Cara Lindberg
Von Hund und Katz
Erzählungen aus der Tierarztpraxis

ISBN 978-3-86480-002-3

www.geebooks-e-books.de
Buch:
Die 27 Erzählungen aus der Tierarztpraxis Cara Lindberg geben dem Leser einen kleinen Einblick in die tierärztliche Praxis mit ihren schönen und auch traurigen Momenten.
Da sind unter anderem:
Pippi, das Flaschenlamm, das mit den Hunden spazieren geht.
Die Bulldogge, die aus dem dritten Stock fiel.
Van Gogh, der Pudel, der das Laufen wieder lernen muss und
Currywurst, die Affendame, die an der Zuckerkrankheit leidet und wenig begeistert über die nötigen Blutabnahmen ist.
"Ich näherte mich Currywurst, die mich mit leicht herabhängenden Mundwinkeln ansah. Sie sah aus wie eine mürrische alte Dame, die gerade festgestellt hat, dass es nur Butterkuchen statt Käsesahnetorte zum Kaffee gibt.
„Hallo Currywurst, wie geht ´s dir denn?“, flötete ich.
Der alten Dame fällt ein, dass sie von Butterkuchen immer Blähungen bekommt. Ihre Mundwinkel senkten sich unaufhaltsam abwärts.
„Heute wollen wir dir ein wenig Blut abnehmen.“
Die alte Dame entblößte ihre stattlichen Eckzähne."
Mit 25 Bildern und Skizzen von der Autorin.
Autorin:
Cara Lindberg ist Tierärztin in einer norddeutschen Großstadt. Nach ihrem Studium in Berlin gründete sie vor fast zwei Jahrzehnten eine Kleintierpraxis, die sie seit drei Jahren zusammen mit ihrer Partnerin führt.
Sie erlebte im Praxisalltag so viele interessante, teils traurige, teils lustige Geschichten, dass sie beschloss, diese aufzuschreiben.
Copyright
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ePub-Format: ISBN 978-3-86480-002-3
pdf-Format: ISBN 978-3-86480-003-0
Herstellung
Geebooks Rellingen
Herstellung der Knetfiguren
Cathrin Geissler
Umschlaggestaltung und Layout
Cathrin Geissler
Rellingen, 2011
Inhalt
Seit der zehnten Klasse, nach einem Praktikum in einer Tierklinik, wollte ich Tierärztin werden. Ich hatte Glück und bekam in Berlin einen der raren Studienplätze, wo ich nach etwa 5 1/2 Jahren intensiven Schuftens mein Examen machte. Mein Kopf war vollgestopft mit viel zu viel theoretischem Wissen und viel zu wenig praktischer Erfahrung.
Wozu braucht man z. B. als Kleintierärztin zu wissen, wie der § 14 des Lebensmittel- oder Fleischhygienegesetz lautet (und zwar wortwörtlich!), wenn man es im Bedarfsfall einfach nachschlagen könnte? Bisher bin ich noch nie in die Verlegenheit gekommen, den Wortlaut von § 14 aufsagen oder anwenden zu müssen.
Wie stellt man anhand des Tastens der Eierstöcke durch den Enddarm einer Kuh den optimalen Besamungszeitpunkt fest?
Auch das ist ein in der Kleintierpraxis völlig überflüssiges und zudem äußerst mühsam erworbenes Wissen.
Die Übungen in Gynäkologie bei der Kuh sind mir in äußerst unangenehmer Erinnerung geblieben. Man steht, notdürftig mit einer Gummischürze und Gummistiefeln geschützt, hinter einer Kuh und schiebt den gut eingeölten Arm (zum Glück im langen Einmalhandschuh) in den Enddarm der Kuh, bis man mit eng an dem verdreckten Hintern der Kuh liegender Wange dasteht und der Arm auf ganzer Länge in der Kuh verschwunden ist (und immer noch ein winzigkleines Stück zu kurz ist, um den Eierstock ganz ertasten zu können). Die Kuh hat sich den Nachmittag anders vorgestellt und Studenten der Tiermedizin sind ihr schon lange ein Dorn im Auge. Also presst sie, und zwar ihren After zusammen, bis einem das Blut aus dem Arm in den Kopf gedrückt wird. Damit nicht genug, sie hat weitere Waffen, die sie gnadenlos einsetzt.
Glück, wenn der Kuhfladen nur auf die Schürze kleckert. Da die Schürze die strategisch wichtige Schulter leider nicht abdeckt, ist jedoch meistens wieder Kittelwaschen und –bügeln angesagt. Ich bewundere alle Großtierpraktiker, denn mir ist es nie gelungen (mein Prüfer möge mir verzeihen), das Zyklusstadium der Kuh mittels der Tastmethode festzustellen. Zum Glück ist diese Art der Diagnostik bei Kleintieren nicht nötig.
Mein erster eigener Fall als fertige Tierärztin war trotzdem ein Fall aus der Großtierpraxis. Es war etwa drei Wochen nach meinem bestandenen Examen. Ich erholte mich gerade von dem Prüfungsstress in der Nähe von Mölln am See, wo meine Eltern ein Wochenendhaus hatten. Es war April und das Wetter norddeutsch schön (sprich: Regen, der gelegentlich aufhörte und ein kleines Fitzelchen Sonne sehen ließ). Trotzdem zwitscherten sich die Vögel fast ihre kleinen Lungen aus dem Leib und die Narzissen und Tulpen fingen an, ihre Farbenpracht über dem wintergrauen Boden auszubreiten. Der Möllner See lag idyllisch zwischen bewaldeten Hügeln und die Lachmöwen waren kreischend auf die kleine Insel zurückgekehrt, die sie als Brutstätte nutzen.
Es war Lammsaison bei unseren Heidschnucken.
Der Jugendfreund von meinem Vater, der meine Eltern auf die Idee mit den Heidschnucken gebracht hatte, hatte gesagt:
„Mit denen gibt es überhaupt keine Probleme. Im Winter brauchen die höchstens ein bisschen altes Heu, wenn überhaupt, und auch sonst sind sie absolut komplikationslos. Wollt Ihr nicht ein paar von meinen Jungtieren kaufen?“
Wir nickten begeistert und besiegelten die Angelegenheit mit einem Händedruck. Unser Bekannter strich sich über seinen dichten graugesprenkelten Bart und lächelte milde. Damals hatte ich gedacht: Er lächelt, weil die Heidschnucke die pflegeleichteste aller Schafrassen ist. Nach einigen Jahren mit eigenen Schnucken bekam dieses Lächeln eine ganz andere Bedeutung. Heute weiß ich, dass er sich heimlich ins Fäustchen gelacht hat, dass wir auf seine Worte reingefallen waren und er einige seiner Tiere zu einem guten Preis losgeworden war.
Nachdem wir den Hektar Wiese, den die Heidschnucken als neue Heimat bekommen sollten, in tagelanger Arbeit mit Schafsdraht eingezäunt und einen schönen Stall gezimmert hatten, konnten wir endlich die kleine Herde abholen. Als Piefke, Lilly, Inga, Angela, Muffty und der Bock Charly, dessen gedrehte Hörner ihm ein stattliches Aussehen gaben, dem Gras den Garaus gemacht hatten, stellte sich heraus, dass die Schnucken das herangeschaffte alte Heu nicht fraßen. Sie forderten duftendes, leckeres Heu, das beim Bauern besorgt werden musste. Der Bauer, der Gummistiefel bis zum Bauchnabel trug und stets auf einer erloschenen Pfeife herum kaute, hatte sofort beim ersten Besuch die Diagnose: Städter, leicht übers Ohr zu hauen gestellt und das Heu ein bis zwei Mark pro Ballen teurer verkauft. In mühevoller Arbeit wuchteten wir das Heu zunächst in den Anhänger, wobei wir von dem Bauern beobachtet wurden, der mit den Händen in den Taschen seiner braunen Cordhose dastand und auf seinem Pfeifenstiel herum kaute. Zuhause musste das Heu aus dem Anhänger gehievt und in den Stall verfrachtet werden. Es war jedes Mal eine schweißtreibende und für meinen Vater zudem heuschnupfenfördernde Angelegenheit.
Außerdem vertilgten die Schnucken eine so beachtliche Menge an Kraftfutter, dass der örtliche Raiffeisenhandel auf Jahre hinaus saniert war.
Auch unserem Haustierarzt Richard war ein einträgliches Einkommen gesichert, da es in fast jeder Lammsaison irgendwelche Probleme gab.
Ich hatte über die Jahre schon einige Erfahrungen mit nicht völlig komplikationslosen Geburten und der Aufzucht von Flaschenlämmern gesammelt, doch diese nützten mir nichts im Falle der Geburtsschwierigkeiten bei Pauline.
Pauline, eine Tochter von Angela, war eine graue Heidschnucke mit fast schwarzem Rücken und einem zotteligen Fell, das beinahe bis auf den Boden herab reichte. Sie hatte bereits einige Stunden lang Wehen gehabt, ohne dass sie mehr hervor gepresst hatte als ein apfelsinengroßes Stückchen der Fruchtblase. Als diese platzte, kamen vier Beine zum Vorschein, die alle aus der Scham herausragten. Die Diagnose schien recht eindeutig: Zwillinge, die gleichzeitig herauswollten.
Was sollte ich tun? Ich rief mit zitternden Fingern Richard an und schaffte es schon beim dritten Anlauf, die richtige Nummer in den Hörer zu tippen.
„Hallo Richard, hier ist Cara. Bei einem Schaf gibt es Probleme mit der Geburt, es sieht so aus, als kämen die Zwillinge gleichzeitig heraus.“
Richards dunkler Bass tönte aus dem Hörer und ich wurde sofort ruhiger.
„Du musst versuchen, die Beine zu sortieren und ein Lamm zurückzuschieben, damit du das andere herausbekommst.“
„Das habe ich schon befürchtet. Meinst du, das schaffe ich alleine?“
„Bestimmt. Du brauchst nur jemanden, der dir das Schaf festhält.“
Ich legte den Hörer auf die Gabel und atmete tief durch. Theoretisch war ich in Geburtshilfe perfekt, die Prüfung war gerade erst sieben Wochen her, aber praktisch?
Ich suchte alles zusammen, was ich meinte, brauchen zu können und fragte einen der Hofangestellten, ob er Pauline festhalten könne.
„Natürlich, kein Problem“, erwiderte Herr Kall.
Die Schnucke war inzwischen schon recht erschöpft und lag draußen neben dem Stall unter einer großen Pappel. Sie drehte ihren Kopf und blickte mich aus ihren sanften dunkelblauen Augen voller Vertrauen an. Sie schien sich nicht zu wundern, dass ich mich hinter sie in das kalte, feuchte Gras kniete und mich an den Beinen ihres Nachwuchses zu schaffen machen wollte. Ich wusch und desinfizierte meine nackten Arme und trug Gleitpaste auf. Behutsam schob ich meine rechte Hand an dem Gewirr der Beine vorbei ins Innere der Scheide und versuchte, die Beine zwei verschiedenen Lämmern zuzuordnen.
„Hm“, grunzte ich, nachdem ich eine Weile herumgetastet hatte.
„Was ist denn los“, fragte Herr Kall und packte Pauline fester, da sie versuchte aufzustehen.
„Ich kann nur einen Kopf fühlen.“
„Wie kann das sein?“
„Es ist ein einziges riesiges Lamm, dessen Wirbelsäule in der Mitte einen Knick hat.“ Ich zog meine Hand behutsam zurück, stand auf und drückte meinen schmerzenden Rücken nach vorne durch.
„Ach du Schreck, und was nun?“ Herr Kall strich Pauline mit seiner großen schwieligen Hand über den Kopf.
„Ich muss versuchen, die Hinter- oder die Vorderbeine zurückzuschieben, um das Lamm ohne Kaiserschnitt herauszubekommen.“
Ich legte mich auf den feucht-kalten Boden und drückte die Hinterbeine des Lamms in die Scham zurück. Pauline presste jetzt wieder mehr, und ich musste das Lamm gegen den Presswiderstand zurückschieben. Leider hatte ich kein wehenhemmendes Mittel, das ich Pauline hätte spritzen können, denn es war nicht nur schwierig, das Lamm zurückzuschieben, Pauline presste mir zudem jegliches Gefühl aus dem Arm. Zähneknirschend drückte und schob ich die vom Fruchtwasser glitschigen Beine nach vorn. Die Kälte, die vom Boden aufstieg, bemerkte ich nicht mehr, da ich vor Anstrengung keuchte und schwitzte wie ein Marathonläufer kurz vor der Zielgeraden. Als ich schon dachte, der Arm würde mir abfallen, schaffte ich es, die Hinterbeine weit genug zurückzuschieben, dass ich Kopf und Vorderbeine von innen vor das Becken ziehen konnte.
Nun war es von Vorteil, dass Pauline mitpresste. Ich zog behutsam an Beinen und Kopf des Lamms. Langsam wurde erst der tiefschwarze Kopf, dann die ebenfalls schwarze Brust und der Bauch sichtbar. Mir lief der Schweiß in Strömen das Gesicht herunter, als endlich mit einem leichten Plopp der Rest des Lamms zum Vorschein kam. Es hätte kein Stückchen größer sein dürfen, dann hätte es nicht durch das Becken gepasst. Ächzend und stöhnend ließ ich mich rückwärts auf den Boden fallen und betrachtete das Lamm. Es glänzte feucht und durch den Knick in der Wirbelsäule sah es aus wie ein V . Wie ein lockiges V. Atmete es? Ich sah genauer hin. Nein, es war tot. Ich seufzte erleichtert auf, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich es hätte erlösen sollen. Mit dieser Missbildung wäre es nicht lebensfähig gewesen.
„So, das hätten wir geschafft, Herr Kall“, schnaufte ich und stand langsam auf. „Könnten Sie mir bitte noch helfen, Pauline in den Stall zu bringen?“
„Ja klar, ich fass vorn an, und wenn Sie hinten schieben, müsste es gehen.“
Halb tragend, halb schiebend, gelang es uns, Pauline in den Stall zu bugsieren, wo ich ihr Wasser und Futter in Reichweite hinstellte. Sie war zu erschöpft, um zu fressen, doch sie trank gierig die Hälfte des Wassers. Dann ließ sie ihren Kopf in das Stroh sinken und schloss die Augen. Ich betrachtete sie einen Moment und wandte mich an Herrn Kall.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Jetzt haben wir es geschafft.“
Leider war dies eine voreilige Aussage. Als ich zwei Stunden später in den Stall kam, um nach Pauline zu schauen, lag eine rötliche Masse hinter ihr im Stroh. Von weitem sah es aus wie eine Portion Labskaus. Ich stürzte in die Box und blickte fassungslos auf die Gebärmutter, die durch die Strapazen der schweren Geburt herausgepresst worden war. Überall klebten Stroh- und Heuhalme. Von Keimfreiheit keine Spur.
„Oh nein. Nicht das auch noch.“ Pauline blickte bei meinen Worten auf und sah mich an. Erstaunlicherweise schien es sie nicht weiter zu stören, dass ihre Gebärmutter draußen im Stroh lag, statt drinnen in ihrer Bauchhöhle. Sie hatte sogar etwas von dem Kraftfutter gefressen.
Als ich mich von meinem Schock erholt hatte, raste ich ans Telefon. Zum Glück war Richard zu erreichen.
„Richard, jetzt hat die Schnucke auch noch einen Gebärmuttervorfall!“ Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Knie herum und versuchte die heraufsteigende Panik zu unterdrücken.
„Ich habe heute Nachmittag schon viele Termine. Du musst es alleine schaffen. Ich lege dir lokales Betäubungsmittel, eine Scheidennadel und Band zum Verschließen der Scheide in meine Garage, dort kannst du es dir herausholen.“
Ich brachte noch ein schwaches „Vielen Dank“ heraus, bevor mir der Hörer aus der Hand glitt. Brütend starrte ich vor mich hin. Gebärmuttervorfall, theoretisch konnte ich diesen perfekt behandeln, aber praktisch? Außerdem brauchte ich wieder jemanden, der mir half. Herr Kall war schon nach Hause gegangen.
Mir fiel ein, dass ein Freund gerade Urlaub hatte und sich auf dem Nachbarhof aufhielt. Er hob schon beim dritten Klingeln ab.
„Hallo Jürgen. Ich wollte fragen, ob du mir helfen kannst, eine unserer Schnucken zu verarzten?“
Ich erklärte ihm den Fall, und er versprach, zu kommen und mir zur Hand zu gehen.
Ich sprang in meinen alten Ford Fiesta und holte aus der kleinen Nachbarstadt schnell die Dinge, die Richard für mich bereitgelegt hatte.
Jürgen war schon da und lehnte an der Tür zum Schafstall.
„Sieht aber nicht gut aus“, sagte er statt einer Begrüßung.
„Nein, leider nicht.“ Mutlos blickte ich auf Pauline. Dann straffte ich mich und begann mit der Arbeit.
Wir lagerten Pauline mit dem Hinterteil auf einen Strohballen, und machte ich mich daran, die Gebärmutter zu säubern. Als der gröbste Dreck abgespült war, legte ich sie auf ein sauberes Handtuch. Nun kam der schwierige Teil des Zurückverlagerns der Gebärmutter, denn sie sah viel zu groß aus für die kleine Öffnung, durch die sie hindurch geschoben werden musste. Aus dem Studium wusste ich, dass man die Gebärmutter mit Binden umwickeln muss. Man versucht, die Binden so straff anzulegen, dass man die Gebärmutter zusammenschnürt. Dadurch verkleinert sie sich und es wird möglich, sie wieder zurückzuverlagern. Theoretisch recht einfach.
Ich tränkte die Binden in desinfizierender Lösung und legte sie um die Gebärmutter. Immer wenn ich die Gebärmutter zurückschieben wollte, rutschten die Binden ab.
„Oh nein, das schaffe ich nie, dieser Monster-Uterus wird überhaupt nicht kleiner“, stöhnte ich entmutigt. Doch nachdem ich es endlich geschafft hatte, den vorderen Teil zurückzuverlagern, war es leichter, auch die restliche Gebärmutter zurückzuschieben.
Endlich hatte ich es geschafft. Von der rötlichen Masse war nichts mehr zu sehen. Verschwunden waren auch die kleinen Heu- und Strohreste, die trotz meiner Mühen an der Gebärmutter festgeklebt waren. Sie klebten nun in der Bauchhöhle. Doch unter den Bedingungen – kein steriler Operationssaal, sondern ein mit Heu und Stroh eingestreuter Stall – war es nicht anders machbar gewesen. Hoffentlich kam es nicht zu einer Bauchfellentzündung.
Vor dem Verschluss der Scham wollte ich eine kleine Verschnaufpause einlegen, als Pauline wieder stärker zu pressen anfing.
„Achtung, da kommt wieder was raus!“, rief Jürgen mir zu.
„Oh nein, das darf nicht wahr sein!“
Ich riss meine Arme hoch und presste sie gegen die Scham. Gerade noch rechtzeitig genug, um das erneute Vorfallen der Gebärmutter zu verhindern. Mit einer Hand fingerte ich nach der Lokalbetäubung und injizierte sie rechts und links der Scham, mit der anderen Hand drückte ich die widerspenstige Gebärmutter nach innen.
„Reich´ mir bitte mal die Nadel und das Scheiden-Band, ich muss zusehen, dass ich die Schamöffnung verkleinere. Wenn die Gebärmutter wieder rausflutscht, kann ich von vorne anfangen.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken, wenn ich nur daran dachte.
Jürgen reichte mir das Gewünschte. Es war etwas schwierig, die Gebärmutter drin zuhalten und gleichzeitig mit der Nadel rechts und links von der Scham das Band einzuführen. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass ich mir einen dritten Arm wünschte. Nach einiger Zeit hatte ich es geschafft, raffte das Scheiden-Band und verknotete es im unteren Scheidenwinkel. Nun konnte die Gebärmutter nicht mehr nach außen flutschen.
Ich lachte erleichtert, und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Operation gelungen, Patientin lebt.“ Ich spritze Pauline ein Antibiotikum und wir hoben sie von dem Strohballen.
Jetzt musste sie sich von den Strapazen erholen, und ich brauchte dringend eine Dusche und etwas zu essen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass das klappt“, erklärte Jürgen und betrachtete Pauline, die den Kopf wieder ins Stroh gelegt hatte.
„Ich war mir auch nicht ganz sicher, ehrlich gesagt. Ich hoffe nur, Pauline übersteht diese Strapazen.“
„Ja, das hoffe ich auch.“
Pauline überlebte die Operation, den Antibiotika sei Dank, und nach zwei Wochen konnte das Scheiden-Band entfernt werden.
Sie bekam im folgenden Jahr zwar keine Lämmer, aber im Jahr darauf bekam sie ohne Probleme Zwillingslämmer, was mich sehr stolz machte.
Meine eigene Praxis konnte ich 1 1/2 Jahre später nach Hospitanz in einer Klinik und einigen Praxisvertretungen eröffnen. Ich erlebte so viele lustige, zum Teil aber auch traurige Geschichten, dass ich beschloss, diese aufzuschreiben.

Ich behandelte gerade einen Beagle mit einer Ohrentzündung, als das Telefon klingelte. Ich stellte das Fläschchen mit dem Ohrenreiniger auf den Beistelltisch und nahm den Hörer ab.
„Guten Tag, Schmidt mein Name. Ich wollte fragen, was eine Untersuchung mit Röntgen und Spritzen und so weiter kostet.“
„Alles zusammen so ungefähr achtzig DM“, antwortete ich. „Aber worum geht ´s denn?“
„Es geht um den Timmy von Herrn Grünert. Der ist entweder unters Auto gekommen oder getreten worden. Jetzt wollen wir Geld sammeln, damit er untersucht und behandelt werden kann.“
„Sagen Sie Herrn Grünert, dass er möglichst schnell kommen soll, damit ich Timmy untersuchen kann.“
„Wir kommen heute Nachmittag vorbei, bis dann“, verabschiedete sich Herr Schmidt.
Herr Grünert war das Unikum des Stadtteils. Er trug sommers wie winters einen speckigen braunen Hut und hatte immer einen Drei- bis Viertagebart. Frisch rasiert habe ich ihn nie gesehen, aber da er keinen Vollbart hatte, musste er ab und zu einen Rasierer benutzen. Meist war er mit einem Fahrrad unterwegs, das schon vor dem Krieg hergestellt worden sein musste, so verrostet und verbogen wie es aussah.
Von seiner Seite war Timmy, ein mittelgroßer Mischlingsrüde mit braun-schwarzem Fell und Schlappohren, nicht wegzudenken. Ich hatte die beiden schon häufiger gesehen, wenn Herr Grünert zu einer seiner Gelegenheitsarbeiten oder auch in die Kneipe unterwegs war.
Herr Grünert traf nachmittags in der Praxis ein. Timmy humpelte stark vorne rechts und lief mit aufgekrümmtem Rücken. Herr Grünert blickte ihn besorgt an und strich ihm über die Ohren.
„Frau Doktor, ich glaube, Timmy ist getreten worden“, sagte er mit seiner Stimme, die klang wie die von Udo Lindenberg nach einer durchzechten Nacht. „Er muss ja wohl geröntgt werden, oder?“
„Ich werde ihn erst mal untersuchen, dann sehen wir weiter. Wann ist das denn passiert?“
„Vor einer Woche ungefähr. Er will gar nicht mehr raus, sonst ist er immer durch die Gegend gestreunt.“
Herr Grünert hob Timmy auf den Behandlungstisch und ich tastete ihn vorsichtig ab.
Die Untersuchung ergab Schmerzen im Lendenwirbel- und Hüftbereich sowie starke Bauchschmerzen.
„Hat er heute schon sein Geschäft erledigt?“, erkundigte ich mich.
„Ja, geschissen hat er schon und pinkeln kann er auch.“ Herr Grünert schob seinen braunen Hut zurück und blickte mich an.
Ich überlegte. Timmy war zwar nicht sonderlich munter, aber da der Unfall schon eine Woche zurücklag und seine inneren Organe funktionierten, beschloss ich, nicht zu röntgen. Ich gab Timmy einige Spritzen, unter anderem auch eine gegen die Bauchschmerzen.
„Ich gebe Ihnen drei Zäpfchen gegen die Bauchschmerzen mit. Geben Sie ihm bitte heute Abend eins, das zweite morgen früh und morgen Mittag das letzte“, instruierte ich Herrn Grünert und verpackte die Zäpfchen in eine kleine Tüte.
„Morgen kommen Sie bitte noch einmal mit Timmy vorbei.“
„Mach´ ich. Was kostet das denn heute?“
Ich erstellte die Rechnung. Herr Grünert gab mir einen Fünfziger und wollte gehen.
„Da bekommen Sie aber noch etwas Geld wieder!“, rief ich ihm hinterher.
„Behalten Sie das mal lieber. Ich versauf´ das sonst nur.“
Drei Tage später kamen Timmy und sein Herrchen wieder.