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Osteopathie – Architektur der Balance

Theoretische und praktische Zugänge zu therapeutischem Handeln

Kilian Dräger

Patrick van den Heede

Henry Kleßen

Urban & Fischer

Dedication

Dieses Buch widme ich in Liebe und Dankbarkeit meiner Familie: Cordula, Torben und Hella.

Dr. Kilian Dräger

Ich widme diese Arbeit meiner Frau Sibylle und unserem Sohn Elia, meinen anderen Kindern Iene, Jelle und Simon und allen anderen Kindern Gaias, weil sie wirklich die ‚Balance‘ des definitiven Wandels unserer Lebenswahrnehmung sind.

Patrick van den Heede

Für Elke, Lisanne und Nick.

Henry Kleßen

Front Matter

Kilian Dräger, Patrick van den Heede, Henry Kleßen

Osteopathie – Architektur der Balance

Theoretische und praktische Zugänge zu therapeutischem Handeln

1. Auflage

Mit Beiträgen von: Dr. med. Kilian Dräger D.O., Hamburg; Patrick van den Heede D.O., Orroir/B; Henry Kleßen D.O., Urbar

Mit einem Geleitwort von: Prof. Renzo Molinari DO, MROF, GOsC (UK), Maidstone/GB

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Copyright

Zuschriften und Kritik an:

Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, Hackerbrücke 6, 80335 München

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Die Erkenntnisse in der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische Erfahrungen. Herausgeber und Autoren dieses Werkes haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die in diesem Werk gemachten therapeutischen Angaben (insbesondere hinsichtlich Indikation, Dosierung und unerwünschter Wirkungen) dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Das entbindet den Nutzer dieses Werkes aber nicht von der Verpflichtung, anhand weiterer schriftlicher Informationsquellen zu überprüfen, ob die dort gemachten Angaben von denen in diesem Buch abweichen und seine Verordnung in eigener Verantwortung zu treffen.

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Alle Rechte vorbehalten

01. Auflage 2011

© Elsevier GmbH, München

Der Urban & Fischer Verlag ist ein Imprint der Elsevier GmbH.

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Um den Textfluss nicht zu stören, wurde bei Patienten und Berufsbezeichnungen die grammatikalisch maskuline Form gewählt. Selbstverständlich sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.

Planung: Martina Braun, Christl Kiener, München

Lektorat und Projektmanagement: Martina Braun, Annekathrin Sichling, München

Redaktion: Sigrid Schäfer, Sindelfingen

Herstellung: Christine Kosel, München

Satz: abavo GmbH, Buchloe/Deutschland; TnQ, Chennai/Indien

Druck und Bindung: Print Consult GmbH, München

Fotos: Karsten Franke, Hamburg/

Zeichnungen: Henriette Rintelen, Velbert

Umschlaggestaltung: SpieszDesign, Neu-Ulm

ISBN 978-3-437-58780-1

Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter und

Geleitwort

I feel very privileged and honoured to have been asked by Dr. Kilian Dräger, Henry Kleßen and Patrick van den Heede to write the foreword for their book as their work tries to really go to the roots of Osteopathy, to explain in an understandable manner complex phenomena behind techniques and finally deliver their view of the application of techniques.

This represents a fascinating work as it goes in depth in the comprehension of what justifies our approach and presents their common analysis of fundamental concepts and techniques.

This book is unusual as it took nine years of working sessions, meetings to analyse each concept, dissect it, fully understand what was behind each word, each concept and finally to write together their comprehension of body and mind relationship and its approach. This book represents the result of three minds coming together to make Osteopathy understandable, it is not a collection of writings from three different authors, it is really in line with the philosophy of Osteopathy as it is representing a unity, a common interpretation and not the collection of different parts or different minds.

This work represents modern Osteopathy not only for its content, but also because of its authors: they represent the synthesis of medical and non-medical collaboration and this is fundamentally important for the future of our profession. Multi-disciplinary collaboration and respect is one of the conditions for survival of our discipline.

The authors have not been afraid to analyze all aspects of our science and they have not chosen as it is often done to stay in very conventional grounds to explain certain aspects of our actions. This is an explanation of the different levels of a human being: biomechanical, biophysical, bioelectrical, biochemical, psycho-emotional, and how these fields interact together. When you understand the integration of these different levels into a whole being, you have the answer to the fundamental question about the aim of treatment and you know how to approach it. Knowing some scientific study results of regenerative processes leads to the significance of these processes in the living body and takes the osteopath to a certain practical approach.

The analysis of memory processes is very comprehensive and interesting. The comprehension of the fascia organisation and midline importance allows going a step further in the application of techniques. I am sure that Andrew Taylor Still himself will have been fascinated by these explanations. He was saying himself:

„The fascia gives one; if not the greatest problem to solve as to the part it takes in life and death. By its action we shrink, or swell and die“

(philosophy of Osteopathy, 1899).

The book addresses the osteopathic community of course, but also other professionals involved with health: doctors, physiotherapists, naturopaths and other therapists…. or students (at an advanced level).They can get a better feel of the multi-dimensional expression of the human being. They will be able to use this extended view for their own work. Osteopaths will have a deeper understanding of osteopathic principles allowing a better multi-disciplinary cooperation.

In conclusion it is possible to say that the aim of this book was ambitious: understanding and explaining Life in Motion, Health, apprehend The Architecture of Balance, but the coming together of these three authors has fulfilled this objective.

Prof. Renzo Molinari, International institute of Advanced Studies in Osteopathy (IASO)

Ich fühle mich sehr geehrt, dass Dr. Kilian Dräger, Henry Kleßen und Patrick van den Heede mich um ein Geleitwort zu ihrem Buch baten. Mit ihrem Werk versuchen sie, der Osteopathie wirklich auf den Grund zu gehen, die komplexen Zusammenhänge hinter den Methoden in verständlicher Weise zu erklären und die Anwendung der Techniken abschließend zu bewerten.

Ein tief gehendes Verständnis für die Berechtigung des osteopathischen Ansatzes und die gemeinsame Untersuchung grundlegender Theorien und Techniken machen ihre Arbeit so faszinierend.

Ungewöhnlich an diesem Buch ist seine Entstehungsgeschichte. Denn es dauerte 9 Jahre, jedes einzelne Konzept auf Arbeitssitzungen und Arbeitstreffen zu analysieren und zu zerlegen, um vollständig zu erfassen, was hinter einem Begriff oder einem Konzept steckt, und schließlich über das gemeinsame Verständnis der Körper-Geist-Beziehung und des osteopathischen Ansatzes zu schreiben. Das Buch stellt keinen Sammelband mit Schriften unterschiedlicher Autoren dar, sondern ist das Ergebnis gemeinsamer Überlegungen von drei Köpfen, die Osteopathie verständlich machen wollen. Als Einheit, als gemeinsame Interpretation und nicht nur Ansammlung unterschiedlicher Teile oder Gedanken, befindet es sich wirklich in Einklang mit der Philosophie der Osteopathie.

Diese Arbeit steht nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen der Autoren für eine moderne Osteopathie. Sie verkörpern die Synthese medizinischer und nichtmedizinischer Zusammenarbeit, die grundlegende Bedeutung für die Zukunft unseres Berufes hat. Multidisziplinäre Zusammenarbeit und gegenseitiger Respekt gehören zu den notwendigen Bedingungen für den Fortbestand unseres Fachgebiets.

Die Autoren haben sich nicht gescheut, alle Aspekte unserer Wissenschaft zu untersuchen, und sich bewusst dazu entschieden, sich nicht – wie so oft – auf die üblichen Begründungen für bestimmte Aspekte unseres Handelns zu beschränken. Sie erklären, wie sich die unterschiedlichen Ebenen eines Menschen, die biomechanische, biophysikalische, bioelektrische, biochemische und psychisch-emotionale, gegenseitig beeinflussen oder interagieren. Wer die Integration dieser verschiedenen Ebenen in einem ganzheitlichen Wesen versteht, findet die Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Behandlungsziel und weiß, wie man es erreichen kann. Die Ergebnisse einiger wissenschaftlicher Studien lassen die Bedeutung regenerativer Prozesse im lebenden Körper erkennen und führen Osteopathen zu einem bestimmten praktischen Ansatz hin. Erinnerungsprozesse werden einer sehr umfassenden und interessanten Analyse unterzogen. Das Verständnis für die Faszienstruktur und die Bedeutung der Mittellinie erlaubt es, in der praktischen Anwendung noch einen Schritt weiter zu gehen. Ich bin mir sicher, selbst Andrew Taylor Still wäre von diesen Erklärungen fasziniert. Wie er selbst (in Philosophy of Osteopathy 1899) sagte:

„The fascia gives one, if not the greatest problem to solve as to the part it takes in life and death. By its action we shrink, or swell and die.“ [Die Rolle der Faszie, die sie im Leben und Tod spielt, gibt uns ein, wenn nicht gar das größte Rätsel zu lösen auf. Durch ihre Wirkung schrumpfen oder schwellen und sterben wir.]

Das Buch richtet sich natürlich an Osteopathen, aber auch an andere im Gesundheitsbereich Tätige wie Ärzte, Physiotherapeuten, Naturheilkundler und Therapeuten oder an Studenten (in höheren Semestern). Es kann ihnen ein besseres Gespür für den mehrdimensionalen Ausdruck des menschlichen Wesens vermitteln und sie in die Lage versetzen, diese erweiterte Sichtweise für ihre eigene Arbeit zu nutzen. Ein vertieftes Verständnis osteopathischer Prinzipen wird Osteopathen eine bessere multidisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Leben in Bewegung“, Gesundheit verstehen und erklären sowie die „Architektur der Balance“ begreifen zu wollen, zwar ein ehrgeiziges Ziel war, aber dass der Anspruch durch das Zusammentreffen dieser drei Autoren voll erfüllt wurde.

Prof. Renzo Molinari, International institute of Advanced Studies in Osteopathy (IASO), Übersetzung: Walburga Rempe-Baldin, München

Vorwort

Denken, fühlen und handeln in der Osteopathie

Dieses Buch soll Neugier wecken und erhalten – für eine jede durchgeführte Behandlung – und Ideen geben, was man jedes Mal entdecken kann. Es geht der Frage nach, wie der menschliche Organismus Gesundheit erinnern und herstellen kann. Wir wollen ein osteopathisches Behandlungskonzept vermitteln, welches eine Synthese der verschiedenen Techniken

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Abb. 0.1 Die Teilnehmer des ersten und zweiten Kurses im Kloster Engelport. [2]

berücksichtigt und neue Zusammenhänge und Erkenntnisse einbezieht. Es soll einen Beitrag zur Osteopathie als einer integrativen Medizin leisten.

Das Buch hat seinen Anstoß durch die Lehrtätigkeit von Patrick van den Heede erhalten. Patrick van den Heede hält seit langem Kurse für Osteopathen und vermittelt auf seine besondere Art eine umfassende Sichtweise und Praxis der Osteopathie. Bei einer Kursreihe mit einer festen Gruppe von Osteopathen, welche selbst zumeist eine Lehrtätigkeit ausüben, entstand die Idee, gemeinsam ein Buch zu schreiben.

Dieses soll integrative Ideen darstellen, welche ein weitergehendes Verständnis der Zusammenhänge geben. Schnell gab es die Idee für einen Titel: Denken, fühlen und handeln in der Osteopathie. Da man zuerst Information gedanklich interpretiert, anschließend mit Fühlen/Wahrnehmung an die Realität anpasst und entsprechend handelt ist diese Reihenfolge für uns die einzig sinnvolle, wenn es überhaupt eine Reihenfolge gibt. Aus osteopathischer Sicht sollten Denken, Fühlen und Handeln als Einheit gesehen werden, die im Behandlungsprozess ständig erneuert und aktualisiert werden muss. Dies ist notwendig, damit die Gedanken und Interpretationen bei einer laufenden Behandlung nicht in eine fixe Idee münden. Trotz der Einheit aller drei Begriffe kann man auch Denken und Fühlen als Einheit sehen, sowie Fühlen und Handeln, so dass die Begriffe sich doch in eine Reihe stellen. Wir meinen, dass man nicht aus seinem Denken handeln sollte, ohne dass ein Fühlen dazwischengeschaltet ist. Neue Entdeckungen sind nur über die Wahrnehmung der Realität, der bisher unbemerkten Realität, zu machen.

Ebenso sollte das Handeln immer mit fühlender Wahrnehmung in einem Regelkreis gekoppelt sein. Andernfalls lenkt man ein Auto ohne auf die Straße zu schauen. Wenn man auf die Straße schaut, sollte man wiederum an die Verkehrsregeln denken.

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Abb. 0.2 Die Autoren treffen sich über den Zeitraum von 9 Jahren zum Diskurs und Schreiben des Buches. Von links nach rechts: Kilian Dräger, Patrick van Den Heede, Henry Kleßen. [2]

Unsere spezifische osteopathische Sichtweise, die daraus resultierenden Gedanken und Handlungsmöglichkeiten sollen allgemein zugänglich gemacht werden. So haben wir drei Autoren ein gemeinschaftliches Werk in Angriff genommen. Der Unterschied zu anderen Büchern mit mehreren Autoren ist, dass sich über die Jahre der Zusammenarbeit Inhalte geformt haben, die von allen drei Autoren als einer Gruppe erstellt wurden.

Wir sind der Meinung, dass dies ein besonderer Wert ist, da der fachliche Diskurs eine alte Tradition ist, ein Thema gleichzeitig tief und breit auszuleuchten. Wir wünschen, dass aus dem vorliegenden Buch weitere Entwicklung folgt.

Hatzenport/Mosel, im September 2010

Kilian Dräger

Patrick van den Heede

Henry Kleßen

Biete das richtige Fulkrum an, am rechten Platz, zur rechten Zeit.

Offer the right fulcrum, at the right place, at the right time.

Anthony Chila

Adressen

Dr. med. Kilian Dräger, D.O., Osteopathikum Hamburg, Beim Andreassbrunnen 7, 20249 Hamburg

Patrick van den Heede, D.O., Rue Deflière, 26, 7750 Orroir, Belgien

Henry Kleßen, D.O., Am Hellengraben 22, 56182 Urbar b Koblenz am Rhein

Abbildungsnachweis

Der Verweis auf die jeweilige Abbildungsquelle befindet sich bei allen Abbildungen im Buch am Ende des Legendentextes in eckigen Klammern. Alle nicht besonders gekennzeichneten Grafiken und Abbildungen © Elsevier GmbH, München.

[1] Harms, J. M., Max-Planck-Arbeitsgruppen für strukturelle Molekularbiologie, Hamburg.
[2] Dräger, K., Hamburg
[3] Himmelhan, R.
[4] Jane-Smith, S.
[5] Keller, H., Freiburg
[6] Kubik, S., Zürich
[7] Földi, M. u. E., Kubik, S., Lehrbuch der Lymphologie, 4. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München 1999
[8] Golenhofen, K., Basislehrbuch Physiologie, 4. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2006
[9] Grays Anatomy, 39th edition, Elsevier Churchill Livingstone, Edinburgh 2005
[10] Moore, K., Embryologie, 5. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2007
[11] Myers, T., Anatomy Trains, 2. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2008
[12] Oschmann, J. L., Energiemedizin, 2. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2009
[13] Putz, R., Pabst, R., Sobotta, Atlas der Anatomie des Menschen, Der komplette Atlas in einem Band, 22. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2006
[14] Rintelen, H., Velbert
[15] Welsch, U., Lehrbuch Histologie, 2./3. Auflage, Elsevier GmbH Urban & Fischer Verlag, München 2006/2010

Table of Contents

Kapitel 1 Die Säulen der Osteopathie

Wir begreifen die Osteopathie als eine medizinische Fachrichtung, die sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien (Theorie) als auch Fühlen und Handeln (Praxis) als Säulen des therapeutischen Vorgehens integriert und nutzt.

Definition der Osteopathie

Die Osteopathie ist eine von Andrew Taylor Still 1874 erstmals universitär vorgestellte medizinische Fachrichtung aus den USA. Sie gründet sich auf Anatomie, Physiologie, Embryologie und andere medizinische Wissenschaften. In der Osteopathie nutzt man den Körper als umfassend vernetztes Steuer- und Regelsystem. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es, Funktions- und Bewegungseinschränkungen zu finden und zu beseitigen. Der Osteopath erkennt in allen Funktionsabläufen des Organismus einen Bewegungsausdruck. Zur Normalisierung induziert der Osteopath, mit einem durch die Hand vermittelten Kontakt, den autoregulativen Regenerationsprozess. Die osteopathische Behandlung zielt auf alle Aspekte der Gesundheit und gesunden Entwicklung ab.

1.1 Denken, Wissenschaft, Erkenntnis

Wissenschaftliche Konzepte und Erkenntnisse bilden einen wesentlichen Pfeiler der Osteopathie. Dazu gehören die Erkenntnisse medizinischer, naturwissenschaftlicher wie auch philosophischer Disziplinen. Wir unterstützen die Anstrengungen einer wissenschaftlichen Erklärung und Überprüfung osteopathischen Handelns.

Über das Verständnis und den Gebrauch des Begriffs der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Ansichten. Wir folgen den Erläuterungen von bemerkenswerten Physikern wie Stephen W. Hawking, wonach eine wissenschaftliche Theorie aus zweierlei besteht: Aus einem Modell des Universums oder eines seiner Teile sowie aus einer Reihe von Regeln. Dann werden die Größen innerhalb des Modells in Beziehung zu unseren Beobachtungen gesetzt.

„Eine Theorie existiert nur in unserer Vorstellung und besitzt keine andere Wirklichkeit (was immer das bedeuten mag). Gut ist eine Theorie, wenn sie zwei Voraussetzungen erfüllt: Sie muss eine große Klasse von Beobachtungen auf der Grundlage eines Modells beschreiben, dass nur einige wenige beliebige Elemente enthält, und sie muss bestimmte Voraussagen über die Ergebnisse künftiger Beobachtungen ermöglichen. – […] – Jede physikalische Theorie ist insofern vorläufig, als sie nur eine Hypothese darstellt: Man kann sie nie beweisen. Wie häufig auch immer die Ergebnisse von Experimenten mit einer Theorie übereinstimmen, man kann nie sicher sein, dass das Ergebnis nicht beim nächsten Mal der Theorie widersprechen wird. Dagegen ist eine Theorie widerlegt, wenn man nur eine einzige Beobachtung findet, die nicht mit den aus ihr abgeleiteten Voraussagen übereinstimmt.“

(Stephen W. Hawking, 1993). Die Erkenntnis, dass man Ergebnisse nie wirklich beweisen kann, konterkariert die heutigen Bemühungen im Gesundheitswesen. Es erklärt auch, warum wissenschaftliche Erkenntnisse von gestern heute zum Teil nicht mehr richtig sind. Gerade die Medizin ist voller Beispiele, wie „gesicherte“ Therapien unter neuen, d.h. anderen Gesichtspunkten sich als „falsch“ herausgestellt haben (z.B. Contergan, Helicobacter pylori etc.). Warum sollte das in Zukunft anders sein?

Problematisch kann es werden, wenn die herrschende Lehrmeinung an veralteten Konzepten festhält und der Wandel der Erkenntnis nicht anerkannt wird (wie schon Galileo Galilei schmerzhaft erkennen musste). Auch in der osteopathischen Praxis stehen wir täglich vor der Frage, ob das, was wir meinen zu bewirken, auch tatsächlich passiert. Wer kann genau bestimmen, was eine Gelenkmanipulation, Thrust mit „Knacken“ ist? Wir stehen in der Pflicht, uns ständig zu überprüfen.

Die Wissenschaft versucht objektive Maßstäbe zu setzen, während wir immer nur subjektiv handeln können. Die Quantenphysik lehrt uns, dass man die Objektivität nie erreichen kann, da der Beobachter immer den ablaufenden Prozess verändert. Was ist also das eigentliche Ziel von Wissenschaft? Wir meinen, dass man eine Intersubjektivität erreichen sollte, d.h. dass auch andere bei gleichartiger Ausübung gewisser Tätigkeiten die gleichen Ergebnisse erzielen können. Somit beschreibt Intersubjektivität einen für alle nachvollziehbaren Vorgang.

In der Ausübung der medizinischen Praxis stößt man auf Schwierigkeiten mit der empirisch wissenschaftlichen Methodik, da sich menschliches Leben so überaus komplex organisiert. In den Kreisen der medizinischen Forschung wird die klinische Forschung hinterfragt, weil die Studien zwar valide und zuverlässig sein können, aber die Patientengruppe möglicherweise über Auswahlkriterien der Studie so selektiert wurde, dass sie nicht mit den Patienten der Praxis übereinstimmt. Man hat immer eine Vielzahl von unbekannten Variablen und bei deren Reduktion auf einige Wenige ist zu fragen, ob man der Komplexität des menschlichen Lebens gerecht wird. Diese Reduktion ermöglicht jedoch verblindete und randomisierte Studien, die sich zu einem ganz großen Teil mit der Erforschung von Medikamentenwirkungen beschäftigen. Den immensen Nutzen aus dieser Arbeit kann man bei Infektionserkrankungen, Diabetes mellitus und vielen anderen Beispielen sehen. Streng genommen kann man jedoch selbst bei Gabe eines einfachen Medikamentes an ein Individuum nur Voraussagen zu der wahrscheinlichen Wirkung machen, da es immer auch eine Gruppe von Non-Respondern gibt. Die Gruppe der Studie kann heterogen zusammengesetzt sein und unterschiedliche und unbekannte Ursachen für das fehlende Ansprechverhalten haben. Die erfolgte Reduktion auf nur wenige Variabeln ist unbefriedigend, wenn man die Sicht des Individuums (des Patienten) einnimmt. In der Medizin überlegt man deshalb, die Forschung ergebnisorientiert zu gestalten – wenn man diese und jene Bedingungen vorgibt, kommen in der alltäglichen Praxis jene Ergebnisse zustande.

Es ist aus osteopathischer Sicht auch immer wieder erstaunlich, dass die Erkenntnisse in der Genforschung immer nur auf die Petrischale bezogen werden und nicht auf die ständig ablaufende genetische Aktivität im Organismus. Als Osteopath sieht man auf das Potenzial des Körpers, mit der Modulation genetischer Expression Heilung anzustoßen (). Als Beispiel sei die Regeneration von Herzmuskelgewebe aus adulten Stammzellen aufgeführt, wo die gentechnischen Überlegungen dahin gehen, Stammzellen zur Zucht von Herzmuskelzellen zu entnehmen, um sie nachher wieder zu implantieren. Osteopathische Gedanken gehen der Frage nach, ob es nicht ein physiologischer alltäglicher Prozess ist, dass entstandene Gewebeschäden über Stammzellregeneration repariert werden. Man fragt sich, was die steuernden Faktoren im Alltag sind und ob man diese therapeutisch nutzen kann. Verblüffend sind dann Studienergebnisse, die Sport, also Bewegung als Einflussgröße ausfindig machen. Diese Erkenntnis scheint eine Binsenweisheit zu sein, und wird doch nicht in der Konsequenz weitergedacht, dass eben feinere und präzisere Bewegungen, gezielt auf bestimmte Gewebebereiche ausgerichtet diesen heilenden Effekt auslösen könnten. Wie sieht Sport für einen Fibrozyten aus?

Umso wichtiger sind schlüssige, wissenschaftliche Konzepte, die uns helfen, die Masse an detaillierten fachlichen Informationen zueinander in Beziehung zu setzen und damit ein Verständnis des menschlichen Körpers und Lebens zu erlangen. Dies kann unserer Meinung die Osteopathie leisten, auch wenn einige ihrer Thesen noch nicht bewiesen wurden, sondern nur als Erfahrung mitgeteilt und dann international übergreifend nachvollzogen wurden.

1.2 Fühlen, Handeln, Praxis

Für den zweiten Bereich, die Praxis, ist das Fühlen eine ständige Verfeinerung von Wahrnehmung, die eine persönliche Erfahrung darstellt. Für den therapeutischen Erfolg ist es entscheidend, ob ein manueller Kontakt entsprechend den Anforderungen des Gewebes hergestellt werden kann. Dies gilt vom so genannten „Einrenken“ bis hin zu der Arbeit mit der feinen unwillkürlichen Bewegung des Gewebes oder sonstigen Lebensprozessen. Hierzu gehört auch die fasziale Arbeit. In diesem therapeutischen Prozess spielt kein „objektiver“ Apparat mehr eine Rolle, sondern ist die persönliche körperliche und innere Haltung von entscheidender Bedeutung. Diese „Subjektivierung“ erfordert ein Kennenlernen der eigenen Wahrnehmungsprozesse, um ein reproduzierbares Referenzsystem zu erhalten. Dies zielt auf einen intersubjektiven Prozess ab. Kann der Therapeut die körperlichen Notwendigkeiten des Patienten erkennen und sich präzise (!) und umfassend auf sie einstellen? Inwieweit entsprechen die körperlichen Notwendigkeiten auch inneren, z.B. psychischen Notwendigkeiten? Je mehr Erfahrung man gewinnen kann und je besser man sich den Gegebenheiten des Patienten anpassen kann, umso höher sind die Aussichten auf Erfolg. Die unterschiedlichen osteopathischen Ebenen kennen zu lernen bedarf einerseits qualifizierter praktischer Anleitung und andererseits großer Ausdauer im übenden Prozess, oder anders ausgedrückt, eine lange Übungszeit. Dies ist ein entscheidender Faktor für die Qualität der osteopathischen Praxis.

1.3 Analyse und Synthese

Daten und Fakten sollten mit dem Sinn des osteopathischen Konzeptes so zusammenfügt werden, dass ein tiefes und differenziertes Verständnis der therapeutischen Handlung entsteht und man diese präzise, d.h. subtil nuanciert auf eine Struktur richten kann. Dabei bedarf es des ständigen Wechsels, des Verwebens von Analyse und Synthese. Mit den Fakten scheint man auf sicherem Boden zu stehen, nur lässt sich die Funktion des menschlichen Organismus nicht nur nach einzelnen und eindeutigen Fakten bestimmen. Der Organismus beinhaltet immer eine gewisse Unschärfe in seiner Funktionsweise. So wie es nicht nur einen Faktor, sondern mehrere bestimmende unscharfe Faktoren gibt, welche eine Vorhersagbarkeit erschweren, so lassen sich bei mehreren unbekannten Variablen auch mathematische Gleichungen nicht lösen. Man kann körperliche und psychische Aktionen nicht mit voller Sicherheit voraussagen und verschiedene Ebenen der Gewebedynamik lassen sich nicht vollständig bestimmen. Doch zeigt die Behandlung dieser Ebenen in der Praxis erfahrungsgemäß ein gutes Ergebnis. Somit werden die Ebenen hier als Ausblick auf ein therapeutisches Potential behandelt, welches einem nach längerer Beobachtung evident erscheint.

Osteopathisch ist eben nicht nur die Analyse in Einzelbereiche und Fachgebiete wesentlich, sondern auch der Zusammenfluss des gesamten Spektrums des menschlichen Daseins. Da man auf die physiologische Regulation der verschränkten Systeme abzielt, kann man keine Ebene, kein System ausklammern. Dass dies keine ungewöhnliche Haltung ist, kann man an der medizinischen Fachrichtung der Psychosomatik ersehen.

Zu den wesentlichen Referenzsystemen zählt die osteopathische Arbeit im Bereich der Primäratmung oder, wie William Garner Sutherland es nannte: „Osteopathie im kranialen Bereich“. Hierbei muss man feststellen, dass es erhebliche Verständnisschwierigkeiten gibt und qualitative Unterschiede in der Ausübung. Das System der Primäratmung ist keineswegs auf ein mechanisches Modell beschränkt, welches dem kraniosakralen System oft zugeschrieben wird. Der Versuch, die Mechanik nachzuweisen, ist mehrfach gescheitert. Vielmehr sollte man das Konzept der Primäratmung auf den gesamten Körper ausdehnen und dort Verdichtungen von Struktur sowie fluidale und bioelektrische Felder beobachten, um ein Verständnis des Bewegungseindrucks zu erlangen, welches der kundige Osteopath wahrnehmen kann.

Ich suche nicht, ich finde

Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständenvon bereits Bekanntem im Neuen.

Finden – das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung.Alle Wege sind offen und was gefunden wird ist unbekannt.Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!

Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich

nur jene auf sich nehmen,

die im Ungeborgenen sich geborgen wissen,

die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen,

die sich vom Ziel ziehen lassen

und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt –

das Ziel bestimmen.

Dies Offensein für eine neue Erkenntnis,

für ein Erleben im Außen und Innen:

Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen,

der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins

im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.

Pablo Picasso

Siehe Herzfrequenzvariabilität: Ein gesundes Herz hat einen sehr regelmäßigen Rhythmus. Dieser zeichnet sich jedoch durch minimale Abweichungen aus. Der Schlag eine Nuance vor oder nach dem absoluten Gleichmaß ist geradezu ein Zeichen von Gesundheit. Fällt diese Herzfrequenzvariabilität weg, ist dies ein pathologisches Zeichen, welches eine ungünstige Prognose nach Herzinfarkt stellt. Dies erinnert an den Unterschied zwischen „lebendiger“ Percussions-Musik und Techno-Rhythmen, die durch eine absolute Gleichförmigkeit des Synthesizers einen „toten“ Eindruck erwecken.