Adolf Friedrich von Schack: Lotosblätter

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1. Vermischte Gedichte

Vor einem Fenster

Bleich am Himmel steht der Mond;

In das Fenster zu dem Zimmer,

Wo ich ehedem gewohnt,

Zittert geisterhaft sein Schimmer,

Und zurück glaub' ich zu schaun

Zu den lang versunknen Jahren,

Als mir noch die Locken braun,

Frisch die Lebensgeister waren.

 

Alles drinnen wie bekannt!

Dort der Sessel vor dem Pulte

Und die Spieluhr an der Wand,

Die mich oft in Schlummer lullte;

Dort bei einer Kerze Licht,

Bücher vor ihm aufgeschlagen,

Sitzt ein Jüngling; sein Gesicht

Ist wie meins in frühen Tagen.

 

Sage mir, mein Schattenbild,

Du voll Lust, wie ich voll Trauer:

Glaubt dein Drang, der nie gestillt,

Noch an ew'ge Lebensdauer?

[402]

Bei Folianten, Nachtgesell,

Brütend bis zur Morgenstunde

Mühst du dich, der Weisheit Quell

Auszuschöpfen bis zum Grunde?

 

Schwingen deinem Geiste wohl

Willst du weben durch dein Lernen;

Denkst zu fliegen an den Pol

Zu des Himmels fernsten Sternen;

Träumst in jugendlichem Mut,

Großes einst zu thun auf Erden –

Aber Kraft und Wangenglut,

O wie bald sie schwinden werden!

 

Geh und schlag die Bücher zu!

Sieh hernieder, wo ich stehe!

Du bist ich, und ich bin du,

Nur gebeugt von Gram und Wehe;

Bitter an den Lippen klebt

Mir des Lebensbechers Hefe,

Und, wie heiß ich auch gestrebt,

Labt kein Kranz die glüh'nde Schläfe.

 

Was ich baute, sah zerstört

Ich zu Boden wieder rollen;

In der Luft ist ungehört

Meiner Worte Klang verschollen,

Und bevor mein Volk, mein Land

Noch erkannten, wen sie hatten,

Unbetrauert, ungenannt,

Werd' ich eingehn zu den Schatten.

[403] Totenklage

An den Hängen, die in Eis

Tiefbegraben starrten,

Schmücken Krokus, gelb und weiß,

Veilchen schon den Garten;

Blätter hängt das junge Jahr

An die kahlen Aeste,

Und es kehrt der Wanderstar

Zum verlass'nen Neste.

 

Ja, im Glanz, der über Thal

Und Gebirg ergossen,

Allen als ein Freudensaal

Ward die Welt erschlossen;

Nur aus meinem Herzen weicht

Nicht der Gram, der stete,

Still an meiner Seite schleicht

Er durch blüh'nde Beete.

 

Seit ein Wiegenlied uns zwei

In den Schlaf gesungen,

Schwester, hat in jedem Mai

Mich dein Arm umschlungen,

Schrittst du hier mit mir am Bach

Durch die blum'ge Wiese;

Nun zum erstenmale, ach!

Fehlst du mir, Elise!

 

In der dumpfen Stube lang,

Winterlich umnachtet,

Nach der ersten Lerche Sang

Hattest du geschmachtet.

Endlich hell durch mildre Luft

Scholl er dir entgegen –

[404]

Da, Geliebte, in die Gruft

Mußtest du dich legen.

 

Nicht im jungen Sonnenlicht

All das Grünen, Blühen,

Und der Fichten Sprossen nicht,

Die wie Fackeln glühen,

Nicht, durchblitzt vom Morgenrot,

Die beperlten Auen

Gönnte dir der Mörder Tod

Noch einmal zu schauen.

 

Wohl in einem Jenseits gern,

Wie zu höhern Räumen

Hin du schwebst von Stern zu Stern,

Möcht' ich dich mir träumen;

Doch umsonst! Mein Geist muß matt

Seine Schwingen senken;

In der finstern Todesstatt

Kann ich nur dich denken.

 

Dort zu dir hinunter nun

Dringt kein Hauch vom Lenze.

Bleich zu deinen Häupten ruhn

Die verwelkten Kränze,

Und ein blasser Lichtstrahl streicht

Nur mit Dämmerhelle

Längs der Wände, kalt und feucht,

Durch die Grabkapelle.

 

Oft im Traume, grambetäubt,

Zwischen Steingebröckel

Heb' ich, moderduftumstäubt,

Deines Sarges Deckel.

Sieh! Da schläfst nach kurzem Sein

Du den Schlaf, den langen,

[405]

Und ein matter, eis'ger Schein

Spielt um deine Wangen.

 

Und von den Atomen schon,

Die in Staub zerfallen,

Hör' ich einen leisen Ton

Durch die Stille hallen;

O zu dir nimm mich hinab

Aus dem Weltgedränge,

Daß mit deinem bald im Grab

Sich mein Staub vermenge!

An Elisabeth v. K.

In deiner Seele mildem Lichte

Ist mir der Frühling aufgeblüht;

Gereift sind meine ersten Früchte,

Allein von ihrem Strahl durchglüht.

 

Als, sich vom Staub empor zu ringen,

Mein Geist noch matt die Flügel schlug,

Liehst du ihm, Freundin, Kraft der Schwingen

Und sporntest ihn zu kühnem Flug.

 

Die Sehnsucht, die zu lichtern Räumen

Sich aufschwingt aus dem dunklen Hier,

Der Seele Rausch in hohen Träumen

Als Lebensmitgift gabst du mir.

 

Mit mir auf allen meinen Wegen

Zogst du als Schutzgeist ungesehn,

Und deiner Lippen milden Segen

Fühlt' ich um meine Stirne wehn.

 

[406]

Bei Nacht zu meinen Augenliden

Hat sich im Traum dein Bild gesenkt,

Bis es das Herz mit stillem Frieden

Zum Ueberfließen mir getränkt.

 

Für alles, was du mir gegeben,

Wo wär' ein Dank, der nicht zu klein?

Von einem vollen, ganzen Leben

Die Ernte dacht' ich dir zu weihn.

 

Nun, da du sankst zum frühen Grabe,

Am kalten Marmor hingekniet

Hab' ich für dich nicht andre Gabe

Als Thränen und dies arme Lied.

Macht der Liebe

Wie einen Stern, der im Versinken,

Seh' ich im Auge, gramumflort,

Nur matt noch deine Seele blinken,

Vom scharfen Todespfeil durchbohrt.

 

Ich kenn' ihn, ach! den Schmerz, den herben,

Wenn in dem Winterfrost der Welt

Das Herz erstarrt und vor dem Sterben

Das Leben schon in Trümmer fällt.

 

Und, wie einst vor den Tempelmauern,

Den Säulen, die auf Sunium

Um die verlornen Götter trauern,

Oft steh' ich vor dir, wehmutstumm.

 

Doch eine Macht ist, Weib, o glaub es,

Die aus Verzweiflungsqual den Geist,

Aus Tod und aus der Nacht des Staubes

Empor in alle Himmel reißt.

 

[407]

Durch Liebe steigt aus den Ruinen

Das Leben, das in Trümmern lag,

Und leuchtet, morgenglanzbeschienen,

Entgegen einem neuen Tag.

Am Strande

Am Strand, von Flocken Schaumes übertaut,

Lieg' ich gestreckt in duft'ges Heidekraut.

Ich schaue, wie die Flut in Grün und Gold

Und Purpur wechselnd mir zu Füßen rollt,

Und mir ans Ohr tönt in der Wogen Schwall

Geliebter Stimmen Widerhall.

 

Fern durch der schaumbekrönten Wellen Tanz,

Was schimmert weiß im Mittagssonnenglanz?

Ein Segel ist's; und noch ein andres blinkt,

Indes die Flut sich hebt und wieder sinkt.

Sie nahn! sie nahn! Die Fahrt geht küstenwärts!

Was klopfst du, ungestümes Herz?

 

Hoffnungen werden, die ich fast vergaß,

Von neuem wach; was ich vordem besaß,

Die Teuern all, die ich verlor, das Glück,

Die erste Liebe, kehren sie zurück? – –

Ach! in die Ferne schwinden, sichtbar kaum,

Die Segel hin am Himmelssaum.

An die Prinzessin E.

Du lächelst hold beim Morgengruße,

Als ob kein Gram auf Erden sei;

Hold lächelnd schwebst mit leichtem Fuße

Du abends mir im Tanz vorbei.

 

[408]

Und doch – die Schwermut ahnen alle,

Die hin durch deine Seele schleicht;

Denn früh den Schwamm voll bittrer Galle

Hat dir die arge Welt gereicht.

 

An Herzen, die verzweifelnd brachen,

Lag deines, bis zum Tod betrübt;

So viel die Menschen dir versprachen

Trug haben sie an dir verübt.

 

So laß die falsche Maske sinken

Und nimm den Festkranz aus dem Haar;

Mag sich das laute Leben schminken,

Die Einsamkeit ist ewig wahr.

 

Gleich gilt vor ihr des Armen Kammer,

Das prachtgeschmückte Fürstenhaus. –

Geh denn und weine deinen Jammer

Im dunklen Stübchen einsam aus.

Luftgebilde

Wo der Abend das Himmelsblau

Tränkt mit goldenem Sonnenlicht,

Seht der Wolken Kreisen und Wallen,

Wie sie Terrassen und ragende Hallen

Türmen, dann wieder der luftige Bau

In sich zusammenbricht!

 

Alpengipfel, leuchtend von Schnee,

Steigen empor und stürzen herab;

Wieder dann Türme mit funkelnden Spitzen,

Schlösser, die weithin im Spätrot blitzen;

Plötzlich zertrümmert sinkt alles jäh

Nieder ins Sonnengrab.

 

[409]

Hoffnungen, Träume von Liebe und Glück,

Die ihr die Seele gaukelnd umschwebt,

Gleich der Wolken bunten Gestalten,

Immer wechselnd, doch immer die alten,

Steigt ihr empor und sinkt zurück,

Bis man mit euch uns begräbt.

Die Schwäne

Die ihr vor mir, schöne Schwäne,

Auf der Wogen Flut euch wiegt,

Silbern schimmert eu'r Gefieder,

Doch in eurer Brust der Lieder

Süßer Quell, den der Hellene

Oft gepriesen, ist versiegt.

 

Einst am Strome des Kayster,

Wo die Sonne heller tagt

Und der göttlichen Geschwister

Tempel zwischen Myrten ragt,

Lieblich tönten eure Stimmen

Zu der Musen Saitenspiel,

Wenn des Frührots erstes Glimmen

Durch die Cedernwipfel fiel.

Hin mit Steigen und mit Schwellen

Glitt eu'r Hymnus auf den Wellen,

Sel'ge Lieblinge Apolls!

Horch! und an den Flußgestaden

Ringsum von der Oreaden

Lippen wie Gebethauch quoll's,

Und die Luft begann zu strahlen;

Hallend that sich auf das Thor,

Und auf goldenen Sandalen

Trat der schöne Gott hervor!

[410]

Nun verbannt, ihr Südbewohner,

Unter unser Wolkengrau,

Fern dem Lande der Joner

Und dem sel'gen Himmelsblau,

Ach! verlort ihr selbst die schöne

Mitgift der Natur, die Töne!

Um eu'r Teuerstes betrogen,

Wie so still ihr auf den Wogen,

Lautlos eure Kreise zieht!

Bei dem feuchten Nebelschauer

Ringt, zu lindern eure Trauer,

Sich aus eurer Brust kein Lied.

 

Selig ist, wem des Gesanges

Trost ein milder Gott verlieh!

Ob ihm Weh das Herz zerwühle,

Ob es juble – der Gefühle

Jedes wird ihm süßen Klanges

Auf dem Mund zur Melodie.

Aber wehe, wenn das schnöde

Schicksal ihm sein Bestes raubt!

In des Daseins Winteröde

Steht er mit gebeugtem Haupt;

Und die Freude, die wie stummer

Gram an seiner Seele nagt,

Gäb' er gerne für den Kummer,

Den er sonst im Lied geklagt!

Im Sturm

Wagt' ich mich von des Lebens Strand

Zu weit hinaus? In Dunkel schwand

Des Tages letzter Schimmer;

Nur hie und da hinunter gießt

Ein Blitz, der durch die Wolken schießt,

Sein zackiges Geflimmer.

 

[411]

Bis auf des Meeres schwarzen Grund

Hinab reißt uns der Wogenschlund;

Dann wieder auf den Wellen

Wirft himmelwärts der Sturm das Schiff;

Ein Stoß nur, und am Felsenriff

Des Kaps muß es zerschellen.

 

Auch du, zu dem als Kind empor

An meines Vaterhauses Thor

Ich schon in Andacht schaute,

Verhüllst du dich in Finsternis,

O Stern, auf den ich siegsgewiß

Des Lebens Hoffnung baute?

 

Du hörtest meinen Seelenschwur,

Daß nicht auf Erden meine Spur

Im Wind verwehen solle,

Und gabst mir Mut auf meinem Gang

Und Kraft, wenn ich empor mich rang

Vom Staub der niedern Scholle.

 

Strahl auf! Ich fände Ruhe nicht

Dort unten, wenn ich Luft und Licht

Zu früh verlassen müßte!

Noch ist mein Tagwerk nicht vollbracht;

O führ zurück durch Sturm und Nacht

Mich an des Lebens Küste!

Herbstwonne

Leuchtende Oktobertage,

Deren Hauch den Wald durchzieht,

Holder tönt mir eure Klage

Als des Frühlings frohstes Lied!

 

[412]

Lose an den Wipfeln hangend,

Trennen in dem milden West,

Gelb und rot und golden prangend,

Sich die Blätter vom Geäst.

 

Alle, alle endlich müssen

Fallen; die der Wind nicht brach,

Vor der Sonne warmen Küssen

Sinken sie den andern nach.

 

Und die wilden Rosen senken,

Während sie mit heißem Duft

Einmal noch die Lüfte tränken,

Blatt auf Blatt sich in die Gruft.

 

Seit der Osten rot erglühte,

Bis zur Zeit des Abendwehns

Schwelg' ich hier mit Laub und Blüte

In der Wonne des Vergehns.

Die Ahnenbilder

Aus dem altergrauen Rahmen

Blickt ihr fremd auf mich herab,

Und ins Aug' euch mit Vertrauen

Wie ein Sohn nicht kann ich schauen;

Nichts mit euch ja als den Namen

Teil' ich und dereinst das Grab.

 

Still am väterlichen Herde,

An die Scholle festgebannt,

Lebtet ihr im Kreis, dem engen,

Kanntet nicht das wilde Drängen,

Das mich über diese Erde

Ruhlos trieb von Land zu Land;

 

[413]

Nicht der Nächte bleiche Qualen,

Wenn der Geist in Fieberhast

Sucht ein Traumbild zu erreichen,

Doch es weichen sieht und weichen,

Bis es in des Morgens Strahlen

Wie ein Meteor erblaßt.

 

Ob des Enkels Thun und Trachten

Schütteln seh' ich euch das Haupt;

Früh schon hat es ihn inmitten

Der Verwandten nicht gelitten;

Nicht gedacht, so wie sie dachten,

Hat er, noch wie sie geglaubt.

 

Wert der Mühn schien ihm nur eines –

Durch ein Werk, von ihm vollbracht,

In der Menschen Angedenken

Seinen Namen einzusenken,

Daß er fernhin lichten Scheines

Strahle durch der Zeiten Nacht.

 

Alpengipfel, nie erstiegen,

Lockten ihn zu sich empor;

Doch, kaum daß er sie erklommen,

Höher, morgenlichtumglommen,

Sah er andre Firnen liegen,

Und ein Abgrund war davor.

 

Aus des Abends fernsten Meeren,

Von des Ostens Purpursaum,

Dacht' er heim den Schatz zu bringen;

Doch vergebens war sein Ringen,

Und, im Auge heiße Zähren,

Sagt er sich: Es war ein Traum.

 

Bald den Särgen seiner Väter

Wird nun seiner eingereiht,

[414]

Und, wie in der Jahre Rollen

Eure Namen längst verschollen,

Nur um ein'ge Tage später

Deckt auch ihn Vergessenheit.

Morgentraum

Wenn müde von nächtlichem Wachen

Die Wimper mir sinkt beim Morgenrot,

So freundlich in deinem Nachen

Wiegst du mich, Schlummer, holder Pilot!

 

Empor aus der Tiefe leise

Wallt es zum Ohr mir wie Feengesang,

Und um mich tönende Kreise

Schlagen die Wellen bei jedem Klang.

 

Mit Duft von Blüten beladen,

Die nicht von dieser Erde sind,

Her weht von fernen Gestaden

Mir um die Stirn ein säuselnder Wind.

 

Und vor mir die Sonnenpalme,

Die aus den Wogen auf Felsen ragt,

Grüßt rauschend im Morgenpsalme

Das Licht, wie es höher und höher tagt.

 

Hinein! In das himmlische Feuer

Führe hinein mich, trauter Pilot,

Und erzittert die Hand dir am Steuer,

So lenk es dein Zwillingsbruder, der Tod!

[415] Weihe des Schmerzes

Schon meinen Spielgenossen hieß ich Träumer;

Denn wie ein Bruder engverwandt von je,

Fühlt' ich, o Schmerz, du tiefer, allgeheimer,

Mich dir und deinem dunklen Weh.

 

Wenn lachend über mir des Lebens blauer

Lichthimmel hängt, mich Scherz und Lust umhallt,

Doch stets zu dir in deine ernste Trauer

Zurückgezogen werd' ich bald.

 

In mich mit langen, durst'gen Zügen sauge

Ich deinen Odem, während so vertraut,

Und wie aus Weltalltiefen doch, dein Auge,

Das große, dunkel auf mich schaut.

 

Da fühl' ich: aus dem düstern Reich dort unten

Nur kommt die Weihe in des Menschen Brust,

Und matt und schal erscheint mit ihren bunten

Trugbildern mir der Erde Lust.

Im Garten zu B.

Daß ich so euch, all ihr trauten

Plätze, wiederfinden muß!

Wohl noch mit bekannten Lauten

Murmelt der geschwätz'ge Fluß,

Wohl die Knospen bricht der Flieder

Wie in jenem sel'gen Jahr, –

Doch nie Frühling wird es wieder,

Wie es damals Frühling war.

 

Nie mehr aus dem Grün der Linden

Lacht und duftet so der Mai;

[416]

Nie wie damals in den Winden

Hallt des Kuckucks froher Schrei;

Nie so an den Bergeshängen

Flammt der Fichtensprossen Rot;

Hier in allen Laubengängen

Hingeschritten ist der Tod.

 

Derer, die mir teuer waren,

Keinen findet mehr mein Blick;

Mit gehäuftem Gram von Jahren

Kehr' ich noch allein zurück,

Und rings, wie mit Geisterzungen,

Aus dem Laub, dem Wasserfall,

Tönt von Stimmen, lang verklungen,

An mein Ohr der Widerhall.

 

Auf den Rasen, die verwildern,

Sucht mein Auge thränenschwer

Nach der Götter Marmorbildern,

Welche einst, olympisch-hehr,

Von den Piedestalen schauten;

Nun von Nesseln überdeckt

Liegen sie und wilden Rauten,

Auf den Boden hingestreckt.

 

Oft, halb hoffend und halb zage,

Wenn des Morgens Rot sich zeigt,

Denk' ich, daß der alten Tage

Einer neu im Osten steigt;

Hoch und höher schwingt der reine

Glanz am Himmel sich empor;

Aber bald mit blassem Scheine

Stirbt er hin in Nebelflor.

 

Und erschreckt, wohin ich schreite,

Fahr' ich auf bei jedem Tritt;

[417]

Schatten schleichen mir zur Seite

Durch die Gartengänge mit,

Sitzen bei mir auf den Bänken,

Flüstern Worte mir ins Ohr – –

O hinweg! Ich mag's nicht denken,

Was ich hatt' und nun verlor!

Das Waldthal

Wie süß in dir, o Waldeseinsamkeit,

Mein Thal, wo durch die grünen Blätterwogen

Der Menschheit bange Sorgen nie gezogen,

Hab' ich verträumt die Sommerzeit!

 

Der Schleier war von der Natur, der Bann,

Der sie von mir getrennt, hinweggenommen,

So freundlich blickte sie mich mit den frommen,

Den seelenvollen Augen an.

 

Was tiefgeheim in ihrem Innern lag,

Ließ sie mich lesen in den trauten Zügen

Und lehrte mich in Menschenlaute fügen,