Erika Pluhar
Mehr denn je

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© 2009 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub:
978-3-7017-4256-1
ISBN Printausgabe:
978-3-7017-1513-8
Kleiner dünner Silbermond
über meinem Dach
sag mir, wo mein Liebster wohnt
Ist er auch schon wach?
Sag ihm einen Gruß von mir
daß ich auch schon lebe
und mein Aug, wie er zu dir
kleiner Mond, erhebe.
Daß ich warte, bis er kommt
unterm Abendflieder
Dort an seiner starken Hand
Mond, seh ich dich wieder
1952
Du stehst am Eingang der Welt
nicht abgeholt und doch bestellt
versuchst deiner Wege zu gehn
einer Wahrheit ins Auge zu sehn
Der Mensch muß auf alles gefaßt sein
verlassen und tief im Morast sein
zu Reinheit und Unschuld geboren
geht er doch in den Zeiten verloren
Es war leicht, dir das Leben zu schenken
und mit Jugend in Kopf und Gelenken
dich auf dieses Schlachtfeld zu jagen
um den täglichen Tod zu ertragen
Der Mensch muß auf alles gefaßt sein
betrogen, sich selbst eine Last sein
zu Freude und Liebe geboren
geht er doch in den Zeiten verloren
Der Mensch muß auf alles gefaßt sein
getreten, geschunden, gehaßt sein
zu Tränen und Unrast geboren
geht er in den Zeiten verloren
Der Mensch muß auf alles gefaßt sein
auf dieser Welt nur ein Gast sein
zu Sehnsucht und Ängsten geboren
geht er in den Zeiten verloren
1978
Das Licht klebt wie Honig
der Morgen hebt an
in meinem Haus, da wohn ich
es riecht nach Thymian
Das Haus in seiner Tiefe
ist schattig wie ein Baum
bitter wie die Olive
einsam wie ein Zwischenraum
Ich setz mich vor das Fenster
und seh die Blätter an
vertreibe die Gespenster
und lösche den Vulkan
Und male die Dämonen
auf meine Höhlenwand
als blaue Anemonen
oder schwarzen Elefant
Aus den Sternen stürzen Winde
am Dach nagt der Regen
da lauf ich geschwinde
meinem Liebsten entgegen
Und das Haus hebt an zu fliegen
hinaus ins Firmament
wo die Wolken sich wiegen
und der Mond sanft verbrennt
Und die Sterne bau’n Girlanden
über Fenster und Tür
unser Blut tanzt Sarabanden
die Herzen stehn Spalier
Und das Haus dreht sich leise
zur Erde zurück
wir beschließen die Reise
wir enden das Glück
Das Licht klebt wie Honig
der Morgen hebt an
in meinem Haus, da wohn ich
es riecht nach Thymian
1980
Mein Tisch ist staubig
meine Seele liegt brach
langsam, so glaub ich
war’s dein Tod, der mich erstach
Dein Tod, der hat mich gut gekannt
der traf mich tief ins Herz
Nichts ist neu und ungeahnt
außer dem Schmerz
Mein Käfig ist leer
mein Vogel entflogen
ich bin schon so schwer
in die Tiefe halb gezogen
Meine Hände halt ich noch am Rand
daß ich mir’s Leben nicht verscherz
Aber nichts ist neu und ungeahnt
außer dem Schmerz
Meine Träume sind bitter
meine Tage voll Angst
komm und zwäng dich durch die Gitter
wenn du das noch kannst
Unser Leben fließt davon wie Sand
und wir treiben damit Scherz
Und nichts ist neu und ungeahnt
außer dem Schmerz
1980
Verlieben ist nicht lieben
verschieben ist nicht schieben
verwohnen ist nicht wohnen
verschonen ist nicht schonen
verfassen ist nicht fassen
verlassen ist nicht lassen
verkennen ist nicht kennen
verbrennen ist nicht brennen
verbiegen ist nicht biegen
versiegen ist nicht siegen
vergeben ist nicht geben
verleben ist nicht leben.
1980
1896
so die Jahreszahl
auf der alten Hausfassade
gegenüber
Und die Tauben schreiten langsam
am Sims entlang
schwer und kummervoll
fliegen träg in Schwärmen auf
In den hohen kalten Räumen
des Kostümdepots
hängen Kleider an den Haken
als wären sie gestorben
Im Hinterzimmer hat ein Mensch die Lampe angedreht
Wie ein Stein
fällt Himmel auf die Stadt
Das ist die Herrlichkeit auf Erden
im Dunkel geht sie vorbei
Wer kann von ihr ergriffen werden
in Täglichkeit und Schinderei?
Es gibt nicht Herrlichkeit auf Erden
nur Alltag, Träume und Vergehn
Doch kann es herrlich sein auf Erden
wenn plötzlich
an einem Novembertag
Durchsicht und Einsicht
gelingt
1981
Ja, i hab mei Herz wia an Bog’n g’spannt
und mei Haut riacht frisch wia a Sonntagsg’wand
hab Jasmin mir g’flocht’n in meine Hoar
und jetzt steh i da und wart’ auf di am Toa.
Heb die Händ in d’ Höh, fang die Sonn drin auf
halt d’ das Licht entgeg’n wia an Blumenstrauß
und du kommst zu mia wia a Sommerwind
unser Atem legt si zurananda gschwind.
Und mia san so wüld wia des Gras, wann’s stürmt
und san do so still, wie von an Gott beschirmt
und mia wissen guat: alles hat an End.
Aber jedes Feuer lebt, solang als brennt.
1981
Da geht ein Regentag übers Land
tränkt den Alltag wie einen Schwamm
erst willst du mit dem Kopf durch diese graue Wand
und dann erträgst du doch geduldig wie ein Lamm
bis das Lachen sich regt
ein Lachen sich regt
einfach so – einfach so –
Vergeßt mir die Freude nicht
dieses tapfere Kraut
auf der Wüste unserer Not
Da spielen Kinder in einem Hinterhof
werfen ihre Bälle gegen Beton
und ihre Worte sind sehr bald aus gleichem Stoff
hart und leblos, eine graue Schwadron
bis das Lachen sich regt …
Da steht ein runder Mond überm Gras
sieht zwei sich halten wie einen Schwur
doch auch aus diesem Halten wird zuletzt nur Haß
die Herzen gehen langsam in Klausur
bis das Lachen sich regt …
Da fallen Stunden lautlos aus der Zeit
wehen wie welke Blätter von uns fort
die Haut wird mürbe wie ein viel zu altes Kleid
der Mund wird schweigsam, die Sprache verdorrt
bis das Lachen sich regt …
1981
Die Heckenstutzer
und Grasabschneider
die Unkrautvertilger
und Baumfäller
die Mörder – die Mörder
hausten in den Gärten
Die Blätterschleppen
die Wiesenblumen
die Kräuterbestände
und Laubtürme
getötet – getötet
starben in den Gärten
Da brach sie aus, die Revolte der Gärten
Sie wuchsen und wuchsen und blühten sich wild
Sie verschlangen Haus um Haus
während sie sich ungestüm vermehrten
und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild
sie begruben die Städte als Raub
unter Blätterbächen
und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild
eine Sturzflut von Gras und Laub
so brachen sie herein, um sich zu rächen
und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild
Die Heckenstutzer
und Grasabschneider
die Unkrautvertilger
und Baumfäller
die Mörder – die Mörder
flohen aus den Gärten
Die Blätterschleppen
die Wiesenblumen
die Kräuterbestände
und Laubtürme
die Kraft vieler Sommer
siegte in den Gärten
1981
Immer schon hatte ich den Wunsch
mich an eine starke Schulter zu lehnen
aber tat ich es, wurde diese plötzlich schwach
kippte um – und er machte mir Szenen
Immer schon hatte ich den Wunsch
nach einer Zweisamkeit ganz ohne Zwang
aber ließ ich mich drauf ein, wurd’ es plötzlich eng
zum Ersticken, ein langer, fensterloser Gang
Frau, lauf erst mal weg
Und nimm dich selbst bei der Hand
Frau, lauf weg
gebrauche deinen Verstand
Schau dich um in deinem Land
sei dein eig’ner Musikant
und nicht immer nur dein eig’ner Denunziant
Immer schon hatte ich Schuld
an allem, was um mich mißraten war
bei meiner Nase fing es an, die nicht fein genug
nichts war schön genug, nicht mal mein Haar
Immer schon hatte ich Schuld
wenn er trank, wenn er weinte, wenn er ging
ich war schuld, daß ich »zweisam« verlassen war
ein nutzloses, einsames Ding
Frau, lauf weg
Nimm dich selbst bei der Hand
Frau, lauf weg
gebrauche deinen Verstand
Schau dich um in deinem Land
sei dein eig’ner Musikant
und nie mehr dein eig’ner Denunziant
Frau, lauf weg
Immer schon wußte ich genau
daß ich längst verkauft und verraten war
doch jetzt will ich mir erklären und mir eingestehn
ohne Angst wird mein Wissen endlich klar
Immer schon wußte ich genau
daß da alles gespielt wurde ohne mich.
Doch jetzt schau ich mir das falsche Spiel genauer an
werde stark und groß und sommerlich
Frau, lauf weg
Niemals wieder geben wir das auf
unter Schmerzen gesucht und schwer gefunden
die Täuschungen zerbrochen, die Lüge geklärt
und langsam heilen die Wunden.
Niemals wieder geben wir das auf
Wunsch, Schuld und Wissen selbst zuwählen
Menschen zu sein, nicht weniger, nicht mehr
mit Leibern, Köpfen und Seelen
Frau, sei Frau
nimm dich selbst bei der Hand
Frau, sei Frau
gebrauche deinen Verstand
Schau dich um in deinem Land
und bleib’ dein eig’ner Musikant
und werde nie, nie mehr dein eig’ner Denunziant
Frau, sei Frau
1981
Tief in den Brombeerhecken
in dunkelbeschatteten Laubhöhlen
sitzt die Vierjährige
die schwarzen Früchte schmecken
nach süßen und bitteren Ölen
da sind ihre Finger
schwarz, süß und bitter
das Kind leckt sie ab
Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin
Auf der kleinen Veranda
direkt über der Teppichklopfstange
sitzt die Vierzehnjährige
in ihren Träumen ist ein Mann da
lehnt sein Gesicht an ihre Wange
da ist ihre Wange
jung, weich und ängstlich
das Mädchen fühlt sie an
Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin
Vor einem Garderobenspiegel
Lampenlicht unbarmherzig auf dem Gesicht
sitzt die Dreißigjährige
ihre Hände greifen in Tiegel
nach Farben der Zuversicht
da sind ihre Augen
tränenmüd’ und traurig
die Frau malt sie bunt
Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin
Zwischen den Bäumen des Mittags
die Hände geborgen im Schoß
sitzt die Vierzigjährige.
Mit der Stille eines Flügelschlags
bewegt sie sich absichtslos
da ist ihr Körper
ruhig, warm und tapfer
die Frau hat ihn lieb
Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin
Bleibt ihre Gefährtin
1981
(nach Moustaki/Moricone
»Marche de Sacco et Vancetti«)
Nicola und Bartolomä
einmal schmilzt das Eis und der Schnee
dann werden’s alle endlich kapiern
und sie werden die Angst verliern.
Nicola und Bartolomä
einmal schmilzt das Eis und der Schnee
Werden’s dann wirklich alle kapiern?
Und werden s’ wirklich die Angst verliern?
1981
Schau dir das hingespuckte Stück Leben an
vom Geborenwerden bis hin zu einem Tod
wie das nur weh tut und uns quält
und müde macht das Suchen nach dem Glück
Trotzdem kämpfen wir
trotzdem glauben wir
trotzdem lieben wir
trotzdem
Schau dir all die verbrauchten Gesichter an
die sich selbst verloren haben vor der Zeit
wie man sie gebrochen hat mit System
und weil die Angst so sehr gefügig macht
Trotzdem kämpfen wir
trotzdem glauben wir
trotzdem lieben wir
trotzdem
Schau dir die Welt und ihre Kriege an
das endlose Morden, die Zerstörungen ohne Sinn
und wie man unseren Stern verdirbt und langsam schleift
nur weil das Geld die Welt regiert
Trotzdem kämpfen wir
trotzdem glauben wir
trotzdem lieben wir
trotzdem
Schau dir den Baum vor deinem Fenster an
die Blätter im Regen, die Blätter im Licht
wie er sich aufrecht hält wie ein Wort
und nicht schweigen will, bis man ihn fällt
Trotzdem kämpfen wir
trotzdem glauben wir
trotzdem lieben wir
trotzdem
1981
Wenn du mir die Hand gibst, und ich fühle
die ferne Ängstlichkeit in der Kühle
deiner Finger, die die meinen umschließen –
dann möcht ich dir nah sein
und weich wie ein Kissen
Aber seh ich dich Pfauenräder schlagen
und den Menschen Kluges sagen
die Eitelkeit deine Lippen verbiegen –
dann seh ich, wie deine Wahrheiten lügen
Du hältst nicht, was dein Anspruch verspricht
drum ver-halten wir uns und halten uns nicht
Wenn wir zwei uns ansehn, und ich ahne
in deinen Augen die Karawane
von Schmerzen, die vorbeigezogen –
dann spannt Liebe sich auf
wie ein Regenbogen
Aber fühl ich dich Mauern aus Abwehr bauen
damit sie dir nicht in die Seele schauen
und Flitter und Saltos, nur um zu siegen –
dann fühl ich, wie deine Wahrheiten lügen
Du hältst nicht, was dein Anspruch verspricht
drum ver-halten wir uns und halten uns nicht
Wenn wir uns umarmen und erkennen
weil wir uns wirklich beim Namen nennen
beim Namen, den unsre Seelen tragen –
dann läßt sich die Fremdheit
ein wenig zerschlagen
Aber stehn wir uns fern mit verkauften Gesichtern
dem Gehabe von selbstgerechten Richtern
und leben, als wär’n wir nie unterzukriegen –
dann wissen wir, daß unsre Wahrheiten lügen
Wir halten nicht, was unser Anspruch verspricht
drum ver-halten wir uns und halten uns nicht
1981
Wir blättern in dem großen bunten Atlas
bewegen uns über der Welt
ihren Meeren und Gebirgen
Deine Hände sind Kinderhände
die die Erde berühren
sie liebkosen
als wäre sie etwas Geliebtes
Du erzählst von den Händlern in Marrakesch
den Erdbeben in Mexico
von den Farben des Indischen Ozeans
und den stillen Gebirgen Nepals
Aus großen Entfernungen
schau ich auf uns
Ich bin alt und schwer und müde
und zärtlich stumm
Meine Liebe zur Welt
hat abgebrochene Flügel
Die Einsamkeiten Nepals
sind in meinem Herzen
all die schweigsamen Landschaften
die Farben der Vulkane und Flüsse
die menschenleeren Wüsten
all das dehnt sich aus
in meinem Herzen
Aus großen Entfernungen
schau ich auf uns
1981
Alles was geschieht, hat mit uns zu tun
nur wir sind so blind, so verhüllt
wir scheinen gegen Zeichen und Wunder immun
und unser Herz ist mit Unrat gefüllt.
Doch kann es dir geschehn –
dann fliegt etwas auf wie ein Schrei
geht wie ein Atmen vorbei
stößt dich ganz leicht vor die Brust
als hättest du’s immer gewußt
Der Aufbruch aus dem alten Zelt
in eine ungenaue Welt
ist schmerzhaft, doch nicht zu umgehn
willst du das Leben wirklich sehn
Der Aufbruch aus dem alten Glück
in deine Einsamkeit zurück
Da läuft man durch die Straßen hin und her
und weiß doch nicht, wohin man geht
schießt Blicke aus den Augen
als wär’n die ein Gewehr
und sieht doch nicht, was der Tag einem rät
Doch kann es dir geschehn –
dann hebt etwas an wie ein Lied
und zeigt dir den Unterschied
zwischen den schlafenden Tagen
und dem Abenteuer der Fragen
Der Aufbruch aus dem alten Zelt
in eine ungenaue Welt
ist schmerzhaft, doch nicht zu umgehn
willst du das Leben wirklich sehn
Der Aufbruch aus dem alten Glück
in deine Einsamkeit zurück
1981
Die Herbstnacht riecht
nach Rauch und Asche
in dieser Nacht
vor Jahren
starb dein Gesicht
Schläfe, Wimper, Brauenbögen
ein Atemzug
die Stirne ein Abhang
die Schärfe der Nasenflügel
blicklos ohne Ende
schweigend hält der tote Mund
den Atem an
Die Herbstnacht riecht
nach Rauch und Asche
in dieser Nacht
vor Jahren
starb dein Gesicht
Berge, Vögel, Krokodile
ein Autowrack
der sanfte Flußlauf
die Kruste der Kontinente
Wolken ohne Ende
kreisend hält der Sternenraum
den Atem an
Die Herbstnacht riecht
nach Rauch und Asche
in dieser Nacht
vor Jahren
starb dein Gesicht
1981
»Schlechtes Kraut, schlechter Kohl
alle Köpfe innen hohl!«
Ich kreischte mich heiser
damals in der Schule
Wir spielten Theater
das Märchen »Zwerg Nase«
und ich wählte mir darin
die Rolle der Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe
Die Papiernase aus der Zauberklingel
darauf Warzen aus Plastilin
unterm Kopftuch ein wüstes Haargeringel
hinterm Ohr ein Büschel Rosmarin
Häßlich und wild
so wollt’ ich sein als Kind
und niemals die schöne Prinzessin
Schlechtes Kraut, schlechter Kohl
alle Köpfe innen hohl
Das fiel mir oftmals auf
als ich älter wurde
Ich spielte Theater
doch vergaß ich alle Märchen
und ich wußte gar nichts mehr
von meiner Kinder – Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe
Die Augen zwei schwarzgeschminkte Monde
die Haare ein falscher Wasserfall
die schöne handliche Blonde
mit einem Herzen aus Kristall
Aber häßlich und wild
wollt’ ich doch sein als Kind
und niemals diese schöne Prinzessin
Schlechtes Kraut, schlechter Kohl
alle Köpfe innen hohl
Das wird nicht viel anders
die Menschen sind nicht gut
Ich spiele Theater
Das Leben ist kein Märchen
und trotzdem wähl’ ich mir darin
wieder die Rolle der Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe.
Weinen, schreien, schimpfen und lachen
den Menschen ins Gesicht geschaut
ohne Angst vor den andern das Herz aufmachen
die Wahrheit hat noch nie auf Sand gebaut
Häßlich und wild
so wollt’ ich sein als Kind
und niemals die schöne Prinzessin
1981
Laß mich fallen in Liebe
in dunkle Teiche nachts
Laß dich halten in Liebe
zwei Irrende unter dem Mond nachts
Laß die Liebe uns heimsuchen
laß die Liebe uns stören
laß uns die Liebe verfluchen
laß uns die Liebe erhören
Laß die Liebe uns groß machen
laß die Liebe uns verderben
laß uns die Liebe auslachen
laß uns die Liebe erwerben
Laß die Liebe uns Hymnen singen
laß die Liebe uns quälen
laß uns die Liebe einander bringen
laß uns die Liebe wählen
Laß mich fallen in Liebe
in dunkle Teiche nachts
Laß dich halten in Liebe
zwei Irrende unter dem Mond nachts
1981
Die Angst vor dem Verlust ist es
nicht vor dem Verlorenen
Die Angst vor dem Sterben ist es
nicht vor dem Tod
Der Schnitt schmerzt
die Wunde ist zu ertragen
wird Narbe
unverlierbar
ein Schriftzug
1981
Gestern abend tanzte unser Blut
wir hatten es wieder einmal gut
lagen wie die Tiere
Haut an Haut
haben einander
den Herzschlag anvertraut
Schrei’n und Stummsein
aus Körper eine Tat
im Dickicht des Jauchzens
steigen – fallen
fallen – steigen
Wie Stürme Wolken teilen
und Himmel endlos scheint
so durften wir verweilen
wo Atem sich vereint.
1981
Unter dem Spiegel des Meeres
stehen die Wellen habtacht
überall lauert ein Schweres
wird mit Tapferkeit zugelacht
Komm – Komm
nehmen wir uns an den Händen
tanzen wir, tanzen wir
die Bilder fallen von den Wänden
tanzen wir, tanzen wir
was da fiel, sind nicht wir
die Bilder nur von dir und mir
komm – tanzen wir
Über dem Spiegel des Meeres
ist die Spitze des Eisbergs zu sehn
die Tiefe ist niemals ein Leeres
auch wenn wir auf den Gipfeln stehn
Auf dem Spiegel des Meeres
zieht unser ruhiges Schiff dahin