Meier greift ein
Mit Vignetten von Susanne Straßer



Die Eltern Meier irren durch den verregneten Mainachmittag. Ihr Sohn, Meier junior, hat nämlich morgen Geburtstag und wünscht ein „spektakuläres“ Geschenk. Ein Geschenk, das nicht jeder hat. Ein Geschenk, das seine Klassenkameraden vor Neid ergrünen lässt.
Was haben die braven Eltern nicht schon alles gezeigt bekommen: Sportschuhe aus der Weltraumforschung, Unterhosen mit eingebautem Trockner, ein ferngesteuertes Auto mit einer Tonanlage, die jedes Flugzeug an die Wand brüllt, ein „Lexikon für den kleinen Besserwisser“ und einen Fuß-ball, der „Auweh“ schreit, wenn man ihn tritt. Allerdings brüllt der Ball auch „Eierbär“, wenn man ihn versehentlich neben dem Tor platziert. Deswegen haben die Meiers den Ball nicht gekauft. Vater Meier hat seiner Frau eindringlich erklärt, dass Sohnemännchens fußballerisches Talent so gut wie nicht vorhanden sei und Meier junior daher Gefahr laufe, ständig von seinem eigenen Fußball beschimpft zu werden. Und das wäre für seine psychische Entwicklung gar nicht gut.
„Was soll denn dann aus dem Buben werden! Stell dir vor!“ Vater Meier ist der kalte Schweiß ausgebrochen, so sehr hat ihn der Gedanke mitgenommen. „Wo er doch so leicht zu verstören ist, der Junior. Auf die schiefe Bahn wird er geraten, jawohl! Was da die Nachbarn sagen werden!“
Weil Frau Meier keine üble Nachrede der Nachbarn wünscht, hat sie schnaufend den Schirm wieder aufgespannt und sich bei ihrem Ehemann untergehakt. Die eindringlich vorgetragene Bitte ihres Sohnes schwirrt ihr im Kopf herum: „Etwas total Abgefahrenes! Etwas, das sonst keiner hat!“
Nun schon etwas mutlos stapfen die Meiers weiter durch das Zwielicht. Der Regen tröpfelt auf die fast menschenleere Kärntner Straße. Einzig den fröhlich aufspielenden Straßenmusikern mit ihren riesigen Panflöten ist das Wetter egal. Ein kurzerhand von Herrn Meier spendierter Kaffee sowie eine gewaltige Portion Mohr im Hemd bringen zwar Erfrischung, aber keine wirklich brauchbare Idee. Schweren Herzens beschließen die Meiers noch eine weitere Runde über die fast menschenleere Kärntner Straße zu drehen. Man hat’s nicht leicht als liebendes Elternpaar!
Plötzlich beginnt Vater Meier nach links zu ziehen. „Da, schau! Das ist aber interessant! Dass uns das noch nicht aufgefallen ist!“, ruft er begeistert. Dann muss er husten, weil ihm ein paar Regentropfen in die Luftröhre geraten sind. Mit Schwung bugsiert er seine Frau zu der Auslage eines ziemlich verkommen aussehenden Geschäfts mit dem geheimnisvollen Namen: „Spektakuläre Geschenke, echt!“ Das Firmenschild knarzt windschief im Regen, die Auslage ist völlig verdreckt, und dahinter ist es finster.
„Der Laden hat sicher schon seit Jahren geschlossen!“, will Frau Meier nur einmal bemerkt haben. Aber Vater Meier ist nicht mehr aufzuhalten. Er meint Licht zu erkennen, wenn auch nur sehr schwaches. Er dreht den Türknauf und drückt. Nichts rührt sich. Da deutet Frau Meier auf ein Schild, das am Türglas klebt. „Ziehen!“, steht darauf zu lesen.
Herr Meier zieht also, und die Türe öffnet sich quietschend. Herr Meier steckt den Kopf ins Dunkel und fährt erschrocken zurück. In dem Laden riecht es muffig und ein bisschen modrig, mit einem Hauch von Lavendel. Nach einem Moment des Zögerns fasst sich Herr Meier doch ein Herz und zieht seine Frau bei der Türe rein.
„Göttergatte, hier riecht es muffig und ein bisschen modrig, mit einem Hauch von Lavendel!“, rümpft Frau Meier die Nase.
„Komme sofort!“, schallt eine hohe Stimme aus den staubigen Tiefen des Geschäfts.
Die Meiers nicken geduldig.
„Hoppla! Bin gleich da!“, ächzt die Stimme, nicht mehr ganz so weit entfernt.
Die Meiers schauen sich interessiert im Laden um.
„Bitte sehr, bitte gleich!“, tönt es, schon ein wenig näher.
Die Meiers beginnen mit den Füßen zu scharren.
Da rollt ein hutzeliges Männchen an den Meiers vorbei. Auf Rollschuhen, mit fliegendem grauen Arbeitsmantel. „Bin so gut wie bei Ihnen!“, erklärt es, bevor es kopfüber in der Auslage landet. Es strampelt mit seinen dünnen Beinen, verbittet sich aber jede Hilfe.
„Wir suchen ein Geschenk für unseren Sohn!“, sagt Herr Meier, dem die Faxen des Männchens etwas unheimlich sind. „Aber ein spektakuläres!“, betont Frau Meier. „Der Bub wird morgen nämlich zwölf Jahre alt!“
Der Ladenbesitzer wurstelt sich endlich aus der Auslage, kippt fast noch einmal hintenüber, woran er aber vom rasch zupackenden Herrn Meier gehindert wird, klaubt sich einige Spinnweben aus dem silbergrauen Haar und strahlt: „Da sind Sie bei mir goldrichtig! Wie ist er denn so, der Herr Sohn? Als Sohn, meine ich.“
Frau Meier misst den Alten mit einem durchdringenden Blick. Wie kann man nur so eine Frage stellen! „Der Bub ist natürlich hochintelligent, todesmutig und hat einen Sinn für das Gerechte!“, erklärt sie. „Erst gestern ist er im Hallenbad vom Dreimeterbrett …“ Vater Meier wirft ein, dass Meier junior nicht ganz freiwillig vom Dreimeterbrett gesprungen sei. Ein Klassenkamerad habe ihn geschubst. Aber Mutter Meier geht darauf nicht weiter ein und fährt munter fort, die Heldentaten ihres Sohnes zu schildern: „Und nicht nur mutig ist er, unser Meierchen, nein, er ist auch ein braver Esser. Und so was von tierlieb, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Erst vorgestern hat er dem Pekinesen von der Frau Reichmann …“
„Ich merke schon, Ihr Sohn ist ein ganz besonderer junger Mann“, unterbricht das Männchen Mutter Meiers Lobeshymnen. Es wirft sich in eine theatralische Denkerpose und bittet um absolute Ruhe. Stille breitet sich aus. Man kann fast den Staub rieseln hören. Die Eltern Meier beginnen gerade wieder mit den Füßen zu scharren, da entfährt dem Hutzeligen ein leises Kichern. Er hebt den Zeigefinger und spricht feierlich: „Geehrter Herr, anmutige Dame! Ihr Herr Sohn braucht dieses!“
Er rollt davon, dorthin, wo die Meiers sein Warenlager vermuten, und kommt wenig später mit einem Koffer retour. Es ist ein eleganter, schmaler, schwarzer Koffer aus echtem Krokodillederimitat. Der Griff ist knallrot, und links und rechts davon prangen zwei vergoldete Schlösser mit der Zahlenkombination „007“, was den Koffer noch geheimnisvoller macht. Feierlich stellt das Männchen den Koffer auf den Ladentisch.
„Aha, ein Koffer!“, denkt Vater Meier. Das Männchen wirft ihm einen scharfen Blick zu und schnarrt dann siegessicher: „Was Sie hier sehen, meine Herrschaften, ist das einzige jemals fertiggestellte Modell des Detektivkoffers ‚Kuckuck’. Das Original von der Firma Naserer und Borscht! So etwas haben nicht einmal Superdetektive!“
Herr und Frau Meier sind nur sehr verhalten beeindruckt, wagen aber nichts zu sagen. Das Männchen öffnet den Koffer mit einem lauten Doppelklack. Er ist mit rotem Samt ausgekleidet. Im trüben Licht des Nachmittags prangen darin eine Lupe, Aluminiumpulver und breites Klebeband zum Sichern von Fingerabdrücken, ein Set zum Erstellen von Phantombildern, Karteikarten, ein Fingerabdruckset, eine Fotokamera, ein „Handbuch für den jungen Ermittler“, ein Detektivausweis, eine Lizenz zum Ermitteln, eine Plastikpistole mit Saugnapfpfeilen und Handschellen.
Vater Meier ist begeistert. Sofort schnappt er sich die Pistole und die Handschellen und verhaftet seine Frau. „Als kleiner Bub wollte ich immer Detektiv werden!“, jubiliert er und fuchtelt mit dem Schießeisen herum. Das Männchen grinst. Frau Meier ist auch begeistert, aber die Handschellen schneiden ihr ins Handgelenk. Herr Meier befreit seine Frau und legt die Pistole wieder in den Koffer. „Wirklich prächtig!“, seufzt er.
Das Männchen legt den Kopf schief und lächelt selig. „Ich mache Ihnen ein Angebot, das Sie nicht abschlagen können!“, sagt es feierlich.
„Angenommen!“, ruft Frau Meier, und Vater Meier zieht die Brieftasche. Wenig später sind die beiden stolze Besitzer eines prächtigen, spektakulären und total abgefahrenen Detektivkoffers für ihren Junior.
Der Regen hat aufgehört, nun ist es schwül.

„Mensch Meier! Morgen werde ich zwölf Jahre alt!“ Während Meiers Eltern siegesbewusst ihr Wundergeschenk nach Hause tragen, hängt der Meier selbst trüben Gedanken nach. Dazu trägt er einen knallroten, selbst gefalteten Hut aus Papier, mancherorts auch „Tschako“ genannt, kaut an einem Bleistift und philosophiert. Über das Älterwerden und dessen Folgen. „Bald bin ich ein Teenager, krieg Pickel und interessiere mich für Mädchen. Entsetzlich!“
Der Meier zieht eine Grimasse, als hätte er in ein Stück Zitrone gebissen. Er will keinesfalls ein Teenager werden, sondern ein furchtloser Geheimforscher, der die Gefahr liebt! Oder ein mysteriöser Bösewicht und Monsterkonstrukteur. Diese Einsicht ist ihm während eines Lehrausflugs in die Katakomben von St. Stefan gekommen, jener Gruft in Wien, wo jede Menge Totenköpfe gestapelt sind, neben vermoderten Gebeinen und Urnen mit einbalsamierten Herrschereingeweiden.
Die drohenden Gefahren von Pickeln, Girls und Älterwerden sind nicht die einzigen Sorgen, die den Meier plagen. Da ist auch noch sein zu erwartendes Geburtstagsgeschenk. Er hat ziemliche Bedenken, dass es ihn eventuell nicht aus den Schuhen reißen wird. Seine Eltern haben nämlich einen eher eigentümlichen, wenn nicht gar langweiligen Geschmack, was die meisten Dinge angeht. Sie interessieren sich für Opern, für Zigarren, Rotwein, alte Western und die Sorgen und Nöte des europäischen Adels. Meier interessieren diese Dinge nicht die Bohne. Höchstens die Westernfilme, die gefallen ihm gelegentlich. Vor allem dann, wenn die Indianer gewinnen.
Meier befürchtet, dass sein Geburtstagsgeschenk irgendetwas „Praktisches“ sein wird, etwas, das man „länger gebrauchen“ kann, oder – noch schlimmer! – etwas „zum Hineinwachsen“ aus „dankbarem Stoff“, der kratzt, aber nicht verschmutzt. Dabei hätte der Meier gerne etwas, das seine Schulkollegen so richtig vom Hocker fetzt. Einen Gutschein für eine Weltraumfahrt vielleicht oder eine Ritterrüstung mit Schlachtross und beigepacktem Knappen. Was den Meier auch reizen würde, das wäre eine „Ausrüstung für den zukünftigen Abenteurer“ oder der „Baukasten für den jungen Monsterkonstrukteur“. Das wäre was. Da würden die Kolleginnen und Kollegen in der Schule Augen machen, wenn der Meier bei seinem nächsten Bio-Referat im weißen Arbeitsmantel seinen neuesten Mutanten vorführte. Oder bei seiner nächsten Geschichtsprüfung in der Ritterrüstung aufträte und den Professor Rumpelstilzer zum Duell forderte. Vor allem der Dumser Niko würde den Mund nicht mehr zukriegen.
Der Niko! Der Meier erregt sich kurz und knurrt laut den Namen des Klassenschönlings: „Dumser, du alter Butterschädel!“ Der Niko Dumser ist nicht nur wunderhübsch anzusehen und sehr beliebt bei Meiers Schulkolleginnen. Er ist auch der Boss der „Leopoldstädter Elitetruppe“, und die ist eine richtige Gang. Ihr Schlachtruf lautet „Härte hoch!“, und sie gelten als Heimsuchung, wenn auch nur als kleine. Dabei sind sie standhaft bemüht, zumindest eine mittlere Heimsuchung zu werden. Außer dem Niko sind da noch der Zvonko, der Billy und der Erwin. Zurzeit beschränkt sich das Betätigungsfeld der „Leopoldstädter Elitetruppe“ darauf, Knallkörper in Containern für Altglas zur Explosion zu bringen oder in der U-Bahn gefährlich aus der Wäsche zu blicken.
Den Meier nerven solche Typen. Vor allem dann, wenn sie schwächere Kollegen tyrannisieren. Der Klausi ist so einer. Ein gefundenes Fressen für Niko und seine Freunde – oder vielmehr „Homies“. Ständig lässt sich die Elitetruppe eine neue Gemeinheit einfallen. Niko frisst dem Klausi die Pausenbrote weg, Billy bewirft ihn mit Apfelbatzen, und Zvonko klebt ihm Zettel auf den Rücken, auf denen „Tritt mich“ steht oder „Schrumpfhirn“. Erwin findet das irre komisch und lacht immer saublöd.
Den Meier lassen die Kerle halbwegs in Ruhe. Die Pausenbrote, die er von zu Hause mitkriegt, die schmecken dem Niko nicht. Mutter Meier hat nämlich einen Gesundheitsfimmel, wenn sie nicht gerade eine Zigarre raucht oder ein Glas Rotwein trinkt. Sie pflegt Meiers Pausendinkelbrote mit probiotisch-linksdrehenden und ansonsten nicht näher definierbaren Dingen zu belegen. Es kommt wohl gelegentlich vor, dass der Zvonko den Meier als „Brillo“ bezeichnet oder der Erwin ihn vom Dreimeterbrett schubst, aber solche Dinge prallen am Meier ab, da steht er drüber. Vor allem deshalb, weil seine Schultern nicht ganz so breit sind, wie er das gerne hätte.
Wenn er könnte, wie er wollte, hätte der Meier heute Nachmittag am liebsten den Niko gestellt, weil der ihm nachgeschnüffelt hat. Gegenüber vom Papiergeschäft hat er ihm aufgelauert, in dem der Meier sich rotes Buntpapier besorgt hat. Das ist der Rohstoff für Meiers berühmte Denkermützen. Die braucht er, wenn er ein besonders kniffliges Problem zu lösen hat und seine kleinen grauen Zellen in Schwung bringen will. Die Denkermütze hat ihn dann auch sofort auf die glorreiche Idee gebracht, sich nicht auf offener Straße mit Niko anzulegen, sondern ihn besser zu ignorieren. So ist der Meier ganz cool an Niko vorbei heimgetrabt und hat getan, als bemerke er nichts.
Manchmal aber, in seinen kühnsten Träumen, da vermöbelt der Meier Niko und seine Gang im Alleingang und führt anschließend Nikos Angebetete, Mona, zum Traualtar. Spätestens dann wacht er schweißgebadet auf, weil er Mädchen ja grundsätzlich seltsam findet und nicht einmal im Traum daran denken möchte, eines zu heiraten. Am Ende müsste er es dann küssen! Das aber ist für den Meier ein Gedanke, der sich jenseits seiner Vorstellungskraft befindet. Retten, ja – aber küssen? Sicher nicht!
Der rote Tschako rutscht dem Meier vom Kopf, was ihn aus seinen Überlegungen reißt. Es ist bereits sieben Uhr, und seine Eltern sind immer noch nicht zu Hause. Dabei hätte der Meier bereits ein wenig Hunger. Rund um seinen Geburtstag vergisst Mütterchen Meier schon mal auf die übliche Gesundheitskost. Da gibt es Cordon Bleus und Speiseeis. Solch eine Schlemmerei kann trübe Gedanken ganz gut verscheuchen.
Niko Dumser posiert vor der Auslage eines Geschäfts in der Rotensterngasse. Er fühlt sich sehr wohl in seiner Haut. Kunststück, ist er doch der Schönsten und Stärksten einer. Mit zufriedenem Grunzen betrachtet er seinen Bizeps und denkt laut: „Der hätte wohl ein Oberschenkel werden sollen!“ Heute ist er wieder in absoluter Topform! Er, Niko Dumser, Big Boss der „Leopoldstädter Elitetruppe“, ist nämlich auf dem Weg in den Prater. „Treffpunkt: halb vier, beim Boxball hinter dem Autodrom der Gebrüder Kuhgackerer!“, hat er Zvonko, Billy und Erwin nach der Schule befohlen. Niko ist ein begeisterter Befehlshaber, mit schneidiger Stimme und von imposantem Auftreten. Das bestätigen ihm immer wieder die bewundernden Zurufe der Elitetruppe. Und die bewundernden Blicke der Mädchen.
Wobei ihn die in letzter Zeit nicht mehr so sehr interessieren. Niko will nur noch von einer angehimmelt werden! Und zwar von Mona, der einzigartigen, herrlichen, perfekten Mona. Sie will auch zum Treffpunkt in den Prater kommen. Heute wird er sie im Sturm erobern, das weiß er genau. Das Ziel seiner Träume ist sie ja schon lange. Konkret seit Schulbeginn, seit sie neu in die Klasse gekommen ist. Diese Haare! Und diese Augen! Niko hat sofort gewusst, dass sie seine große Liebe ist. Aber das kann man sich ja nicht so einfach anmerken lassen, das wäre ja uncool. Also hat er erst einmal ein paar Wochen so getan, als würde er Mona ignorieren, und sich bei jeder Gelegenheit lautstark mit den Elitetrupplern herumgebalgt, um seine Überlegenheit zu zeigen. Das hat nichts genützt, Mona hat nicht gemerkt, dass Niko in sie verknallt ist. So ist Niko dazu übergegangen, coole Sprüche vom Stapel zu lassen. Darüber hat er in einem „Ratgeber-Guide für Jungs und Boys“ gelesen. Und es scheint zu wirken. Mona kichert immer, wenn er sie mit „Baby“ anredet oder ihr „hey kleine zuckerschnute du haust mich um“ smst. Heute also will Niko zum finalen Schlag ausholen und Mona endgültig die Zusage entlocken, dass sie jetzt mit ihm geht. Und das sollte kein Problem sein, denn im Boxballdreschen, da ist Niko Weltmeister, da macht ihm so leicht keiner was vor. Schon gar nicht so ein Schwammerlbrocker wie zum Beispiel der Klausi. Der ist ja überhaupt ein Vollkoffer. Der glaubt doch allen Ernstes, bei Mona auch nur den Anflug einer Chance zu haben. Schmeißt sich an das fescheste Girl der Unterstufe ran, obwohl die doch ganz klar für den Big Boss reserviert ist! Aber das wird Niko zu verhindern wissen, ein paar Ohrfeigen sind schnell verabreicht!
Endlich hat Niko sich genug bewundert. Er fährt sich liebevoll durchs Haar, wirft seinem Spiegelbild eine letzte Kusshand zu und trabt davon. Als er in die Praterstraße einbiegt, passiert ihm ein Missgeschick. Er läuft gegen eine Litfasssäule, weil auf der anderen Straßenseite gerade ein Mädchen in einem ausnehmend kurzen Rock dem McDonald’s entschwebt. Niko ist nur ganz kurz benommen. Er reißt sich zusammen und marschiert lockeren Schrittes weiter.
Auf der Straße des Ersten Mai taucht er in den Prater ein. Niko ist jedes Mal überwältigt von der Stimmung. Laute Musik, kreischende Girls in Hochschau- und Geisterbahnen, der Duft von Langos und Zuckerwatte, andere Banden zum Wettcoolen, das ist für ihn eine Art Paradies.
Von weitem sieht er schon seine Kumpels beim Boxball, sie üben Breakdance-Figuren. Erwin versucht gerade einen Headspin, was ihm aber gründlich misslingt. Niko beschleunigt seinen Schritt. Zvonko, Billy und Erwin grölen freudig, als sie ihn erblicken. Das Begrüßungsritual dauert ein paar Minuten. High Five und kameradschaftliches Schulter- und Hinterngeklopfe, das braucht eben seine Zeit. Was Niko stört, ist, dass Mona noch nicht da ist. Unauffällig wirft er ein paar eiskalte Blicke in die Runde. Am liebsten würde er Mona eine SMS schicken, etwa: „dein held ist schon da wo bleibst du schnucki“. Aber die anderen würden womöglich blöde Fragen stellen und dann merken, dass Niko versetzt wurde. Das darf nicht sein.
Da wirft Zvonko fünfzig Cent in den Boxballautomaten, und Nikos Miene hellt sich auf. Der Boxball klappt sich aus. Zvonko umkreist ihn tänzelnd, ein paar Fußkicks andeutend, was sich neben dem Schild „Keine Fußstöße!“ besonders gut macht. Schließlich springt er hoch, tritt mit aller Kraft gegen den Boxball, aber der Automat beschimpft ihn bloß blechern als „Milchbubi“. Die Elitetruppler kreischen vor Lachen und rempeln einander an. Zvonko findet das gar nicht komisch. Er will sich beim Automatenbetreiber beschweren, weil das Gerät defekt sei. Eigentlich hätte die Skala mindestens einen „Kraftlackl“ anzeigen sollen. Oder eher noch einen „Superman“!
Niko schubst Zvonko zur Seite. „Das ist was für richtige Männer!“, schnarrt er lässig. „Schaut gut zu, ich zeig euch mal, wie man einen Macho-Super-Power-Man erreicht!“ Er kneift die Augen zusammen, nimmt einen Anlauf, läuft auf den Ball zu und versetzt diesem einen Kopfstoß. Der Ball schnellt nach hinten, und der Automat grölt: „Ha ha ha – Muttersöhnchen! Üben! Üben! Üben!“ Niko torkelt benommen vom Automaten weg und stammelt etwas von „Gegenwind“ und „kaputter Mechanik“. Gerne würden Zvonko, Billy und Erwin ein bisschen kichern, aber das wagen sie nicht, weil Niko ihnen dieses sehr übel nehmen würde. Der hat für heute vom Prater und den Boxbällen die Schnauze voll. Mona ist zum Glück nirgends zu sehen. Niko schickt ihr eine SMS, dass er in zirka einer halben Stunde im Renz-Park anzutreffen sei. Missmutig drängt er zum Aufbruch. „Aber wir haben noch zwei Schläge bei der Maschine gut!“, wagt Billy einen kurzen Einwurf. Niko trägt ihm daraufhin zähnefletschend zwei Schläge aufs Hinterhaupt an, um sein Denkvermögen zu verbessern. Da verstummt Billy, und die Leopoldstädter Elitetruppe bricht unter der Führung ihres kopfwehgeplagten Anführers in Richtung Renz-Park auf.
Der kurze Fußmarsch verläuft schweigend, weil Niko beleidigt ist und weder Erwin noch Billy noch Zvonko sich etwas sagen trauen. Erst als die Elitetruppe in die Weintraubengasse einbiegt, bessert sich Nikos Laune erheblich. Er freut sich darauf, jetzt endlich Mona zu sehen und ihr die eine, die wichtigste aller Fragen zu stellen: „Willst du mit mir gehen?“ Natürlich wird sie dahinschmelzen und „Ja“ hauchen. Das wird Nikos Stellung als Big Boss und Obermacher der Gang sicher noch heben, denn von seinen drei Kumpels hat noch keiner eine Freundin. Und schon gar nicht so eine hübsche! Auch in der Schule werden ihn alle beneiden, und er wird nicht nur der Stärkste und Fescheste der ganzen Unterstufe sein, sondern auch noch der mit dem schönsten Girl! Die Elitetruppler atmen auf, als sie merken, dass sich die Miene des Bosses aufhellt. Erwin wagt es sogar, einen mittelschlechten Witz zu reißen, woraufhin Zvonko und Billy in hoffnungsfrohes Gelächter ausbrechen. Als sie jedoch in den Renz-Park einbiegen, da bietet sich ein Anblick, der Niko erbleichen lässt. Abrupt bleibt er stehen, sodass Billy nicht rechtzeitig bremsen kann und ihm versehentlich auf die Ferse latscht. In Erwartung eines Nasenstübers zieht er den Kopf ein, aber Niko beachtet ihn gar nicht. Dafür bebt sein Schnurrbartflaum vor Zorn!
Auf der Parkbank sitzt Mona. Aber sie ist nicht allein. Neben ihr sitzt Klausi und bietet ihr – einen Apfel an! Das grenzt ja fast an einen Heiratsantrag! Niko wird blass vor Wut. Er weiß sofort: Er muss etwas unternehmen. Erstens, weil Mona ihm gehört. Zweitens, weil er Klausi schon länger eine Abreibung verpassen sollte. Und drittens, damit seine Kumpels sehen, wer hier das Sagen hat! Es kann nur einen geben!
Mit einer gebieterischen Geste bedeutet Niko der Elitetruppe, sich im Hintergrund zu halten. Schnaubend stapft er dann auf Mona und Klausi zu. Gerade nimmt Mona freundlich lächelnd den Apfel von Klausi, der ein unsagbar dümmliches Grinsen aufgesetzt hat, da entdeckt sie Niko.
Sie springt auf und will ihn begrüßen, aber Niko beachtet sie nicht. Stattdessen packt er Klausi am Kragen, beutelt ihn, verdreht ihm die Nase und haut ihm unter dem Gejohle von Erwin, Billy und Zvonko eine Ohrfeige nach der anderen runter. Mona ist vor Schreck wie gelähmt. „Wenn ich dich bei meiner Alten noch einmal erwisch, dann bist du ein Krenfleisch!“, knurrt Niko und stößt Klausi in Richtung Ausgang. Der sucht, eindrucksvoll gedemütigt, das Weite. Erschöpft lässt sich Niko auf die Parkbank fallen und blickt beifallheischend in die Runde. Während seine Kumpels sich vor Bewunderung gar nicht mehr beruhigen können und Nikos Ohrfeigentechnik in den höchsten Tönen loben, beginnt sich Mona langsam aus ihrer Starre zu lösen. Sie schüttelt sich, als müsste sie aus einem bösen Traum auftauchen. Dann holt sie tief Luft und beginnt lauthals auf Niko einzuschimpfen. Dass er ein Fetzenschädel sei und ein grober Klotz, ein primitiver, und ob er wo dagegengelaufen sei, und was er überhaupt von Klausi wolle, der sei doch so lieb und freundlich, nicht so ein aufgeblasener Trottel wie Niko, und warum er eigentlich glaube, sie sei seine Freundin, andere Mütter hätten auch schöne Söhne, noch viel schönere sogar, und dass sie nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wolle. Dann stürmt sie davon.
Niko ist perplex, vor allem, weil Mona ihn offenbar nicht für den Schönsten hält. Aber er fängt sich rasch wieder und erklärt seinen Freunden, dass er „temperamentvolle Mädels“ sehr schätze. „Ja, so ist sie, meine Mona!“, erklärt er seinen Kumpels. „Immer Pfeffer im Hintern!“ Dann geruht er Hunger zu verspüren und drängt seine Freunde, dem McDonald’s auf der Praterstraße einen Besuch abzustatten, um sich „ein paar Hamburger ins Gesicht zu schrauben“.
Am Abend geht es Niko wieder gut. Er posiert vor dem Vorzimmerspiegel und lächelt sich zufrieden zu. Es ist doch ein gutes Gefühl, dass er so stark und schön ist und alle – na ja, fast alle – ihn bewundern. Nein, er, Niko Dumser, braucht sich vor nichts zu fürchten. Vor einem blöden Klausi nicht und vor einer wütenden Mona schon gar nicht. Vor nichts und vor niemandem.
Wirklich? Ganz so stimmt das nicht, obwohl Niko das nie zugeben würde. Und so richtig fürchtet er sich ja nicht vor dem Meier. Ein wenig unheimlich ist ihm der aber schon. Auf dem Heimweg hatte Niko ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. So, als bohre sich ein stechender Blick in seinen Rücken. Das ist für ihn ein sehr ungewohntes Gefühl, denn meistens wird er ja bewundert, aber nicht beobachtet. Und in der Rotensterngasse hat er dann den Meier entdeckt. Als der wiederum bemerkt hat, dass er entdeckt ist, ist er schnell in das nächste Papiergeschäft gehuscht. Daraufhin postierte sich Niko unauffällig im gegenüberliegenden Hauseingang, um den Eingang des Papiergeschäfts zu beobachten. Nach ein paar Minuten ist der Meier aus dem Papiergeschäft wieder herausgekommen, hat breit gegrinst wie ein Hutschpferd, einen roten Tschako aus Buntpapier auf der Birne getragen und ist fröhlich nach Hause getrabt. So was macht doch kein normaler Mensch! Und da soll einem der Meier nicht unheimlich sein!
