
Gerda Hillebrand
MICHI, LISA UND HERR JACCO
TEIL II
DER ZAUBERBERG
Jugendroman
© 2012
AAVAA Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Quickborner Str. 78 – 80, 13439 Berlin
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2012
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Umschlaggestaltung und Illustrationen:
Eva Novotny, 3003 Gablitz, Niederösterreich
Printed in Germany
ISBN 978-3-8459-0250-0
Dieser Roman wurde bewusst so belassen,
wie ihn die Autorin geschaffen hat,
und spiegelt deren originale Ausdruckskraft und Fantasie wider.
Alle Personen und Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
sind zufällig und nicht beabsichtigt.
INHALTSVERZEICHNIS
Was bisher geschah – eine Einführung in den ersten Band
1. Harras gewöhnt sich an sein Zuhause
2. Ja, was ist denn das?
3. Reizender Neuzugang
4. Moritz, Paulinchen und Gipsy
5. Es geht zu wie im Museum
6. Harras am Hundeabrichteplatz
7. Die letzten Wochen vor den Ferien
8. Im Urlaubsvorbereitungsstress
9. Es geht los!
10. Das Haus am See
11. Welch traumhafte Höhle!
12. Von Zauberern und Feen
13. Wo sind sie denn?
14. Es war einmal …
15. Herr Jacco als Spurensucher
16. Ein Licht im Tunnel
17. Der reinste Wahnsinn
18. Das Finale
19. Eine unglaubliche Geschichte
20. Wunderbare Zeit
21. Wieder daheim
Was bisher geschah:
Die beiden Freundinnen Michi und Lisa lasen ihren besten Freund Herrn Jacco auf der Straße auf.
Jacco war ein vernachlässigter, kranker Hund, der von seinem Besitzer, Herrn Weiss, so übel behandelt wurde, dass er als Streuner sein Dasein fristen musste.
Die Mädchen hatten Mitleid mit dem Tier und nahmen es ohne Wissen ihrer Eltern bei Lisa in einer Scheune auf.
Das gemeinsame Geheimnis mit ständigen Ausflüchten und Ausreden belastete die Mädchen auf das Äußerste.
Jaccos Name war als Kompromiss die Abkürzung von Jakob, Lisas Bruder und Coco, Michis Lieblingsnamen für einen Hund. Da es sich bei Jacco um einen Rüden handelt, wurde er schlichtweg Herr Jacco gerufen.
Jacco entwickelte sich, dank der aufopfernden Pflege beider Mädels, zu einem prachtvollen Hund, der Mischung aus einem Wolf und einem Fuchs, mit langem, dichtem Fell.
Lisa ist die Tochter einer Bauernfamilie, nicht gerade begütert jedoch klug und sehr umgänglich. Sie liebt schöne Kleidung, kann sie sich aber nicht leisten. Besonders stolz ist sie auf ihre langen, blonden Haare, die sie oft und gerne pflegt.
Michi ist die Tochter einer Handelsunternehmerfamilie, burschikos, ebenfalls klug und tüchtig. Sie hat allerdings nichts mit Kleidern und Röcken am Hut. Ihre kurzen, schwarzen, pflegeleichten Haare passen gut zu ihrem Äußeren.
Jakob, Lisas Bruder, zählt Christian und Daniel zu seinen Freunden. Es sind somit auch Freunde der Mädchen.
Die beiden Freundinnen erlebten mit ihrem Herrn Jacco einige Abenteuer. Darunter ein gefährliches Ereignis mit Herrn Weiss, der sich im Waffenhandel und mit Einbruchsdelikten bei der Polizei einen Namen gemacht hatte.
Bei einer Dieberei wurde er von seinem ehemaligen Schützling, dem Hund, gestellt, worauf er ihn durch einen Schuss beinahe getötet hätte.
Als Herr Weiss erfuhr, dass Jacco immer noch lebte, war sein ganzes Bestreben, den Hund aus Rache zu töten und auf Nimmerwiedersehen abzuhauen.
In der Zwischenzeit hatten sich die Mädchen ihren Eltern anvertraut, erzählten von Herrn Jacco, erzählten von ihren eigenständigen detektivischen Arbeiten rund um Herrn Weiss und die Waffenschieberbande. Zunächst waren die Eltern sprachlos und sehr enttäuscht von ihren Kindern.
Trotzdem durfte Jacco am Bauernhof verbleiben, weil die Eltern erkannten, dass der Hund ihren Kindern eine Menge Verantwortung, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Gewissenhaftigkeit auferlegt hatte.
Nach Herrn Weiss wurde intensiv gesucht.
Als er sich eines Tages in die Scheune schlich, um mit seinem ehemaligen Hund abzurechnen, nahm er die beiden Freundinnen in Geiselhaft, die dabei zusehen sollten, wie er den Hund endgültig in den Hundehimmel befördern wollte.
Jacco hörte die aufgeregten Stimmen seiner Frauchen in der Scheune, schlich sich so an, dass Herr Weiss nichts mitbekam, und konnte den Unhold zur Strecke bringen.
Dadurch war Herr Jacco in der gesamten Stadt und im Umland zu einer Berühmtheit geworden.
Aus einer Zucht mit Jacco entstand sein Sohn Harras, der nun bei Michi leben darf und genau so, wie Herr Jacco ihr bester Freund ist.
Für meine Enkelin Maya
Kalt war es, der Winter wollte nicht so recht dem Frühling weichen, als sich am frühen Abend im Dämmerlicht eine Gestalt auf einem Forstweg rasch fortbewegte. Ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, konnte niemand genau ausmachen. Der Mantelkragen war hochgeschoben, eine Hand in der Tasche des Mantels vergraben. In der anderen Hand trug die Gestalt einen Karton. Er war nicht schwer, denn das hätte man am Gang dieses Menschen erkennen können.
Offensichtlich wusste die Gestalt genau, wohin sie musste. Plötzlich blieb sie stehen, sah sich um, so als würde sie beobachtet werden. Die Luft war rein. Schnell zwängte sie sich durch das laubfreie Gebüsch am Rande des Weges in den nahen Wald.
Der Behälter wurde abgelegt. Leises Wimmern war daraus zu hören, was die Person jedoch nicht berührte. So rasch, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder.
Der Pappkarton blieb in einer kleinen Aussparung des Dickichts liegen.
1. Harras gewöhnt sich an sein Zuhause.
„Komm her, du Strolch!“, lachte Michi und rannte hinter ihrem Harras her.
Der hatte sich gerade ihrer neuen Hausschuhe bemächtigt, die besonders flauschig waren.
Seit dem Einzug des Hundes ging es im Elternhaus Michis recht turbulent zu.
Harras war ein sehr aufgeweckter Hund. Derzeit war er relativ klein, betrachtete man seine Pfoten, ahnte man bereits seine künftige Größe.
Noch schlief er bei Michi im Zimmer. Dort hatte sie ihm ein kleines Hundebettchen zurechtgemacht, das mit einem wolligen, weichen Stoff ausgelegt war. Jetzt wies er bereits tiefe Löcher durch Harras’ verspielte, beißwütige Unbekümmertheit auf. Was herumlag, gehörte ihm. Er zerfetzte alles, was er in sein kleines Mäulchen bekam. Deshalb hieß es für Michi, sämtliche Dinge aus der Reichweite des Hundes zu verbannen.
„Harras, hierher!“, rief Michi etwas ungeduldiger geworden.
Aber wirklich böse war sie nicht.
„Wenn Mama sieht, was du mit meinen neuen Hausschuhen anstellst, na, dann setzt es was. Ich habe ihr versprechen müssen, dass ich auf mein Hundchen gut aufpassen werde, damit es im Haus kein Kuddelmuddel macht“, sagte sie sanft schmeichelnd.
Doch Harras war das egal. Er flitzte mit einem Pantoffel davon, versteckte sich hinter einer kleinen Truhe in Michis Zimmer, und wirbelte das Ding mit seinem Maul hin und her. Schon flog eines der kleinen Glitzersteinchen, die wohl als Verzierung gedacht waren, in weitem Bogen davon.
„Wer kauft Hausschuhe mit Glitzersteinchen?“, fragte Michi sich selbst, obwohl sie natürlich die Antwort wusste.
Ihre Mutter legte Wert auf solche Dinger. Sie wollte ihre burschikose Tochter wohl ein wenig in die damenhafte Schiene lenken. Das war allerdings vergebliche Liebesmüh, denn Michi fühlte sich in lässiger Kleidung wesentlich wohler.
„Diese Pantoffeln wären was für Lisa“, fand sie. „Meine Freundin liebt solche Sachen außerordentlich.“
Sie kroch hinter die Truhe, wo sich ihr kleiner Lauser befand.
„Na, hab ich dich endlich, du Racker!“, sagte sie, gab ihm ein kleines Leckerli, das sie immer griffbereit in ihrer Hosentasche mit sich trug. Dadurch ließ Harras endlich von seiner Beute ab. Der Schuh war patschnass, dennoch im Großen und Ganzen heil geblieben. Lediglich ein kleines Strasssteinchen musste sie rasch annähen, bevor ihre Mutter das Malheur sah. Mehr brauchten sie beide nicht! Die Moralpredigt könnte sich hören lassen.
Als Strafe für sein ungezogenes Verhalten wurde Harras von Michi abgeschmust, dass ihm beinahe Hören und Sehen vergingen.
„Für das Steinchen musst du fünf Küsse erdulden. Dafür, dass die Hausschuhe klatschnass sind, kriegst du vier Bussis, und weil du mir nicht gefolgt hast, werde ich dich mit fünf innigen Umarmungen beglücken. Ich werde dich so erziehen, wie es sich für einen Hund gehört“, bemerkte sie laut lachend.
Der kleine Tollpatsch sah sie listig an.
Das Hündchen war vier Monate alt und hatte bereits ordentlich an Gewicht und Größe zugelegt. Immer noch war es das kleine Abbild seines Vaters. Sogar die Farbe des Felles glich der von Herrn Jacco.
„Mein Gott, wie die Zeit vergeht!“, flüsterte sie in Harras’ Ohr. „Kannst du dich erinnern, wie ich dich hierher gebracht habe, du Lausbub?“, fragte sie ihn. Dabei sah Harras sie ein wenig unverständlich von der Seite her an.
„Was will sie mir jetzt wieder sagen?, wau, wau. Wieso reden Menschen so viel unverständliches Zeug daher? Sie sollten winseln und bellen wie wir, dann kennt man sich wenigstens aus“,
könnte er sich in der Hundesprache gedacht haben.
Weiter fuhr Michi fort, ihm die Geschichte seiner Übersiedlung zu erzählen:
„Es war ein entsetzlich kalter Februartag, als wir dich abgeholt haben. Ich war voll aufgeregt, und habe Tage zuvor kaum schlafen können.“
Sie zeigte ihrem Welpen wie aufgeregt sie damals war, indem sie hin und her zappelte, sich mit ihren Händen durchs kurze, schwarze Haar fuhr, was immer ein Zeichen ihrer besonderen Erregung war.
„Lisa und Jakob waren natürlich mit dabei, als uns Mama zur Züchterin gebracht hat. Christian und Daniel waren ebenfalls dort, weil sie sich für einen Welpen angemeldet haben. Daniel hat eine kleine Hündin bekommen. Seine Eltern hatten bereits einen kastrierten Rüden zu Hause, den sie seinerzeit aus Spanien mitgenommen hatten. Er war in eine Tötungsstation gebracht worden und hätte in den nächsten Tagen umgebracht werden sollen.“
Darüber war sie sehr erregt, kam auf ihren kleinen Freund zu, fuhr ihm übers Fell.
„Das musst du dir einmal vorstellen, kleiner Mann. Aber eine Tierarztfamilie kann niemals zulassen, dass ein gesundes Tier zu Tode gespritzt werden sollte.“
Zur Bekräftigung ihrer Worte nickte sie mit dem Kopf. Der kleine Teufel kam näher und schnupperte an ihren Beinen. Dadurch ließ sich Michi nicht beirren und fuhr in ihrer Erzählung fort:
„Christians Vater wollte unbedingt einen Rüden, weil er für den Polizeidienst einen Spürhund heranziehen wollte. Weißt du, Christians Vater ist ein wichtiger Mann bei der Polizei. Er war auch dabei, als Herr Weiss verhaftet wurde.“
Michi erhob sich wieder von ihrem Stuhl und machte eine Wanderung durchs Zimmer. Harras sah ihr neugierig nach, als würde er sich eine Spielrunde mit seinem Frauchen erhoffen.
„Daniel und Christian haben bereits mit ihren Hündchen gespielt, als wir eintrafen. Du hast dort gesessen und neugierig zugesehen, wie die beiden Geschwister herumgetollt haben. Offensichtlich hast du schon auf mich gewartet, denn du hast mich bereits aus vielen Besuchen zuvor gekannt.“
Bei diesen Worten streichelte sie unermüdlich das Köpfchen von Harras, der das offensichtlich sehr genoss.
„Ich habe keine Möglichkeit ausgelassen, um dich zu sehen. Vom ersten Augenblick an habe ich dich geliebt, und du mich auch. Eigentlich hast du mich ausgewählt, und nicht umgekehrt. Als wir erschienen sind, bist du schnurstracks auf mich zu gerannt, hast sogar vor Freude gewinselt, als ich dich hochgenommen habe. Ich erinnere mich so gut an den wohligen Geruch deines Felles. Meine Nase hat sich stets gerne darin vergraben. Ich zeig dir, wie.“
Sie nahm Harras hoch und schnupperte in seinem Fell, wobei sie tief aus- und einatmete, damit der kleine Kerl begriff, was sie meinte. Nachdem sie ihn wieder zu Boden setzte, fuhr sie sich mit der Hand durchs kurze Wuschelhaar, ein Zeichen, dass sie sich für die weitere Geschichte ein wenig sammeln musste. Harras sah sie wieder von der Seite her an.
„Äußerst ruhig und gelassen hast du dich von mir herumtragen lassen. Ich glaube, du hast das ebenso genossen, wie ich. Alsdann die Fahrt nach Hause, wo wir zuvor bei Lisas Hof haltgemacht haben, um deinen Vater zu begrüßen. Herr Jacco hat bereits auf uns gewartet. Die Bellerei und das Gewinsel, als ihr euch gesehen habt, waren kaum zu überbieten. Dein Vater hat an dir herumgeschnüffelt und dich abgeschleckt, dass du bei der damaligen Kälte klatschnass geworden bist, und ich dich mit einem Tuch trocken reiben musste, damit du dir nicht sofort eine Erkältung geholt hättest.“
Sie nahm zur Bekräftigung ihrer Worte das T-Shirt vom Stuhl und rubbelte damit den Hund ab, der sicher nicht wusste, wie ihm geschah.
„Aber du bist überhaupt nicht zu bremsen gewesen! Auf Schritt und Tritt hast du unseren Herrn Jacco verfolgt. Hast ihn wiederholt in seinen Schwanz gebissen, wenn er nicht mehr herumtollen wollte. Jacco hat es sich gefallen lassen. Kein einziges Mal hat er böse geknurrt. Ganz sanft hat er seine große Tatze auf deinen kleinen Körper gelegt, um dich Energiebündel, ein wenig im Zaume zu halten. Es war alles vergebens. Dich konnte man nicht einbremsen.“
Michi war bei ihrer Erzählung so aufgedreht, als würde sich die vergangene Geschichte jetzt in diesen vier Wänden nochmals abspielen. Sie konnte sich nicht ruhig halten und hopste herum, wie ein verrücktes Huhn.
„Ein mulmiges Gefühl habe ich gehabt, als wir alle zu Hause eingetroffen sind. Wie würde es sein, wenn die anderen weg wären, ging mir stets durch meinen Kopf. Ich hatte Angst, dass du sehr traurig wärst, und ich dich nicht aufheitern könnte.“ Nachdenklich kraulte sie ihren Liebling und dachte beunruhigt an die Zeit zurück.
„Doch diese Furcht war gänzlich unbegründet. Du hast mir deinen Einzug bei uns sehr leicht gemacht, kleiner Freund. Dafür danke ich dir jetzt noch. Du hast dich auf Anhieb bei uns wohlgefühlt. Vielleicht deshalb, weil ich dich die ersten Nächte bei mir im Bett schlafen gelassen habe? Aber pst, pst, … nichts Mama erzählen, das bleibt unser kleines Geheimnis, nicht wahr? Kleine Geheimnisse versüßen doch unser Leben, gell?“
Dabei berührte sie mit dem Zeigefinger ihren Mund, um das Stillschweigen zu bekräftigen.
„Ich jedoch werde dir immer alles erzählen, weil du nach Lisa, meiner besten Freundin, nach Herrn Jacco unserem Hundefreund, mein alleiniger Kamerad und Kumpel bist.“
Michi küsste ihn mitten auf seine Schnauze, dass es nur so schmatzte. Harras legte sein Köpfchen in ihren Schoß.
„Ui, wenn Mama das wieder gesehen hätte!“, wisperte sie dem Wollknäuel ins Ohr. „Nicht auszudenken ihre Moralpredigt: Man lässt sich von Hunden nicht abschlecken, man küsst Hunde nicht auf das Maul, man macht nicht, man tut nicht, man! … Oh Mann, nichts als Verbote! Aber sie hat irgendwie recht damit“, lenkte sie selbst ein.
„Tiere schnüffeln überall herum, da gibt es eine Menge böser Keime. Aber ich denke, wenn man gesund ist, schafft es der eigene Körper schon, damit umzugehen, meinst du nicht auch, kleines Äffchen?“
Wieder sah Harras sie von der Seite her an und konnte abermals nichts mit Michis Geschichten anfangen.
„Jetzt bin ich sogar schon zum Affen geworden, bin neugierig, welche Tierarten ich im Laufe meines Lebens verkörpern werde, wau, wau.“
„Du schaust heute sehr geistreich, kleiner Mann“, sprach Michi lachend und zwinkerte ihrem Freund listig zu.
„Muss ich denn mit dir englisch sprechen, damit du mich verstehst? Ja, ja, ich weiß, ich rede halt nur Unsinn, quatsche unentwegt, anstatt mit dir zu spielen. Das ist es wohl, nicht wahr?“
„Erraten, kleines Fräulein, du faselst wirklich ununterbrochen Blödsinn daher. Aber ich werde ein Auge zudrücken müssen bei deinem Geschwätz, wau, wau“, sagten die Äuglein des Rabauken.
„Na komm, wir gehen nach draußen, auch wenn es saukalt ist. Der Frühling lässt leider noch auf sich warten. Du hast Glück, dass heute Sonntag ist, und ich nicht in der Schule bin. Dabei müsste ich noch sehr viel lernen. Morgen gibt es wieder einmal eine Mathearbeit zu erledigen. Das Gymnasium ist ein gewaltiger Unterschied zur Grundschule. Aber bevor ich lerne, gehen wir rasch Gassi.“
Sie blickte auf ihre Uhr, holte das Mathematikbuch zum Lernen aus ihrer Schultasche und wiederholte:
„Na, komm, willst du etwa gar nicht?“
Harras rührte sich nicht aus seinem Truhenversteck hervor, das er sich nach der Äffchenanrede als Schlafplatz auserkoren hatte.
„Vielleicht hat er sich mit dem Pantoffelspiel zu sehr verausgabt“, dachte Michi. Aber als er die kleine Leine in Michis Hand sah, war an Müdigkeit nicht mehr zu denken. Er schnellte hervor, jaulte vor Freude und ließ sich brav das Halsband umlegen.
„Braver Hund! Das Gehen an der Leine hast du sehr fein gelernt. Ich bin stolz auf meinen klugen Freund. Weißt du was? Wir besuchen deinen Vater. Ist das nicht eine gute Idee? Da könnt ihr beide herumtollen, während Lisa und ich ein wenig quatschen können.“
„Mein Frauchen muss wahrlich ein Wörterbuch verschlungen haben, so purzeln die Sätze aus ihm hervor. Jetzt will die Gute auch noch mit ihrer Freundin schwatzen! Wenn das so weiter geht, muss mir mein Papa Ohrenstöpsel besorgen, wau, wau.“
Michi schlüpfte in ihre warme Jacke, rief rasch ihrer Mutter ins Wohnzimmer ein:
„Ich komme gleich wieder. Ich gehe mit Harras Gassi“, zu, zog sich die Stiefel an und war bereits verschwunden.
„Na, die haben es vielleicht wieder einmal eilig!“, brummte die Mutter. „Aber besser an die frische Luft zu gehen, als zu Hause vor dem Fernseher herumzusitzen“, sagte sie sich und blickte den beiden trotzdem zufrieden nach.
Hie und da lugte bereits die Sonne hervor. Sie versuchte, dem Schnee den Garaus zu machen. Mitte März hatte sie ordentlich Kraft, wenn die Wolken es zuließen und sich einige klare Fenster auftaten.
Harras mochte den Schnee. Er kannte nichts anderes. Am liebsten waren ihm Schneeballschlachten. Jedem einzelnen Schneeball lief er nach, und wenn er ihn zu fassen kriegte, zerbiss er ihn.
In der Schneemauer vor dem Eingangstor wühlte er, grub sich einen Tunnel, in dem er für kurze Zeit verschwand. Michi konnte ihm stundenlang zusehen. Wie sehr liebte sie ihren Hund! Wie dankbar war sie Lisas Mama, weil sie es ermöglicht hatte, dass sie Harras aufnehmen durfte. Auch ihrer Mama dankte sie täglich, die es erlaubt hatte. Heute konnte sie sich kaum mehr eine Zeit ohne ihren kleinen Freund samt Jacco vorstellen. Herr Jacco war etwas Besonderes. Ihm schuldete sie eine ganze Menge. Er hatte sie gewissermaßen zu Verantwortlichkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Entbehrung und auch Mut sowie Vertrauen erzogen. Mehr als seinerzeit ihre Eltern, kam ihr zum Bewusstsein.
Wenn sie an die Zeit zurückdachte, wie sie damals den Hund aufgelesen hatten, Lisa und sie. Was sie alles mit ihm erlebt hatten! Dann spürte Michi eine übergroße Befriedigung und einen unsagbaren Stolz. Was, und vor allem wie sie alles gemeinsam gemeistert hatten! Daran war Jacco beteiligt gewesen. Deshalb mochte sie ihn so sehr. Sie hatten sich vollkommen arrangiert, Lisa und sie. Jacco lebte zwar bei Lisa und ihrer Familie, aber auch sie war Teil dieser Familie. Sie fühlte sich nie aus dieser einmaligen Gemeinschaft ausgeschlossen. Dafür sorgten schon Lisas Eltern.
Bei diesen Gedanken spürte sie eine unglaubliche Verbundenheit mit den Bauersleuten. Ihr Herz machte vor Glück Freudensprünge.
In Lisas Haus konnte sie aus- und eingehen, wie sie es wollte. Sie wurde aufgenommen wie eine Tochter. Lisas Mutter war stets frohgemut, wenn Michi mit ihrem Harras anrauschte. Jedes Mal bekam sie etwas zu trinken, und falls sie Hunger hatte, gab’s genügend zu futtern. Der Tisch war immer für sie gedeckt.
„Schau einmal, wer da kommt!“, rief Lisa ihrer Mama zu.
„Unser kleiner Nachzügler mit seinem Frauchen stapft herbei. Sieh einmal, Mama, wie lustig das aussieht, wenn der kleine Kerl an der Leine geht! Man könnte beinahe meinen, es kommt ein Bärenjunges daher gewackelt.“
„Das ist wirklich reizend! Und wie er brav den Leinenzwang über sich ergehen lässt! Harras scheint wohl eine Menge von seinem Vater geerbt zu haben, nicht nur äußerlich!“
„Nur hereinspaziert, ihr zwei!“, rief nun Jakob laut von seinem Zimmerfenster herunter. „Dem Hündchen kann man beim Wachsen zusehen, nicht wahr Lisa?“
Schon war Herr Jacco da. Er rannte herbei, als er die Stimme Michis vernahm. Sprang an ihr hoch, leckte sie ab, wedelte mit seiner schönen Rute hin und her. Er winselte vor Freude, als Michi ihm ein Leckerli anbot. Der kleine Harras war hinter ihm her, wie der Teufel nach der armen Seele. Er missbrauchte Jaccos Beine als Leiter, um an ihm hochzukommen. Erst jetzt widmete sich der Vater seinem Sohn. Beide sausten davon. Jacco zuerst, hinter ihm der kleine, vor Freude jaulende Fratz. Hinein in den Stall liefen sie, wo Jacco immer noch sein Quartier aufgeschlagen hatte. Er zeigte seinem Sohn den Neuzugang. Mutter Ziege hatte zwei Junge geboren, die fröhlich meckerten, als sie Herrn Jacco sahen. Neugierig lief Harras zum Stallgitter. Sofort kam Mama Ziege herbeigetrabt und ließ ein solches Gemecker hören, dass Harras verstört das Weite suchte.
Michi, die hinter den beiden Hunden herlief, lachte aus vollem Halse.
„Du Angsthase“, rief sie ihrem Hund nach.
„Zu Hause den tollen Kerl spielen, und hier hast du vor einer Ziege die Hose gestrichen voll.“
„Mein Gott! Die kleinen Zicklein sind unbeschreiblich süß!“, flüsterte sie von der Stalltür her ihrer Freundin zu, die ebenfalls herbei gerannt kam.
„Ja, die Kleinen sind gestern auf die Welt gekommen. Ich wollte dich heute anrufen, damit du sie dir ansiehst. Sind sie nicht goldig?“, fragte Lisa und sah dabei ihre Freundin lächelnd an.
„Nachdem du große Erfahrung in der Namensgebung hast, darfst du wieder einmal tätig werden. Willst du?“, hakte sie freundlich nach.
„Selbstverständlich, es ist mir eine Ehre. Allerdings brauche ich ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Ich kann es dir morgen in der Schule sagen, welche Namen ich ausgewählt habe, sollte mir heute nichts mehr einfallen“, meinte sie grüblerisch.
Nun kam der Welpe wieder zurück. Vorsichtig schlich er zur Tür herein, blieb dort stehen, lugte zwischen einen Spalt durch, bevor er sich einen Schritt weiter getraute. Die Mädchen lachten, als sie das sahen. Plötzlich kam Jacco auf ihn zu, stupste ihn am Hinterteil an, als ob er sagen würde:
„Na komm du Held, ich bin bei dir, da passiert dir nichts!“
Die Mädchen bogen sich vor Lachen.
Harras verstand die Aufforderung Jaccos und zog hinter seinem Vater her, wieder zum Stall der Ziegen. Dort setzten sich beide davor und beobachteten genau, was da drinnen so vor sich ging. Es war ein Bild für Götter, als der große Jacco und der kleine Harras nebeneinandersaßen. Das gefiel natürlich auch Jakob, als er den Stall betrat.
„Schade, dass ich keine Kamera habe“, murmelte er bedauernd. „Sonst könnten wir dieses Bild zu einem Wettbewerb einschicken. Ich möchte wetten, dass wir damit den ersten Preis bekommen würden.“
„Das nächste Mal nehme ich meinen Apparat mit“, versprach Michi fest. „Vielleicht ergibt sich wieder so ein hervorragendes Motiv, wie soeben!“
Alle verbrachten einige Zeit bei den Ziegen im Stall. Michi, die „Fütterin vom Dienst“ holte selbstverständlich wieder ein Büschel Gras, das es an sonnendurchfluteten Stellen gleich hinter dem Stall gab. Mama Ziege stürzte sich über dieses Frischfutter her. Diese Köstlichkeit hatte es für sie in diesem Jahr noch nicht gegeben. Es lag noch flächenweise Schnee, dort wo die Sonne nicht hinkam.
„Sollten wir nicht Daniel und Christian besuchen, damit Harras seine Geschwister nicht vergisst?“, fragte Jakob.
„Eine gute Idee“, kam es wie aus einem Munde von den Mädchen.
„Los, machen wir uns auf, damit es nicht zu spät wird, weil ich für die morgige Schularbeit noch so einiges lernen muss“, sprudelte Lisa freudig los.
„Vielleicht könnten wir zusammen lernen, wenn ich meiner Mutter Bescheid gebe. Auch ich bin mir bei einigen Aufgaben unsicher. Zu zweit lernt es sich leichter, als alleine. Wäre das ein Problem für euch?“, fragte Michi zuversichtlich, weil sie so gerne bei dieser Familie zubrachte.
„Geh Michi, wir haben keine Probleme mit dir. Das solltest du wirklich schon wissen. Du isst mit uns zu Mittag und danach legen wir los mit dem Lernen. Ich sage es rasch Mama. Vielleicht ruft sie sogar deine Mutter an, um ihr unseren Vorschlag auszurichten. Das wäre wahrscheinlich sogar besser!“
„Du meinst, meine Mama kann deiner Mama keinen Wunsch abschlagen“, lachte Michi und klatschte dabei in ihre Hände.
„Genau, du Schlaue! Das meine ich damit. Mittlerweile kenne ich deine Mama ein wenig!“, erwiderte Lisa zwinkernd.
Gesagt getan. Lisa verschwand in die Küche zu ihrer Mutter. Gleich darauf war sie mit Leine und Halsband für Jacco bewaffnet wieder zur Stelle.
„Alles geht in Ordnung. Ihr zwei könnt bleiben, solange ihr wollt. Mama regelt das.“
Schon machten sich die Freundinnen mit den Hunden auf den Weg zu Daniel und Christian. Jakob wollte ein wenig später nachkommen. Er wurde für Arbeiten von seinem Vater gebraucht.
***
„Ich habe die Schachtel dort verstaut, wo du es mir angeraten hast“, sagte die Stimme. „Niemand hat mich gesehen. Gut, dass es an dem Tag bereits gedämmert hat, da begegnet man niemandem mehr auf einem Forstweg. Damit ist die Sache wohl hoffentlich erledigt“, brummte die Person leidlich zufrieden.
2. Ja, was ist denn das?
Sie waren etwa zehn Minuten unterwegs, als Herr Jacco und sein Sohn kurz in einem Busch neben dem Gehweg verschwanden. In unbebautem Gebiet durfte Jacco frei laufen, weil er ein sehr folgsamer Hund war. Er besaß sogar die Erlaubnis der Jägerschaft, in diesem Gebiet unangeleint sein zu dürfen. Dies war sicherlich eine besondere Ehre, die auf seine Tapferkeit bei der Festnahme von Herrn Weiss zurückzuführen war. Jacco war und blieb der Held im Städtchen. Dem Hund wurden eben besondere Vergünstigungen zuteil, weil auf ihn Verlass war.
Die Mädels erzählten sich gerade die letzten Tratschgeschichten aus ihrer Klasse. Aus diesem Grund bemerkten sie nicht sofort das Verschwinden beider Hunde. Sorglos gingen sie weiter. Plötzlich hörten sie heftiges Jaulen und Winseln. Die Mädchen blieben wie angewurzelt stehen. Jacco machte sich an irgendetwas am Straßenrand zu schaffen. Im Augenblick konnten die Freundinnen nicht ausmachen, was da los war. Jaccos Jaulen war eher von Überraschung und Neugier geprägt, als von Schmerz oder Angst. Harras, immer im Windschatten seines Vaters daher trottend, machte es ihm jammernd nach. Geschäftig schnupperte er an dem Ding am Rand des Weges.
„Jacco, was ist denn los? Was hast du dort gefunden? Friss ja nichts, und lass Harras nichts fressen. Man weiß nicht, was da so herumliegt.“
Michi klatschte mit beiden Händen auf ihre Oberschenkel, um den Hunden damit anzudeuten, herzukommen.
„Zum Schluss hat jemand einen Giftköder ausgelegt. Kommt her! Jacco komm, sei ein braver Hund und nimm auch Harras mit!“, rief nun Michi etwas beunruhigt.
Jacco, folgsam wie immer, kam nun langsam und sehr vorsichtig zu den Mädchen. Als er etwa einige Meter von ihnen entfernt war, blieb er stehen, sah seine beiden Frauchen mit glänzenden Augen an, kam wieder einige Schritte näher, blieb neuerlich stehen. Irgendetwas war seltsam an ihm. Sein Maul war leicht geöffnet, und es baumelte etwas Winziges, Schwarzes aus ihm heraus.
„Was ist Jacco?“, flüsterte nun Lisa ebenfalls nervös. Was hast du im Maul? Pfui Jacco, nichts fressen, pfui!“
Lisa bekam es jetzt doch mit der Angst zu tun. Man hörte so vieles, dass Tiere mutwillig abgeschossen wurden oder sogar durch Giftköder den Tod fanden.
Harras blieb neben seinem Vater stehen und sah erwartungsvoll zu ihm auf. Da legte Jacco das in seinem Maul befindliche Ding auf den Weg. Das wimmerte ganz erbärmlich. Erst jetzt sahen es die Mädels.
„Mein Gott! Das ist ein kleines Kätzchen, das Jacco da gefunden hat!“, stellte Michi überrascht fest.
Jacco leckte das Etwas ab und Harras tat es ihm gleich. Lisa war als Erste zur Stelle, sah den kleinen, schmutzigen, bis auf die Haut abgemagerten Körper am Boden liegen. Sie nahm es sofort auf.
„Jacco, brav, du bist ein guter Hund“, streichelte inzwischen Michi das Tier. „Du natürlich auch, Harras. Sehr brav.“
Sie leinte beide Tiere an, damit sie in ihrer Nähe blieben.
In der Zwischenzeit besah sich Lisa das Katzentier genauer. Es war ein schwarz-weißes Kätzchen. Die Augen tränten ihm furchtbar, der kleine Körper war knochig vom fehlenden Futter. Es sah erbärmlich aus. Es miaute in einem fort, weil es sicherlich fror und Hunger und Durst hatte. Aber wo befand sich das Muttertier? Gab es etwa noch mehr kleine Kätzchen in dem Busch?
„Hier, Michi, nimm das Kleine und wärme es in deiner Jacke!“, sagte Lisa aufgeregt mit roten Backen.
„Jacco, komm, wir gehen nachschauen, ob vielleicht noch einige Kätzchen da liegen. Eine Mutter gibt es wohl nicht, weil das Tierchen gar so elendiglich aussieht“, setzte sie bekümmert nach.
Herr Jacco beschnüffelte die Stelle genau. Lisa suchte mit, und da die Büsche derzeit noch blattlos waren, konnte sie die Umgebung leicht ausmachen. Plötzlich lief Jacco zu einer Art Schuhkarton. Er schnüffelte wild an ihm herum. Der Deckel des Kartons lag daneben. Lisa stürzte hin. Die Schachtel war leer. Möglicherweise war in ihr das Kätzchen abgelegt worden. Jacco war wieder einige Meter weiter in den angrenzenden Wald gelaufen. Dort gab es eine kleine Senke, in der ein bisschen neues Gras wuchs, weil die Sonne guten Zugang hatte. Lisa folgte Jacco. Jäh stieß sie heftig einen spitzen Schrei aus.
„Oh Gott! Da liegen noch zwei so kleine Würmer. Genau so abgemagert und krank aussehend, wie das Erste!“, alarmierte sie erregt ihre Freundin.
Jacco leckte diese beiden Tierchen ebenfalls ab. Sehr sorgsam und zärtlich tat er es. Lisa kamen vor Rührung die Tränen, als sie das sah. Ihr Jacco benahm sich wie eine innige Katzenmama. Die Kätzchen miauten, hielten aber still. Offensichtlich dachten sie, dass endlich ihre Mama wieder gekommen sei. Lisa nahm die Tiere auf. Jacco beobachtete sie genau. Sofort machte sie sich zu Michi auf. Vorher suchte sie mit Herrn Jacco sehr genau das Umfeld ab, ob sich nicht andere Kätzchen in der Nähe befanden. Aber es war nichts mehr zu sehen und zu hören. Auch Jacco hatte nunmehr die Spurensuche aufgegeben.
Als Michi die Bescherung sah, bekam sie feuchte Augen vor Empörung und Zorn.
Klagend sagte sie zu Lisa:
„Wer macht so was Niederträchtiges? Wer hat so wenig Herz, legt Kreaturen wie Mist weg. Die Menschen müssen doch wissen, dass Tiere genau so leiden, wie wir.“
Dabei sah sie ihre Freundin mit verschleierten Blicken an. Mit einer Hand versuchte sie die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, was ihr jedoch nicht gelang. Immerfort trat Wasser aus den Augen.
„Es sind Geschöpfe, die Gefühle und Schmerz empfinden. Bewusst setzen böse Menschen sie dem Verrecken aus. Das kann lange dauern, bis der Tod sich erbarmt.“
Michi suchte krampfhaft nach einem Taschentuch aus ihren Jeans. Als sie endlich ein Zerknittertes gefunden hatte, damit ihre Nase putzen konnte, rubbelte sie daran, dass es in kleine Stücke zerfledderte. Irgendwie konnte sie sich dadurch ein wenig abreagieren.
„Können sich diese gewissenlosen Typen nicht vorstellen, wie viel Angst die Katzen ausstehen müssen? Sie wären leichte Beute für andere Tiere. Ich verstehe das nicht.“
Sie schüttelte ihren Kopf über so viel Gefühllosigkeit von Menschen.
„Wenn ich wüsste, wer das auf dem Gewissen hat, der würde sofort von mir angezeigt werden. Manchmal denke ich mir, man müsste diese Leute ebensolcher Angst aussetzen. Sie hungern und dürsten lassen, damit sie endlich einsehen, was für ein Verbrechen sie begangen haben“, klagte sie immer noch weinend. „Wäre das nicht eine gerechte Strafe?“
„Einerseits wäre es das schon. Aber würde man sich damit nicht auf die gleiche Stufe mit dem Schurken stellen?“, meinte Lisa seufzend, und auch sie kämpfte mit den Tränen.
„Komm, wir gehen unverzüglich zu Daniel. Sein Vater ist Tierarzt. Die Kleinen brauchen dringend Hilfe. Sie benötigen Futter und vor allem müssen sie untersucht werden“, forderte Lisa ihre Freundin zum raschen Handeln auf.
„Jacco entwickelt sich immer mehr zum Retter in der Not!“
Lisa streichelte gefühlvoll ihren Jacco. Voller Stolz blickte sie ihren Freund an.
„Brav, brav, du Lieber, du Guter!“, wimmerte Michi immer noch.
Sie tätschelte immerfort das arme kleine Kätzchen, während Lisa die beiden anderen in ihre Jacke packte, damit sie es warm hatten. Auch Michi tat es nun ihrer Freundin gleich. Sofort hörte das Jammern der Kätzchen auf, weil sie die angenehme Wärme verspürten.
Jacco trottete stolz neben seinen beiden Frauchen einher, begleitet von seinem Sohn, der ebenfalls mit hoch erhobenem Kopf einen wichtigen Eindruck hinterließ.
Zum Glück waren die Mädels nicht mehr sehr weit von Daniels Zuhause entfernt. Einige Minuten mussten sie durchhalten, und den Tieren konnte erstmal Hilfe geleistet werden. Hoffentlich war Daniels Vater daheim!
Die letzten Meter liefen sie. Atemlos läuteten sie an der Hausglocke. Schon sahen sie Daniel aus dem Fenster blicken.
„Daniel, bitte, mach rasch! Wir haben einen Notfall“, schrie Michi. „Ist Dein Papa zu Hause? Bitte sag jetzt nicht Nein, sonst sind die armen Dinger erledigt. Ich glaube nicht, dass sie noch lange aushalten“, rief Lisa hysterisch.
Aber das hörte Daniel wohl nicht mehr. Er war schon an der Tür, ließ die Mädels mit ihren Hunden und den Notfällen herein.
„Papa ist in seiner Praxis, weil er einen Hund versorgen muss, den er gestern operiert hat. Kommt gleich mit, die Hunde können inzwischen im Garten herumtollen, meiner ist auch da.“
Rasch liefen sie ins Nebengebäude. Daniels Vater war soeben mit der Versorgung des Hundes fertig und wollte gerade den Raum verlassen.
„Papa, wir haben da etwas. Lisa und Michi haben Kätzchen gefunden, die sehen schrecklich aus. Kannst du sie dir einmal ansehen?“, bat Daniel.
„Her damit, das trifft sich gut“, meinte der Tierarzt. „Da habt ihr Glück gehabt, dass ich noch da bin. Eigentlich sollte ich schon mit Daniels Mutter unterwegs sein.“
Er besah sich die drei kleinen Würmer, wobei er unentwegt den Kopf schüttelte.
„Die sehen wirklich jämmerlich aus. Sie müssen ein paar Tage ohne Nahrung durchgehalten haben. Krank dürften die Tiere auch sein. Hoffentlich ist es nicht zu spät!“
Der Doktor machte Anstalten, seinen Medikamentenschrank zu öffnen, während er vorerst noch rasch das Stethoskop aufnahm.
„Ich werde sie einmal untersuchen, danach mache ich auf alle Fälle Anzeige gegen unbekannt. Man darf Tiere nicht aussetzen. Das ist ein Verbrechen, das bestraft wird. Habt ihr die Umgebung nach eventuellen weiteren Tieren abgesucht?“, fragte Daniels Vater die Mädchen, und es war ihm anzumerken, wie er sich aufregte.
„Das haben wir, und unser Herr Jacco hat geholfen. Eigentlich hat er die Kätzchen entdeckt. Wir können wirklich sicher sein, dass Jacco alle aufgespürt hat.“
Lisa sah Michi an, als erwartete sie sich von ihr eine Zustimmung. Vor Aufregung wühlte sie in ihrem langen Haar herum.
„Es sei denn, der Tieraussetzer hat sie anderswo abgelegt, was ich eher nicht glaube. Er war wohl in großer Eile, da hat er nicht noch verschiedene Plätze aufgesucht“, meinte Michi mit aufgewühlter Stimme.
Der Tierarzt nickte und untersuchte ein Kätzchen nach dem anderen. Er horchte Herz und Lunge ab. Fieber wurde gemessen, er sah in den Rachen der Kleinen, ob etwa eine Halsentzündung vorlag. Der Doktor war sehr gründlich.
Alle drei hatten erhöhte Temperatur, was auf eine Erkältung hindeutete, wenn sie nicht gar etwas Gefährlicheres ausbrüteten. Aber das konnten lediglich die nächsten Tests ergeben. Jetzt war eine Sofortmaßnahme angebracht.
Zunächst erhielten sie ein Antibiotikum gespritzt, um eventuelle Keime abzutöten. Die Augen wurden eingetropft, das Fell ein wenig gereinigt, und danach wurden sie sofort unter eine Rotlichtlampe gelegt. Der Tierarzt meinte, dass die Tiere schon selbst Milch zu sich nehmen könnten, also wäre ein mühevolles Aufpäppeln mit dem Fläschchen nicht mehr notwendig.
„Ihre Verfassung muss gewaltig sein, wenn sie so eine schreckliche Quälerei überstanden haben. Das gibt Aussicht auf ihr Überleben“, erklärte er ruhig.
„Wenigstens etwas“, bemerkte Daniel halbwegs zufrieden über die Diagnose. „Denn das Füttern mit dem Fläschchen ist eine Mordsarbeit. Auch des Nachts muss gefüttert werden. Alle drei Stunden das Fläschchen geben, das haben wir alles hinter uns. Aber da hat es sich nur um ein Tier gehandelt. Jetzt gibt es gleich drei davon.“
Er schlenderte durch die Praxis, blieb bei der Glasvitrine stehen, in der sich medizinische Geräte befanden, und tat, als hätte er diese erst jetzt bemerkt.
„Ich hole inzwischen einmal Katzen-Babymilch, die ich ein wenig mit warmem Wasser strecke, damit sie nicht gleich einen ordentlichen Durchfall bekommen.“
Und weg war er.
Zu dem schwarz-weißen Kätzchen gesellten sich, nach der Reinigung gut erkennbar, zwei getigerte Tiere hinzu. Es waren zwei Mädchen und das schwarz-weiße war ein Knabe. So viel stand bereits fest.
Mittlerweile hatte Daniel in den kleinen Käfig die Schüsselchen mit Milch gestellt. Einzeln nahm er die Katzen aus dem Körbchen heraus und ließ sie von der Milch schlecken. Gierig nahmen sie davon.
„Schau, wie süß“, sagte Michi und seufzte sehr erleichtert. „Zum Glück trinken sie, also sind sie zumindest nicht so krank, dass sie nichts mehr zu sich nehmen wollen! Sie haben sich noch nicht selbst aufgegeben.“
„Das stimmt“, erwiderte der Tierarzt beipflichtend. „Wenn Katzen fressen, sind sie nicht so jämmerlich beisammen, dass man sich ernsthafte Sorgen machen muss.“
Bestätigend nickte er den Mädels zu.
„Ich glaube, die kriegen wir über den Berg. Was machen wir dann mit ihnen?“
Er blickte sie der Reihe nach fragend an, als würde er hoffen, sofort eine annehmbare Antwort zu erhalten.
„Wir brauchen unbedingt gute Plätze für sie. Vielleicht könnt ihr euch einmal in der Schule herum hören, wer Kätzchen aufnehmen will und darf? Wenn wir sie privat unterbringen können, wäre das viel besser, als sie in ein Tierheim zu bringen. Die Heime sind sowieso übervoll und glücklicher wären sie auf alle Fälle, wenn sie durch uns vermittelt werden könnten. Wir schauen uns die Plätze gut an, damit nicht wieder Derartiges passiert, und die Tiere wie Müll weggeworfen werden.“
Man merkte am strengen Gesichtsausdruck, wie wütend, aber auch enttäuscht Daniels Vater war.