
Ehe und bevor wir zu diesem Werk schreiten, ist notwendig zu wissen, daß dieser ganze Entwurf mehr einer Satyra als Histori ähnlich siehet. Der geneigte Leser hat dannenhero Freiheit, nach seinem Belieben davon zu urteilen, wenn er zuvor von mir, als dem Übersetzer, freundlich gebeten wird, sich die angemerkte Tugenden zu einem Wegweiser und die bestrafte Laster zum Abscheu dienen zu lassen, in den Wegen, die einem Weltmann täglich unter die Füße kommen.
Nachdem ich dieses erhalten, muß ich ferner meine Meinung erklären und frei gestehen, daß zwar diesem und jenem bald eine Schand, bald eine andere Begebenheit zugeschrieben worden, welches keinem Menschen, er sei auch, wer er wolle, zum Präjudiz seines Standes oder Person beschrieben worden. Denn, in Betrachtung des Originals, ist solches allgemach etlich sechzig Jahr in einer Canzeley eines adeligen Schlosses urheblich geschrieben und daselbsten bis zu gegenwärtiger Zeit im Verborgenen, weiß nicht aus was Ursachen, aufbehalten worden. Man läßt also die ganze Sach an und vor sich selbst dahin gestellet sein, und solle sich ein oder der andere darinnen beleidiget finden, so muß man wissen, daß nicht dieses Buch, sondern seine eigne begangene Fehler daran schuldig sind. Ist also ein solches Buch gleich einem Maler, welcher mit einer Kohle ein Gesicht an die Wand malet, es kommt aber ungefähr ein Fremder dahin, dem dasselbe Gesicht naturel gleich siehet, da weiß jedermann, daß der Maler deswegen nicht die Ursach des Conterfeyes, sondern derjenige selbsten sei, der dem Gesicht gleich siehet.
Dieses ist das meiste, warum ich hierinnen streite, daß man nämlich alles aufs beste auslegen und deuten wolle. Und obschon [8] durch und durch die ganze Materi satyrisch gehandelt wird, werden doch nur die Laster, nicht aber diejenigen Leute, so damit behaftet sind, gestrafet und auf einen bessern Weg gewiesen, worinnen der Urschreiber dieses Buches keineswegs zu tadeln, sondern vielmehr zu loben ist, daß er gleich einem Gärtner das Unkraut ausrauft und herentgegen die guten Pflanzen einsetzet.
Der Nutz solcher Schriften und die daraus entspringende Lehren werden jederzeit bei denen in hohem Aufnehmen bleiben, die fähig sind, unter dem Bösen und Guten einen Unterscheid zu machen. Denn was ist einem bescheidenen Gemüt anständiger, als das Gute lieben und das Böse hassen? Was ist ihm nützlicher, als den Tugenden nachstreben und vor den Lastern zu fliehen? Dieses bringet Ruhm und Ehre, und was noch das meiste ist, so stellet es auch das Gewissen in eine friedsame Ruhe, welches ein solcher Schatz ist, der nicht mit Worten kann ausgesprochen werden.
Und wer siehet nicht, daß daraus die Fröhlichkeit des Herzens entspringe? Ein tugendliebender Mensch ist frei von Sorgen, fröhlich im Geist, und was er trägt, trägt er mit Lust. Dulce jugum amor est. Diese Liebe zur Tugend verringert alle menschliche Zufälle, so bös auch dieselbige mögen erdacht werden.
Es ist auch hieran der größte Teil der zeitlichen, ja ewigen Ehre gelegen, daß man dem Guten folge und das Böse hasse. Zwischen diesen beiden gibt es keine andre Stufe, entweder zur Ehre oder zur Schande zu gelangen. Wohl dem, der auf die erste tritt, wo seine Füße nicht gleiten. Er wird nicht allein geliebt, sondern allenthalben gelobt werden, und seine Ehre wird ihm einen solchen Kranz flechten, dessen Blätter in alle Ewigkeit nicht verwelken.
Aber was haben endlich diese davon, die im Gegenteil aller Unreinigkeit pflegen? Schand, Schimpf, Spott und Hohn ist ihr endlicher Sold, und wenn sie den Lastern lange gedienet, werden sie mit großer und schmerzlicher Verachtung von allen Menschen angesehen. Es ist auch in solchem sündlichen Leben keine Lust, sondern vielmehr eine Last, wenn das Gewissen anfängt, von all diesen Taten zu predigen, die [9] wir auf einem so schändlichen Weg begangen haben. Man macht dadurch die Ehre beschreiet und den guten Namen verdunkelt, und endlich wird alles verloren und verdorben, was zu unserer Auferbauung dienlich ist.
Wer hiervon auf beiderlei Weis ein Exempel begehret, der durchlese diese Schrift, allwo er eine genugsame Anzahl aller dieser Tugenden und Laster finden wird, die ihm wohl und übel anstehen. Auf eine solche Art wird der Leser gleichsam lachend unterrichtet, was zu seinem Besten dienet, und kann durch fremde Gesichter seine eigene Gestalt erblicken, es sei darnach gleich gut oder bös.
Wenn ich eine lustigere Art als diese zu schreiben gewußt hätte, so hätte ich solche unter die Feder genommen und diese Mühe in einer andern Arbeit angewendet, aber zu solchem bin ich geleitet worden aus gewisser Hoffnung des großen Nutzens, der demjenigen daraus entspringen wird, der nicht nach der bloßen Schale, sondern nach dem Kern schnappet, der darinnen verborgen lieget. Mancher tritt einen Stein mit Füßen, der mehr Gold in sich hält, als sein ganzes Vermögen ist, weil er aber nicht weiß die Art und Weis, wie das Gold daraus zu nehmen sei, gehet er als ein unbedachter Mensch darüber weg und klaubet hingegen eine Nuß von der Erde auf, die etwan einer Obstkrämerin entfallen ist. Darum müssen dergleichen Bücher mit genauer Obsicht und gutem Fleißge lesen werden, damit man nicht statt des Goldes Kot und statt der Perlen kleine Steinlein sammle, darauf man nur die Füße wund gehet.
Solches lasse sich der geneigte Leser zum vorhergehenden Unterricht dienen, auf daß er die Schrift nicht in einer andern Meinung lese, als sie geschrieben worden. Alsdann wird die Frucht keineswegs mangeln, welche er in Fliehung der entworfenen Laster und in Nachfolgung der belobten Tugenden nächst meiner Dienstfertigkeit zu gewarten hat.
Ich habe nur dem Volk, so in den Lastern wohnet,
Geschrieben, wie es mir die Tat gewiesen hat.
Mit Ruten wird doch nur der frevle Mensch belohnet,
Und solche Streiche sind die Straf der Missetat.
Hingegen hab ich euch, ihr Kinder von dem Adel,
An eurer hohen Ehr ganz nicht gegriffen an,
Ich weiß wohl, daß ihr stets ganz rein und ohne Tadel
Und daß man euer Tun nicht gnugsam loben kann.
Ob ich gleich der und der ein Laster beigemessen,
So aus des Adels Stamm und Quell entsprossen ist,
Bei frommen Leuten ist Iscarioth gesessen,
Man findet in dem Gold den allergröbsten Mist.
Ich kann auch euch hierin mit keinem Wort beschulden,
Ihr Frauen, derer Ehr die Sterne übersteigt;
Es ist ja meinem Kiel von eurer Gunst zu dulden,
Daß er der Welt nur die, so lasterhaftig, zeigt.
Es leben stets beisamm die Bösen und die Frommen,
Ich zeige, welcher gut und welcher böse sei.
Und wenn ihr meine Lehr zu eurem Nutz genommen,
Ist mein Verlangen schon von seinem Willen frei.
Ich schreibe niemand vor, wie er es solle machen
In Sünden, denn hierin wär sträflich solcher Fleiß.
Die Welt treibt ohnedem so ehrvergeßne Sachen,
Die nur ein kluges Aug zu überwinden weiß.
Ich schreibe nur zur Lehr, wie sie es hab gemachet,
In meiner ersten Blüt, zu meiner besten Zeit.
Man kann sich, ob man schon zuweilen drüber lachet,
Entfernen von dem Gift der süßen Eitelkeit.
Die bittre Medicin wird oftermals versüßet,
Damit dem Magen nicht vor starkem Ekel graut;
Ein überstrichne Stirn wird heftiger geküsset,
Ob sie schon in dem Grund ist eine faule Haut.
So bist auch du, mein Buch, mit lauter Lust gespicket,
Du bringest deinen Schatz in dem verborgnen Schoß.
Ich habe wie ein Schiff dich in die See geschicket,
Wo Tugend, Treu und Lieb nunmehr liegt segellos.
[11]Wo man nach schnödem Gift der Sünden pflegt zu schiffen,
Daselbsten schicke ich dich, schwaches Schifflein, hin.
Ich acht es nicht, ob du gleich werdest angepfiffen,
Weil ich in dieser Glut schon wohlgeprobet bin.
Wer allen recht tun will, der muß zum Toren werden,
So kommt er leichtlich nicht mit seinem Nächsten an.
Doch weil ich gerne klug will bleiben auf der Erden,
So folget, daß ich ja nicht allen recht tun kann.
Der Jupiter ist selbst so glücklich nicht gewesen,
Sein Tun gefiele ja dem Pöbel nicht gar wohl.
Drum acht es nicht, mein Buch, wie man dich möge lesen,
Die Welt ist jederzeit der Wirbelwinde voll.
Es hat mein schwangrer Kiel dich in der Trau'r geboren,
Ich finge deinen Bau in finstern Nächten an,
Drum hast du auch den Schein der Zierlichkeit verloren,
Weil aus der Dunkelheit nichts Helles werden kann.
Ihr Freunde, die mir noch zum Trost und Freude leben,
Nehmt diese meine Schrift zu euren Diensten an.
Ich weiß euch anders nichts als dieses Buch zu geben,
Darin ihr mich und ich euch wiedersehen kann.
Ich denke oftermals an jene süße Stunden,
Da wir in voller Lust beisammen konnten sein;
Die Laute ist verstimmt, die Zeit ist nun verschwunden,
Das Finstre folget stets auf klaren Sonnenschein.
Der wohnet gegen West, der andre gegen Morgen,
Der auf erhabnem Berg und jener in dem Tal,
Bald sind wir frohen Muts, bald wieder voller Sorgen,
Die Menschen sind doch nur des Glückes Wunderball.
Zu denen gehe hin, wo ich nicht hin kann gehen,
Mein Buch, und sprich, daß ich noch voller Flammen leb,
Auch, daß in solcher Glut mein Leben wird bestehen,
Bis ich der Eitelkeit mein letztes Vale geb.
Wer ohne Schuld kommt in die Band,
Kommt ohne Strafe aus dem Land.
Es war allgemach Mitternacht, als ich mich ganz ledig außer dem Schloß befand, darinnen ich bis dahero mit tausend Sorgen und Grillen gefangen gesessen. Einesteils verwunderte ich mich über meine unverhoffte Begebenheit, andernteils über den Zettel, welcher mir durch eine Gräfin in das Gefängnis geschickt worden. Aber über dieses alles nicht so sehr als über der großen Sorgfalt und Treu des Jägers, welcher alle Kräften angewandt, mich meiner Fessel zu befreien. Die finstre und dunkele Nacht taugte mir zu einem vortrefflichen Deckmantel, meine Person dahinter zu verstecken, deswegen eilete der Jäger mit mir zu dem Dorfe hinaus, und weil wir große Sprüng getan, hatten wir nicht viel Zeit, uns zu unterreden, so sehr mich auch verlangte, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich hatte nunmehr die Landstraße erreichet, deswegen heißet mich der Jäger geschwinde forteilen, damit ich mich durch mein längers Aufhalten nicht aufs neue in die Fessel brächte und also das letztere ärger als das erste machte. Hiermit eilete er zurück und ließ mich ganz bestürzet an der Straße stehen, voll Verlangen und Begierde zu wissen, wie und aus was Ursachen ich in dieses Gefängnis gesetzet worden.
Ich machte mir wohl hunderttausend vergebene Einbildungen, aber es taugte keine zur Sache, weil ich dadurch mir meine Verwunderung vielmehr verstärkte als solche verringerte, und aus dieser Ursach wurde ich leichtlich gezwungen [13] zu glauben, daß meine Verweilung keine geringe Gefahr nach sich ziehen dörfte. Derohalben fing ich an zu laufen, so gut es meine Beine vermochten, welche allgemach von dem Eisen angegriffen und beschunden worden. Solchergestalten verbrachte ich einen ziemlichen Teil der übrigen Nacht, also zwar, daß ich mich bei anbrechendem Tage in einer weitschichtigen Irre befunden und nicht gewußt, in welcher Gegend ich dazumal herum wandelte.
Die Glieder waren mir ziemlich matt, teils wegen der zuvor angelegten schweren Banden, teils auch wegen meiner schnellen und continuierlichen Flucht. Dahero eilete ich auf ein nächstgelegenes Dorf, daselbst ein wenig auszuruhen und mich wiederum auf die rechte Straße zu fragen. Ich erhielt gar leichtlich, was ich verlanget, und nachdem ich in dem Dorf ausgeruhet, wiesen mich die Bauren über die Höhe eines Berges, allwo ich auf diejenige Straße zu gelangen versichert wurde, dahin sich mein bekannter Weg erstreckte.
In solchem Fortwandeln verwunderte ich mich ohne Unterlaß meiner Geschicht und konnte die Gedanken auf keine Art noch Weise aus dem Kopfe verjagen, bis ich endlich einen adeligen Sitz vor mir sah, welcher trefflich altväterisch gebauet und aufgeführet war. Ich hatte meines Erachtens noch eine gute halbe Stunde dahin, deswegen suchte ich mein Testimonium hervor, mich mit demselben auf den Ort zu machen und um ein Viaticum zu betteln, welcher Gebrauch bei den Trivial-Studenten ein gemeines Handwerk zu sein pfleget, damit sie sich von Ort zu Ort promovieren. Hiermit richtete ich meinen Weg auf das Schloß zu, und weil die Bettler nichts umzugehen pflegen, achtete ich es nicht gar groß, ob ich eine halbe oder viertel Meil Weges von der Landstraß abgewichen.
Nach einer kurzen Zeit traf ich an den Ort und wischte mit meinem Testimonio hervor, dasselbe dem Torwärter bestermaßen zu recommendieren, gestaltsam ich zu meinem Behuf die stattlichsten Worte hervorbringen und demselben um das Maul schmieren konnte, damit er mich bei dem Edelmann anmelden möchte. Aber ich fand den Gesellen ganz in einem andern Laun, und weil er dazumal den Dorfbettlern [14] das Brot austeilete, kann es sein, daß er sich in seinen nötigen Amtsgeschäften nicht gerne zurückhalten noch verwirren lassen. Er sagte mir auch mit widerwärtigen Mienen, daß der Herr dieses Schlosses schon vor sechs Jahren gestorben sei, und die Edelfrau, so solches besäße, wäre dermalen über Land verreiset.
Wie ich nun gesehen, daß ich die Insul bonæ spei vorbeigesegelt, ging ich meinen Weg wiederum zurücke, zumalen mir der Torwärter zum Überfluß nachgerufen, daß man einem so wohl Bekleideten kein Almosen zu geben schuldig wäre. Ich sollte davor meinen Caputrock verkaufen und vor solchen ein Stück Brot schaffen, das wäre besser vor den Magen als ein Gansflügel. Über solche Wort des ehrvergessenen Rotbarts wollte ich mich nicht viel bekümmern, zumalen ich ohnedem von Natur dahin incliniert, über solche Narrenpossen zu lachen, welche mir an diesem Ort weder schaden noch nachteilig sein konnten. Ging dahero immer meinen Weg von dem Schlosse hinweg und stackte das Testimonium wieder in meine Tasche.
»Domine, Domine, Domine, allo he, Domine, Signor, Monsieur!« rufte ein junger Edelmann, so ober dem Tor an einem Fenster ganz ausgezogen stund, und als ich mich umgesehen, meinte er mich. Er deutete mir wohl zweinzigmal mit dem Haupt und winkte mit der Hand, was er nur winken konnte. Ich nahm den Hut herunter, machte mein Reverenz und ging eilends zurück an das Tor, allwo ich ihn fragte, was sei nes Begehren sei. »Saprament, Domine, per Dieu,« sagte der Edelmann, »wett der Teufel, was macht der Herr da?« Ich erstaunte über diese Rede nicht ein geringes und hielt den Menschen vor rechtschaffen wahnwitzig. Auf dieses verlor er sich an dem Fenster, und da ich aus Meinung, als wär es nur Vexierung, fortgehen wollte, kam dieser Junge vom Adel zu mir herunter und führte mich mit sich über eine lange Treppe hinauf. Ich ließ es immer gut sein, und weil ich einmal in eine unordentliche Verwirrung geraten, trug ich keinen Scheu, mich ferner in dergleichen Begebenheiten zu verwickeln. Wir kamen in eine ziemlich enge Stube, darinnen dieser seine Bibliothek stehen hatte. [15] Daselbst empfing er mich sehr höflich und sagte, daß ihm die Zeit seines Lebens kein solches Wunder als in Ansehung meiner Person zugestoßen, derohalben solle ich mir belieben lassen, niederzusetzen, und wies mir einen absonderlich wohlausgewirkten Sessel. Nach solchem trug er mit eigener Hand einen Krug spanischen Wein herauf und erwies mir allerlei Höflichkeiten, über welche ich mich rechtschaffen verwundert.
»Monsieur!« sagte er, »ich sehe es Ihm an, daß Ihn seine widrige Gedanken heftig peinigen, darum, ist es Ihm nicht zuwider, mir sein Anliegen zu offenbaren, so lebe Er versichert, daß ich solche Affection vor ein absonderliches Stück seiner Höflichkeit erkennen werde.« – »Mein Herr,« gab ich zur Antwort, »die Gedanken, welche mich gänzlich eingenommen, verhindern mich anitzo, höflich zu sein. Damit ich aber nicht vor undankbar angesehen werde, finde ich mich verbunden, mein Geschicke zu eröffnen demjenigen, welcher mich aus unbekannter Freundschaft nicht allein unverschuldet, sondern über dieses ausdermaßen freundlich tractiert. Vom Anfang meiner Geburt und geführten Schuljugend würde dieser Tag zu wenig sein, meinem Patron ausführlichen Bericht abzustatten, und weil sich solches Leben nur mit lächerlichen, zum Teil kindischen, zum Teil auch eitlen Historien verwickelt, schreite ich vielmehr zur Erzählung einer Sache, die mich vor ungefähr fünf Tagen in einen recht abenteuerlichen Stand gebracht.
Ich bin von Profession ein Student und habe auf unterschiedlichen Universitäten Philosophiam gehört. Zu Ende dessen nahm ich meine Reise in mein Vaterland vor, daselbsten meine Beförderung zu suchen, weil mir zu solcher schon vor langen Jahren gute Hoffnung gemacht worden. Ich bin etwas arm von Mitteln, aber nichtsdestoweniger von gut und ehrlichem Namen. Mein Vater war ein Mesner in einer berufenen Thumkirche, und weil ich lustigen Humors war, nennte ich mich Zendorio, nur darum, weil ich meinem Vater als ein Jüngling die Lampen und Kirchenkerzen auf den Altären habe anzünden helfen. In solchem Zustande geriet ich auf die [=der] neulich vorgenommenen Reise, aus Überfallung [16] der Nacht, in einen an der Straße gelegenen Gasthof. Ich versah mich nichts Übels, sondern legte mein Felleisen in eben die Kammer, dahin mich eine Magd schlafen gewiesen. Nächst meinem Bette stunden noch drei andere, aber ich sah nur in einem einen Kerl schlafen, welcher aber, wegen ausgezogenen Habits, ganz nicht zu erkennen war. Ich bin sonst von Jugend auf ein trefflicher Liebhaber zu schwätzen, weil aber dieser Mensch schon tief eingeschlafen, wollte ich ihn nicht aus seiner Ruhe verstören noch aufwecken, und aus dieser Ursach unterließ ich auch, mit der Magd zu scherzen, welche ich sonsten weidlich wollte in der Kammer herumgejagt haben. Ich schlief ein, und wenn es keine Narrheit wäre, einen so wackern Cavalier mit Traumerzählungen aufzuhalten, so wollte ich wohl eine Stund lang allerlei Vorstellungen daherbringen, welche mir dazumal in dem Schlaf lebhaftig vorgekommen.
Endlich erwachte ich, als es schon heller Tag war, und weil sich mein Weg noch eine ziemliche Ecke erstreckte, wollte ich aufstehen und mich ankleiden. Aber, tausend gute Jahr, wie zersuchte ich mich an meinem Kleide? Ich guckte auf und unter alle Bettstätte, aber da war nicht der geringste Fleck, geschweige was anders von meinem Kleide zu sehen noch zu hören, ja sogar die Schuhe waren nicht mehr anzutreffen, sondern ich befand mich vor diesmal in der Kammer ganz dismundiert und entkleidet. Ich wollte den Fremden in der Kammer fragen, aber er war allem Ansehen nach schon lange hinweg; und was das Allerwunderlichste war, so hat dieser sein Kleid in der Kammer gelassen und vielleicht das meinige anstatt desselben angezogen. Erstlich glaubte ich, es wäre dieser Fehler in der Finstern vorgegangen, weil ich viel hundert Exempel gehöret, da wohl ärgere Stücke durch und vermittelst der Finsternis sind practicieret worden, aber ich erfuhr leider darnach allermeistens, auf was dieser Betrug angesehen gewesen.
Monsieur! Ebendieses Kleid, so ich am Leibe trage, war demjenigen zuständig, welcher statt dessen das meinige in der Kammer angezogen und damit davongegangen. Der Verlust meines Gewandes war endlich so übermächtig groß [17] nicht, dahero ließ ich mich leichtlich von dem Wirt bereden, dieses davor an den Leib zu werfen und damit meine Wege zu gehen. Ich tat es, und als ich gleich einem Cavalier etwan eine Stunde außer des Gasthofes in einen Wald kam, ergriffen mich nächst einem Brunnen ihr vier bewaffnete Männer, welche, weil sie verlarvet waren, ich nicht erkennen können. Sie redeten kein Wort, sondern eileten mit mir einem Schlosse zu, aus welchem ich heute nacht so wunderlich losgelassen als geschlossen worden. Man satzte mich in ein finster Gewölb, und allem Ansehen nach war es eine Diebesstube, weil darinnen nichts als grausame Tormenten zu sehen waren. Ich halte, es sei gar eine Marterkammer, und dahero kann mein Herr leichtlich gedenken, wie mir zumut gewesen. Sobald sie mir eine Kette an das linke Bein geschlossen, sperrten sie mir auch eine Leibkette samt einem Halsring an und sagten, ich sollte mich nur so lang gedulden, bis der Graf wieder nach Haus käme, alsdann würde mir der Kopf zum längsten auf den Achseln gestanden haben.
Wahrhaftig, so unschuldig ich mich wußte, so war mir doch bei der Sache nicht allzuwohl. Ich gedachte wohl auf tausend Schelmstücklein, die ich hin und wieder sowohl öffentlich als heimlich, absonderlich aber mit Frauenzimmer begangen. Dahero mutmaßte ich immer, es dörfte eines oder anders sein offenbar worden, davor ich nun meine Laudes empfangen würde. Meine Speise bestund in schlechtem Brot und Wasser, und war zu diesem allem noch das Übelste, daß mir der in der Kammer mein Felleisen mit sich genommen, in welchem ich noch bei sechs Taler nebenst anderm weißen Zeug und etlichen Autoribus verschlossen hatte, dadurch ich mir bei so beschaffenen Zeiten aufs wenigst etwas Bessers zu essen schaffen können. Der Schergenknecht sagte mir bei solcher Ankunft, daß morgen das Examen vorgehen würde, aber ich verließ mich auf mein gutes Testimonium von der Universität, welches ich jederzeit in mein Hemd gewickelt hatte, und aus dieser Ursach konnte mir solches von dem Fremden in der Kammer nicht genommen werden. In solchen herumschweifenden Gedanken fühlte ich in den Schubsack des neu angezogenen Kleides und fand darinnen [18] einen ziemlichen Particul alter Groschen, bis ich endlich in die acht Reichstaler zusammenbrachte.
Die Unschuld, welche in diesem Gefängnis meine höchste Trösterin war, ließ mich in keine übermäßige Schwermut fallen, dahero achtete ichs sehr wenig, es möchte hinauslaufen, wie es wollte. Der andere Tag bricht heran, und ich konnte dieselbe ganze Nacht vor wunderlichen Gedanken kein Auge zutun, dahero schlummerte ich gegen Morgen ein wenig ein, wurde aber bald der Ruhe verstöret, weil ich jemanden klopfen gehöret. Ich wußte nicht, wars an der Tür oder an dem Fenster, legte mich demnach wieder hinum, und weil ich ganz allein war, kam mich schier eine Furcht wegen eines an dem Ort herum wallenden Gespenstes an, welches in den Gefängnissen nichts Neues ist. Ich hörte noch einen stärkern Schlag, und als ich mich umsah, wars an dem Fenster, welches mir zum Rücken stund. Es brauchte gar geringe Mühe, dasselbe zu eröffnen, dahero guckte ich hinaus und sah mit großer Verwunderung auf dem Felsen darunten einen Jäger mit einem langen Blasrohr stehen, durch welches er zu mir herauf geredet, ich sollte mir die Zeit nicht lang werden lassen, noch mich mit vergeblichen Sorgen umsonst quälen und martern, morgen wollte er mir tief in der Nacht aushelfen und mich sicher davonbringen. Nach solchen Worten schied der Jäger die steinichte Klippen wieder hinweg und verlor sich gar bald unter dem Gesträuße an dem Berg, denn das Schloß liegt an derselben Seite etwas höher als vornen, und der Fels gedünkte mich wohl bei zwanzig Klafter hoch zu sein. Der Jäger aber stund nicht gar drei Klafter unter meinem Fenster, zu welchem einer wohl hätte ausspringen können, so es nicht die Fessel und die absonderliche und grausliche übrige Höhe verhindert hätten.
Mein Herr betrachte doch nur, was ich aus der Rede des Jägers schließen können, indem mir seine Worte lauter Böhmische Dörfer waren! Ich sollte daraus einen Trost empfangen, und er machte mich nur betrübter, er sollte mich unterrichten, und ich wurde nur desto verwirrter, mit einem Wort: ich wußte gar nicht, wie abenteuerlich mit mir gefangenem Menschen gespielet wurde. Sowenig ich die vorige [19] Nacht geschlafen, sowenig konnte ich auch diese ruhen, bis der Jäger des andern Tages, aber etwas früher als zuvor, mit dem Blasrohr an das Fenster kam und mir dasselbe aufzuschließen befahl, denn er wollte mir mit seiner Armbrust einen Brief von der Gräfin hinaufschießen. Wunderlicher Zufall! ich war hierzu leichtlich zu bereden, und als ich das Fenster eröffnet, schießt er mir ein kleines Brieflein, an einen Stein gebunden, ins Gefängnis, nach welchem er sich davongemachet und mir sichere Erlösung zugesagt, sobald sich nur die Nacht würde genähert haben.
Mit unzähligen Grillen brach ich das Brieflein auf und fand mit ungemeiner Verwunderung diesen Inhalt darinnen, welcher von Wort zu Wort unfehlbarlich also hieß: ›Monsieur, sein zugestandenes Elend legt mein Herz ins Grab, wenn ich durch seine Schmerzen meine eigene Wunden fühle. Er sei versichert, daß der Jäger redlich mit Ihm umgehen wird, sollte es aber mißlingen, bitte ich nochmals mit vielen Tränen, Er leugne so lang, als Er kann, und erzeige in dem Werk, daß ein beständiger Liebhaber sich nicht scheuet, alle Marter auszustehen, zu verschweigen dasjenige, daraus der Geliebten alles Unheil entstehen kann. Er lebe wohl und ertrage die Fessel mit Geduld in gewisser Sicherheit, daß ich leben und sterben werde – Seine getreueste Veronia.‹
Dieses war der kurze, doch nachdenkliche Inhalt des von dem Jäger hineingeschossenen Briefleins, welchen ich augenblicklich in Stücken zerrissen und samt dem Stein wieder über das Fenster hinabgeworfen. Indem kommt der Kerkermeister zu mir in das Gewölbe, etliche Ketten abzuholen, weil er vorgegeben, er müßte noch vor Mittag etlichs Hurengesind über dem See anpacken und solches auf Befehl der Landrichterin mit sich gefangen anhero bringen. Ich fragte diesen wegen meiner Begebenheit, und ob ich ihm gleich ein gutes Trankgeld angeboten, wollte er doch mit der Sprache nicht heraus, entweder weil ihm solches verboten oder aber sonsten unbekannt war. Er hatte wohl acht Springeisen auf dem Arm, weil er vorgegeben, daß sich die ehrbare Compagnie fast in die zwölf Personen beloff, unter welchen eine alte Frau die Rädelführerin und Principal-Person sein [20] solle. Dergestalten ging er mit einem kleinen Jungen, mit vielen Ketten behangen, von mir hinweg und hatte vielleicht den Jüngling deswegen mit sich genommen, auf daß er seinen ruhmwürdigen Qualitäten dermaleins nachfolgen und sein wohlerlerntes Handwerk auf die Nachwelt fortpflanzen könnte. Ich hatte mir indessen durch einen Wächter, derer continuierlich viere vor meinem Kerker stunden, ein gut Mittagmahl bestellet und etliche Krammetsvögel in der Dorfschenke braten lassen, weil ich mein Geld an diesem Ort nicht anders anlegen konnte. Derohalben lud ich sie zu Gast, und der eine ließ einen Krug Bier herholen, welchen wir mit schlechter Reputation ausgesoffen, denn dergleichen Leute halten wenig von Gesundheiten und dergleichen Höflichkeiten, und ich hatte von dieser Gasterei keinen andern Nutzen, als daß ichs endlich von ihnen herausbrachte, daß sie ebendiese gewesen, so mich vorerzähltermaßen bei dem Brunnen in dem Wald angepacket und mit sich an diesen Ort gebracht hatten.
Solchergestalten speisete ich diejenigen, so mich in meinen Fesseln bewachten, und gleichwie sie ohne Ehrerzeigung gekommen, also gingen sie auch ohne Dank davon, und war ihr meister Trost, indem sie mir versprachen, daß auf das längste in vier Stunden eine gute Compagnie zu mir würde eingeschlossen werden, damit ich nicht so gar ohne Ansprache und alleine läge. Einen solchen Häschertrost mußte ich dazumal wider meinen Willen annehmen und habe wohl hundertmal gewünschet, nur zu wissen, welcher Teufel ein solch unverhofftes Spectacul mit mir angefangen. Ich wartete von einer Stunde in die andere auf das Examen, aber da hörte man kein Wort, viel weniger was anders von der Sache, bis endlich die Nacht herankam, in welcher ich, nach dem klaren Inhalt des Briefes wie auch nach den Worten des Jägers, gewiß sollte losgemachet werden.
Dazumal habe ich sehr klug getan, daß ich eines sowohl als das andere gegen die Wächter verschwiegen, und bin um so viel glückseliger gewesen, je unwissender ich in dieser Sache herumgeführet wurde. Ich hatte ein wenig Brandwein zu mir genommen, deswegen überfiel mich ein großer Schlaf, [21] und auf eine solche Weise legte ich mich auf das zubereitete Stroh, ob mich schon die Fessel an den Beinen aufzuschörfen angefangen, weil ich dergleichen Banden ganz ungewohnt war. Es schlug zwölf Uhr auf der Schloßglocke, als ich unverhofft aus dem Traum erwachte und mich ziemlich forchte, sowohl wegen der Gespenster als auch wegen des Jägers, welcher mich aus den Ketten schließen sollte; denn weil mir von der ganzen Sache nicht der geringste Umstand wie auch das Schloß selbsten nicht bekannt war, hielt ich den Jäger vor einen halben Teufel, und ist nicht zu sagen, was ich mir vor wunderliche Imaginationes gemachet.«
So heimlich wird gar nichts gekart't,
Das endlich nicht wird offenbart.
Diese Erzählung gefiel dem Jungen von Adel ausdermaßen wohl, zwischen welcher er mir etliche Gläser vom spanischen Weine zugetrunken und sich dergestalten zerlachet, davor ich mich selbsten verwundern müssen. Und als ich bis daher gekommen, sagte er zu mir folgende Worte: »Mein Herr, seine absonderliche Erzählung ist fürwahr ein merkwürdiges Stück einer ungemeinen Rarität. Ich bin ein Liebhaber aller Historien, aber mein Herr beliebe in seiner Erzählung fortzufahren und dieselbe nach ihren Umständen zu continuieren, alsdann will ich Ihm sagen, was mir absonderlich wohlgefallen und wie sehr mich solche zufriedengestellet.«
Auf dieses erzählte ich weiter und fing an, die Geschicht mit folgendem hinauszuführen: »Ich habe zuvor mit etlichen Umständen entworfen, welchergestalten ich die Zeit bis um Mitternacht in dem Gefängnisse passieret, nun ist nichts mehr übrig, als meinen Patron mit wenigem zu berichten, wie ich aus demselben losgekommen. Der Inhalt des Briefes war so gar ungereimt nicht, denn ich hörte nach meiner Ermunterung eben die Streiche an das Fenster, welche ich die zwei vergangene Nächte auch gehöret. Ich eröffnete dasselbe, [22] soviel mir möglich, und erblickte den Jäger mit einer Latern eben an dem Orte, da er zuvor mit dem Blasrohre gestanden. Dazumal aber redete er durch selbiges Instrument nicht mehr mit mir, sondern gebrauchte sich seiner Sprache wie etwan in gemeiner Conversation. Er lehnete eine Feuerleiter an, welche lang genug war, mich aus dem Ort zu bringen. Sobald solche in rechte Postur gestellet, leschte er die Laterne aus, welche ohnedem zu nichts als unserem Verderb brennen konnte. Hierauf stieg er behend an das Fenster, und wir redeten unsern Handel ganz in der Stille miteinander ab, damit wir von den nächst anbei liegenden Wächtern nicht gehöret würden, sonsten sollten sie uns die Suppe sauer genug gesalzen haben.
Es war sich zu verwundern, wie künstlich sich der Jäger durch das Fenster hineingeschwungen, und nachdem er mit einem Dietrich mich meiner Eisen befreiet, bringt er mich mit großer Obsicht auf die Leiter, denn es dörfte gar ein geringes in den Weg kommen sein, so wären wir beide darunten auf dem Felsen gelegen; und ob ich schon sonsten dem Schwindel trefflich ergeben bin, hatte ich doch keine Gelegenheit, in die Tiefe zu sehen, zumalen es so stockfinster war, daß wir einander selbsten kaum gesehen. Der Jäger stieg voran und ich hinter ihm hinnach, dergestalt kam ich unvermerkt, und zwar in höchster Stille, aus dem Kerker und half dem Jäger die Feuerleiter eben wieder an den Ort tragen, allwo er sie zuvor genommen. Wir liefen nach dieser Handlung immer zum Dorfe aus, und ob ich ihn auch schon um des Himmels willen gebeten, mir zu sagen, was es bedeutete, so sagte er doch jederzeit, ich sollte mit Worten stille halten, meinen Weg schnell fortlaufen, denn man würde mir gar gewiß mit Pferden nachjagen, dörfte also das letztere schlimmer werden als das erste, da ich doch von einem soviel wußte als von dem andern, und solchergestalten aus eitler Furcht einen Weg dahin, den andern wieder dorthin, bis ich ganz verirret mich in einer unbekannten Gegend befunden. Und ebenderselbige Irrweg trägt mich hierher vor das Schloß, welches zweifelsfrei meinem Patron zugehören wird. Dieses ist das wenige, warum ich [23] meinen sonst lustigen Humor mit einzigen traurigen Wolken bezogen habe.«
Der junge Edelmann fing hierauf ein abscheuliches Gelächter an, er streckte die zwei Daumen in die Seite und wollte fast vor Atemholen entzweibersten. Als er solches fast eine Viertelstund getrieben, setzte er sich wieder gegen mir über und sagte: »Monsieur, seiner Erzählung bin ich einen größern Dank schuldig, als ich bezahlen kann. Dieses Schloß, wie mein Herr glaubet, ist nicht mein eigen, sondern wird dermalen noch von meiner Frau Mutter besessen. Was nach diesem geschehen kann, weiß ich nicht, es ist genug, daß ich auf solchem mehrere Freiheit und Ergötzlichkeit genieße als mancher Großhans mit allen Prahlereien.
Damit Er aber wisse und ich Ihm meinem vorigen Versprechen gemäß offenbare, was mir in seiner Erzählung absonderlich wohlgefallen und aus was Ursachen ich bewogen worden, ein solch unhöflich Gelächter anzufangen, so verstehe Er, daß mich nichts so sehr unter allem contentiert, als daß Er in diesem Spiel meine eigene Person präsentiert.
Monsieur, der Kerl, so bei Ihm in der Kammer gelegen und seine Kleider davongetragen, der bin ich, wie Er mich hier vor Augen siehet, und dieses Kleid, das Er hier an dem Leibe trägt, ist derjenige Habit, welchen ich Ihm statt des seinen in der Kammer gelassen, als ich noch vor Tages mich aus dem Staub gemacht. Sein Felleisen liegt hier unter dem Ofen, und ist nicht das geringste Schnupptuch geschweige etwas anders daraus gekommen, weil ich durch dieses Mittel keinen Diebstahl zu begehen, sondern vielmehr eine Gelegenheit gesuchet, mich vor dem Schergengesind verborgen zu halten und also unerkannt zwischen ihnen hindurchzumarschieren, indem ich schon Kundschaft hatte, welchergestalten ich ihnen in die Klauen kommen würde. Und weil ich keinen andern Weg über das Gebürge wußte als ebendenjenigen, bin ich durch diesen Kleiderraub zu einer solchen großen Unhöflichkeit gezwungen worden, die mich die Zeit meines Lebens reuen wird, absonderlich, weil ich sie an einem solchen Menschen begangen, den ich wegen seiner angebornen Qualitäten vielmehr schuldigst bedienen [24] sollen. Damit ich aber dem Herrn aus dem Traum helfe und Ihm offenbare, was Er von seinen Scherganten nicht erforschen können, bitte ich, unbeschweret eine kleine Audienz zu geben. Er wird sich verwundern, wie artig Er in das Spiel geraten.
Ich heiße Isidoro und verbrachte meine adelige Jugend in tausend Ergötzlichkeiten, die ich hier sowenig als der Herr seine Schulpossen zu entwerfen suche. Allein ist zu wissen, daß ich von Natur niemand mehr als dem Frauenzimmer nachgestrebet, und gleichwie ein hungeriger Vogel leicht zu locken ist, also versaumte ich nicht die geringste Gelegenheit, mich an das Bett zu schwingen, es möchte sein, wie oder wo es wollte, und durch diese Unvorsichtigkeit brachte ich es leichtlich dahin, daß man allenthalben von mir ausgegeben, ich wäre der ärgeste Frauendiener in dem ganzen Land. Es ist wahr, daß kein solcher perfecter Fuchsschwänzer nicht zu finden war als eben ich, denn ich schmeichelte bald dieser, bald jener und wartete oft um einen lausigen Kuß vier ganzer Wochen auf. Die Musik lernete ich nur deswegen und aestimierte sie nur aus dieser Ursach so hoch, weil man sich durch dieselbe bei dem Frauenzimmer entweder beliebt machen oder dasselbe damit bedienen könnte. Dahero geschah es, daß ich, als ein Student, bald eine Gasse hinauf, die andere wiederum hinab fiedelte oder von andern fiedeln ließ, ja, ich machte wohl denen die meiste Couranten vor das Fenster, die ich am wenigsten kannte oder die zum wenigsten von mir gehöret hatten, auf daß ich ja allenthalben möchte bekannt und angenehm werden.
In dieser liederlichen Stümperei blieb ich nicht in den Schranken meines Standes, sondern ich kleidete mich wohl an als ein Bauerflegel, und in solchem Habit ging ich verkleidet auf die Dörfer und in die Dorfschenken, allwo ich mit den Bauermägden oft bessere Kurzweil trieb als mit mancher hochangesehenen und lumpichten Zofe, die nichts kann als den Hintern hin und wider schwenken wie eine Gans. Mein Herr kann betrachten, wie elend ich dieselbe Zeit zugebracht, die ich zu nichts anders als meinem eigenen Verderb angeleget habe, und dieses währte so lang, bis [25] ich mich eben in diese Gräfin verliebet, die dem Herrn den Brief in das Gefängnis schießen lassen.
Drei Meil Wegs von hier ist in einem Wald ein lustiger Platz, allwo der Graf seinen Hirschen nachzujagen pfleget. Und weil kein größerer Liebhaber vom Weidwesen in dem ganzen Lande ist, geschicht es, daß man ihn die meiste Zeit durchs Jahr an obbenanntem Ort zu sehen bekommet. Er versäumet dadurch viel nötige Canzeley-Geschäfte und macht seinen Untertanen nicht allein große Ungelegenheit mit dem Jagen, sondern stellet ihnen noch über dieses gewisse Jagdhunde in die Kost, welchen sie so viel müssen zu fressen geben, davon sie gar leicht einen Knecht erhalten könnten. Ich selbsten habe einen Proceß wegen meiner Frau Mutter zu führen, aber die Wahrheit zu bekennen, so wird auf solche Weise sehr wenig getan, und glaube kaum, daß innerhalb zwölf Jahren wird gesprochen werden. Dieser Proceß gab mir die erste Anleitung, mit der Gräfin Veronia in Bekanntschaft und von dar in eine nähere Vertraulichkeit zu kommen. Sie liebte die kleinen Hunde, dahero unterließ und ersparte ich nicht den geringsten Fleiß, ihr einen von absonderlicher und rarer Art zu verehren, der mich in die vierundzwanzig Taler kostete. Ich tat es unter dem Schein, meinem Proceß einen Fortgang zu machen, aber ich hatte viel ein anders Absehen als auf die Canzeley, ob es schon der Graf dazumal nicht anders als einer guten Meinung aufgenommen.
Die Gräfin, welche ein Weibesbild von unvergleichlicher Schönheit, wollte dieses Geschenk nicht unvergolten lassen, sondern schickte mir vor den Hund ein Dutzet der allerneuesten Ducaten, welche ich noch bei mir habe. Von dieser Zeit an suchte ich Gelegenheit, mit ihr in Person zu sprechen, denn die Wahrheit zu bekennen, so war ich in sie verzweifelt verliebt, und ich glaube, ich wollte mich dazumalen haben erstechen und tothauen lassen, sofern ich nur gewußt hätte, daß ihr dadurch einziges Gefallen geschähe. Ich konnte weder essen noch trinken, und was noch das Allerschlimmste war, so empfand ich in mir eine rechte Marterkammer, die vielleicht ärger als diejenige ausgesehen, [26] daraus Ihr heut nacht entflohen seid. Und ebendieses ist das Schloß, allwo ich meinem eigenen Verderb so sehr nachgeeilet, allwo Ihr so sehr, und zwar unter meiner Person, gefesselt gewesen.
Nachdem ich in dieser Liebe fast bis auf den Tod gequälet worden, entschloß ich mich, ihr meine Liebe zu offenbaren, sie möchte mich darnach sauer oder süße anblicken. Verehrete ihr dahero in einem Garten bei zufälliger Gelegenheit einen Apfel, in welchem ich ganz verborgenerweise einen Brief auf ein kleines Pergament-Zettulein geschrieben, etwan dieses Inhalts: ›Holdseligste Creatur! Wer dasjenige hasset, von welchem er geliebet wird, der wird unbillig großmütig genennet. Weil ich aber glaube, daß Sie an Großmütigkeit alle Menschen ihres Geschlechtes weit übertrifft, lebe ich der angenehmen Hoffnung, Sie wird denjenigen in dem Verlangen nicht zugrunde gehen lassen, welcher ohne Genieß Ihrer Gegenliebe zwar leben, aber doch allezeit vor Schmerzen sterben wird.‹
Dieser Brief, ob er zwar nicht stracks von ihr erblicket worden, erweckte doch keinen geringen Widerwillen gegen mich, also gar, daß ich noch in dem Garten entschlüssig wurde, in ein Wasser zu springen oder mich an die oberste Balken des Hauses aufzuhangen, denn es ist gewiß, daß ich die Impression von ihrer Holdseligkeit dermaßen ins Herze gedrücket, daß ich ohne ihrer Gegengunst unmöglich zu leben vermeinte. Ich weinte Tag und Nacht wie eine alte Bade-Hure, so die Lauge verschüttet, und scheuete mich endlich, vor ihr sehen zu lassen, weil ich dadurch meine Verzweifelung nur würde vergrößert haben. Und weil die Gräfin nächst an der See ihren Wohn-Erker hatte, satzte ich mich Nachts-Zeiten in ein Schifflein, nahm die Laute unter den Arm und sang, oder ließ durch andere singen, die verliebtesten Arien, so ich nur aufsetzen konnte, unter welchen ich diese einzige noch auswendig behalten:
Veronia!
Ich sterbe vor Verlangen
Und schiffe in den Tod.
[27]Du stürzest mich in solche Liebesnot,
Ich bin von dir gefangen!
Ach, hilf! ist keine Rettung da?
Veronia!
Veronia!
Komm doch, mein Schiff zu retten,
Ich strande auf der See,
Wo ich vor Schmerzen endlich untergeh.
Entreiße mich den Ketten!
Komm, Schöne, sprich nur einmal: Ja!
Veronia!
Veronia!
Ich will dich gleichwohl lieben,
Ob ich schon untergeh
Und sterbe auf der unglücksvollen See
Mit schmerzlichem Betrüben!
Es ist doch keine Rettung da,
Veronia!
Dieses sind die wenige Strophen, die ich aus so vielerhand Arien noch auswendig behalten, und wären erst alsdann recht angenehm zu hören, so meinem Herrn die anmutige Melodey bekannt wäre, durch welche die Gesänge recht lebhaft exprimiert werden. Unterweilen machten wir wohl ganze Suiten von Balletten und Sonaten, weil ich keine Unkosten ersparete, ihre Affection zu gewinnen, es möchte auch kosten, was es wollte. Je länger ich mich aber um ihre Liebe bearbeitete, je weniger konnte ich solche zum Stande bringen. Das nahm mich dergestalten ein, daß ich mich entschloß, den Ort zu verlassen, auch meine Gerichtssache anderwärts anhängig zu machen. Und solchergestalten getrauete ich mir endlich wohl, mich selbsten samt meinen Affecten zu überwinden, weil die Abwesenheit das beste Medicament wider alle unreine Begierden ist, die ich dazumal nicht recht erkennen können, weil ich das höchste Gut auf der Erde gesuchet und nicht betrachtet habe, welch [28] einer jämmerlichen Eitelkeit unsere blinde Mutmaßung unterworfen sei.
Ich satzte mich endlich zu Pferd und ritt so voll von verliebten Grillen aus der Stadt, daß ich nicht sagen kann, wie mir dazumal um das Herz gewesen. Ich sah keinen Menschen an, und es kann wohl sein, daß ich vor unterschiedliche Bekannte geritten, die ich entweder nicht gesehen noch beurlaubet habe, so gar hatte mich dazumal die Liebe eingenommen, außer welcher ich alles vor weniger als nichts gehalten. Ich sah auf der Straße ohne Unterlaß zurück und seufzete wohl tausendmal. Ja, es fiel mir endlich ganz unmöglich, weiterzureiten, sondern stund unter einem großen Baum ab, daselbsten das Schloß noch vors letzte Mal anzusehen und demselben zu valedicieren. Auf solches fing ich eine ordentliche Oration an, durch welche ich mit mir selbsten und sonsten mit keinem Menschen geredet.
Monsieur sei versichert, so ich Ihm alle Schwachheiten erzählen würde, die ich dazumal in meiner Oration angebracht, würde Er sich in der Wahrheit viel mehr über meine Erzählung, als ich über die seine getan, zerlachen und erlustigen. Endlich schämte ich mich vor den vorübergehenden Leuten, derer allgemach eine ziemliche Zahl zusammengeloffen, mir zuzuhören, weil ich ihnen entweder wegen der überhäuften Gedanken oder aber, weil ich rückwärts auf der Erden gelegen, nicht gewahr worden, stund demnach auf, schwang mich zu Pferd und ritt immer im Galopp fort, was das Pferd laufen konnte.
Auf eine solche Weise lief ich über Stock und Stauden, daß es taugte, ja ich schrie unterweilen, wie ein Pferdknecht, der hundert Roß zu commandieren hat. Letztlich ließ ich dem Pferd den Zaum, willens, dahin zu reiten, wohin es mich bringen würde, daraus ich schließe, daß ich dazumal über drei Grad von der wahrhaftigen Wahnsinnigkeit nicht entfernet gewesen, weil ich keinen Weg zu finden gewußt, dieser Passion zu entgehen. Mein Gaul ging einen ziemlichen Schritt, und weil er den Zaum ledig hatte, brachte er mich auf einer ganz ungebahnten Straße in einen Wald, davor mir recht grauete. Die Bäume stunden nicht allein dicht beisammen, [29] sondern es hatte auch hin und wieder tiefe und felsichte Löcher, darinnen sich ingemein die Räuber und das andere ehrlose Gesindlein zu verstecken pflegte. In Betrachtung dieser Gelegenheit kam ich wieder ein wenig zu mir selbst, obschon viel zu spat, denn ich hatte noch nicht wahrgenommen, daß ich meinen Hut, meine Handschuhe und meinen Degen zwischen dem Gesträuße verloren und zurückgelassen. Solchergestalten stieg ich ab, und weil es nunmehr bald Abend war, suchte ich besten Fleißes einzigen Ausgang, führte auch das Pferd so lange hin und wider, bis es endlich Nacht und mir, wegen Ermanglung des Lichts, der Weg ganz unbekanntlich wurde.«
Brand, Schwefel, Pech, das quälet sehr,
Die Liebe aber noch viel mehr.
»Gegenwärtige Nacht war ein rechtes Vorbild meines Geistes, welcher gänzlich mit einer irdischen Finsternis umgeben war. Das allerschlimmste war, daß ich das wilde Vieh brummen hörte, und dachte erst dazumal an meine große Torheit, da ich keine Gelegenheit mehr hatte, aus dem Wald zu gelangen. Ich wollte mich zur Versicherung meiner Person auf einen Baum retirieren, aber weil ich des Steigens unerfahren, mußte ich mein Vorhaben zurückstellen, so lieb mir auch das Leben war. Dazumal verschwanden mir die Liebesgedanken ein ziemliches, und ich hätte in der Wahrheit endlich nicht gewußt, was ich anfangen sollte, so ich nicht in der Revier ein Glöcklein gehöret. Erstlich machte ich mir die Einbildung, es wäre vielleicht eine Kuh in dem Wald verirret, der man eine solche Glocke an den Hals gehenket, und dahero bekam ich Ursach zu argwohnen, als wäre nächst hierbei eine Schäferei. Aber zum andernmal, als ich den Schall hörte, fand ich, daß ich mich selbst in mei ner Meinung betrogen, weil es viel eine größere Glocke gewesen, als ein solches Mastvieh an dem Hals hätte tragen können. [30] Ich ging dem Schall nach und sah auf einem hohen Berge ein Licht schimmern, daraus ich geschlossen, daß sich daselbst ein Einsiedler enthalten müßte. Mein Pferd hatte ich zum Raub des wilden Viehes, an der Tanne gebunden, stehenlassen, weil ich viel zu sorgfältig war, mein eigenes Leben zu erretten. Der Einsiedler läutete noch einmal, und als ich mich auf dem Berge ganz verstiegen, rufte ich sehr laut um Hilfe, weil ich mich keines geringen Falls beförchtete. Nach solchem Ruf eröffnete der Klausner sein Fensterlein, und ich bat ihn nochmalen ganz freundlich, mir aus der Irre zu helfen. Er läutete ein anders Glöcklein, auf dessen Schall alsobald ein junger Eremit mit einer brennenden Laterne gegangen kam und mir vermittelst eines Strickes zu sich hinauf half, weil ich sonsten weder vor noch hinter mich gekonnt hätte. Er führte mich mit sich in des Alten seine Zelle, welche meist von Baumrinden und Moos beschlagen und ausgezieret war. Daselbsten satzte ich mich an den warmen Ofen, weil ich in dem Wald ein ziemliches gefroren hatte. Ich war froh, daß ich so einen sichern Ort vor meine Person gefunden, und erzählete den Einsiedlern ganz einen andern Weg, wie und auf was Weise ich in den Wald gekommen. Sie hatten mit meinem Geschicke ein treffliches Mitleiden, und der Junge ließ nicht nach, das Pferd so lange zu suchen, bis er solches durch einen gebahnten Weg mit sich über den Berg zu der Zellen brachte, allwo ers in eine Kammer einsperrte, darinnen sie ihre Instrumenten, die Wurzeln zu graben, liegen hatten.
Ich wäre wohl der größte Narr auf Erden gewesen, so ich den Einsiedlern von meiner Liebe einzige Nachricht erteilet hätte, deswegen verlangte ich, mich niederzulegen und auf meinen ausgestandenen Schrecken ein wenig auszuruhen. Sie versorgeten mich hierauf mit einer Liegerstatt viel treuer als leibliche Brüder, und es war nichts in ihrem armen Vermögen, welches sie mir nicht angetragen, soferne ich es nur würde vonnöten haben.
Es ist ungezweifelt wahr, daß ich ihr Leben tausendmal heiliger und vollkommener als mein eigenes befunden, ja, ich schätzte sie recht glückselig, daß sie den Irrweg noch nie so [31] weit wie ich gewandelt hatten; aber dessenungeachtet ließen mich doch meine Anfechtungen bei keinen heiligen Gedanken, sondern zerstreueten solche wohl tausendfältig nach der Gewohnheit ihrer giftigen Art, welche stetigs zu töten suchet denjenigen, so ihnen zu viel nachhänget.
Die unterschiedliche und mannigfältige Verwirrungen ließen mir nicht so viel Ruhe, daß ich hätte einen Augenblick schlafen können, sondern die Veronia, die Veronia stak mir immer im Kopf. Und so sehr ich mich auch ihrer Gedächtnis entschlagen wollen, konnte ich doch über mich selbsten nicht Meister werden, vielleicht darum, weil ich mein Vorhaben gar zu seichte und auf liederliche Mutmaßungen gegründet, da ich doch davor die wahre Tugend zum Fundament sollte geleget haben.
[32]
Auf solches schlummerte ich ein wenig ein, aber des folgenden Tages wurde ich eins mit dem Alten, daß er mir wollte leihen einen alten Rock, welchen er noch vor zehen Jahren getragen, und vor solchen schoß ich ihm so viel Geld dar, davor er einen neuen bekommen konnte. Er behielt das Pferd bei sich, und weil das obgedachte Schloß seiner Aussage nach nur zwei kleine Meilen von dar abgelegen war, versprach ich, innerhalb vierundzwanzig Stunden gewiß wieder in der Klause zu sein. Damit zog ich den Habit über den Leib, und weil ich ohnedem einige Parücke trug, konnte ich wohl leiden, daß sie mir das übrige Haar gleich einem Mönch von dem Kopf hinwegschnitten, und in einer solchen Gestalt wiesen sie mich aus dem Wald auf die Straße, so zu dem Schloß leitete.«