Rotraud A. Perner
Der erschöpfte Mensch

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über abrufbar.
© 2012 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub:
978-3-7017-4275-5
ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3266-1
Immer mehr Menschen spüren körperlich, seelisch und geistig, wie sie immer öfter ihre Motivation, Ausdauer, Vitalität, Lebensfreude und Lebenslust verlieren. Dann verhilft die ärztlich bestätigte Diagnose Burn-out zu einer mehr oder weniger längeren Auszeit aus dem Berufsdschungel. Nur: An den Auslösefaktoren ändert sich dadurch nichts. Irgendwann kehrt man ja doch zurück und merkt, dass sich nichts geändert hat, denn kaum jemand wagt ein quasi Burn-out-Outing – das Aufzeigen der strukturellen Faktoren, die zu Kraftverlust führen.
Dschungelgefahren können aber auch daheim wuchern und Energie abziehen. Wie oft unterwirft sich die eine oder andere Person in einer Partnerschaft oder Familie den Ansprüchen fordernder Personen entgegen dem eigenen Gewissen »um des Friedens willen« und verleugnet vor sich und anderen, was das an Schlaflosigkeit, Appetitverlust und Seelenweh auslöst. Man hofft, dass eigenes Entgegenkommen Gleiches bei anderen hervorrufen wird, und merkt erst bei mehrfacher Wiederholung, dass andere Personen unter Partnerschaft Verzicht auf Selbstermächtigung und Selbstbehauptung verstehen.
Die Symptome des sogenannten Burn-out sehe ich daher als gesunde Reaktionen auf ungesunde Zustände – und genau diese gilt es zu erkennen und zu ändern. Die dazu dienliche Energie zurückzuhalten, nützt nur den Energieräubern und bahnt den Weg in die Depression.
Rotraud A. Perner
Kann es nicht sein, dass das Wissen um die Grenzen dessen,
was der Mensch ertragen kann oder was er nur mit den größten
Schwierigkeiten ertragen kann, oder wie seine Fähigkeit, das zu
ertragen, beeinträchtigt wird – kann es nicht sein, dass dieses Wissen
einen Ausgangspunkt für uns darstellt, die Lebensumstände,
ja das Leben selbst zu verbessern?
K. MENNINGER
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine Berufsgruppe medial als hochprozentig gestresst, reif für die Insel sprich für die Berufsunfähigkeitspension, zumindest aber Burn-out-gefährdet geoutet wird. Auf den Gesundheitsseiten der gleichen Medien finden sich dann einschlägige Expertentipps sowie Erholungsangebote von Wellness-Hotels, neuerdings diskret verschränkt in Kombination mit Reha-Aufenthalten für Suchterkrankte – weil keiner wissen soll, zu welcher Kategorie von Gästen jemand zählt. Die Vernetzung der beiden Zielgruppen wäre wohl wünschenswert, stellen sie doch jüngere und ältere Geschwister desselben Elternpaares dar.
Das Elternpaar heißt Überforderung und Energiemangel.
Ihr Erziehungsstil heißt Angstmache und Unterwerfungsgebot.
Auch die ausufernde Werbung für eine Art Verjüngungsservice im Gesundheitstempel – einschließlich Trivialkopien antiker Tempelprostitution – folgt diesem Indoktrinationsmuster: Der gezielten Verängstigung dienen die laufenden Bilder von »young and beautiful people« im abendlichen Werbefernsehen genauso wie der permanent am Laufen gehaltene sogenannte Mainstream, der sich aus der Themenwahl wie aus der Präsentation der zugehörigen »Celebrities« speist.
Man bräuchte eigentlich nur kritisch zu beobachten, welche Personen mit welchen Botschaften der öffentlichen Aufmerksamkeit als Leitfiguren angeboten werden: Meist sind es etablierte, pensionierte Männer, die sich mit einer Frau im Tochteralter Babies »anschaffen« und nun »alte Werte« bejubeln, für die sie sich in jungen Jahren keine Zeit genommen haben, aus welchen Gründen auch immer – Karrieresucht, Konkurrenzängste, Zeitmangel oder auch Unreife. Es wäre falsch, nur die Langeweile der Unterbeschäftigung, die Angst vor dem Vergessenwerden oder Torschlusspanik als Anstoß zur Umkehr zu sehen. Das Lebensende vor Augen wollen viele das Rad der Zeit zurückdrehen, kosmetisch oder ideologisch, und sich zum Mahner für die anderen, mit denen sie nicht mehr mithalten können, aufschwingen.
Was dabei vergessen wird, ist, dass dies der Luxus einer gesellschaftlichen Minderheit ist, deren Stars medial als Werbeträger für allerlei Produkte promotet werden. In einer Zeit, in der die Mehrheit der Menschen in Mitteleuropa um ihre Existenz bangt, prekäre Arbeitsverhältnisse zunehmen und die Entsolidarisierung progressiv fortschreitet, treffen solche Vorgaukeleien vom einsamen Glückesschmied wie von der »guten alten Zeit« auf willige Gläubige: Wenn es der oder die geschafft hat, muss ich es doch auch schaffen. Man schaut nur mehr auf sich und phantasiert persönliches Wachstum und Aufstieg und achtet nicht auf die sozialen Rahmenbedingungen.
Wenn man diese Medienvorbilder nachfolgend mit dem Alltagsleben von Alltagspersonen vergleicht, lässt sich leicht erkennen, dass auf diese Weise künstlich Unzulänglichkeitsgefühle und damit Kompensationsbedürfnisse geweckt werden sollen. Zur Mängelbehebung bieten sich dann subtil angebotene Produkte und Dienstleistungen an, legale wie illegale Drogen sowie Eingriffe in Körper, Seele inbegriffen. Die Ratgeberliteratur boomt, Fachleute aus Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie konkurrieren um Marktanteile und versprechen Heilung von allen Übeln, ewige Glückseligkeit inklusive.
Die versprochene »Anleitung zum Glücklichsein« ist ein Verkaufsschlager geworden, besonders wenn die sogenannten Schönen und Reichen sich als Wissende oder gar Vorbilder anpreisen – diejenigen, die so fernab der Alltagslasten und abgeschirmt von Forderungen, ihr eigenes Leben kontrollieren zu lassen, in ihren Villen thronen und nur ab und zu von ihrem Personal oder aus seelentrostsuchenden Zuschriften vom Leben »da draußen« und »da unten« etwas erfahren.
Wer trotz Lektüre und gläubiger Nachahmung noch immer nicht vor Glück strotzt, ist selbst schuld, wird dann angedeutet, soll er oder sie sich halt eine Familie zulegen und aus Kinderaugen Glück »ziehen«. Nur: Wo aufbauwillige Partnerpersonen finden, mit denen dauerhafter Austausch gelingen könnte, wenn dem Durchschnittsmenschen zwischen Beruf und Fortbildung, von Minimalhaushaltserfordernissen abgesehen, keine Zeit mehr bleibt, sich in die Tiefenarbeit der Abstimmung mit jemandem einzulassen, der oder die überhaupt erst bereit sein muss, Zeit und Energie zu spenden und nicht nur narzisstische Zufuhr zu fordern?
Zur kritischen Beobachtung, was einem selbst Kraft nimmt, braucht es längerfristiges Innehalten, Nachspüren und den Mut, sich nicht an der allgegenwärtig melodiös propagierten und mit Hilfe von Glücksratgebern indoktrinierten Jagd nach dem Glück zu beteiligen. »Don’t worry, be happy!« und »Yes we can!«, denn: »You can do it if you really want!«
Das ist nur die Begleitmusik und subtiles Product Placement zu einem Zeitgeist von Allmachbarkeit und Allmachtswahn. Potenz für ewig.
Energie folgt der Aufmerksamkeit, und wenn die Aufmerksamkeit auf die Jagd nach Glück durch Erfolg gelenkt wird, lenkt sie gleichzeitig vom Erkunden der Ursachen des Unglücklichseins und der Erfolglosigkeit ab. Beides gehört aber zu einem »ganzen«, einem vollständigen Leben dazu. Diese Schattenseite wird in einer Konsumgesellschaft, die für alles ein Produkt oder eine Dienstleistung anbietet, verschwiegen oder verleugnet.
Denn: Welchen Informationswert haben etwa Berichte über »späte Väter«, wenn nicht den, bei denjenigen Männern, die schon »in den Hosen lahmen«, die Nachfrage nach Viagra, Cialis & Co zu steigern? Gebildete Menschen sollten wissen, dass ab etwa vierzig die Gene nicht mehr die Güte besitzen wie mit zwanzig – Stress und Substanzmissbrauch unberücksichtigt. In Hinblick auf das zunehmende Phänomen der »Quarterlife Crisis« – der psychischen Erschöpfung Ende zwanzig – müsste der Zeitpunkt vermutlich sogar noch früher angesetzt werden.
Ebenso sollten Frauen merken, dass triumphierende Berichte über »böse Dellen« an weiblichen hinteren Oberschenkeln nicht der Akzeptanz des hormonbedingten Bindegewebes von Frauen dienen, sondern suggerieren, Frauen sollten die gestählte Muskulatur von Bodybuildern aufweisen (abgesehen von Grenzüberschreitungen wie Meuchelfotos aus dem Privatbereich und der Überheblichkeit, sich als quasi Jury aufzuspielen) und daher die einschlägigen Dienstleistungen zur Tarnung von Alterungsanzeichen inklusive Fettabsaugung und Stilllegung der Mimik mittels Botox-Injektionen (insgeheim aber die Abwehr der Angst, seine Arbeitsstelle oder Partnerperson an Jüngere zu verlieren) kaufen.
Das sind nur ein paar immer wiederkehrende Themen. Es gibt noch viele andere. Das notwendige Lifelong Learning beispielsweise, denn »Weiterbildung und Weiterqualifizierung heißen also die Gebote der Stunde«, wie Karin Zauner in den Salzburger Nachrichten hinsichtlich der Wohlstandsferne gering qualifizierter Menschen mahnt und dennoch weiß: »Wer sogar mit Job zu wenig Geld hat, um halbwegs über die Runden zu kommen, wer voller Sorge ist, wie er und seine Familie durch den Alltag kommen, und wer zwei Jobs macht, damit alle Rechnungen bezahlt werden können, hat oft weder die Kraft noch die Möglichkeit, sich nebenher weiterzuqualifizieren.« Diese Charakteristik trifft aber nicht nur die Sorgenvollen – sie trifft vor allem auch diejenigen, die meinen, sich keine Sorgen machen zu müssen, sollen oder dürfen, und die die Augen fest vor dem Moloch New Economy verschließen, der Eigenverantwortung und Eigenvorsorge als alleinige Kraftquelle für den individuellen Erfolg preist.
Denn alle eint das Idealbild, jeder Mensch müsste immer und ewig eine roboterhafte Perfektion und Leistung aufweisen, alles andere wäre reparaturbedürftig und krank. »Burn-out identifiziert die Therapeutin als eines der dominanten Leiden und erzählt von Klagen über Leistungsdruck, Konkurrenzzwang und harte Arbeitsbedingungen« (Hervorhebung R.A.P.), heißt es in einem Interview mit Dr. Eva Mückstein, der Präsidentin des Österreichischen Berufsverbands der Psychotherapeut/innen. Rund sechs Prozent aller Krankenstandstage würden auf psychische Probleme zurückgeführt; geplant sei daher, mehr Psychologen arbeitsmedizinisch einzusetzen, damit psychische Belastungen früher erkannt würden und man präventiv tätig werden könnte. So dient der Mensch als reparaturbedürftiges Objekt zur Generierung von Arbeitsplätzen für Angehörige von Psycho-Berufen und Arbeitsmediziner/innen.
Energie folgt
der Aufmerksamkeit.
»Im Mittelpunkt der Mensch« lautete ein Wahlslogan in den 1980er Jahren. Es stand aber nicht der Mensch inmitten seiner Arbeitsbedingungen und Arbeitsbeziehungen im Blickpunkt (wobei der Arbeitsplatz Haushalt selbstverständlich dazu zählt, denn Kraftverlust tritt nicht nur bei Erwerbstätigen auf). Das ist ja auch für Angehörige von Dienstleistungsberufen wie Psycholog/innen, Arbeitsmediziner/innen oder Unternehmensberater/innen die einfachere Blickrichtung; die schwierigere wäre die hin zur Arbeitsorganisation und zu den Managern, die ihre »Fürsorgepflicht des Arbeitgebers« allein durch Anordnung von Schutzverhalten gegen Arbeitsunfälle für erfüllt erachten.
Es ist immer leichter, »Störungen« im erwarteten Verhalten anderer als krank zu erklären, als etwa das eigene Kommunikationsverhalten, vor allem aber dessen Inhalte wie etwa Befehle, Drohungen, Demütigungen etc., kritisch zu überprüfen. Patient bedeutet »Leidender«, aber auch »Erduldender« und »Duldender«.
Das Wort »leiden« macht mich kritisch hellhörig ebenso wie das Wort »Krankheit«. In der sogenannten systemischen therapeutischen Arbeit bewährt sich die Technik des »Differenzierens«. So wie im ärztlichen Bereich die Differenzialdiagnose Verwechslungen ausschließen soll, achten korrekte Systemi- ker/innen auf die jeweilige Wortwahl: Bedeutet »leiden« Schmerzen haben oder nur, dass es jemandem »nicht gut geht«? Oder dass man traurig ist? Sorgenbelastet? Oder dass man von unangenehmen Zwangsgedanken heimgesucht wird?
Wenn sogenannte Expert/innen ein Wort gebrauchen, mit dem üblicherweise bestimmte Situationen und folglich Gefühle verbunden werden, braucht es ein inneres Anhalte- und Überprüfungs-Gebot, um Dramatisierungen – oder Verharmlosungen – zu enttarnen. Angehörige von Berufen, die medizinische oder psychologische Dienstleistungen anbieten, neigen zu Negativüberzeichnungen, sofern sie freie Kapazitäten besitzen und Kundschaft anwerben wollen – egal ob für Privatkliniken, Bücher oder Medienauftritte (womöglich noch mit Outings von Klient/innen) –, hingegen wiegeln sie oft ab, wenn sie überlastet sind und sich nicht mit drängenden Patientenwünschen auseinandersetzen wollen. Die Wahrheit – ob sie gerne neue Kundschaft gewinnen möchten oder nicht – sagen die wenigsten. Viele denken darüber auch gar nicht nach, sondern beten unbedacht wiederum mediale Informationen nach.
»Während der Arzt es zunehmend mit Zuständen zu tun hat, bei denen die Behandlung unwirksam, teuer und qualvoll ist, beginnt die Medizin die Prävention zu vermarkten«, zeigte der Historiker, Philosoph, Theologe und römisch-katholische Priester Ivan Illich bereits 1976 auf. »Der Begriff ›Morbidität‹ wird dahingehend erweitert, dass er auch die Risiken der Prognose deckt. Zusammen mit der Krankenfürsorge ist auch die Gesundheitsvorsorge eine Ware geworden – etwas, wofür man bezahlt, statt dass man es selbst täte.« Und er stellt fest: »Die Menschen werden zu Patienten gemacht, ohne krank zu sein.«
Krankheit gilt als etwas Ähnliches wie höhere Gewalt und damit als Entschuldigungsgrund. So schließt sich auch der französische Soziologe Alain Ehrenberg der Kritik an, dass »man in unserer Wohlstandsgesellschaft von einem Medikament für Kranke zu einem für gesunde Menschen, die Schwierigkeiten haben, übergeht, dann weiter zu Medikamenten, die Leute mit normaler Befindlichkeit das Leben erleichtern sollen«. Oder ihre Leistungsfähigkeit bzw. Belastbarkeit steigern – Doping also.
Allerdings stellt Ehrenberg auch fest, es wäre in einer ge- sundheitspolitischen Konzeption, in der man »Patienten ermutigt, sich für ihre psychischen Konflikte zu interessieren«, eine gute Neuigkeit, wenn es ein ungefährliches Medikament zur Verbesserung ihres psychischen Befindens gäbe: »Niemand fragte sich, ob man es mit echten Krankheiten zu tun hatte. Im Gegenteil, die Medikamente lieferten die Legitimation dazu, psychisch krank zu sein.« Und er schließt daraus: »Dies war einer der Faktoren, der dazu führte, der Psyche Einlass in die Gesellschaft zu verschaffen.«
Man sollte also unterscheiden: Wo hat jemand Kraft verloren und wobei – und wo will jemand mehr Kraft aufbauen als die »Konkurrenz«? Solch eine Suche oder gar Sucht nach Überlegenheit und folglich Überheblichkeit verbraucht ebenfalls Lebenskraft, die besser im Wohlbefinden der Selbstakzeptanz gepflegt werden könnte. So bestätigt auch Ehrenberg, dass die »Lust nach Rivalität und Kampf« – deren Motive, ergänze ich, in früher Kindheit und damaligen Erziehungszwängen zu finden sind – und die »Angst, mit ihr konfrontiert zu werden«, zu Energieverlust führen.
»Die Menschen
werden zu Patienten gemacht,
ohne krank zu sein.«
Je mehr Selbsthilferatgeber à la Louise Hay Verbreitung fanden, desto mehr nahmen sich Hobbybesserwisser das Recht heraus, mit psychologisierenden Laiendiagnosen nach dem Motto »Selber schuld!« Mitleid für Krankheit zu verweigern – zumindest für solche Erkrankungen, vor denen sie sich selbst gefeit hielten bzw. ihre Angst davor abwehrten. Ein Erfolgsmensch wird wohl selbstverständlich Erfolgsrezepte besitzen, wird unterstellt, und in Buchform veröffentlicht, werden sie als tägliche Routineübung verstanden und kopiert – ohne all die Details nachzufragen, welche Not erfinderisch gemacht hat.
»Die Risiken einer Routine-Diagnose werden noch weniger gefürchtet als die Risiken einer Routine-Behandlung, obgleich die durch die medizinische Klassifikation zugefügten sozialen, physischen und psychologischen Schäden nicht minder eindeutig bewiesen sind«, warnt Ivan Illich. »Die vom Arzt und seinen Helfern erstellten Diagnosen können die temporäre oder permanente Rolle des Patienten definieren. In jedem Fall fügen sie dem biophysikalischen Zustand einen sozialen Status dazu, der sich auf ein vorgeblich autoritatives Urteil stützt. (Hervorhebung R.A.P.) Wenn der Veterinär die Krankheit einer Kuh diagnostiziert, beeinflusst dies mitnichten das Verhalten der Patientin. Wenn der Arzt einen Menschen diagnostiziert, tut es dies wohl«, und Illich verdeutlicht: »Wenn der Arzt als Heiler fungiert, überträgt er dem als krank anerkannten Individuum gewisse Rechten, Pflichten und Entschuldigungen, die eine bedingte, zeitweilige Legitimität haben und erlöschen, sobald der Patient geheilt ist; die meisten Krankheiten hinterlassen auf dem Ansehen des Patienten keinen Makel abweichenden oder ungebührlichen Verhaltens. Niemand kümmert sich um den Ex-Allergiker oder Ex-Blinddarmpatienten, genau wie niemand sein Leben lang als Ex-Verkehrssünder herumläuft.« (Hervorhebung R.A.P.) In anderen Fällen kann die ärztliche Diagnose jedoch Patienten und sogar deren Kinder ein Leben lang diffamieren: »Indem er die Identität eines Menschen mit einem irreversiblen Makel belegt, brandmarkt er ihn für immer mit einem permanenten Stigma. Der objektive Zustand ist vielleicht längst beseitigt, das iatrogene (d. h. durch ärztliche Einwirkung verursachte, Anmerkung R.A.P.), Etikett bleibt haften. Ehemalige psychiatrische Patienten, Männer nach dem ersten Herzinfarkt, ehemalige Alkoholiker, Leute mit Sichelzellen-Anämie und (bis vor Kurzem) ehemalige Tuberkulöse werden – wie entlassene Sträflinge – für den Rest ihres Lebens zu Außenseitern gemacht«, dazu reicht bereits die Verdachtsäußerung. »Das medizinische Etikett bewahrt den Patienten vielleicht vor Bestrafung, nur um ihn endloser Umerziehung, Therapie und Diskriminierung auszusetzen, die zu seinem, von den Experten ihm zudiktierten Wohl über ihn verhängt werden.« Und Illich formuliert drei Formen von Menschen-Etikettierung:
~ jene, bei denen Heilung versucht werden konnte;
~ jene, die nicht mehr herzustellen waren – er nennt Leprakranke, Krüppel, wunderliche Käuze und Sterbende,
~ und als dritte, neue Gruppe die der »medikalisierten Prävention«, welche »den Arzt zum offiziell bestallten Magier, dessen Prophezeiungen selbst jene treffen, denen die medizinischen Zaubertränke nichts anhaben konnten«, macht.
Wenn man nun im Sinne Illichs der Ärzteschaft das Heer der Psycholog/innen, aber auch Psychotherapeut/innen zugesellt, wird verständlich, was Illich – langjähriger Rektor der Universität Puerto Rico und Seelsorger in New Yorker Slums – stört: »Im letzten Jahrzehnt wurde die Technik der automatischen Multiphasen-Gesundheitstests praktikabel und allgemein als Rolltreppe des Kleinen Mannes in die Welt der Mayo-Kliniken und Diagnosezentren begrüßt.« Statt »begrüßt« könnte man auch das Wort »verkauft« einsetzen. Er schreibt: »Dieses Fließbandverfahren komplexer chemischer und medizinischer Untersuchungen kann durch paraprofessionelle Techniker bei überraschend geringen Kosten durchgeführt werden«, denn »angeblich bietet das Abermillionen Menschen eine differenziertere Feststellung verborgener therapeutischer Bedürfnisse … «; und so können wiederum neue Krankheitskategorien entdeckt werden. Beispielsweise Burn-out.
Aus meiner Sicht wird mit medizinischen oder psychologischen Diagnosen nur das als »Leiden« Bezeichnete individualisiert. Man registriert nur die Reaktion der betroffenen Person, eventuell noch auslösende Momente – und konzentriert sich dann je nach verfügbarer Methodik auf die Behandlung des »greifbaren« bzw. »ansprechbaren« Menschen. Je öfter man »Bedarf« nach der eigenen Wirksamkeit ortet, desto mehr sichert man damit auch den eigenen Arbeitsplatz.
Nach meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Supervisorin und Coach von Teams und Führungskräften wäre es viel zielführender, statt Arbeitsplätze für Psycholog/innen oder Psychotherapeut/innen zu kreieren, einen systemisch-soziologischen Blickwinkel anzulegen: Welche Personen bzw. Gremien mit Macht versuchen mit welchen Methoden aus Mitarbeitern – oder Partnerpersonen und Familienangehörigen – welche Kraftleistungen herauszupressen?
Ich unterscheide dabei Leistung von Kraftleistung: Bei ersterer halten sich Mühe und Erfolg die Waage, bei letzterer gibt es nur Mühsal. Die Leistung besteht also in der Anstrengung, aber Erfolgserlebnis gibt es keines – der Erfolg heißt Kraftverlust, und wer mag den schon leiden?
»Leiden« ist nicht gleich Krankheit. Das Wort bedeutet als Zeitwort nur eine bestimmte Stimmung, denken wir bloß an Sätze wie »Ich mag dich gut leiden«, als Hauptwort hingegen eine Zuschreibung (die aber nicht stimmen muss). Ähnliche Zuschreibungen lauten »Belastbarkeit« oder aber »Versagen« (übrigens ein Wort mit bedeutsamem Doppelsinn!). Immer besteht als Vorgabe ein Idealbild, wie jemand – immer! – zu sein hätte. Immer gleich zu sein bedeutet aber tot sein – alles, was lebt, zeichnet sich durch Wellenbewegungen, durch Aufs und Abs aus, und nur im Idealfall sind diese gleichmäßig abwechselnd.
Erschöpfung bedeutet, wie das Wort schon ausweist, dass jemand seine Ressourcen ausgeschöpft hat und daher Zeit, nicht nur zur Regeneration, sondern meistens zu völliger Neuorganisation benötigt. Das sogenannte Burn-out zeigt sich als Vorstadium.
Burn-out ist ein gesundes Signal auf ungesunde Lebenssituationen.
Ich definiere daher Burn-out nicht als Krankheit, sondern als eine mögliche gesunde Reaktion auf ungesunde – gesundheitsschädliche – Lebenssituationen. Es gibt aber auch andere Reaktionsmöglichkeiten.
Wenn die Stammhirnreaktionen Kämpfen und Flüchten in Situationen, in denen die Gesundheit gefährdet ist, nicht möglich erscheinen, ohne die Zugehörigkeit zur Peergroup zu verlieren, bleibt nur Totstellen. Sich für die analogen Großhirnreaktionen Verhandeln, Distanzieren und Abwarten zu entscheiden, erfordert salutogenes strategisches Denken, und dieses wieder braucht Modelle.
Burn-out ist ein
gesundes Signal auf ungesunde
Lebenssituationen.
Salutogenese ist eine Wortschöpfung des amerikanischisraelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923–1994), der als Erster weg vom Krankheitsparadigma hin zum Gesundheits paradgima die Frage stellte: Was unterscheidet die Menschen, die unter gleich gefährdenden Bedingungen gesund bleiben, in ihrem Verhalten von denjenigen, die krank werden?
Ich sehe die vielfach zu beobachtende Regression – das Zurückfallen in frühere Entwicklungsstadien – auf erprobte Verhaltensweisen aus der Kindheit durchaus als gesundheitsfördernd. Wen beispielsweise Fieber plagt, der tut gut daran, sich ins Bett zurückzuziehen und auszuschwitzen und nicht als Held oder Heldin der Arbeit seine Kollegenschaft anzustecken, Fehler zu machen und die Atmosphäre zu verschlechtern. Für solche Fälle von Leistungsabfall sind Regelungen für den Akutfall vorgesehen, Kontrolle durch die jeweiligen Krankenversicherungsträger inbegriffen.
Zur Erholung von akuten Stimmungsbeeinträchtigungen oder Energieverlust, welche Ursache sie auch haben mögen, gibt es kein Regelwerk, man ist auf Verständnis und Wohlwollen von Vorgesetzten und Mitarbeitenden angewiesen. In vielen Berufen kann man sich nicht einmal Urlaub nehmen, wenn man ihn braucht – denn: »Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle täten?!« (Meine Antwort: Zur Notwendigkeit eines offenen innerbetrieblichen Dialogs, wie ihn Martin Buber und David Bohm vorgeschlagen haben.)
Das Grundproblem ergibt sich daraus, dass infolge der Dominanz des Krankheitsparadigmas nur die Reaktion – das Sich-subjektiv-schlecht-Fühlen – beachtet, daher bloß in diese eine Richtung gedacht und folglich »krank geschrieben« wird. Die anderen beeinflussenden Faktoren werden weitgehend ignoriert; es ist zwar modern geworden, im Sinne der sogenannten Lebensstilmedizin auch Ernährung, Bewegung und Entspannungsgewohnheiten zu hinterfragen, vielleicht auch private Beziehungsprobleme in Erwägung zu ziehen – der Blick bleibt aber unverändert in Richtung auf den »Patienten«, den leidenden Menschen gerichtet. Er oder sie soll sich halt »anpassen« – durchaus im Sinne des Darwin’schen Axioms vom »survival of the fittest« – und auf größere Stresstoleranz hin trainieren. Aber genau diese Unterwerfungsstrategie unter das geheime Erziehungsmodell – jung, schön, belastbar, widerspruchslos – ist der Weg in Burn-out und Erschöpfung.
Es gehört zu den Grundbedürfnissen des »Sozialwesens« Mensch, sich in einer Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Deshalb ist er auch nach der Theorie des Philosophen René Girard bereit, »auf dem Altar der Gruppenzugehörigkeit bereitwillig ein Opfer« darzubieten.
Ist es zu Beginn des Lebens zuerst die Symbiose, dann die Dyade, d. h. innige Zweisamkeit, mit der Mutter bzw. ihrer Ersatzperson, erweitert sich dieser »soziale Uterus« durch die Zuwendung von ihnen nahe stehenden Personen. Schön, wenn der Erzeuger des Kindes die nötige Väterlichkeit aufbringt, auch seine Aufmerksamkeitsenergie, Geduld und Akzeptanz sowohl allein wie auch als Paar gemeinsam mit der Mutter dem Nachwuchs zu schenken – und wenn dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, eine Herausforderung an soziale Kreativität, dazu eine neue Form zu entwickeln.
Diesem Grundbedürfnis, akzeptiert zu werden, wie man ist, steht die Grundangst vor dem Herausfallen aus der sozialen Gemeinschaft gegenüber – war sie doch in frühester Kindheit Voraussetzung für das Überleben. Mit zunehmendem Alter sollte sie zunehmender Autarkie und Autonomie weichen. Sie führt andernfalls zu gesundheitsschädlicher Anpassung an fremdbestimmte Vorgaben, egal, ob sie aus der Familie, dem Beruf oder den Medien stammen, und frisst Energie, die man besser, nämlich zu sozialen Innovationen nutzen könnte.
Solche Ängste gestand sogar ein Genie wie Nikolaus Kopernikus im Vorwort zu seinem Werk »De Revolutionibus Orbium Coelestium« (»Über die Umlaufbewegungen der Himmelskörper«), das er erst kurz vor seinem Tod und auch nur auf Drängen seines einzigen Schülers Rheticus zur Veröffentlichung frei gab: »Ich kann mir leicht vorstellen …, dass manche Leute, sobald sie erfahren, dass ich in diesem von mir über die Umlaufbewegungen der Himmelskörper verfassten Buch der Erde gewisse Bewegungen zuweise, sofort ein Geschrei erheben werden, dass ich und meine Theorie zurückgewiesen werden sollten. Wenn ich in meinem eigenen Geist erwog, wie absurd ein solches Unterfangen denen erscheinen muss, die wissen, dass das Urteil vieler Jahrhunderte dieser Ansicht zugestimmt hatte, dass die Erde der unverrückbare Mittelpunkt des Himmels sei, und statt dessen versichern würde, dass die Erde sich bewegt – wenn ich all dies sorgsam erwog, dann brachte mich die Verachtung, die ich wegen der Neuartigkeit und scheinbaren Abwegigkeit meiner Ansicht befürchten musste, beinahe dazu, die Arbeit aufzugeben, die ich begonnen hatte.« (Hervorhebungen R.A.P.) In unserer Zeit hätte ihn vermutlich ein wohl kalkulierender Verleger zur Herausgabe gequält, da er sich von dem zu erwartenden Skandal zu Recht kaufmännischen Gewinn erhoffen könnte.
Dem Grundbedürfnis,
akzeptiert zu werden, wie man ist,
steht die Grundangst vor dem
Herausfallen aus der sozialen
Gemeinschaft gegenüber.
Doch wer kennt diese Anwandlung von Unsicherheit und Furcht, die Kopernikus beschreibt, nicht auch aus dem eigenen Leben? Man kann sie Angst nennen oder Vorsicht, mangelndes Selbstvertrauen oder realistische Einschätzung von Reaktionen – man bleibt dabei nur auf der einen Seite der sozialen Interaktion; es gibt aber auch die andere: die der Neider, jedoch vor allem der Verächter, Spötter, Ignoranten, Veränderungsunwilligen oder aber auch der nur Machtbewussten, die deshalb keine Kritik oder Entwicklung zulassen wollen, weil dann ihr Allprimat gefährdet wäre. Egal, von welcher Seite man solches Ringen um oppositionelle oder auch nur ergänzende Sichtweisen betrachtet – man stößt auf Ängste. Ängste, Zugehörigkeit und damit Energie zu verlieren.
Im Wort Zugehörigkeit steckt der Begriff des Hörens, doch auch dieser muss erst geklärt werden:
~ Hören kann man rein organisch ohne viel Verständnis;
~ man kann aber auch intuitiv mit dem geistigen Ohr der Phantasie vorausahnen, was man wohl zu hören bekommen wird;
~ man kann auf bestimmte Worte hören und damit wiederum unterschiedliche Botschaften heraushören;
~ man kann aber auch, wenn man darauf »geeicht« worden ist, wie es in manchen psychotherapeutischen Methoden praktiziert wird, mit dem sogenannten »dritten Ohr« unausgesprochene unbewusste Botschaften entschlüsseln.
In dieser Unterscheidung zeigt sich bereits, dass viele Menschen nur einen Wahrnehmungskanal nutzen, einesteils, weil es ihnen so beigebracht wurde und sie gehorsam – auch da steckt der Begriff des Hörens drinnen! – sein wollen, anderenteils, um sich vor unerwünschten Gefühlen zu schützen. Solche können bereits bei nur gedanklichem Ungehorsam auftreten und zu massiver Angst oder ihrem Gegengefühl, massiver Wut führen. Da im gegenwärtigen Zeitgeist Coolness, also Freisein von Affekten und auch sonstigem Gefühlsausdruck, propagiert wird, erschöpfen sich viele Menschen nicht nur in deren Unterdrückung, sondern bereits in ihrer Selbstwahrnehmung.
Von C. G. Jung stammt die Anordnung der vier Grundformen der Wahrnehmung und damit auch des Bewusstseins in je zwei Gegensatzpaare: körperlich empfinden und intuitiv erahnen sowie seelisch fühlen und kognitiv denken. Entscheidend ist nicht, was man denkt, »sondern dass man mit der Funktion des Denkens und nicht z. B. des Intuierens an die Aufnahme und Verarbeitung der vom Außen oder vom Innen sich uns stellenden Inhalte herangeht«, und weiter: »Denken ist daher jene Funktion, welche vermittels einer Denkarbeit, also der Erkenntnis – d.h. begrifflicher Zusammenhänge und logischer Folgerungen – zum Verstehen der Gegebenheiten der Welt und zur Anpassung an sie zu gelangen sucht. Im Gegensatz dazu wird es durch die Funktion des Fühlens aufgrund einer Bewertung durch die Begriffe ›angenehm oder unangenehm, bzw. annehmen oder abwehren‹ erfasst.« Jung bezeichnet beide Funktionen als »rational«, weil sie »mit Wertungen arbeiten«. Empfindung und Intuition benennt er hingegen »irrational«, weil sie »bei Umgehung der Ratio nicht mit Urteilen, sondern mit bloßen Wahrnehmungen, ohne Bewertung oder Sinnverleihung arbeiten.«
Angst beispielsweise kann demnach auf viererlei Weise entschlüsselt werden: Körperlich manifestiert sich Angst in schnellerer und flacherer Atmung – der Körper macht sich fluchtbereit; in Kältegefühl – die Blutgefäße verengen sich, um möglichen Blutverlust bei Verletzung gering zu halten; kalter Schweiß bricht hervor, »es beutelt einen«. Seelisch bewirkt Angst Gefühle von Beklemmung, Anspannung, erhöhter Wachsamkeit, wohingegen intuitiv Phantasien möglicher Bedrohungen auftauchen; auch wenn viele Menschen nicht gewohnt sind, geistige Bilder wahrzunehmen, treten solche zumindest schemenhaft auf. Im kognitiven Denkprozess hingegen wird bewusst entschlüsselt, dass man Angst hat (und nicht nur eine Befürchtung) und wovor, was man dagegen tun könnte und welche Ressourcen, d. h. Hilfsmittel und Fähigkeiten, dazu nötig wären. Das können dann wiederum körperliche, seelische oder intuitive sein.