Motte Maroni – Horrorfahrt der Dämonenbahn
Horrorfahrt der Dämonenbahn




April, wechselhaft. Gar nicht ideal für einen Besuch des Vergnügungsparks Kings Island. Aber Shirley und Max Humperdinger sind nicht zum Vergnügen hier. Mit „Vergnügen“, für die Eheleute Humperdinger seit geraumer Zeit ohnehin ein Fremdwort, hat dieser Ausflug nicht das Geringste zu tun. Es herrscht ein Höllenlärm. An einer Ecke riecht es nach verbrannter Zuckerwatte, hinter der nächsten Bude nach aufgeplatzten Hotdogs. Max trabt mit eingezogenem Kopf durch den Nieselregen und hat dabei Mühe, nicht über quengelnde Kleinkinder zu stolpern. Zu allem Überfluss herrscht Aprilwetter. Und das mitten im April. Wie gesagt: schlechte Bedingungen. Für alles. „Verfluchtes Mistwetter!“, flucht Shirley.
Max erschrickt, solche Worte ist er von seiner Frau nicht gewohnt. Senf kleckert von seinem Hotdog auf sein grellbuntes Hawaiihemd. Shirley zieht eine Grimasse und kramt in ihrer Tasche nach einem Erfrischungstuch. Mühsam fördert sie eines zu Tage, es war eingeklemmt zwischen dem Elektroschocker, dem Schweizermesser und der Steinschleuder. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben Shirley gezeigt, dass man im Leben auf vieles vorbereitet sein muss.
Ungeduldig rubbelt Shirley an Max’ Hemd herum. Der Senffleck wird zwar heller, aber auch größer. Max beginnt schon wieder sein Jammerlied: „Ich könnte so schön auf der Couch liegen und mir einen Horrorfilm anschauen, aber was mache ich stattdessen? Ich bekleckere mich mit Senf, im Regen, nur weil deine Cousine Prudence-Pru eine Lebensmittelvergiftung hat. Wahrscheinlich von zu vielen Hotdogs und zu viel Zuckerwatte!“
Shirley beißt die Zähne zusammen, um das Gemecker ihres Mannes nicht barsch zu unterbrechen. Nebenan, in der Achterbahn, durchrasen die Fahrgäste kopfüber hängend und laut kreischend einen Looping.
„Aber nicht nur, dass Prudence-Pru Bauchgrimmen hat!“, erregt sich Max weiter. „Nein, jetzt soll ich auch noch für sie einspringen, in dem blöden Spukhaus von deiner Tante Betty-Boo! Du mit deiner Verwandtschaft! Ausgerechnet den Wandelnden Tod soll ich geben!“ Wütend reckt Max die Fäuste gen Himmel, da flutscht mit einem schmatzenden Geräusch das Würstchen aus dem Hotdog auf seine Frisur. Es überschlägt sich, landet auf seinem Hawaiihemdbauch, verharrt dort kurz und gleitet dann unaufhaltsam weiter auf seine weißen Shorts, auf welchen es eine glänzende Senf- und Ketchupspur hinterlässt. Starr vor Staunen beobachtet Shirley, wie das Würstchen über Max’ rebhuhnartige Beine auf den Asphaltboden rutscht, wie Max mit seiner linken Sandale beherzt drauftritt, wie es seine Schultern nach hinten reißt und die Füße nach vorne.
Die Arme rudern, der Kampf ums Gleichgewicht ist kurz, aber heftig und wird von Max leider just in dem Moment verloren, als der Eismann mit seinem dreirädrigen Verkaufswagen den Weg der Humperdingers kreuzt.
Als Max prustend aus dem Erdbeereis auftaucht, klebt eine Eistüte mitten auf seiner Stirn, ein entzückendes Mädchen mit blonden Zöpfen tritt ihm brüllend gegen das Schienbein, er verliert erneut das Gleichgewicht und steigt noch einmal auf das flach getretene Würstchen. Shirley hält die Luft an, aber Max kippt nicht noch einmal um. Dafür schlingert er orientierungslos, eine Erdbeereisspur nach sich ziehend, auf eine Sandkiste zu, stolpert und stürzt mitten in ein prächtiges Sandschloss. Max kämpft sich hoch, wischt sich Senf, Erdbeereis und Sand aus den Augen und blickt sich nach Shirley um. Die steht, ihr Erfrischungstuch noch immer in Händen, wie vom Donner gerührt zwischen lachenden Gaffern und überlegt kurz, ob sie so tun soll, als ob sie mit jemand ganz anderem verheiratet wäre. Aber sie schüttelt die krausen Ideen ab, schnappt Max an der klebrigen Hand und sucht eiligst das Weite.
Endlich erreichen die Humperdingers das Spukhaus von Tante Betty-Boo. Shirley kennt sich aus, sie holt aus einem Verschlag eine Plastiksense, drückt sie Max in die Hand und grinst mit einem Blick auf die Senf- und Sandreste: „Schminken können wir uns wohl sparen.“ Dann betreten die zwei durch das mit Fratzen geschmückte Tor Tante Betty-Boos Spukhaus.
Drinnen riecht es nach abgestandener Luft, Schmieröl, Lavendel und dreißig Jahren Angstschweiß. Vampire aus Pappmaché, Gerippe aus Fiberglas und Spinnen aus Gummi treiben ihr Unwesen. Aus Lautsprecherboxen heult und kichert es blechern, bunte Lichter blinken hektisch und erzeugen eine unheimliche Stimmung. Ein scheußlicher, gelbgrüner Dämon zischt über die Köpfe der Humperdingers hinweg. Max beginnt panisch zu kreischen, aber Shirley erklärt seelenruhig: „Das ist doch nur eine neue Figur! Stellt einen Windigo dar, einen indianischen Dämon!“ Sie deutet auf einen Thron aus Plastiktotenköpfen. „Da wirst du sitzen, und wenn Leute vorbeigehen, stehst du auf und brüllst Buh!, okay?“ Max setzt sich, und Shirley läuft zurück zum Ausgang. Sie wird die Kasse betreuen, solange Tante Betty-Boo Cousine Prudence-Pru pflegt.
Nun ist Max alleine in der Geisterbahn. Rund um ihn zischt und brüllt und faucht es, eine besonders lästige Glühlampe blinkt ihm unablässig direkt ins Gesicht. Nach einer halben Stunde hat Max seinen ersten großen Auftritt als „Wandelnder Tod“. Jawohl, das erste „Opfer“ ist das entzückende Mädchen mit den blonden Zöpfen. Max reißt die Arme hoch und springt von seinem Thron, aber just in dem Moment, als das Mädchen Max an die Gurgel gehen möchte, ertönt lautes Geknatter, gefolgt von einem grellen Lachen.
„Was ist das?“, ruft Max.
„Mir scheißegal!“, kreischt das Mädchen. Es zieht eine Banane aus seinem roten Täschchen und stopft sie sich quer in den Mund. Max erstarrt. Das Mädchen kichert hysterisch, sein Gesicht verzerrt sich, sein Kopf dreht sich um 360 Grad, Bananenteile fliegen Max um die Ohren. Die Haut des Mädchens verfärbt sich giftgrün, auf Gesicht und Armen bilden sich bräunlich gelbe Blasen, die blubbernd explodieren. Eklige Flüssigkeit klatscht an die Wand des Spukhauses und auf Max’ Hawaiihemd. Das Lachen des Mädchens wird immer schriller, dann plötzlich tiefer und tiefer. „Ich bin nicht alleine, Menschlein!“, dröhnt das Mädchen. Seine Zöpfe fallen ihm vom Kopf, gelbe Blasen platzen an seinen Ohren. „Oh, mein Papaaa, das ist der gräuliche Windigo Shu-Platt-La! Und er steht genau hinter dir, Nichtswürdiger!“
Max fährt herum und rammt fast den Windigo, der eben noch ein harmloses Kunststoffmonster gewesen ist. In den Klauen hält er eine knatternde, rauchende Kettensäge. Es riecht ein wenig nach Benzin. „Gumbo mache ich aus dir, Menschlein, scharfen und roten Gumbo!“
Max muss schon wieder kreischen, aber da kommt Hilfe. „Lass sofort meinen Max in Ruhe, du grüner Saukerl!“, brüllt Shirley, die die ganze Szene über den Monitor im Kassahäuschen verfolgt hat und nun ihrem Max beistehen will, weil der alleine aber schon überhaupt gar nichts auf die Reihe kriegt. Sie zieht aus ihrer Handtasche den Elektroschocker und fuchtelt damit herum. Leider sieht sie die Bananenschale nicht, die das Dämonenmädchen achtlos weggeworfen hat. Sie gleitet aus und schlägt sich den Kopf heftig an einer mechanischen Spinne, die zischend ihre Kreise zieht. Dunkelheit hüllt Shirley ein.
„Bananen, warum immer Bananen?“, haucht sie noch schwach, dann wird sie ohnmächtig.
„Shirley!“, kreischt Max und wirft einen hektischen Blick auf die Uhr. Da ertönt endlich – die Fanfare! „Wurde aber auch Zeit!“, schreit Max genervt. Durch die Decke des Spukhauses, an einer rindsledernen Peitsche hängend, kracht … Slim Shredder! Der unvergleichlich heldenhafte Slim Shredder!
„Ich hab schon gedacht, Sie kommen überhaupt nicht mehr!“, ruft Max ungehalten.
„Sorry, Fremder, war bis eben vorhin noch mit zwei glorreichen Halunken beschäftigt!“, schnarrt Slim Shredder und landet zwischen dem Dämon und dessen Tochter. „Und was haben wir hier? Familienausflug aus der Hölle?“ Slim Shredder zieht eine gewaltige, blitzende Wasserpistole aus dem Gürtel und lacht verächtlich.
„Dich brat ich am Spieß, du blöde Kuh!“, brüllt der Windigo. Slim Shredder überlegt kurz, ob er gemeint sein kann, da ertönt eine widerlich ölige Stimme. „Lass ihn mir, Papaaa!“, geifert das Mädchen, wobei an seinen Lippen zahlreiche gelbe Blasen platzen. „Ich werde ihn zerquetschen wie eine Stinkwanze!“
Slim Shredder fährt herum, zielt mit seiner Wasserpistole auf das Mädchen, drückt ab. Ein grässlicher Schrei – und von dem unsympathischen Dämonengör ist nichts mehr übrig als eine brodelnde giftgrüne Pfütze mit bräunlich gelben Blasen. „Und nun zu dir, du Hühnerschiss!“, zischt Slim Shredder. „Wie gefällt dir eine Portion Weihwasser?“
Der Windigo versetzt ihm wortlos einen gewaltigen rechten Haken, Slim Shredder wird fünf Meter weit geschleudert. Die Wasserpistole zerschmettert an der Wand. Der Windigo stapft bedrohlich auf Slim Shredder zu, der benommen daliegt. „Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Menschlein!“, grunzt der Dämon, packt den benommenen Slim Shredder am Kragen und führt ihn zum Mund, um von ihm abzubeißen.
„Dass du dich da nur nicht täuschst, Spinatvisage!“, krächzt Slim Shredder und zieht in letzter Sekunde eine kleine Wasserpistole aus dem Stiefel. Er spritzt dem überraschten Dämon einen Schwall Weihwasser genau ins weit geöffnete Maul. Dann versetzt er ihm einen Kinnhaken. Das Maul des Dämons klappt quietschend zu, der Dämon schluckt und lässt Slim Shredder fallen. Der rollt sofort zur Seite, ruft: „Deckung, Leute!“ Dann zerplatzt der Dämon mit einem gewaltigen „Blobb!“ Gelbgrüne, gallertige Flüssigkeit klatscht auf die Wände, den Boden und Max Humperdinger, der sich nicht rechtzeitig hinter den Schaumgummisarg des „Vampirs Orlok“ geworfen hat.
Stille.
Shirley klappt die Augen auf. Über ihr Slim Shredder, der ihr die Wangen tätschelt. Neben ihr Max, von dem gelbgrüner Schleim trieft. „Slim!“, haucht Shirley. „Was für ein Mann!“
Slim Shredder winkt ab: „Ihr würdet genau dasselbe für mich tun, Leute!“, schnarrt er und stapft mit O-Beinen dem Ausgang zu. Das Licht der untergehenden Sonne strahlt ins Innere des Spukhauses. Man hört einen Chor jubilieren. Max blickt Slim Shredder träumerisch nach. „Amerika braucht solche Jungs!“, stellt er fest. „Die Welt braucht solche Jungs!“
Shirley schluchzt. „Lass uns heimfahren, Darling!“, haucht sie.
„Heim, wo daheim noch daheim ist!“
Max hilft ihr auf die Beine. „Ich weiß, was du meinst, Baby!“, sagt er. „Dort, wo der Büffel wächst und die Prärie noch staubtrocken ist und wo die Guten noch gut sind, da ist daheim noch daheim! Denn es gibt einen, der immer auf uns aufpasst!“ Shirley blickt Max mit großen Augen an. „Wer kann das sein?
Der Präsident? Der liebe Gott? Ronald McDonald?“
Max lächelt lässig: „Aber nein, Dummerchen! SLIM natürlich. SLIIIIIIIM …“
„SHREDDER!“, brüllt der Meier und reißt die Arme hoch. „Unglaublich, Wahnsinn, grandios, genial, ich brauch ein Taschentuch!“ Er schluchzt ergriffen, als im Kinosaal das Licht angeht, während der Abspann des Films läuft und eine raue Stimme rappt: „We love our Shredder, Shredder – shred, shred bad boys!“
Motte ist wieder einmal fassungslos. „Blöder geht’s echt nicht mehr!“, denkt er. „Immer dasselbe mit diesen Slim-Shredder-Filmen!“ Laut sagt er das aber nicht, weil er den Meier nicht kränken will. Der Meier ist sein Freund, da hat man so was auszuhalten. Wenn es bloß nicht das fünfte Mal gewesen wäre, dass sich Motte mit dem Meier genau diesen Film ansehen muss! Aus sentimentalen Gründen, wie der Meier nicht müde wird, zu betonen. Aber na ja, der Meier ist halt ein echt guter Freund. Und Motte auch. Irgendwann wird der Meier seinen Liebeskummer vergessen haben, und dann muss er sich mit Motte tonnenweise Animes anschauen. Auch wenn der Meier die für Weiberkram hält. Das wird super!
Slim-Shredder-Fans wissen, warum!
Ist die amerikanische Variante der Geisterbahn. Es wird nicht mit Wägelchen befahren, sondern man marschiert zu Fuß durch. Anmerkung des Autors.
Gumbo ist ein, an und für sich, leckerer Eintopf, der im Süden der USA gegessen wird. Würde die Geschichte in Wien spielen, würde der Windigo aus Max natürlich Gulasch machen wollen, in Zürich das Geschnetzelte und in Norddeutschland Labskaus. Anmerkung des Autors
Der Wiener Prater ist – wie die meisten Vergnügungsparks – während der Nachtstunden ein stiller Ort. Kein Gekreisch aus den Achterbahnen, kein lockendes Geplärr der Budenbesitzer, kein Quietschen rheumatischer Karussell-Elefanten, keine ohrenbetäubenden Technobeats. Zwischen all den Achter-, Grotten- und Geisterbahnen, den Bungee-Schaukeln und Imbissbuden herrscht eine ungewohnte, ja fast befremdliche Ruhe. Nur ein paar Nachtschwärmer stapfen plaudernd über den Calafattiplatz.