Ralf Hinz

Pop-Diskurse

Zum Stellenwert von Cultural Studies, Pop-Theorie und Jugendforschung

Schriften zur Popkultur
Band 3
Hrsg. v. Thomas Hecken

 

Einleitung

Die euphorische Stimmung, mit der um die Jahrtausendwende herum das Wort Pop in den verschiedensten Zusammenhängen gebraucht wurde, um der Literatur, der Politik, der Werbung und vielem anderen jenen Glamour zu verleihen, der im Kampf um Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gebraucht wird, ist längst verflogen. Zu einer analytischen Durchdringung jener vielfältigen Diskurse, in denen darüber verhandelt wird, was unter Pop zu verstehen ist, welche Differenzierungen im Feld des Pop existieren, wem es aus welchen Gründen gestattet ist, auf legitime Weise über Pop, Popkultur und Popmusik zu sprechen, und wer mit diskursiven Randplätzen vorlieb nehmen muss, hat das feuilletonistische und vor allem via TV auch massenmediale Gerede über Pop wenig beigetragen.

Das vorliegende Buch nimmt sich der Diskurse über Pop an, wie sie in Internetforen, im Musikjournalismus, in der Geschichtsschreibung über popmusikalische Phänomene, in den Cultural Studies und in der Forschung über Jugendkulturen, die sich ja bekanntlich fast durchgängig über popkulturelle Vorlieben bzw. spezifische Aneignungsmodi popkultureller Gegenstände definieren, geführt werden. Das Buch kann sich nicht der tatsächlichen Vielfalt des Redens über Popkultur, des je individuellen und gruppenspezifischen Umgangs mit Popkultur widmen, sondern wird sich auf den in schriftlicher Form vorliegenden, tendenziell argumentativ angelegten Diskurs über Popkultur konzentrieren.

Während Internetuser, die sich entweder mit Gleichgesinnten über geschmackliche Vorlieben verständigen oder mit Vertretern divergierender Geschmäcker mehr oder weniger polemische Auseinandersetzungen liefern, davon auszugehen haben, dass sie nur eine recht kleine Öffentlichkeit abgeben, sind die Publikationen musikjournalistischer Provenienz darauf angelegt, größere Gruppen anzusprechen und einen maßgeblichen Beitrag zur Meinungsbildung im Feld der Popkultur beizusteuern. Das wird zum einen durch die tatsächlich verkauften Zeitschriftenexemplare von Magazinen wie »Musikexpress«, »Rolling Stone«, »Visions« und »Spex« bestätigt, die zusammen weit über 150.000 Käufer finden – einzubeziehen sind zusätzlich noch die ca. 120.000 Exemplare des kostenlosen Magazins »Intro«, die in Plattengeschäften, Szene-Boutiquen etc. ausliegen –, zum anderen durch die spezifische Art des Schreibens über Popmusik und Popkultur in diesen Magazinen demonstriert, die vor allem in »Spex« und »Intro« immer wieder durch einen anspruchsvollen, voraussetzungsvollen Schreibstil, Referenzen auf Theoriediskussionen, auf politische Zusammenhänge und auf eher abseitige pophistorische Phänomene gekennzeichnet ist und sich dadurch anheischig macht, über popkulturelle Themen mit einer Verbindlichkeit zu sprechen, die über die Artikulation je subjektiver Vorlieben hinausgeht. Bekanntlich ist jedoch das Vorrecht des verbindlichen Sprechens über Sachverhalte in westlichen Gesellschaften der Wissenschaft vorbehalten, die sich in Deutschland – anders als in den anglo-amerikanischen Ländern, in denen mit den seit den sechziger Jahren aufkommenden Cultural Studies wichtige Schritte hin zu einer wissenschaftlichen Betrachtung der Jugend- und Popkultur getan wurden – allerdings lange Zeit wenig interessiert an popkulturellen Phänomenen zeigte, so dass sich die ambitioniertesten Varianten des Musikjournalismus hierzulande eine Zeit lang gar als Ersatz für eine verspätete Beschäftigung mit Popkultur im Stile der Cultural Studies sahen. Es wird jedoch darzulegen sein, dass tatsächliche Berührungspunkte zwischen Musikjournalismus und Cultural Studies leicht über die tatsächlich gravierenden Differenzen hinwegtäuschen können, die zwischen der auf Aktualität, Hype und ästhetischer Attraktion ausgerichteten Arbeit von Musikjournalisten und der auf Kontinuierlichkeit, Langfristigkeit und auf intersubjektive Nachvollziehbarkeit in der scientific community angelegten Forschungstätigkeit in den Cultural Studies bestehen. Die mittlerweile hierzulande in verschiedenen Disziplinen erkennbare Anknüpfung an Themen und Herangehensweisen der Cultural Studies befindet sich noch in einer Phase der allmählichen Stabilisierung und sukzessiven Institutionalisierung. Demgegenüber hat die Jugendforschung, die institutionell den Disziplinen Soziologie, Pädagogik und Psychologie zuzuordnen ist, spätestens seit den fünfziger Jahren einen festen Platz in der diskursiven Auseinandersetzung mit Jugend- und Popkultur. Jugendforscher werden von der Politik und von den massenwirksamen Medien als legitime Sprecher bemüht, wenn es darum geht, sich einen Reim auf in der Öffentlichkeit sich auffällig zeigende oder gar agierende Jugendliche zu machen.

Es gibt also sehr unterschiedlich legitime Weisen des Sprechens über Popkultur: Das Buch spannt dabei einen Bogen von den bislang am wenigsten legitimen Formen des Sprechens über Pop, wie sie sich in Geschmacksurteilen über Coverversionen finden lassen, die Thema des ersten Kapitels sind, über journalistische und essayistische Schreibweisen, die sich auf mehr oder weniger anspruchsvolle, d. h. immer auch um Legitimität bemühte Weise aktueller oder bereits historischer Popmusik annehmen, über die an der Schwelle zur Legitimität stehenden Cultural Studies bis hin zu der heute immer noch legitimsten Variante der Behandlung von Jugend- und Popkultur, nämlich der Jugendforschung.

Dank

An erster Stelle möchte ich Thomas Hecken danken, der mich bei der Arbeit am Text durch Anregungen und Hinweise großartig unterstützt hat. Ebenfalls großen Dank schulde ich Frau Isabelle Middeke für ihre Unterstützung beim Korrekturlesen. Seit dem Jahre 2003 bin ich als Lehrer am Quirinus-Gymnasium in Neuss tätig und konnte mich dort bei verschiedenen Gelegenheiten mit vielen Schülerinnen und Schülern über die neuesten Entwicklungen in der Popkultur unterhalten. Hervorheben möchte ich im aktuellen Schuljahr 2008/2009 die Klasse 10a und ihr herzlich dafür danken, dass sie solch regen, enthusiastischen und lautstarken Anteil an der Entstehung des vorliegenden Buches genommen hat und sicher für dessen durchschlagenden kommerziellen Erfolg sorgen wird. Nicht vergessen werden dürfen die in der Theatergruppe Hinz (TGH) aktiven Schülerinnen und Schüler, die in vielen Proben und in den Aufführungen der Stücke »Kasimir und Karoline« von Ödön von Horvath und »Der Talisman« von Johann N. Nestroy eine durch und durch popkulturell inspirierte Theaterarbeit geleistet haben. Mit meinem Bruder Ulrich Hinz tausche ich mich seit dreißig Jahren intensiv über Themen der Popkultur aus. Doch ohne die tagtägliche liebevolle Unterstützung meiner Frau, Danièle Huberty, und meiner Schwiegereltern, Hannelore und Robert Huberty, wäre das vorliegende Buch nicht entstanden.