Otto Roquette: Gedichte

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Jugendlieder

Frühlingswandern

Vom Berg ergeht ein Rufen,

Und Antwort schallt im Thal,

Da springen von grünen Stufen

Die Quellen allzumal.

Und Eines ruft's dem Andern,

Das klinget fern und nah:

Die rechte Zeit zum Wandern,

Die Frühlingszeit ist da!

 

O du holdselig Weben

In Wald und Thal und Höhn!

Nun athmet Alles Leben,

Und findet's gut und schön.

Nun mit der Lerche steige,

Mein Wandersang, empor,

Und klinge laut, und zeige

So frisch dich wie zuvor!

 

[4]

Durch all die Windeswellen,

Durch all die Frühlingszeit

Nun wandern, wie die Quellen,

Will ich mit Freudigkeit.

Wie jene rieselnd schweifen

Durch Schlucht und Halden viel,

Verirren sich und streifen,

Sie kommen doch an's Ziel.

 

Wählst du dir zum Begleiter

Den goldnen Lebensmuth,

Wie findest du so heiter

Die Welt, wie schön und gut.

Und wagst du kühn zu irren,

So drückst du einst mit Lust,

Mag auch der Weg sich wirren,

Erfüllung an die Brust.

 

[5] Fröhliche Gesellen

Hier im Kruge, wo das ros'ge

Mägdlein freundlich nickt,

Hier im Kruge laß uns rasten,

Bis wir uns erquickt.

Bring', mein Kind, uns volle Becher

Hurtig her zur Stell'!

Stoß denn an, und trink, mein lieber

Fröhlicher Gesell!

 

Wenn zwei rechte Freunde wandern,

Das giebt Freud und Muth,

Und es klingen alle Lieder

Zwiefach, doppelt gut.

Ja, das Wandern, das soll leben,

Laß es klingen hell,

Reiche mir die Hand, mein lieber

Fröhlicher Gesell!

 

Lustges Mägdlein, laß dich küssen,

Hat's doch keine Noth,

Denk', wir müssen heut zum Städtchen

Noch bis Abendroth.

Schau, mein Kind, und willst du freien –

Wirst du roth so schnell?

Sei es ein so schmucker, lieber,

Fröhlicher Gesell!

 

[6]

Habt ihr euch schon lieb gewonnen?

Hab' ich's doch gedacht!

Mir entlaufen alle Mädchen,

Du bist wohl bedacht.

Lustig, Kinder! wie das Schicksal

Trenne ich euch schnell.

Lebe wohl! Nun fort, mein lieber

Fröhlicher Gesell!

 

[7] Die verstehende Seele

Die Sonne ging zu Rüste schier,

Da kam ich spät in mein Quartier

Mit müdgelaufnen Füßen.

Frau Wirthin stand wohl vor der Thür,

Sie hatt' eine blaue Schürze für,

Sie thät so freundlich grüßen.

 

»Grüß Gott, Er wandernder Gesell,

Tret' Er nur über meine Schwell',

Die Ruh soll Ihm bekommen!«

Schön Dank, schön Dank, Frau Wirthin mein,

Ihr Häuslein hat gar saubren Schein,

Kann auch Ihr Wein mir frommen?

 

»Mein Wein ist pures Rebennaß,

Ich schenk' ihn roth, ich schenk' ihn blaß,

Doch sag' Er mir nur Eines:

Ist blond Sein Schatz, oder ist er braun?

Und sagt Er mir's, so weiß ich traun

Die Farbe schon des Weines!«

 

Frau Wirthin, Sie ist flink und klug,

Dazu auch jung und hübsch genug,

Sie wird mich recht verstehen:

Was man so recht im Herzen hält,

Das sagt man nicht der ganzen Welt,

Ihr wird es auch so gehen!

 

[8]

Frau Wirthin warf das Aug' herum,

Und lächelt süß, und lächelt stumm,

Und thät zwei Becher bringen:

»Dies Weinchen hatt' ich still verwahrt,

Bis daß nach seiner Wanderfahrt

Mein Schatz mich thät umschlingen.«

 

»Doch Er soll's trinken heut mit mir,

Dieweil versteh'nde Seelen wir,

Ich geb's umsonst und gerne!« –

Ich aber dacht' in frohem Muth,

Ach hätte doch jede Frau Wirthin gut

Einen Schatz in weiter Ferne!

 

[9] Am Neckar, am Rhein

O wär' ich am Neckar, o wär' ich am Rhein,

Im blühenden Rebenland, da möcht' ich sein!

Wo das Leben ein sprudelnder Becher der Lust,

Wo ich wandert' und wohnte an Freundesbrust,

Am Neckar, am Rhein,

Im blühenden Rebenland, da möcht' ich sein!

 

Ihr Mädchen, ihr Städtchen am Ufer hinab,

Ihr des Herzens Lust, und der Augen Lab',

Ihr singenden, klingenden Wellen des Rheins,

Ihr Lüfte des Lebens, ihr Düfte des Weins,

Durch die jubelnde Brust

Geht mir alle das Leben, und alle die Lust!

 

Laßt mich wandern und singen wohl durch die Welt,

Laßt mich weilen und wohnen wo mir's gefällt!

Dann zieh' ich zum Neckar, dann zieh' ich zum Rhein,

Aus den Thälern zu Berg, von den Bergen thalein,

Und ich jauchz' es hinaus:

Wo mein Herz und mein Lied ist, da bin ich zu Haus!

 

[10] Abschied

Nun ist mein' beste Zeit vorbei,

Nun ist mir Alles einerlei

Wohin ich wandern soll.

Verlassen muß ich meine Lust,

Mein ganzes Herz ist in der Brust

Von Thränen, von Thränen voll!

 

Durch die alten Gassen hab ich zuletzt

Heut Nacht meinen Wanderstab gesetzt,

Mit manchem Gesellen gut.

Sie drückten mir alle die Bruderhand:

Und denk' an uns im fremden Land,

Halt' uns in treuer Hut!

 

Noch Einmal von der Neckarbrück'

Schau ich in's weite Thal zurück,

Die Wasser rauschten daher,

Sie rauschten stets, ich merkt' es kaum,

Sie rauschen und singen mir alten Traum,

Und machen das Herz mir schwer.

 

Ich sah nach jedem Giebeldach,

Mir war's, als riefen sie mir nach:

Fahr wohl, Gesell, fahr wohl!

Und mit dem Abschied war's vorbei,

Nun ist mir Alles einerlei

Wohin ich wandern soll!

 

[11] Das Grusliche

Gruslich, gruslich kommt's gezogen,

Mit den Frühlingswinden,

Und mit schaurig süßem Wogen

Regt sich's in den Linden.

Soll die Blüthe dich erfreun,

Mußt du nicht das Gruseln scheun,

Gruseln muß es, gruseln!

 

Gruslich wird dem jungen Weine,

Eng' im Faß verschlossen,

Bis in golden klarem Scheine

Er in's Glas geflossen.

Hat's gegruselt ihm recht wüst,

Doppelt kräftig er dich grüßt,

Gruseln muß es, gruseln!

 

Gruslich durch die Seele bebt es,

Hat dich Lieb' erfüllet,

Halb zum hohen Himmel hebt es,

Halb noch liegt's verhüllet.

Eh' du's deinem Schatz gesagt,

Halb beseligt, halb verzagt,

Gruseln muß es, gruseln!

 

[12] Margreth am Thore

Das beste Bier im ganzen Nest

Das schenkt Margreth am Thore,

Derweil das frisch den Gaumen näßt

Spricht hold Margreth zum Ohre.

Steht vor der Thür ein Lindenbaum,

Da schenkt sie mir den kühlen Schaum,

Margreth, Margreth am Thore.

 

Jüngst nächtens hatt' ich keine Ruh,

Mir war so weh, so bange,

Da wandert' ich der Linde zu,

Mein Leiden währt' nicht lange!

Der Mond ging auf so wundersam –

Margreth, steh' auf! Margreth sie kam,

Margreth, Margreth am Thore!

 

Und wandr' ich einstens wiedrum aus,

Das ganze Nest vergess' ich,

Margrethlein hold im Lindenhaus,

Dein denk' ich unablässig!

Der Mond, dazu die goldnen Stern',

Ach könnten sie's, sie sagten's gern,

Margreth, Margreth am Thore!

 

[13] Sprühregen und Märzenstaub

Sprühregen und Märzenstaub

Fallen herab auf das grüne Laub,

Auf das junge Laub und die Blümlein bunt,

Und sie bleiben frisch, und sie bleiben gesund,

Denn es stirbt sich nicht so gleich.

 

Trag' du in der Jugendzeit

Immer getrost dein junges Leid.

Und meinst du, daß dir das Herze bricht?

Junge Leiden die tödten noch nicht,

Denn es stirbt sich nicht so gleich.

 

[14] Ueber Tag und Nacht

In der Früh, in der Früh, wenn die Sonn' erwacht,

Von dem Fenster bieg' ich die Reben,

Hab geträumet von dir wohl die ganze Nacht,

Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben!

 

Ueber Tag, über Tag, was ich schaff' und thu',

Blick' ich hundertmal um die Reben,

Denn mein Sinnen ist dein, und mein Denken bist du,

Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben!

 

Und zu Nacht, und zu Nacht, bei der Sterne Schein,

Schlägt der Wind mir an's Fenster die Reben,

Wach' ich auf, denk' ich dein, über's Jahr bist du mein,

Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben!

 

[15] Wenn die ersten Veilchen blühn

Wenn die ersten Veilchen blühn

Ist die Rosenzeit nicht fern.

Mädchenwangen rosig glühn,

Trifft sie ein geliebter Stern.

 

Scheitert an der Blicke Klippen

Nicht der Mund, zu bittrem Leid,

Von den Augen zu den Lippen

Ist es dann nicht allzuweit.

 

[16] Perlenfischer

Du liebes Auge willst dich tauchen

In meines Augs geheimste Tiefe,

Zu spähen, wo in blauen Gründen

Verborgen eine Perle schliefe?

 

Du liebes Auge, tauche nieder,

Und in die klare Tiefe dringe,

Und lächle, wenn ich dir dein Bildniß

Als schönste Perle wiederbringe.

 

[17] Scheiden ohne Leiden

Liebster Schatz, nun sei getrost,

Traure nicht um's Scheiden,

Hab' das Wandern nun erlost,

Und du mußt es leiden.

Schau, es ist die ganze Welt,

Sonne, Mond und Sterne,

Auf das Wandern ja gestellt,

Auf die weite Ferne.

 

Und das Meer hat Ebb' und Fluth,

Wind und Wolken ziehen,

Winterschnee und Sommergluth

Kommen und entfliehen.

Wird die Welt nun alt und neu,

Sei du auch nicht strenger,

Lange Zeit war ich dir treu,

Aber nun nicht länger.

 

Weil mein Herz nicht mehr verlangt,

Daß ich bei dir bliebe,

Lieber Schatz, so sei bedankt

Für die schöne Liebe!

Sieh, der Mai ist vor der Thür,

Laß die Augen wandern!

Komm ich einst zurück zu dir,

Hast du längst 'nen Andern.

 

[18] Wanderers Wehmuth

Wie war't ihr blank, wie war't ihr ganz,

Wie tüchtig eure Sohlen,

Als wir im Sommermorgenglanz

Die Heimat Gott befohlen!

Wir zogen durch Gebirg und Thal,

Mir ließt ihr aller Freuden Zahl,

Ihr trugt die Noth und die Gefahr,

Mein treues Stiefelpaar!

 

Ihr habt gedient durch Dick und Dünn,

Durch Staub, Gestein und Pfützen,

Kein' andre Freud' euch, noch Gewinn,

Als meinen Fuß zu schützen.

So ging die Zeit, die schöne Zeit,

Es wuchs die Lust, es blich das Kleid,

Ihr aber nahmt des Schwindens wahr,

Mein treues Stiefelpaar!

 

Wir kehrten heim, ich seh' euch an,

O Anblick zum Erbarmen!

Mich machtet ihr zum frohen Mann,

Was ward aus euch, ihr armen!

Ergraut, durchlöchert, fast zerstückt,

Kein Meister, der euch wieder flickt,

So steht ihr, alles Reizes bar,

Mein treues Stiefelpaar!

 

[19]

Weh thut es, euch beim Scheidegruß

So in mein Herz zu malen!

Und was noch trüber ist, ich muß

Euch leider noch bezahlen.

So lebt denn wohl! Es soll mein Lied

Verkünden, was in euch mir schied,

Wie opfervoll im Dienen war

Mein treues Stiefelpaar!

 

[20] Brockenfahrt

(28. August 1849.)

 

Das war eine wilde Reise,

Da wir froh nach Burschenweise

Stiegen auf zum Brockenhaupt!

Ueberall in deutschen Landen

Ward ein hohes Fest gefeiert:

Goethefest – gespielt, geleiert.

Doch nach andrer Feier standen

Uns die Sinne, und wir fanden

Uns ein Fest, so recht romantisch,

Nicht voll Reden, nicht pedantisch,

Nicht so professorisch kühl,

Nein, so recht im Blocksbergstyl.

 

Lustig schien die Herbstessonne

Ueber unsre Wanderwonne,

Köstlich war die Luft, und klar.

Freudig schallten Wandersänge

Durch der hohen Felsenmassen

Ungebahnte, steile Straßen.

Doch die schroffen Bergeshänge

Stuften sich im Felsgedränge

Immer höher, immer grauer,

Und ein kühler Nebelschauer

Zauberte durch Fichten schwarz

Um uns her den echten Harz.

 

[21]

Denn des Blocksbergs wilde Trosse

Wollten heut zu Fuß und Rosse

Feiern auch ihr Goethefest.

Bang die Sonne sich verstecket,

Und schon läßt der Sturm sich hören

Dumpf in des Gebirges Föhren,

Und sein Brausen ruft und wecket

Schnell das Heer. Und kreischend strecket

Sich begrüßend, aus der Lauer

All der wilde Koboldschauer,

Springt und tanzt mit Teufelssang

Wild von Fels zu Felsenhang.

 

Und nun weiter, immer weiter,

Auf des Brockens Felsenleiter

Schrillt und brüllt, und jauchzt und stürmt's

Angstvoll fliehn der Vögel Schaaren,

Das Gewild im schwarzen Forste

Flieht herab vom Waldeshorste.

Tannen mit zerzausten Haaren

Stürzen krachend hin zu Paaren.

Schwarz umwölket droht der Himmel

Ueber dem Naturgetümmel,

Und vom Donner mit Getos

Riß der Wiederhall sich los.

 

Halt! wo ist der Weg? Verloren!

Auf die Lust der Erdenthoren

Legt der Teufel seinen Schwanz.

Welch ein Schrecken, welch ein Grausen

Antwort durch die finstern Lüfte

[22]

Schreien höhnend alle Klüfte,

Und wir stehn im Sturmesbrausen

In des Festes tollstem Hausen.

Und auf Besen, Ziegenböcken,

Hexentanz in allen Ecken,

Regenguß und Nebelnacht –

Weh, wir sind im Höllenschacht!

 

Wohin wenden? Wohin schreiten?

Denn kein Weg mehr will uns leiten!

Hurtig, muthig, grade aus!

Aber jäher nur verdichten

Sich die Felsen. Auf, und klettert,

Ob auch Erd' und Himmel wettert!

Seht, schon hellen sich die Fichten,

Nieder gehn die Felsenschichten.

Aber weh! da lauern Sümpfe,

Und es bleiben Schuh und Strümpfe

Stecken in dem Teufelsschlamm,

Jedem Schritt ein Pfuhl und Damm!

 

Zaubermeister, Vater Goethe,

Hilf uns bannen unsre Nöthe!

Ach, so flehten wir im Chor.

Willst du, daß wir sterben sollen?

Kamen ja zu deinem Feste,

Weih'n dir unsrer Lieder beste! –

Horch! da schwieg des Sturmes Grollen,

Und die Nebel seitwärts quollen,

Und ein Tagesblick bot Rettung

Uns aus unsrer Sumpfesbettung,

[23]

Jubelruf: da Leid ist aus,

Droben winkt da Brockenhaus!

 

Rechts und links, und tief und oben,

Ließen wir den Sturm nun toben,

Heimlich warm war Stub' und Haus.

Hei, wie perlte neues Feuer

Jetzt der Wein uns in die Glieder,

Weckte tausend Jubellieder,

Während draußen, nicht geheuer

Schnob die Nacht um das Gemäuer!

Vater Goethe, du Befreier!

Sahst du unsre lustge Feier?

Jung auch warst du niemals kühl

Für ein Fest im Blocksbergstyl!

 

[24] Neuer Frühling

Neuer Frühling ist gekommen,

Neues Laub und Sonnenschein,

Jedes Ohr hat ihn vernommen,

Jedes Auge saugt ihn ein.

Und das ist ein Blühn und Sprießen,

Waldesduften, Quellenfließen,

Und die Brust wird wieder weit,

Frühling, Frühling, goldne Zeit!

 

Von dem Felsen in die Weite

Fliege hin, mein Frühlingssang,

Ueber Ströme und Gebreite,

Durch Gebirg und Blüthenhang!

Darf nicht wandern, muß ja bleiben