John Green

 

Margos Spuren

 

Aus dem Englischen

von Sophie Zeitz

 

Carl Hanser Verlag

 

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Paper Towns bei Dutton Books, New York.

 

Published by arrangement with Dutton Children’s Books, a division of Penguin Young Readers Group, a member of Penguin Group ( USA ) Inc.

 

Die Schreibweise in diesem Buch entspricht

den Regeln der neuen Rechtschreibung.

 

ISBN 978-3-446-24207-4

© 2008 by John Green

Alle Rechte der deutschen Ausgabe :

© Carl Hanser Verlag München Wien 2010

2. eBook-Version Mai 2015

Satz im Verlag: Nadine Wagner, München

 

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Kreutzfeldt digital, Hamburg

 

 

Für Julia Strauss-Gabel,

ohne die nichts von allem

Wirklichkeit geworden wäre

 

 

Und später, als wir vors Haus traten,

um ihren Kürbis von draußen zu bewundern,

sagte ich, ich fand es schön, wie ihr Licht

aus dem Gesicht schien, das im Dunkeln flackerte.

»Der Kürbis«, Katrina Vandenberg in Atlas

 

 

People say friends don’t destroy one another.

What do they know about friends?

»Game Shows Touch Our Lives«, The Mountain Goats

 

 

Vorwort

 

Also, wie ich die Sache sehe, erlebt jeder irgendwann mal ein Wunder. Ich meine, es ist zwar unwahrscheinlich, dass ich vom Blitz getroffen werde oder einen Nobelpreis kriege, Diktator eines Inselstaats im Pazifik werde, an Ohrenkrebs sterbe oder mich spontan selbst entzünde. Aber wenn man alle unwahrscheinlichen Dinge, die passieren könnten, zusammennimmt, ist es wahrscheinlich, dass jedem von uns zumindest einmal etwas davon passiert. Ich hätte zum Beispiel Zeuge werden können, wie es Frösche regnet. Oder ich hätte den ersten Schritt auf dem Mars machen können. Oder von einem Wal verschluckt werden können. Ich hätte die Queen heiraten oder monatelang auf dem Ozean überleben können. Doch stattdessen erlebte ich ein anderes Wunder. Und zwar folgendes : Von all den Hunderttausenden von Häusern in den Tausenden von Neubausiedlungen in ganz Florida wohnte ich ausgerechnet in dem Haus neben Margo Roth Spiegelman.

 

Unsere Siedlung hieß Jefferson Park und war mal ein Marinestützpunkt. Dann brauchte die Navy den Stützpunkt nicht mehr und gab das Land an die Bürger von Orlando zurück, die beschlossen, eine riesige Neubausiedlung hochzuziehen, weil man das in Florida mit Land so machte. Und kaum waren die ersten Häuser gebaut, zogen meine Eltern und Margos Eltern ein, genau nebeneinander. Da waren Margo und ich zwei Jahre alt.

Bevor Jefferson Park ein Wohnviertel wurde und noch bevor es ein Marinestützpunkt war, hatte das Land mal einem Mann namens Jefferson gehört, Dr. Jefferson Jefferson, um genau zu sein. Dr. Jefferson Jefferson war eine bekannte Persönlichkeit in Orlando, Schulen und Wohltätigkeitsorganisationen waren nach ihm benannt, doch das Merkwürdige an ihm war, dass Dr. Jefferson Jefferson überhaupt kein Doktor war. Er hatte als einfacher Orangensaftverkäufer namens Jefferson Jefferson angefangen. Und als er reich und mächtig war, ging er zum Standesamt und ließ seinen Namen ändern. Er ließ sich einen zweiten Vornamen eintragen, den er seinem ersten voranstellte : »Dr.« Großes D. Kleines r. Punkt. In Amerika ist so was möglich.

 

Margo und ich waren inzwischen neun. Unsere Eltern hatten sich angefreundet, und wir spielten manchmal zusammen oder fuhren mit dem Rad durch unser verkehrsberuhigtes Viertel zum Jefferson-Park im Herzen der Siedlung.

Ich wurde immer ganz nervös, wenn Margo kam, denn immerhin war sie das schönste und tollste Wesen auf Gottes Erde. An jenem Morgen hatte sie weiße Shorts an und ein rosa T-Shirt mit einem grünen Drachen darauf, der glitzerndes orangenes Feuer spuckte. Es ist schwer zu beschreiben, wie toll ich Margos T-Shirt damals fand.

Wie immer radelte Margo im Stehen, mit verschränkten Armen, über den Lenker gebeugt, und ihre lila Turnschuhe drehten sich so schnell auf den Pedalen, dass sie aussahen wie eine lila Wolke. Es war ein drückend heißer Märztag. Der Himmel war blau, doch die Luft schmeckte säuerlich, als würde später ein Sturm aufziehen.

Ich wollte Erfinder werden, und als wir die Fahrräder abgeschlossen hatten und das kurze Stück zum Spielplatz liefen, erzählte ich Margo von meiner neuesten Idee, dem Ringolator. Der Ringolator war eine riesige Kanone, mit der man riesige bunte Steine in eine niedrige Erdumlaufbahn schießen konnte, so dass die Erde Ringe bekam wie der Saturn. ( Ich finde immer noch, dass es eine gute Idee ist, aber der Bau einer Kanone, die Felsbrocken in eine niedrige Umlaufbahn schießt, scheint relativ kompliziert zu sein. )

Ich war so oft in dem Park gewesen, dass ich eine präzise Landkarte davon im Kopf hatte, und so fiel mir schon nach wenigen Schritten auf, dass irgendwas nicht so war, wie es sein sollte, auch wenn ich nicht gleich wusste, was.

»Quentin«, sagte Margo ganz ruhig und leise.

Sie streckte den Zeigefinger aus. Und dann sah ich, was nicht stimmte.

Vor uns stand die dicke Eiche, knorrig und kraftstrotzend und uralt. Das war wie immer. Rechts von uns war der Spielplatz. Auch das war wie immer. Am Stamm der Eiche aber lehnte ein Mann, der einen Anzug trug. Und das war neu. Er bewegte sich nicht. Er saß in einer Blutlache. Aus seinem Mund quoll halb getrocknetes Blut. Der Mund stand offen, wie Münder eigentlich nicht offen stehen sollen. Fliegen saßen auf seiner bleichen Stirn.

»Er ist tot«, erklärte Margo, als wäre mir das nicht auch schon aufgefallen.

Ich wich zwei Schritte zurück. Ich erinnere mich, wie ich dachte, er würde aufwachen und über mich herfallen, falls ich ruckartige Bewegungen machte. Vielleicht war er ein Zombie. Ich wusste natürlich, dass es keine Zombies gab, aber er sah so aus, als könnte er doch einer sein.

Während ich zwei Schritte zurückwich, trat Margo zwei vorsichtige Schritte vor. »Seine Augen sind offen«, stellte sie fest.

»Wir müssen schnell heim«, sagte ich.

»Ich dachte, wenn man stirbt, macht man die Augen zu«, sagte sie.

»MargowirmüssennachHausedenElternBescheidsagen«, sagte ich.

Sie trat einen weiteren Schritt vor. Jetzt war sie so nah, dass sie seinen Fuß berühren konnte. »Was, glaubst du, ist mit ihm passiert?«, fragte sie. »Vielleicht hat er Drogen genommen oder so was?«

Ich wollte Margo nicht mit dem Toten allein lassen, der vielleicht ein Zombie war und über sie herfallen würde, aber ich hatte auch keine Lust, noch länger hier rumzuhängen und zu erörtern, was zu seinem verfrühten Ableben geführt haben könnte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, trat vor und griff nach ihrer Hand. »Margowirmüssenjetztgehen!«

»Ja, okay«, sagte sie. Und dann rannten wir endlich zu unseren Rädern zurück, und ich hatte ein Flattern im Bauch, das sich wie Aufregung anfühlte, aber keine Aufregung war. Wir stiegen auf, und ich ließ Margo vorfahren, weil ich weinte und nicht wollte, dass sie es sah. An den Sohlen ihrer Turnschuhe klebte Blut. Sein Blut. Das Blut des Toten.

Und dann waren wir zu Hause, jeder bei sich. Meine Eltern riefen die Polizei, und ich hörte die Sirenen in der Ferne und fragte, ob ich den Feuerwehrautos zusehen dürfte, aber meine Mutter sagte Nein. Und dann machte ich meinen Mittagsschlaf.

Meine Mutter und mein Vater sind beide Psychotherapeuten, was bedeutet, dass ich ein verdammt ausgeglichener Junge bin. Als ich nach dem Mittagsschlaf aufwachte, führte meine Mutter ein langes Gespräch mit mir über den Kreislauf des Lebens, darüber, dass der Tod Teil des Lebens ist, aber kein Teil, über den ich mir mit neun Jahren allzu viele Gedanken machen müsse, und danach ging es mir schon besser. Ehrlich gesagt habe ich mir nicht lange den Kopf über die Sache zerbrochen. Und das soll etwas heißen, denn ansonsten zerbreche ich mir über alles den Kopf.

Es war nun mal so : Ich hatte eine Leiche gefunden. Der süße kleine neunjährige Quentin hatte mit seiner noch süßeren, noch kleineren Spielkameradin einen Toten gefunden, dem Blut aus dem Mund lief, und dann, beim Nach-Hause-Radeln, klebte das Blut an ihren süßen kleinen Turnschuhen. Es war eine dramatische Erfahrung, aber andererseits – ich kannte den Kerl überhaupt nicht. Jeden Tag starben Leute, die ich nicht kannte. Wenn ich jedes Mal, wenn etwas Schlimmes auf der Welt passiert, einen Nervenzusammenbruch hätte, dann wäre ich längst ein Fall für die Klapse.

 

Abends um neun lag ich im Bett, weil neun Uhr meine Bettzeit war. Meine Mutter kam zu mir und sagte, dass sie mich lieb hatte, und ich sagte : »Bis morgen«, und sie sagte : »Bis morgen.« Dann machte sie das Licht aus und zog die Tür bis auf einen Spalt zu.

Als ich mich zur Seite drehte, stand Margo Roth Spiegelman vor dem Fenster und drückte das Gesicht gegen die Scheibe. Ich stieg aus dem Bett und machte das Fenster auf. Das Fliegengitter war zwischen uns und zerlegte sie in Pixel.

»Ich habe Nachforschungen angestellt«, erklärte sie mit kindlichem Ernst. Zwar zerteilte das Fliegengitter ihr Gesicht in Kästchen, doch ich konnte erkennen, dass sie ein Notizbuch und einen Bleistift mit angekautem Radiergummi dabeihatte. Sie warf einen Blick in ihre Aufzeichnungen. »Mrs. Feldman aus der Jefferson Court Street sagt, sein Name war Robert Joyner. Sie hat mir erzählt, dass er auf der Jefferson Road gewohnt hat, in einer Wohnung über dem Supermarkt, also bin ich da hin, und da standen ein paar Polizisten rum, und einer hat mich gefragt, ob ich für die Schülerzeitung schreibe, aber ich hab gesagt, unsere Schule hat keine Schülerzeitung, und da meinte er, wenn ich keine Reporterin wäre, würde er meine Fragen beantworten. Er sagte, Robert Joyner war sechsunddreißig Jahre alt und Rechtsanwalt. Sie wollten mich nicht in seine Wohnung lassen, aber nebenan wohnt eine Frau namens Juanita Alvarez, und die hat mich reingelassen, weil ich sie gefragt habe, ob sie mir eine Tasse Zucker borgt, und dann hat sie mir erzählt, dass Robert Joyner sich erschossen hat. Ich habe gefragt, warum, und sie hat gesagt, er ist sehr traurig gewesen, weil seine Frau sich scheiden lassen wollte.«

Margo schwieg, und ich sah sie an, ihr Gesicht grau und vom Mond beschienen und durch das Fliegengitter in tausend kleine Kästchen zerlegt. Ihre großen runden Augen sahen von ihrem Notizbuch zu mir und wieder zurück. Ich sagte : »Viele Leute lassen sich scheiden, ohne sich deswegen umzubringen.«

»Genau«, antwortete sie aufgeregt. »Genau das habe ich auch zu Juanita Alvarez gesagt. Und da hat sie gesagt …« – Margo blätterte in ihrem Notizbuch – »sie sagte, Mr. Joyner hatte Probleme. Und als ich sie fragte, was sie damit meint, hat sie gesagt, wir sollen für ihn beten und ich sollte meiner Mutter jetzt den Zucker bringen, und da habe ich gesagt, vergessen Sie den Zucker, und bin gegangen.«

Ich schwieg. Ich wollte, dass sie weiterredete – ihre leise, aufgeregte Stimme, weil sie beinahe etwas rausgefunden hatte, gab mir das Gefühl, dass etwas Wichtiges in meinem Leben passierte.

»Ich glaube, ich weiß vielleicht, warum er es getan hat«, sagte sie.

»Warum?«

»Vielleicht sind alle Saiten in ihm gerissen.«

Während ich überlegte, was ich antworten sollte, schob ich den Riegel des Fliegengitters zurück und nahm es aus dem Fenster. Ich stellte das Gitter auf den Boden, aber sie wartete nicht ab, was ich zu sagen hatte. Bevor ich wieder saß, sah sie mich an und flüsterte : »Mach das Fenster zu.« Und ich gehorchte. Ich dachte, sie würde gehen, aber sie blieb einfach stehen und beobachtete mich durch die Scheibe. Ich winkte ihr zu und lächelte, doch ihr Blick war auf etwas hinter mir gerichtet, auf etwas Grauenhaftes, das ihr die Farbe aus dem Gesicht trieb, und ich bekam solche Angst, dass ich mich nicht umdrehen und nachsehen konnte. Aber da war natürlich nichts hinter mir. Höchstens vielleicht der Tote aus dem Park.

Ich hörte auf zu winken. Wir waren auf gleicher Höhe, als wir uns durch die Scheibe anstarrten. Ich weiß nicht mehr, was dann passiert ist – ob ich zuerst ins Bett ging oder sie. In meiner Erinnerung hört die Szene nicht auf. Wir stehen einfach nur da und sehen einander bis in alle Ewigkeit an.

 

Margo hat Rätsel immer geliebt. Und bei allem, was später passierte, wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie Rätsel vielleicht so liebte, dass sie selbst zu einem wurde.

 

 

Teil 1

Die Saiten