Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne

Cover

Rondos

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

»– Und was du tust, ist es nicht das Gleiche?! zu einem Andern aber sagst du: er sei ein Tor!«

 

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!« bat er innig und schmeichelnd, voll zitternder Sehnsucht und Angst, voll zehrender Ungeduld in den blitzenden Augen ... ein Kind, ein Knabe ... mit langen braunen Locken ...

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

und seine Stimme klang wie das Locken verhaltener Liebe, die das Herz sprengen möchte und jauchzen und hinausjubeln in den Sonnenschein über Hag und Gärten:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

 

Aber es war ein Dornbusch, von dem er das bat ... und die Leute, die vorbeigingen, lachten über das törichte Kerlchen: es sei eben ein Kind!

 

[4] Er aber trotzte: »Lacht! ich weiß es besser! er kann Rosen tragen, wenn ich nur das rechte Wort finde, wenn ich nur ... Geduld habe und warte!« und ließ sich nicht irre machen:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

 

Und er kam am Morgen, kam am Mittag und kam am Abend und wurde nicht müde, zu warten, und küßte die Dornen mit brennenden Lippen und drückte sie an sein hämmerndes Herz bis es blutete, und bat ... und bat und noch im Traum selbst bei Nacht voll zitternder Sehnsucht und Angst:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!« ...

Das gute kleine Närrchen ... zu einem Dornbusch!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Und doch ... und doch ... ja:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen! Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

[5] Zwischen Sommer und Herbst

... Wenn Sichel und Sense durch das Korn rauscht ... jenes leise Dengeln am Abend ... scharf, hart, und doch, ich weiß nicht: müde, wie Reue, wie heimliches Weinen! ... und ein paar Schnitterinnen, auf dem Heimweg, über die Felder hin, ein Lied singend ...

. . . . . . . . . . . . . . . .

»Du bist der scheidende Sommer, ich bin der sterbende Wald!«

Nach Heine.

 

Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, auch für dich, da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne, und die Rosen in heimlicher Sehnsucht dem Sonnenstrahl nachflattern, der da mit müder Hast sich durch das Laubgehänge zum Park hinaussucht, als flüchte er vor dem Spott des Satyrs Herbst, der grinsend am Torgitter lehnt ... die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden [6] in den Wipfeln und die Wälder schweigsam und reglos stehen in nebelspinnender Dämmerung.

 

Noch zwar leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht, mit glühender Wange, mit bebender Lippe und schwellender Brust, berückend, liebeverlangend, verführerisch, schön ... schön ... wie du mir entgegentratst, Marie-Anne: morgens, wie das Frührot den Tag weckt: frische Blumen in der Hand, vorm Fenster gepflückt, verzehrende Glut im dunkeln Auge, verhaltene Leidenschaft in der Stimme, mit wogender Brust, traumglühend, sehnsuchterregt, liebeverlangend, verführerisch, schön ... schön ... wie du ... wenn du vom Mondlicht überflutet, im verschwiegenen Zimmer, die weißen Arme um mich schmiegtest und der Duft deines Körpers wie sengende Lohe in mein Blut zischte ... noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht ... vielleicht kommt aber doch einmal die Zeit, auch für dich, da die Gärten im Schatten liegen und die Rosen der Sonne nachflattern, Marie-Anne!

[7] Denkst du noch jener ersten frühen Zeit ... ehe jene Stunden kamen am See ... wie glücklich wir zusammen! fröhlich und selig wie Kinder, über nichts jubelnd und jauchzend?!

Denkst du noch jener Abende dann, da wir die Arme umeinander, die Gartenhalde entlang gingen, beim Aveläuten vom Tal her ... und das Märchenweben der Sommernacht mit seiner stummen Sehnsucht uns überglühte, daß Lippe sich auf Lippe verlor und kaum satt zu werden vermochte in seligem Durst?!

Denkst du noch, wie glücklich wir da waren, damals ... und dann ... nachher ... bis jene Stunden kamen am See?!

 

Und es könnte noch so sein, es könnte noch sein, wie es war! denn noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht ... wenn du nicht müde wärest und verdrossen und ...

lächeltest ... jenes feine, schmerzende Lächeln verglühter Leidenschaft ... wenn ich, wie sonst, deine Hand einmal nehme und an die Lippen drücke [8] oder ... allzu stürmisch vielleicht ... meinen Arm um deinen Hals schlingen möchte ...

ich täte dir weh! sagst du, und ... und ... »es ist so schwül und schwer und ich bin müde!«

 

Ja ... ich tue dir weh! und es ist so schwül und schwer und du bist müde!

sommermüde! ...

Sichel und Sense rauscht durchs Korn und wie windvertragenes Dengeln klingt es herüber, scharf und hart, halb Reue, halb Sehnsucht, wie heimliches Weinen ... und die Glockenlaute vom Tal her ... wie ein Aveläuten unserer Liebe! ... Was ich auch tue, ich tue dir nichts mehr zu Freude, ich tue dir nichts mehr zu Dank! ... Vielleicht aber kommt doch einmal die Zeit, auch für dich, da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne, und du zurückdenkst an deinen Weggenossen von einst, dem nichts zu viel war für dich und der da sorgte für dich, wie ein Vater für sein Kind und der an dir hing, wie ein Kind an seiner Mutter, ... den du aber ... laufen [9] ließest, wie man einen ... laufen läßt, dessen man eben müde geworden ...

vielleicht kommt doch einmal die Zeit, da du siehst, was du verloren, da es dir leid tut, nicht froher gewesen zu sein, da dich ein Heimweh überschleicht nach jenen Tagen unseres Kinderglücks und du wie die Rosen mit heimlicher Sehnsucht dem Sonnenstrahl nachflattern möchtest, der mit müder Hast durchs Laubgehänge sich zum Park hinaussucht, als flüchte er vor dem Satyr am Torgitter ...

die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden ist in den Wipfeln und die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne!

[10] Ich muß an das Meer denken ...

Ich muß an das Meer denken, wenn ich deine Augen sehe ... an das Meer ... Sonntag morgens!

 

Durchsichtig bis zum Sandgrund wiegt es sich zum Strand, mit glasklarhellen Wellen, und wie leises Glockenklingen singt es über seine blaue sonnenfrohe Stille und weiße Schiffe ziehn am Horizont, gleich lichten Träumen in die Ferne suchend ...

wunschloser Frieden überall ...

und dennoch lauert was in seinen Wellen und auf dem Grund, in den es blicken läßt,

und in den blauen Tiefen seiner Ferne ...

lockend und drängend ...

etwas, das eine stumme Sehnsucht dir ins Herz wirft ... du weißt nicht, wie ... daß du aufjubeln [11] möchtest und dich hineintrinken in seine kühle Frische und die Brust dir baden, stark und frei ... und plötzlich dann aufweinen wieder in unbegreiflich unsagbarem Weh und niederknieen und den Strand küssen, den es umspielt ... wie ein Kind ...

 

Ich muß an das Meer denken, wenn ich deine Augen sehe ... an das Meer ... Sonntag morgens!

[12] Nicht allzu lustig!

Ein Freund, der es ehrlich und gut meint, wie ich mit dir, Lise-Lotte, ist etwas wert heute, selbst das kleine Opfer einmal einer Laune ... in einer Zeit, die längst keine Zeit mehr hat für Freundschaft und für die auch Liebe weiter nichts, als ein kurzes taumelndes Vergessen ihrer Unliebe und Nüchternheit ... glaub mir: ein Freund, der es ehrlich und gut meint, der es so gut meint, wie ich mit dir, ist da etwas wert, Lise-Lotte!

 

Du weißt es ja auch und nickst entzückend kokett mit deinem Schelmenköpfchen unter dem breitrandigen Veilchenhut dazu ... o ja, du weißt es wohl und weißt wohl, daß keiner wieder, wenn ich weg sein werde ... daß keiner wieder so treu für dich sorgen wird! daß keiner deinem [13] lieblichen Leichtsinn so alles Arg nehmen wird und deine fröhlichen Unvorsichtigkeiten gut zu machen suchen, wie ich! ... o ja, du weißt wohl, wenn du ernst bist, daß ein Freund, der es ehrlich und gut meint, etwas wert ist heute, Lise-Lotte!

 

Drum aber laß nicht die Laune eines Augenblicks Herr werden über dich und sei nicht gleich unwillig, wenn er dich bittet: Nicht allzu lustig, Lise-Lotte! nicht allzu lustig! ...

Es würde keiner so zu dir sprechen! O nein, sie würden alle dich nur immer lustiger haben wollen. Und du? ... du wärst es! du wärst es! ... und wärst dann nur, was jede sein könnte: ein Scherz, ob dem man sich freut, dessen man sich aber kaum erinnert mehr, wenn man ihn durchgelacht ... ein Glas, das man stehen läßt, wenn man es leer getrunken ... ein Blumenstrauß, den man in einem Winkel wo verwelken läßt, oder wegwirft, wenn anderes lockt ... es gibt ja immer neue Blumen! ... Drum laß ihn und sei ihm lieber dankbar, anstatt die Stirn zu runzeln und [14] mißmutig zu werden, wenn er dich bittet: nicht allzu lustig! ... denn ein Freund, der es ehrlich und gut meint, der es so gut meint, wie ich mit dir, ist etwas wert heute, Lise-Lotte!

[15] Einem Freunde

Du möchtest fort aus diesem grauen Norden mit seinem wolkenschweren Himmel und mit den müden Tagen seiner langen Herbste ... du möchtest fort aus all dem herben Ernst und steten Kampf ...

du sehnst nach Farbe dich, nach Sonne und nach Freude, nach stillen Träumen blauer Meere zu Füßen vermooster Götterbilder und zerfallener Tempel ...

das Herz dir wieder zu gesunden und Mut zu holen, Kraft, zu Tat und Arbeit, wie du sagst ...

 

Ich aber glaube fast, ich weiß es besser: das frohe Land, von dem du träumst, mit immer blauem Himmel, mit lachenden Märchen, süßem Liebeslied ... ich glaube, es ist nicht Italien, wie du meinst ...

ich brauche dir nur ins Gesicht zu sehen, wenn [16] du sagst, der Bann des Tages ließe dich nicht los ... ich brauch nur zuzuhören, wenn du dann und wann von deinem Leben sprichst ... ich brauche nur dir einmal zu begegnen, am Hügelkreuzweg droben, wenn du stehst und übers Tal hinsuchst zur Ferne ...

ich weiß es besser dann, Freund, als du selbst: das frohe Land, von dem du träumst ... und alle, die sich so gleich dir fortsehnen aus den langen Herbsten unseres Nordens, das frohe Land mit immer heiterem Himmel, mit farbenfreudigerem Leben und leisen Wiegenliedern blauer Meere zu Füßen vermooster Götterbilder und zerfallener Tempel ...

 

Nein, es ist nicht Italien, wie du's nennst und wie du wohl auch meinst ...

ich seh ins Auge dir und weiß es besser:

es liegt nicht vor dir ...

es liegt ... hinter dir!