Eine ganz neue Komödie …

Texte und Studien
zur österreichischen Literatur- und Theatergeschichte
Band 3

Johann Joseph Felix von Kurz

(1717–1784)

Eine ganz neue Komödie …

Ausgewählte
Bernardoniaden und Lustspiele

Herausgegeben von
Andrea Brandner-Kapfer

Lehner

Die Drucklegung erfolgte mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, der Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschungsförderung, sowie der Universität Graz

INHALT

DER LEBENS-LAUFF DES BERNARDON

Num. I BERNARDON

Alle Furien aus der Höllen,

Sollen Sich zu mir gesellen,

Meiner Rache bey zu stehen,

Feuer soll von Himmel fallen,

Unter Krachen unter Knallen,

Soll die Welt zu grunde gehn.

Num. II BERNARDON

Ein Narr lacht über den andern,

Und der Narr lacht über mich,

Wer ins Spital muß wandern

Du ehender oder Ich,

Der Narr der lacht über mich,

Und ich Narr Lach über dich,

So lacht ein Narr den andern aus,

Aus der Comoedi wird nichts draus,

Der gröste Narr der bleibt,

Der gröste Narr der bleibt,

Und ich geh nach Haus.

Und ich geh nach Haus.

Num. III BERNARDON

Beym Stock-Fisch und beym Carusel,

Beym Gimpel und beym Zeisel,

Ich beschwöre Dich du Musicalischer Geist.

Der Du Asmodeus heist,

Fort komm zu mir auf mein Begehr,

Und schaffe mir den Dieb nebst Silber Löffel her.

DER OHNE HOLZ LEBENDIG VERBRENNTE
ZAUBERER BERNARDON
EIN LUSTSPIEL IN DREY AUFZÜGEN

PERSONEN

Herr V. HEIDENSTERN. Vater des

HEIDENSTERN, Geliebter der Therese und Bruder der

Fr. ROSETTE.

Hr. MARTENWELL. Rosettens Liebhaber.

JOHANN. Sein Bedienter.

Hr. V. DORNHEIM.

Fräulein THERESE. Seine Tochter.

SELTENHEIM.

LISETTE. Mädchen der Fräulein Rosette.

BERNARDON. Ein Zauberer.

HEINRICH. Dessen Bedienter.

ERSTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Das Theater stellt ein Zimmer vor. Fr. Rosette, Hr. Martenwell, Fr. Therese, Johann, Hr. Heidenstern Sohn, Lisette

FR. ROSETTE Bester Martenwell! es ist um uns geschehen. Mein unerbittlicher Vater will, daß ich dem Bernardon, den man alle Augenblicke erwartet, auf ewig meine Hand reichen soll. Nicht Bitten noch Flehen konnte diesen entsetzlichen Vorsatz zerstören. Mein Vater fodert [!] blinden Gehorsam; und ich, der diese Tugend tief ins Herz gegraben ist, muß seinem Befehle endlich nachgeben. Urtheilen sie von dem Zustande meiner Seele, urtheilen sie von meinem Kummer, ihnen diese tödtliche Nachricht zu hinterbringen.

MARTENW[ELL] Mein Tod wird der traurige Preiß ihres Gehorsams seyn. Ich werde den grausamen Augenblick nicht überleben, sie mit einem andern verbunden zu sehen.

THERESE Rosette! beste Freundinn! sie wissen, daß ich ihren Bruder auf das zärtlichste, über alles in der Welt liebe: aber die schwesterliche Liebe wird die Verachtung gegen den meinigen mit gleicher Verachtung bezahen [!]. Unter keiner andern Bedingung werde ich die Hand ihres Bruders annehmen, als wenn sie den meinigen heirathen.

HEIDENST[ERN] SOHN Wertheste Schwester! Ich beschwöre dich bey der reinen Liebe, die wir von Jugend auf gegen einander hegten: folge der Neigung deines Herzens und nicht dem Gebote eines eigensinnigen Vaters.

LISETTE Auch mich macht mein gnädiges Fräulein unglücklich. Wenn sie den Bernardon heirathet, muß ich gewiß auch seinen Kerl den Heinrich heirathen, den ich doch in der Seele nicht ausstehen kann.

JOHANN Das wär mir ein verfluchter Streich, und von ihnen eine talkete Resolution; sie machen meinen Herrn, ihren Herrn Bruder, das Fräulein Therese, die arme Lisette, und zuletzt auch noch gar mich unglücklich.

ROSETTE (weint) Ach! ich sehe leider! mein und euer Unglück vor; aber das Verhängniß hat mich schon zu diesem unglücklichen Werkzeug bestimmt.

MARTENW[ELL] (kniet) Zum letztenmal sehen sie mich zu ihren Füßen. Lassen sie doch das Unglück so vieler, die mit ihrem Schicksal verbunden sind, deren ganzes Glück von ihrem Ausspruch abhängt, ihr Herz rühren, und entsagen sie einer Verbindung, die uns allen äußerst verhaßt seyn muß. (weint.)

HEIDENST[ERN] S[OHN] Schwester, theuerste Schwester! habe Mitleid mit meiner Liebe; (kniet) frage dein Herz, ob du an mir und an dir selbst eine so schreckliche That ausüben kannst. (weint.)

THERESE Sehen sie, Rosette! wozu mich die Liebe gegen sie und ihren Bruder bringet. Auch ich bitte auf meinen Knien, (kniet) wenn es möglich ist, entreißen sie meinem Bruder das Herz nicht, dessen Besitz sie ihm so oft in meiner Gegenwart zugeschworen. (weint.)

LISETTE (kniet) O! sie grausames Fräulein! ewig will ich Ach und Weh über sie schreyen, wenn ich wegen ihrem Eigensinn einen andern, als meinen unvergleichlichen Johann heirathen muß. (weint.)

JOHANN O! sie tyrannische Prinzessinn! (kniet) sie werden eine ewige Verantwortung auf den Hals bekommen, wenn wegen ihnen so viele Familien zu Grunde gehen. (weint.)

ZWEYTER AUFTRITT

Vorige, Herr Heidenstern Vater, Herr Dornheim, (welche aber schon heraus gekommen sind, so bald Herr Martenwell niedergekniet, und alles unbemerkt mit angesehen haben.)

HEIDENST[ERN] V[ATER] Was ruft ihr da alle für ein Orakel an? (alle stehen plötzlich auf. Martenw[ell,] Heidenst[ern] S[ohn,] Johann und Lisette laufen zu ihm und fallen ihm mit großem Geschrey zu Füßen.)

MARTENW[ELL] Ich bitte um Gnade!

HEIDENST[ERN] S[OHN] Ich flehe um Mitleiden!

LISETTE Ich rufe um Erbarmen!

JOHANN Misericordia und Barmherzigkeit!

HEIDENST[ERN] V[ATER] (verstellter Weise) Hier ist keine Rettung. Die Sache ist nicht mehr zu ändern. Ich habe einmal dem Bernardon mein Wort schriftlich gegeben, und das kann ich nicht widerrufen. Nicht wahr? meine Tochter!

ROSETTE (fällt ihm auch zu Füßen) Der Wille eines Vaters ist der gehorsamen Tochter zwar ein Gesetz, aber wenn es möglich wäre –

DORNH[EIM] Und du Therese! Was sagst denn du zu dieser Sache? gefällt es dir etwann auch nicht?

THERESE (fällt dem Heidenst[ern] V[ater] zu Füßen) Ich vereinige gleichfalls auf den Knien meine Bitte mit den andern. Machen sie doch durch diese einzige Heirath nicht so viele Menschen unglücklich.

HEIDENST[ERN] V[ATER] Also wenn meine Tochter den Bernardon heirathet, seyd ihr alle unglücklich?

ALLE (rufen) Ja!

HEIDENST[ERN] V[ATER] (commandirt) Gebt Achtung! steht alle auf! Ihr habt Gnade! Meine Tochter soll den Bernardon nicht heirathen. (alle küssen ihm die Hand.)

MARTENW[ELL] O! mich Glückseligen!

ROSETTE O! wie sehr bin ich erfreut!

HEIDENST[ERN] S[OHN] O! so erhalte ich meine schönste Therese.

THERESE Der Himmel hat meine Wünsche erhört.

LISETTE O! Vivat Frau Venus! ich bekomme meinen Johann.

JOHANN O Viktoria Barcellona! ich kriege meine Lisette.

DORNH[EIM] Meinen guten Worten und meinem Bitten habt ihr den größten Theil eures Vergnügens zu verdanken. Ich habe es dahin gebracht, daß der Bernardon, wenn er kömmt, seinen Rückmarsch ohne Braut nehmen muß.

HEIDENST[ERN] V[ATER] Ja, Ja! das ist wahr, meine Kinder! das ist wahr. Auf sein Zureden habe ich meinen Entschluß geändert. Allein was wird mit dem Bernardon anzufangen seyn? Laut seiner Briefe hat er schon vor zwey Tagen hier eintreffen sollen. Wie werden wir also seiner los werden? Zu allem Glücke ist er ein alter dummer affektirter Kerl; man wird ihn also leicht für einen Narren halten können.

MARTENW[ELL] Geben sie mir und meinem Bedienten nur die Erlaubniß, dem Bernardon die Lust zum Heirathen zu benehmen: er soll gewiß bald nicht mehr daran gedenken.

JOHANN Wenn der Kerl dumm ist, wird es nicht viel Mühe kosten. Ich getraue mir einen Gescheiden noch viel leichter also einen Narren anzuführen.

HEIDENST[ERN] V[ATER] Nun, kommen sie itzt nur in mein Gesellschaftszimmer, da wollen wir dieses alles noch etwas genauer überlegen. (Jeder nimmt mit Ceremonien sein Frauenzimmer und alle gehen ab.)

DRITTER AUFTRITT

Strasse, wo des alten Heidensterns Haus.

Bernardon. (als ein Windmacher) Heinrich, (als sein Kammerdiener mit einer großen Schachtel voll Perücken unter einem Arm, und unter dem andern einen Spiegel.) (Bernardon tanzt während einer Arie heraus, und Heinrich hinter ihm her.)

BERNARDON (singt.)

O du charmante Stadt,

Die mein Vergnügen hat!

Die mir mein geliebtes Leben

Hat gebohren, hat gegeben;

Diese werd ich mit Entzücken

Herzen, scherzen, küssen, drücken,

Weil sie mein Vergnügen hat,

O! du höchst charmante Stadt.

BERNARDON Geh her! halt mir einmal den Spiegel vor!

HEINR[ICH] Hier ihre Gnaden! (Bernardon richtet an der Perücke.) – –

BERNARD[ON] Aber Heinrich, das ist eine Nase! eine majestätische Nase! das nenn ich eine Nase! und ein Maul und eine Taille und ein paar Füße, zwey Füße! meiner Seele! zwey Füße! – Aber zum Henker! die Perücke steht mir nicht recht! eine andere her!

HEINR[ICH] (giebt eine andere Perücke) Hier ihre Gnaden!

BERNARD[ON] (setzt sie auf) Das ist gleich was anders! – aber – ich weiß nicht – ha! sie ist auch nichts nutz. Eine andere!

HEINR[ICH] (giebt eine andere) Diese wird gut seyn, ihre Gnaden!

BERNARD[ON] (setzt sie auf) Ey! zum Henker! Die taugt gar nichts

– eine andere!

HEINR[ICH] Noch fünfzig, wenn ihre Gnaden befehlen (giebt eine andere Perücke) Hier ihre Gnaden ist eine recht schöne.

BERNARD[ON] (probirt sie auch) Nein, die kann ich auch nicht brauchen. Geh zum Geyer mit deinen Perücken. (er singt.)

So viel Perocken.

Und keine steht mir zum Gesicht,

Die hat zu große Locken,

Die ist zu klein,

Die ist zu groß,

Die deckt zu viel,

Die macht zu bloß,

Auch diese ist für mich nicht recht,

Sie sind ja alle schlecht.

Via! fort, fort! mit der;

Fort fort mit dir!

Gieb diese her;

Gieb diese mir,

Es ist gar keine recht,

Sie sind für mich zu schlecht.

BERNARD[ON] Wenn dann keine von den verdammten Perücken recht ist, will ich das aufsetzen. (setzt eine Schlafhaube auf) Itzt wird es hohe Zeit seyn, daß ich bey dem Herrn von Heidenstern meinen Besuch ablege – hier dieses soll sein Haus seyn. Allons Heinrich! Klopf an. (Heinrich klopft an.)

VIERTER AUFTRITT

Dornheim, Therese, Heidenstern S[ohn], Rosette, Lisette, Heidenst[ern] V[ater].

Auf das jedesmalige Anklopfen des Heinrichs kommen diese Personen, eine nach der andern heraus. Wobey Heinrich allemal, so oft er angeklopfet hat, sich mit einer andern Perücke in der Hand hinter seinen Herrn stellen muß.

BERNARDON (da er den Dornheim sieht: zum Heinrich) Das wird wohl der alte Heidenstern seyn! – (zum Dornheim mit vielen Verbeugungen) Glückseliger Erzeuger! der du dich rühmen kannst, die schönste Pflanze der Welt hervor gebracht zu haben. Siehe in mir jene wohlriechende Aloe, welche den Augenblick zu blühen anfangen wird, so bald ich als ein beglückter Gärtner dieser schönen Göttinn Flora die Hand als Bräutigam werde reichen dürfen.

DORNHEIM Um Vergebung mein Herr! sie werden sich vielleicht irren. Wer glauben sie, der ich bin?

BERNARD[ON] Ich halte sie für den Herrn von Heidenstern.

DORNH[EIM] Der bin ich nicht, aber ein sehr naher Vetter zu ihm: doch dürfte ich wohl fragen, wer sie sind? mein Herr!

BERNARD[ON] Ich bin Bernardon.

DORNH[EIM] (mit Verwunderung und Freude) Was? sie sind der gnädige Herr von Bernardon, der des Heidensterns Tochter heirathen soll! (ganz gleichgültig) Bleiben sie nur da stehen! (geht ins Haus ab)

BERNARDON Bleiben sie nur da stehen! – Geschwind, Heinrich! eine andere Perücke! (Heinrich setzt ihm eine andere Perücke auf) Jetzt klopfe wieder an!

(Heinrich klopft an, Therese kömmt heraus)

BERNARDON Ha ha! das wird des Heidenstern seine Tochter seyn! (mit vielen Verbeugungen) Iris kann hier mit ihrem goldnen Apfel keinen Zankstreit mehr anfangen; denn wenn derselbe der schönsten und der würdigsten gehöret, so ist es unmöglich, daß er dir, o Göttinn! kann entzogen werden. Sollten sich aber wider Vermuthen streitende Partheyen finden, so will ich dein Paris seyn, welcher dich beständig in dem rechtmäßigen Besitze deines goldnen Apfels erhalten wird.

THERESE Für wen sehen sie mich an? mein Cavalier!

BERNARDON Für die Fräulein Tochter des Herrn von Heidenstern.

THERESE Diese bin ich nicht: aber eine sehr nahe Base von ihr. Und wer sind sie? wenn ich fragen darf.

BERNARDON Ich bin Bernardon.

THERESE (mit Verwunderung und Freude) Was? Wie? Sie sind der Herr von Bernardon! der des Herrn von Heidenstern seine Tochter heirathen soll (ganz gleichgültig) Gut! bleiben sie nur da stehen! (geht ins Haus ab)

Bernardon wie oben mit Dornheim: auf das Anklopfen des Heinrichs kömmt Martenwell heraus

BERNARDON (zum Heinrich) Das wird ohne Zweifel des Heidensterns Sohn seyn. (macht Verbeugungen) Wer die Abbildung des Thelemachs und die Thaten des Achilles gelesen und gesehen hat, gleichwie ich, der wird dich, o Schwager! entweder für einen oder für den andern halten. Romulus und Remus haben an einer Wölfinn, du aber, o Held! hast an einer Löwinn gesogen. Herkules hat die Hölle bestürmt, du aber, o Held wirst sie gar ausrotten. Dein Schwerd, o Held! wird sich mit der ganzen Welt, ich aber werde mich mit deiner Schwester vermählen.

MARTENWELL Mit Erlaubniß, mein Herr, für wen halten sie mich?

BERNARDON Für den Herrn Sohn des Herrn von Heidenstern.

MARTENWELL Sie irren, ich bin nur ein naher Anverwandter von der heidensternischen Familie. Aber dürfte ich wohl fragen, wen ich die Ehre habe vor mir zu sehen?

BERNARDON Den Bernardon, ihren gehorsamsten Knecht.

MARTENWELL (mit Verwunderung und Freude) Was? wie? sie sind der Herr von Bernardon? das freut mich in der Seele sie so wohl und gesund hier zu sehen. (ganz gleichgültig) Bleiben sie nur hier stehen (ab)

Bernardon wie oben bey Dornheim, auf das Anklopfen des Heinrichs kömmt Lisette heraus.

BERNARDON Mit Recht kann man dieses Haus den Sammelplatz der Götter nennen. Kaum verschwindet eine Göttinn, so läßt sich gleich wieder eine andere sehen – –

LISETTE (fällt ein) Erlauben sie mir, mein gnädiger Herr! ich bin keine Göttinn selbst, ich bin nur das Kammermädchen einer Göttinn.

HEINRICH (springt hinter dem Bernardon hervor) So erlauben mir Ihro Gnaden mit ihr zu sprechen. Es wird dieses Lisette meine Braut seyn. Da muß ich meine Oration machen. Indessen werden sie die Gnad haben mir auch eine Perücke zu Parade zur halten. (giebt dem Bernardon eine Perücke, welcher sie hält, wie vorhin Heinrich) Schönste Aurora, du erblickest in mir den Waffenträger des großen irrenden Ritters Don Quixotes, der so viele Seufzer, und verliebte Klagen zu dir geschickt hat, so viel, so viel als Perücken in dieser Schachtel sind, und –

LISETTE (fällt ein) Sie werden sich geirret haben, mein Herr! für wen halten sie mich?

HEINRICH Für die Lisette, die unvergleichliche Kammerjungfer der gnädigen Fräulein Rosette

LISETTE Sie verzeihen, ich bin nur eine Verwandtinn von dieser Lisette. Aber dürfte ich fragen, wer sie sind?

HEINRICH Ich bin der weltberühmte Kammerdiener Heinrich.

LISETTE (mit Verwunderung und freudig) Sind sie der allerliebste Herr Heinrich. O! das ist mir unendlich angenehm, sie so wohl und gesund zu sehen. (ganz gleichgültig) Bleiben sie nur hier stehen. (ab)

Heinrich staunt

BERNARDON Nun kannst du auch stehen – Aber geschwinde eine andere Perücke! Jetzt klopfe noch einmal an.

Heinrich klopft, worauf Heidenstern Vater heraus kommt

BERNARDON (mit vielen Verbeugungen) Großer Saturnus! du Stammvater der Götter! durch deinen Nachfolger ist Mars und Venus entsprungen. Beede sind noch in der Person deines Sohnes und deiner Tochter. Ich werde deine Venus als ein anderer Vulkanus beglückt von dir führen, sie den Armen eines verliebten Bachus entreißen und triumphirend in den Saal meines Herzens führen.

HEIDENSTERN V[ATER] Für wen halten sie mich? mein Herr!

BERNARDON Für den Herrn dieses Hauses, für den Herrn von Heidenstern.

HEIDENSTERN V[ATER] Ihnen zu dienen: der bin ich und sie sind?

BERNARDON Der Bernardon, der das unschätzbare Glück haben soll, der wohl meritirte Gemahl ihrer Fräulein Tochter zu werden.

HEIDENSTERN V[ATER] O das freut mich aus Grund meiner Seele den Mann persönlich zu kennen, von dessen vortrefflichen Eigenschaften ich schon so unendlich viel gehört habe. Kommen sie den Augenblick mit mir in mein Haus. Ihre Braut erwartet sie mit äußerster Ungedult. – Und dieser Herr? wer ist der?

HEINRICH Ich bin der mannfeste Kammerdiener des Herrn von Bernardon, der die Gnade haben soll; hoch dero Verehrungswürdige Kammerjungfer als Ehegesponst zu besitzen.

HEIDENSTERN V[ATER] O! das ist ja braf! das ist mir von Herzen angenehm! – Jetzt belieben sie also mir in mein Haus zu folgen. (alle drey ab)

FÜNFTER AUFTRITT

Ein Zimmer, worinnen Sesseln. Fräulein Rosette, Fräulein Therese, Dornheim, Heidenstern Sohn, Lisette

ROSETTE Um des Himmelswillen! was ist der Bernardon für ein närrischer Mensch. Wie unglücklich wäre ich doch gewesen, wenn ich einen solchen Narrn zum Manne hätte nehmen müßen.

THERESE In der That, wenn dieser Fantast mich zur reichesten Person in der Welt machen könnte; wollte ich doch lieber mit meinem Heidenstern verlassen, und in der größten Armuth leben.

HEIDENSTERN S[OHN] Ich danke ihnen aufrichtigst, für ihre gute Gesinnungen gegen mich. Ich denke eben so und wollte ihr edles Herz nicht gegen Kronen und Reiche vertauschen.

LISETTE Und ich wollte lieber in alle Ewigkeit Mädchen bleiben, als den Bettsack, den Heinrich heirathen.

DORNHEIM Das gefällt mir, daß sie alle so redlich und großmuthig denken. Ich würde in ihrer Stelle eben so handeln, und wenn ich auch – – Potz Blitz! Stille! da kömmt der alte Heidenstern mit den zwey Bräutigams herein!

SECHSTER AUFTRITT

Vorige, Heidenstein [!] Vater, Bernardon, Heinrich

HEIDENSTERN V[ATER] Belieben sie nur herein zu spatzieren, meine Herren! (unter vielen Komplimenten) Haben sie nur die Gnade sich bey dieser Gesellschaft einen Augenblick zu unterhalten: ich werde so gleich ihre Bräute holen. (ab)

die andern sprechen heimlich mit einander

BERNARDON Ganz ergebenster Diener, Herr von Heidenstern! Ich werde die Ehre haben, sie zu erwarten (mit vielen Verbeugungen zu Fräulein Therese) Ich bin ungemein glücklich, mein schönstes Fräulein! ihnen mein ergebenstes Compliment zu machen, und – –

THERESE (mit höhnischer Mine) Bleiben sie nur stehen.

BERNARDON Ja ja! ich bleib schon stehen. (zur Fräulein Rosette mit Verbeugungen) Dürfte ich mich wohl unterfangen, sie zu fragen –

ROSETTE Bleiben sie nur stehen.

BERNARDON Ja ja! ich bleib schon stehen. (zum Dornheim) Sie werden ohne Zweifel der beglückte Vater von einem dieser englischen –

DORNHEIM Bleiben sie nur stehen.

BERNARDON Ja ja! ich bleib schon stehen.

SIEBENTER AUFTRITT

Vorige, Heidenstern V[ater] führt den Martenwell, als Fräuleinn Rosette, und den Johann, als Lisette angekleidet heraus.

HEIDENSTERN V[ATER] Hier Herr Bernardon empfangen sie die Blume aller Schönheite [!] von meinen Händen. Ich bin versichert, si [!] werden von diesem unschuldigen Kinde mehr ein gütiger Vater, als ein gleichgültiger Ehemann seyn, – und ihnen Herr Heinrich, übergebe ich hiemit die Quintessenz jungfräulicher Schamhaftigkeit, um mit ihr das süße Band der Ehe zu knüpfen. – Setzen sie sich, meine beeden Frauenzimmer hier nieder, und sie meine Herren Bräutigams an ihre Seite. (alle setzen sich)

BERNARDON Die Sonne wird gar oft mit einer truben Wolke bedeckt, doch blicken dort und da kleine Strahlen hervor, so, daß man allezeit sehen kann, daß unter dieser dunkeln Bedeckung die schöne Sonne verborgen ist. Unter der schönsten Muschel ist oft die garstigste Krotte, und unter einer garstigen Muschel die schönste Perle verborgen.

HEINRICH Mit Recht kann ich sie mit einem versteckten Kometstern vergleichen, der, wenn, er seinen schönen Glanz sehen läßt, zu Zeiten nichts, als Unglück prophezeihet.

MARTENWELL (seufzet) Ach!

JOHANN Ach!

BERNARDON Was soll dieses Seufzen der beeden Frauenzimmer bedeuten, Herr Schwiegervater! und warum sind ihre Gesichter bedeckt?

HEIDENSTERN V[ATER] Ihre Jugend und ihre große Schamhaftigkeit sind Ursache daran. Belieben sie nur die Gesichter zu entdecken, meine Herren!

Bernardon und Heinrich stehen auf und machen Komplimente.

BERNARDON Weil ich gewiß weiß, daß unter diesem Flor der Himmel aller Schönheiten verborgen ist, will ich mit Entdeckung ihres Gesichts der Welt die schöne Sonne wieder sehen laßen.

HEINRICH Und ich werde mir auch die Freyheit nehmen ihr das Gesicht aufzudecken, denn man pfleget ja nie eine Katze im Sack zu kaufen.

Beede nehmen zu gleich jeder den Flor ab. Martenwell und Johann machen mit stummen Minen verliebte Verbeugungen.

BERNARDON O! pfui Teufel! was für eine garstige Sonne!

HEINRICH Pfui Henker! was für ein wilder Kometstern.

BERNARDON (zum alten Heidenstern) Ich glaube, sie muß aus Scham noch eine Maske vor dem Gesicht haben; denn das kann unmöglich ihr rechtes Gesicht seyn.

HEIDENSTERN V[ATER] Ja, Herr Schwiegersohn! das ist das schöne Gesichtchen, worinn sich so viele Mannsbilder ganz rasend verliebt haben. Allons! Rosette und Lisette! umarme jede ihren Bräutigam!

Martenwell und Johann kriegen ihre Liebhaber bey den Köpfen, drücken und küßen sie. Bernardon und Heinrich reißen sich unter vielem Schreyen um Hilfe, endlich los.

BERNARDON [und] HEINRICH (fast zugleich) Wie Herr Heidenstern! ist das erlaubt uns so für Narren zu halten, solche verfluchte Gesichter sollen wir heirathen? aus dieser Heirath wird nichts, in Ewigkeit nichts werden.

MARTENWELL [und] JOHANN (fast zugleich) Ist ihnen das Ernst? sie wollen uns also nicht heirathen?

BERNARDON [und] HEINRICH (fast zugleich) Nein, nein: tausendmal nein. Kein Mensch in der ganzen Welt wird so toll seyn, diese abscheuliche Figuren zu heirathen.

MARTENW[ELL] [und] JOHANN (sehr zornig fast zugleich) Was! solche Schönheiten, wie wir sind, so zu verachten! solche hergelaufene Kerls! solche Lumpenhunde wollen uns noch beschimpfen! wartet ihr Spitzbuben! wir wollen uns an euch nachdrücklich revangiren.

JOHANN (weint) O! Affront, o Schimpf! o Schande! welche mir unschuldigen Kinde wiederfährt: aber Fräulein Rosette! wollen sie das so leiden?

beede ziehen Keulen unter den Röcken hervor, und prügeln den Bernard[on] und Heinr[ich] herum: endlich hinein: die übrigen gehen unter vielem Gelächter nach.

ACHTER AUFTRITT

Straße

HR. SELTENHEIM (allein) (trägt ein Buch, einen Tiegel und Kräuter in den Händen.) Ich bin wohl ein recht glücklicher Mann! dem Himmel seys gedankt! Mein Weib ist eine Hexe. Schon vor zwanzig Jahren, da ich sie geheirathet, habe ich es gemerkt, daß es mit ihr nicht richtig seyn muß. Ich habe aber nie hinter etwas kommen können, als in der heutigen Nacht. – Dieses Buch, diese Salbe und Kräuter und was ich sonst noch gesehen, lassen mich nicht mehr an der Wahrheit zweifeln, daß mein Weib eine Hexe sey. Ich armer Mann! Mein Weib eine Hexe!

NEUNTER AUFTRITT

Seltenheim, Bernardon und Heinrich werden von ihren Geliebten, dem Martenw[ell] und Johann herausgeprügelt.

MARTENW[ELL] [und] JOHANN (fast zugleich) Ihr Lumpenhunde! ihr elende Kerls! Wenn ihr euch noch einmal unterstehet, einen Schritt in dieses Haus zu thun, oder eine prætension an unsere Schönheit zu machen, sollen euch Arm und Beine entzwey geschlagen werden. (Martenwell und Johann in Furie ab)

Bernardon und Heinrich sehen einander mit stummen Gebärden an.

HEINR[ICH] Ich gratulire, Monsieur Bernardon! zu ihrer Hochzeit.

BERNARD[ON] Die Mahlzeit haben wir schon bekommen; aber bey der Hochzeit spiele ich nicht mit, da will ich passen. Das war ein verdammter Casus. Aber sey versichert Heinrich! ich will mich nicht allein an dem alten Heidenstern; sondern auch an meinem Vetter rächen, der diese schöne Heirath gestiftet hat.

HEINR[ICH] Und ich schwöre dem Buckel des Alten und der Lisette alle Prügel à retour, die sie mir aufgezählt haben.

SELTENH[EIM] (Der sich während dem vorhergegangenen zurück gestellt: ganz höflich hervor.) Mein Herr! vergeben sie mir. Sie scheinen mir wider Heidenstern aufgebracht, dürfte ich sie wohl um die Ursache hievon fragen?

BERNARD[ON] O ja! ich mache mir kein Bedenken, es ihnen zu sagen. Man wollte mich zwingen, Rosetten, Heidensterns Tochter zu ehligen, und meinem Diener suchte man Lisetten anzuhängen. Allein, mein Herr! ihre Häßlichkeit und ihre verzärrten Gesichter nöthigten uns, ihnen unter die Nase zu lachen, und sie zu versichern, wie unanständig uns diese Verbindungen wären; auf welches billige Betragen man uns mit jener Höflichkeit, die sie gesehen, aus dem Hause geprügelt.

SELTENH[EIM] Hören sie doch; ich sehe schon, ich muß sie beklagen – Sie haben keinen guten Geschmack. – Was? Rosette und Lisette sind häßlich? – sie haben verzärrte Gesichter? – O verzeihen sie mein Herr! jedermann erkennt sie doch für die schönsten Mädchens in der Stadt.

BERNARD[ON] Vergeben sie mir, ich habe gewiß mit so heiteren Augen gesehen, als sie.

HEINRICH Das will ich hoffen, gnädiger Herr! ich glaube, daß man bey stehender Welt noch keine so abentheuerliche Gesichter muß gesehen haben.

(zu Seltenh[eim]) Erlauben Ew. Gnaden, vielleicht hatten sie sie ohne Brülle betrachtet. – Stellen sie sich einmal vor, sie sind beyde so fein gewachsen, wie Karngäule, und um die Mäuler so schwarz, wie ein paar Grenadiers.

BERNARD[ON] (zu Seltenh[eim]) Sind sie wohl auch schon zugegen gewesen, seitdem man uns mit so vieler Artigkeit die Thüre gezeigt, und uns zum Hause hinaus geprügelt?

SELTENH[EIM] Freylich wohl, mein Herr! ich habe diese traurige Scene mit angesehen. Sagen sie mir nur, wer waren diese Furien?

BERNARD[ON] Das waren eben diese schrecklichen Schönheiten, von denen sie so viel Wesens machen. Heidensterns Tochter war es, und ihr Kammermädchen Lisette.

SELTENH[EIM] Mein Herr! ich kann sie versichern, daß ich die zwey Frauenzimmer, die sie so unmenschlicher Weise zum Haus hinaus geprügelt, nie gesehen habe, so, wie ich ihnen davor gut stehe, daß Heidensterns Tochter und ihr Kammermädchen zwey rechte hübsche Mädchens sind. Hieraus sehe ich, daß man sie nur zum Besten gehabt. Trösten sie sich. Es ist ein Schicksal, das sie nicht allein betrift. Heidenstern betrog auch mich. Sie sollen von mir alles erfahren. Wissen sie also; meine Frau war Kindsweib bey der Rosette, und hat sie erzogen. Eine kurze Zeit hernach bin ich als Instruktor ins Haus gekommen, und da hab ich mich in mein itziges Weib verliebt. Auf das Versprechen des schelmischen Heidensterns von 2000 fl. Heirathsgut habe ich sie leider geheirathet, aber der alte Dieb hat mir noch bis diese Stunde keinen Kreuzer gegeben. Jtzt kömmt erst das Erschreckliche; erstaunen sie mein Herr! nicht lange nach meiner Heirath habe ich durch unterschiedliche Anzeige gemerkt, daß mein Weib eine Hexe seyn müßte; denn, bedenken sie, wenn es ihr nur einfiel, war ich in einem Augenblicke krank, und in einem Augenblicke gesund. Allein, bis itzt habe ich nie genugsame Beweise finden können, sie vollkommen davon zu überführen. Heut Nacht endlich, bedenken sie, wachte ich gegen Mitternacht auf, hörte in der Stille eine Stimme, welche ich sogleich für jene meines Weibes erkannte, stund auf, sah durch das Schlüsselloch in der Küche ein Licht brennen; Bedenken sie, ich, der ich von Jugend auf neugierig war, machte die Thüre, so sachte als möglich war, auf, und sah, wie meine saubere Frau Gemahlinn sich mit dieser Salbe den ganzen Leib beschmierte; bedenken sie, hernach laß sie aus diesem Buch ein Kapitel, versteckte alsdann ihre Sachen in das Ofenloch, murmelte etliche Worte zwischen den Zähnen daher, und fuhr wie der Blitz durch den Rauchfang hinaus. Bedenken sie, wie ich erschrocken bin! starr stund ich wie eine Bildsäule! doch faßte ich gleich wieder Muth, nahm die Salbe und das Buch aus dem Ofenloch hervor, wobey ich auch diese eingewickelte Kräuter fand. Jtzt hören sie, was hier geschrieben steht! (er ließt) Wer sich mit dieser Salbe schmiert, kann durch die Luft fahren. Wer diese Kräuter bey sich trägt, kann sich unsichtbar machen. – – In diesem Buch habe ich Sachen gefunden, die zum erstaunen sind, als zum Beyspiel: wie man Leute kann krumm und lahm, weinen, lachen, tanzen, singen und dergleichen machen, auch wie manden Leuten allerhand Blendwerk vor die Augen machen, und wie man sich in allerhand Gestalten verwandeln kann, in Summa, man kann alles aus diesem Buch lernen. Doch stille, – ich höre hinter des Heidensterns Thüre Leute kommen; lassen sie uns zurück gehen, und sehen, was da vorgeht.

ZEHNTER AUFTRITT

Vorige, Heidenstern V[ater], Dornheim

DORNH[EIM] (mit vielen Verbeugungen) Ja, ja, Herr von Heidenstern, ich bitte mir die Gnade aus, sie in meinem Hause zu bedienen.

HEIDENSTERN V[ATER] Wenn sie es so befehlen, so werde ich mir die Freyheit nehmen, ihnen aufzuwarten. Jtzt wird der Narr, der Bernardon uns wohl nicht mehr beunruhigen. (Beyde gehen in das Haus des Dornheim ab.)

SELTENH[EIM] Dieses war der alte Heidenstern und der Dornheim. (Martenwell führt die Rosette heraus.)

ROSETTE Das ist in der That wahr; die Person der Rosette hat ihnen unvergleichlich angestanden.

MARTENW[ELL] Ha! für einen solchen Narren als der Bernardon ist, gehört keine bessere Rosette als ich war. (beyde gehen den Vorigen nach.)

SELTENH[EIM] Sehen sie, das war des Heidensterns seine Tochter, und das Mannsbild war ihr Liebhaber. Aus seinen Reden werden sie wohl gehört haben, daß dieser die verstellte Rosette war, die sie so geprügelt hat.

Heidenstern Sohn führt die Therese aus dem Hause. welche beede lachen.

HEIDENST[ERN] S[OHN] Ha! ha! ha! dem Narren haben wir den

Buckel recht durchgegärbt, er wird so bald nicht wieder kommen.

THERESE Ja, ja, der ist recht erwischt worden.

beede gehen den Vorigen nach.

SELTENH[EIM] Das war des Heidensterns sein Sohn, und das Frauenzimmer des Dornheims Tochter.

BERNARD[ON] Das Lumpenbagage! hat sich alle für nahe Freunde des Heidensterns ausgegeben.

Johann, der noch die Haube auf hat, führt Lisette heraus.

LISETTE Es ist ewig Schade, mein lieber Johann, daß du kein Weibsbild bist, du hättest ein scharmantes Figürchen zu einer Tänzerinn gehabt!

JOHANN Wann der Kerl, der Heinrich, noch einmal kömmt, und dich heirathen will, werde ich die Figur eines Tragers annehmen, und dem Kerl Arm und Beine entzwey schlagen. (gehen den andern nach.)

SELTENH[EIM] Das war die Lisette, und der Monsieur war ihr Amant der Johann, der die Person der Lisette vorgestellt, und den Heinrich so geprügelt hat.

HEINR[ICH] Unter dieser Lisette ihre Klauen mag ich nicht mehr kommen.

SELTENH[EIM] Aber um Vergebung, meine Herren, dürfte ich mich um ihre Namen erkundigen.

BERNARD[ON] Ich heiß Bernardon.

HEINR[ICH] Und ich heiß Heinrich.

SELTENH[EIM] Also Monsieur Bernardon und Herr Heinrich, itzt haben sie selbst gesehen und gehört, wie man mit ihnen umgegangen ist. Sie und mich hat der alte Vogel der Heidenstern betrogen. Wollen sie sich also an allen rächen, so trage ich ihnen meine Hülfe durch dieses Zauberbuch an.

BERNARD[ON] Mit tausend Freuden mein Herr, mit tausend Freuden.

HEINR[ICH] Aber cum venia, ich mag für meinen Theil mit der Zauberey nichts zu schaffen haben.

SELTENH[EIM] Ja, so kann ich ihnen nicht gut dafür stehen, daß sie die Lisette bekommen; aber dem Monsieur Bernardon verspreche ich ganz gewiß die Rosette. Allons, Monsieur Bernardon, in kurzer Zeit soll man sie und mich in ganz andern Gestalten sehen. Man hat sie geschoren, und für Narren gehalten, und in kurzem soll es ihren Feinden auch so ergehen. Ich will sie alle bis auf das Blut scheren, allons, geschwind mit mir, diesen Augenblick will ich ihrer und meiner Rache den Anfang machen.

BERNARD[ON] In Punkto der langen Rosette ist mir gleichwohl nicht recht bey der Sache. (alle drey ab.)

EILFTER AUFTRITT

Zimmer des Dornheim. Dornheim führt den Heidenstern V[ater], Rosette, Martenwell, Therese, Heidenstern Sohn, Lisette und Johann herein.

DORNH[EIM] Wir haben uns eine Weile im Garten erlustiget, itzt wollen wir das Frühstück nehmen. He! Johann, und Lisette! setzt Stühle herbey, und hernach geht den Kaffee zu holen. (Lisette und Johann bringen Stühle, und gehen ab.)

HEIDENST[ERN] V[ATER] Jtzt möcht ich nur wissen, wo der Bernardon und sein sauberer Herr Kammerdiener sich hingemacht haben? die werden sich hinter den Ohren kratzen!

HEIDENST[ERN] S[OHN] In der That mein Vater, ich bin recht vergnügt, daß der elende Windmacher so nachdrücklich abgewiesen worden.

MARTENW[ELL] Und ich erfreue mich, daß ich itzt ungestört der Liebe meiner schätzbaresten Rosette genießen kann. (nimmt Rosette bey der Hand.) Darf ich nun bald hoffen?

HEIDENST[ERN] V[ATER] Ja, Ja, meine Kinder, hofft nur! ich werde sogleich alle Anstalten zu eurer Hochzeit machen.

ROSETTE (Küßt ihrem Vater die Hand) Wie sehr dank ich ihnen, mein Vater! sie sind wohl der gütigste, der beste Mann!

HEIDENST[ERN] V[ATER] (scherzhaft) Wirklich? wenn man euch Mädchen nur den Willen thut, und euch Männer giebt, ist man der beste Mann.

HEIDENST[ERN] S[OHN] (führt die Therese an der Hand zu seinem Vater.) Dürfte ich wohl auch solch einen gütigen Ausspruch für uns hoffen?

HEIDENST[ERN] V[ATER] Nun freylich! denn ich merke doch, daß dir dein Junggesellen Stand zu schwer wird. Du sollst sie haben. Du sollst sie haben.

HEIDENST[ERN] S[OHN] (küßt ihm die Hand.) O wie glücklich bin ich! (zum Dornheim) Und sie mein Schwiegervater?

DORNH[EIM] Ihr wißt schon lang, daß ich es zufrieden bin.

THERESE Also wird uns itzt kein Unfall mehr trennen können!

HEIDENST[ERN] V[ATER] Ha! itzt kömmt der Kaffee, setzen wir uns meine Herren und Frauenzimmer.

alle setzen sich. Johann und Lisette theilen Koffee [!] um, und setzen sich hernach zu beyden Seiten. Sie fahren alle zugleich gegen den Mund.

ZWÖLFTER AUFTRITT

Vorige, Bernardon als Wachtmeister, Soldaten

BERNARD[ON] (im Herausgehen) Ihr Leute, besetzt alle Thüren wohl, und laßt keinen Menschen passiren. (alle thun vor Schrecken und Verwunderung die Schalen vom Munde, und stehen auf)

BERNARD[ON] Welche unter diesen Weibsbildern ist die Rosette, die Tochter des Heidensterns?

ROSETTE Ich bin es, und was haben sie darnach zu fragen?

BERNARD[ON] So viel, daß ich Befehl habe, sie in Arrest zu nehmen. Allons, Marsch!

JOHANN Der Teufel! so laß uns der Herr nur erst den Kaffee trinken.

HEIDENST[ERN] V[ATER] He! wer ist denn der Herr? und wer hat dem Herrn Befehl gegeben, meine Tochter in Arrest zu führen.

BERNARD[ON] Auf Befehl des gestrengen Herrn Bernardon muß ich die Rosette in Arrest nehmen.

HEIDENST[ERN] V[ATER] Was? auf Befehl des Bernardons? was Teufel hat der Bernardon zu befehlen? Weiß denn der Richter auch etwas von diesem Unternehmen?

BERNARD[ON] Nein! kein Mensch weiß was davon. Der gestrenge Herr Bernardon hat es mir als dem Wachtmeister auf Leib und Lebensstrafe selbst anbefohlen.

HEIDENST[ERN] V[ATER] (immer zorniger) Ey! der Bernardon hat den Geyer zu befehlen! warum nimmt man mich als den Vater von meiner Tochter nicht in Arrest, und warum die Tochter?

BERNARDON Ja, der gestrenge Herr Bernardon hat gesagt, er wolle nicht den Vater, sondern die Tochter heirathen. Also muß die Tochter in Arrest.

JOHANN In dem Fall kann ich dem Herrn Wachtmeister nicht Unrecht geben, aber den Kaffe [!] hätte er uns erst sollen austrinken lassen.

DORNHEIM Herr Wachtmeister! mein Haus ist ein freyes und privilegirtes Haus, und daraus laß ich keinen Menschen in Arrest nehmen.

BERNARD[ON] Ey was! ein solches Weibsbild, ein falscher Geldmünzer, und ein Roßdieb finden kein Asylum. Was brauchts hier viel Raisonirens! gehen sie zum Richter, und machen sie den Proceß mit ihm aus. Ich thue, was mir der gestrenge Herr Bernardon befohlen hat. Allons Soldaten! greift an und führt sie fort!

ROSETTE (weint) Wie? mich ein ehrliches Mädchen will man in Arrest nehmen?

MARTENW[ELL] Bedenken sie doch Herr Wachtmeister! um des Himmels willen!

HEIDENST[ERN] S[OHN] Lassen sie sich doch besänftigen!

JOHANN Misericordia! Herr Wachtmeister!

HEIDENST[ERN] V[ATER] Hören sie doch nur, ich will 20000 fl Kaution vor sie leisten, lassen sie sie doch nur hier.

BERNARD[ON] Hier ist keine Gnade. Ich thue meine Schuldigkeit. Fort! fort! (während dieser Rede führt Bernardon mit den Soldaten die Roette [!] mit Gewalt ab.)

HEIDENST[ERN] V[ATER] Das ist zum Erstaunen!

MARTENW[ELL] Das ist zum Verzweifeln!

JOHANN Das ist zum Todtschießen!

LISETTE Das ist zum ersäufen!

THERESE Das ist zum Aufhängen!

HEIDENST[ERN] S[OHN] Das ist zum Teufelholen!

HEIDENST[ERN] V[ATER] Aber was ist da zu thun, was ist zu machen? ich bin ganz verwirrt! – Hier ist nichts zu versäumen, ich will den Augenblick zum Richter laufen, um für diesen Schimpf eine nachdrückliche Satisfaktion zu suchen! (geht in Zorn ab.)

MARTENW[ELL] Und ich schwöre hoch und theuer, daß, wenn man mir meine Rosette nicht gleich heraus giebt, ich eine solche Rebellion anfangen will, worüber die halbe Stadt zu Grunde gehen soll. (geht zornig ab.)

HEIDENST[ERN] S[OHN] Nein: das ist zu viel! der Schimpf ist zu groß! er muß gerochen seyn, und sollte ich dem Wachtmeister den Degen durch die Rippen stoßen. (zornig ab.)

DORNH[EIM] Ich zittere noch für Zorn an Händ und Füßen. Mir in meinem privilegirten Hause eine solche Schande anzuthun! Die Braut meines Sohnes mir grade von der Nase weg zu führen! ich gehe, ja, ich gehe: ich habe zwey Vettern, die Rathsherrn sind, die mir gewiß Satisfaktion schaffen sollen. (im Zorn ab)

LISETTE Verwünscht sey ein solches Betragen! Was? mein Fräulein, dieses gute rechtschaffene Kind so zu beschimpfen! – Nein, das laß ich nicht ungerochen. Diesen Augenblick geh ich zum Richter, und wenn er mir Fräulein Rosette nicht die Minute loß läßt, so rauf ich ihm alle Haare aus seiner richterischen Perücke. (zornig ab.)

THERESE Johann komm. Auch ich will nicht jenes verabsäumen, zu dem mich die Pflichten der Freundschaft verbinden. Ich will alles anwenden sie aus dem Arreste zu bringen, und ihr sonach jene Genugthuung zu verschaffen suchen, die sie zu fordern Recht hat.

JOHANN Recht so, gnädiges Fräulein. Ich habe erst einen listigen Anschlag, der soll dem Richter warm machen. Ich werde ihn auffordern, mir im Corpus Juris aufzuschlagen, ob es erlaubt ist, einen Menschen, der eben Kaffee trinkt, in Arrest zu nehmen.

Therese und Johann zornig ab.

DREYZEHNTER AUFTRITT

Das Theater wird verändert, stellet eine fremde Stadt vor, in der Tiefe ist ein Bierhäusel zu sehen.

Rosette und alle übrige auftretende Personen, welche aber der Ordnung nach so heraus kommen, wie sie im vorigen Auftritt abgegangen sind.

Rosette sitzet in einem vergitterten Kerker, in Ketten und weint. Heidenstern V[ater] tritt gleich bey Veränderung des Theaters auf.

HEIDENST[ERN] V[ATER] (im Herausgehen.) Ja, ja! es geh auch wie es wolle, so muß ich Gerechtigkeit finden!

ROSETTE Ach! allerliebster Herr Vater! sehen sie hier ihre unglückselige Tochter! vor der ganzen Welt beschimpfet – ihr zum Schauspiel in ein solch Gefängniß gesetzet, wo mich nichts von einer Missethäterinn unterscheidet, als das Bewußtseyn meiner Unschuld. Ein jeder Mensch kann mich hier sehen. Ach! Herr Vater! haben sie doch Mitleiden mit mir!

HEIDENSTERN V[ATER] (weint) O meine Tochter, der Schmerz dich so zu sehen unterdrücket mich!

Sobald er das Gesicht von seiner Tochter abwendet, verändert sich der Kerker in ein Haus, wo Bernardon und Rosette mit einer Laute, zum Fenster heraus sieht

HEIDENSTERN V[ATER] Ich muß gerochen seyn und sollte es mich mein ganzes Vermögen kosten. (ab)

MARTEN WELL (im herausgehen) Den Schimpf meiner Rosette laß ich nicht ungerochen! (er sieht den Bernardon mit Rosetten am Fenster, und zeigt während folgender Arie dieser beeden durch Gebehrden seine Verwunderung.)

DUETTO

BERNARDON

Meine Seele!

ROSETTE

Mein Vergnügen!

ROSETTE UND BERNARDON

Lebt blos allein in dir.

ROSETTE

Für dich will ich alles lassen,

BERNARDON

Für dich will ich gern erblaéen,

BEEDE

Weil ich hab dein Herz bey mir.

MARTENWELL Wie Rosette! ist dies der schimpfliche Arrest, in welchen man sie gebracht hat?

ROSETTE Ja, dieses ist der schimpfliche Arrest, der ihnen zuvor so vielen Verdruß gemacht, mir aber itzt ein ungemeine Freude verschaft.

MARTENWELL Ungetreue! Niederträchtige! Heißt dieses redlich gehandelt (zum Bernardon) Und dich affektirten Spitalfantasten werde ich auch zu bekommen wissen.

BERNARDON Du gebohrner Sanctmarxer Narr! du wirst viel thun können – Mein Schatz, es ist nicht der Mühe werth uns wegen diesem Kerl zu ärgern, machen wir das Fenster zu, was hat der uns zu schaffen.

MARTENWELL Undankbare! das soll dich gewiß gereuen. So sehr mich vorhin dein vermeintes Unglück schmerzte, so sehr entrüstet mich itzt deine unerhörte Untreu! (ab)

Wieder das Gefängniß.

HEIDENSTERN S[OHN] (im herausgehen) Nein, nein, ein Bruder kann unmöglich die Beleidigung seiner Schwester mit gleichgültigen Augen ansehen.

ROSETTE Bester Bruder! kannst du wohl ohne die heftigste Bewegung deines Herzens die entsetzlichste Beschimpfung deiner Schwester ansehen, und ist denn alle Liebe in deiner Seele verschwunden, und kannst du zugeben, daß – –

HEIDENSTERN S[OHN] Hemme deine Thränen, liebste Schwester! ehe noch die Sonne untergeht, sollst du vollkommene Genugthuung haben. (zu den Zuschauern) Ich müßte kein Mensch seyn, wenn mir diese Schande nicht bis in das Innerste meines Herzens dränge! Ich eile, meine Schwester auch mit dem Verlust meines Lebens zu retten. (ab)

Das Gefängniß verändert sich wieder in das Haus. Rosette und Bernardon am Fenster singen folgende Arie:

BERNARDON

Meine Freude!

ROSETTE

Meine Sonne!

BEEDE

Lebet bloß allein in dir.

ROSETTE

Dir hab ich dir Treu geschworen.

BERNARDON

Nur für dich bin ich gebohren,

BEEDE

Weil ich hab dein Herz bey mir.

DORNHEIM (im Herausgehen) Unglückliche Rosette! wie vieles mußt du wegen meinem Sohne leiden. (sieht mit Verwunderung Rosette mit Bernardon am Fenster) Nun Fräulein Rosette, so viel ich sehe, ist der Arrest zu dulden.

ROSETTE Bey diesem Kerkermeister hab ich schon längst gewünscht eine Arrestantinn zu seyn.

DORNHEIM Aber was wird mein Sohn dazu sagen? – Kerl, wenn er dich bekömmt, haut er dich in tausend Trümmer!

BERNARDON Du alter Geißbock! was hat mir dein Sohn zu befehlen – Mein Schatz, halten wir uns mit dem alten Kerl nicht auf.

das Fenster zu; Rosette wieder in Arrest

DORNHEIM O verflucht! was giebt es für Weibsbilder in der Welt! Wer hätte sich diese Betrügerey einbilden sollen. Ey, ey! mein Sohn wird ein kurioses Gesicht dazu machen. (ab)

LISETTE Sonst hat man doch Respekt für ein Frauenzimmer, und führt sie nicht so gleich in Arrest!

ROSETTE Kömmst du auch Lisette! mein Unglück und meine Schande zu beklagen. Habe ich das durch meine tugendhafte Aufführung verdient?

LISETTE Mein Fräulein! ich habe schon so viel über sie geweint, daß ich unmöglich mehr weinen kann. Nein, das soll ihnen nicht umsonst geschehen seyn! ich will in eigner Person zum Richter gehen. (zu den Zuschauern) Schau der Herr Richter, will ich sagen, ich bin schon 10 Jahr bey der Fräule in Diensten, ich kenne sie, und ein Schelm ists, der ihr was übels nachredet, und wenn sie es selbsten wären. Was gilts, er wird sie gleich herauslassen. (ab)

Rosette und Bernardon am Fenster, Therese, und Johann kommen.

JOHANN (im herausgehen) Wir gehen halt zum Richter, da wird die

Sache gleich vorbey seyn.

Hier folgt eine Arie unter welcher Therese und Johann Verwunderung zeigen.

BERNARDON

Meine Ruhe

ROSETTE

Und mein Glücke,

BEYDE

Lebet blos allein bey dir.

ROSETTE

Alle Schmerzen, alle Plagen,

BERNARDON

Will ich gern für dich ertragen,

BEYDE

Weil ich hab dein Herz bey mir.

THERESE Wie Rosette, was bedeutet dies? gehen sie so mit mir und meinem Bruder um! wenn sie ihr betrügerisches Herz auf solche Art meinem Bruder entrissen, so wird es mir auch leicht seyn, ihren Bruder mit gleicher Münze zu bezahlen.

JOHANN Was Deichsel! was ist das für ein Arrest? auf solche Art würden sich alle Mädchen gerne einführen lassen. Fräulein Rosette! mir kömmt vor, sie seyen nicht viel nutz.

ROSETTE Ja, ja! gehen sie nur hin, und machen sie es meinem Bruder auch so; Es wird ihm so viel an ihnen, als mir an ihrem Bruder gelegen seyn.

BERNARDON Und du rothröckiger Kupfer und Postentrager, wenn du so schimpflich mit meiner Braut redest, werde ich dir den Dachstul auf den Kopf werfen.

(das Haus verändert sich in ein Bierhaus)

JOHANN (sucht auf der Erde) Wenn ich nur einen Stein finden könnte, wollte ich dir das Fenster vor der Nase einwerfen

THERESE Das ist eine Schande für mein ganzes Geschlecht. Ich bedaure bey der ganzen Sache Niemand mehr, als meinen armen Bruder.

Hierzu kommen:

VIERZEHNTER AUFTRITT

Heidenstern V[ater] Dornheim, Martenwell, Heidenstern S[ohn]. Lisette

HEIDENSTERN V[ATER] Ja, ja, sie mögen sagen, was sie wollen, Herr Dornheim, ich habe sie im Arrest gesehen.

DORNHEIM Ich habe sie aber auch in einem Hause am Fenster gesehen.

LISETTE Ich habe sie mit einem Aug im Hause, und mit dem andern im Arreste gesehen.

THERESE Und ich habe diesen Augenblick noch mit der Rosette am Fenster gesprochen.

JOHANN Richtig. Ich habe dazu noch mit einem Stein wollen ein Wahrzeichen ins Fenster geben.

HEIDENSTERN V[ATER] Hier, da dieses Haus ist der Arrest gewesen.

HEIDENSTERN S[OHN] Erlauben sie Herr Vater, dieses Bierhaus stunde allzeit da.

HEIDENSTERN V[ATER] Was weißt du – aber sagen sie mir Herr Dornheim, wo haben sie meine Tochter gesehen?

DORNHEIM Hier in diesem Hause am Fenster.

HEIDENSTERN V[ATER] Zehn Pferde können ja einen nicht aus der Verwirrung ziehen. Aber wir werden gleich in claris seyn. Du Johann klopf an!

Das Haus fliegt weg, hinten ist ein Bierhaus. Rosette sitzt etwas betrunken bey lüderlichen Leuten

BERNARDON (als Kellner singt)

Wer ein gut Hornerbier

Trinken will, komm zu mir.

Leutchen kehrt bey mir ein,

Hier kann man recht lustig seyn.

Währender Arie bezeigen a{lle} ihre Verwunderung. Rosette kömmt betruknen [!] hervor und singt:

[ROSETTE]

Ihr Dienerinn Herr Vater!

Sind sie alle schon da?

Das ist ein gut Bierl

Recht trefflich! ey ja!

Wenn ihr es werd kosten,

So habt ihr kein Ruh;

Es läuft so geschmiert nunter

Man hat nie genug.

Geht kost nur, geht trinkt nur: es ist ja recht gut.

Es stärket die Glieder und frischt auch das Blut.

Zwey Mäßel sind drunten, so gschwind, wie der Blitz

Ein Seitel auf einmal trink ich noch mit Witz.

Währender Musik nach der Arie fängt Bernardon an zu tanzen. Jeder nimmt sein Frauenzimmer und tanzt durch Zauberey dem Bernardon nach. Heidenstern V[ater] und Dornheim nehmen einander und tanzen hinter den andern darein

ENDE DES ERSTEN AUFZUGS

ZWEITER AUFZUG.

Das Theater stellet eine Stadt vor.

ERSTER AUFTRITT

Heidenstern V[ater], Dornheim, Rosette, Martenwell, Therese, Heidenstern S[ohn], Lisette und Johann

HEIDENSTERN V[ATER] Dem Himmel sey es ewig gedankt, meine Kinder, daß wir einmal auf meinem Landgute angelanget. Hier werden wir doch wenigstens sicher seyn. Es steckt ein großes Geheimniß darhinter, warum ich sie hergebracht. Eine gewiße Person – – Doch! ich darf ihnen noch nichts davon sagen. In Kurzem werden sie selbst Wunder erfahren. – Dort ist mein Schloß; ich will mit Herrn Dornheim und Johann vorausgehen, um die nöthigen Anstalten zu ihrer guten Bewirthung zu machen – sie alle mögen immer langsam nachkommen.

DORNHEIM Ich bin es vollkommen zufrieden, mein Freund, sie wissen es ja, befehlen sie nur.

JOHANN Lisetchen höre sie, lauf sie mir ja nicht durch; ich werde gleich wieder hier seyn sie abzuholen.

LISETTE Gehe immer mein englischer, mein liebster, mein goldner Johann: aber laß mich nicht lange warten, ich sag es dir, komm bald wieder.

Johann, Heidenstern V[ater] und Dornheim (ab)

THERESE Liebste Freundinn, sagen sie mir doch, können sie sich dann nicht erinnern, was eigentlich mit ihnen vorgegangen ist, nach der Zeit, als man sie von uns in den Arrest geführet?

ROSETTE Ich kann sie versichern, so wie ich es ihnen schon gesagt habe, daß ich von allem diesem gar nichts weiß, was sie mir erzählet haben.

HEIDENSTERN SOHN Aber meine Schwester, ich habe doch im Gefängniße mit dir gesprochen. Du flehtest mich ja um Hilfe an!

MARTENWELL Und ich sahe sie mit dem Bernardon an dem Fenster. Sie sangen, schienen sehr vergnügt, und schmähten mich auf die unleidentlichste Art.

LISETTE Ey! und was werden sie wohl zum Bierhäusel sagen, da sie bey der schönen Gesellschaft saßen, und ein derbes Räuschgen hatten! O da waren sie allerliebst.

ROSETTE Und wenn es mich mein Leben kosten sollte, wüßte ich ihnen nicht das geringste zu sagen. Ich weiß nicht einmal, wie ich aus dem Bierhaus in meines Vaters Haus gekommen bin.

MARTENWELL Dieses ist auf folgende Art geschehen, so bald wir sie in dem bezauberten Bierhaus gesehen hatten, wurden wir alle auf gleiche Art unserer Sinnen beraubt. Wir fiengen alle an zu tanzen, und zwar so lang, bis wir zu ihres Vaters Haus kamen; da bekamen wir unsere Vernunft ein wenig wieder, sie aber meine Rosette blieben noch immer ohne Sinne. Wir brachten sie in ihr Bett, sie schliefen ein, wir weckten sie kurz hernach auf, wir thaten hundert Fragen an sie, aber sie wollten von allem eben so wenig, als itzt etwas wissen.

ROSETTE Was ich von allem weiß, ist das, so bald mich die Wache auf unsre Stiege brachte, war mir nicht anders, als wenn eine schwarze Wolke mich völlig bedeckte, und in dieser Finsterniß und Unwissenheit bin ich so lange gewesen, bis sie mich in meinem Bette aufgeweckt haben. Aber o Himmel! Martenwell! Therese! Was sehe ich? mein Vater bringt den verhaßten Bernardon hie her!

ZWEYTER AUFTRITT

Vorige, Bernardon als Heidenstern V[ater] (führt einen andern, der als Bernardon angezogen ist, herein.)

BERNARDON Geben sie sich nur zufrieden Herr Bernardon! sie sollen meine Tochter haben. Bleiben sie ein wenig da an der Seite stehen. (der als Bernardon verkleidte geht ab)