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© Nelson Fitch

Die Autorin

Veronica Roth lebt in Chicago und studierte an der dortigen Northwestern University Creative Writing. Im Alter von nur 20 Jahren schrieb sie während ihres Studiums den Roman, der später »Die Bestimmung« wurde und den Auftakt zu ihrer internationalen Bestseller-Trilogie macht. Nun erobert ihr Buchhit auch die Leinwand. In der Verfilmung des preisgekrönten ersten Romans begeistern die Nachwuchsstars Shailene Woodley als die tapfere junge Heldin Tris und Theo James als deren große Liebe Four.

Veronica Roth

Die Bestimmung

Aus dem Amerikanischen von Petra Koob-Pawis

Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Oktober 2014

© 2011 by Veronica Roth

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Divergent« bei Katherine Tegen Books, an imprint of Harper Collins Children´s Books, New York

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt Verlag, in der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, Garbsen 30287 Garbsen.

Übersetzung: Petra Koob-Pawis

Umschlagmotiv: Jacket art™ & © Veronica Roth, Jacket art and design by Joel Tippie;

Stadt: Gettyimages/David Schalliol

Umschlagkonzeption: basic-book-design,

Karl Müller-Bussdorf

MG · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07502-6

www.cbt-buecher.de

Für meine Mutter, die mir jenen Augenblick schenkte,
in dem Beatrice erkennt, wie stark ihre Mutter ist,
und sich zugleich verwundert fragt,
warum ihr das so lange verborgen blieb.

1. Kapitel

In unserem Haus gibt es nur einen einzigen Spiegel. Er befindet sich hinter einer Schiebetür im Flur des oberen Stockwerks. Meine Fraktion gestattet es mir, jeweils am zweiten Tag eines jeden dritten Monats davorzustehen, immer dann, wenn meine Mutter mir die Haare schneidet.

Ich sitze auf dem Stuhl, meine Mutter steht mit der Schere hinter mir, meine Haare fallen als matter blonder Kreis um mich herum auf den Boden. Als sie fertig ist, streicht sie meine Haare nach hinten und bindet sie zu einem Knoten. Ich bemerke, wie ruhig und konzentriert sie ist. Meine Mutter beherrscht die Kunst, sich selbst zu verleugnen. Von mir kann ich das nicht behaupten.

Als sie gerade mal nicht hinsieht, wage ich einen verstohlenen Blick auf mein Spiegelbild – nicht aus Eitelkeit, sondern aus Neugier. Innerhalb von drei Monaten kann man sich ziemlich verändern. Ein schmales Gesicht, große, runde Augen und eine lange, dünne Nase … ich sehe immer noch aus wie ein kleines Mädchen, dabei bin ich irgendwann in den letzten Monaten sechzehn geworden. Die anderen Fraktionen feiern Geburtstage, wir nicht. Das wäre selbstsüchtig.

»Fertig«, sagt Mutter, als der Knoten sitzt. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Zum Wegschauen ist es zu spät, aber statt mit mir zu schimpfen, lächelt sie mein Spiegelbild an und ich antworte ihr mit einem Stirnrunzeln. Wieso tadelt sie mich nicht?

»Heute ist also der große Tag«, sagt sie.

»Ja.«

»Bist du aufgeregt?«

Ich schaue mir selbst im Spiegel in die Augen. Heute findet der Eignungstest statt. Er wird Klarheit schaffen, zu welcher der fünf Fraktionen ich gehöre. Und morgen, bei der Zeremonie der Bestimmung, werde ich mich bewusst für eine dieser fünf Fraktionen entscheiden. Es wird eine Entscheidung fürs Leben sein. Ich werde wählen, ob ich bei meiner Familie bleibe oder ob ich sie für immer verlasse.

»Nein«, sage ich, »der Test darf unsere Entscheidung schließlich nicht beeinflussen.«

»Das stimmt«, erwidert meine Mutter lächelnd. »Und jetzt lass uns frühstücken.«

»Danke, dass du mir die Haare geschnitten hast.«

Sie küsst mich auf die Wange und zieht die Schiebetür vor den Spiegel. Wenn sie in einer anderen Welt lebte, würde man meine Mutter als hübsch bezeichnen. Unter ihrer grauen Kleidung ist sie schlank, ihre Wangenknochen sind hoch und ihre Wimpern lang, und wenn sie nachts ihr Haar offen trägt, fällt es lockig über die Schultern. Aber bei den Altruan, der Fraktion der Selbstlosen, die Entsagung geschworen hat, ist sie gezwungen, ihre Schönheit zu verstecken.

Gemeinsam gehen wir in die Küche. An einem Morgen wie diesem, wenn mein Bruder das Frühstück zubereitet, mein Vater mir beim Zeitunglesen geistesabwesend übers Haar streicht und meine Mutter beim Geschirrabräumen leise vor sich hin summt – an einem Morgen wie diesem fühle ich mich ganz besonders schuldig, dass ich vorhabe, sie im Stich zu lassen.

Im Bus stinkt es nach Abgasen. Ich halte mich an meinem Sitz fest, trotzdem werde ich jedes Mal, wenn wir über unebenes Pflaster fahren, von einer Seite auf die andere geschleudert.

Caleb, mein älterer Bruder, steht im Gang und klammert sich an die Haltestange an der Decke. Wir sehen uns überhaupt nicht ähnlich. Er hat das dunkle Haar und die Hakennase meines Vaters geerbt und die grünen Augen und Wangengrübchen meiner Mutter. Früher sah er damit etwas seltsam aus, aber jetzt steht es ihm gut. Wenn er kein Altruan wäre, würden ihn sämtliche Mädchen der Schule anhimmeln.

Auch den Hang zur Selbstlosigkeit hat er von meiner Mutter geerbt. Seinen Sitzplatz hat er freiwillig einem Candor angeboten. Der Mann trägt einen schwarzen Anzug und eine weiße Krawatte – wie alle Candor. Die Fraktion der Freimütigen schätzt Ehrlichkeit über alles. Die Wahrheit ist für sie schwarzweiß, deshalb kleiden sie sich auch so.

Die Häuser rücken näher aneinander und die Straßen sind nicht mehr ganz so holprig, je mehr wir uns dem Stadtzentrum nähern. Das Gebäude, das früher Sears Tower hieß und das wir jetzt einfach Zentrale nennen, ragt als schwarzer Pfeiler am Horizont aus dem Dunst empor. Die Busse fahren unter den höher gelegenen Bahngleisen hindurch. Ich bin noch nie Zug gefahren, obwohl sie ständig in Betrieb sind und überall Gleise verlaufen. Einzig die Ferox fahren Zug.

Vor fünf Jahren haben freiwillige Bauarbeiter der Altruan einige Straßen neu geteert. Sie fingen in der Stadtmitte an und arbeiteten sich in die Außenbezirke vor, bis ihnen schließlich das Material ausging. Dort, wo ich wohne, sind die Wege immer noch rissig und geflickt und es ist gefährlich, sie zu benutzen. Aber wir haben ja ohnehin kein Auto.

Der Bus rattert und ruckelt die Straße entlang, doch die Miene meines Bruders bleibt sanft und gelassen. Der Ärmel seiner grauen Jacke rutscht zurück, als Caleb nach einer Stange greift, um sich festzuhalten. Unaufhörlich lässt er seinen Blick umherschweifen; er beobachtet die Menschen um uns herum, konzentriert sich ganz auf sie, um sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen. Einem Candor geht Aufrichtigkeit über alles, für einen Altruan steht Selbstlosigkeit an erster Stelle.

Der Bus hält vor der Schule. Ich springe auf und zwänge mich an dem Candor-Mann vorbei. Dabei stolpere ich über seine Füße und kann mich gerade noch an Caleb festhalten. Meine weit geschnittene Hose ist viel zu lang, und besonders graziös war ich noch nie.

Alle Schüler der Stadt sind getrennt nach Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe untergebracht. Unser Oberstufengebäude ist das älteste der drei Schulhäuser. Wie alle anderen Gebäude besteht es ganz aus Glas und Stahl. Vor dem Eingang steht eine hohe Metallskulptur, auf der die Ferox nach Schulschluss herumklettern, wobei sie sich gegenseitig anstacheln, noch ein Stück höher zu steigen. Im letzten Jahr war ich dabei, wie ein Mädchen abgestürzt ist und sich das Bein gebrochen hat. Ich war diejenige, die sofort losgelaufen ist, um eine Sanitäterin zu holen.

»Heute ist also der Eignungstest«, sage ich laut. Caleb ist nur ein knappes Jahr älter als ich, deshalb sind wir im selben Jahrgang.

Er nickt, während wir durch die Eingangstür gehen. Sofort sind meine Muskeln bis zum Zerreißen gespannt. Alle Sechzehnjährigen wirken heute irgendwie gierig, so als wollten sie diesen Tag in sich aufsaugen. Wahrscheinlich werden wir nach der Zeremonie der Bestimmung nie wieder durch diese Gänge laufen, denn sobald wir uns für eine Fraktion entschieden haben, übernimmt diese Fraktion unsere weitere Ausbildung.

Die Schulstunden dauern heute nur halb so lange wie sonst, sodass wir ein letztes Mal alle Fächer haben, bevor nach dem Mittagessen die Tests stattfinden. Bei dem Gedanken daran beschleunigt sich mein Puls.

»Du machst dir doch keine Sorgen über dein Ergebnis, oder?«, frage ich Caleb.

An der Weggabelung bleiben wir stehen. Caleb wird in die eine Richtung gehen, zum Mathekurs, und ich in die andere, zur Geschichte der Fraktionen.

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Du etwa?«

Ich könnte ihm jetzt antworten, dass ich mich schon seit Wochen nervös frage, zu welcher Fraktion ich am besten passen werde – zu den Altruan, den Candor, den Ken, den Amite oder den Ferox? Stattdessen lächle ich und sage: »Nein, eigentlich nicht.«

Auch Caleb lächelt. »Okay … dann mach’s mal gut.«

Nervös auf meiner Unterlippe kauend, trotte ich weiter. Meine Frage hat Caleb nicht beantwortet.

Die Flure sind voller Menschen, aber das Licht, das durch die Fenster fällt, erzeugt den Eindruck von Weite und Raum. Es ist einer der wenigen Orte, an denen Gleichaltrige der verschiedenen Fraktionen aufeinandertreffen. Heute ist die Atmosphäre besonders energiegeladen, eine Art Jahresschluss-Hysterie liegt in der Luft.

Ein Mädchen mit langen Lockenhaaren, das an mir vorbeigeht, ruft laut: »Hey!«, und winkt einem Freund zu, der in einiger Entfernung steht. Irgendjemandes Jackenärmel streift meine Wange. Dann schubst mich ein Junge, er trägt den blauen Pullover der Ken. Ich verliere das Gleichgewicht und falle der Länge nach hin.

»Aus dem Weg, Stiff«, schnauzt er mich an und läuft weiter.

Mit rotem Gesicht stehe ich auf und klopfe mir den Staub von den Kleidern. Einige Schüler sind stehen geblieben, aber geholfen hat mir keiner. Sie glotzen mir bis zum Ende des Gangs nach. Seit Monaten passiert das den Mitgliedern meiner Fraktion. Genauer gesagt, seit die Ken fiese Gerüchte über die Altruan verbreiten. Gerüchte, die sich auf unseren Umgang miteinander in der Schule auswirken. Meine graue Kleidung, der schlichte Haarschnitt, ein bescheidenes Auftreten – das alles soll es mir erleichtern, nicht an mich selbst zu denken. Und auch die anderen sollen nicht an mich denken. Aber genau dadurch werde ich zur Zielscheibe für sie.

Ich bleibe am Fenster des E-Korridors stehen und warte darauf, dass die Ferox auftauchen. Jeden Morgen mache ich das so. Exakt um 7:25 Uhr beweisen die Mitglieder dieser Fraktion ihren Mut, indem sie aus dem fahrenden Zug springen. Mein Vater nennt die Ferox »wilde Teufel«. Sie haben Piercings, Tattoos und tragen Schwarz. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, den Zaun zu bewachen, der unsere Stadt umgibt. Wozu dieser Zaun dient, ist mir allerdings nicht wirklich klar.

Eigentlich müsste ich mich über die Ferox wundern. Eigentlich müsste ich mich fragen, was um alles in der Welt Metallringe in der Nase mit Mut – der Tugend, die sie über alles schätzen – zu tun haben. Stattdessen gaffe ich sie an, sobald ich auch nur einen von ihnen sehe.

Das pfeifende Geräusch des Zugs schwingt in mir weiter. Der Scheinwerfer an der Lok blinkt, während der Zug kreischend an uns vorbeirattert. Aus den letzten Waggons springt eine Horde dunkel gekleideter Jugendlicher, einige lassen sich zu Boden fallen und rollen sich ab, andere laufen stolpernd ein paar Schritte, bis sie ihr Gleichgewicht wiederfinden. Einer der Jungs legt den Arm um ein Mädchen und lacht.

Es ist kindisch, ihnen dabei zuzusehen. Entschlossen kehre ich dem Fenster den Rücken zu und drängle mich durch die wartenden Schüler in den Klassenraum, wo die Geschichte der Fraktionen auf mich wartet.

2. Kapitel

Nach dem Mittagessen beginnen die Tests. Wir sitzen an langen Tischen in der Cafeteria, und die Prüfer rufen nacheinander zehn Namen auf, einen Namen für jedes Prüfungszimmer. Ich sitze neben Caleb, mir gegenüber ist Susan, unsere Nachbarin.

Susans Vater hat ein Auto, weil er quer durch die Stadt fahren muss, um zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen. Er bringt seine Kinder, Susan und Robert, jeden Tag zur Schule und hat auch uns angeboten, uns mitzunehmen. Caleb jedoch meinte, dass wir lieber etwas später aus dem Haus gingen und ihm keine Unannehmlichkeiten bereiten wollten.

Natürlich nicht.

Die meisten Prüfer sind Freiwillige der Altruan, aber in einem Prüfungszimmer sitzt ein Ken und in einem anderen ein Ferox, um die Kandidaten unserer Fraktion zu testen. Die Regeln verbieten es, von seinesgleichen geprüft zu werden. Die Regeln verbieten es auch, sich auf den Test vorzubereiten, weshalb ich nicht genau weiß, was mich erwartet.

Mein Blick wandert von Susan zu den Tischen, an denen die Ferox sitzen. Sie lachen, unterhalten sich laut und spielen Karten. An einer anderen Tischgruppe sitzen die Ken und sprechen über Bücher und Zeitungen, wie immer unersättlich in ihrem Wissensdurst. Gelb und rot gekleidete Amite-Mädchen sitzen auf dem Fußboden der Cafeteria, spielen ein Klatschspiel und sagen dazu Reime auf. Immer wieder brechen sie in fröhliches Gelächter aus, wenn eine von ihnen ausscheidet und sich in die Mitte des Kreises setzen muss. Am Tisch neben ihnen gestikulieren einige Candor. Sie scheinen lebhaft über etwas zu streiten, aber es ist wohl nichts Ernstes, denn sie lächeln dabei.

Nur wir Altruan sitzen da und warten still. Das Bestreben unserer Fraktion ist es, Müßiggang und Eigensucht auszumerzen. Ich bezweifle, dass alle Ken ständig nur lernen oder dass alle Candor andauernd diskutieren wollen, aber sie können sich ebenso wenig wie ich über die Grundsätze ihrer Fraktionen hinwegsetzen.

Als die nächste Gruppe aufgerufen wird, ist auch Caleb dabei. Er geht zum Ausgang. Ich muss ihm weder Glück wünschen, noch muss ich ihm versichern, dass er nicht aufgeregt sein soll. Er weiß genau, wohin er gehört. Ich schätze, er wusste das schon immer.

In einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist Caleb gerade mal vier Jahre alt. Damals schimpfte er mit mir, weil ich auf dem Spielplatz mein Hüpfseil nicht einem kleinen Mädchen geben wollte, das nichts zum Spielen hatte. Inzwischen belehrt er mich nicht mehr so oft, aber seinen missbilligenden Blick von damals habe ich bis heute nicht vergessen.

Ich habe ihm schon oft zu erklären versucht, dass ich anders bin als er – es wäre mir zum Beispiel nicht im Traum eingefallen, meinen Platz im Bus einem Candor anzubieten –, aber er kapiert es nicht. »Tu einfach, was man von dir erwartet«, sagt er immer. So einfach ist das für ihn. Wenn es das für mich auch nur wäre.

Mein Magen rebelliert. Ich kneife die Augen zu und öffne sie nicht mehr, bis Caleb zehn Minuten später wiederkommt und sich hinsetzt.

Mein Bruder ist kalkweiß im Gesicht. Er reibt die Handflächen an den Beinen, wie ich es immer tue, wenn ich mir den Schweiß abwische, und als er damit aufhört, bemerke ich, dass seine Finger zittern. Ich mache den Mund auf, will etwas fragen, bringe aber kein Wort heraus. Ich darf ihn nicht nach dem Ergebnis fragen und er darf es mir nicht sagen.

Die nächsten Namen werden aufgerufen. Zwei Ferox, zwei Ken, zwei Amite und dann: »Von den Altruan: Susan Black und Beatrice Prior.«

Ich stehe auf, weil ich aufstehen muss, aber wenn es nach mir ginge, würde ich bis in alle Ewigkeit sitzen bleiben. Ich fühle mich, als hätte ich einen Ballon in der Brust, der immer größer wird und mich von innen her zerreißt. Ich folge Susan zum Ausgang. Die Leute, an denen wir vorbeigehen, können uns wahrscheinlich nicht auseinanderhalten. Wir sind gleich gekleidet, wir tragen unsere blonden Haare auf die gleiche Weise. Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist vermutlich der, dass Susan wohl nicht kotzübel ist, und soweit ich sehe, zittern auch ihre Hände nicht so sehr, dass sie sich am Saum ihres Oberteils festhalten muss, damit das nicht auffällt.

Hinter der Cafeteria reihen sich zehn Räume aneinander. Ich war noch in keinem von ihnen, sie werden nur für die Eignungstests genutzt. Anders als die meisten Schulräume sind die Trennwände zwischen ihnen nicht aus Glas, sondern sie werden durch Spiegel abgetrennt. Ich sehe mich darin blass und ängstlich auf eine der Türen zugehen. Susan lächelt nervös und betritt Raum fünf. Ich gehe in die Nummer sechs, wo bereits eine Ferox auf mich wartet.

Sie blickt nicht ganz so streng wie die jungen Mädchen ihrer Fraktion, die ich bisher kennengelernt habe. Sie hat schräg stehende, dunkle Augen und trägt einen schwarzen Männerblazer und Jeans. Als sie sich umdreht und die Tür schließt, fällt mir das Tattoo auf ihrem Nacken auf. Es ist ein schwarz-weißer Falke mit rotem Auge. Wenn mein Herz nicht gerade im Hals feststeckte, würde ich sie fragen, was der Vogel zu bedeuten hat. Irgendeine Bedeutung muss er ja haben.

Überall an den Wänden sind Spiegel. Ich kann mich von allen Seiten betrachten – meinen Rücken, meine graue Kleidung, meinen langen Hals, meine Hände mit den vorstehenden Knöcheln, die immer rot hervortreten, wenn ich aufgeregt bin. Von der Zimmerdecke strahlt helles Licht und in der Mitte des Raums steht ein Liegesessel wie bei einem Zahnarzt, daneben befindet sich ein Apparat. Es sieht aus wie ein Ort, an dem sich schreckliche Dinge ereignen können.

»Keine Sorge«, sagt die Frau, »es tut nicht weh.«

Ihr Haar ist schwarz und glatt gekämmt, aber das grelle Licht offenbart auch ein paar graue Strähnen.

»Setz dich und mach es dir bequem«, sagt sie. »Ich heiße Tori.«

Unbeholfen setze ich mich auf den Stuhl und lehne mich zurück, mein Kopf sinkt in die Kopfstütze. Das Licht blendet mich. Tori macht sich an dem Apparat rechts neben mir zu schaffen. Ich versuche, mich auf sie zu konzentrieren und die Drähte und Kabel zu ignorieren.

»Was hat der Falke zu bedeuten?«, platzt es aus mir heraus, als sie eine Elektrode an meine Stirn klebt.

»Ist Neugier bei den Altruan nicht verboten?«, erwidert sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

Bei ihren Worten läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Meine Neugier ist ein Laster, ein Verrat an den Werten unserer Fraktion.

Leise vor sich hin summend, drückt sie mir eine zweite Elektrode auf die Stirn. »In manchen Gegenden der alten Welt war der Falke das Symbol der Sonne«, erklärt sie. »Als ich mir das Tattoo machen ließ, glaubte ich, wenn ich immer die Sonne bei mir trüge, würde ich mich nie vor der Dunkelheit fürchten.«

Ich will ihr nicht noch eine Frage stellen, aber dann tue ich es doch. »Hast du Angst vor der Dunkelheit?«

»Ich hatte Angst vor der Dunkelheit«, verbessert sie mich. Dann klebt sie eine Elektrode an die eigene Stirn und verbindet sie mit einem Kabel. Achselzuckend sagte sie: »Mittlerweile erinnert mich der Falke daran, dass ich meine Angst davor überwunden habe.«

Sie stellt sich hinter mich. Ich klammere mich so fest an die Armlehnen, dass meine Knöchel weiß anlaufen. Sie nimmt mehrere Kabel, befestigt sie zuerst an mir, dann an sich selbst und an dem Apparat. Sie reicht mir ein Fläschchen mit einer klaren Flüssigkeit.

»Trink«, fordert sie mich auf.

»Was ist das?« Ich schlucke schwer, meine Kehle ist wie zugeschnürt. »Und was passiert dann?«

»Das darf ich dir nicht sagen. Vertrau mir einfach.«

Ich atme tief aus, dann kippe ich den Inhalt des Fläschchens in meinen Mund. Sofort fallen mir die Augen zu.

Als ich die Augen wieder aufschlage, ist nur ein Moment vergangen, aber ich bin an einem anderen Ort. Ich stehe wieder in der Schulcafeteria. Ich bin allein, die vielen langen Tische sind leer. Durch die Glaswände sehe ich, dass es schneit. Vor mir auf dem Tisch stehen zwei Körbe. In dem einen liegt ein Stück Käse, in dem anderen ein Messer, so lang wie mein Unterarm.

Eine Frauenstimme hinter mir fordert mich auf: »Wähle.«

»Warum?«, frage ich.

»Wähle«, wiederholt sie.

Ich blicke über meine Schulter, aber da ist niemand. Ich drehe mich wieder um. »Wozu ist das gut?«

»Wähle!«, schreit sie.

Als sie mich anbrüllt, verschwindet schlagartig die Angst, stattdessen gewinnt meine Sturheit die Oberhand. Störrisch verschränke ich die Arme vor der Brust.

»Wie du willst«, sagt die Stimme.

Plötzlich sind die Körbe verschwunden. Ich höre eine Tür in den Angeln quietschen und drehe mich zur Seite, um zu sehen, wer gekommen ist. Es ist kein Wer, sondern ein Was. Ein paar Schritte von mir entfernt steht ein Hund mit einer spitzen Schnauze. Geduckt kommt er auf mich zu und fletscht die weißen Zähne. Er stößt ein tiefes, bedrohliches Knurren aus, und da wird mir klar, wozu der Käse gut gewesen wäre. Oder das Messer. Aber jetzt ist es zu spät.

Ich überlege, ob ich weglaufen soll. Zwecklos, der Hund ist garantiert schneller als ich. Das Tier niederzuringen, brauche ich erst gar nicht zu versuchen. Mein Kopf dröhnt. Ich muss eine Entscheidung treffen. Wenn ich über einen Tisch springe und ihn dann wie einen Schild vor mich halte … Nein, ich bin zu klein, um über die Tische zu springen, und ich bin auch nicht stark genug, um einen davon umzuwerfen.

Der Hund knurrt, und ich spüre, wie mein Kopf davon vibriert.

In meinem Biologiebuch steht, dass Hunde Angst riechen können, weil die menschlichen Drüsen unter Stress den gleichen Stoff absondern wie Beutetiere. Und wenn Hunde Angst riechen, greifen sie an.

Der Hund kommt langsam näher, seine Krallen scharren auf dem Fußboden.

Ich kann weder weglaufen noch kämpfen. Ich rieche den stinkenden Atem des Hundes und versuche, nicht daran zu denken, was er wohl gerade gefressen haben mag. In seinen Augen ist nichts Weißes, nur ein schwarzes Funkeln.

Was weiß ich sonst noch über Hunde? Man sollte ihnen nicht in die Augen schauen, das verstehen sie als Akt der Feindseligkeit. Als Kind habe ich meinen Vater angebettelt, mir einen Hund zu schenken, aber jetzt, wo ich auf die Pfoten starre, weiß ich nicht mehr, warum. Der Hund kommt knurrend näher. Wenn es ein feindseliges Verhalten ist, ihm in die Augen zu schauen, was ist dann ein Zeichen der Unterwerfung?

Mein Atem geht keuchend, aber gleichmäßig. Es graut mir davor, mich vor dem Hund auf den Boden zu legen – dann ist mein Gesicht auf gleicher Höhe mit seinen fletschenden Zähnen –, aber es ist das einzig Vernünftige. Also strecke ich mich lang aus und stütze mich auf die Ellenbogen. Der Hund kommt näher, ich spüre seinen warmen Atem in meinem Gesicht. Meine Arme fangen an zu zittern.

Er bellt in mein Ohr, und ich beiße die Zähne zusammen, damit ich nicht losschreie.

Etwas Raues, Nasses berührt meine Wange. Der Hund hat zu knurren aufgehört, und als ich den Kopf hebe und ihn anblicke, hechelt er. Er hat mir übers Gesicht geleckt! Verblüfft richte ich mich auf und kauere mich auf die Fersen. Der Hund stellt seine Vorderpfoten auf meine Knie und schlabbert an meinem Kinn. Zuerst zucke ich zurück, doch dann wische ich die Spucke ab und lache. »So eine gefährliche Bestie bist du ja gar nicht, was?«

Langsam stehe ich wieder auf, um den Hund nicht zu erschrecken, aber das Tier scheint wie verwandelt. Ich strecke die Hand nach ihm aus, vorsichtig, damit ich sie notfalls schnell wieder zurückziehen kann. Der Hund stupst sie mit der Schnauze an. Ich bin froh, dass ich das Messer nicht genommen habe.

Ich muss blinzeln, und als ich die Augen wieder öffne, steht ein weiß gekleidetes kleines Mädchen vor mir. Es breitet die Arme aus und ruft: »Hündchen!«

Das Kind läuft auf den Hund zu. Ich will die Kleine warnen, aber es ist schon zu spät. Der Hund macht einen Satz und dreht sich um. Er knurrt nicht mehr, sondern bellt und fletscht die Zähne und schnappt. Seine Muskeln sind bis zum Äußersten gespannt, gleich wird er losspringen. Ohne lange nachzudenken, werfe ich mich auf den Hund und klammere mich an seinen Hals …

Ich schlage mit dem Kopf auf dem Boden auf. Der Hund ist verschwunden, ebenso das kleine Mädchen. Ich bin allein – in einem völlig leeren Prüfungszimmer. Langsam stehe ich auf und drehe mich im Kreis. In keinem der Spiegel kann ich mich sehen. Ich stoße die Tür auf und gehe auf den Flur, aber der Flur ist nicht mehr der Flur – es ist jetzt ein Autobus, und alle Plätze sind besetzt.

Ich stehe im Mittelgang und halte mich an einer Stange fest. Neben mir sitzt ein Mann mit einer Zeitung. Sein Gesicht hinter der Zeitung kann ich nicht sehen, wohl aber seine Hände. Sie sind vernarbt, es scheinen Brandwunden zu sein, und er umklammert das Papier, als würde er es am liebsten zerknüllen.

»Kennst du diesen Kerl?«, fragt er mich plötzlich. Er tippt auf das Bild auf dem Titelblatt. Die Schlagzeile lautet: »Brutaler Mörder endlich gefasst!«

Ich starre auf das Wort »Mörder«. Es ist schon sehr lange her, seit ich dieses Wort irgendwo gelesen habe, und allein vom Hinschauen gruselt es mich.

Das Bild unter der Überschrift zeigt einen jungen Mann mit Bart und unauffälligen Gesichtszügen. Mir kommt es vor, als würde ich ihn kennen, ich weiß nur nicht, woher. Aber irgendwie bin ich mir sicher, dass es keine gute Idee wäre, dies dem Mann mitzuteilen.

»Also?«, blafft er mich an. »Kennst du ihn?«

Keine gute Idee – nein, ganz und gar keine gute Idee. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich klammere mich an der Stange fest, damit meine zitternden Hände mich nicht verraten. Wenn ich dem Fremden sage, dass ich den Mann aus der Zeitung kenne, wird mir etwas Entsetzliches zustoßen, das weiß ich. Ich muss ihn davon überzeugen, dass ich den Kerl nicht kenne. Ich könnte mich räuspern und mit den Schultern zucken – aber das wäre so gut wie gelogen.

Ich räuspere mich.

»Kennst du ihn?«, wiederholt der Fremde.

Ich zucke mit den Schultern und gebe keine Antwort.

»Ja oder nein?«

Ich kriege eine Gänsehaut, dabei ist meine Angst völlig unbegründet. Das hier ist nur ein Test, keine Wirklichkeit. »Keine Ahnung«, sage ich möglichst wegwerfend. »Woher soll ich wissen, wer das ist?«

Der Fremde steht auf und endlich sehe ich auch sein Gesicht. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, sein Mund ist verzerrt und seine Wangen sind genauso schlimm vernarbt wie seine Hände. Er beugt sich zu mir. Sein Atem riecht nach Zigarettenrauch. Es ist nur ein Test, rufe ich mir ins Gedächtnis. Nur ein Test.

»Du lügst«, sagt er. »Du lügst!«

»Tue ich nicht.«

»Deine Augen verraten dich.«

Ich straffe meinen Körper. »Tun sie nicht.«

»Wenn du ihn kennst«, sagt er leise, »dann könntest du mich retten. Du könntest mich retten!«

Ich kneife die Augen zusammen. »Tja«, sage ich entschlossen. »Ich kenne ihn aber nicht.«

3. Kapitel

Ich wache auf. Meine Hände sind feucht und ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich liege auf dem Stuhl in dem Zimmer mit den Spiegeln. Als ich mich zur Seite drehe, sehe ich Tori hinter mir. Mit zusammengepressten Lippen entfernt sie die Elektroden von meinem Kopf. Ich warte darauf, dass sie etwas über den Test sagt – dass er jetzt vorbei ist, dass ich mich gut geschlagen habe, wie sollte man das auch nicht, es war ja alles nur Einbildung –, aber sie sagt kein Wort, sondern nimmt stumm die Kabel weg.

Nervös setze ich mich auf und wische die Hände an meiner Hose ab. Ich muss etwas falsch gemacht haben. Hat Tori deshalb diesen seltsamen Blick – weil sie nicht weiß, wie sie mir beibringen soll, dass ich eine Niete bin? Ich wünschte, sie würde irgendetwas sagen.

»Das war wirklich erstaunlich«, sagt sie schließlich. »Entschuldige mich einen Moment, ich bin gleich wieder da.«

Erstaunlich?

Ich ziehe die Knie hoch und presse mein Gesicht dagegen. Am liebsten würde ich weinen, Tränen wären jetzt eine echte Erleichterung, aber ich kann nicht. Wie kann man in einer Prüfung versagen, auf die man sich nicht einmal vorbereiten darf?

Je mehr Zeit verstreicht, desto unruhiger werde ich. Alle paar Augenblicke muss ich mir die schweißnassen Hände abwischen – aber vielleicht tue ich das auch nur, um mich zu beruhigen. Und wenn sie mir nun sagt, dass ich für keine der Fraktionen infrage komme? Dann muss ich auf der Straße leben, bei den Fraktionslosen. Das schaffe ich nicht. Fraktionslos zu sein bedeutet nicht nur, ein Leben in Armut und Elend zu führen, es bedeutet auch ein Leben abseits der Gesellschaft, ohne das Wichtigste im Leben: die Gemeinschaft mit anderen.

Meine Mutter hat es mir genau erklärt. Wir können nicht alleine überleben, und selbst wenn wir es könnten, wir würden es nicht wollen. Ohne eine Fraktion hat unser Leben keinen Sinn und Zweck.

Energisch schüttle ich den Kopf. An so etwas darf ich nicht denken! Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren.

Endlich öffnet sich die Tür und Tori kommt zurück. Nervös umklammere ich die Stuhllehne.

»Es tut mir leid, falls dich das, was ich dir jetzt sage, erschreckt«, fängt sie an und stellt sich neben mich, die Hände in die Taschen vergraben. Sie ist blass und wirkt angespannt.

»Beatrice, deine Ergebnisse waren nicht eindeutig«, verkündet sie. »Normalerweise kann man bei jeder Testphase eine oder mehrere Fraktionen ausschließen, aber bei dir war das lediglich bei zweien der Fall.«

»Nur zwei?«, frage ich verdattert. Meine Kehle ist so eng, dass ich kaum sprechen kann.

»Wenn du einen spontanen Widerwillen gegen das Messer gezeigt und stattdessen den Käse gewählt hättest, dann hätte dich die Simulation in ein anderes Szenario geführt, das deine Eignung für Amite unter Beweis gestellt hätte. Aber das ist nicht geschehen, weswegen diese Fraktion für dich nicht infrage kommt.« Sie hält inne und reibt sich nachdenklich den Nacken. »Für gewöhnlich verläuft die Simulation eindeutig, am Schluss bleibt eine Fraktion übrig, alle anderen scheiden nacheinander aus. Aber dein Verhalten ließ es nicht zu, auch nur eine der übrigen Fraktionen auszuschließen. Deshalb musste ich die Simulation verändern und dich in den Bus setzen. Erst da hat deine hartnäckige Unehrlichkeit Candor ausgeschlossen.« Sie zieht eine Grimasse. »Keine Sorge, in dieser Situation sagt wirklich nur ein Candor die Wahrheit.«

Ein Zentnerstein fällt mir vom Herzen. Vielleicht bin ich doch keine Niete.

»Genau genommen stimmt das nicht ganz«, korrigiert sie sich. »Kandidaten, die in dieser Situation die Wahrheit sagen, gehören zu Candor … oder Altruan. Und genau das ist das Problem.«

Ich starre sie mit offenem Mund an und versuche zu verstehen, was sie sagt.

»Einerseits hast du dich lieber auf den Hund geworfen, als mit anzusehen, wie er das kleine Mädchen attackiert, was typisch ist für eine Altruan. Andererseits hast du dich standhaft geweigert, dem Mann im Bus die Wahrheit zu sagen, selbst als er dir erklärt hat, dass die Wahrheit ihn retten könnte. Das ist überhaupt kein selbstloses Verhalten.« Sie seufzt. »Dass du nicht vor dem Hund davongelaufen bist, deutet auf Ferox hin, aber auch das Messer ist ein Zeichen der Ferox, und das wolltest du partout nicht nehmen.«

Sie räuspert sich, dann fährt sie fort. »Dein kluges Verhalten dem Hund gegenüber zeigt eine Neigung zu Ken. Ich weiß nicht, wie ich deine Weigerung, dich zu entscheiden, im ersten Prüfungsabschnitt bewerten soll, aber …«

»Moment mal«, falle ich ihr ins Wort. »Heißt das, es ist unklar, für welche Fraktion ich mich eigne?«

»Ja und nein«, antwortet Tori. »Ich schließe daraus, dass du gleichermaßen für Altruan, Ferox und Ken infrage kommst. Leute mit einem solchen Ergebnis nennt man …«, sie späht über die Schulter, als fürchte sie, jemand könnte uns belauschen, »man nennt sie … Unbestimmte.« Tori spricht das letzte Wort so leise aus, dass ich es fast nicht höre, und da ist auch wieder dieser angespannte, besorgte Gesichtsausdruck. Sie geht um den Stuhl herum und beugt sich ganz dicht zu mir.

»Beatrice«, wispert sie, »du darfst unter keinen Umständen mit jemandem darüber sprechen. Das ist sehr wichtig, hörst du?«

Ich nicke. »Ja, ich weiß. Wir dürfen unsere Testergebnisse nicht ausplaudern.«

»Nein.« Tori hat sich vor den Stuhl gekniet und die Arme auf die Lehnen gelegt. Unsere Gesichter berühren sich fast. »Du verstehst mich nicht. Ich meine nicht, dass du sie vorerst für dich behalten sollst. Du darfst niemals mit jemandem darüber sprechen, niemals, egal, was passiert. Eine Unbestimmte zu sein, ist äußerst gefährlich. Verstehst du?«

Ich verstehe nichts – was bitte ist an Testergebnissen gefährlich, die nicht ganz eindeutig sind? –, aber ich nicke trotzdem. Ich hatte ohnehin nicht vor, mit jemandem darüber zu sprechen.

»Okay.« Ich lasse die Armlehnen los und stehe auf. Meine Beine fühlen sich so wacklig an, dass ich umgeknickt wäre, wenn Tori mich nicht gestützt hätte.

»Ich werde deine Testergebnisse manuell in das System eingeben und dich offiziell als Altruan deklarieren. Ich schlage vor, du gehst jetzt nach Hause«, sagt Tori. »Du musst jetzt viel nachdenken, und da tut es dir sicher nicht gut, noch länger zusammen mit den anderen zu warten.«

»Ich muss meinem Bruder Bescheid sagen.«

»Keine Sorge, das übernehme ich.«

Ratlos reibe ich mir die Stirn. Beim Hinausgehen starre ich stur vor mich hin. Ich ertrage es nicht, Tori in die Augen zu sehen. Ich ertrage es nicht, an die Zeremonie der Bestimmung zu denken, die schon morgen stattfinden wird.

Jetzt muss ich ganz allein entscheiden, ganz unabhängig von dem, was der Test besagt.

Altruan. Ferox. Ken.

Eine Unbestimmte.

Ich beschließe, nicht mit dem Bus zu fahren. Wenn ich früher als sonst nach Hause komme, merkt es mein Vater, wenn er am Abend das Hausprotokoll liest, und dann wird er eine Erklärung von mir verlangen. Also gehe ich lieber zu Fuß. Ich muss Caleb abpassen, ehe er unseren Eltern etwas erzählt. Zum Glück ist Caleb verschwiegen.

Ich laufe mitten auf der Straße, denn manchmal fahren die Busse haarscharf über die Bordsteinkante, deshalb ist es so sicherer. In der Nähe unseres Hauses sind noch an einigen Stellen Farbreste zu sehen, wo früher die gelben Mittelstreifen waren. Mittlerweile sind sie überflüssig, weil es nur noch so wenige Autos gibt. Wir brauchen auch keine Ampeln, aber manche baumeln immer noch windschief über der Straße und sehen aus, als wollten sie jeden Moment runterfallen.

Der Wiederaufbau geht langsam voran, die Stadt besteht aus einem Flickenteppich von neuen, gepflegten Häusern und alten, verrottenden Gebäuden. Die meisten der neueren Häuser stehen entlang des Sumpflands, das vor langer Zeit einmal ein See war. Die Stadterneuerungsbehörde der Altruan, bei der meine Mutter arbeitet, ist für den Großteil der Aufbauarbeiten verantwortlich.

Wenn ich von außen das Leben der Altruan betrachte, finde ich es wunderschön. Wenn ich sehe, welche Harmonie in meiner Familie herrscht. Wenn ich sehe, wie alle, die woanders zum Essen eingeladen sind, ungefragt beim Geschirrspülen helfen. Wenn ich sehe, wie Caleb Fremden hilft, ihre Einkäufe zu tragen. Ich könnte mich immer wieder neu in dieses Leben verlieben. Doch wenn ich mich selbst so verhalten soll, gelingt es mir nicht. Ich fühle mich nie so, als käme mein Verhalten von ganzem Herzen.

Aber wenn ich eine andere Fraktion wähle, dann muss ich meine Familie verlassen. Und zwar für immer.

Das Stadtviertel der Altruan grenzt an das Gebiet mit Bauruinen und verfallenen Gehsteigen, durch das ich nun laufe. An manchen Stellen ist die Straße eingesunken, darunter kommen die Abwasserkanäle und die verlassenen U-Bahn-Schächte zum Vorschein. Diese Stellen sind gefährlich. Manchmal stinkt es so entsetzlich nach Abwasser und Unrat, dass ich mir die Nase zuhalten muss.

Hier wohnen alle, die zu keiner Fraktion gehören. Weil sie die Initiation bei der von ihnen gewählten Fraktion nicht bestanden haben, leben sie in Armut und verrichten die Arbeiten, die niemand sonst verrichten will. Sie sind Hausmeister, Bauarbeiter und Müllmänner; sie schuften, fahren Züge, lenken Busse. Ihre Arbeit wird mit Kleidung und Essen entlohnt. Und trotzdem hätten sie von beidem zu wenig, behauptet meine Mutter.

An einer Ecke steht einer dieser bedauernswerten Fraktionslosen. Seine braune Kleidung ist schäbig und er hat eingefallene Wangen. Er starrt mich an und ich starre zurück. Ich kann nicht wegsehen.

»Entschuldige«, spricht er mich an. Seine Stimme ist rau. »Hast du etwas Essbares für mich?«

Ich spüre einen Kloß im Hals und eine innere Stimme ermahnt mich: Zieh den Kopf ein und geh weiter.

Nein, denke ich kopfschüttelnd. Es ist nicht richtig, sich vor diesem Mann zu fürchten. Er braucht Hilfe, und die sollte ich ihm gewähren.

»Ähm … ja«, murmle ich und greife in meine Tasche. Mein Vater hat gesagt, ich solle für Gelegenheiten wie diese immer etwas zu essen bei mir haben. Ich gebe dem Mann einen kleinen Beutel mit getrockneten Apfelschnitzen.

Er greift danach, aber statt den Beutel zu nehmen, umklammert er mein Handgelenk. Er lächelt mich an. Zwischen seinen Schneidezähnen klafft eine Lücke.

»Na, du hast aber schöne Augen«, sagt er. »Schade, dass du sonst so unscheinbar bist.«

Mein Herz klopft wie verrückt. Ich will meine Hand wegziehen, aber er hält mich nur umso fester. Sein Atem riecht unangenehm faulig.

»Du bist ein bisschen zu jung, um ganz allein durch die Gegend zu streifen, Kleine«, sagt er.

Ich höre auf zu ziehen und stelle mich kerzengerade hin. Ich weiß, dass ich jünger wirke, daran braucht er mich nicht zu erinnern. »Ich bin älter, als ich aussehe«, erkläre ich. »Ich bin sechzehn.«

Er reißt den Mund auf und ein grauer Backenzahn mit einem dunklen Fleck an der Seite wird sichtbar. Ist das ein Lächeln oder schneidet er eine Grimasse? »Dann ist heute ein besonderer Tag für dich, was? Der Tag, bevor du dich entscheidest?«

»Lassen Sie mich los«, sage ich. In meinen Ohren summt es. Meine Stimme klingt entschlossen und streng – ganz anders, als ich es erwartet hätte. Fast so, als wäre es nicht meine eigene.

Ich bin bereit. Ich weiß, was ich tun werde. Ich stelle mir vor, wie ich ihm mit dem Ellbogen einen Stoß versetze. Ich sehe den Beutel mit den Apfelschnitzen zu Boden fallen, höre schon meine Schritte, als ich davonrenne. Ich bin bereit zu handeln.

Doch da lässt er meine Hand los, nimmt die Äpfel und sagt: »Wähle klug, kleines Mädchen.«

4. Kapitel

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich fünf Minuten früher als üblich in unsere Straße einbiege. Die Uhr ist der einzige Schmuck, den die Altruan tragen dürfen, und das auch nur, weil sie etwas Praktisches ist. Meine hat ein graues Armband und der Uhrendeckel ist aus Glas. Wenn ich sie im richtigen Winkel halte, sehe ich über dem Ziffernblatt mein Spiegelbild.

Die Häuser in unserer Straße sehen alle gleich aus. Sie sind aus grauem Zement und haben nur wenige Fenster, sie sind schlicht, praktisch, unaufdringlich. In den Vorgärten wächst Hirse, die schmucklosen Briefkästen bestehen aus Metall. Manchen mag das trist vorkommen, aber auf mich wirkt diese Einfachheit beruhigend.

Es ist ja nicht so, dass wir etwas Besonderes nicht zu schätzen wüssten, wie die anderen Fraktionen manchmal behaupten. Alles – unsere Häuser, unsere Kleider, die Art, wie wir unsere Haare tragen – soll uns helfen, uns selbst zu vergessen und uns vor Eitelkeit, Gier und Neid zu bewahren, alles drei Spielarten der Selbstsucht. Wenn wir wenig haben und wenig wollen, dann sind wir alle gleich und müssen niemanden beneiden.

Ich gebe mir redlich Mühe, genau so zu sein.

Zu Hause setze ich mich auf die Vordertreppe und warte auf Caleb. Es dauert nicht lange. Nach kaum einer Minute sehe ich grau gekleidete Gestalten die Straße entlangkommen. Ich höre sie lachen. In der Schule versuchen wir, keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber sobald wir zu Hause sind, fangen wir an zu scherzen und zu necken. Was nicht heißt, dass mein Hang zum Sarkasmus gerne gesehen wird. Sarkasmus richtet sich immer gegen andere. Vermutlich ist es also wirklich besser, dass meine Fraktion mich dazu anhält, meine Zunge im Zaum zu halten. Ja, vielleicht muss ich meine Familie gar nicht verlassen. Wenn ich mich richtig anstrenge, selbstlos zu sein, vielleicht werde ich es dann auch.

»Beatrice!«, ruft Caleb. »Was ist passiert? Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Mir geht’s gut.« Er ist mit Susan und ihrem Bruder Robert gekommen. Susan wirft mir einen merkwürdigen Blick zu, als wäre ich auf einmal eine andere Person als noch heute Morgen. Achselzuckend sage ich: »Mir ist nach dem Test schlecht geworden. Lag sicher an der Flüssigkeit, die wir trinken mussten. Aber jetzt geht’s mir schon besser.«

Ich versuche, überzeugend zu lächeln. Bei Susan und Robert scheine ich damit Erfolg zu haben, denn sie machen nicht länger den Eindruck, als sorgten sie sich um meinen Geisteszustand. Aber Caleb sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an, so wie er es immer tut, wenn er jemanden in Verdacht hat, nicht die Wahrheit zu sagen.

»Seid ihr beiden heute mit dem Bus gefahren?«, frage ich. Es ist mir eigentlich egal, wie Susan und Robert von der Schule nach Hause kommen, aber ich will das Thema wechseln.

»Vater muss heute länger arbeiten«, antwortet Susan. »Außerdem möchte er, dass wir vor der morgigen Zeremonie noch einmal in uns gehen.«

Als sie von der Zeremonie spricht, macht mein Herz einen Satz.

»Du kannst später gerne vorbeikommen, wenn du magst«, sagt Caleb höflich.

»Vielen Dank«, sagt Susan und schenkt Caleb ein Lächeln.

Robert zieht die Augenbrauen hoch und sieht mich, wie so oft in letzter Zeit, vielsagend an. Seit gut einem Jahr flirten Caleb und Susan so zaghaft miteinander, wie es nur zwei Altruan können. Caleb blickt Susan gedankenverloren hinterher, als sie weggeht. Ich packe ihn am Arm und rüttle ihn aus seiner Versunkenheit. Dann zerre ich ihn ins Haus und schließe die Tür hinter uns.

Caleb sieht mich an. Fragend zieht er seine dunklen, geraden Augenbrauen zusammen. Wenn er die Stirn so in Falten legt, ähnelt er eher meiner Mutter als meinem Vater. In diesem Moment sehe ich ihn vor mir, wie er das gleiche Leben führt wie mein Vater: wie er bei den Altruan bleibt, einen Beruf lebt, Susan heiratet, mit ihr eine Familie gründet. Er wird ein wunderschönes, erfülltes Leben führen.

Nur ich werde dann vielleicht nicht da sein.

»Sagst du mir jetzt die Wahrheit?«, fragt er leise.

»Die Wahrheit ist, dass ich nicht darüber sprechen darf. Und du darfst mich nicht danach fragen.«

»Ständig brichst du irgendwelche Regeln, nur diese eine nicht? Und das bei etwas so Bedeutsamem?« Caleb runzelt die Stirn und fängt an auf seiner Lippe zu kauen. Trotz seines vorwurfsvollen Untertons habe ich das Gefühl, als wolle er mir nicht nur einfach etwas entlocken, als wolle er wirklich meine ehrliche Antwort hören.

»Und was ist mit dir?«, sage ich mit schmalen Augen. »Wie ist dein Test ausgegangen?«

Wir blicken uns an. Ich höre in der Ferne einen Zug pfeifen, so leise, dass man es auch für einen Windhauch halten könnte, der durch die Gasse streicht. Aber ich weiß genau, was ich da höre. Es klingt, als riefen mich die Ferox zu sich.

»Erzähl bitte nicht den Eltern, was passiert ist, okay?«, bettle ich.

Caleb sieht mich forschend an, dann nickt er.

Ich möchte nach oben gehen und mich hinlegen. Der Test, der Fußmarsch, das Zusammentreffen mit dem fraktionslosen Mann haben mich erschöpft. Aber Caleb hat an diesem Morgen das Frühstück zubereitet, Mutter hat das Pausenbrot für uns gemacht und gestern Abend hat Vater das Abendessen gerichtet. Deshalb bin ich jetzt an der Reihe. Ich hole tief Luft, gehe in die Küche und fange mit dem Kochen an.

Kurze Zeit später kommt Caleb zu mir. Bei so viel Hilfsbereitschaft muss ich die Zähne zusammenbeißen. Er hilft bei allem. Seine natürliche Güte, seine angeborene Selbstlosigkeit irritieren mich immer wieder.

Wortlos machen Caleb und ich uns an die Arbeit. Ich stelle die Erbsen auf die Herdplatte und er taut vier Hähnchenstücke auf. Meistens essen wir Tiefgekühltes oder Konserven, denn die Bauernhöfe sind sehr weit weg. Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Menschen früher keine genetisch erzeugten Lebensmittel gekauft haben. Sie lehnten es als unnatürlich ab. Heutzutage bleibt uns gar nichts anderes übrig.

Als meine Eltern nach Hause kommen, ist das Essen fertig und der Tisch gedeckt. Mein Vater lässt seine Tasche an der Tür fallen und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Andere Leute halten ihn für einen rechthaberischen Menschen – um nicht zu sagen herrisch –, aber er hat auch eine liebevolle Seite. Ich bemühe mich, nur seine guten Seiten zu sehen, ich bemühe mich wirklich.

»Wie war der Test?«, will er von mir wissen. Ich schütte die Erbsen in eine Schüssel.

»Gut«, antworte ich. Ich bin kein Candor, so viel steht fest. Lügen gehen mir viel zu leicht über die Lippen.

»Ich habe gehört, dass es wegen eines Tests Aufregung gab«, sagt meine Mutter. Wie mein Vater arbeitet auch sie für die Regierung, sie ist für Stadterneuerungsprojekte zuständig, hat aber auch die Freiwilligen für die Eignungstests angeworben. Die meiste Zeit verbringt sie jedoch damit, die Leute einzuteilen, die den Fraktionslosen Essen, Unterkunft und Arbeit verschaffen sollen.

»Ach ja?«, fragt mein Vater überrascht, denn so etwas kommt äußerst selten vor.

»Ich weiß nicht viel darüber, aber meine Freundin Erin hat mir erzählt, dass bei einem der Tests etwas schiefgegangen ist, deshalb musste das Ergebnis mündlich übermittelt werden.« Meine Mutter legt eine Serviette neben jedes Gedeck. »Anscheinend ist dem Kandidaten schlecht geworden und man hat ihn vorzeitig nach Hause geschickt.« Achselzuckend fügt meine Mutter hinzu: »Ich hoffe, es geht dem Betreffenden wieder gut. Habt ihr beiden davon gehört?«

»Nein«, beantwortet Caleb lächelnd Mutters Frage.

Mein Bruder eignet sich ebenfalls nicht für Candor.

Wir setzen uns. Bei Tisch reichen wir das Essen immer dem weiter, der rechts von uns sitzt, keiner isst, ehe sich nicht alle bedient haben. Mein Vater reicht meiner Mutter und meinem Bruder die Hand, sie wiederum geben ihm und mir die Hände, dann dankt mein Vater Gott für die Speisen, für die Arbeit, für unsere Freunde und unsere Familie. Nicht alle Altruan sind religiös, aber mein Vater mahnt uns, wir sollten diese Unterschiede nicht beachten – sie würden uns nur voneinander trennen. Ob und was ich glauben soll, weiß ich nicht.

»So«, sagt meine Mutter zu meinem Vater. »Jetzt erzähl es mir.« Sie nimmt die Hand meines Vaters und massiert mit dem Daumen seine Fingerknöchel. Ich starre auf ihre verschränkten Finger. Meine Eltern lieben sich, aber sie zeigen ihre Zuneigung nur selten vor uns. Sie haben uns gelehrt, dass körperlicher Kontakt sehr machtvoll sein kann, deshalb vermeide ich Berührungen, so gut es geht.

»Sag mir, was dich beunruhigt«, fordert sie ihn auf.