Maren Volkmann

Frauen und Popkultur

Feminismus, Cultural Studies, Gegenwartsliteratur

Schriften zur Popkultur
Band 6
Hrsg. v. Thomas Hecken

 

Einleitung

Im Jahre 2008 wird junge, deutschsprachige Literatur von Frauen vor allem mit einem Namen in Verbindung gebracht: Charlotte Roche. Die einstige VIVA-II-Moderatorin und Jungfeministin veröffentlicht mit »Feuchtgebiete« ihren ersten Roman und gerät damit in die Schlagzeilen, weil sie alle Erwartungshaltungen, die man gemeinhin an eine weibliche Autorin stellt, durchbricht. Anstatt sich um die vermeintlich weibliche Sphäre der Gefühle und Gedanken zu drehen, erzählt »Feuchtgebiete« die Geschichte der 18-jährigen Helen, die wegen einer Analfissur, die sie sich bei der Rasur zugezogen hat, im Krankenhaus liegt. Von dort aus berichtet sie »bildhaft Detailgetreues über blumenkohlförmige Hämorrhoiden, die wechselnde Konsistent ungewaschenen ›Muschischleims‹, blutige ›Arschsex‹-Praktiken und beherztes Tampon-Recycling«. Die »Welt« nennt Roches Roman ein »Minenfeld des Ekligen«, die »Süddeutsche Zeitung« bezeichnet ihn als »Monstrum, das der übermächtigen und hyperperfekten Heidi-Klum-Welt trotzt«. Ob man »Feuchtgebiete« nun der kurzweiligen Effekthascherei auf Grund der vielen proktologischen Nahaufnahmen und Ekel-Episoden anklagen möchte oder ihn doch als feministischen Roman interpretiert, der Position gegen die weibliche Unterdrückung durch den Hygienezwang bezieht – fest steht, dass »Feuchtgebiete« das meistverkaufte Buch im Jahr 2008 ist; sieben Monate lang steht es an der Spitze der Belletristik-Charts.

Dieser Erfolg ist umso erstaunlicher, als Roche ein äußerst unkonventionelles Bild von Weiblichkeit in ihrem Roman entwirft. Protagonistin Helen verfügt über eine aggressive Sexualität, lebt diese in Form einer Reihe außergewöhnlicher Sexualpraktiken offensiv aus, erkundet neugierig jede Pore ihres Körpers. Gefühle und Emotionen werden bei ihren teilweise sicherlich schmerzhaften Erfahrungen im Krankenhaus weitgehend ausgeblendet. Auch Männer scheinen für sie auf emotionaler Ebene uninteressant zu sein – was zählt, ist ausschließlich die sexuelle Befriedigung. Helen ist die Einzige, die über sich und ihren Körper bestimmen darf.

»Feuchtgebiete« evoziert nicht zuletzt die Frage nach dem Feminismus in Deutschland: Während der Dritte-Welle-Feminismus vorwiegend im angloamerikanischen Raum stattfindet und nahezu unbemerkt an Deutschland vorbeizieht, scheint Alice Schwarzer und ihr Zweite-Welle-Feminismus der einzige feministische Referenzpunkt im deutschsprachigen Bereich zu sein. Doch was hat dieser Feminismus jungen Frauen noch zu bieten? Ist er nicht zu antiquiert, um ihre Lebensrealitäten zu spiegeln? »Feuchtgebiete« scheint auf der einen Seite zu signalisieren, dass Feminismus keineswegs passé ist, auf der anderen Seite macht der Roman jedoch deutlich, dass das Modell des Zweite-Welle-Feminismus überholt ist. Doch wie muss ein »aktualisierter« Feminismus heute aussehen?

Genau diese Diskussion um einen »Neuen Feminismus« wird mit einer Reihe von Sachbüchern, die zeitnah zu »Feuchtgebiete« auf den Markt kommen, geführt: »Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht« (2008) von Susanne Klingner, Barbara Streidl und Meredith Haaf, »Neue Deutsche Mädchen« (2008) von Jana Hensel und Elisabeth Raether, »Das F-Wort: Feminismus ist sexy« (2007) von Mirja Stöcker, »Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus« (2007) von Silvana Koch-Mehrin, »Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird« (2006) von Thea Dorn. Die Autorinnen dieser Bücher haben zum größten Teil einen journalistischen Background und sind durchschnittlich um die dreißig Jahre alt. Ihr Ziel ist es, einen neuen Feminismus zu formulieren, der sowohl in Abgrenzung zu Eva Herrmanns »Eva-Prinzip«, das für die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter plädiert, als auch zu Alice Schwarzers Themen, die ihnen teilweise nicht mehr relevant erscheinen, verstanden werden kann. Die Frau von heute will Karriere machen und Familie haben; sie will selbstbestimmt leben und in dieser feministischen Lebensweise gleichzeitig sexy sein. Dieser Entwurf eines »Neuen Feminismus« wirkt alles andere als radikal, vergleicht man ihn mit den Forderungen, die der Zweite-Welle-Feminismus in den 70er Jahren gestellt hat. Seit dieser Zeit haben sich die Lebensumstände für Frauen geändert – die Forderungen der Zweiten Welle sind zu einem großen Teil zu Lebensrealitäten geworden. Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern scheinen nicht mehr so präsent, als dass sie zu einem politischen Kampf herausfordern würden. Dieser Zustand der geringen Sichtbarkeit birgt die Gefahr in sich, nun anzunehmen, dass Frauen alles erreicht haben und dass sie den Männern gleichgestellt sind. Doch in Zeiten, in denen Frauen immer noch weniger Lohn als Männer für gleiche Arbeit bekommen und die Chefetagen in männlicher Hand sind, lässt sich leicht erahnen, dass dies sicherlich noch nicht der Fall ist – und dass damit der Feminismus immer noch von Belang ist. Die eben angeführten Sachbücher projizieren ihre Vorstellung von Feminismus also konsequenterweise auf die Bereiche, die in den Nuller Jahren und in Zeiten der Leistungsgesellschaft für Frauen relevant sind; so nimmt z. B. die Frage, wie sich Kind und Karriere optimal miteinander vereinbaren lassen, einen wichtigen Platz ein. Auch weibliche Homosexualität und Schönheitswahn werden häufig diskutiert, allerdings sind dies Themen, die bereits etliche Jahre zuvor auf der feministischen Agenda im angloamerikanischen Raum standen. Im Jahre 1970 veröffentlicht die australische Feministin Germaine Greer »The Female Eunuch« (dt. »Der weibliche Eunuch«), 1990 erscheint von der amerikanischen Autorin Naomi Wolf »The Beauty Myth: How Images of Beauty Are Used Against Women« (dt. »Der Mythos Schönheit«) – Greer kritisiert die Degradierung der Frau als Sexobjekt; Wolf beschreibt, wie sich Frauen dem Schönheitsdiktat der Mode- und Kosmetikindustrie unterwerfen und ihren Körper nach deren Vorstellungen formen. Die Themen, die in den Sachbüchern um den »Neuen Feminismus« diskutiert werden, sind also keineswegs neu, sondern stellen lediglich eine verspätete Repetition der angloamerikanischen Debatte dar. Während Wolfes Buch im Jahre 1990 als durchaus radikal verstanden und seitdem als Klassiker zum Thema »Schönheitsideal« gelesen wird, hat eine deutsche Annäherung an diese Debatte, über zehn Jahre später, gänzlich an Radikalität verloren. Wie an vielen Beispielen gezeigt werden kann (das prominenteste Beispiel dürfte Judith Butler sein), findet die Rezeption angloamerikanischer feministischer Literatur in Deutschland verzögert statt – die zeitliche Verschiebung ist dabei nicht selten so groß, dass die übernommenen Themen ihre Relevanz verloren haben.

Der deutsche Entwurf eines »Neuen Feminismus« wirkt außerdem umso weniger radikal, wenn man ihn mit den Forderungen der US-amerikanischen third wave-Feministinnen vergleicht. So stellt auch die Journalistin Eva Behrendt in der Zeitschrift »Literaturen« fest: »Tatsächlich ist das neue Mädchentum die bürgerliche und ›Zeit‹-Leserinnen-kompatible Variante des Riot Grrrlism, der sich schon Anfang der neunziger Jahre vom Feminismus alter Schule abgrenzte […]«. Der angloamerikanische Dritte-Welle-Feminismus wurde in Deutschland zwar großflächig nicht wahrgenommen, wurde aber – insbesondere durch seine musikalischen Formen, wie z. B. riot grrrl – von Popjournalistinnen wie Sandra Grether, Tine Plesch oder Sonja Eismann aufmerksam rezipiert und in ihren Texten verarbeitet. Hier bedient der Dritte-Welle-Feminismus zwar nur eine Nische, die jedoch in der Diskussion um einen »Neuen Feminismus« völlig ausgeblendet wird. So finden sich lange vor der Forderung nach einem »Neuen Feminismus« im Jahre 2008 Zeugnisse eines Dritte-Welle-Feminismus, der bereits Ende der 90er Jahre feministisch und sexy sein wollte, im deutschsprachigen Raum. Unbeachtet von der großen Öffentlichkeit werden hier bereits Themen wie Schönheitsideale, Essstörungen, Sexpolitik und generell die Marginalisierung von Frauen ausgehandelt. Diese als »Popfeminismus« bezeichnete Form des Postfeminismus zeichnet sich dadurch aus, dass sie eng mit den Cultural Studies und dem avancierten Musikjournalismus aus dem anglophonen Bereich verbunden ist: Deren Vertreter und Vertreterinnen werden einerseits regelmäßig als Referenzpunkte der deutschen Journalistinnen genannt, andererseits finden sich deren Thesen, Themen und Konzepte deutlich in den deutschsprachigen Texten wieder.

Musikjournalismus auf der einen Seite, Popliteratur auf der anderen Seite: Auch hier machen Frauen um das Jahr 1999 herum unter dem Begriff »literarisches Fräuleinwunder« in Deutschland auf sich aufmerksam. Junge, nicht selten in den Medien auf ihr Äußeres reduzierte Autorinnen wie Alexa Hennig von Lange, Karen Duve oder Jenny Erpenbeck werden vom Feuilleton hochgelobt und geraten so ins Interesse der Öffentlichkeit. Hingegen weitgehend ungeachtet von Medien und Wissenschaft veröffentlichen zwischen 1998 und 2004 fünf deutsche Autorinnen Bücher, deren Protagonistinnen in einer Band spielen – eine Rolle, die bis dato überwiegend männlichen Figuren vorbehalten war.

Was bedeutet es, wenn Frauen erstens vermehrt Teil des Literaturbetriebs werden und zweitens Figuren etablieren, die sich jenseits eines konventionellen Konzepts von Weiblichkeit bewegen? War die Position der Frau in der Musikszene sogar in der Literatur nicht weitgehend auf die des Groupies (Rosemarie Heinikel: »Rosy Rosy« [1971]) oder des Fans (Veranda Spuk: »Mein Flirt mit einem ganz bestimmten Superstar oder Mein heiliger Pappkarton im Bettlaken« [1982]) beschränkt? Welche Bedeutung hat es für eine Frau, in einer Band zu spielen, nachdem ihr dies in einer männlich dominierten Musikszene bislang eher versagt blieb?

Vor dem Hintergrund der Cultural Studies und des im anglophonen Bereich angesiedelten avancierten Musikjournalismus soll diese Beziehung zwischen Frauen und (Rock-)Musik untersucht werden. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es hierzu im angloamerikanischen Raum eine große Anzahl an Forschungen, die Musik im Hinblick auf gender analysieren. Es soll eine theoretische Grundlage geschaffen werden, die die Machtverhältnisse innerhalb der Rockmusik untersucht und so erklärt, wieso sich nur wenige Frauen im Musikbereich erfolgreich etablieren. Die vorliegende Arbeit rekapituliert und aktualisiert den Forschungsstand von Autoren und Autorinnen wie Angela McRobbie, Joanne Hollows, Anita Harris, Ilana Nash, Simon Reynolds und Joy Press, Gayle Wald, Mavis Bayton und Ellen Willis, die eine feministische Forschung in Bezug auf Frauen in der populären Kultur und – im Speziellen – in der Rockmusik im angloamerikanischen Raum vorangetrieben haben.

Der Großteil dieser Arbeiten ist bis heute nicht in deutscher Übersetzung erschienen, deswegen sehe ich es als umso wichtiger an, dass ihre Thesen im Rahmen dieser Publikation erstmals in Deutschland präsentiert werden. Zwar sind in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum vereinzelt Arbeiten zur Rolle der Frau in der populären Kultur erschienen (vgl. z. B. Thomas Hecken: »Populäre Kultur. Mit einen Anhang ›Girl und Popkultur‹« [2006], Christine Rigler: »Ich und die Medien. Neue Literatur von Frauen« [2005]), doch nehmen diese nicht systematisch Bezug auf oben genannte angloamerikanische feministische Untersuchungen.

Viel fester sind die feministischen Cultural Studies hingegen im angloamerikanischen Raum etabliert. Dort gibt es eine Vielzahl an Aufsätzen und Sammelbänden, die auch die feministische Forschung in Deutschland und damit die Untersuchung der Rolle der Frau in der populären Kultur vorantreiben könnten: »Girls and Subculture« (1976) und »Settling Accounts with Subculture. A Feminist Critique« (1990, McRobbie, ersterer mit Jenny Garber) müssen als Schlüsseltexte, um die Rolle von Frauen in der Subkultur und damit in der Rockmusik verstehen zu können, gelesen werden – selbst wenn einige Annahmen inzwischen als veraltet gewertet werden dürfen, hat McRobbie mit ihren Forschungsbeiträgen methodische Maßstäbe in Bezug auf die soziologische Untersuchung von Frauen gesetzt. Das Buch »Beginning to See the Light. Pieces of a Decade« (1981, Willis) bezeugt ein aufkeimendes Problembewusstsein für die Rolle der Frau in der populären Kultur. Auf die simple Feststellung hin, dass Frauen innerhalb der Rockmusik eine andere Position einnehmen als Männer – sprich: eine Position, die von Degradierung und Ausschluss bestimmt ist –, folgt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. »Rock and Sexuality« (1978, McRobbie/Frith) kann zwar an vielen Stellen auf Grund seines angenommenen Essenzialismus kritisiert werden, markiert aber den Beginn einer Forschung, die sich damit beschäftigt, wie Weiblichkeit und Männlichkeit innerhalb der Rockmusik konstituiert werden. In Tradition dieses Untersuchungsschwerpunktes sind auch die jüngeren Forschungsbeiträge wie »Frock Rock. Women Performing Popular Music« (1998) von Mavis Bayton, »Popular Music, Gender and Sexuality« (2001) von Sarah Cohen, »Abandoning the Absolute. Transcendence and Gender in Popular Music Discourse« (2002) von Holly Kruse oder auch der Essay »Hysterical Scream or Rebel Yell? The Politics of Teen-Idol Fandom« von Ilana Nash (2003) zu lesen. Umfangreichere Darstellungen von Frauen auf dem Gebiet der populären Musik bieten beispielsweise Simon Reynolds/Joy Press in »The Sex Revolts. Gender, Rebellion and Rock'n'Roll« (1995), Sheila Whiteley in »Women and Popular Music. Sexuality, Identity and Subjectivity« (2000) und Lucy O'Brien in »She Bop II. The Definitive History of Women in Rock, Pop and Soul« (2002).

Joanne Hollows, die sich wiederum ausgiebig mit McRobbie auseinander gesetzt hat, legt mit »Feminism, Femininity and Popular Culture« (2000) einen Reader vor, der als Standardwerk zur Rolle der Frau in der populären Kultur bezeichnet werden kann; auch Morag Shiachs »Feminism and Cultural Studies« (1999) leistet einen wichtigen Beitrag zur feministischen Forschung. Auf dem Gebiet des third wave feminism ist eine Rezeption von »Manifesta. Young Women, Feminism, and the Future« (2000, Jennifer Baumgardner/Amy Richards) genauso unerlässlich wie die von »Future Girl. Young Women in the Twenty-First Century« (2003, Anita Harris).

Dieser nur beispielhafte Auszug an Beiträgen aus dem angloamerikanischen Raum macht deutlich, dass diese Arbeit zunächst eine Fülle an fremdsprachigem Material aufarbeiten muss, bevor eine eigenständige Untersuchung möglich ist. Dieses umfangreiche Unterfangen ist jedoch unumgänglich, da die deutschsprachige Forschung die oben genannten Autorinnen und Autoren bislang kaum berücksichtigt hat und es somit eine Leerstelle zu füllen gilt.

Wie bereits angedeutet, gelangt der third wave feminism außerhalb der Wissenschaft, die ihm im deutschsprachigen Raum keine Beachtung schenkt, über die Musik und riot grrrl vereinzelt in Form des Popjournalismus nach Deutschland, doch auch andere mediale Formen des Postfeminismus, wie z. B. der Film »Bridget Jones's Diary«, die so genannte chick lit oder die Girl-Group »Spice Girls«, finden ihren Weg hier hin. Letztere Varianten des Postfeminismus scheinen nicht mehr viel mit dem einstigen Feminismus gemein zu haben, schließlich suggerieren sie, dass Frauen bereits alles erreicht haben und dass nun jede einzelne für ihr Glück selbst verantwortlich ist. Aus dem angloamerikanischen Raum wird Deutschland also mit zwei Richtungen konfrontiert: mit einem relativ radikalen Dritte-Welle-Feminismus, der vorwiegend in der Gegenkultur rezipiert wird, und einem eher harmlos wirkenden und entschärften Postfeminismus, der durch die Mainstream-Medien publik wird.

Die vorliegende Arbeit kann als Fortführung der angloamerikanischen feministischen Forschung verstanden werden: Die im dortigen Bereich gewonnenen Erkenntnisse werden auf die deutschsprachige Popliteratur von Frauen übertragen. Unter anderem gilt es zu untersuchen, welches feministische Konzept hinter den Protagonistinnen steht: Sind sie männlichen Figuren gleichgestellt oder sehen sie ihre äußerliche Anziehungskraft als einzige Ermächtigung gegenüber Männern an? Sind sie sich bestimmter Ungleichheiten bewusst oder übersehen sie diese? Sind sie auf dem Stand des third wave feminism angekommen oder vertreten sie immer noch ein Konzept, das dem Zweite-Welle-Feminismus zugeordnet werden kann?

In diesem Zusammenhang wird meine Untersuchung zunächst kurz in die feministische Literaturwissenschaft und in den Begriff der »Frauenliteratur« einführen. Im Zuge der »Neuen Frauenbewegung« fangen in den 70er Jahren auch in Deutschland immer mehr Frauen damit an, schriftstellerisch aktiv zu werden. Geprägt vom Leitspruch »Das Persönliche ist politisch« bringen sie ihre privaten Erfahrungen zu Papier und entfachen damit die Diskussion um eine genuin weibliche Ästhetik innerhalb des Literaturbetriebs. Dieser Teil wird sich vorwiegend auf die Sekundärliteratur beschränken – auf eine umfassendere Untersuchung wird auf Grund der Fokussierung auf den Themenbereich der Rockmusik, der in der damaligen Literatur keine Rolle spielt, verzichtet.

Mein abschließender Teil umschließt die Analyse von fünf Popromanen, die zwischen 1999 und 2004 veröffentlicht wurden. Während in den vergangenen Jahren einige Bücher, deren Protagonisten im Bereich der populären Musik zu verorten sind, in denen Frauen jedoch kaum eine Rolle spielen, von männlichen Autoren auf den Markt gekommen sind (z. B. Thees Uhlmann: »Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic-Tourtagebücher« [2000], Jürgen Teipel: »Verschwende deine Jugend« [2001], Heinz Strunk: »Fleisch ist mein Gemüse« [2004], Rocko Schamoni: »Dorfpunks« [2005], Nagel: »Wo die wilden Maden graben« [2007]), werden in dieser Analyse ausschließlich Romane von Autorinnen berücksichtigt. Auswahlkriterium für die Romane ist, dass die Protagonistin einen einschlägigen Bezug zu Musik hat – fünf Romane kommen darum für die Analyse in Frage: »Abenteuer einer Provinzblume« (1999) von Françoise Cactus, »Chemische Reinigung« (2002) von Silvia Szymanski, »Rocken & Hosen. Unterwegs mit meiner Band« (2003) von Claudia Kaiser, »Beat Baby, Beat« (2004) von Jenni Zylka und »Zuckerbabys« (2004) von Kerstin Grether. Auffällig ist, dass keine der Hauptfiguren sich darauf beschränkt, Fan zu sein, sondern selbst als Musikerin in Erscheinung tritt.

Da die oben genannten Autorinnen noch recht jung und damit relativ unbekannt im Literaturbetrieb sind, liegt keine Sekundärliteratur zu ihren Texten vor. Die Analyse beruht deshalb auf eigenen Kriterien – unter Berücksichtigung des angloamerikanischen feministischen Forschungsstandes. Die Brücke zur »Frauenliteratur« der 70er Jahre, die der »Neuen Frauenbewegung« verbunden war, wird dadurch geschlagen, dass eine Einschätzung vorgenommen wird, inwiefern sich »Frauenliteratur« in den 70er Jahren und Popromane von Frauen in den 90er und Nuller Jahren unterscheiden oder gleichen. Die Art und Weise, wie sich die Romanfiguren zu Haltungen des Zweite- und Dritte-Welle-Feminismus positionieren, soll Aufschluss darüber geben, welche Weiblichkeitskonzepte und Lebensentwürfe für junge Frauen gegenwärtig relevant sind. Sind Schuhe, Schminke und die ständige Suche nach dem Traummann für sie genauso wichtig wie für die Protagonistinnen aus den angloamerikanischen Serien und Büchern? Oder entwickeln die deutschsprachigen Romanfiguren alternative Modelle der Ermächtigung? Ob Feminismus überhaupt noch ein Konzept für sie darstellt, das ihnen reizvoll oder gar notwendig erscheint, soll dabei stets im Fokus der Untersuchung bleiben.

 

Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Thomas Hecken, der mein Dissertationsprojekt engagiert unterstützt hat. Bedanken möchte ich mich auch bei Isabelle Middeke und besonders Franca Liedhegener für ihr unermüdliches Korrekturlesen. Nicht nur in der Zeit, als die Dissertation entstand, waren mir meine Eltern eine große Stütze, auf die ich immer bauen konnte – dafür ein herzliches Dankeschön.