Maskentanz

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das erste Gespräch einer Psychotherapie erlebe ich immer als spannend. Mit welcher Persönlichkeit werde ich es zu tun haben? Welche Geschichte werde ich hören? Oft erscheint eine sympathische Person, begrüßt mich freundlich, charmant. Schon nach wenigen Minuten fließt das Gespräch. Ich merke, wie ich mich in der Gegenwart dieses Menschen wohlfühle.

Viele meiner Patienten entsprechen so gar nicht dem Klischee vom angstgeplagten, depressiven Menschen, dem jeder sein problemerfülltes Leben ansieht. Sie sind beruflich erfolgreich, beliebt, angesehen.

Während ich die erzählende Person auf mich wirken lasse, nehme ich ihr gepflegtes Äußeres wahr, oft ihr modisches Outfit. Fast immer würde ich sie – vor allem Frauen – jünger einschätzen, als sie gerade angegeben haben. „Was ist das Problem?“, frage ich zuerst mich, dann die mir gegenübersitzende Person. Manche Menschen sprudeln nun los, als ob sie froh wären, endlich darüber sprechen zu dürfen. Manche reagieren verhalten, so als ob sie noch nicht sicher wären, ob sie hier wirklich offen reden können.

Was sich vor mir nun – rasch oder vorsichtig – ausbreitet, ist erhebliches Leiden, irritierend in seinem Kontrast zum Sichtbaren: Essstörungen, psychosomatische Erkrankungen, Abhängigkeiten von Substanzen, Tätigkeiten – dem Einkaufen etwa oder der Arbeit – oder von Menschen. Sinnlosigkeitsgefühle bis hin zu Selbstmordversuchen.

Wenn ich frage, welche Menschen meinem Gegenüber hilfreich zur Seite stehen, blicken mich erschrockene, mitunter auch verständnislose Augen an. „Niemand!“, lautet die Antwort. Außer vielleicht der Partnerin oder dem Partner darf niemand davon wissen, weder Familie noch Freundeskreis.

Möglicherweise, um meine eigene Betroffenheit in Schach zu halten, dachte ich lange Zeit, es handle sich um das Problem einer kleinen Gruppe – eben meiner Patientinnen und Patienten. Aber ich wurde hellhörig. Seither schaue und höre ich in meinem sozialen Umfeld genauer hin. Ich beobachte das gleiche Phänomen. Erst nach der Trennung des Paares, das sich immer so harmonisch präsentiert hat, erfahre ich von den Alkoholproblemen des Partners. Erst nach ihrer Kündigung erzählt mir eine Freundin, dass sie seit Jahren unter dem Mobbing ihrer Kollegenschaft litt. Erst in einem intensiven Gespräch spät abends erfahre ich von den heftigen psychosomatischen Beschwerden eines Freundes. Ihre Erzählungen machen genau wie die meiner Patienten deutlich: Diese Menschen ordnen ihr Leben den ultimativen Maßstäben der Gesellschaft „Attraktivität – Beliebtheit – Erfolg“ unter, bis von der eigentlichen Person nichts mehr zu spüren ist. Sie führen ein fremdbestimmtes, angepasstes Leben in der Überzeugung, es frei und ganz nach eigenen Werten zu gestalten.

Fast schon gewinne ich den Eindruck einer kollektiven Neurose, die gerade Menschen, die mit einer Vielzahl von Fähigkeiten ausgestattet sind, erfasst.

Die Anzahl der Menschen, denen ich aufgrund meines Berufs als Therapeutin begegne, ist naturgemäß gering. Wie sollte ich eine breitere Öffentlichkeit auf das Phänomen „Fassadenleben“ aufmerksam machen und Menschen die Motivation in die Hand geben, die sie befähigt, ihr eigenes Leben wieder auszugraben, statt vorgegebenen Statussymbolen nachzujagen? Diese Frage begann mich zu begleiten. Die Antwort darauf ist dieses Buch.

Helene Drexler

Einleitung

Bernhard, 46, der Workaholic, Produzent.
Motto: Den Mächtigen gehört die Welt.

Karin, 35, die Frau zum Pferdestehlen, Eventmanagerin.
Motto: Ohne Fleiß kein Preis.

Daniel, 32, der Sonnyboy, Artdirector einer Werbeagentur. Motto: Carpe diem!

Silke, 27, die Partyqueen, Diätassistentin.
Motto: Was kostet die Welt?

Das sind die Protagonisten dieses Buches.

Wir begleiten sie durch etwa zwei Jahre ihres Lebens. Es sind turbulente, einschneidende Jahre.

Erstmals treffen wir auf die vier auf einer Party – einer der typischen Partys, die ihr Freizeitleben bestimmen. Sie lenken rasch unseren Blick auf sich, brillieren sie doch mit allem, was Menschen sich wünschen. Sie sind attraktiv, beliebt, klug und erfolgreich. Sie sind guter Dinge. Zumindest erscheint es uns so.

Sie zeigen sich in ihren Paraderollen. Sie sind jeder Situation gewachsen, verstehen es, sich in ein gutes Licht zu rücken, wissen sich im Umgang mit anderen zu behaupten und haben obendrein noch Spaß. Kurz, sie tanzen auf der Sonnenseite des Lebens.

Bis zum „Tag danach“. Er ist nicht der beste für unsere vier. Gut, denken wir, jeder hat einmal einen schlechten Tag. Einfach mal ein bisschen Katzenjammer. Auch an diesem Tag können wir sie nur bewundern. Es dauert kaum länger als ein paar Stunden und alles ist wieder im Lot. Lebenskünstler eben.

Sollen wir uns damit begnügen? Ist das wirklich die ganze Wahrheit? Welches Bild zeigt sich hinter den glänzenden Fassaden? Wie sieht es aus, wenn wir das Leben der vier nicht aus der Sicht anderer Partygäste, sondern mit einem psychologisch-therapeutischen Blick betrachten? Lassen Sie sich überraschen!