Ferdinand Raimund: Der Diamant des Geisterkönigs

Cover

[66] Personen.

Longimanus, Geisterkönig.

 

Pamphilius, sein erster Kammerdiener.

 

Fee Aprikosa.

 

Fee Amarillis.

 

Erster Zauberer.

 

Zweiter Zauberer.

 

Ein Feuergeist.

 

Erste Drude.

 

Zweite Drude.

 

Der Winter.

 

Der Sommer.

 

Der Herbst.

 

Der Frühling.

 

Die Hoffnung.

 

Kolibri, ein Genius.

 

Koliphonius, ein böser Genius, Wächter des Zaubergartens.

 

Die Stimme des singenden Baumes.

 

Zephises, ein Magier, als Geist.

 

Eduard, sein Sohn.

 

Florian Waschblau, sein Diener.

 

Mariandl, Köchin.

 

Ein Nachbar von Eduard.

 

Veritatius, Beherrscher der Insel der Wahrheit.

 

Modestina, seine Tochter.

 

Aladin, sein erster Höfling.

 

Amine, eine Engländerin.

 

Osillis,

Amazilli,

Bitta,

Lira, vier verschleierte Mädchen.

 

Ein Herold.

 

Zauberer. Feen. Luftgeister. Feuergeister. Genien. Gefolge des Geisterkönigs. Verwünschte im Zaubergarten. Eduards Nachbarn. Inselbewohner. Zwei Diener des Herolds. Zwei Mohren. Wache.

 

[67]

1. Akt

Erster Auftritt

Vorhalle im Palaste des Geisterkönigs. Zauberer. Feen. Geister. Einige mit Bittschriften. Ein Feuergeist.

 

CHOR.

Sollen wir noch lange harren?

Bald verläßt uns die Geduld!

Sind wir Geister seine Narren?

Unverzeihlich ist die Schuld.

FEE APRIKOSA.

Welche Beleidigung, Damen so lange warten zu lassen, als wären sie seine Domestiken!

ALLE.

Das ist unerhört!

ERSTER ZAUBERER.

Ich frage, wie kann man ein Geisterkönig sein und so lange schlafen?

ZWEITER ZAUBERER.

Und ich frage, wie kann man vernünftig sein und so unvernünftig reden? Geisterkönig ist er, er muß für uns alle wachen, folglich muß er auch für uns alle schlafen.

ERSTER ZAUBERER.

Seine Pflicht heischt aber, unsere Bitten zu hören.

FEE AMARILLIS.

Und er kümmert sich gar nicht um uns, spart seine Gunst nur für die Menschen auf.

ERSTER ZAUBERER.

Er hat schon ungeheure Schätze der Luft entzogen und sie der Erde zugewendet.

ZWEITER ZAUBERER.

Sehen Sie, darum bauen sich die Leute jetzt so viele Luftschlösser. Wenn nicht das Sterben bei ihnen noch Mode wäre, so gings dem Volk besser als uns.

FEE APRIKOSA.

Was wollen Sie denn? Er hat ja erst gestern einen Menschen, den er auf der Erde kennengelernt hat, [68] unter die Geister aufgenommen, weil ihn bei dem letzten Wetter der Blitz erschlagen hat.

ERSTER ZAUBERER.

Ja richtig, er heißt Zephises, war Taschenspieler und soll noch dazu ein blitzdummer Kerl sein.

ZWEITER ZAUBERER.

Sehr natürlich! Dumm war er so schon, der Blitz hat ihn auch getroffen, also ist er blitzdumm.

FEE AMARILLIS.

Der Zauberkönig verschwendet zu viel.

FEE APRIKOSA.

Und richtet er nicht das ganze Reich nach der Erde ein? Wir werden noch alle Moden von Paris und Wien herauf bekommen.

FEE AMARILLIS.

Ja, wenn nur an seinem Zauberhofe noch französisch gesprochen würde, das wäre doch nobel, aber seit er in Wien war, spricht er wienerisch, und wir sollen es nachmachen.

ZWEITER ZAUBERER.

Ich habs schon nachgemacht.

FEE AMARILLIS.

Schämen Sie sich, wenn man das im Auslande erfährt. Das wird entsetzlich werden.

ERSTER ZAUBERER UND FEE APRIKOSA.

Ja, unerhört!

ZWEITER ZAUBERER.

Ich weiß, es kommt ein Krieg aus bloß wegen dem. Aber wissen Sie, er denkt halt so, und so sollen manche denken: besser schön lokal reden als schlecht hochdeutsch.

FEE APRIKOSA.

Kurz, die Menschen haben ihn ganz verdorben, er ist nicht mehr zu kennen.

ERSTER ZAUBERER.

Er läßt sie ja scharenweise zu sich heraufkommen und gewährt ihnen ihre Bitten.

ALLE.

Wahr ists!

FEUERGEIST ganz rot gekleidet, rotes Gesicht und rote Hände, er hat die ganze Szene behorcht.

Potz Pech und Schwefel, das ist zu viel! Ich bin ein Feuergeist, Oberfeuerwerker und Kanonier des Zauberkönigs! Wer kann sagen, daß seit drei Jahren eine menschliche Seele in seinen Palast gekommen ist? Bin ich nicht auf seine Kosten nach Neapel gereist, um den Vesuv aufzunehmen und einen ähnlichen über seinen Palast zu bauen? Ist das nicht geschehen? Potz Blausäure und Vitriolöl!

[69]

FEE APRIKOSA.

Und warum ist es geschehen? Damit wir ihn nicht so oft belästigen und mit unsern Wolkenwagen jetzt durch den Krater fahren müssen wie die Hexen durch den Rauchfang.

FEUERGEIST.

Nein, potz Pech und Schwefel! damit er von der Menschheit Ruhe bekommt, die sein Vertrauen gemißbraucht und sich durch verschiedene magische Künste in sein Reich filoutiert hat, um ihn mit Betteleien zu belästigen.

ZWEITER ZAUBERER.

Ja, ja, so ist der Kaffee.

ERSTER ZAUBERER.

Ei was, das müssen Sie Narren weismachen –

FEUERGEIST.

Aber ins Teuxels Namen, das tu ich ja. Und wers nicht glauben will, den sollen alle Congreveschen Raketen –

ZWEITER ZAUBERER gleich einfallend.

Nu, nu, mein Herr Feuergeist und Oberkanonier, moderieren Sie sich nur! Sie zünden ja sonst den Palast an mit Ihren Raketen.

ALLE.

Werft ihn hinaus. Hinaus mit ihm!

FEUERGEIST.

Was? einen Feuergeist hinauswerfen?

ZWEITER ZAUBERER.

Da haben wir schon andere hinausgeworfen.

FEUERGEIST.

Beim Brand von Moskau, das ist zu viel – Mit geballter Faust. Wer mir in die Nähe kommt, dem werf ich eine Leuchtkugel an den Kopf, daß ihm das bengalische Feuer aus den Augen spritzen soll –

 

Zweiter Auftritt

Pamphilius. Vorige.

 

PAMPHILIUS im abgemessenen Tone, ganz, als Höfling des Zauberfürsten, tritt mitten ein.

He, he! Was ist denn das? Sie halten ja ein völliges Stiergefecht im Vorgemach des Zauberkönigs.

ERSTER ZAUBERER voll Freundlichkeit.

Ah, unser lieber Pamphilius!

ALLE WEIBER.

Unser schöner Pamphilius. Schmeicheln ihm.

[70]

ZWEITER ZAUBERER.

Grüß Sie der Himmel, Herr von Pamphilius! Drängt die Weiber weg und umarmt ihn.

PAMPHILIUS.

Ich komme, Ihnen zu melden, daß der Beherrscher seine vierundzwanzigstündige Ruhe beendiget hat und sich alsobald mit unglaublicher Schnelligkeit aus dem Bette begeben wird.

ERSTER ZAUBERER.

Ah scharmant!

BEIDE FEEN.

Der liebenswürdige Herr –

ZWEITER ZAUBERER.

O fidelibus! fidelibus!

FEUERGEIST.

Jetzt reißt mir die Geduld. Herr Pamphilius! potz Pech und Schwefel, ich bin ein treuer Diener des Zauberkönigs, ich kann nicht schweigen.

PAMPHILIUS.

Was haben Sie denn für einen Lärmen, Herr Oberfeuerwerker?

FEUERGEIST.

I potz Pech und Schwefel –

PAMPHILIUS.

Bleiben Sie mir nur mit Ihrem Pech vom Leibe, ich picke schon am ganzen Körper.

ZWEITER ZAUBERER.

Er muß glauben, wir sind Schuster.

FEUERGEIST.

Nun! so hören Sie ohne Pech und Schwefel, daß diese ehrsame Versammlung ein schlechtes Gesindel ist, das über den Geisterfürsten schimpft und ihm vorwirft, daß er alles den Menschen anhängt.

ALLE.

Das ist nicht wahr.

FEUERGEIST.

Was? Ich schwörs bei allen Zündmaschinen von England –

PAMPHILIUS.

Und ich bei allen Löschmaschinen von Frankreich, wenn Er Sein unsinniges Feuer nicht moderiert, laß ich Ihn so durchwässern, daß Er an mich denken soll. Hinaus mit ihm!

ALLE.

Hinaus mit Ihm!

FEUERGEIST.

Ich gehe! Aber beim griechischen Feuer des Cardanus, das meld ich dem Zauberkönig. Potz Feuerzeug und Zunderbüchsen! Schwefelgeist und Salmiak! Geht ab.

 

[71] Dritter Auftritt

Vorige ohne Feuergeist.

 

PAMPHILIUS.

Reden Sie einer nach dem andern! Was hats gegeben?

ERSTER ZAUBERER.

Gepriesener Pamphilius, Sie sind nun schon eine lange Zeit in den Diensten des Geisterkönigs.

PAMPHILIUS.

Auf Martini wirds zweitausend Jahr.

ERSTER ZAUBERER.

Haben Sie nicht selbst bemerkt, daß er Menschen mit Wohltaten überhäuft, die sie mißbrauchen und ihm mit Undank lohnen? Und uns versagt er so vieles.

PAMPHILIUS.

Da haben Sie recht.

ZWEITER ZAUBERER.

Ja, und wärs nicht besser, wenn er sich von uns infam undankbar lohnen ließ' als von andern?

ERSTER ZAUBERER.

Schweigen Sie.

ZWEITER ZAUBERER.

Ich kann meine Meinung sagen, ich war auch einmal ein starker Geist, jetzt bin ich halt ausgeraucht.

FEE APRIKOSA.

An allem ist die Fee Diskantine schuld, ihre schöne Stimme hat ihn bezaubert.

PAMPHILIUS.

Also das ist die einzige Klage gegen den Zauberkönig? Nun, da muß ich Ihnen schon aus dem Traume helfen. Es ist war, Diskantine hat durch ihren Gesang vieles für die Menschen von ihm erwirkt, da sie aber mit ihrer Protektion auf lauter Unwürdige stieß, ist er darüber so erzürnt, daß er sie auf die Spitze eines Berges verbannt und dort in einen Baum verwandelt hat.

ZWEITER ZAUBERER.

Was Sie sagen!

PAMPHILIUS.

Weil ihn aber ihre herrliche Stimme oft so entzückte, so wollte er ihr dieselbe auch als Baum nicht entreißen.

ERSTER ZAUBERER.

Also singt dieser Baum?

PAMPHILIUS.

Alles vom Blatt. Doch hat er den Ausspruch getan, daß von dem Augenblicke an kein Sterblicher sich seinem Palaste nähern dürfe, ehe er nicht diesen Berg, ohne sich umzusehen, erstiegen und einen Zweig von dem singenden Baume abgebrochen hat.

[72]

FEE AMARILLIS.

Und was nützt dieser Zweig?

PAMPHILIUS.

Er schützt vor allen Gefahren und geleitet sicher in sein Reich.

ZWEITER ZAUBERER.

Wollen Sie mir nicht sagen, mein Scharmantester, wenn sich einer umschaut, was ihm geschieht?

PAMPHILIUS.

Sogleich, mein Stupidester – Er wird entweder in ein Tier oder in eine Blume verwandelt. Der böse Genius Koliphonius ist dort angestellt mit zweitausend Rubel jährlich, damit er durch einen listigen Hokuspokus die Leute zum Umschauen bringt – gelingt es ihm, so sind sie in seiner Macht, und dann läßt er sie auch nicht mehr aus. Er hat in der kurzen Zeit schon einen prächtigen Tiergarten beisammen. Und nun? was sagen Sie jetzt von dem Zauberkönig, ist er in Ihren Augen gerechtfertigt?

ALLE.

Hoch lebe der Zauberkönig!

PAMPHILIUS.

Also folgen Sie mir, ich will Sie melden.

CHOR.

Wie uns die Freude glühend belebt,

Wie sich die Hoffnung mächtig erhebt,

Schnelle Gewährung wird unser Lohn,

Bringen die Bitten wir vor den Thron.

Jauchzet den König aus seiner Ruh,

Ewiges Vivat töne ihm zu.

 

Alle gehen ab.

 

Vierter Auftritt

Zauberkabinett. Longimanus liegt in einer idealen Bettstätte, reich verziert, in welche statt dem Bettgewande Wolken eingebettet sind. Genien sind beschäftiget, seine Kleider zu ordnen, ein Waschbecken herzurichten, dann bleiben sie in horchender Gruppe stehen, sein Erwachen abzuwarten. Longimanus regt sich, die Genien entfliehen, die Musik endet.

 

LONGIMANUS im Schlafrock mit goldenen Zaubercharakteren, wirft die Tuchet von Wolken von sich, setzt sich im Bette auf und gähnt.

Ach ja! Wie viel Uhr ists denn schon? Sieht auf eine Stockuhr, welche neben seinem Bette auf einem goldnen Tischgen steht. Siehst dus, [73] Läutet.