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Erika Pluhar

Mehr denn je

ERIKA PLUHAR

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Alle Lieder

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über abrufbar.

KLEINER SILBERMOND

Kleiner dünner Silbermond

über meinem Dach

sag mir, wo mein Liebster wohnt

Ist er auch schon wach?

Sag ihm einen Gruß von mir

daß ich auch schon lebe

und mein Aug, wie er zu dir

kleiner Mond, erhebe.

Daß ich warte, bis er kommt

unterm Abendflieder

Dort an seiner starken Hand

Mond, seh ich dich wieder

1952

DER MENSCH MUSS AUF ALLES GEFASST SEIN

Du stehst am Eingang der Welt

nicht abgeholt und doch bestellt

versuchst deiner Wege zu gehn

einer Wahrheit ins Auge zu sehn

Der Mensch muß auf alles gefaßt sein

verlassen und tief im Morast sein

zu Reinheit und Unschuld geboren

geht er doch in den Zeiten verloren

Es war leicht, dir das Leben zu schenken

und mit Jugend in Kopf und Gelenken

dich auf dieses Schlachtfeld zu jagen

um den täglichen Tod zu ertragen

Der Mensch muß auf alles gefaßt sein

betrogen, sich selbst eine Last sein

zu Freude und Liebe geboren

geht er doch in den Zeiten verloren

Der Mensch muß auf alles gefaßt sein

getreten, geschunden, gehaßt sein

zu Tränen und Unrast geboren

geht er in den Zeiten verloren

Der Mensch muß auf alles gefaßt sein

auf dieser Welt nur ein Gast sein

zu Sehnsucht und Ängsten geboren

geht er in den Zeiten verloren

1978

DAS HAUS

Das Licht klebt wie Honig

der Morgen hebt an

in meinem Haus, da wohn ich

es riecht nach Thymian

Das Haus in seiner Tiefe

ist schattig wie ein Baum

bitter wie die Olive

einsam wie ein Zwischenraum

Ich setz mich vor das Fenster

und seh die Blätter an

vertreibe die Gespenster

und lösche den Vulkan

Und male die Dämonen

auf meine Höhlenwand

als blaue Anemonen

oder schwarzen Elefant

Aus den Sternen stürzen Winde

am Dach nagt der Regen

da lauf ich geschwinde

meinem Liebsten entgegen

Und das Haus hebt an zu fliegen

hinaus ins Firmament

wo die Wolken sich wiegen

und der Mond sanft verbrennt

Und die Sterne bau’n Girlanden

über Fenster und Tür

unser Blut tanzt Sarabanden

die Herzen stehn Spalier

Und das Haus dreht sich leise

zur Erde zurück

wir beschließen die Reise

wir enden das Glück

Das Licht klebt wie Honig

der Morgen hebt an

in meinem Haus, da wohn ich

es riecht nach Thymian

1980

NICHTS, AUSSER DEM SCHMERZ

Mein Tisch ist staubig

meine Seele liegt brach

langsam, so glaub ich

war’s dein Tod, der mich erstach

Dein Tod, der hat mich gut gekannt

der traf mich tief ins Herz

Nichts ist neu und ungeahnt

außer dem Schmerz

Mein Käfig ist leer

mein Vogel entflogen

ich bin schon so schwer

in die Tiefe halb gezogen

Meine Hände halt ich noch am Rand

daß ich mir’s Leben nicht verscherz

Aber nichts ist neu und ungeahnt

außer dem Schmerz

Meine Träume sind bitter

meine Tage voll Angst

komm und zwäng dich durch die Gitter

wenn du das noch kannst

Unser Leben fließt davon wie Sand

und wir treiben damit Scherz

Und nichts ist neu und ungeahnt

außer dem Schmerz

1980

VER-

Verlieben ist nicht lieben

verschieben ist nicht schieben

verwohnen ist nicht wohnen

verschonen ist nicht schonen

verfassen ist nicht fassen

verlassen ist nicht lassen

verkennen ist nicht kennen

verbrennen ist nicht brennen

verbiegen ist nicht biegen

versiegen ist nicht siegen

vergeben ist nicht geben

verleben ist nicht leben.

1980

DIE HERRLICHKEIT AUF ERDEN

1896

so die Jahreszahl

auf der alten Hausfassade

gegenüber

Und die Tauben schreiten langsam

am Sims entlang

schwer und kummervoll

fliegen träg in Schwärmen auf

In den hohen kalten Räumen

des Kostümdepots

hängen Kleider an den Haken

als wären sie gestorben

Im Hinterzimmer hat ein Mensch die Lampe angedreht

Wie ein Stein

fällt Himmel auf die Stadt

Das ist die Herrlichkeit auf Erden

im Dunkel geht sie vorbei

Wer kann von ihr ergriffen werden

in Täglichkeit und Schinderei?

Es gibt nicht Herrlichkeit auf Erden

nur Alltag, Träume und Vergehn

Doch kann es herrlich sein auf Erden

wenn plötzlich

an einem Novembertag

Durchsicht und Einsicht

gelingt

1981

LÄNDLICHES LIEBESLIED

Ja, i hab mei Herz wia an Bog’n g’spannt

und mei Haut riacht frisch wia a Sonntagsg’wand

hab Jasmin mir g’flocht’n in meine Hoar

und jetzt steh i da und wart’ auf di am Toa.

Heb die Händ in d’ Höh, fang die Sonn drin auf

halt d’ das Licht entgeg’n wia an Blumenstrauß

und du kommst zu mia wia a Sommerwind

unser Atem legt si zurananda gschwind.

Und mia san so wüld wia des Gras, wann’s stürmt

und san do so still, wie von an Gott beschirmt

und mia wissen guat: alles hat an End.

Aber jedes Feuer lebt, solang als brennt.

1981

DAS LIED VOM LACHEN

Da geht ein Regentag übers Land

tränkt den Alltag wie einen Schwamm

erst willst du mit dem Kopf durch diese graue Wand

und dann erträgst du doch geduldig wie ein Lamm

bis das Lachen sich regt

ein Lachen sich regt

einfach so – einfach so –

Vergeßt mir die Freude nicht

dieses tapfere Kraut

auf der Wüste unserer Not

Da spielen Kinder in einem Hinterhof

werfen ihre Bälle gegen Beton

und ihre Worte sind sehr bald aus gleichem Stoff

hart und leblos, eine graue Schwadron

bis das Lachen sich regt …

Da steht ein runder Mond überm Gras

sieht zwei sich halten wie einen Schwur

doch auch aus diesem Halten wird zuletzt nur Haß

die Herzen gehen langsam in Klausur

bis das Lachen sich regt …

Da fallen Stunden lautlos aus der Zeit

wehen wie welke Blätter von uns fort

die Haut wird mürbe wie ein viel zu altes Kleid

der Mund wird schweigsam, die Sprache verdorrt

bis das Lachen sich regt …

1981

MÄRCHEN VON DER REVOLTE DER GÄRTEN

Die Heckenstutzer

und Grasabschneider

die Unkrautvertilger

und Baumfäller

die Mörder – die Mörder

hausten in den Gärten

Die Blätterschleppen

die Wiesenblumen

die Kräuterbestände

und Laubtürme

getötet – getötet

starben in den Gärten

Da brach sie aus, die Revolte der Gärten

Sie wuchsen und wuchsen und blühten sich wild

Sie verschlangen Haus um Haus

während sie sich ungestüm vermehrten

und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild

sie begruben die Städte als Raub

unter Blätterbächen

und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild

eine Sturzflut von Gras und Laub

so brachen sie herein, um sich zu rächen

und wuchsen und wuchsen und blühten sich wild

Die Heckenstutzer

und Grasabschneider

die Unkrautvertilger

und Baumfäller

die Mörder – die Mörder

flohen aus den Gärten

Die Blätterschleppen

die Wiesenblumen

die Kräuterbestände

und Laubtürme

die Kraft vieler Sommer

siegte in den Gärten

1981

FRAU, LAUF WEG

Immer schon hatte ich den Wunsch

mich an eine starke Schulter zu lehnen

aber tat ich es, wurde diese plötzlich schwach

kippte um – und er machte mir Szenen

Immer schon hatte ich den Wunsch

nach einer Zweisamkeit ganz ohne Zwang

aber ließ ich mich drauf ein, wurd’ es plötzlich eng

zum Ersticken, ein langer, fensterloser Gang

Frau, lauf erst mal weg

Und nimm dich selbst bei der Hand

Frau, lauf weg

gebrauche deinen Verstand

Schau dich um in deinem Land

sei dein eig’ner Musikant

und nicht immer nur dein eig’ner Denunziant

Immer schon hatte ich Schuld

an allem, was um mich mißraten war

bei meiner Nase fing es an, die nicht fein genug

nichts war schön genug, nicht mal mein Haar

Immer schon hatte ich Schuld

wenn er trank, wenn er weinte, wenn er ging

ich war schuld, daß ich »zweisam« verlassen war

ein nutzloses, einsames Ding

Frau, lauf weg

Nimm dich selbst bei der Hand

Frau, lauf weg

gebrauche deinen Verstand

Schau dich um in deinem Land

sei dein eig’ner Musikant

und nie mehr dein eig’ner Denunziant

Frau, lauf weg

Immer schon wußte ich genau

daß ich längst verkauft und verraten war

doch jetzt will ich mir erklären und mir eingestehn

ohne Angst wird mein Wissen endlich klar

Immer schon wußte ich genau

daß da alles gespielt wurde ohne mich.

Doch jetzt schau ich mir das falsche Spiel genauer an

werde stark und groß und sommerlich

Frau, lauf weg

Niemals wieder geben wir das auf

unter Schmerzen gesucht und schwer gefunden

die Täuschungen zerbrochen, die Lüge geklärt

und langsam heilen die Wunden.

Niemals wieder geben wir das auf

Wunsch, Schuld und Wissen selbst zuwählen

Menschen zu sein, nicht weniger, nicht mehr

mit Leibern, Köpfen und Seelen

Frau, sei Frau

nimm dich selbst bei der Hand

Frau, sei Frau

gebrauche deinen Verstand

Schau dich um in deinem Land

und bleib’ dein eig’ner Musikant

und werde nie, nie mehr dein eig’ner Denunziant

Frau, sei Frau

1981

IHRE GEFÄHRTIN

Tief in den Brombeerhecken

in dunkelbeschatteten Laubhöhlen

sitzt die Vierjährige

die schwarzen Früchte schmecken

nach süßen und bitteren Ölen

da sind ihre Finger

schwarz, süß und bitter

das Kind leckt sie ab

Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin

Auf der kleinen Veranda

direkt über der Teppichklopfstange

sitzt die Vierzehnjährige

in ihren Träumen ist ein Mann da

lehnt sein Gesicht an ihre Wange

da ist ihre Wange

jung, weich und ängstlich

das Mädchen fühlt sie an

Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin

Vor einem Garderobenspiegel

Lampenlicht unbarmherzig auf dem Gesicht

sitzt die Dreißigjährige

ihre Hände greifen in Tiegel

nach Farben der Zuversicht

da sind ihre Augen

tränenmüd’ und traurig

die Frau malt sie bunt

Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin

Zwischen den Bäumen des Mittags

die Hände geborgen im Schoß

sitzt die Vierzigjährige.

Mit der Stille eines Flügelschlags

bewegt sie sich absichtslos

da ist ihr Körper

ruhig, warm und tapfer

die Frau hat ihn lieb

Und die Einsamkeit ist ihre Gefährtin

Bleibt ihre Gefährtin

1981

NICOLA UND BARTOLOMÄ

(nach Moustaki/Moricone

»Marche de Sacco et Vancetti«)

Nicola und Bartolomä

einmal schmilzt das Eis und der Schnee

dann werden’s alle endlich kapiern

und sie werden die Angst verliern.

Nicola und Bartolomä

einmal schmilzt das Eis und der Schnee

Werden’s dann wirklich alle kapiern?

Und werden s’ wirklich die Angst verliern?

1981

TROTZDEM

Schau dir das hingespuckte Stück Leben an

vom Geborenwerden bis hin zu einem Tod

wie das nur weh tut und uns quält

und müde macht das Suchen nach dem Glück

Trotzdem kämpfen wir

trotzdem glauben wir

trotzdem lieben wir

trotzdem

Schau dir all die verbrauchten Gesichter an

die sich selbst verloren haben vor der Zeit

wie man sie gebrochen hat mit System

und weil die Angst so sehr gefügig macht

Trotzdem kämpfen wir

trotzdem glauben wir

trotzdem lieben wir

trotzdem

Schau dir die Welt und ihre Kriege an

das endlose Morden, die Zerstörungen ohne Sinn

und wie man unseren Stern verdirbt und langsam schleift

nur weil das Geld die Welt regiert

Trotzdem kämpfen wir

trotzdem glauben wir

trotzdem lieben wir

trotzdem

Schau dir den Baum vor deinem Fenster an

die Blätter im Regen, die Blätter im Licht

wie er sich aufrecht hält wie ein Wort

und nicht schweigen will, bis man ihn fällt

Trotzdem kämpfen wir

trotzdem glauben wir

trotzdem lieben wir

trotzdem

1981

ANSPRUCH

Wenn du mir die Hand gibst, und ich fühle

die ferne Ängstlichkeit in der Kühle

deiner Finger, die die meinen umschließen –

dann möcht ich dir nah sein

und weich wie ein Kissen

Aber seh ich dich Pfauenräder schlagen

und den Menschen Kluges sagen

die Eitelkeit deine Lippen verbiegen –

dann seh ich, wie deine Wahrheiten lügen

Du hältst nicht, was dein Anspruch verspricht

drum ver-halten wir uns und halten uns nicht

Wenn wir zwei uns ansehn, und ich ahne

in deinen Augen die Karawane

von Schmerzen, die vorbeigezogen –

dann spannt Liebe sich auf

wie ein Regenbogen

Aber fühl ich dich Mauern aus Abwehr bauen

damit sie dir nicht in die Seele schauen

und Flitter und Saltos, nur um zu siegen –

dann fühl ich, wie deine Wahrheiten lügen

Du hältst nicht, was dein Anspruch verspricht

drum ver-halten wir uns und halten uns nicht

Wenn wir uns umarmen und erkennen

weil wir uns wirklich beim Namen nennen

beim Namen, den unsre Seelen tragen –

dann läßt sich die Fremdheit

ein wenig zerschlagen

Aber stehn wir uns fern mit verkauften Gesichtern

dem Gehabe von selbstgerechten Richtern

und leben, als wär’n wir nie unterzukriegen –

dann wissen wir, daß unsre Wahrheiten lügen

Wir halten nicht, was unser Anspruch verspricht

drum ver-halten wir uns und halten uns nicht

1981

AUS GROSSEN ENTFERNUNGEN

Wir blättern in dem großen bunten Atlas

bewegen uns über der Welt

ihren Meeren und Gebirgen

Deine Hände sind Kinderhände

die die Erde berühren

sie liebkosen

als wäre sie etwas Geliebtes

Du erzählst von den Händlern in Marrakesch

den Erdbeben in Mexico

von den Farben des Indischen Ozeans

und den stillen Gebirgen Nepals

Aus großen Entfernungen

schau ich auf uns

Ich bin alt und schwer und müde

und zärtlich stumm

Meine Liebe zur Welt

hat abgebrochene Flügel

Die Einsamkeiten Nepals

sind in meinem Herzen

all die schweigsamen Landschaften

die Farben der Vulkane und Flüsse

die menschenleeren Wüsten

all das dehnt sich aus

in meinem Herzen

Aus großen Entfernungen

schau ich auf uns

1981

DER AUFBRUCH

Alles was geschieht, hat mit uns zu tun

nur wir sind so blind, so verhüllt

wir scheinen gegen Zeichen und Wunder immun

und unser Herz ist mit Unrat gefüllt.

Doch kann es dir geschehn –

dann fliegt etwas auf wie ein Schrei

geht wie ein Atmen vorbei

stößt dich ganz leicht vor die Brust

als hättest du’s immer gewußt

Der Aufbruch aus dem alten Zelt

in eine ungenaue Welt

ist schmerzhaft, doch nicht zu umgehn

willst du das Leben wirklich sehn

Der Aufbruch aus dem alten Glück

in deine Einsamkeit zurück

Da läuft man durch die Straßen hin und her

und weiß doch nicht, wohin man geht

schießt Blicke aus den Augen

als wär’n die ein Gewehr

und sieht doch nicht, was der Tag einem rät

Doch kann es dir geschehn –

dann hebt etwas an wie ein Lied

und zeigt dir den Unterschied

zwischen den schlafenden Tagen

und dem Abenteuer der Fragen

Der Aufbruch aus dem alten Zelt

in eine ungenaue Welt

ist schmerzhaft, doch nicht zu umgehn

willst du das Leben wirklich sehn

Der Aufbruch aus dem alten Glück

in deine Einsamkeit zurück

1981

DIE NACHT VOM 20. ZUM 21. SEPTEMBER

Die Herbstnacht riecht

nach Rauch und Asche

in dieser Nacht

vor Jahren

starb dein Gesicht

Schläfe, Wimper, Brauenbögen

ein Atemzug

die Stirne ein Abhang

die Schärfe der Nasenflügel

blicklos ohne Ende

schweigend hält der tote Mund

den Atem an

Die Herbstnacht riecht

nach Rauch und Asche

in dieser Nacht

vor Jahren

starb dein Gesicht

Berge, Vögel, Krokodile

ein Autowrack

der sanfte Flußlauf

die Kruste der Kontinente

Wolken ohne Ende

kreisend hält der Sternenraum

den Atem an

Die Herbstnacht riecht

nach Rauch und Asche

in dieser Nacht

vor Jahren

starb dein Gesicht

1981

HEXENLIED

»Schlechtes Kraut, schlechter Kohl

alle Köpfe innen hohl!«

Ich kreischte mich heiser

damals in der Schule

Wir spielten Theater

das Märchen »Zwerg Nase«

und ich wählte mir darin

die Rolle der Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe

Die Papiernase aus der Zauberklingel

darauf Warzen aus Plastilin

unterm Kopftuch ein wüstes Haargeringel

hinterm Ohr ein Büschel Rosmarin

Häßlich und wild

so wollt’ ich sein als Kind

und niemals die schöne Prinzessin

Schlechtes Kraut, schlechter Kohl

alle Köpfe innen hohl

Das fiel mir oftmals auf

als ich älter wurde

Ich spielte Theater

doch vergaß ich alle Märchen

und ich wußte gar nichts mehr

von meiner Kinder – Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe

Die Augen zwei schwarzgeschminkte Monde

die Haare ein falscher Wasserfall

die schöne handliche Blonde

mit einem Herzen aus Kristall

Aber häßlich und wild

wollt’ ich doch sein als Kind

und niemals diese schöne Prinzessin

Schlechtes Kraut, schlechter Kohl

alle Köpfe innen hohl

Das wird nicht viel anders

die Menschen sind nicht gut

Ich spiele Theater

Das Leben ist kein Märchen

und trotzdem wähl’ ich mir darin

wieder die Rolle der Hexe – Hexe, Hexe, Hexe, Hexe.

Weinen, schreien, schimpfen und lachen

den Menschen ins Gesicht geschaut

ohne Angst vor den andern das Herz aufmachen

die Wahrheit hat noch nie auf Sand gebaut

Häßlich und wild

so wollt’ ich sein als Kind

und niemals die schöne Prinzessin

1981

LASS MICH FALLEN IN LIEBE

Laß mich fallen in Liebe

in dunkle Teiche nachts

Laß dich halten in Liebe

zwei Irrende unter dem Mond nachts

Laß die Liebe uns heimsuchen

laß die Liebe uns stören

laß uns die Liebe verfluchen

laß uns die Liebe erhören

Laß die Liebe uns groß machen

laß die Liebe uns verderben

laß uns die Liebe auslachen

laß uns die Liebe erwerben

Laß die Liebe uns Hymnen singen

laß die Liebe uns quälen

laß uns die Liebe einander bringen

laß uns die Liebe wählen

Laß mich fallen in Liebe

in dunkle Teiche nachts

Laß dich halten in Liebe

zwei Irrende unter dem Mond nachts

1981

NARBEN

Die Angst vor dem Verlust ist es

nicht vor dem Verlorenen

Die Angst vor dem Sterben ist es

nicht vor dem Tod

Der Schnitt schmerzt

die Wunde ist zu ertragen

wird Narbe

unverlierbar

ein Schriftzug

1981

NOCH EIN LIEBESLIED

Gestern abend tanzte unser Blut

wir hatten es wieder einmal gut

lagen wie die Tiere

Haut an Haut

haben einander

den Herzschlag anvertraut

Schrei’n und Stummsein

aus Körper eine Tat

im Dickicht des Jauchzens

steigen – fallen

fallen – steigen

Wie Stürme Wolken teilen

und Himmel endlos scheint

so durften wir verweilen

wo Atem sich vereint.

1981

TANZEN WIR

Unter dem Spiegel des Meeres

stehen die Wellen habtacht

überall lauert ein Schweres

wird mit Tapferkeit zugelacht

Komm – Komm

nehmen wir uns an den Händen

tanzen wir, tanzen wir

die Bilder fallen von den Wänden

tanzen wir, tanzen wir

was da fiel, sind nicht wir

die Bilder nur von dir und mir

komm – tanzen wir

Über dem Spiegel des Meeres

ist die Spitze des Eisbergs zu sehn

die Tiefe ist niemals ein Leeres

auch wenn wir auf den Gipfeln stehn

Auf dem Spiegel des Meeres

zieht unser ruhiges Schiff dahin