
oder ausführliche Historia,
in welcher umständlich erzählet wird,
wie eine vertraute adelige Gesellschaft
sich in heißer Sommerszeit
zusammengetan
und
wie sie solche in Aufstoßung
mancherlei Abenteuer
und anderer merkwürdiger Zufälle
kurzweilig und ersprießlich hingebracht.
Zum allgemeinen Nutzen
und Gebrauch des teutschen Lesers
entworfen, auch mit saubern Kupfern
gezieret, an den Tag gegeben durch
Wolffgang von Willenhag
Oberösterreichischen von Adel.
Es war heißer Sommer, und die heftigen Sonnenstrahlen entzogen viele Menschen von ihren Geschäften. Der Wandersmann mußte sich öfters unter die schattigten Bäume setzen und den meisten Teil seiner Reise lechzend zubringen. Der Schnitter hatte keine andere Labung als das Wasser, welches, von Schweiße gesammelt, ihm über die Backen abrollete, und die man sonsten bei den Büchern studierend fand, sah man anjetzo in den Wäldern ihre Zeit müßig zubringen. In solchem Sommerwetter vergesellschafteten sich etliche von Adel, ihr Leben auf das fröhlichste zuzubringen. Und damit diejenige, von denen hier soll gehandelt werden, nach ihren Namen und angebornen Affecten nicht verborgen sein, wollen wir sie gleichsam zum Vorgeschmack hier abbilden.
So heißet demnach der erste Gottfrid, ein Junger von Adel und mit allen diesen Eigenschaften gezieret, die von einem Edelmann können gefordert werden. Er war ein einiger Erb aller Verlassenschaft seiner seligen Eltern, und ob er wohl zuweilen scheinen ließ, als wäre er verliebt, benahm er doch vielen diese Mutmaßung durch seine sonderliche Andacht, die er zu einem einsamen Leben trug. Er hat die Feder ehe als den Degen in die Hand genommen und war wohl beredet in den Sachen, die zum gemeinen Besten taugten.
Der andere, welcher Friderich heißet, ist von Geburt ein Schott, hat aber wenig Teutsche an der Redlichkeit angetroffen, die seinesgleichens gewesen. Er war die Andacht selbst und doch dabei sehr verliebt, also daß beides bei ihm in gleicher Waagschal stehet, ein solcher Mann, den billig alle Völker zu ihrem Bürger erwählen. Er ist unter die Allerandächtigsten[420] im Lande gezählet worden. Ob er auch gleich verehlichet und mitten in der Welt lebte, hat er doch allezeit diejenige Funken bei sich in dem Herzen geheget, die unter seiner geistlichen Asche ohne Unterlaß hervorgeschimmert haben.
Der dritte wird Dietrich genennet. Er ist zwar ein Armer, aber Redlicher vom Adel, der sich in der Welt ziemlich herumgetan und ein sonderlicher Liebhaber vom Reisen war. Seine Person ist niemanden verdrüßlich als denjenigen, welche die teutsche Redlichkeit hassen. Viel Schulen haben ihn zum Discipul gehabt, und die Bauern, so er unter sich hatte, sind niemalen mit einer unbilligen Steuer beleget worden.
Den vierten heißet man Philipp von Oberstein. Ein Mensch von überaus kurzweiligem Humor, welcher schwerlich weiß, was die Melancholey sei. Er hat allezeit mehr auf einen Hofals Schulmann gehalten, und seine Frau hat eine glückliche Heirat getan, weil sie beide einerlei Sinn hatten.
Der fünfte wird genannt Wilhelm von Abstorff, einer unter diesen, die den Titul der alten Teutschen auf die Nachkommen fortpflanzen und solchen in dem Werke erweisen. Ein Mann von guten Mitteln, aber doch nicht allzu freigebig dabei, doch also, daß man ihn mit keinem Recht geizig nennen kann.
Dem sechsten kommt der Name Sempronio zu. Er ist ein Liebhaber der Waffen, unter welchen er auch seiner Fortun nachstrebte. Sonsten ein Mensch, der auch den allerverdrüßlichsten Sauertöpfen nicht beschwerlich war.
Der siebente ist ein leiblicher Bruder Herren Gottfridens und heißet Christoph. Und diese beide, gleichwie sie an äußerlichen Lineamenten nicht viel unähnlich sahen, also stimmten sie auch an innerlichen Gemütsgaben wohl überein. Doch war in dem letztern eine mehrere Lust zu reisen.
Der achte war mein alter Vater Alexander, und wenn es hier vonnöten wäre, denjenigen nachzufolgen, die eine Gloria in Aufzeichnung ihres Herkommens suchen, so könnte ich dessen Ursprung von etlich hundert Jahren her leichtlich beweisen. Aber damit ich meine eigene Großachtung vor dem geneigten Leser nicht anfangs verdrüßlich mache, will ich,[421] als Autor dieser Schrift, nur bloß vermelden, daß er nunmehr ein erlebter Mann und allgemach nahe bei neunzig Jahren war.
Der neunte war ein Advocat aus der Stadt Ollingen, der das Recht niemalen besser verstund, als wenn er Unrecht tun sollte, sonst eines schmarutzerhaftigen Geistes. In Compagnien nicht gar zu höflich und trefflich disponiert, aufgezogen zu werden.
Der zehente bin ich in Person, welchem dieses Werk, ob es wohl ring und schlecht zu beschreiben, aufgetragen worden. Mein Name heißet Wolffgang von Willenhag.
Und dieses lasse sich also der geneigte Leser zu einem Vorschmack dienen, nach welchem ihm das Licht desto besser aufgehen wird. Es sind zwar hierinnen keine künstliche Revolutionen und Auflösungen zu finden, doch was geschrieben ist, ist vielmehr zu einem Angedenken unserer Nachkommen entworfen worden, auf daß sie auch solche Freundschaft unter-und gegeneinander pflegten, gleichwie wir gepflogen haben. Denn in guter Eintracht wächset das Land, und nimmt eines jeden Vermögen reichlich zu, da sich hingegen im Groll, Feindschaft, Haß und Widerwillen alles zerreißet und verlieret. Deswegen spannen wir dazumal ein Band sicherer Vertraulichkeit, und dadurch haben wir uns nicht allein ein liebliches Leben, sondern unseren Feinden eine Furcht verursachet.
Was sonsten vor Personen hin und wieder mit unterlaufen, derer Namen sind nicht vonnöten, daß sie hier zum Überfluß angezeichnet werden. Und ob der oder jener ledig oder verehlichet gewesen, wird der Text geben. Nur ist zu wissen, daß der erste Schluß dahin gezielet, damit die Gesellschaft eine Reise vornehmen möchte. Aber weil die Sonne sowohl als andere Angelegenheiten dazu verhinderlich waren, meinten etliche, man sollte in schattichten Lauberhütten die Zeit mit lieblicher Musik zubringen, aber dazu würden gar zu viel Unkosten erfordert. Wir folgten auch anfänglich diesem Schluß und kamen öfters in dem Grünen zusammen, weil unsere Schlösser nicht gar zu weit auseinander gestreuet waren; aber man fand endlich des Kopfes [422] Unvermögen, weil durch solche Schwelgereien nicht allein die Kräfte geschwächet, sondern noch dazu viel nötige Hausgeschäfte verabsaumet wurden. Unterweilen brachten wir die Zeit mit Ritterspielen zu, aber es wollte auch nicht auslangen, weil den Pferden der Curs höchst schädlich war. Letztlich wurde der Ausspruch gemacht, die zeitliche Freude auf eine Zeit aus dem Herzen zu bannen, indem sich die meisten entschlossen, in die kühle und schattige Wälder zu gehen, auch in solchen zu versuchen, wie das einsiedlerische Leben schmeckte. Zu solchem Vornehmen brachte sie der fromme Friderich, von welchem zuvor gemeldet, daß er unter die Andächtigste im ganzen Land gezählet worden. Darum machte man sich zu guter Letze bei einer stattlichen Musik und hauptsächlichen Mahlzeit auf dem Schloß Herren Philippens zu Oberstein noch einmal rechtschaffen fröhlich, und nach solcher Zusammenkunft verteilte sich diese adelige Gesellschaft allenthalben in die umliegende Wälder. Ist also dieser kurze Vorbericht die erste Pforte, durch welche ich zu dem Hauptwerk schreite.
Ich will auch hiemit, was meine Beschreibung und diesen Fleiß betrifft, der löblichen Compagnie zu Ehren gar gern und willig verrichtet, aber sie sowohl als den geneigten Leser, dem dieses Buch in die Hand kommt, freundlich gebeten haben, alles mit einem reinen Gemüt aufzunehmen. Ich hab ein Korb voll Obst beisammen, und unter solchem ist gewiß ein oder andere faule Birn. Ich will sie aber gleichwohl keinem vorlegen. Will er sichs selbst zueignen, so ist der Fehler sein. Expressam sæpe imaginem nostram in alienis personis videmus: Wir sehen oft unser eigen Lob und Schand an andern Personen. Was ich aber geschrieben habe, ist niemandem zum Schimpf geschehen, habe auch zuweilen gar mit einem gelinden Faden genähet, da ich wohl einen großen Strick hätte brauchen sollen. Was ich durchaus discurriere, gebe ich vor keine allgemeine Lebensregeln aus, sondern nur vor gewisse Meinungen, die damalen unter uns vorgelaufen sind. Man muß doch in diesen betrübten Zeiten auch ein solches Buch haben, das zugleich fröhlich machet und unschädlich ist: denn eine schädliche Lust ist allerdings verboten, und solche [423] Schriften, durch welche unschuldige Gemüter geärgert werden, gehören vielmehr ins Feuer als in die Hände der Menschen.
Es ist demnach alles mit einer gebührenden Bescheidenheit aufgezeichnet und so viel hierinnen angemerkt worden, als man von der Geschicht hat merken und behalten können. Und ob schon nach Inhalt des Texts auch zuweilen die Schüler haben concipieren müssen, habe ich doch solches Concept in meinen Stilum übergetragen, nit daß es besser wäre gewesen, sondern damit ich nicht zweierlei Essen in einer Schüssel auftrüge. Was sonsten diesem und jenem vor eine Untugend beigemessen worden, ist niemandem präjudicierlich, man weiß wohl, daß das Unkraut auch in den allerherrlichsten Gärten wachse und daß sich das Gold oft mit Kot und Unflat vermischen muß. Der Sonnenhimmel hat auch seine Finsternussen, und die allerhellsten Flüsse werden zuweilen trübe: also geht es auch unter den Menschen verwechselt her, wie dessen folgende Histori genugsames Zeugnus ist, die ich zwar mit keiner zierlichen Beredsamkeit ausgearbeitet, sondern sie also beschrieben habe, daß sie von allen kann verstanden werden.
Bis daher ist erzählet worden, wie und auf was vor eine Art sich unsere geführte Lebensart belaufen, auch was es mit einem und dem andern unter unser Gesellschaft vor einen Anfang seines Zustandes genommen. Nunmehr aber bin ich beflissen, dasjenige zu entwerfen, was uns nach dem Abscheiden des Friderichs begegnet ist. Derselbe hat verstandenermaßen in uns allen eine sonderliche Frucht seiner heilsamen Vermahnung unterlassen, vermittelst welcher wir in uns selbst gegangen und alle das Elend zu betrachten angefangen haben, welches dem Menschen von seiner Wiegen an zu begegnen pfleget. Und weil wir aus Ursach dessen ganz andere Menschen geworden, als stelleten wir unsere Lebensart auf eine andere Weise an, welche von der vorigen um ein merkliches entschieden war. Etliche begaben sich halb rauschig, etliche voll Kopfschmerzen, andere aber noch halb voll Schlafes aus dem Schloß Oberstein, alle aber mit einem ernstlichen Vorsatz, das wilde Wesen zu quittieren und eine andere Lebensbahn einzutreten. Derowegen machte ich auch an meinem Ort gute Anstalt, dem Friderich zu folgen, und weil ich in meiner Meinung von seinen Gründen der wahren und nötigen Buße nicht entschieden war, sah ich vor gut an, demselben auch in der Lebensart nachzuähnen und ein einsiedlerisches Leben zu führen.
Es sind auch die meisten unter einem solchen Vorsatz abgeschieden, und weil unsere Weiber bei guter Vernunft, auch im Gewissen trefflich überzeugt waren, bekamen wir um so [425] viel desto bessere Gelegenheit, uns ihnen auf eine Zeitlang zu entziehen, damit wir denjenigen Gütern, welche ewig sind, nachtrachten und uns in einer wahren Andacht eines besseren Glückes möchten teilhaftig machen. Diese Resolution ward allerseits als ein löblicher Entschluß beliebet und eben in der Stunde eingegangen, als wir voneinander Abschied genommen. Philipp begab sich nächst seiner Wohnung in ein liebliches Wäldlein, darinnen ihm die Vögel mit ihrer angenehmen Stimme seine meiste Zeit versüßten. Christoph und sein Bruder Gottfrid geselleten sich zusammen in einen weit ausgebreiteten Tannenwald, in welchem sie ihre Hüttlein an einem rauschenden Bächlein, doch ziemlich entschieden, aufbaueten. Dietrich aber enthielt sich in einem absonderlichen Wald, darinnen er den zeitlichen Eitelkeiten ganz abgesaget hatte.
Mein Vater Alexander war in Betrachtung seines hohen Alters und der Kräfte Unvermögen ohnedem genugsam gekreuziget, weil er der Welt als ein erlebter Witwer nunmehr lange abgesaget und seinen heiligen Betrachtungen bis daher fleißig nachgehangen hatte. Doch vermahneten wir ihn, daß, nachdem er das Vermögen, die Welt zu lieben, verloren, er zugleich den Willen, solche ferner zu lieben, hinweglegen und von sich werfen solle. Also lebte er auf seinem einschichtigen Schlößlein unter lauter andächtigen Schriften und reizete durch sein gutes Beispiel zugleich all sein Hausgesind zur Andacht an, welches in guter Ordnung von ihm unterhalten worden.
Mich anbetreffend, war ich keineswegs willens, mich in eine große Wüstenei, in ein Gebirg oder Waldholz zu begeben, denn ich hatte nunmehr genugsam gehört, wie einsam und widerwärtig eine solche Lebensart auszustehen sei, und daß die wahre Frommkeit nicht in Verwechslung der Örter, sondern vielmehr in Veränderung des Gemütes bestünde. Derowegen erkieste ich vor diesmal, gleich meinem Vater auf dem Schloß zu bleiben und meine einsame Wohnung in einem achteckichten Türmlein aufzurichten, von daraus ich nicht allein das ganze Schlößlein, sondern noch darzu eine ziemliche Revier in der Welt herumsehen konnte.
[426] Solchergestalten bauete man meine Hütte unter den Turmknopf bei den obersten Fenstern, und meine Sophia verschloß sich in einem kleinen Stüblein auf der anderen Schloßseite, also daß wir weder miteinander reden oder aneinander sehen konnten. Und damit es desto friedsamer unter uns zuginge, wigten wir einen verbuhlten Schreiber hinweg, welcher sich kurz vorhero mit der Köchin zu weit in die Schrift gewaget hatte. Das andere Gesind war zur fleißigen Arbeit und Aufsicht angefrischet und der Beschließerin alle Notwendigkeiten anvertrauet, derer man in einem solchen Zustand nicht gänzlich kann enthoben und entübriget sein. Auf eine solche Art wurde ich gleich anfangs innen, was vor eine große Vergnügung es sei, sein eigener Herr zu sein und von allem Welttumult abgesondert leben können.
Ach, wie angenehm war mir meine Klause in dem Türmlein gegen allen diesen Gebäuen, die ich ehedessen hin und wieder in der Welt gesehen hatte! Wie nutzbar war mir die Einsamkeit gegen allen diesen Gesellschaften, derer ich zuvor bald in dieser, bald in jener Zusammenkunft gepflogen! Die Baumrinden, mit welchen ich mein Kämmerlein überdecken lassen, waren mir viel angenehmer als der herrlichste Marmor, mit welchem die Wundergebäue dieser Welt zu prangen pflegen. Mein kleines Glöcklein, durch welches ich das Zeichen zum Gebet gab, war mir in meinen Ohren viel ein angenehmerer Resonanz als die allerherrlichste Musik, welche nur mit Üppigkeit angehöret wird. Mein langer Mönchsrock, welchen ich mir zu meinem Vorhaben verfertigen lassen, war mir weit angenehmer als die allerkostbaresten Kleider, derer man sich nur mit Sorg und guter Vorsichtigkeit gebrauchen kann. Die Bücher dieneten mir weit besser als die Spielkarte, und statt der Würfel ergriff ich mein Paternoster, dadurch mir innerlicher und äußerlicher Gewinn viel mehr als durch jene zugestoßen ist. Statt der häufigen und vor gepflogenen Spaziergänge und Tänze, kniete ich auf meine Knie, und da ich zu vor viel tausend Stunden mit unnützem Geschwätze zugebracht habe, betete ich dermalen desto eiferiger und trug herzliches Leid über alle meine begangene Fehler, die ein Weltmann in der Welt [427] schwerlich entfliehen kann. Ich kann zwar keinesweges sagen, noch viel weniger von mir ausgeben, daß ich fromm und vollkommen gewesen, denn von einer so liederlichen Gleisnerei habe ich mir niemalen traumen lassen, aber gleichwohl muß ich bekennen, daß ich durch dieses Mittel weit von der vorigen Bahne abgewichen und mich selbsten in dem Gewissen in viel eine größere Ruhe gesetzet habe. Ich weiß wohl und ist mir mehr als zu bekannt, daß dem Menschen in seinem ganzen Leben ohne Unterlaß große Sündenflecken ankleben, aber gleichwohl habe ich auch erfahren, daß er durch eine fleißige Aufsicht sich weit von dem Haufen derjenigen entscheiden kann, die mit vollen Sprüngen zu der Höllen eilen. Hat also derjenige, der das Gute, ob er schon nicht kann, dennoch recht vollkommentlich verbringen will, einen sonderlichen Vorteil vor einem ruchlosen Sünder, dem Himmel angenehm zu sein, weil er dessen Willen und Begehren so eifrig zu folgen verlanget.
Und dannenhero war es auch mein höchster Fleiß, nicht sowohl mein Haus und Wohnung als das Gemüt zu verändern. Ich wurf zwar meine gewöhnliche Kleider von mir, aber noch viel mehr meine Affecten, die ich zu der gottlosen Welt getragen habe. Ich verließ verstandenermaßen meine Wohnstube, aber viel mehr die unordentlichen Begierden, so bis dahero sich in mir, gleich als in ihrem gewöhnlichen Sitzplatz, aufgehalten und eingenisteit hatten. Aber darumben ward ich doch nicht vollkommen, sondern nur in mir selbsten glückseliger und vergnügter, weil ich alle solche irdische Eitelkeiten mit einem klugen und büßenden Auge zu übersehen vermochte.
Viel Menschen suchen an einem anderen Ort zu sein, aber sie sollten vielmehr wünschen, andere Menschen zu sein, weil an der Verwechslung des Ortes nichts oder wenig, alles aber an der innerlichen Bekehrung gelegen, durch welche man zum Guten eilet.
Gleichwie man aber zu einem vorgenommenen Wege, den man in der Welt reisen will, einen erfahrnen Wegweiser haben muß, der die Straßen, die Wege und andere Angelegenheiten wohl erfahren hat, also muß man auch in einem solchen [428] vorgesetzten Ziel gewisse Mittel ergreifen, dadurch man zu seinem Zweck gelangen kann. Ich meine, daß man entweder lebendige oder tote Anweiser habe, die zu einem solchen Vornehmen tauglich sind. In Klöstern ist es der Gebrauch, daß derjenige, so den Orden eingetreten, zugleich einen Anweiser zu allen diesen Handlungen habe, dazu er muß vermittelst der Reguln gewiesen werden. Ein Pferd wird von dem vorsichtigen Reiter, ein Schiff von dem klugen Schiffer regiert, damit das vorige zu seiner Schul komme und dieses nicht ohnversehens an eine Klippe anstößet. Aus diesen Gleichnissen ist abzunehmen, daß das Leben, wo es solle gut und ohne merklichen Anstoß hinausgeführet werden, müsse zugleich haben einen solchen Führer und Regenten, durch welchen es von diesem und jenem gefährlichen Weg abgehalten wird.
Ich ließ mir demnach zu einem solchen Geleitsmanne meine Bücher als stumme Wegweiser dienen und behülflich sein, in der Hoffnung, daß, ob sie wohl stumm und gestorben, dannoch mit ihren lebendig hinterlassenen Lehren kräftig genug wären, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden und uns zugleich einen solchen Faden an die Hand zu geben, vermittelst welchen wir aus dem Irrgarten dieser allgemeinen und zeitlichen Verdrüßlichkeiten wunderlich hinausgeleitet möchten werden.
Zu Ende dessen mußte mein Knecht Wastel (dem ich mein Mastvieh, Schafe und Schweine samt den Pferden und anderem zahmen Geflügel in seine Hut und Aufsehen übergeben hatte) etliche Körbe voll Bücher von einem nächstgelegenen Kloster in mein Schloß überbringen, welche mir von dem Abt desselben Convents auf ein Interim sind geliehen und aus der Bibliothek abgefolget worden. Über solche Bücher überreichte ich einen Schein und versprach, zeit währenden Gebrauches alle Wochen fünfzig Pfund Fleisch samt zwanzig Kannen Weins in das Kloster zu spendieren. Dannenhero bekam ich bald diesen, bald einen andern Mönch von daraus zu mir, welche die Zeit mit allerlei geistlichen Übungen zubrachten. Unterweilen ging ich auch hinüber, Messe zu hören, und ob der Weg schon etwas weit und abgelegen war, [429] hatte ich doch daselbsten alle sattsame Lust und Vergnügung, und es war den Mönchen nichts leiders, als daß ich so frühzeitig geheiratet, sonsten hätten sie mich ohne allen Zweifel zu einem Mitglied des Convents angenommen. Aber sie sagten hinwiederum, daß nicht das Kloster, sondern vielmehr ein eiferige Andacht einen perfecten Mönch mache, und daß ein Weltmann, der in der zeitlichen Verachtung begriffen ist, viel ein bessers Leben führe als ein solcher Mönch, der zwar die Welt äußerlich geflohen, nichtsdestoweniger aber diejenigen Affecten noch nicht verlassen hätte, mit welchen er derselben innerlich zugetan wäre.
Diese Lehren stimmten mit meinem vorigen Grunde trefflich überein, daß nämlich nicht der Ort oder das Kleid, sondern das Leben fromm und ehrbar mache, und daß man zu Ausrottung der Laster viel ein ander Instrument als eine rauhe Mönchskappe vonnöten habe. Wo aber das Wesen mit dem Kleide übereins kommet, da ist es um so viel höher zu schätzen, je seltener es in diesem Weltgetümmel anzutreffen ist. Die Absonderung von menschlicher Gesellschaft, die Ausziehung der niedlichen Kleider und die Kasteiung des Fleisches ist zwar zu allen Tugenden ein guter und tauglicher Vorschub, aber es ist doch nicht der rechte Grund, darauf unsere Seligkeit beruhet. Darum müssen wir unser Leben nicht sowohl von außen als von innen reinigen und in wahrer Demut nicht auf einen solchen Grund bauen, der bald umfallen kann, sondern vielmehr sehen auf ein solch Fundament, daran all unser Heil und Segen hanget, welches ist ein unabläßliches Vertrauen zu dem Himmel, und alsdann werden sich alle Tugenden vollkommen bei uns einfinden, wenn wir denselben unaufhörlich werden nachgestrebet haben.
Diese Lehren nahm ich teils aus dem Kloster, teils auch von mir selbsten, und wie ich zuvor gemeldet, so taten die unterschiedlichen Schriften der Geistlichen nicht ein geringes, [430] sowohl was meine einsame Zeitvertreibung als die Gemütserbauung betrifft. Ich ließ mir aber unter andern herrlichen Büchern absonderlich wohl gefallen des andächtigen Thomas a Kempis sein Büchlein von der Nachfolgung Christi, welches, ob es gleich nicht von Gold, dennoch viel kostbarer als das Gold und alle Schätze der Welt ist. Ich hielt solches Büchlein nicht allein deswegen so hoch, weil es mir von dem Abten in dem Kloster vor allen andern so sehr gelobet worden, sondern weil ich in demselben einen solchen Weg angetroffen, auf welchem man nicht irren kann. Alle Wort dieser Schrift waren mir süßer denn Honig, und ich lernete daraus von Tag zu Tag, ja von Stund zur Stund, die Eitelkeiten dieser vergänglichen Erden mehr und mehr kennen und dieselben auch vorsichtig fliehen.
Das zwanzigste Capitul des Ersten Buches ließ ich mir absonderlich zum Leitstern dienen, weil es handelt von der wahren Einsamkeit, und daß es dem Menschen sehr nötig sei, sich zuweilen selbst zu prüfen, wie und wo er lebe, daß es nicht genug sei, den Händeln der Welt und seinen äußerlichen Geschäften obliegen, sondern daß man vor allen Dingen das Herz wohl reinige und sein Gewissen zufriedenstelle. Denn es ist sehr nützlich, daß der Mensch, er sei, wer er wolle, zuweilen eine gelegene Stunde suche, allein zu sein und von allen diesen Guttaten mit sich selbsten zu discurrieren anfange, welche er die Zeit seines Lebens von Gott und guten Freunden genossen habe. Man soll billig in der Einsamkeit solche Materien und Schriften durchlesen, die vielmehr in dem Menschen eine Andacht als Verwunderung auswirken können. Wenn man nur will, so hat man Zeit genug, von den zeitlichen Eitelkeiten entäußert, solchen Gedanken vollkommen nachzugehen. Die Heiligen selbsten haben alle Gesellschaft der Menschen, wo sie gekonnt und vermocht, geflohen und haben ihre Lust alleine gesucht, GOTT den Allmächtigen im Verborgnen anzurufen. Dahero sprach jener: Sooft ich unter den Menschen gewesen, bin ich allzeit ein wenigerer Mensch zurückgegangen. Dieses erfahren wir gar oft, wenn wir nämlich unter- und miteinander bald von diesem, bald von jenem Märlein [431] schwätzen. Denn es ist viel leichter, ganz und gar schweigen, als sich in solchen Unterredungen alles Fehlers enthalten können, und es ist weit sicherer, zu Hause verborgen zu sein, als sich unter dem Volk vor Unglück wohl zu beschirmen. Wer dannenhero geistlichen Sachen obliegen will, dem ist nötig, daß er sich, so viel er kann, von allen solchen Gelegenheiten entziehe und enthalte, die ihm können an der Seelen schädlich sein. Niemand kann in dieser Welt sicherer erscheinen, als welcher gern verborgen lieget. Niemand redet sicherer als derjenige, so gerne schweiget. Und niemand führt eine bessere Zucht, als der sich der Zucht selbsten unterwürfig machet.
Es kann sich kein Mensch recht vollkommen freuen, es sei denn, daß er das Zeugnis eines guten Gewissens in sich fühle. Aber nichtsdestoweniger so ist doch die Freude der Gewissenhaften und Frommen allezeit mit Tränen und einer billigen Furcht gegen GOTT vermischet. Und es ist genugsam bekannt, daß auch die heiligen Leute jederzeit in voller Demut gestanden, ob sie gleich bei sich selbsten große Gnad von oben herab gespüret haben. Hingegen ist das Frohsein der Gottlosen eine solche Sicherheit, die vielmehr aus einer angemaßten Hoffart und Übermut entspringet, und diese Sicherheit findet sich endlich an dem Ende und Ausgang durch sich selbsten betrogen und hinter das Licht geführt. Dahero hast du Ursache, dir nimmermehr eine gewisse Sicherheit zu versprechen, ob du gleich bei dir selbst meinest, daß du ein frommer Einsiedler, Mönch oder Waldbruder seiest.
Es ist oftermals geschehen, daß diejenige, auf welche die Welt viel gehalten hat, gefallen sind wegen des großen Vertrauens, so sie auf ihre eigene Tugenden gesetzet haben. Dannenhero ist es vielen Menschen, ja den meisten unter uns viel nützlicher, daß wir mancherlei Anfechtungen und Widerwärtigkeit haben, auf daß wir nicht zu sicher und frei werden und also wie die Pfauen die Federn auseinanderbreiten. Oh, wer so klug wäre und nimmermehr einer zeitlichen Freude verlangte! wer sich auch aller Welthändel enthalten könnte! wahrhaftig, dieser würde allezeit ein unverletztes [432] Gewissen behalten. Oh, wer da alle eitle Sorgen von seinem Herzen abschneiden könnte! und nur allein himmlischen und heilsamen Gedanken obläge! dieser würde seine Hoffnung ganz in Gott setzen und großen Fried samt einer steten Ruhe genießen.
Derjenige Mensch ist nicht würdig eines himmlischen Trostes, welcher nicht in einer steten Reue über seine Sünden begriffen ist. Wenn du willst von Herzen über deine Sünden büßen, so gehe in dein Kämmerlein und schließe aus alles Weltgetümmel. Du wirst in deiner Klausen finden, was du außer derselben bald verlieren kannst. Ein solcher einsamer Ort, in welchem man stets wohnet, wird dem Gemüt sehr angenehm und süße, aber wo man ihn nicht groß achtet, so gibt er statt des Honigs nichts als bittern Verdruß und Widerwillen. Wenn du im Anfang deiner Bekehrung eine solche Wohnung mit deinem Gebet fleißig bewohnen wirst, so wird sie dir hernachmals eine angenehme Freundin und Enthalterin deines Lebens sein.
Es ist ohne Streit, daß man in stiller Ruhe die Seele mit großer Andacht ernähren kann. In einer solchen Einsamkeit kommt man viel leichter zum Verstand der göttlichen Schrift, und dorten kann man auch unverhindert beweinen alle Sünden, über welche wir so sehr betrübet werden. Und also werden wir dem Himmel viel näher zugetan, je weiter wir von der Erden entfernet leben. Wer sich derohalben von seinen Bekannten und Freunden äußert, der wird sich zu GOTT nähern und seine Engel zu Gesellschaftern kriegen; denn es ist viel besser, daß man auf sich und sein Heil Achtung gebe, als daß man mit Vergessung sein selbst große und unvergleichliche Heldentaten verrichte. Es ist einem geistlichen Menschen sehr löblich, daß er selten ausgehe, daß er fliehe, von andern gesehen zu werden, und daß er auch einen Scheu trage, die Weltmenschen zu sehen.
Was hilft dichs, du elender Mensch, daß du etwas siehest, was du doch nicht genießen kannst? Die Welt vergehet, und all ihre Lüsten verschwinden. Du hast unterweilen eine Lust, spazierenzugehen, aber wenn ein kurzes Stündlein vorüber ist, was hast du anders davon und was trägst du [433] zurück als ein schweres Herz und zerstreuetes Gemüt? Ein fröhlicher Ausgang zeucht gar oft einen traurigen Rückweg nach sich, und ein kurzweiliger Abend macht oftermalen einen mühsamen Morgen. Also gehet alle fleischliche Lust überaus lieblich ein, aber am Ausgang martert und peiniget sie als eine unleidentliche Folter. Und was kannst du anderwärts sehen, das du nicht in deiner Einsamkeit sehen kannst? Siehe über dich gegen dem Himmel, hebe das Gesicht auf die Erden und betrachte alle Elementen, da hast du alles, was du sehen kannst, denn aus diesem ist alles geschaffen.
Und was verhoffest du wohl zu sehen, das in der Welt möge beständig sein? Du bildest dir vielleicht ein, dich an solchen Sachen zu sättigen, aber du wirst nimmermehr zu einem solchen Endzweck gereichen. Wenn du gleich alle Sachen hier vor dir sähest, was wäre es denn anderst als eitles Wesen? Hebe deine Augen vielmehr auf zu Gott in die Höhe und bete zu ihm, daß er dir verzeihe deine große Sünden und Missetat. Lasse du den eitlen Menschen das Eitle, du aber betrachte mehr solche Sachen, daran dein ewiges Heil gelegen ist. Schließe deine Tür zu und rufe zu dir deinen geliebten Bräutigam Christum. Mit diesem bleibe in deiner Klausen, weil du anderwärtig keine solche Ruhe finden kannst. Wäre mancher nicht ausgegangen, sondern bei seiner Andacht zu Hause geblieben, hätte er ohne allen Zweifel nicht so manchfältigem Unglück unterliegen dörfen. Denn so sehr von der Neugierigkeit die Ohren ergetzet werden, so sehr wird öfters, ja viel heftiger, das Herz gemartert.
Alle diese Worte las ich in oberwähntem zwanzigsten Capitul des frommen Canonici Regularis Thomas a Kempis, welche ich, wie auch das ganze Werklein, zu meinem besseren Gebrauch und Zeitvertreib aus dem Lateinischen in die teutsche Sprache übersatzte, mit welchem ich fast in die acht Wochen umging. Und also täten auch die andere Gesellschafter, die doch nicht allerdings unterlassen konnten, ihren Zustand durch Schreiben zu berichten, denn wir hielten einen Ordinari-Boten, welcher, zwar nicht so oft, als vormals geschehen, jedennoch zu gewissen Zeiten, unsere Briefe hin und wider trug, in welchen wir meistenteils aufgezeichnet, [434] was wir lasen, was wir schrieben oder was wir sonsten vor Betrachtungen vorgenommen. So schickten wir auch einander ein Buch da-, das andere dorthin und hielten unser sonderlich Diarium, darinnen zu ersehen war, wie einer und der andere sein Leben vollführte. Philipp schrieb ein Buch von der Ewigkeit, ich einen Tractat von der Gemütsruhe. Christoph, als ein in der Revier wohlerfahrner Mensch, machte eine Landkarte über unsere Landschaft. Dietrich schrieb ein Buch von den alten Rittern und ihren Gebräuchen; unsere Weiber aber näheten zum Teil in der Teppichtnaht oder auch andere Tücher, zum Teil schrieben sie Kochbücher, gleich als wäre den Einsiedlern so viel an den kostbaren und wohl zugerichteten Tafelspeisen gelegen. Die Frau Philippin klöppelte Spitzen, gleich als hätte sie ihrem Herren große Überschläge davon machen müssen. Also bekamen wir, wider unsern eigenen Willen, über die Weiber und ihren vorgenommenen Zeitvertreib zu lachen, und Philipp konnte noch nicht allerdings die Schnacken und Grillen fahrenlassen, denen er von Natur zugeneigt war; so stackten ihm auch die alte Possen noch häufig in dem Kopf, und ich muß es gestehen, daß ich unter allen anderen seine Briefe sehr ungern gelesen, weil sie mich entweder noch der begangenen Stücklein erinnert oder sonsten in meiner Andacht, bald da, bald dorten, verstöret haben.
Es vermahnete nichtsdestominder einer den andern zur Frommheit, dazu wir uns den Friderich zum guten Exempel dienen ließen. Dieser ging alle Monat in dem Land herum und besah jeden in dem Stand, darinnen wir dazumal lebten. Er verwunderte sich über unsere gute gefaßte Resolution und sagte viel von seinen Anfechtungen, die er in dem ruinierten Kloster – allwo er seine Wohnung hatte – von Gespensten erdulden müßte. Seine Haut war ihm am ganzen Leib zusammengeschrumpelt, weil er, seinem Vorgeben[435] nach, die ganze Zeit seiner Einsiedlerei kein Fleisch noch warmen Bissen gegessen hatte. Darum freuete er sich allezeit, auf unsere Schlösser zu kommen, weil uns, ob wir schon ein einsames Leben führten, an dem Maulfutter dennoch nichts abging. Ich bin niemalen des Willens gewesen, mich so knochenhaftig mit Fasten auszudörren, denn ich weiß wohl, daß eine stete Mäßigkeit dem Leib und Geist viel besser tut als eine solche Fasten, auf welche man sich unmenschlicher Weise überschwemmet, oder aber ein solches Hungerleiden, dadurch man sich selbst verderbt und die Natur zunichte macht.
»Nein,« sprach ich, »Bruder Friderich, ein solcher Heiliger bin ich nicht, wills auch nicht werden, ich halte vielmehr auf das Fasten, wenn nämlich das Gemüt von allen übeln Affecten fastet und ruhet, als ob ich meinen Leib wie einen Zaunstecken auströcknen solle. Abstinentia a cupidine, ab ira & odio proximi, a persecutione inimicorum nostrorum, die gefällt mir wohl, und auf diese halte ich sehr viel, ob ich schon nicht leugne, daß ein äußerliches Fasten all diese Andacht und löbliches Vornehmen merklich befördert.« – »Es ist wahr,« sprach Friderich, »und ich bin hierinnen einer gleichen Meinung, aber ich muß wohl, wenn ich gleich nicht will, weil meines Orts weder Küche noch Keller, weder Koch noch Beck, noch sonst irgendein Mensch wohnhaft ist, der mir Essen bringen oder sonsten an die Hand gehen könnte. Darum gehe ich selbst bettlen aus, und das Brot, so ich in meinem Sacke sammle, ist das beste Essen, so ich mit Wasser und unterweilen mit Milch abkoche, davon ich mich sättigen muß. Ich bin willens, meine übrige Geldmittel in ein Kloster zu vermachen, damit ich aufs wenigste von daraus wochentlich mit Essen und Trinken versehen werde, weil es mein Magen länger nicht ertragen kann.« Zu diesem Vorhaben gab ich ihm guten Anschlag, und damit wurde mir das Mittagmahl durch einen dazu bestellten Knecht auf den Turm gebracht, wobei er seinen Mantel ablegte und sich zu mir an mein Tischlein satzte.
Er lobte meine Gelegenheit und Wohnung samt meiner guten Lebensart, weil ich in dem Turm in einem hübschen Stüblein [436] saß, da er hingegen in einer grausamen und unsicheren Wüstenei sein Leben zubringen müßte. »Du hast«, sprach er zu mir, »eine treffliche hübsche Gelegenheit, sowohl auf dein Hauswirtschaft als auf dich selbsten Achtung zu geben, dein Turm, darinnen du hie ganz sicher sitzest, beschützet dich nicht allein vom Regen und Wind, sondern gibt dir auch Gelegenheit, allenthalben auf die Straßen hinauszusehen. Deine Speiskammer ist wohl gespicket, und dein Keller ist voll Wein und Bier. Du bist nicht weit von Gesellschaft der geistlichen Leute und hast Schriften genug, deine Zeit zu passieren. Aber ich muß hingegen Miserere schmelzen, auf mich regnen und schneien lassen. Der Wind wirft mir fast alle Abend mein Dach ein, und muß noch darzu auf bloßer Erde schlafen. Wenn ich essen will, so ist der Brotsack, welchen ich hier hangen habe, mein Vorratsgewölbe, daraus muß ich essen, was mir unter die Hand kommt. Will ich trinken, so heißt es: gehe, Bruder Friderich, und trage dein Maul zum Wasserkrug, und damit ist alle meine Hofhaltung beschrieben. Du hast allhier lieblich singende Vögelein hangen, so dir die Zeit verkürzen können, aber in meiner Spelunken hecken die Nachteulen und Fledermäuse, daß ich oft nicht weiß, vor welchem Ungeziefer ich mich am meisten vorsehen soll. Sommerszeit plagt mich die Hitze, winterszeit die Kälte, und habe mich genug in acht zu nehmen, daß nicht eine alte und von dem Wetter durchlöcherte Mauer auf meinen Kopf fället. Und gleichwohl schaffet diese Lebensart in mir keine gänzliche Abschaffung meiner Begierden, und man dörfte mir ein weniges geben, so änderte ich mein Leben in einen dergleichen Zustand, wie du anitzo lebest, weil ich genugsam verspüre, daß das Fasten nicht allein genug sei, zur vollkommenen Glückseligkeit zu gelangen, sondern daß unsere Frommkeit vielmehr von dem Herzen als von den Leibesgliedern erfodert wird.«
Dieses redete er mit einem freundlichen Gespräche nebenst einem guten Gläslein Vigerner Wein, welcher, weil er ihm etwas Ungewöhnliches war, ihn dergestalten einnahm, daß er folgends herausbeichtete, wie ihm eigentlich in der ganzen Sache ums Herz war. Ich hatte ein Paar gebratener Hühner [437] und einen guten Karpfen nebenst einem Hasen auftragen lassen, dabei er sich ziemlich ausfütterte, weil er, seinem eigenen Bekenntnis nach, wohl in einem halben Jahr nicht so stattlich tractieret worden. »Es war mein Absehen durchaus nicht,« sprach er, »daß ihr euch alle, wie ich aus gewissen Ursachen getan habe, in Einsiedlers und Klausners Röcke verstecken sollet, noch viel weniger, daß ihr euch wie die Mönche so sehr versperren und von der Welt absondern sollet, dieses habe ich durchaus nicht gesuchet. Und es bestehet auch in diesem Leben nicht das Wesen eines Christen allein, sondern, wie du vorhin löblich gedacht hast, vielmehr in Ausreutung der Laster, welche man aus dem innern Herzensgrund ausreißen und hinwegwerfen muß. Dieses Leben ist nur darzu tauglich, damit man, von der Welt desto weniger angefochten, seinen eigenen Gedanken desto besser abwarten kann, und was wollte endlich daraus werden, wenn wir alle wollten Einsiedler und Eremiten abgeben?
Darum ist es meine endliche Resolution und Entschluß, mein bisher geführtes Leben mit einer Verehlichung zu verwechslen und gleich wie du mich auf einen Edelhof zu setzen, daselbsten nichts als die Wohlfahrt meiner Seelen zu betrachten. Wir sind darum nicht heiliger, ob wir gleich einsamer als andere Menschen sind, und wer nicht absonderlich zu einer solchen Lebensart geboren, kann sie schwerlich, ja fast ohne große Widerwärtigkeit nicht ertragen. Ihr habt zwar alle an diesem Vornehmen nicht übelgetan, aber mein Rat wäre, daß ihr eure Eremiterey nicht allzu lange fortführet, weil man euch nicht allein dadurch allenthalben im Lande auslachen, sondern noch darzu Lückenhocker nennen würde, die erst nach dem zehenten Jahr ihrer Verehlichung hätten wollen ins Kloster gehen.«
Diese und noch mehr andere Einwürfe des Friderichs waren nicht zu verwerfen und dannenhero gar wohl anzuhören, denn in Betrachtung, daß ein fleißiger Weltmann sowohl als der einsamste Mönch die Seligkeit erlangen kann, so er seines Berufes fleißig abwartet, wäre es freilich besser gewesen, daß wir statt der grauen Einsiedlersröcke einen guten [438] Harnisch angezogen hätten und dem Feind, so dazumal unsere Provinz anfiel, mit gewaffneter Hand entgegengegangen wären. Darumben machten wir einen andern Entwurf unsers Lebens und entschlossen uns zugleich, denselben allen zu offenbaren, denen daran gelegen war.
Mit einer solchen Abrede nahm Friderich nach verrichteter Mahlzeit seinen Abschied, willens, die andern aus der Gesellschaft zu besuchen und ein Gleichmäßiges mit ihnen abzureden, zwischen welcher Zeit ich mit Verlangen auf ihre Resolution gewartet, wie ich denn mit keinem Fuß von dem Turm, noch viel weniger zu meiner Frauen gekommen bin, bis ich mich endlich entschloß, ihr den getanen Vortrag wegen des Friderichs zu eröffnen. Wir redeten eins und anders, und da wir am besten von der Sache handelten, sahen wir den Friderich, welcher indessen vierzehen Tage in dem Land herumgeterminiert war, mit seinem schweren Sacke beladen, über das Feld wieder hereingehen. »Ist nicht dieses«, sprach meine Frau, »der Friderich?« Ich sagte ja, und daß wir ihn desto genauer erkennen möchten, gebrauchten wir uns eines großen Tubi, dadurch man fast auf vier Meil Weges die Uhr hat erkennen können.
Dieses Instrument war in meinem Turm meine einzige irdische Ergetzung, weil ich dadurch bald zu diesem, bald zu jenem Fenster ausgesehen und die hin und wider reisende Menschen betrachtet habe.
Hiermit kam Friderich zum Tor eingegangen, und weil ich mich noch vor seiner Ankunft wieder in den Turm begeben, hörte ich ihn allgemach die Treppe heraufsteigen und an meinem Glöcklein läuten. Ich eröffnete meine Klausen, und nachdem er mich gegrüßet, bat er um Erlaubnis, seinen Sack, welcher ziemlich angefüllt und dannenhero trefflich schwer war, an die Wand zu hängen, welches ihm ohnedem gern vergönnet war. Allein seine Höflichkeit, die ihm von Kindesbeinen an gemein gewesen, verursachte alle solche unnötige Complimenten, die er gegen mir, als seinem aufrichtigen und wohlbekannten Freund, wohl hätte unterlassen mögen. Er erzählete mir hierauf, wo er gewesen und was der Ausschlag seiner Reise mit sich brächte. Zwischen [439] diesen Reden, aus welchen ich noch nichts Gewisses schließen können, zog er von allen guten Freunden, absonderlich aber von meinem Vater und Bruder Philippen etliche Briefe hervor, die ich, in Beisein seiner, aufbrach und mit Verlangen durchlas. Gottfrid, Christoph und Dietrich waren willig genug, den getanen Vertrag des Friderichs einzugehen, aber Philipp war mit allen Umständen nicht darzu zu bewegen. ›Ich sage dieses im Ernst,‹ schrieb er, ›wer mich außer der Einsiedlerskappe siehet, der heiße mich einen Schelmen.‹
Dieses waren seine mit eigener Hand geschriebene Wort, die ich als ein Zeichen und Gewißheit seiner absonderlichen Standhaftigkeit auslegen mußte. »Mich wundert,« sprach ich zu Friderichen, »daß Philipp in diesem Vorsatz so unbeweglich ist, alle seine Briefe, so er bis anhero geschrieben, haben viel anders als dieser ausgesehen, und ich habe billig Ursach, mich heftig zu schämen, daß er mich in diesem Stücke übertrifft.« – »Nein, nein,« sprach eine Stimme in dem Zimmer, »du darfst dich nicht schämen.« Mit diesen Worten schwieg es still, und weil mich Friderich vor vierzehen Tagen wegen allerlei Gespensten, so ihn zu plagen pflegten, recht furchtsam gemachet, glaubte ich, es wäre vielleicht eines mit ihm auf mein Schloß gekommen. Als er aber mich ganz erblassen sah, fing er ein wenig an zu schmunzeln, welches er sonst keinesweges zu tun gewohnet war. Ich fragte ihn, ob er die Stimme auch gehört hätte oder nicht? »Nein,« sprach die Stimme wieder, »er hat mich nicht gehört.« Damit wurde ich ganz bestürzet, stund auf und wollte die Tür aufmachen. Als ich aber an den Bettelsack kam, fing sich etwas an in demselben zu regen und sprach: »Bruder, bleibe da, oder ich beiße dich in die Finger!« Ich sprang vor Schrecken jähling zurücke, aber bald darauf guckte der ehrliche Bruder Philipp mit dem Kopfe hervor, und ich dachte, mich über dieses Stücklein krank zu lachen. Denn Friderich hat ihn in seinem Sacke, daran er so überaus schwer getragen, an den Nagel gehangen, und also bin ich nicht allein zum glücklichen Salve abscheulich betrogen, sondern noch wacker darzu von meiner Frauen, dem Friderich und Bruder Philippen ausgelachet worden.