Putz, prasselte auf das Kopfsteinpflaster, als wollte es die Glut im Inneren der Erde löschen, es ließ die Regenrinnen anschwellen, bis sie nachgaben und überliefen, doch der Mann, der dort in einen grünen Regenmantel gehüllt stand, schien sich nicht darum zu kümmern. Er hielt seinen Kopf im Schatten verborgen und klatschte rhythmisch in die Hände.

»Also du«, sagte er leise, beinahe amüsiert, »du sollst nun das Wunderkind sein?«

Der Mann erhielt keine Antwort, denn das Kind war vor Angst und Kälte zu erstarrt, um etwas zu sagen, brachte noch nicht einmal ein schlichtes »Ich friere« heraus. Es rieb sich die Augen und kam zögernd noch ein wenig näher, um die kleine Gestalt zu betrachten, die sich dort leicht wie eine Feder zu den klatschenden Händen des Mannes bewegte.

Unglaublich: Die Figur wirbelte elegant durch die Luft, drehte sich anmutig wie eine Ballerina, wich den dicksten Regentropfen mit geschmeidigen Bewegungen aus und sprang dann von Neuem, unermüdlich, hoch hinauf und über die Flammen, kam wieder herunter, immer im Rhythmus, den die Hände des Mannes vorgaben. Das Kind beobachtete sie entzückt.

So etwas hatte es noch nie gesehen.

Jetzt konnte man das Gesicht des Mannes erkennen, nicht gerade ein schöner Anblick. Sein fleckiger, schmutziger Bart hatte sich zu einer Matte unbestimmter Farbe verfilzt, die sonnenverbrannte und windgegerbte Haut war ganz runzlig. Seine aufgesprungenen Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, eine Art wölfisches Grinsen, bei dem zahlreiche zerfressene, aber dennoch spitze Zähne zum Vorschein kamen. Auf einem Auge war er blind, darüber zog sich die tiefe Narbe einer Wunde, die jemand recht und schlecht zusammengeflickt hatte, während das andere Auge mit kaltem, leuchtendem Blau das Kind durchdringend ansah.

Das Kind hatte Angst, grenzenlose Angst, aber es war nicht in der Lage, den Blick von den Bewegungen dieser kleinen Gestalt mit dem Drahtkörper abzuwenden. Mit ihrem dreieckigen Schlangenkopf und darauf zwei zu einem V angeordneten Hahnenfedern wie die Hörner eines Ziegenbocks ähnelte sie einer winzigen Vogelscheuche.

»Ich bin der, den sie Pilgrind nennen«, stellte sich der Mann unvermittelt vor, woraufhin das Kind erschrocken zusammenfuhr. »Und das da«, fügte er hinzu, »ist König Eisendraht.«

Der Mann klatschte noch einmal in die Hände und dieses Geräusch schien endlos durch die dunkle Gasse zu hallen, von einer Mauer zur anderen, ja, es schien sogar die anhaltenden Donnerschläge des Gewitters zu übertönen. Die Flammen des Feuerchens loderten hell auf und das Kind wich instinktiv einen Schritt zurück.

Die kleine Gestalt sprang ein letztes Mal elegant in die Luft und verschwand nach oben, eingesogen von der Dunkelheit.

Einen Augenblick lang sah es so aus, als wäre sie endgültig verschwunden, doch dann landete sie in einer Verbeugung auf dem Boden, schlug einen kurzen, brillanten Salto und stürzte sich auf das Kind.

König Eisendraht versenkte die Hände in seiner Brust, in seinem Fleisch.

Das Kind konnte nur noch denken: Das brennt so.

»Nun können wir beginnen.«

So endet der Traum jedes Mal, mit dieser Stimme, die sich dröhnend über das Gewitter erhebt, und dem quälenden Schmerz in der Brust. Es ist immer das Gleiche. Immer dieses Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr.

1

So war es immer im Oktober in Paris.

Der frühe Morgen begann verschlafen. Er legte sich feucht auf die elektrischen Flammen der Straßenlaternen, die noch ein wenig knisterten und dann die Straßen sich selbst überließen.

Erst der Lärm der Wohnhäuser riss die Stadt aus ihrem Schlaf. Diese Häuser waren lebendige Wesen der besonderen Art, Lebewesen aus Ziegelstein und Beton, Marmor und Holz, Granit und Kalk.

Durch die Abwasserkanäle brodelten noch die letzten Reste des Platzregens, in den Regenrinnen rauschte es, Türen und Rollläden quietschten. Sie alle begrüßten vereint die Wärme des Morgens.

Hoch aufragend in den Himmel unterhielten sich diese Wesen aus Beton und Ziegelsteinen in ihrer Geheimsprache über die schlimmen Ereignisse der Nacht und rechneten die Geburten gegen die Todesfälle auf.

Das Licht der Morgendämmerung war von Rosa in Rot und von Rot schließlich in Gelb übergegangen. Es war endgültig Tag geworden. Dazu gehörten das Rattern der Straßenbahnen, die quietschenden Rollgitter der Bäckereien, die Schritte der Passanten, die Ringe unter den Augen und eine Zeitung unter dem Arm trugen, und das Gezänk der Spatzen und Krähen über diesem unverwechselbaren Hintergrundrauschen des Herbstes. Welke Blätter sammelten sich zu Wirbeln, und Regenpfützen wurden von Autoreifen und Schuhen niedergewalzt. Scharen von Tauben lugten gewohnt dümmlich und boshaft aus Dachböden hervor.

Für Kenner hielt die Morgenluft ein ganzes Duftbouquet bereit.

Der Geruch von frisch gebackenem Brot und der noch verführerischere nach Kuchen und süßen Stückchen mischte sich mit den bunten, vielfältigen Düften der Blumen der Straßenhändler und den zarten, verlockenden von selbstbewussten Frauen, die wohin auch immer unterwegs waren.

Ein alter Mann mit blauen Augen lief pfeifend vorbei, die Hände in den Hosentaschen. Sein Blick kreuzte sich mit dem eines finster dreinblickenden Jungen, während ihm der Gedanke durch den Kopf ging, dass Paris so wundervoll wie die erste Liebe sein konnte.

Aber auch genauso unbarmherzig.

Caius Strauss war vierzehn Jahre alt, ein kränklich wirkender Junge, er trug eine Umhängetasche und hatte die geballten Fäuste tief in den Taschen seiner Jacke versenkt. Er biss sich immer wieder unruhig auf die Lippe, und dass die zerzausten Haare ihm ständig in die Stirn fielen und ihn kitzelten, machte ihn nur noch nervöser.

Da er den größten Teil seines Lebens zwischen sterilen Kitteln und Hustensaftflaschen, fernab von seinen Altersgenossen und deren Qualen und Sehnsüchten, verbracht hatte und lieber Dickens las, als sich mit Videospielen zu beschäftigen, hatte er sich zu einem Jungen entwickelt, der weder dumm noch oberflächlich war. Deshalb war er jetzt nicht nur beunruhigt, sondern auch leicht erstaunt.

Und dafür gab es folgenden Grund: Bisher hatte ihm in seinem Leben kaum etwas solches Kopfzerbrechen bereitet wie dieses Ding, das ihm an diesem schönen Morgen im Spätherbst den letzten Nerv raubte. Auf den ersten Blick wirkte sie eigentlich ganz harmlos.

Diese glänzende Silbermünze in seiner Faust.

Während er ohne Vorwarnung mit einem Mann zusammenprallte, der in die Titelseite von Le Monde vertieft war, kreisten Caius Strauss’ Gedanken nur um diese Münze. Die Münze, die Münze und wieder diese Münze. Sie war das Rätsel, das diesen schönen Vormittag genauso pechschwarz erscheinen ließ und voller Gefahren wie die vier vorausgegangenen.

Seit vier Tagen gab es für Caius Strauss nur noch diese Münze. Sie und eine einzige Frage, die lautete: Werde ich etwa verrückt?

Caius hatte die Silbermünze gestern Nachmittag in einen vor Papier und Dosen überquellenden Abfallkorb an der Kreuzung Rue Legendre direkt vor den Würfeln im Park des Couvent des Récollets geworfen.

Er hatte sie weggeworfen, während ihn ein Platzregen von Kopf bis Fuß durchnässte, das war genau um fünf gewesen, er hatte auf die Uhr geschaut. Diese Details hatten sich in seinen Kopf eingebrannt: der Abfallkorb, die Würfel, die Uhr.

Er hatte sie absichtlich weggeworfen und nicht etwa verloren, weil er einen Augenblick unaufmerksam war. Sie war ihm nicht aus der Tasche seiner Jeans herausgerutscht, weil diese ein Loch hatte, wie es ihm meist mit Geldstücken oder Metrofahrscheinen passierte. Er hatte sie ganz bewusst weggeworfen, und als er trotz des laut prasselnden Regens auf seinem Schirm gehört hatte, wie die Münze mit metallischem Klirren auf den Boden des Abfallkorbes fiel, hatte er sich besser gefühlt. Nicht gut, nur ein wenig besser.

Caius wusste genau, dass die Silbermünze zu ihm zurückkehren würde. Er hatte nämlich schon drei Mal versucht, sie loszuwerden. Hatte sie an drei verschiedenen Orten weggeworfen und jedes Mal war die Münze zu ihm zurückgekehrt.

Diese verdammte Münze, die sich so kühl anfühlte, obwohl seine Faust, die sie umklammert hielt, schweißnass war, löste ein komisches Gefühl bei ihm aus. Nein »komisch« war nicht der richtige Ausdruck, das traf es nicht genau … Nachdenklich wich er einem winzigen, kläffenden Pudel aus und ging am streng wirkenden Tor der Gendarmerie in der Rue Truffaut vorbei. Nein, komisch traf es einfach nicht, und Caius war niemand, der sich selbst etwas vormachte. Dieses verdammte Ding, das ihm Kopfzerbrechen bereitete, diese Silbermünze, die immer wieder zu ihm zurückkehrte, löste kein »komisches« Gefühl bei ihm aus. Ihretwegen ging es ihm richtig schlecht.

Und dafür gab es einen Grund: Er fand den Mann, der ihm diese Münze geschenkt hatte … einfach widerlich.

Vor vier Tagen hatte ein Wagen mit getönten Scheiben ein paar Meter neben der Bank gehalten, auf der Caius gerade eine Pause einlegte.

Dem Auto war ein Mann mit einem lächerlich wirkenden Zylinderhut auf dem Kopf entstiegen. Dieser Mann hatte ihn angelächelt und sich neben ihn gesetzt. Es sah so aus, als wäre er seinetwegen hier.

Der kleine, über alle Maßen fette, kugelrunde Mann mit diesen unglaublich langen, bleichen Fingern, die ständig in Bewegung waren, hatte ihm vom ersten Moment an nicht gefallen.

Im Nachhinein bedauerte Caius, dass er nicht sofort aufgestanden und gegangen war. Hätte er es getan, würde er jetzt nicht diese verdammte Münze besitzen, die ihm den Schlaf raubte. Doch es war sinnlos, sich selbst etwas vorzumachen: Er hätte niemals die Kraft dazu gehabt.

Von dieser fettleibigen Gestalt ging eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Von dem feisten Mondgesicht und diesen Augen, die selbst so rund und glänzend wie Münzen wirkten. Augen, die niemals blinzelten, hatte Caius schaudernd gedacht.

Seit vier Tagen träumte er von nichts anderem.

»Caius«, hatte der Fremde ihn angesprochen, »Caius Strauss.«

Seine Stimme hatte übertrieben schrill und fröhlich geklungen, sie konnte nur falsch, nur künstlich sein. Als Caius sie hörte, hatte es ihm spontan den Magen umgedreht.

»Caius Strauss.« Der kleine Mann hatte ihm eine Hand mit seltsam langen, geraden Fingern entgegengestreckt. »Caius Strauss, ich bin Herr Spiegelmann, dein Onkel.«

Als er dem Blick des Fremden begegnete, verschwand Paris plötzlich. War wie vom Erdboden verschluckt. In den spiegelnden Oberflächen dieser Augen, die wie Münzen in den Höhlen dieses blassen Mondes funkelten, sah Caius sich selbst, allerdings grotesk verzerrt und dabei entdeckte er ein unbekanntes, höchst intensives Gefühl, das er noch nie empfunden hatte, nicht einmal damals, als die Ärzte mit gerunzelter Stirn nach einer Erfolg versprechenden Therapie für seine Lungen suchten.

Angst.

»Du bist groß geworden, Caius«, der Mann zog das S am Ende seines Namens so in die Länge, dass es einen obszönen, fast fleischlichen Beiklang bekam. Man konnte sich gut vorstellen, wie diese Stimme in dunklen Winkeln von Kindergärten unanständige Bemerkungen wisperte. »Du lagst beinahe noch in den Windeln, als ich dich das letzte Mal gesehen habe. So klein warst du … Aber jetzt bist du groß geworden, beinahe schon ein Mann.«

»Ich kann mich nicht …«, Caius konnte kaum sprechen, er brachte die Worte nur mit Mühe und stockend heraus.

Herr Spiegelmann lächelte.

Er hatte unnatürlich lange, spitze Zähne. Und sie waren verfault. Doch es war nicht sein Atem, der den Jungen zurückweichen ließ. Das verfaulte Gebiss und der dumpfe Geruch gehörten zu den vielen abstoßenden Details, die Caius erst auf den zweiten Blick bemerkte. Als hätte er dies alles nur geträumt. Und trotzdem konnte er nicht bezweifeln, dass diese Begegnung wirklich stattgefunden hatte.

Denn die Silbermünze lag jetzt wieder in seiner Hand, kalt und ganz real.

»Wie solltest du auch? Du warst noch sehr klein, ein nackter kleiner Wurm, und ich musste leider sehr lange Zeit fernbleiben«, Herr Spiegelmann beugte sich vor und meinte geheimnisvoll: »Verpflichtungen, Geschäfte. Deine Mutter meinte immer, ich sei ein vielbeschäftigter Mann. Sie hat mit mir geschimpft und gesagt, so würde ich noch krank werden. Und einige meiner Konkurrenten hoffen sehr darauf.«

Ein flüchtiges Lächeln und wieder diese Zähne. Caius bemerkte kurz, dass sich ganz hinten in diesem Mund etwas bewegte. Und jetzt drehte sich ihm nicht nur der Magen um, ihm wurde richtig schlecht.

Im Mund des Fremden bewegte sich etwas Dünnes, Ekliges, so etwas wie ein Haarbüschel, aber es hatte Fangarme, die so fein waren wie Haargefäße. Es wirkte abstoßend und Angst einflößend zugleich. Aber wegschauen?

Unmöglich.

»In der Familie nennt man mich nur den Verkäufer. Herr Spiegelmann, der Verkäufer. Du hast schon eine seltsame Familie, weißt du, mein Junge.«

Dabei lachte er auf, und sein Lachen klang genauso künstlich hohl und tief wie seine Stimme schrill und flirrend.

»Ich könnte wetten, dass sie dir nie von mir erzählt haben«, sagte er, als wäre das ganz offensichtlich. »Also, so was von gedankenlos, so sind sie eben. Aber du wirst sehen, wir holen alles nach. Das verspreche ich dir. Ich bin geschäftlich hier, bei mir geht es immer um Geschäfte, und ich glaube, dass ich mich diesmal einige Zeit hier aufhalten werde. Auf diese Weise können wir uns ein bisschen besser kennenlernen.«

Es folgte eine Pause, die Caius endlos lang vorkam.

Dann: »Was sagst du dazu?«

Sein Körper reagierte, als hätte der andere eine Drohung ausgesprochen. Hätten ihn diese beiden spiegelblanken Augen nicht so in ihren Bann gezogen, hätte Caius sich wohl tatsächlich übergeben müssen.

»Möchtest du nicht gern ein paar alte Familiengeschichten hören? Es gibt doch nichts Besseres, als vor einer schönen Tasse mit heißer Schokolade zu sitzen und Klatsch auszutauschen. Wir könnten auch gemeinsam ins Kino gehen. Ich kenne da ein paar sehr schöne Kinos.« Wieder dieses doppelt so lange S am Ende. Dieses Zischen. Der geöffnete Mund und dieses Etwas, das sich ganz tief im Hals wand. »Kinos, in denen unglaubliche Filme gezeigt werden, die deine Mutter dich nicht mal im Traum ansehen lassen würde. Und vielleicht verreisen wir irgendwann einmal zusammen. Wie zwei dicke Freunde. Sicher, ich bin ein viel beschäftigter Mann, aber etwas Zeit für meinen Neffen werde ich wohl finden.«

Dann spaltete sich der Mond in zwei Hälften. So kam es Caius jedenfalls vor. Dieser Mond teilte sich und würde ihn gleich verschlingen. Aber das war nur das Gesicht von Herrn Spiegelmann, der herzhaft lachte. Dieses Lachen wurde immer höher, bis es wie das Surren eines Insekts klang.

Wurde so grell, dass es die Trommelfelle zum Platzen brachte.

Als sich ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde voneinander lösten, nahm seine Umgebung wieder feste Formen an. Caius sah Autos vorbeifahren, eine Frau, die an beiden Armen schwere Einkaufstaschen trug, den Wagen mit den getönten Scheiben, der ein paar Meter weiter parkte, das Schaufenster eines Geschäfts mit Modeschmuck, das seinen billigen Kram ausstellte und … dann schloss sich der Mond wieder zu einem Ganzen und alles verschwamm erneut vor seinen Augen.

Alles außer Herrn Spiegelmann.

»Mach die Hand auf.«

Caius gehorchte.

»Hier, ein Glücksbringer. Ich schenke ihn dir.«

Die Münze fühlte sich kalt an.

»Danke«, krächzte der Junge.

»Wir sehen uns wieder. Damals warst du bloß eine kleine Kaulquappe und jetzt bist du so groß geworden. Denk über meinen Vorschlag nach. Möchtest du gern einmal das Meer sehen? Ich fahr mit dir dorthin. Jeder mag doch das Meer. Im Grunde sind wir alle dort geboren, wenn du es recht bedenkst. Vom Fisch über den Frosch zum Affen«, der Mann schnippte mit den Fingern wie ein Zauberer. »Voilà. Ich fahr mit dir dorthin, aber nur, wenn du brav bist.« Er klatschte affektiert in die Hände. Dann stand er auf.

Eine Tür schlug. Der Motor heulte auf. Der Blinker ging und dann stieg dem Jungen eine Abgaswolke in die Nase. Der Fremde war verschwunden.

Caius hatte abgewartet, bis der Wagen in den Verkehr eingetaucht war, bevor er aufgestanden und nach Hause gegangen war.

Auf dem restlichen Heimweg hatte er nicht einmal angehalten.

Am Tag danach hatte Caius die Münze gleich vor seinem Haus in der Rue des Dames in eine Mülltonne geworfen. Er hatte sich gefühlt, als wäre ihm eine Last von der Seele genommen.

Am Abend hatte er die Münze auf seinem Kopfkissen gefunden.

Zwei Tage nach seiner Begegnung mit Herrn Spiegelmann hatte Caius die Münze vom Pont des Invalides geworfen. Die dunklen Wasser der Seine hatten sie aufgenommen, und er hatte sich besser gefühlt. Nicht gut, aber besser.

Doch die Münze war zu ihm zurückgekehrt.

Drei Tage nach der Begegnung, es regnete in Strömen, hatte Caius beinahe ohne Hoffnung die Münze in einen Abfallkorb in der Rue Legendre geworfen. Die Würfel, die Uhr. Als er die Münze klirrend in den Abfallkorb aus Metall fallen hörte, fühlte er sich gleich ein wenig besser.

Die Münze war zu ihm zurückgekehrt.

Vier Tage nach der Begegnung mit Herrn Spiegelmann durchquerte Caius nun zu spät und ein wenig abgehetzt die Eingangstür der Schule der Kleinen Mütter.

Doch zuvor hatte er noch die Münze in einen Gully geworfen.

Und dieses Mal hatte er sich weder gut noch besser gefühlt.

2

Schule.

Caius hatte einige Fragen zur Arithmetik beantwortet und an der Tafel eine besonders komplizierte Aufgabe gelöst. Seine Geometrielehrerin hatte ihn dafür gelobt, eine winzige Nonne mit einem Gesicht, das so runzelig war wie eine Trockenpflaume.

In der Pause hatte er ein bisschen mit Pierre, seinem Banknachbarn, herumgealbert und mit Victor, einem einige Jahre älteren Jungen, mit dem er Freundschaft geschlossen hatte. Er hatte über einen unanständigen Witz gelacht, und während er darauf wartete, dass es zum Pausenende klingelte, an seinem Schulbrot geknabbert. Dann hatte er sich wieder in die Bank gesetzt.

Er fühlte sich losgelöst, meilenweit entfernt. Der Vormittag glitt in einer Art Trancezustand dahin.

Die runzelige Nonne mit der Brille, die ihr Gesicht in ein ewiges Fragezeichen verwandelte, Pierre und seine Zahnspange, Victor und sein Hang zu zweideutigen Witzen bildeten für Caius nur eine Art Hintergrundgeschehen für seine Gedanken.

Mit seinem Kopf war er ganz woanders.

Kaum hatte er mit gesenkten Augen das Klassenzimmer betreten, um dem tadelnden Blick der Lehrerin auszuweichen, hatte er seine Jackentasche nach der Münze abgetastet.

Sie war nicht dort. Sondern im Gully vor der Schule. Er hatte sie gerade weggeworfen. Daran erinnerte er sich. Aber wie konnte er das mit Bestimmtheit wissen? Diese verdammte Münze kehrte doch immer zurück.

Deshalb hatte seine Hand fortwährend die Tasche befühlt, in der sicheren Gewissheit, dass seine Finger früher oder später wieder die Eiseskälte des Metalls spüren würden. Und so sehr er sich über dieses Ding den Kopf zerbrach, er fand keine Lösung.

Seine Angst wuchs.

»Was hast du?«, fragte ihn Pierre im Flüsterton.

»Nichts.«

Eine Stimme von der anderen Seite des Lehrerpults rief ihn: »Strauss, ist etwas?«

»Nichts, Mademoiselle Torrance, entschuldigen Sie bitte.«

»Du siehst blass aus«, bemerkte die Lehrerin. »Willst du zur Toilette gehen und dich ein wenig frisch machen?«

Das war eine gute Idee.

Der Flur wirkte verlassen. Und irgendwie unheimlich.

Caius biss die Zähne zusammen.

Am anderen Ende des Gangs saß Monsieur Kernal, das Gesicht hinter einer Sportzeitung verborgen. »Monsieur Kernal«, so sollten Lehrer und Schüler ihn eigentlich nennen, aber Victor hatte für ihn einen passenderen, wenn auch nicht sehr einfallsreichen Namen gefunden. »Das Schwein.«

Die Zeitung raschelte. Das Gesicht von Laure Manaudou verschwand. An seiner Stelle erschien Kernals kantiger Schädel. Caius lief schneller. Er bog um die Ecke und dachte schon, er wäre davongekommen. Doch im letzten Moment, seine Hände lagen schon auf der Türklinke der Toilette, rief das Schwein nach ihm.

»Strauss!«

Die Stimme des Hausmeisters klang noch mürrischer als sonst. Caius überlegte, ob er so tun sollte, als hätte er ihn nicht gehört, doch der Flur war leer und die Stimme klang zwar heiser, aber sie war leider nicht zu überhören. Damit hätte er das Schwein nur gegen sich aufgebracht.

»Ja?«

»Ja? So redest du also mit einem Erwachsenen, Strauss?«

»Entschuldigen Sie, Monsieur Kernal. Kann ich etwas für Sie tun?«

Auf dem Gesicht des Schweins breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. Als er den Mund öffnete, sah man sein entzündetes, schwärzliches Zahnfleisch. »Ich wollte dir was sagen.« Er winkte ihn zweimal mit dem Zeigefinger zu sich heran. »Unter vier Augen.«

Caius ging auf das Pult zu, hinter dem der Hausmeister saß. Nahe genug, um die Schwaden abgestandenen Rauchs zu riechen, aber nicht seine Alkoholfahne.

»Hast du Angst, dass ich dich fresse?«

Caius kam noch einen Schritt näher.

Monsieur Kernal ließ seine Wirbelsäule knacken und beugte sich dann zu ihm vor. Die kleinen grünen Augen in seinem sonnenverbrannten Gesicht funkelten boshaft. »Ich will dir ein Geheimnis verraten. Kannst du ein Geheimnis bewahren?«

»Mademoiselle Torrance hat mir gesagt, ich soll mich beeilen, vielleicht sollte ich jetzt besser …«

Blitzschnell packte das Schwein seinen Arm. Caius prallte gegen das Pult.

»Sie tun mir weh«, wagte er ganz leise zu protestieren. Ihre Gesichter waren jetzt nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Er konnte die grauen Haare sehen, die dem Hausmeister aus den Nasenlöchern wucherten.

Das Schwein hielt den Jungen immer noch fest und schien offensichtlich Freude daran zu haben, wie er vor Schmerz das Gesicht verzog.

Caius hoffte sehnlichst, dass jemand aus einem der Klassenzimmer herausschauen würde, eine Lehrerin oder vielleicht sogar die Mutter Oberin. Zur Not hätte es auch ein Schüler getan.

Er hatte Angst. Erst vor vier Tagen hatte sich dieses neue, schreckliche Gefühl wie mit Haken in sein Fleisch gebohrt, und jetzt schien es zu seinem ständigen Begleiter geworden zu sein. Niemand kam.

Sie waren allein.

»Du bist ein arroganter kleiner Hosenscheißer, weißt du das, Strauss?«

»Ja«, wimmerte der Junge. Er hasste sich selbst, weil ihn dieser fiese Kerl so leicht zum Weinen gebracht hatte, aber er konnte nichts dagegen ausrichten.

Der Schmerz zog sich von seinem Oberarm, um den sich die schwieligen Finger des Hausmeisters mit festem Griff geschlossen hatten, bis in die Schulter und in die Hand, die dadurch wie betäubt war.

»Ja, was? Du frecher Rotzlöffel!«

»Jawohl, Monsieur Kernal.«

Die Tränen kullerten langsam über seine Wangen.

»Du bist wie all die anderen kleinen Rotzlöffel hier. Ihr glaubt, ihr seid so was von intelligent, was? Ihr glaubt, ihr wisst alles über die Welt und das Leben, was, Strauss?«

»Jawohl, Monsieur Kernal.«

Seine Resignation hatte die Tränen zum Versiegen gebracht. Das Schwein schüttelte ihn so brutal durch, dass Caius sich fast die Zunge durchgebissen hätte. Als er schluchzte, grinste der Hausmeister nur.

Er wollte keine Resignation, sondern blanke Angst sehen.

»Und du bist der Schlimmste von allen, Strauss, das ist dir doch klar, oder? Weil du denkst, du weißt alles und dabei weißt du überhaupt nichts.« Er schlug mit der Hand auf das Pult und Caius zuckte heftig zusammen. »Überhaupt nichts.«

Caius Hals war wie zugeschnürt.

»Jawohl, überhaupt nichts, Monsieur Kernal.«

»So gefällst du mir«, sagte das Schwein und zog ihn mit Gewalt noch ein wenig näher zu sich heran. Caius glaubte beinahe zu hören, wie seine eigenen Knochen brachen. Das war natürlich nur Einbildung, aber inzwischen wurde der Schmerz unerträglich.

Und noch schlimmer war die Demütigung.

»So gefällst du mir.«

»Jawohl.«

»Und du hast keinen Respekt. Nicht einmal vor Leuten, die dich gern haben. Habe ich dich gern, Strauss?«

»Jawohl, Monsieur Kernal.«

Das Schwein versetzte dem Jungen mit dem Rücken der freien Hand eine so kräftige Ohrfeige, dass ihm die Luft wegblieb. »Ich hasse dich, du widerlicher Rotzbengel. Ich hasse euch alle«, stieß er verächtlich aus. »Eher würde ich eine Dose Lack austrinken, als einen von euch gern zu haben. Besonders dich, Strauss. Du bist der Schlimmste von allen. Aber der Direktor ist da anderer Meinung. Der Direktor, der Herr Spiegelmann hat dich sehr gern.«

Caius flatterte nervös mit den Lidern.

Angst. Wieder diese Angst. Ständige Angst.

Monsieur Kernals kleine, blutunterlaufene Augen glänzten wie glühende Kohlen. In seinem Blick lag nicht nur ein Anflug von Wahnsinn.

Dort tat sich ein Abgrund auf.

Das Schwein nickte eifrig. »Jawohl, der Herr Direktor. Er hat dich gern. Sehr gern sogar. Und er weiß, dass du etwas ziemlich Wertvolles verloren hast. Er weiß immer alles. Alles über jeden. Aber er nimmt es keinem krumm, weißt du? Also ich an seiner Stelle …«, er leckte sich mit der trockenen dünnen Zunge die Lippen, » … ich würde dich so lange mit einem Riemen durchprügeln, bis dir die Haut von deinem kleinen knochigen Hintern platzt. Und dann würde ich dir beibringen, was man mit Leuten tut, die wertvolle Dinge verlieren, wie … das da.«

Die Silbermünze.

»Sehr, sehr wertvolle Dinge«, flüsterte das Schwein gedankenverloren. Geradezu verzückt. Und dann fuhr er ihn an: »Und du, du undankbarer, ekelhafter Bengel wagst es, sie in den Gully zu werfen!«

Monsieur Kernals heisere Stimme hallte durch den ganzen Flur wie das Kläffen eines wütenden Hundes, so laut, dass die Wände wackelten.

Und dennoch schien niemand etwas gehört zu haben.

»Rotzbengel«, wiederholte er. »Rotzbengel.« Und damit steckte er Caius die Münze in die Brusttasche seines Hemdes.

Sie war kalt.

»Rotzbengel.«

Nun durfte er gehen.

Monsieur Kernal nahm seine Zeitung zur Hand, als ob nichts gewesen wäre, schlug sie auf und machte es sich auf seinem Platz bequem. »Rotzbengel«, knurrte er ein letztes Mal.

Zitternd zog Caius sein Hemd zurecht, und während er in seine Klasse zurückkehrte, fühlte er sich völlig ausgelaugt und kraftlos. Er saß wie erstarrt auf seinem Platz und wartete, dass sein Herz nicht mehr so raste. Caius sah auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Alles hatte nicht einmal fünf Minuten gedauert.

Die Münze war zu ihm zurückgekehrt.

Caius dachte nicht nach und das war vollkommen ungewöhnlich für ihn.

Nach all dem, was geschehen war, konnte er nicht noch weitere lange Stunden in der Klasse verbringen, bis die Glocke zum Unterrichtsschluss schellte. Die Zeit bis dahin kam ihm endlos vor.

Er fühlte, wie er keine Luft bekam, wie bei einer Panikattacke, vor seinen Augen drehte sich alles und tausend Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf, sodass er sich noch verwirrter und niedergeschlagener fühlte als vorher.

Als er merkte, dass er es nicht mehr aushielt, handelte er instinktiv. Überlegte nicht lange. Hastig kritzelte er eine Erlaubnis, die Schule früher verlassen zu dürfen, ahmte dabei, so gut er konnte, die Handschrift seiner Mutter nach und reichte den Zettel der Lehrerin, ohne zu zögern oder zu erröten.

Seltsam, dachte Mademoiselle Torrance, während sie die Erlaubnis gegenzeichnete. Caius’ Name im Klassenbuch schien zu verblassen. Aber den Gedanken vergaß sie schnell wieder.

Deshalb winkte sie ihm nur stumm, dass er gehen konnte, und dann gewann die Langeweile des Unterrichts wieder die Oberhand über ihr seltsames Gefühl.

Wieder an seinem Platz stopfte Caius eilig Bücher und Hefte in seinen Rucksack und kümmerte sich nicht darum, ob die Seiten beschädigt wurden oder die Umschläge zerknickten.

Auch das war neu: Sonst war Caius immer ein sehr ordentlicher, beinahe penibler Junge.

Dann, während einer seiner Mitschüler ziemlich holprig das Futur II des Verbs »bluten« wiederholte, verließ Caius mit einem leisen Gruß das Klassenzimmer.

Draußen war die Luft frisch und klar.

Einige Schritte hinter der Eingangstür blieb Caius auf dem Bürgersteig der Rue Puteaux stehen. Sein Klassenzimmer lag im obersten Stock. Drei Treppenabsätze trennten ihn von dort, nur drei.

Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen und ihn eine seltsame, tiefe Traurigkeit erfüllte. Mit einem Kloß im Hals stellte er sich vor, wie dort oben Mademoiselle Torrance und seine Mitschüler saßen und in ihre Bücher vertieft waren, und er beneidete sie von ganzem Herzen.

Er beneidete Pierre um seine Zahnspange, Victor um seine Pickel, Fernand um seine Unfähigkeit, länger als ein paar Sekunden einem logischen Faden zu folgen und sogar Corinne um ihre Leseschwäche. Das waren ganz normale Probleme, von ganz normalen Vierzehnjährigen.

Die Münze in seiner Tasche dagegen war kalt, mein Gott, die fühlte sich vielleicht kalt an!

Zögernd schaute Caius hinauf zu dem Fenster im dritten Stock. Das Fenster zu seinem Klassenzimmer, wo – wie er sich vorstellte – Pierre mit den Fingernägeln zwischen seinen Zähnen pulte, Ferdinand verzweifelt versuchte, sich bei Mademoiselle Torrance lieb Kind zu machen und Corinne mit ihren Zöpfen spielte. Er schaute mit der gleichen Eindringlichkeit zu diesem Fenster hinauf, mit der andere den Himmel anflehten, in der Hoffnung, er würde von dort ein wenig Wärme bekommen, die er der Eiseskälte der Münze entgegensetzen konnte.

Doch dort oben fand er keinen Trost, der seine Traurigkeit milderte, nicht einmal einen Funken Wärme.

Was Caius nun sah, traf ihn so unerwartet, so heftig wie ein Stoß vor die Brust, dass er bis beinahe auf die Straßenmitte zurückweichen musste. Der Junge riss die Augen weit auf und aus seinem geöffneten Mund kam ein Stöhnen. Er hörte nicht einmal das wilde Hupen, als ein vorüberkommendes Auto ihm gerade noch ausweichen konnte, um ihn nicht zu überfahren. Das registrierte er nur beiläufig, als beträfe es nicht ihn, sondern irgendeinen Fremden, er konnte nur noch schluchzend nach oben starren.

Dort am Fenster standen seine Lehrerin und seine Mitschüler Seite an Seite und lachten über seine Bestürzung.

Alle standen sie da und glotzten ihn an. Mademoiselle Torrance mit ihrem honigblonden Pferdeschwanz überragte sie alle. Pierres Karohemd und das kokette rosa Taschentuch um Corinnes Hals waren gut zu erkennen.

Aber die Leute, die auf Caius bis vor Kurzem noch tröstlich gewirkt und die er sogar wegen ihrer friedlichen Normalität beneidet hatte, waren nicht die gleichen wie die Gestalten, die ihn jetzt vom dritten Stock auslachten. Die dort oben hatten verzerrte, ekelhaft grüne Fratzen mit dreieckigen Ohren und schnabelartigen Nasen, zu bestialischen Grimassen verzerrte Schnauzen, die bei ihrem Lachen einen Haufen langer, spitzer Zähne entblößten. Sie starrten ihn an und lachten und es schien, als würde sie sein Erschrecken nur noch mehr zum Lachen reizen.

Eines von diesen Wesen, es trug die gleiche weißblaue Jacke wie Bernard, hob die Hand und winkte ihm zu. Diese letzte höhnische Geste verlieh ihm die Kraft, seinen Blick abzuwenden: Bernards Hand endete in langen spitzen Krallen.

Caius schüttelte den Kopf.

Nichts von all dem konnte wirklich geschehen. Es musste sich um eine Wahnvorstellung handeln, sagte er sich, wagte trotzdem nicht aufzuschauen, um sich davon zu überzeugen. Bücher und Zeitungen waren voll von Leuten, die von einem Moment auf den anderen anfingen, Dinge zu sehen, die gar nicht da waren. In der richtigen Welt gab es Wahnvorstellungen. Aber dort passierte es normalen Menschen nie, dass sie sahen, wie sich ihre Mitschüler und ihre Lehrerin in lebendige Albträume verwandelten.

Caius kannte den Begriff genau, mit dem man Leute bezeichnete, die Unmögliches sahen. Er selbst hatte ihn unendlich oft einfach so dahingesagt. Jetzt wandte sich dieses Wort jedoch gegen ihn und erfüllte ihn mit einer Angst, die nur noch das Grauen übertraf, mit dem er beobachtet hatte, wie all diese grässlichen Gestalten ihn dort oben vom Fenster auslachten.

Das Wort hieß verrückt.

3

Zielloses Umherstreifen hatte ihm immer dabei geholfen, ein wenig Ordnung in das Chaos seiner Gedanken zu bringen, und so ergab es sich für Caius fast wie von selbst, dass er allein durch die Straßen von Montmartre und dem Marais lief, sobald er diese schrecklichen Fratzen am Schulfenster hinter sich gelassen hatte, denn er hatte weder Mut noch Lust genug, nach Hause zu gehen.

Zunächst war er einer Gruppe Touristen ausgewichen, die vor dem Musée Carnavalet standen und sich lautstark unterhielten, und hatte die Raben im Parc Monceau gefüttert, für die er einem hinkenden Tunesier eine Tüte Körner abgekauft hatte. Dann hatte er dem Gezänke der Enten zugesehen und sich später in der Nähe der Rue de Lévis an einem Kiosk ein belegtes Brötchen und eine Orangenlimonade gegönnt. Danach war er gedankenverloren in eine Seitenstraße der Rue des Dames eingebogen, nicht viel mehr als eine schmale Gasse, die ihn zu seiner großen Überraschung an einen ebenso unbekannten wie unerwarteten Ort geführt hatte.

Einen Arkadengang voller Verheißungen.

Das war eben das Schöne an Großstädten mit Geschichte: Im Gegensatz zu den Menschen wussten sie die Vergangenheit zu bewahren, obwohl diese sie doch geschaffen hatten. Im Gegensatz zu den Menschen erzählten sie die Geschichte ehrlich und ohne falsche Scham, obwohl diese sie doch erlebt hatten.

Und es gab Orte, kleine versteckte Winkel, an denen diese geheimnisvolle Fähigkeit auch einem ungeschulten oder einem unaufmerksamen Geist ins Auge fiel, und der kleine Arkadengang, in dem Caius dort gelandet war, gehörte dazu.

Er musste ungefähr zu der Zeit erbaut worden sein, als Karl der Große bei einem Blick in den Spiegel die ersten grauen Haare in seinem Bart entdeckt hatte; und doch, so merkwürdig das auch klingen mag, hatte dieser kleine verborgene Fleck niemals einen eigenen Namen erhalten.

Es hatte Feuersbrünste und Todesfälle gegeben und jeder Brand und jede Träne hatte Spuren hinterlassen, von denen, die die Feuer gelegt, aber auch denen, die darunter gelitten hatten.

Wenn man sie zu lesen verstand, konnte man noch die Leiden der Betroffenen und den Wahn der Brandstifter erkennen, alles stand dort im Stein geschrieben. Aus fast tausend Jahren Geschichte schöpfte die uralte Weltstadt, um von diesen Tragödien und jenem Verrat zu erzählen, nicht weil sie besonders sensationslüstern war, sondern weil das eben in ihrer Natur lag.

Wenn im Verlauf der Jahrhunderte niemand auf die Idee gekommen war, diesem versteckten Platz einen Namen zu geben, dann schlicht und ergreifend nur, weil niemand das Bedürfnis danach verspürt hatte.

So, wie es in dieser Stadt eine Straße der Goldschmiede, eine Straße der Seidenhändler und eine der Weinhändler gab, war allgemein bekannt, dass man hierher kommen musste, wenn man auf der Suche nach einem bestimmten Buch war.

In diesen Arkaden gab es ausschließlich Buchhandlungen, eine für jeden Geschmack, eine neben der anderen, angefüllt mit duftendem Papier und Hektolitern von Tinte, die zu Sätzen und Absätzen verarbeitet worden waren.

Natürlich machte der sogenannte Fortschritt auch nicht vor dieser Art von Tradition Halt. An allen Ecken und Enden waren mit Neonlicht grell ausgeleuchtete Filialen großer Buchhandlungsketten entstanden. Geschäftstüchtige Händler hatten es vorgezogen, ihre Läden näher an Plätzen aufzumachen, an denen die Studenten vorbeiströmten, aber wenn man etwas suchte, das über ein Standardwerk zur Trigonometrie oder den aktuellen Bestseller hinausging, dann musste man sich eben in diese namenlosen Gasse mit den Arkaden bemühen.

Auf Monsieur Galambert, der ersten Buchhandlung unter den Arkaden, folgte Die Welt in fünf Linien – dort hatte man sich auf seltene Noten und Musiktexte spezialisiert –, dann hinter einer Fassade aus dunklem Holz die unvermeidliche Aleph, in der ein Mädchen hinter dem Tresen saß und lustlos Kaugummi kaute, und das Satyricon, das so düster wirkte wie ein Bänkelsänger in einer mondlosen Nacht.

Caius, der Bücher und Buchhandlungen liebte, fühlte sich wie im Paradies. All diese Werke, die es zu entdecken galt, all diese Titel, in die er sich vertiefen konnte. Allein die Vorstellung ließ in ihm ein Gefühl aufkeimen, das er an diesem so düsteren Tag kaum erkannte – Hoffnung. Er lächelte, zum ersten Mal an diesem Tag.

Warum sollte er auch nicht hoffen, dass die Bücher hier seine Ängste lindern und jene Befürchtung vertreiben würden, die ihn die ganze Zeit gequält hatte, nämlich dass er plötzlich verrückt geworden war. Caius wusste doch, dass Bücher treue, bewährte Freunde waren, auf die er sich verlassen konnte.

Frohgemut malte er sich dies alles aus, als er plötzlich wenige Meter hinter ihm ein Geräusch vernahm, das jegliche Hoffnung im Keim erstickte.

Vielleicht war es seine Angst oder auch nur eine merkwürdige optische Täuschung, auf jeden Fall hatte er plötzlich den Eindruck, dass die Straße enger wurde. Und alles wirkte auf einmal finsterer.

Eigentlich war es ja völlig unmöglich, aber sogar die Temperatur musste um einiges gefallen sein, denn sein Atem kondensierte zu bläulichen Wölkchen.

Da war wieder dieses Geräusch, diesmal etliche Meter näher. Und dann noch einmal, lauter und noch näher. Caius schüttelte den Kopf, aber es abzustreiten hieß nur, das Offensichtliche zu leugnen.

Es war ein grässliches Geräusch, bei dem man unwillkürlich die Kiefer aufeinanderpresste und das den Magen mit einer eisigen Umklammerung packte. Dieses Geräusch ließ jede Faser seines Seins gleichzeitig erzittern.

Es war das Geräusch von Krallen, die über das Pflaster schabten. Krallen wie die, mit denen Bernard ihm spöttisch zugewunken hatte.

Caius hatte das Gefühl, dass sich vor seinen Füßen ein Abgrund auftat. »Nicht schon wieder«, flehte er.

Doch seine Bitte verhallte ungehört.

Am Ende der Straße stand plötzlich Herr Spiegelmann und grinste ihn mit seinem Mondgesicht an, als brenne er nur darauf, ihn wieder in seine Arme zu schließen. Gerade eben war er noch nicht hier gewesen, er war einfach aus dem Nichts aufgetaucht.

Der Verkäufer war gekommen, um ihn zu holen, und dieses Mal würde er gar nicht erst versuchen, ihn mit einschmeichelnden Worten zu überreden. Diesmal würde er Ernst machen und gleich Gewalt anwenden. Das ahnte Caius genauso, wie er instinktiv wusste, dass es sein Ende bedeutete, wenn Herr Spiegelmann ihn mit sich nehmen würde.

Die darauf folgende Panik war seine Rettung.

Der klapperdürre Junge zog den Kopf ein und überließ dem Adrenalin, das durch seinen Körper schoss, die Führung, als er aus den Augenwinkeln wahrzunehmen glaubte, wie hinter ihm eine Kreatur mit viel zu vielen Zähnen zu einem Sprung ansetzte, um ihn mit ihren riesigen gebogenen Krallen zu packen.

Caius warf sich nach rechts und rannte schneller, als er es je für möglich gehalten hätte. Er lief unter einem Tragbalken mit den verlassenen Überresten eines Schwalbennestes vorbei, riss die gusseiserne Eingangstür einer Buchhandlung auf und wirbelte wie ein Judokämpfer einmal um die eigene Achse, den Ellenbogen kampfbereit angewinkelt, in Erwartung, dass sich jeden Moment Klauen in sein Fleisch bohren würden oder dass er die widerlichen Hände des Verkäufers auf sich spürte.

Doch nichts dergleichen geschah.

Er fühlte keine Krallen, die sich schmerzhaft in sein Fleisch bohrten, und er blickte auch nicht direkt in das Mondgesicht des Verkäufers. Und dieses Wesen, das er gerade eben noch in seinem Nacken hatte knurren hören, hatte wohl niemals existiert. Nichts war zu hören außer dem fröhlichen Läuten eines Glöckchens über seinem Kopf.

Caius senkte ungläubig den Arm. Er schaute verstohlen nach rechts und nach links, kniff die Augen vor Anstrengung zusammen, trotzdem traute er sich nicht, einen Schritt nach vorn zu machen und seine Zuflucht zu verlassen.

Draußen war nichts zu sehen außer den Arkaden mit den verträumten Buchhandlungen und ein paar Fetzen Papier, die im Wind dahintrieben.

Das Metallglöckchen bimmelte immer noch, als sich die Tür knarrend hinter ihm schloss und ihm so gegen die Hacken prallte, dass er zusammenzuckte. Ein Schild klapperte gegen die Glasscheibe der Tür, auf dem in eleganter Schrift stand: Cartaferina.

Der Geruch, der von den Büchern ausging, wirkte beruhigend auf Caius. Er schloss die Augen und ging rückwärts in die tröstliche Wärme der Buchhandlung, woraufhin die Tür nun endgültig mit einem dumpfen Knall ins Schloss fiel.

Keine Spur von Krallen und dem Verkäufer. Er war gerettet – das war die gute Nachricht. Aber es gab auch eine schlechte: Vielleicht wurde er ja wirklich verrückt.

Keuchend wischte er sich den Schweiß von der Stirn, rieb sich die Schläfen und versuchte, sich eine Entschuldigung für sein rüdes Eindringen auszudenken.

Er drehte sich um und blieb starr vor Staunen stehen. So etwas hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

Er hatte den Eindruck, in einem Künstleratelier voller merkwürdiger Metallobjekte und fantasievoller Skulpturen gelandet zu sein. Von all den Buchhandlungen in dieser alten Gasse war Cartaferina bestimmt die seltsamste.

Natürlich gab es auch hier Unmengen von Büchern. Die einige Dutzend Jahre alten, bis zum Äußersten vollgestopften Regale waren eine echte Fundgrube.

Wegen ihres Gewichtes hatte man sie direkt in der Decke verankert und man brauchte eine Leiter, um an die Bücher in der obersten Reihe zu gelangen.

»Selbstverständlich können Sie bei uns bestellen … Machen Sie sich keine Sorgen, unsere Lieferung kommt innerhalb von drei Tagen. Nein, sicher, ein Paket ohne Absender und ohne … selbstverständlich, wir wollen ja die Nachbarn nicht erschrecken, nicht wahr?« Ein näselndes Lachen, das beinahe schrill klang. Dann wurde die Stimme wieder professionell und unauffällig. »Drei, sicher. Drei Tage. Und ja, unsere Internetseite wird ständig aktualisiert, ja, Kreditkarte genügt … O. k., bis bald. Auf Wiederhören.«

Der Typ hinter der Theke zwischen einer alten Registrierkasse aus Messing und einem ultramodernen Notebook war groß und hatte schulterlange Haare, die so hell blondiert waren, dass Marilyn Monroe daneben alt ausgesehen hätte.

Er trug eine Hornbrille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden, die pechschwarzen Augen dahinter funkelten höchst zufrieden.

Hinter ihm stand ein ziemlich wackeliges Regal, das wirkte, als wolle es gleich über ihm zusammenbrechen. Ganz oben auf dem Regal thronte ein ausgeblichenes Skelett. Das Skelett einer Katze, um genau zu sein.

In die leeren Augenhöhlen des spitzen Schädels hatte jemand zwei magentafarbene Kugeln gesteckt, die unheimlich und düster glänzten.

»Wenn du dort weiter wie angewurzelt stehen bleiben willst, bitte, tu dir keinen Zwang an. Das ist ein sehr bequemer Platz dafür.«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Caius und kam schüchtern näher. Wie jede gut geführte Buchhandlung wirkte auch Cartaferina Ehrfurcht gebietend.

»Das erste Mal?«

»Wie bitte?«, meinte Caius verwirrt und trat an die Theke.

Der Buchhändler mit den gebleichten Haaren lächelte ihn verschwörerisch an. »Du bist zum ersten Mal hier, oder?«, fragte er nach, während auf seinen Brillengläsern bläuliche Lichter tanzten. »Ich denke nicht, dass ich dich schon mal gesehen habe.«

Caius sagte immer noch nichts.

»Hier bei Cartaferina, meine ich«, bohrte der Buchhändler nach.

»Ach so. Zum ersten Mal, ja …«

Der Mann auf seinem Hocker warf sich leicht in die Brust. »Das geht jedem so. Aber du hättest den Laden mal sehen sollen, bevor ich ihn in die Finger bekam.« Er hüstelte höflich, da er sich darüber klar war, dass er jetzt die volle Aufmerksamkeit des Jungen genoss. »Ich möchte mich ja nicht selber loben, aber …«, er lächelte breit und ließ dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne sehen, »das war ein richtiger Saustall. Der Alte hatte ins Gras gebissen, aber schon vorher, als er noch am Leben war, bekam er nicht mehr alles auf die Reihe. Eigentlich sollte ich dir das nicht erzählen, aber … es gab Tage, an denen er sich nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnerte.«

Er starrte die Regale an.

Ein besseres Publikum als Caius hätte dieser seltsame Typ nicht finden können. Das wusste der Buchhändler genau und wollte ihm eine denkwürdige Vorstellung liefern. Jede seiner Bewegungen war einstudiert und lange Übung hatte seine Schauspielkunst bis zur Perfektion verfeinert.

»Aber seine Bücher, an die erinnerte er sich. An jeden einzelnen Titel. Er konnte sich in die Hosen machen und es nicht einmal mitbekommen, aber wenn du ihn nach einem bestimmten Buch fragtest«, er schnipste mit den Fingern, »sprang er auf wie ein junger Hüpfer und brachte es dir. Er konnte dir den Autor, das Jahr der Veröffentlichung und den Herausgeber nennen, wenn es einen gab, oder den Verlag, bei dem es erschienen war. Wirklich unglaublich. Zumindest, solange er noch auf eigenen Beinen stehen konnte … Doch irgendwann wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte, denn er war immer länger krank, und seine Kinder, zwei richtige Widerlinge, brachten ihn in einem Heim unter. In deinem Alter kommt einem das ganz weit weg vor, aber so ist es nun einmal. Früher oder später landen wir alle dort. Wie alt bist du denn?«

»Vierzehn.«

»Ein gutes Alter. Dann verstehst du, was ich meine. Na ja, dort machte er das Einzige, was ihn am Leben erhalten konnte. Er wurde der Leiter der Bibliothek.« Er kicherte. »Aber das war nicht seine Welt. Dort kam er sich verloren vor. Dies hier war seine natürliche Umgebung. Und so hat er nach ein paar Jahren den Löffel abgegeben. Nach Aussage seines Arztes waren seine letzten Worte sein Name, der seiner Eltern, sein Geburtsdatum und sein Todesdatum – als ob er so schließlich den richtigen Platz im Regal für seine letzte Ruhe gefunden hätte.«

Caius nickte bewegt.